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120 Pfade durch Japan

120-Kurzgeschichten Challenge
von

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Chanoyu

Ich ersehnte diesen Tag schon lange mit stillem Erwarten. Es dauerte sicher nicht mehr lange bis meine Frau Mutter mich in meinem Zimmer aufsuchte, um mir meinen eleganten Iromuji* anzulegen. Ein Gewand welches für einen feierlichen Anlass angemessen war.

Vor etwa einer Woche erhielt mein Herr Vater den Brief eines alten Samuraiherren, dessen Familie am anderen Ende der Stadt lebte. Ich wusste nicht viel über ihn oder seine näheren Verwandten, die unter seinem Dach lebten, aber sein Ruf reichte aus um zu wissen, dass er wohl eine recht hohe Stellung und großes Ansehen inne hatte. Mein Herr Vater hatte nach zwei Tagen mit einem Brief geantwortet und stattete unserem Gastgeber einen kleinen Vorbesuch ab um seine Dankbarkeit auszudrücken. So erfuhren meine Frau Mutter und ich, dass unser Gastgeber einen erwachsenen Sohn hatte, der ebenfalls die Ausbildung eines Samurai abgeschlossen hatte.

Ich nahm mit kühlem, beinahe gleichgültigem Interesse zur Kenntnis, dass unsere ganze Familie, die noch unter meines Herrn Vaters Dach lebte zum Tee eingeladen war. Innerlich aber hatte mein Herz einen großen Sprung gemacht und Aufregung und Spannung breitete sich in mir aus. Aber es zeichnete ein wohlerzogenes Mädchen, mit niedrigem Rang und Namen aus, überschwängliche Freude zu verbergen und sich diszipliniert zu geben.

Meine Familie war nicht reich, aber wir konnten uns auch nicht arm nennen. Es reichte zum Leben, so dass wir auch im Winter keine Hungersnot leiden mussten. Mein Herr Vater war kein Samurai, er war Waffenschmied. Aus diesem Grund war auch er überrascht von solch einem vornehmen Herrn eine Einladung zum Tee bekommen zu haben.

Die Fusuma* wurde mit einem leisen Geräusch zur Seite geschoben. Meine Frau Mutter fand mich am Boden auf einem kleinen roten Seidenkissen sitzend, während ich noch mal mein langes Haar kämmte. Ich drehte mich zu ihr um und erkannte ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Mit einem leisen: „Lass mich das machen.“ Setzte sie sich zu mir und nahm mir den Kamm aus der Hand um ihn länger als es nötig war durch mein Haar gleiten zu lassen.

„Haha-ue*, habt Ihr eine Idee warum wir eingeladen wurden?“, wollte ich neugierig wissen. Meine Frau Mutter antwortete nicht sofort. Sie gab einen nachdenklichen Laut von sich, so als ob sie ihre Worte drei Mal überdachte bevor sie sich vorsichtig formulierte: „Ich denke ganz einfach, dass dein Vater sich durch seine Arbeiten ausgezeichnet hat und Suzuki-san deshalb sein Wohlwollen ausdrücken wollte. Komm, steh auf, ich helfe dir mit deinem Kimono.“

Bei nur wenigen Anlässen hatte ich diesen schönen, in der Sonne leicht glänzenden, fliederfarbenen Kimono an. Es bereitete mir Freude ihn zu tragen, denn immer wenn die Lichtstrahlen auf ihn herab schienen, konnte man das mit Seidenfäden eingestickte Schmetterlingsmuster deutlicher erkennen. Der Obi war silbern und schimmerte ebenfalls ein wenig sobald die Sonne ihn berührte. Die Haare hatte meine Frau Mutter mir mit einer kleinen Spange, welche die Form einer weißen Lilie hatte hochgesteckt. Nachdem mir bei meinen Sachen geholfen wurde, begab ich mich zu meinem Herrn Vater in das Zimmer, in dem wir sonst immer die Mahlzeiten zu uns nahmen, und setzte mich zu ihm um auf meine Frau Mutter zu warten. Mein Herr Vater trug einen dunklen, eher schlichten Kimono und einen silbergrauen Hakama, welche entsprach seinem direkten Charakter.

„Du siehst sehr hübsch aus, heute, Saori“, bemerkte er, als ich mich zu ihm gesetzt hatte und meine Hände still in den Schoß legte. Innerlich freute ich mich überaus dieses Kompliment bekommen zu haben, denn mein Herr Vater ging sparsam mit solchen um. Ich erwiderte mit nichts weiter als einem stummen Lächeln, welches meiner Freude Ausdruck verleihen sollte. Gemeinsam warteten wir nur noch auf meine Frau Mutter.
 

Wir waren in der Residenz Suzuki am Rande der Stadt geladen. Den Weg legten wir in einem kleinen Wagen, gezogen von einem kräftigen, kleinen Pferd, zurück. Als ich das Haus von weitem sah, war ich schon überrascht. Es war ein viel größeres Anwesen, als unseres. Das Haus war von dunklem Holz und machte einen edlen Eindruck auf mich. Sicher gab es mehr als fünf Zimmer, so groß wie mir alles erschien. Vermutlich hatte mein Herr Vater den Eindruck in meinen Augen bemerkt, denn er erklärte mir, dass das Haus noch nicht alles war, dass es zu bestaunen gab. Der Garten, der uns zum Teehaus führen sollte, war ebenfalls sehr weitläufig und von unsagbarer Schönheit. Ich konnte meine Neugier und das Erwarten in mir kaum noch verbergen.

Was war Suzuki-san wohl für ein Mensch? Ob er so war, wie die Samurai, die ich bisher kennen gelernt hatte? So wie die jungen Männer, die vor ihren Häusern die Kampfkünste erlernten? Die großen, starken Krieger die gut wussten, wie man eine Klinge führte und mit dem Bogen umging.

Ich verspürte ein deutliches, starkes Kribbeln in meiner Bauchgegend, welches sich gleich meiner Beine bemächtigen wollte damit ich jede Manier bei Seite legte um endlich zu unserem Gastgeber zu gelangen. Doch ich zwang mich noch weitere zehn Minuten still im Wagen zu sitzen, bis meine Frau Mutter mir heraus half.

Eine junge Frau, ich nahm an, dass sie die Schwester des Hausherren war, kam langsam aus dem Haus geschritten und verbeugte sich vor uns. Mit einem reservierten Lächeln, einer tiefen Verbeugung und freundlichen Worten begrüßte sie uns und führte uns in den Garten. Mein Herr Vater, der vor kurzem schon einmal hier war, hatte mir nicht zu viel versprochen. Der Garten war mit Sicherheit mindestens drei Mal so groß wie unserer. Ein kleiner See in dem Seerosen wuchsen und, wie die freundliche junge Frau uns erklärte, auch eine Vielzahl Koi gehalten wurden, befand sich in einem der schattigen Plätze. Auch die Steine und Blumen erschienen mir mit Sorgfalt und bedacht ausgewählt worden zu sein. Besonders die Hortensien in voller Blüte berührten mich auf eine seltsame Weise. Ihre blauen, rosa und weißen Blütenblätter machten einen zarten, zerbrechlichen Eindruck. Nicht eine welke Blüte war an den hochgewachsenen Büschen zu sehen.

Ich folgte schweigend meinen Eltern und der jungen Dame, die uns letztendlich in den Omachiai führte, einem weißen, offenen Pavillon. Sie verbeugte sich erneut vor uns: „Ich bitte Euch einen Augenblick zu warten. Mein Onkel wird in wenigen Momenten bei Euch sein.“

Mein Herr Vater nickte mit einem kleinen Dank und so entfernte sich die Nichte des Gastgebers um den Hausherren zu holen. Es dauerte keine Minute bevor er bei uns war. Ein stattlicher, kräftiger Mann mittleren Alters, der in Begleitung seiner Frau, sowie eines weiteren jungen Mannes war, standen nun vor uns. Er war wie mein eigener Herr Vater in einen dunklen Kimono gekleidet, doch das Familienwappen befand sich sowohl auf den Ärmeln als auch auf der Rückenpartie des Gewandes. Ich tat es meinen Eltern gleich und verbeugte mich sehr tief vor dem gesellschaftlich sehr viel höher stehenden Mann und seinen Angehörigen. Ich betrachtete den jüngeren Mann mit leichter Neugier. Sicher konnte man es mir von den Augen ablesen, denn nach der Kurzen Vorstellung seiner Frau, stellte Suzuki-san uns auch den jüngeren Herrn vor: „Dies ist mein Sohn. Sein Name ist Katsuhito und wird eines Tages in meine Fußstapfen treten.“

Ich betrachtete den Sohn unseres Gastgebers genau. Er war ohne Zweifel etwas älter als ich, wenn auch noch nicht so alt, dass uns Welten von Erfahrung voneinander trennten. Sein Haar war lang und schwarz. Er trug es offen über die Schultern, so als ob er der Situation einen informellen Hauch verleihen wollte. Katsuhito-sans Augen strahlten Stärke aus, wie die Gestalt seines Vaters, und dennoch bargen seine tiefbraunen Augen ein warmes Feuer in sich. Er machte auf den ersten Blick einen sanftmütigen Eindruck, wirklich beurteilen konnte ich es noch nicht. Seine Augen jedoch fingen meine ein, wobei ich erst nach vielen Sekunden bemerkte, dass wir festen Blickkontakt pflegten. Die Stimme meines Herrn Vaters weckte mich bald wieder aus dem plötzlich aufgetretenen Tagtraum hervor: „Saori, setze dich.“

„Ja, Chichi-ue*“, entgegnete ich in Verlegenheit gebracht und setzte mich ein wenig zu hastig auf den Platz zwischen meinem Herrn Vater und meiner Frau Mutter, worauf uns allen ein leichter Begrüßungstee gereicht wurde. Sofort nahm ich einen kleinen Schluck des grünen Tees und ich spürte gleich darauf wie meine Fassung wieder zu mir zurückkehrte. Der Geschmack des Tees war mild und hatte etwas beruhigendes, so als wäre ich bereits wieder zu Hause. So machte ich mir keine Sorgen mehr, ob jemand meine Neugier bemerkt hatte. Wieder glitten meine Augen zu Suzuki-sans Sohn, der seinem Vater zur Hand ging, während wir unseren Tee sachte leerten. Ich konnte meinen Herrn Vater und meine Frau Mutter darüber sprechen hören, so wie es sich gehörte, wie schön die Teeschalen und wie fein und künstlerisch die Dekoration des Pavillons und des Gartens war. Ich selbst hatte an diesem Moment kein Augenmerk für solche Dinge. Ich interessierte mich zu meinem Leidwesen mehr für die Familie, bei der wir zu Gast waren. Am meisten für Katsuhito-san, der das Steinbecken welches vor uns platziert war, mit klarem, kühlen Wasser füllte. Ich beobachtete die beiden Männer genau, wie sich sorgfältig vor uns Hände und Mund wuschen. Als der Schöpflöffel wieder zurück in das Becken gelegt worden war, taten mein Vater und meine Mutter es ihnen gleich. Zuletzt reinigte ich selbst Hände und Mund in dem ich mit wohlbedachten Bewegungen die Kelle von der linken in die rechte Hand übergleiten ließ um meine zweite Hand mit dem wunderbar erfrischenden Nass abzuspülen. Ein wenig Wasser fing ich in meiner Hand auf um es an die Lippen zu führen. Ich war vertieft in diesen Akt. Erst als ich die Augen wieder nach vorn richtete, bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit von dem jungen Katsuhito-san beobachtet worden war und wieder konnte ich einen leichten Rotschimmer auf meinen Wangen nicht verbergen. Ich unterbrach den erneut entstandenen Blickkontakt ohne etwas zu sagen.
 

Kurz darauf bat uns Suzuki-san ihm zu folgen um in das Teehaus zu gelangen. Das ersparte mir, etwas zu sagen und ich erhob mich nachdem es meine Eltern getan hatten. Der Gartenpfad zum Teehaus war nur wenige Meter lang und führte in geschwungener Linie zum eigentlichen Ort der Zeremonie. Wir verhielten uns schweigend und bedacht darauf uns vom Alltag zu lösen, was mir wohl am meisten schwer fiel, immerhin war ich darauf konzentriert eine gute Haltung zu zeigen um meinem Herrn Vater keine Schande zu bereiten. Auch mein wie wild schlagendes Herz machte es mir nicht viel einfacher und so versuchte ich viel mehr auf den Boden zu starren als die Blütenpracht der Pflanzen auf mich wirken zu lassen.

Ich wurde erst wieder aufmerksam, als wir durch den knapp ein Meter hohen Eingang treten sollten. Wie alle anderen war ich dazu gezwungen auf Knien hinein zu kriechen. Ich fühlte mich gleich darauf viel entspannter, denn sobald man den Eingang zum Teehaus in Demut und Respekt durchschritten hatte, wurden auch alle gesellschaftlichen Unterschiede abgelegt. Hier, in diesen vier Wänden waren wir alle gleich.

