Kapitel 1
Zunächst stand er einfach nur da. Und Naruto wusste nicht, was er tun sollte, außer auf die dunkle Silhouette zu starren. Doch dann bewegte sie sich, kam näher und die starke Präsenz der ihm so bekannten Person war wie eine Welle, die ihn überflutete, ihm die Luft zum Atmen raubte. Er öffnete den Mund, versuchte Wörter zu formen doch seine Zunge war schwer wie Blei.
Er war nicht darauf vorbereitet. Nicht jetzt! Nicht nachdem er erst vor zwei Sekunden aufgewacht ist, nur mit Shorts und seiner Schlafmütze (eine Angewohnheit, von der er nicht los kam) gekleidet. Sein Gehirn schlief noch immer, seine Sicht war verschwommen und in seinem Mund war dieser abartige Geschmack, den er immer kurz nach dem Aufstehen hatte. Er wollte Zähne putzen, sich duschen und anziehen. Er war verdammt nochmal nicht darauf vorbereitet!
Die Person bewegte sich erneut, näherte sich weiter bis ein schwarzer Schatten auf den halb sitzenden, halb liegenden Ninja fiel.
Naruto konnte die Mimik des anderen im Dunkeln nicht erkennen. Aber als er das Geräusch von schabendem Metall hörte, spannte sich sein Körper automatisch an, um sich selbst zu verteidigen.
„Rühr nur einen Finger und du bist tot!“ Die Stimme war ein tiefes Grollen und doch war sie ruhig und gleichgültig. Naruto schluckte. Sein Mund war immer noch trocken, doch die bekannte Stimme erlöste seine Zunge aus der Starre.
„Was tust du hier?“
Der andere Mann machte ein Geräusch, was ein Kichern hätte sein können, doch es war so leblos, dass Narutos Blut nahezu gefror.
Kalter Stahl berührte seine Kehle und der blonde Ninja realisierte, dass das vorherige Metall-Geräusch von einem Katana stammte. Er spürte seinen eigenen Puls, als das Schwert gegen seinen Hals gepresst wurde.
„Keine Begrüßung? Nicht einmal ein Lächeln für einen 'alten Freund'?“
Das Katana wurde ruckartig zurückgezogen und hinterließ einen tiefen Kratzer, Blut tropfte in seinen Schoß, aber es war ihm egal. Sein Kopf zersprang fast bei der Suche nach einer Antwort wie er aus dieser vertrackten Situation wieder herauskommen würde. Er versuchte seine Lippen zu befeuchten bevor er wieder die Stimme erhob.
„Ich frage nur noch einmal: Was zur Hölle tust du hier, Sasuke?“
Ein erneutes Schaben ließ Naruto erahnen, dass das Katana zurück in seiner Scheide war und unbeabsichtigt atmete er mit einem leisen „Phew“ aus.
„Oh, du hast mich also erkannt. Beeindruckend.“
„Verarsch mich nicht, Arschloch!“ Er war nicht in der Stimmung für Sasukes Spielchen und würde Schlaf dem ganzen vorziehen, doch eine kleine Stimme in seinem Ohr sagte ihm, dass dies noch einen lange Nacht werden würde.
Sein ehemaliger Teamkamerade bewegte sich geräuschlos und suchte sich einen Stuhl zum Setzen. Naruto konnte immer noch nur seine Silhouette sehen, seine Augen waren nachts noch nie sehr gut gewesen, aber er war sich der vorangegangenen Warnung bewusst und versuchte es deshalb noch nicht einmal das Licht anzumachen. So blieb er in seinem Bett sitzen und wartete auf einen Antwort.
Es folgte ein langer Moment Stille.
Kurz bevor Naruto im Sitzen einschlief, hörte er wie Sasuke tief einatmete. Seine Muskeln spannten sich an, bereit für einen Kampf, aber stattdessen...
„Ich habe Orochimaru getötet.“
Narutos Augen weiteten sich. Er ließ seine angespannten Schultern sinken und starrte in die Dunkelheit, wartete auf eine Erklärung. Doch nichts geschah.
„Du hast Orochimaru getötet?“, wiederholte er.
Keine Antwort.
Nach einem erneuten, langen Moment von absoluter Stille war Bewegung zu hören und der Blonde vernahm Schritte in Richtung Tür. Innerhalb einer Sekunde sprang er aus dem Bett und stürzte zum Ausgang. Er würde Sasuke jetzt nicht fliehen lassen! Er wollte eine scheiß Erklärung für das ganze! Aber kurz bevor er nur in dessen nähe kommen konnte, hörte er ein Klicken und das Licht ging mit einem Flackern an.