Wieder nahm ich zwischen meiner Frau Mutter und meinem Herrn Vater Platz. Ich befürchtete man konnte es mir ansehen, dass ich zunehmend ruhiger geworden war und nur noch ein zufriedenes Lächeln zeigte. Ich wollte auf keinen Fall den Eindruck machen als empfände ich den Garten, das Anwesen oder die Mitglieder der Familie in irgendeiner Weise abstoßend oder unbehaglich. In erster Linie galt meine Unsicherheit mir selbst, da es kaum vor kam, dass es mir nicht gelang, meine Haltung zu bewahren.

„Bitte bedient Euch“, hörte ich den Gastgeber sagen und es wurden uns gleich darauf von seiner Nichte leichte Speisen und Getränke serviert. Während mein Herr Vater sich mit etwas Sake bediente, begnügte ich mich mit ein wenig Wasser und nahm Miso Suppe, sowie gegrillten Fisch zu mir. Ich aß eine Weile ruhig, ohne etwas zu sagen, rang mich dann aber doch zu einer Frage durch, obwohl ich befürchtete von meiner Frau Mutter auf dem Heimweg getadelt zu werden: „Bitte, dürfte ich eine Frage an Euch richten?“

Suzuki-san gewährte es mir mit einem seichten Nicken mit dem Kopf, er war so groß und ehrwürdig, dass ich mich beinahe nicht mehr traute meine Frage zu formulieren: „Euer Fräulein Nichte haust in Eurer Residenz. Gibt es dafür einen besonderen Anlass?“ Ich konnte genau die scharfen Blicke meines Herrn Vaters in meinem Nacken spüren, die mich streng zur Diskretion auffordern wollten. Zumindest dachte ich, sie zu spüren, jedoch kam weder eine Anspielung seitens unseres Gastgebers, noch von meiner Frau Mutter, so dass ich eine sofortige Antwort bekam: „Die Wahrheit ist, dass die Eltern meiner Nichte schon vorzeitig ihr Leben lassen mussten. Ihr Vater, mein Bruder, starb ehrenhaft in einer Schlacht und seine treue Frau folgte ihm nur zwei Winter später aus Kummer um ihn.“

Ich senkte meinen Blick auf den Boden. Es war mir unangenehm so etwas zu hören. Vor allem weil eine Teezeremonie doch ein glücklicher Anlass war. Suzuki-sans Stimme drang allerdings ein weiteres Mal an mein Ohr: „Aber grämen Sie sich nicht, junges Fräulein. Die Ereignisse liegen schon viele Jahre zurück und meine Nichte ist stolz auf das was ihr Vater vollbracht hat.“

Ich nickte stumm. Mit Ehre im Kampf zu sterben machte die Familie stolz. So war das Leben eines echten Samurai... es war von der Ehre bestimmt.

Mein Herr Vater sprach als nächstes: „Euer Sohn wird eines Tages Euer Erbe übernehmen, nicht wahr? Hat er denn seine Ausbildung bereits abgeschlossen?“

„Oh ja. Katsuhito hat seinen Lehrmeister vor fünf Jahren verlassen und dient unter unserem Daimyou*. Haben Sie weitere Kinder, Harada-san?“, wollte unser Gastgeber wissen und ich lauschte schweigend dem Bericht über meine beiden älteren Brüder, die ebenfalls ein Handwerk erlernt hatten und nun auch schon verheiratet, jedoch beide noch kinderlos waren. Ich hörte nur ein paar Minuten richtig zu, bis ich dann mit den Gedanken abschweifte und mich mehr für den frisch ausgebildeten Samurai interessierte. Ich bemühte mich allerdings, meine Blicke zu tarnen, in dem ich öfter nach einem kleinen Stück gegrillten Fisch griff. Dennoch spürte ich, dass die Augen meiner Mutter auf mir ruhten. Sie behielt mich im Auge, ebenso wie sie den jungen Mann, der uns gegenüber saß ein wenig eindringlicher musterte, je öfter ich einen vorsichtigen Blick riskierte, desto aufmerksamer war meine Frau Mutter. Trotzdem musste ich mir nun selbst das Gucken verwehren. Der beste Weg mich daran zu hindern war, endlich die Dekoration des Teezimmers zu begutachten. In einem Tokonoma, einer kleinen Nische, welche für gewöhnlich hinter einer Schiebetür versteckt war, befand sich eine Schriftrolle, die wunderschöne Kalligraphie zeigte und auf dem Boden war ein kleines Ikebanagesteck zu sehen. Dem Anlass entsprechend handelte es sich bei diesem Gesteck um ein Chabana. Ich hatte mich selbst schon einmal mit diesem Stil beschäftigt, so dass ich genau wusste dass der einfache grüne Zweig für uns Gäste stehen sollte und die schöne Lilie symbolisierte unseren Gastgeber. Wer dieses Gesteck wohl arrangiert hatte? Womöglich war es sogar Katsuhito-sans ehrenwerte Mutter gewesen, oder es war seine Kusine, die Aufgrund ihres Ansehens die notwendigen Künste beherrschen musste.

„Saori, worauf wartest du?“, wollte die strenge Stimme meines Herrn Vater plötzlich wissen. Ich hatte mich doch tatsächlich so auf das kleine Ikebanakunstwerk fokussiert, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass Suzuki-san und sein Sohn uns in den Warteraum zurückgeleiten wollten. Eilig erhob ich mich, allerdings nicht ohne wieder ein wenig zu erröten und folgte den anderen. Was in meiner Frau Mutters Kopf vorgehen musste, konnte ich mir denken. Sicher blamierte ich sie mit meinem Verhalten zutiefst. So ging ich mit besonders kleinen, sachten Schritten den Pfad zum Omachiai zurück, in dem wir auf den eigentlichen Beginn der Teezeremonie warten sollten. Sofort entschuldigte sich Suzuki-san höflichst bei uns, dass er sich wieder entfernen müsse um den Tee zu zubereiten und ich erwartete das Ermahnen meiner Eltern.

Zu meinem Überraschen aber stellte ich fest, dass kein einziges strenges Wort fiel. Es blieb weder meinem Herrn Vater, noch meiner Frau Mutter genug Zeit um ihre Stimmen zu erheben. Katsuhito-san richtete nämlich sein Wort an mich: „Ich weiß, dass es nicht dem gewohnten Ablauf entspricht und dennoch, wäre es mir eine Ehre Sie um den Vorzug Ihrer Gesellschaft zu bitten. Ich bitte Sie mir zu erlauben Ihnen unseren bescheidenen Garten zu zeigen, Saori-san. Sofern Ihre werten Eltern nichts dagegen einzuwenden haben.“

Ich warf den beiden einen fragenden Blick zu. Ein Nicken der beiden bestärkte mich darin dem jungen Samurai zu folgen und somit entschuldigte ich mich bei meinen Eltern mit einer kleinen Verbeugung und auch bei Katsuhito-san mit einer tieferen um mich für die Umstände, die er sich mit mir machte, zu entschuldigen. Darauf schenkte er mir ein warmherziges Lächeln.

„Ich freue mich, dass Sie uns ebenfalls die Freude bereiten heute gekommen zu sein, Saori-san. Ich hoffe, das wissen Sie“, begann der junge Mann nach ein paar Schritten, die wir weiter in die angelegte Wildnis getan hatten. Ich erwiderte noch nichts darauf, jedoch drehten sich meine Gedanken im Kreis herum, darüber was genau er damit meinte. Da mein inneres Gefühl mich wirklich nicht getäuscht hatte, lauschte ich seiner Fortsetzung: „Ich war noch nicht lange wieder in dieser Stadt als ich Sie zum ersten Mal gesehen hatte. Auf den Reisfeldern, bei der Ernte.“

Katsuhito-san hatte mich also vor vier Wochen zum ersten Mal gesehen. Es musste ungefähr um die Tanabata Nacht herum gewesen sein. Nun erwiderte ich mit einem seichten Nicken: „Ich habe meine Freundin besuchen wollen. Ihr werter Vater bestellt diese und man gelangt zu ihrem Haus über die kleinen Pfade, welche sich durch die Felder winden.“

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Sie müssen mich für einen Verfolger halten“, meinte er mit einem gelösten Lachen, „Ich bat meinen Vater, Ihren zum Tee einzuladen. Ich schätze Sie als liebenswerte Frau ein.“

Einen Moment lang war ich recht verwirrt über die Worte des eigentlich wildfremden Mannes. Er war wenig resigniert oder zurückhaltend. Trotzdem kam es mir auf keinen Fall unverfroren vor, wie er sich äußerte. Er wirkte auf keine Weise gekünstelt oder falsch. Katsuhito-san machte auf mich in seiner natürlichen Art den seriösesten Eindruck, den jemand je auf mich gemacht hatte. Wahrscheinlich war er wirklich schon sehr lange nicht mehr in einer Stadt gewesen, ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er mit seinem Lehrmeister den Großteil der Ausbildung durch das Land gereist war und aus diesem Grund schon so einiges gesehen hatte. Womöglich hatte er dem Daimyou auf zahlreichen Schlachten gedient, so dass er wenig Umgang mit gewöhnlichen Familien gehabt hatte.

Durch mein Überraschen entstand eine längere Pause, doch es gelang mir, mich wieder zu fangen: „Ihr habt Euch nichts vorzuwerfen, wenn ich ehrlich zu Euch sein darf, ich habe mich schon sehr auf diesen Tag gefreut. Ich konnte es kaum abwarten endlich herzukommen.“

Erleichtert atmete Katsuhito-san auf, der von neuem sprach und dabei noch offener und gelöster wirkte: „Da bin ich sehr erleichtert. Als ich Sie mit Ihrem Vater durch den Garten gehen sah, befürchtete ich fast, dass ich Sie falsch eingeschätzt hätte. Sie wirkten so verschlossen, wie die meisten jungen Damen hier.“

„Oh, das kommt sicher daher, dass Ihr so lange außerhalb gelebt hat. Wenn ich es wagen darf dies in Eurer Gegenwart zu sagen, Katsuhito-sama, es ziemt sich nicht für ein Mädchen so indiskret zu sein, wie ich es heute war. Ich rede schon viel zu viel als das es für eine Wohlerzogene gut ist und allein mit einem jungen Mann sollte sie besser auch nicht gesehen werden“, erklärte ich ihm ohne Umschweife, jedoch ohne den etwas scherzhaften Ton zu vergessen. Es kam mir wirklich merkwürdig vor, dass ich so offen mit jemandem umgehen konnte, mit dem ich zuvor noch kein einziges Wort gewechselt hatte. Mit Katsuhito-san war das alles aber ganz anders. Ich hatte das merkwürdige Gefühl ihn bereits seit ewigen Zeiten zu kennen. Somit verbarg ich nichts weiter vor ihm und fuhr fort: „Euer Garten ist wirklich angenehm und ich sah auch im Teehaus ein wunderbar hergerichtetes Blumenarrangement. Wenn ich mir die Frage erlauben darf, wer hat es kreiert?“

„Das war in der Tat meine Frau Mutter, die sich bald in die Hauptstadt begeben muss um die am Hofe lebenden Kinder in Kunst zu unterrichten“, antwortete er mir in offenen Zügen und schien keinen Gedanken daran zu verschwenden sich in Schweigen zu hüllen, „Dann haben Sie sich in der Ikebanakunst geübt?“

„Selbstverständlich. Ich wurde schon als Kind in Ikebana, Teezeremonie, Tanz und Kalligraphie unterwiesen. Bei zwei älteren Brüdern hatte sich mein Herr Vater erhofft, dass ich vielleicht irgendwann eine gute Partie mache“, antwortete ich wahrheitsgemäß, wobei meine Stimme viel mehr zweifelnd klang und nun hatte ich ihm eine Antwort gegeben ohne genau darüber nachzudenken wie ich mich äußerte, aus Rücksicht auf meine Erziehung und die Etikette, die ich unbedingt wahren wollte fügte ich hinzu, „Entschuldigt mich nun, ich sollte wieder zu meinen Eltern zurückkehren. Sonst sagt man mir noch etwas schlechtes nach. So lange ohne Begleitung mit dem Sohn des Hausherren...“

„Saori-san?“, sprach er, als ich mich von dem jungen Samurai abwandte und wieder in den Omachiai zurückgehen wollte um mich für meine schlechte Antwort zu bestrafen. Aber ich wurde sofort daran gehindert indem sich eine recht raue, jedoch warme Männerhand um mein Handgelenk schloss und mich noch einmal, auf sanfte Weise zwang stehen zu bleiben. Ich musste ihm ein weiteres Mal in die Augen sehen. Ich erwiderte jedoch nichts. Wenn ich ehrlich war wusste ich auch gar nicht, was ich in dieser Situation noch sagen sollte.

„Saori-san, sagen Sie..., könnten Sie sich vorstellen... jeden Tag durch diesen Garten zu spazieren?“, wollte er leicht zögerlich wissen. Einen Moment lang dachte ich nach. Oder viel mehr gerieten meine Gedanken aus der geraden Linie heraus und völlig durcheinander. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, betrachtete ich meinen Gegenüber. Katsuhito-san war diese Situation ebenfalls etwas unangenehm. Wir waren uns beide klar darüber dass wir uns keinesfalls gesittet verhielten. Trotzdem empfand ich seine Worte als äußerst ehrlich und passend: „Damit ich Euch nicht falsch verstehe... Katsuhito-sama, macht Ihr mir ein Angebot?“

„Ja. Mein Herr Vater möchte so schnell wie möglich eine gescheite, wohlerzogene Frau an meiner Seite sehen. Das soll nicht heißen, dass ich mir selbst nicht auch wünsche eine liebenswürdige Ehefrau zu haben. Mein Anspruch wäre zugegeben etwas zu hoch für die bescheidenen Damen dieser Stadt und aus diesem Grund muss ich Sie fragen, ob Sie es für möglich halten meinem Leiden ein Ende zu bereiten und meine Gattin zu werden.“

Ich lauschte dem Redefluss des jungen Samurai aufmerksam, obwohl es mir so vorkam als könne mein Kopf die aneinandergereihten Sätze gar nicht richtig interpretieren. Leise, ähnlich wie in einer Traumsequenz hörte ich meine eigene Stimme kurz 'ja' sagen und gleich darauf nickte Katsuhito-san mit einem mehr als erfreuten Lächeln.

In diesem Moment wusste ich weder, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, noch ob uns überhaupt unsere Eltern ihre Zustimmung gaben. Wenn ich ganz aufrichtig zu mir selbst war, ich hatte nicht einmal über eine Antwort nachgedacht. Vielleicht waren es die Götter, die für mich geantwortet hatten oder irgendein dreister Dämon hatte sich kurz meiner machtlosen Stimme bemächtigt und sie für diese Zusage missbraucht.

Andererseits war ich einem jungen Mann noch nie so offen gegenüber getreten. Auf dem ersten Blick war ich noch nie an einem Mann interessiert gewesen, also konnte es auch gut eine barmherzige Geste der Götter gewesen sein.

Egal was nun der Fall war. Ich hatte ihm meine Antwort gegeben. Meine positive Antwort.
 

Von Weitem vernahm ich die fünf Schläge des Gongs. Bevor Katsuhito-san noch ein Wort an mich richten konnte, verbeugte ich mich tief: „Ihr müsst zu Eurem Vater. Wir begegnen uns im Teehaus wieder.“

Er nickte stumm, verbeugte sich ebenfalls leicht vor mir, bevor er in die entgegengesetzte Richtung ging, als ich. Meine Eltern erwarteten mich bereits mit einer gewissen, leichten Ungeduld, denn es war, wie Katsuhito-san bereits angedeutet hatte den Traditionen zu wider, dass ich mich aus dem Omachiai entfernt hatte.

„Was hat der junge Herr mit dir besprochen?“, wollte mein Herr Vater wissen, während wir den geschlungenen Pfad zum Teehaus entlang gingen. Aber ich wollte mich noch nicht dazu äußern, also entschied ich mich zuvor einige zögernde Laute von mir zu geben. So war es mir nicht mehr möglich ihnen zu berichten was sich soeben zugetragen hatte, denn nun sollte endlich der Tee gereicht werden und zu diesem Anlass war absolutes Schweigen angebracht. Nacheinander nahmen wir wieder Haltung ein und mussten auch nicht lange auf den Hausherren, sowie seinen Sohn warten, dieses Mal blieb die Hausherrin der Zeremonie allerdings fern.

Suzuki-san nahm uns gegenüber Platz, Katsuhito-san befand sich erneut neben ihm. Mit fließenden Bewegungen zog der stämmige Samurai das bewegliche Kohlebecken zu sich und entnahm diesem dann ein Gefäß mit Wasser und einen Schöpflöffel sowie einen Untersetzer. Sicher hatte er schon viele Gäste gehabt, so gleichmäßig und rein wie jeder seiner Handgriffe war. Diese drei Gegenstände stellte er links neben dem Kohlebecken ab, worauf er sich tief vor uns verbeugte. Obwohl ich wusste, dass es sich so für den Teemeister gehörte, beeindruckte mich die Disziplin des großen Samurais. Womöglich würde ich bald mit diesem großen Herrn verwandt sein und ohne Zweifel auch eine Zeit lang mit ihm unter einem Dach leben. Ich fühlte erneut, dass meine Wangen eine tiefrote Farbe annehmen mussten, denn es wurde mir sehr heiß und im selben Moment jagte mir ein Schauer über den Rücken.

„Bitte, nehmen Sie sich von den Süßigkeiten“, hörte ich den Hausherren sagen und so griffen wir nacheinander zu dem liebevoll zubereiteten Wagashi*. Vermutlich war seine Nichte für die Süßigkeiten zuständig gewesen. Es waren kleine Figuren aus Anko* geformt und mit Lebensmittelfarbe gefärbt. Unglaublich wie gut sie farblich auf die Zeremonie abgestimmt waren. Die Nichte hatte wirklich an alles gedacht und alles beachtet, auf das man Rücksicht nehmen konnte.

Während meine verehrten Eltern und ich uns mit den süßen Leckereien begnügten, begann unser Gastgeber mit der Zubereitung des Tees. Meine Augen glitten sogleich wieder zu ihm und gespannt verfolgte ich nun mehr mit, wie Suzuki-san die Teeschalen mit dem Gebrauchtwasser und einem kleinen Seidentuch reinigte bevor er das Pulver des Koicha* in eine der Teeschalen gab und gleich darauf siedendheißes Wasser darüber goss. Die kurz darauf entstandene Flüssigkeit war noch ziemlich dick und ich beobachtete wie Suzuki-san sie mit dem kleinen Bambusbesen aufschäumte.

Meinem Herrn Vater wurde die Schale mit Tee zuerst gereicht. Tief verbeugte er sich vor dem Samurai und seinem Sohn, zum Dank für den stark, aber angenehm duftenden, grünen Tee. Mir gegenüber machte mein Herr Vater eine entschuldigende Geste, da er die Schale vor mir an sich nahm, doch bevor er einen Schluck daraus trank, drehte er sie drei Mal in seiner Hand. Das zerbrechliche Porzellan machte sowohl einen zarten, wie auch reinen Eindruck auf mich und auch die darauf gemalten Vögel von blauer Farbe machten mich aus irgendeinem unersichtlichen Grund glücklich. Im Anschluss an die drei kleinen Schlucke, die mein Herr Vater zu sich nahm, wischte er den Rand der Teeschale mit einem Seidentuch trocken und reichte sie somit an mich weiter. Ich tat ihm jede seiner Bewegungen gleich und so ging die selbe Schale der Reihe nach um, bis zu unserem Gastgeber.

Es herrschte völliges Schweigen, womit ich auf einer Seite keinerlei Probleme hatte. Auf der anderen Seite war mein Inneres unruhig und darüber bekümmert, wie es wohl weitergehen würde. Jeden Moment könnte einer der Gäste das Schweigen brechen. Und was würde dann geschehen? Würde ich nicht noch einmal ein ruhiges Wort mit Katsuhito-san bekommen? Dabei wollte ich den jungen Samurai nur zu gern fragen, was nun in seinem Kopf vorging, da ich ihm mein Einverständnis gegeben hatte.

Suzuki-san stellte die Schale behutsam auf den Boden zurück und sah der Reihe nach uns an. Ich bekam sofort ein etwas unbehagliches Gefühl im Bauch und versuchte seinen Blicken und auch denen von Katsuhito-san so weit es ging auszuweichen.

„Harada-san, nun da wir den Tee zusammen eingenommen und jegliche Unterschiede zwischen unseren Familien abgelegt haben, erlauben Sie meinem Sohn das Wort an Sie zu richten?“, wollte Suzuki-san höflichst von meinem Herrn Vater wissen. Dieser nickte kurz, worauf er Katsuhito-san mit einer wortlosen Geste das Wort erteilte. Ich konnte genau erkennen, wie er sich ein wenig formeller hinsetzte und wie in Meditation noch einmal tief durchatmete, bevor er zu sprechen begann: „Wie Ihr wisst, hatte ich in unserem Garten eine kleine Unterredung mit Eurem eleganten Fräulein Tochter.“

Meine Wangen wurden schlagartig purpurrot, doch sagte ich nichts sondern lauschte weiter.

„Ich wollte zunächst mit Eurem Fräulein Tochter allein sprechen, da ich es für richtig halte ihre aufrichtige Meinung zu erfahren und zu meiner Freude wollte Saori-san meinen Wunsch gewähren. Ich bat Euer Fräulein Tochter um ihre Hand, denn schon bei meiner Anreise in die Stadt war ich fasziniert und tief beeindruckt von ihrem Liebreiz. Wie es sich aber schickt bitte ich nun Euch um die Hand des jungen Fräuleins, denn Euer Wort ist das letzte in dieser Angelegenheit, welches gesprochen werden muss.“

Ich fühlte den überraschten Blick meines Vaters deutlich auf mir lasten. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er verwirrt und völlig unvorbereitet war, das ausgerechnet heute und während dieser Teezeremonie um mich geworben wurde. Nachdem einige Sekunden ohne Regung seitens meines Herrn Vaters verstrichen waren, wurde ich zunehmend unruhiger. Hatte er bereits andere Pläne mit mir? Wollte er, dass ich einen anderen heiratete und dem Schicksal, welches mich so großzügig mit Katsuhito-san zusammengebracht hatte, einen gewaltigen Strich durch den Plan machen? Schließlich hörte ich die sanfte und dennoch gut vernehmbare Stimme meines Herrn Vaters, der meine Frau Mutter vorher nicht um irgendeinen Rat gebeten hatte: „Sofern meine Tochter Euren Antrag angenommen hat und einverstanden mit Euch ist, dann will ich dieser Verbindung nicht im Wege stehen.“

Ich vergaß beinahe wieder einmal meine Etikette zu wahren und ergriff die Hand meines Herrn Vaters. Meine Frau Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und wies mich still darauf hin, dass ich Haltung bewahren sollte. Freude war auch in Katsuhito-sans Augen zu erkennen, die heller strahlten als die Sterne in der tiefsten Nacht ohne Mondschein.

„Ich bin noch nicht fertig, meine Tochter“, hörte ich meinen Herrn Vater sagen, der jedoch in aller Güte zu mir sprach, sich dann jedoch wieder an Katsuhito-san wandte, „Meine Tochter hat erst siebzehn Winter erlebt. Es wäre zu früh sie schon zu vergeben, das versteht Ihr sicher. Ich bitte Euch, Katsuhito-san noch mindestens zwei Winter auszuharren. Ist Eure Liebe zu Saori beständig, so soll im Frühjahr die Hochzeit gefeiert werden.“

Mit dieser Abmachung waren wir alle einverstanden, vor allem Suzuki-san und meine geliebten Eltern wollten sicher gehen, dass wir uns wirklich gut verstanden. Die Teezeremonie und der damalige Antrag war vor beinahe drei Jahren gewesen und in wenigen Stunden würde ich Katsuhito-sans Frau werden und meine eigene kleine Familie gründen.
 

~Ende~
 

Wortverzeichnis:

Chanoyu = Teezeremonie

Iromuji = ein Kimono speziell für eine Teezeremonie

Fusuma = die Schiebetür eines traditionell eingerichteten, japanischen Hauses

Haha/Chichi-ue = veraltete, direkte Anrede für die Eltern

Daimyou = kommt einem Fürsten gleich

Wagashi = kleine, japanische Süßigkeiten die man oft bei Teezeremonien isst und u.a. farblich auf die Jahreszeit abgestimmt sind.

Anko = eine gesüßte Paste aus Akazuki-Bohnen, die in vielen japanischen Süßigkeiten Verwendung finden

Koicha = eine starke Teesorte

Kintarou vom Ashigarasan

Tief in den Wäldern, die den Berg Ashigara in einen grünen Mantel verhüllten, lebte eine hässliche alte Frau in einer kleinen, heruntergekommenen Hütte. Ihre Haut lag in tiefen Furchen, Schmutz klebte auf ihrer aschfahlen Haut und ihr weißblondes Haar lag strohig über ihren Schultern. Die Alte machte den Eindruck einer gewöhnlichen Menschenfrau, die schon zu viel für ihr Alter erlebt hatte, doch eine Kleinigkeit unterschied sie erheblich von denen, die in den Dörfern, Städten und im Heian-kyou* lebten. Auf ihrer Stirn befand sich ein zweiter Mund, der beinahe genauso breit war, wie der welcher sich über ihr ganzes Gesicht hinzog. Die Kleidung der alten Frau war ebenso ärmlich wie ihre Gestalt. Der rote Kimono war schmutzig und aufgrund der vielen Wanderungen durch die Wälder von Sträuchern und aus der Erde hervor ragende Wurzeln zerrissen worden.

Die alte Frau lebte schon seit Jahren in den Ashigara Bergen und wegen ihrer unheimlichen Erscheinung nannte man sie Yamauba, eine Berghexe. In der Tat verfügte sie über Fähigkeiten, die über das normale Können eines gewöhnlichen Menschen überstiegen. Sie hatte die Möglichkeit eine andere Gestalt anzunehmen, so konnte sie mit Leichtigkeit Jünglinge hinters Licht führen und sie für ihre Zwecke nutzen, aber auch die Verwendungsmöglichkeiten von Pflanzen waren ihr vertraut. So lebte sie Tag ein, Tag aus ohne Gesellschaft, da die Menschen zu ängstlich waren um sich ihr zu nähern und hätten sie es getan, dann wären sie nicht unbeschadet wieder Heim gekehrt. Wenige, die in der Gewalt der Yamauba waren, konnten wieder in ihre Häuser zurückkehren. So geschah es, dass sich Tiere in dem Wald der Yamauba am wohlsten fühlten und sich Youkai tummelten, die von Menschen nicht gesehen werden wollten.

Doch eines Nachts als der Himmel klar von Sternen und dem Mond erhellt war, schlich sich eine junge Frau durch den Wald. Sie war wohlgekleidet und schien von feiner Herkunft, aber ängstlich da sie ohne Begleitung durch den von Youkai heimgesuchten Ort zu wandern gezwungen war.Nur ein kleines Bündel hatte sie fest in ihren Armen. Aus Furcht murmelte die junge Frau Bannsprüche, damit die Götter ihr wohlgesonnen sein mochten. Sie rechnete nicht damit, dass die Yamauba ganz in ihrer nähe war. Die Alte hatte die wehklagende, murmelnde Stimme der Frau schon von sehr weit weg gehört und ihr Plan war es eigentlich das hübsche Gesicht der Dame zu fressen. Die alte Frau bekam allerdings Mitleid als sie die Verirrte sah, die so schön war wie noch kein Wesen, das sie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte, deshalb entschied sie sich dafür, der Wandernden zu helfen. Der Charakter der alten Yamauba war viel zu leicht und einfach, was sie auch nicht dazu veranlasste anzunehmen, dass die fremde Frau ihr vielleicht keinen Glauben schenkte. Als dies geschah und die Wohlgekleidete vor Angst nicht mehr still stehen konnte, erzürnte die Alte von neuem und begann die Frau zu jagen. Mit dem alten Ziel das Gesicht der Schönen zu fressen um selbst noch ein wenig Schönheit in diesem langen Leben abzubekommen, trieb sie ihr Opfer immer weiter, in einer Geschwindigkeit, welche eine wohlerzogene Damit von guter Herkunft auf keinen Fall durchzuhalten vermochte. Sie stolperte über eine Wurzel, die wie ein Bogen aus der Erde emporragte und zur Fußschlinge wurde. Mit einem schmerzenden Laut fiel sie zu Boden und verlor das Bündel, welches sie zuvor noch mit aller Macht an sich gedrückt hatte. In dem festen Gedanken, dass die Berghexe noch hinter ihr war, rappelte sich die junge Frau auf, doch ließ sie das kleine Bündel, dessen Inhalt nun klägliche Laute von sich gab, einfach auf dem Boden zurück und verschwand in der Tiefe der Dunkelheit.

Die Yamauba gab die Verfolgung auf. Ihr Interesse galt nun dem kleinen, wimmernden Bündel welches sich immer noch auf dem Boden befand. Die alte Frau nahm es an sich und schob die feinen Seidentücher auseinander. Der Anblick, der sich ihr bot, fasste sogleich an ihr Herz. Sie hielt ein kleines Menschenbaby in ihren Armen. Allein gelassen von seiner Mutter, brüllte der kleine Junge nun wie am Spieß. Die Yamauba nahm das Kind mit sich um es als ihren Sohn aufzunehmen. Sicher konnte man ihn irgendwann noch mal gebrauchen und sie nannte den Säugling Kintarou, da er von guter Herkunft war.
 

Dreizehn Jahre gingen ins Land. Das kleine Baby war zu einem kräftigen Jungen herangewachsen, der sich bei seiner Ersatzmutter sehr wohl fühlte. In der Tat war die Yamauba über die Jahre sanftmütiger geworden, so dass sie nun Geld für die Arbeit nahm Heiltränke zu brauen und Zauber für Menschen durchzuführen als sie durch den Wald zu jagen um hinterher zu fressen. Dennoch sollte man eine Yamauba niemals reizen.

Der Junge Kintarou war nun ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, doch im Gegensatz zur Yamauba verfügte er über keine magischen Kräfte oder konnte die Künste der Kräuterverarbeitung anwenden. Doch weil er schon jahrelang in diesem Wald lebte, wollte es das Schicksal nicht anders und machte aus dem scheinbar normalen Menschenkind einen Jungen mit übernatürlichen Kräften. Er war so stark, dass er Felsen mit seiner bloßen Faust zertrümmern, Bäume aus dem Boden reißen und Stämme biegen als konnte wären sie aus Gummi.

Kintarou war ein glücklicher Junge, der mit den Tieren des Waldes spielte und sogar ihre Sprache beherrschte. Jeden Tag, wie auch an diesem, war der junge Rotschopf im Wald der sich über die Berge Ashigara und Kintoki erstreckten. Jeden Morgen machte er sich sehr früh auf den Weg in den Ashigara Wald, immer wieder mit den Worten: „Du, Omi ich bring heute das Abendessen mit! Vielleicht sogar einen Bären damit du im Winter ein schönes Fell hast, das dich warm hält!“

Die Tür ließ er jedes Mal mit einem lauten Knall ins Schloss zurückfallen. Erziehung hatte der Junge keine bei der Yamauba erhalten und höfische Erziehung kannte er überhaupt nicht, so dass sein Verhalten für jeden in Heian-kyou unerträglich gewesen wäre.

Vergnügt sprang Kintarou auf einen der hohen Bäume und hüpfte mit Leichtigkeit zu einem anderen, als kannte er gar keine andere Möglichkeit der Fortbewegung in der Wildnis, und bahnte sich somit seinen Weg hinunter zum See, der sich unter einem steilen Abhang befand. Mit einem großen Satz hoppste er so kraftvoll vom Baum wie er schon hinaufgesprungen war und setzte sich ans schattige Ufer. Es gehörte zu Kintarous Lieblingsbeschäftigungen den Sonnenstrahlen dabei zu zusehen, wie sie durch das dichte Blätterdach fielen und das klare Wasser im See zum glitzern zu bringen. Erst nach einer Weile setzte sich der Junge wieder auf und sah ins Wasser: „Guten Morgen!“

Mit einem schnellen Handgriff, den ein Mensch kaum mit den Augen zu verfolgen vermochte, ließ er seine Hand im kalten Nass verschwinden um einen großen Karpfen herauszufischen. Tatsächlich hatte er schon nach dem ersten Versuch einen großen, weiß-goldenen Fisch in der Hand, den Kintarou ohne zögern zunächst hart auf den Boden schlug und darauf als Frühstück verzehrte. Er genoss dieses einfache Leben ohne sich Sorgen zu machen. Kintarou hatte schon oft von seiner Ziehmutter, die er liebevoll Omi nannte, gehört dass es in den Dörfern, Siedlungen und in den größeren Städten viele andere Menschen lebten und dass er vielleicht auch eines Tages durch das Schicksal bei ihnen leben würde, doch davon wollte er nichts wissen. Er machte sich sogar, wann immer ein mutiger Samurai durch den Wald ritt, über diesen lustig und spielte ihm Streiche. Beispielsweise hatte Kintarou einmal das Pferd eines Samurai aufgescheucht, in dem er die Schlangensprache anwandte um es zu ängstigen. Ein großer Spaß war es gewesen mit anzusehen wie das Pferd ausschlug und buckelte. Der Reiter hatte klägliche Laute von sich gegeben, als er versuchte sich auf seinem Ross zu halten, aber er hatte sich nicht halten können. So lief das Pferd davon und der Samurai musste sich zu Fuß durch den Wald bewegen.

Kintarou dachte kurz nach, als er auf seine Umgebung lauschte. Ihm kam es so vor als würden die Laute von damals ihn wieder einholen. In der Tat waren schriller Geräusche zu hören. Sie klangen ungefähr genauso, wie die des Samurai damals. Kintarou erhob sich von seinem Platz, als er nach oben zu den rauen Felsen der Klippe sah, entfuhr ihm ein überraschter Laut. Dort oben befand sich etwas. Etwas zierliches, kleines, jedoch konnten seine Augen nicht richtig erfassen um was es sich handelte. Das Lebewesen, denn ein Solches war es ganz sicher, verlor anscheinend den Halt, denn mit einem markerschütternden Schrei bewegte es sich abwärts, dem Wasser entgegen.

Die kleinen Tiere, die sich nahe am Wasser des Sees befanden sprangen auf und rannten in die nahen Dickichte, als dieses Etwas in der Tiefe des Sees verschwand. Auch Kintarou tat dies. Nicht um sich aus richtiger Angst irgendwo zu verstecken, er hatte es sich viel mehr von den Tieren abgeguckt um die Lage auszukundschaften.

„Hast du was gesehen, Hase?“, wollte der Rotschopf von dem kleinen Tier, das sich zufällig in den selben Busch geflüchtet hatte wissen. Das Tier zeigte noch keine Regung, so in Aufruhr war es versetzt worden, doch flüsterte es leise zur Antwort: „Nein, aber wenn es lebt, muss es jeden Moment wieder auftauchen.“

Kintarou nickte. Der braune Hase hatte Recht, bei allen Tieren war es so. Wenn sie zu lange unter Wasser waren, dann würden sie sterben, das hatte er vor langer Zeit herausgefunden. Es sei denn es handelte sich um einen Fisch oder einen Youkai. Neugierig streckte Kintarou seinen Hals etwas mehr um besser durch die kleinen Lücken der Blätter sehen zu können und tatsächlich tauchte das plumpe Etwas wieder auf. Japsend und jauchzend plantschte es im Wasser, bis es erkannte, dass sich das Ufer nicht weit entfernt befand.

Ein Menschenkind kroch aus dem Wasser.

Augenscheinlich war es ein Mädchen, denn ihr schwarzes Haar war lang wobei eine Haarspange in Form eines Schmetterlings ein paar lästige Haarsträhnen zur Seite hielt. Außerdem trug sie einen recht bunten Kimono mit einem Blumenmuster, so dass wahrscheinlich jeder Youkai sie gut finden konnte. Das Mädchen hustete noch etwas Wasser, bevor sie sich erst einmal richtig hinsetzt um den Vorfall zu verdauen.

„Das ist ein Mensch“, stellte Kintarou sofort fest worauf der Hase zustimmte.

„Willst du sie nicht fragen, was sie hier will?“, erkundigte sich das Tier nach einigen Sekunden, in denen sich Kintarou nicht rührte, „Es kommen ganz selten Menschen in den Wald weil sie Angst haben. Außerdem sind Mädchen noch ängstlicher als Knaben.“

„Das ist ein Mädchen?“, wollte Kintarou verblüfft wissen, „So eine wie die Omi?“

Der Rotschopf machte wirklich einen verwirrten Eindruck: „Ich hatte immer gedacht, die würden Omi wenigstens ähnlich sehen.“

Der braune Hase hatte dem eigentlich noch etwas hinzufügen wollen, allerdings war der Junge bereits aus dem Gebüsch gesprungen und rannte auf das Mädchen zu. Der Hase konnte sich schon denken, zu welcher Sorte Zusammentreffen dies nun ausartete.

„Hallo du da! Was machst du in meinem Wald!?“, wollte er mit lauter, quakender Stimme wissen. Die dunkelbraunen Augen des Mädchens weiteten sich. Zunächst vor Überraschung, dann jedoch wurde immer deutlicher sichtbar, wie sehr sie sich eigentlich fürchtete. Vor allem vor einem Jungen mit feuerrotem Haar, der mit nichts weiter bekleidet war als einer leichten Lendenhose. Genau so hatte sich der Hase im Dickicht ungefähr vorgestellt wie es ablaufen würde. Das kleine Tier würde es nicht wundern, wenn das junge Mädchen die Flucht ergriff.

„W-wer bist du?“, fragte sie verängstigt.

„Ich heiße Kintarou! Und wer bist du?“, entgegnete er, worauf er sofort ihren Namen hören wollte. Das Mädchen war immer noch viel zu panisch worauf sie nur eine weitere Frage hervorstammelte: „B-bist du ein Youkai? Oder ein Oni?“

„Bin ich nicht, bin ich nicht! Du siehst doch ich hab' keine rote Haut, sondern bin menschenfarbig so wie du! Ich bin Kintarou, ein Youkai bin ich nicht! Ich kann nicht zaubern!“, quakte er erneut in einer gewaltigen Lautstärke. Das Mädchen war zwar noch nicht überzeugt von Kintarou, aber sie hatte gelernt, dass man die magischen Wesen eines Waldes nicht verärgern sollte, egal zu welchem Schlag sie angehörten.

„M-mein Name ist Shion.“

„Shion heh!? Du bist ein Mädchen oder? Was machst du hier in meinem Wald?“, forschte Kintarou weiter und setzte sich vor sie hin. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass der wilde Junge ein Mädchen sah, welches ungefähr in seinem Alter war. Bis auf die Yamauba hatte er bisher nur weibliche Tiere gesehen und wusste, dass diese oft heiraten um eine Familie zu gründen. Vielleicht war es bei den Menschen, deren Kultur er kaum kannte, ähnlich.

„I-ist das dein Wald? Dann musst du ein Youkai sein! Oder bist ein Kami?“

„Ich bin ein Mensch, was sonst!? Ich lebe hier, also ist das mein Wald!“

„Weil du so rote Haare hast siehst du nicht aus wie einer“

„Meine Omi hat weißblonde Haare!“, nun klang Kintarous Stimme ein wenig verärgert und vor allem ungeduldig. Mit verschränkten Armen stand er vor Shion: „Also was willst du hier?“

„Ich will nichts böses, ich möchte auch nicht länger bleiben als es nötig ist. Es treiben sich gefährliche Wesen hier rum! Aber ich muss meinem Vater helfen, verstehst du?“, entgegnete sie nun endlich.

„Du willst deinem Vater helfen indem du hier im Wald bist?“, mit einer hochgezogenen Augenbraue sah der Rotschopf das Mädchen an. So ganz konnte er ihr die Sache nicht abnehmen, da er noch nie davon gehört hatte, das man einem Menschen oder besser gesagt einem Tier helfen konnte, nur weil man im Wald war. Auf der anderen Seite hatte er selbst schon recht vielen Tieren geholfen, da er immerhin hier zu Hause war und ihre Sprache verstand.

„Wie willst du'n dei'm Vater helfen. Sitzt er hier irgendwo im Schlamm fest?“

„Nein, er ist nicht hier, er ist zu Hause im Dorf“, erklärte sie.

„Dann versteh' ich nicht, wie du ihm helfen willst“

„Er ist verletzt“, Shion sah auf den Boden, ihre braunen Augen wirkten auch auf Kintarou traurig und verlassen wie ein streunender Welpe ohne Heim, sie rang kurz mit sich und fuhr mit tränenunterdrückender Stimme fort, „Vor ein paar Tagen geriet er in einen Kampf. Er ist nur ein Bauer und in solchen Situationen ist er nicht gewachsen. Unsere Heilerin sagt, dass er dringend eine Arznei aus den Blütenblättern einer bestimmten Pflanze braucht um wieder gesund zu werden. Die Blume soll hier wachsen!“

Nun war es endgültig um die Fassung des kleinen Bauernmädchens geschehen. Sie vergrub ihr Gesicht in beiden Händen, wobei sie bitterlich zu weinen begann und immer wieder schluchzende Laute von sich gab. Einen Moment lang sah Kintarou, Shion verwirrt an. Er hatte noch nie einen anderen Menschen weinen sehen, aber irgendwie rührte das Mädchen schon an seinem Herzen. Er rückte ein wenig näher an Shion heran und klopfte ihr leicht auf den Haarschopf: „Na, na, na, du bist doch schon so groß, wer wird denn in unserem Alter noch weinen?“ Aus irgendeinem Grund nahm Kintarou an, dass sie ungefähr so alt war wie er.

„Aber ich kann die Blume nicht finden!“, jammerte sie, „Die Miko im Tempel hat mir gezeigt wie sie aussieht, aber ich habe sie im ganzen Wald noch nicht gesehen...“

„Beruhige dich mal Shion. Kannst du mir sagen wie sie aussieht? Dann helfe ich dir suchen!“, schlug der kräftige Junge vor und klopfte sich hart auf die Brust worauf er einen ziemlich überraschten Blick seitens des Mädchens erntete: „Das würdest du wirklich tun, Kintarou-san?“

„Na ja, ich kann doch nicht einfach ein Mädchen weinen lassen. Omi sagt immer man kümmert sich gut um Mädchen“, war seine Antwort und schlug sich erneut, wie ein großer Gorilla auf die Brust. Schließlich nickte die zierliche Shion und trat mit ihrem neuen Gefährten dichter an das Ufer des Sees um mit einem Stock im Sand zeichnen zu können. Präzise gelang es dem Mädchen das Aussehen der rettenden Blume nachzuzeichnen, worauf Kintarou langsam mit dem Kopf nickte: „Ja, ja, ich kenn' die Blume. Die hat doch bläuliche Blätter mit weißen Sprenkeln oder?“

Shion nickte sofort.

„Tja dann... wird’s vielleicht schwieriger als du glaubst. Ohne mich kommst du nich dran“, meinte der Junge überzeugt.

„Warum nicht?“

„Weil die Blumen nur an einer Stelle des Waldes wachsen und das ist nun mal hinter der Bärenhöhle!“

„Bärenhöhle?“, wiederholte Shion leicht geschockt.

„Jepp. Aber mach dir mal keine Gedanken! Ich regle das schon, ich hab schon oft mit Bären einen Sumokampf geschlagen und wie du siehst, leb' ich auch noch! Die Blume krieg ich“, versicherte er und sah sich um, „Am besten wir machen uns gleich auf den Weg, immerhin braucht dein Vater ganz schnell Hilfe!“

„Aber...bist du dir sicher, dass du das tun willst, Kintarou-san?“, wollte das Mädchen wissen, „Es ist gefährlich!“

„Na ja für ganz umsonst mach ich's nicht“, gab er vergnügt zu, worauf er die Arme hinter seinem Kopf verschränkte und losschlenderte.

„Was verlangst du denn als Gegenleistung? Wir sind arme Bauern, unsere Familie kann dir nicht viel bieten“, versicherte das Mädchen mit leicht bedrückter Stimme.

„Ach... das ist gar nicht so schwer!“, meinte Kintarou mit einem verschmitzten Grinsen, „Wenn wir erwachsen werden, dann heiratest du mich.“

„Heiraten!?“

„Genau, heiraten! Omi sagt immer, dass man heiraten muss wenn man groß ist. Ich wollte nie weil ich dachte, alle Mädchen sehen so aus wie Omi,... aber du bist süß! Also will ich dass du mich heiratest wenn wir groß sind!“, erklärte Kintarou ohne Umschweife, wobei er seiner Naivität und Dummheit alle Ehre machte. Einen Augenblick schien Shion zu überlegen was sie tun sollte. Zum Glück war sie unbedeutend genug um nicht bereits bei ihrer Geburt einem reichen Samurai versprochen worden zu sein. Sie wollte nicht lügen, war allerdings auch dazu verpflichtet alles zu tun um ihren geliebten Vater zu retten. Aus diesem Grund nickte sie kurz: „Na gut, wenn wir erwachsen sind, dann heiraten wir. Aber nur unter einer Bedingung!“

„Und die da wäre?“

„Also gut, pass auf...“, begann Shion und flüsterte dem immer verwirrter erscheinenden Kintarou ihre Bedingung ins Ohr, „Bist du einverstanden?“

„Hmm“, seine Antwort war lediglich ein zustimmender Laut, denn wenn Kintarou ehrlich war, dann hatte er rein gar keine Ahnung von dem, was Shion gerade gesagt hatte. Vermutlich musste er am Abend seine Großmutter fragen um sich Gewissheit zu verschaffen. Die Heirat und die Bedingung war im Moment weniger wichtig, als die Tatsache, dass die beiden Kinder schnellstmöglich zur Bärenhöhle gelangen mussten. Aus diesem Grund machte der Rotschopf gleich einige Schritte auf eine gewaltige Kiefer zu, die ein paar Meter vom Ufer entfernt stand. Ein kräftiger Schlag des Jungen reichte aus um einen dicken Ast abzubrechen, obwohl Kintarou ihn viel mehr mit einen Sprung durchschlagen hatte.

„Tschuldige, alte Kiefer, aber ich brauch' Mal deine Hilfe!“, wieder grinste der Junge über das ganze Gesicht und tätschelte den Stamm des Baumes, „Sie wird's uns schon nich übel nehmen.“ Shion sah ihren Begleiter fragend an: „Was willst du denn mit der dicken Keule?“

Ernst sah der eben noch fröhliche Junge, dem Mädchen in die tiefbraunen Augen: „Nur weil ich stark bin, heißt das nicht, dass ich mich nie bewaffnen sollte.“ Shion stimmte zu. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass sie sich immer noch in diesem schrecklichen Wald befand, der voll von Youkai und anderen magischen Geschöpfen bewohnt war. Außerdem gab es in diesem Wald genügend irdische Raubtiere, die sie zehn Mal fressen würden, bevor die Nacht eingebrochen war. Das Mädchen nickte stumm und folgte Kintarou auf Schritt und Tritt um bloß nicht in eine Falle zu geraten.
 

Die Bärenhöhle befand sich einiger maßen weit weg, wie Kintarou seiner neuen Freundin berichtete. Für ihn wäre es kein Problem gewesen sie innerhalb von einer, oder maximal zwei Stunden zu erreichen, wenn er den Weg über die Bäume nähme. Mit Shion an seiner Seite sollte es aber deutlich länger dauern, denn sie war zwar ein Mädchen von geringer Herkunft, doch hatte sie immer noch so viel Anstand im Leibe, dass sie nicht auf Bäume kletterte. Sie wäre ohnehin zu tollpatschig und nicht kräftig genug für eine solche Anstrengung gewesen. Die beiden setzten den Weg vorerst schweigend fort. Immer wieder kam es vor, dass Shion über kleine Steine oder Fußschlingen stolperte, worauf der Rotschopf ein amüsiertes Kichern von sich gab während das Mädchen sich den Schmutz von ihrem Kimono putzte. Das Mädchen sparte sich allerdings den Jungen zurecht zu weisen und zu erwähnen, dass man sich einem Mädchen gegenüber nicht so abwertend verhielt. Er hatte immerhin keinerlei Erziehung genossen.

„Pass besser auf wo du hintrittst, Shion. Sonst brichst du dir noch'n Fuß und dann muss ich dich ja doch tragen!“, meinte Kintarou während er einen kleinen Schmollmund zog und im raschen Tempo weiter ging. Shion nickte lediglich zur Antwort und gab nun mehr Acht darauf wo sie ihren Fuß hinsetzte. Da sie ihren Blick stets auf dem Boden wobei sie sich besser auf den Gesang der Vögel konzentrieren konnte. Erst jetzt, obwohl sie sich schon seit Stunden in diesem Wald war, hörte sie die verschiedensten Vogelstimmen. So viele auf einmal hatte sie noch nie vernehmen können. Wahrscheinlich waren die gefährlichsten Wälder am reichsten mit seltenen Tieren besiedelt. Die Blumen um sie herum erstrahlten in ganzer Pracht, auch wenn Shion im Augenblick nichts davon genießen konnte. Doch sie nahm sich auf der Stelle vor irgendwann wieder in diesen Wald zu kommen, nur um sich die gelben, roten und blauen Blüten noch einmal genau anzusehen.

„Was machst du eigentlich, wenn du die Blume hast?“, wollte Kintarou wissen, „Gibt's in deinem Dorf einen der so eine Arznei brauen kann?“

„Ich nehme es an, sonst hätte man mich nicht geschickt, denke ich“, keuchte Shion, die mittlerweile durch das straffe Tempo außer Atem gebracht worden war.

„Die Menschen in Dörfern scheinen nicht dumm zu sein“, stellte Kintarou nachdenklich fest. Die Aussicht, dass er sich irgendwann mit dem Mädchen verheiraten würde, ließ den Gedanken zu wie seine Großmutter ihm des öfteren sagte, den Wald zu verlassen um irgendwo unter Menschen zu leben und einer menschlichen Arbeit nachzugehen. Immerhin war er weder Oni noch Youkai und gehörte in ein Menschendorf oder eine größere Stadt.

Wieder kehrte Stille ein. Das Gelände wurde zunehmend holpriger und das Licht schien sachte zu schwinden. Hier am Fuße des Berges standen die Nadelbäume so dicht beieinander, dass die Sonne kaum eine Chance hatte hindurch zu scheinen.

Shions Blick wanderte den Berg hinauf, den man nicht umgehen konnte ohne wochenlang herumzuwandern. Sie befürchtete bereits das, was Kintarou ohne Erklärung anstrebte. Sie mussten dort hinauf: „Können wir nicht eine Pause machen?“

„Geht nich, da oben sind die Bären. Was glaubst du was passiert wenn die dich riechen?“

Sofort durchfuhr das Mädchen ein Anflug von Furcht. Sie hatte noch nie zuvor lebendige, wilde Bären gesehen. Wenn sie ehrlich war, wollte sie gar keine sehen. Kintarou ließ sich durch nichts beirren. Mit heftigen Sprüngen hob er sich in die Lüfte um immer einen kleinen Vorsprung zu haben, aber er war niemals so weit voraus, dass er Shion aus den Augen verlor. Immerhin konnte in diesem Wald hinter jedem Stein eine Gefahr lauern.

Als sie den Weg zur Hälfte hinter sich gebracht hatten, blieb der wilde Junge abrupt stehen und wies Shion mit einer Handbewegung an stehen zu bleiben.

„Was ist denn?“, wollte sie leise wissen.

„Hier müssen wir jetz vorsichtiger sein. Ich hab keine Lust Bärenfutter zu werden und die lassen so schwer mit sich reden. Ganz schön schwerfällig, diese Viecher!“

„Heißt das, du musst wirklich mit ihnen kämpfen?“, hakte Shion nach.

„Wenn es sich nicht umgehen lässt“, entgegnete darauf Kintarou und schulterte die mitgebrachte Keule, „Bären sind nich grad die Schlausten!“

Zu Shions großem Erstaunen wurden Kintarous Schritte leichter und wirkten nicht mehr so plump und rüpelhaft wie der ganze Rest seiner Erscheinung. Auch sie nahm sich zusammen und versuchte zumindest so leise zu sein wie sie nur konnte. Der steinige Weg, auf dem nun öfter Geröll und Steine im Weg lagen, wurde immer schmaler, so dass man sich kaum noch ohne sich irgendwo festzuhalten weitergehen konnte. Für Kintarou war es kein Problem mit der Höhe des Berges und all den Schwierigkeiten die das Besteigen hinderlich machten einigermaßen gut klarzukommen. Dagegen war es für Shion deutlich schwieriger, sie trug hölzerne Sandalen, die es beinahe unmöglich machten sich richtig auf dem Berg zu halten. Außerdem waren die Ärmel ihres Kimonos so lang, dass diese ihr langsam Schwierigkeiten beim Klettern bereiteten. Ab und zu brachte das Mädchen aus reiner Anstrengung und Konzentration um nicht runterzufallen, ein Keuschen hervor. Kintarou dagegen schaffte es ohne Mühe nach oben und das, obwohl er nicht einmal Schuhe an hatte. Oder aber es war genau der Grund warum er so ohne weiteres auf den breiten Felsvorsprung kam, der sie gleichzeitig gefährlich nahe an die Bärenhöhle heranführte.

„Wo bleibst du denn?“, drängte der Rothaarige mit gedämpfter stimme, legte sich auf den Bauch um seiner Begleitung ein wenig zur Hand zu gehen. Es war der kleinen Shion deutlich anzusehen, dass sie völlig entkräftet und außer Atem war. Sie war immerhin ein einfaches, japanisches Mädchen, das sich trotz allem gesittet verhielt und sich nicht viel körperlich betätigte, jeden falls nicht in dem Ausmaß, dass sie dieses Bergsteigen gut bewältigen konnte. Sie sah zu Kintarou hinauf, der ihr die Hand zustreckte. Sie spürte dass sie dringend handeln musste, ansonsten würde sie einfach in die Tiefe stürzen. Vielleicht würde sie in einem solchen Fall das Glück haben und das Bewusstsein verlieren, so dass sie den Aufprall gar nicht bemerken würde.

„Nun mach schon“, drängte Kintarou erneut, worauf nun endlich Shion den letzten Schritt tat um die Hand ihres Freundes zu ergreifen. Ein leichtes, unheimliches Gefühl breitete sich plötzlich in ihrem Magen aus. Sie hatte das Gefühl zu...

Sie fiel!

Ein schriller Schrei durchfuhr den Wald.

Sie fiel heute schon das zweite Mal, doch dieses Mal würde sie nicht wieder aufwachen.

Zu Shions Verwunderung fiel sie nicht weit. Mit einem Ruck traf sie auf Widerstand und als sie es wagte die Augen wieder zu öffnen bemerkte sie, dass Kintarou sich geschwind an der Felswand herabgelassen hatte und ebenso schnell nach ihrer Hand gegriffen hatte. Erleichtert atmete sie aus und lächelte.

„Danke Kintarou-san!“

„Hmmh, kein Problem, jetz halt dich gut fest!“, riet ihr der Junge und begann sich wieder auf den Vorsprung zu hangeln. Dabei ließ er die Hand des Mädchens nicht los, sondern versuchte sie hinaufzuziehen. Das Mädchen wog in dieser Situation allerdings schwerer an seinem Körper als er gedacht hatte: „Nu' stell dich nich' so an!“

„Ist ja gut ich... ich versuche es ja!“, entgegnete das Mädchen, „Aber es ist schwie-... Kintarou-san! Hinter dir!“

Der Rotschopf hatte sich nicht auf seine nähere Umgebung konzentriert, so dass er auch das Hervorkommen des Untieres nicht bemerkt hatte. Als er den Kopf über zur Seite drehte um aus seinem Augenwinkel etwas sehen zu können, blieb ihm für den Bruchteil einer Sekunde doch beinahe das Herz stehen, denn der Bär fand es gar nicht nett unangemeldeten Besuch zu bekommen. Kintarou gab einen panischen Laut von sich, während er sich zur Seite rollte um der gewaltigen Tatze zu entgehen. Shion wurde unterdessen mit dem Jungen mitgerissen, wobei sie sich leicht am Felsen verletzte.

„Kintarou-san!“, wimmerte sie, mehr aus Angst als vor Schmerzen.

„Shion! Fang die Keule mit der anderen Hand, klar!?“, befahl der Junge mit lauter Stimme.

„Was!?“, bevor das Mädchen überhaupt richtig hinterfragen konnte, was Kintarou wohl damit meinte, hörte sie auch schon hartes Holz auf Gestein klappern. Die Keule, die der Junge sich am See von der Kiefer abgeschlagen hatte, glitt beinahe an ihrer Hand vorbei. In letztem Augenblick konnte das Mädchen ihre Hand um das dickere Ende der Keule.

„Und jetzt, halt das spitzere Ende nach oben, hörst du?“

„O-okay, aber was hast du vor!?“

„Halt den Mund und tu' was ich dir sage!“, fuhr der Junge das Mädchen an, während er versuchte den wütenden Bären irgendwie mit seinen Füßen abzuwenden, „Ich zieh dich gleich hoch, aber du musst die spitze Seite der Keule aufrecht nach oben halten, verstanden!?“

Jedoch wartete er keine Sekunde auf eine Antwort des Mädchens. Mit einem Ruck spürte Shion erneut die beängstigende, scheinbare Schwerelosigkeit des Körpers, doch dieses Mal schien nicht die Schwerkraft an ihr zu ziehen, sondern ein gewaltiger Druck presste sie in die Lüfte. Damit hatte Shion nun wirklich nicht gerechnet. Doch sie tat, was Kintarou von ihr verlangt hatte und so hielt das Mädchen die nach unten hin spitzzulaufende Keule vor sich weg. Shion konnte nicht im Entferntesten sagen wie hoch ihre Geschwindigkeit war, sie wusste nicht einmal wo sie überhaupt hinflog oder auf was sie zusteuerte, denn vor Panik hatte sie ihre Augen fest verschlossen.

„Hab keine Angst, hab keine Angst!!“

Die Stimme Kintarous war laut und deutlich zu hören. Das und die wütende Stimme des Bären, der während Shions kurzzeitigen Flug von Kintarou abgelenkt wurde. Frech trat er dem Bären einige Male auf die Füße und versteckte sich hinter diesem, so dass sich der Bär mehr um seinen Schmerz als um seinen Peiniger kümmerte. So ganz hell waren die Bären nun auch wieder nicht, wie Kintarou schon einmal angemerkt hatte.

Shion kamen die Sekunden vor wie Monate oder gar Jahre. Endlich aber stieß sie auf einen heftigen Widerstand. Ein gequälter, wütender Schrei entglitt dem großen Maul des Bären und aus irgendeinem Grund klang die grollende Stimme des Tieres bedrohlich nahe. Aus irgendeinem Grunde war sogar ihr Aufprall überhaupt nicht hart gewesen, sondern eher...

Vor Schreck riss das Mädchen ihre Augen wieder auf.

Sie konnte es nicht glauben, sie hing auf dem Rücken des Bären, der nun zusammengebrochen auf dem Bauch lag, während seine Schnauze kurz vor Kintarous Füßen lag. Um ihn herum eine weite Blutlache Shion fragte sich, was so plötzlich passiert war, doch hörte sie auch schon Kintarous laute, quirlige Stimme: „Jetz komm da runter, sonst sind die anderen Bären schneller wieder in ihrer Höhle als du gucken kannst. Wir haben Glück das heute nur einer zu Hause war.“

Shion war sich immer noch nicht ganz klar darüber, wie sie das alles überstanden hatte. Ihre Beine fühlten sich weich an, so als ob sie jeden Moment zusammenbrechen würde. Das Adrenalin in ihrem Körper tat sein Übriges, so dass sie die leichten Verletzungen vom Felsen überhaupt nicht spürte, während sie die klaffende Wunde an ihrem Arm nur hintergründig bemerkte. Sie stieg sachte vom Rücken des Tieres herunter, wobei sie erkannte wodurch der Koloss so plötzlich sein Leben gelassen hatte. Die Keule steckte in seiner Kehle. Das hätte jedes Untier getötet.

„Setz dich erst mal hin, du bist ja ganz kaputt!“, meinte der Rotschopf frech. Das Mädchen schüttelte den Kopf: „Ich kann nicht, ich brauche die Blume!“

„Schon gut, schon gut, ich besorg' sie dir ja!“, winkte der wilde Junge ab und sprang gleich darauf noch höher den Berg hinauf. Dem Mädchen wurde schnell klar, dass sie es allein niemals geschafft hätte hierher zu kommen und noch weniger hätte sie es geschafft gegen dieses Ungetüm allein zu kämpfen. Die Götter mussten ihr diesen merkwürdigen Jungen geschickt haben.

Kintarou machte sich geschwind auf den Weg zum nächsten, breiteren Felsvorsprung der viel weiter oben lag als die Bärenhöhle. Es war erstaunlich, dass in solch einer Höhe noch eine Pflanze wachsen konnte. Zehn der blauen Blumen pflückte er dem Mädchen, so dass es keine zehn Minuten dauerte bis er wieder bei ihr war.

„So und jetz' will ich kein Geplärre hören, hast du verstanden?“, wollte der Junge wissen und nahm seine zukünftige Braut huckepack. Widerwillig, aber doch einsichtig hielt Shion sich fest, denn ihr Körper sehnte sich nach einer langen, gedehnten Pause. So sprang der kräftige Kintarou von Stein zu Stein und als die Baumkronen näher kam, benutzte er die gewohnte Abkürzung zurück zum See.

„Kintarou-san, hab vielen Dank!“

„Ach was, das war du nix“, entgegnete er mit einem Grinsen, „Aber du warst auch mutig, wirklich!“

Shion lächelte: „Nein um ehrlich zu sein, hatte ich die ganze Zeit Angst. Ich bin eben kein Junge.“

„Das hat damit nichts zutun, du hast einfach ein viel zu behütetes Leben“, antwortete Kintarou und ließ das Mädchen am Ufer von seinem Rücken runter. Er sammelte ein paar große Blätter von den Grünpflanzen, die ringsum wuchsen und befeuchtete diese mit dem klaren, kühlen Wasser.

„Halt jetz' still, das kann etwas wehtun“, wante der Junge, worauf er Shions Wunde auswusch. Es brannte und zog in dem Arm des Mädchen, aber sie biss die Zähne zusammen, so dass nur ein paar Laute aus ihrem Munde kamen.

„Mädchen dürfen Schmerzen haben“

„Aber ich mag jetzt nicht schwach sein“, widersprach das Mädchen mit einem leichten Lächeln.

„Ich bring dich nachher zum Rand des Waldes, dann kommst du schnell nach Haus“, meinte Kintarou worauf er sich noch ein wenig in die Sonne setzte, „Wie machen wir das nun eigentlich? Wenn wir heiraten, soll ich in dein Dorf kommen?“

„Du musst in meinem Dorf bei meinem Vater um meine Hand anhalten, aber denk dran, was ich von dir verlange“, erklärte sie mit einem heiteren Lächeln und beobachtete ihren Retter dabei, wie er ein paar Fische auf dem Wasser fing und kurz darauf ein Feuer schürte um sie zu grillen. Zusammen verbrachten die beiden Kinder einige Stunden miteinander, bis der späte Nachmittag anbrach und Kintarou es für sehr viel angebrachter hielt Shion an den Waldrand zu begleiten, damit sie gut nach Hause kam. Die zehn Blumen, die er ihr gepflückt hatte, steckte er in einen provisorischen, kleinen Beutel, welchen er aus mehreren Blättern und Fischgräten zusammengebastelt hatte.

Die beiden verabschiedeten sich von einander und Kintarou versprach das beste aus den folgenden sieben Jahren zu machen, damit er eines Tages in Shions Dorf gehen konnte um sie zu heiraten.
 

Es war erst spät am Abend, der Mond stand bereits hoch am Himmel, als der quirlige Junge die Tür der Hütte aufstieß. Die Yamauba bekam einen furchtbaren Schrecken. Wie jedes Mal, wenn ihr Adoptivsohn unerwartet mit der Tür ins Haus fiel.

„Omi, Omi!! Hör mal was ich heute gemacht hab! Ich hab mich verlobt!“, quakte der aufgeregte Junge und hüpfte im Kreis um seine Großmutter herum. Die Yamauba sah dem Kind eine Weile zu, bevor sie ihn am Arm festhielt und mit ernstem Ton fragte: „Du hast dich verlobt? Doch wohl mit keinem Kitsune* Youkai, oder?“

„Nein, mit einem Mädchen!“, erklärte der Junge mit einem breiten Grinsen, welches beinahe so breit wie dass seiner hässlichen Großmutter wurde. Beim Abendessen, das die Yamauba in weiser Voraussicht zubereitet hatte, berichtete Kintarou von dem was er am Tag alles erlebt hatte. Von Shion und dass er mit ihr ausgemacht hatte sich in sieben Jahren wieder zu treffen um zu heiraten. Doch sein rätselndes Gesicht verriet der Yamauba, dass er noch etwas auf dem Herzen hatte: „Was hast du denn mein Kleiner. Beschäftigt dich noch etwas?“

„Ja sag mal, Omi. Was ist ehrenhaft?“, fragte er schließlich und sah seine Großmutter mit großen, kindlichen Augen an.

„Ehrenhaft, ja? Das ist bei den Menschen ein großer Krieger, der gute Dinge tut. Du hast doch bestimmt schon mal einen Samurai im Wald gesehen. Solche Männer sind ehrenhaft. Warum möchtest du das denn wissen?“

„Na weil Shion meinte, sie mag einen Mann haben, der auch Ehre im Leibe hat. Sie mag keinen unhöflichen Mann, sagte sie.“

Die Yamauba konnte sich nicht beherrschen und gab ein lautes Lachen von sich: „Ich habe doch schon immer gesagt, dass du irgendwann zu den Menschen gehen musst. So will es wohl das Schicksal, dass du irgendwann in die weite Welt hinausziehst und Samurai wirst.“

So ganz konnte Kintarou immer noch nicht verstehen, was seine Großmutter damit sagen wollte, aber für heute war es wohl in Ordnung nicht alles sofort zu kapieren.
 

~Ende~
 

Wortliste:

Heian-kyou = die damalige Hauptstadt die heute als Kyouto bekannt ist

Youkai = ein anderes Wort für Mononoke, ein magisches Wesen, meist ein Tier das auch merkmale eines Menschen aufweist

Oni = ein Ogre oder Dämon in Japan, eher von boshafter Natur

Kitsune Youkai = Fuchs-Youkai

Das Mädchen mit der Katze

Es regnete Bindfäden vom pechschwarzen Himmel. Lediglich das Prasseln der schweren Wassertropfen auf die in der Nacht schwarz gewordenen Blättern und das dumpfe Geräusch von schwerer Hufe auf Waldboden drang durch die Dunkelheit. Das Regenwasser peitschte der Frau mittleren Alters um die Ohren und einige Haarsträhnen klebten ihr triefend nass auf der Stirn, so dass ihr ab und an doch ein kalter Regentropfen ins Auge rollte und ihr die Sicht noch mehr vernebelte. Die Frau mit dem langen, schwarzen Haar kümmerte sich jedoch nicht um das schlechte Wetter, denn sie war gerufen worden um ihr Geschäft nachzugehen. Mitten in der Nacht war ein noch junger Lehrling des Handwerkers im Dorf herbeigeeilt und hatte wie wild mit der geballten Hand an die dünne Holztür des Schreins geschlagen. Donnernd drangen die Schläge in das Innere des Schreingebäudes und weckte die Hüterin aus tiefem Schlaf.

Man berichtete ihr, dass in einer Hütte am Rande des Dorfes Schreckensschreie zu hören waren. So markerschütternd und schrill, dass es wohl nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Die Miko nickte und verschloss die Türe. Sie war noch nicht ganz aus dem Land der Träume zurückgekehrt als sie sich den roten Hakama und das weiße Oberteil wieder überstreifte nachdem sie ihr Nachtgewand abgelegt hatte. Nun sah sie beinahe wieder so perfekt aus wie immer. Sogleich machte sie sich auf den Weg in das Dorf, während sie sich fragte ob man einen Krieger rief, der sich um ein irdisches Geschehen kümmerte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass man sie fälschlicher Weise aus dem Bett trieb.

Ohne weitere Informationen war sie losgeritten, denn sie war sich dem Ort des Vergehens schon bewusst. Am Rande des Dorfes lebten die Burakumin, die Menschen, die unreinen Arbeiten nachgingen und kein Recht darauf hatten sich frei im Dorf zu bewegen oder in den gewöhnlichen Shintouschreinen und buddhistischen Tempeln zu beten und den Göttern Genüge zutun.

Das Ziel der Miko war ein bestimmtes Haus, welches im hintersten Teil des Dorfes lag.

Eilig brachte sie ihr braunes Pferd zum Stehen. Fest umklammerte sie eine Kette an der einige weiße Perlen befestigt waren. Ein Gerät mit dessen Hilfe sie Exorzismus und Geisterbeschwörung betreiben konnte. Als die Frau von ihrem Pferd stieg tätschelte sie kurz den Hals des Tieres, band es allerdings nicht fest. Ihr treuer Freund würde auf sie warten, das wusste sie. Für sie selbst war es ebenso sicherer das Reittier nicht anzubinden, denn sie wusste noch immer nicht, was sie in dem Haus erwartete. Zu ihrem Überraschen aber stand die Tür zu der kleinen Hütte weit offen. Zu weit.

Alles was davor zu sehen war, waren matschige Pfotenabdrücke eines kleinen Vierbeiners, der Größe nach zu urteilen waren es wahrscheinlich die einer Katze.
 

Als die Miko eintrat, gab es keine Lichtquelle im Haus. Wenn wenigstens der Mond geschienen hätte, wäre ihr sicher ein wenig Licht gespendet worden. Im Gang standen zwei paar Schuhe ordentlich platziert und neben ihnen verliefen die Tatzen, schmutzig und feucht klebten sie auf dem Boden. Nun würde die Miko sicherlich noch einiges mehr an Wasser mit ins Haus bringen, allerdings war es so still, dass die Frau fast vermutete, dass es verlassen war.

Hieß es nicht, dass es schreckliche Schreie in dieser Hütte gab?

Es war zu still für den Geschmack der heiligen Frau. Wagemutig ging sie jedoch weiter ins Innere hinein und langsam überkam die geistliche Frau ein kalter, unheimlicher Schauer. Im Aufenthaltszimmer, in dem man normalerweise Tee und Speisen zu sich nahm und munter miteinander plauderten, waren Tische und die Innenausstattung umgeworfen. Dem kleinen, quadratischen Holztisch fehlte sogar ein Bein. Die kleinen Sitzkissen waren entzwei gerissen und an den Schiebewänden waren die Spuren von Krallen zu sehen. Lange, breite Schlitze hatten den leichten Papierstoff zerkratzt.

In diesem Haus war eindeutig etwas geschehen.

Vorsichtig und behutsam setzte die Miko einen Schritt vor den nächsten. Im Augenblick war noch alles still, allerdings konnte man nie wissen, hinter welcher Ecke und vor allem wann sich wohl ein verrückt gewordener Kerl zeigte, der so von Wahnsinn befallen war und sofort mit spitzer Klinge zustechen wollte. Die Frau spürte ihr Herz deutlich in ihrer Brust schlagen, noch nie war ihr ein Haus so gruselig vorgekommen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie die dunklen Schatten der alltäglichsten Dinge bei Nacht so düster erlebt.

Ein Scharren war zu hören. Die Frau erschrak, worauf sie sich hinter dem nächstbesten Gegenstand der groß genug war verstecken wollte, jedoch rutschte ihr rechter Fuß aus worauf die Miko den Halt verlor und mit einem lauten Poltern rücklings zu Boden fiel und mit dem Kopf hart auf den Holzboden aufkam. Einen Augenblick lang musste sie Luft holen und sich entspannen. Anscheinend hatte sie sich nichts ernsthaftes getan, aber in ihrem Schädel dröhnte der Aufprall ziemlich heftig nach. Wäre es nicht so düster gewesen, hätte sie gesehen das irgendetwas auf dem Boden gewesen war. Die Frau setzte sich auf und ging auf allen Vieren um herauszufinden worauf sie ausgerutscht war. Ihre Finger tasteten den Boden ab, so lange bis sie auf etwas klebriges. schmieriges traf. Wieder wünschte sie sich auch nur ein bisschen Licht, egal woher es kam. Mit bloßem Auge konnte die Hüterin des Schreins nicht erkennen um was es sich handelte. Sie zerrieb die klebrige, dickflüssige Masse zwischen zwei Fingern, bis sie sich zu kleinen Brocken verhärtet hatte. Waghalsig probierte sie etwas davon mit der Zunge um herauszufinden um was für eine Substanz es sich wohl handelte.

Der Geschmack ließ die Frau erzittern. Es war ein scharfer Geschmack von Eisen, der ihr sogleich durch und durch ging. Der Geschmack, der sich in ihrem Mund ausbreitete war widerwertig. Ekel stieg in ihrem Hals auf. Sie war auf Blut ausgerutscht. Als die Miko die Hand ausstreckte um zu sehen ob sich noch mehr Lebenssaft auf dem Holzboden ausgebreitet hatte, überkam sie ein weiterer Gräuel. Sie war nicht durch einen kleinen Fleck gestürzt, vor ihr erstreckte sich eine gewaltige Blutlache.

Der blasse Ekel kam in der Hüterin auf. Ein Würgereiz brachte sie dazu erstickte, aber gut vernehmbare Laute von sich zu geben. Sicher war dies ein Fehler, doch sie konnte sich nicht beherrschen.

Ein Keuchen war plötzlich zu hören.

Sie wusste ganz genau, dass sie nicht keuchte. Sie wollte ihren Mageninhalt einfach nur loswerden, sie unterlag noch immer Würgereizen, doch sie keuchte nicht. Auf diese angestrengten, auf eine Weise ängstlich klingenden Laute, gelang es der Frau langsam wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Das Keuchen wurde lauter, je stiller die Miko wurde.

„Hilf mir“, kam es aus der Wand neben ihr.

Ihr Atem beschleunigte sich wieder. Die Brust senkte und hob sich im rasenden Tempo. Sie drehte den Kopf zur Seite. Es war nur eine Wand, doch was war dahinter? Das Keuchen, weinerliche fiepende Töne kamen daher.Als Miko durfte sie keine Furcht zeigen, sie musste sich den übernatürlichen Dingen dieses Lebens stellen. Warum sonst war sie als Miko in Verbindung mit den Göttern? Die Frau rang kurz mit sich selbst. In ihrem Kopf ging sie die Möglichkeiten durch was nun geschehen könnte, was sich zutragen würde und welches Wesen sich hinter der Wand befand. Sie streckte zitternd ihre Hand aus und erkannte, dass es eine Schiebewand war, die den zertrümmerten Raum von einem kleinen Schrank trennte. Mit etwas mehr Erleichterung schob die Miko bewegliche Tür zur Seite. Es dauerte keine zwei Sekunden bis ein panischer Schrei ertönte, als die Wand nun endlich bei Seite geschoben wurde. Ein schwarzer Schatten raste auf die Hüterin des Schreins zu. Ein schmerzhafter Druck wurde auf ihre Magenkuhle ausgeübt. Wieder konnte sich die Frau nicht auf den eigenen Beinen halten. Sie stürzte von neuem zu Boden und auf ihr lag die schwere Last eines Wesens, das sie beinahe täglich grüßte. Ein junges Fräulein, welches rechtschaffend und freundlich war. Die Miko konnte immerhin schemenhaft die Silhouette des Mädchens erkennen und so konnte sie mit Gewissheit sagen, wer dieses verstörte Mädchen war. Panik war in ihrem Verhalten zu lesen, sie schnaufte und ächzte als wäre sie durch das ganze Land gelaufen. Die kalten, feuchten Finger legten sich schnell um den Hals der Miko.

„H-hör auf!“, krächzte sie, nachdem sie vor Schreck wieder zu etwas Luft kam, die der Frau jedoch gleich fester abgeschnürt wurde. Das Mädchen, welches schwer auf ihrem Körper wog wusste anscheinend nicht was sie tat. Sie war blind vor Panik geworden und würgte, sie gab nur verzweifelte, weinende Laute von sich und machte sich nichts aus dem Strampeln und Kämpfen der Miko. Es war ein unheimliches Gefühl scheinbar einen Strick um den Hals zu haben, der einem ganz langsam die Luft abschnürt. In ihrem Kopf breitete sich eine Leere aus. Sollte sie hier während eines Einsatzes sterben?

Nein, ganz sicher nicht.

Schon gar nicht von der Hand eines unschuldigen Mädchens. Die einzige Freundin der noch in der Hütte lebenden Tochter des Totengräbers. Die Miko nahm all ihre Kraft zusammen. Mit einem kräftigen Tritt gelang es ihr die junge Dame von sich zu werfen. Diese ging neben der Miko keuchend und wimmernd zu Boden, immer wieder flehend, dass die Miko sie bitte nicht töten, sondern ihr Leben verschonen möge.

„Ich töte dich nicht, ich bin es!“, kam es beruhigend von der Hüterin des Shintouschreins. Vorsichtig streichelte sie dem Fräulein durchs Haar: „Was ist geschehen?“

Sie erkannte wie sich die Augen des Mädchen langsam weiteten. Die Augen der Miko hatten sich nun endlich an die Dunkelheit gewöhnt, so dass es wesentlich leichter war etwas zu erkennen.

„Miko-sama...“, wimmerte sie, „S-sie... es-...“

„Sei ganz ruhig. Erzähl mir was passiert ist, sind die Unholde noch hier? Waren es Menschen?“

Es kam keine vernünftige Antwort des aufgelösten Mädchens von gerade sechzehn Jahren. Doch wies sie mit ihren schmalen, blutverschmierten Fingern in die Küche. Die Miko nickte und wies ihr mit einer stummen Handbewegung sich still in diesem Raum aufzuhalten und auf gar keinen Fall irgendwo anders hinzugehen. Sie überließ der Eingeschüchterten ein kleines Stoffsäckchen, auf dem schützende Kanji gestickt waren. Sofort presste das Mädchen das kleine Omamori an ihre Brust. Die Miko machte sich auf den Weg in die Richtung, in die das Mädchen gezeigt hatte.
 

Vorsichtig schlich sich die Frau zur Küche hinüber. Dieses Mal umging sie die weitläufige Blutlache, so dass ihr nicht wieder ein Missgeschick geschah. Die Tür zur Küche stand nur einen Spalt weit offen, wobei es schwierig war das das angetrocknete Blut noch zu umgehen. Mit einem leichten tritt mit dem Fuß bewegte sich die Tür und gewährte der Frau den gesamten Einblick in den Raum des Schreckens.

Sie sog mit einem Zischen etwas Luft durch ihre Vorderzähne ein.

Der Anblick der sich ihr bot war grausam. Wieder erfasste der Schrecken die Miko. Noch nie hatte sie so etwas im wahren Leben gesehen. Der Hausherr lag ausgestreckt am Boden, in der Hand hatte er noch immer ein kleines Beil, dessen silbernes Eisen ebenfalls von Blut verschmiert war, doch das war nicht das, was die Frau am meisten beunruhigte. Viel mehr war das es Miauen der Katze, die auf dem toten Körper des Totengräbers saß und sich genüsslich die Pfoten schleckte. Für wenige Sekunden traute sich die Frau auf den Boden zu sehen. Die Katze, deren Spuren zuvor noch matschigen Schmutz mit sich getragen hatte, hinterließ in der Küche nur noch blutige Abdrücke.

Die glühenden, grünen Augen des Haustieres erfassten nun die Miko. Sie fauchte wütend, wobei ihre Zähne aufblitzten und die Frau sofort erkennen konnten, dass im Maul und im Fell der Katze Fleischfetzen und Blut festhingen. Das Tier machte einen wütenden Buckel als Warnung, ihr Schwanz peitschte hin und her. Nun hieß es gut auf sich Acht zu geben, denn mit solchen Kreaturen war nicht zu spaßen. Die Frau war sich sicher, das irgendetwas mit der Katze nicht stimmen konnte.

„Kätzchen“, eine Stimme ertönte im Dunkel, „Komm zu mir, Kätzchen.“

Die Katze antwortete mit einem friedlichen Miau und lief in die Richtung, aus der die Stimme kam. Vor Überraschung weiteten sich die Augen der Miko. Während sie der Katze mit den Augen folgte, fiel ihr auf, dass diese zwei Schwänze hatte und auf eine weiß leuchtende Gestalt zulief. Eine junge Frau, wie die Miko feststellte. Eine junge Frau die sie gut kannte. Es war die Tochter des Hausherren und wie üblich lächelte sie liebevoll, wenn sie mit ihrer treuen, alten Katze umging.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war die Miko Zeugin eines solch übernatürlichen Erlebnisses. Die Katze hatte sich über die Jahre in eine Nekomata entwickelt. Eine Katze mit zwei Schwänzen, die nun den Haushalt des Totengräbers terrorisierte. Doch der Grund erschloss sich der Miko noch nicht.

„Tu der Miko-sama nichts, sie ist so ein liebenswürdiger Mensch“, sprach die junge Frau mit sanfter Stimme und kraulte ihr Haustier hinter dem Ohr, ein klares, glückliches Lachen war zu vernehmen, „Jetzt lauert keine Gefahr mehr für uns, Kätzchen.“

Die Miko war verwirrt, sie traute sich kaum die Stimme zu erheben, doch als ob jemand die Kontrolle über sie erlangte, hörte sie sich selbst fragen: „Was ist geschehen?“

Unaufgefordert wandte sich nun die Hauskatze wieder der Miko zu und gab ein leises Mauzen von sich. Die beiden Schwänze des nun mehr hässlichen Tieres bewegten sich, rieben leicht aneinander, wobei die Miko sofort ahnte was jeden Moment geschehen würde. Die Katze, die nun eine Nekomata war, bediente sich ihrer Magie und die Hüterin des Schreins ließ es zu. Sie wehrte sich nicht gegen die aufkommende Illusion des Wesens.
 

Es war an einem bewölkten Tag, unten am See als das Mädchen des Hauses die Wäsche wusch und wie es üblich war, traf man sie nie ohne ihre alte Katze an. An jenem Tag war das Fell der noch gewöhnlichen Hauskatze, dessen Schwanz sich erst langsam zu einem zweiten Aufspalten wollte, noch glänzend und schwarz. Kein Tropfen Blut war darin zu erkennen.

Die Miko selbst sah sich nun als die Tochter des Totengräbers, die brav war und ihrem geliebten Vater im Haushalt half. Bis ein Mann erschien und ihr die Hand reichte, welche die Miko, oder besser gesagt die brave Maid ergriff. Die Worte die, die beiden wechselten kamen automatisch, wie in einer Erinnerung. Es waren liebevolle, zärtliche Worte zwischen ihr und dem Sohn des Schlachters gewesen. Sie hatte sich tatsächlich in einen anderen Mann aus der Burakumin verliebt und war bereit ihr ganzes Leben in der Gesellschaft für ausgestoßene zu verbringen.

Im nächsten Moment änderte sich die Szene und das junge Mädchen ging Heim zu ihrem Vater. Dieser wartete bereits mit strengem Blick und ehe die Tochter es sich versah, spürte sie auch schon die starke Faust ihres Vaters. Die Wucht des Schlages ließ das Mädchen den Halt verlieren und sie stürzte zu Boden. Fragend blickte sie zu ihrem Vater hinauf, die Hauskatze kam herbei gelaufen und wollte ihrem Frauchen wohl zu Hilfe eilen, denn die Miko spürte wie es ihr plötzlich etwas wohler ums Herz wurde.

Hasserfüllt sprach der Vater zu der am Boden liegenden Tochter. Er hatte mitbekommen, dass der Sohn des Schlachters das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und sie sich nicht einmal dazu verpflichtet fühlte in eine bessere Schicht einzuheiraten und einen neuen Namen anzunehmen, damit der Status der Familie ein wenig stieg. Das Bitten und das Flehen um Verständnis verhallte ungehört. Noch nie hatte das brave Mädchen ihren Vater so kalt erlebt. Er war oft sehr streng gewesen, doch da sie es gewöhnt war, hatte sie sich niemals beklagt. Mit kleinen Schritten ging der Totengräber auf seine Tochter zu, in seiner Hand lag das selbe kleine Beil, das der Mann schon in der Küche fest hielt.

Er holte mit einem kräftigen Ruck aus. Das Mädchen, zu verängstigt und in Schrecken versetzt war nicht in der Lage derartig schnell die Flucht zu ergreifen, so rappelte sie sich auf um so schnell wie ihre Beine sie trugen Land zu gewinnen.

Doch es war vergebens.

Ihr Versuch scheiterte.

Die Miko schrie auf. Sie spürte für einen kurzen Moment die schwere, eiserne Klinge in ihrem Rücken, die sich tief in ihr Fleisch bis hindurch zu ihrer Lunge bohrte. Danach spürte die Miko nichts mehr, auch das liebe Kind schien nichts mehr zu merken, ein Lächeln breitete sich auf dem sanften Gesicht aus. Sie tat ihren letzten Atemzug und landete mit einem plumpen, dumpfen Geräusch auf dem Boden.

So sehr die Miko sich auch wünschte, dass die Erinnerung der Nekomata bald vorbei sein möge, wurden ihr die folgenden Einblicke nicht verwehrt. Der Vater nahm einen Spaten zur Hand und den leblosen Körper seine Tochter über die Schulter, in den naheliegenden Wald. Niemand hatte etwas bemerkt oder geahnt, denn man ignorierte die Existenz der Burakumin. Die treue Katze folgte dem Mann und beobachtete das Geschehen. Während sie dem Herrn nachging spaltete sich ihr Schwanz gänzlich in zwei und schlich weiter, bis der Totengräber bei einer Lichtung zum Stehen kam. Er hob ein Grab aus, so tief es sein musste, doch wurde er kurz daran gehindert den Leichnam seiner Tochter in das finstere Loch zu werfen und dann achtlos mit feuchter Erde zu bedecken. Die alte Katze, die sich nun zur Nekomata entwickelt hatte, sprang dem Mann ins Genick und versuchte ihn mit Krallen und Zähnen davon abzubringen seiner Tochter ein so schäbiges Begräbnis zu verschaffen. Der verbitterte Totengräber aber riss das Tier aus seinem Nacken heraus, jedoch nicht ohne, dass sich die Krallen des Tieres tief in sein Fleisch bohrten und ihm blutige Wunden bescherten. Mit einem wütenden, schmerzerfüllten Schrei entfernte er die Nekomata und ließ sie zornig auf den Boden fallen. So einfach wollte er sich von seinem Tun nicht abbringen lassen. Als die Katze seiner Tochter ein weiteres Mal versuchte dem Handeln ein Ende zu bereiten, griff der großgewachsene Mann zu seinem Spaten und schlug ihn der Katze um die Ohren.
 

Der Atem der Miko ging schnell, als sie aus dem Traum der Erinnerung wiederkehrte. Die Nekomata mauzte leise. Sie war durch ihre Magie wieder von den Toten erstanden und hat ebenso die kürzlich Verstorbene für eine kurze Zeit zurückgeholt, um sich an dem ungerechten Vater zu rächen.

Kein Wunder, dass die Freundin des Mädchens so verstört war. Wie konnte man anders reagieren, wenn man nicht mit den schrecklichsten Seiten des Lebens vertraut war?

Ein Blick durch die Dunkelheit verriet der Miko, dass der Geist des Mädchens zufrieden war. Sie saß so süß lächelnd, wie in der Sekunde ihres Todes auf einer Kiste neben der Kochstelle. Die Nekomata auf ihrem Schoß schnurrte ebenso zufrieden, doch mussten sie sich nun für immer trennen, denn die Miko ging ihrer heiligen Arbeit nach die Geister zu den Kami zurückzuschicken.
 

~Ende~



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