Naruto stolperte als er ruckartig zum Stehen kam. Nachdem er einige Male geblinzelt hatte, damit sich seine Augen an das grelle Licht gewöhnen konnten, weiteten sich genau diese, diesmal in Schock.
„Ich stand auch meinem Bruder gegenüber.“ Die Stimme war unnatürlich leise und mit einem Hauch... Angst?
Naruto schluckte schwer, als er den dunkelhaarigen Ninja von oben nach unten anstarrte. So viel Blut! Die Klamotten waren bedeckt von Blut und Schlamm. Die rote Flüssigkeit tropfte von Armen, Beinen, Händen – überall! Sasuke war barfuß und Naruto sah dunkelrote Fußspuren über dem Boden verteilt. Aber der blutigste Teil seines Körpers war das Gesicht: schwarzes Haar klebte rot schimmernd an seiner Stirn; tiefe Schnittwunden auf Kinn, Wangen und Nase; schwarzes, getrocknetes Blut unter seinem linken Auge, welches geschlossen war. Naruto runzelte die Stirn und kam näher, eine Hand zum Gesicht des Schwarzhaarigen ausgestreckt. Er stoppte, prüfte Sasukes Reaktion, der sich aber nicht bewegte, und machte weiter bis er sanft die Augenbraue und die Haut um das geschlossene Auge berührte. Plötzlich schnappte er nach Luft.
„Ist es-?“ Er konnte die Frage nicht aussprechen.
Die Antwort war so Schrecken erregend, dass Naruto zurück stolperte.
„Ich habe es verloren.“
Kapitel 2
Sasuke konnte warme Hände auf seinen Schultern spüren, die ihn sanft auf einen Stuhl drückten. Er riss sich von ihnen los und blickte finster auf den Blonden vor ihm, blieb aber sitzen.
„Sei nicht so'n Arschloch, Teme! Ich helf ja nur. Erinnerst du dich? DU bist zu MIR gekommen.“
„Hn.“ Sasuke mied die blauen Augen und starrte auf den blutigen Boden.
Blutig. Rot tropfendes Blut. Und ein Schrei. Ein markerschütternder Schrei. Sein eigener schmerzerfüllter Schrei. Er kniff sein Auge zu und versuchte die in sein Gehirn eingebrannten Bilder zu vergessen, die Geräusche, den Schmerz. Versuchte einfach nur zu vergessen. Aber der Schmerz blieb, ein weiß brennendes Feuer hinter seinem linken Augenlid, das größer und größer wurde. Sasuke presste seine zitternden Hände auf sein Lid.
Es kann gar nicht mehr schmerzen. Weil da... nichts ist!
Angeekelt spürte er wie ihm die Galle hochkam und er würgte. Alles drehte sich weswegen er den senkte Kopf bis die Stirn seine Knie berührte. Er hyperventilierte und ihm war immer noch abartig schlecht.
Ein Eimer kam in sein Sichtfeld und er sah auf zu Narutos betroffenem Gesicht. Ohne zu protestieren packte er den Eimer und übergab sich in ihn. Sein ganzer Körper zitterte und sein Magen zog sich mit jedem Erbrechen schmerzhaft zusammen. Stille Tränen rannten seine rechte Wange hinab. Er fühlte sich so gedemütigt. Doch er würgte immer noch obwohl schon nichts mehr in seinem ganzen Körper zu sein schien – außer Schmerz.
Plötzlich streichelte eine warme Hand seinen Rücken. Sasuke erschauerte und sagte sich, dass es vom widerwärtigen Geschmack in seinem Mund kam. Sein Würgen stoppte langsam und doch liefen die Tränen weiter. Er wimmerte leise und fühlte, wie noch stärkere Schauer seinen Körper erfassten. Er wollte Naruto anschreien, ihn beleidigen, damit er von ihm abließ. Aber alles, was er tat, war wimmern und schlottern.
Nach einigen Minuten wurde Sasuke still. Seine Wunden im Gesicht brannten vom Salzwasser und sein übersäueter Magen zog sich zeitweise immer noch zusammen. Aber er blieb still.
Der Dunkelhaarige bemerkte kaum, dass der Eimer ihm entzogen wurde und zwei Hände ihn vorsichtig wieder aufrichteten. Er fühlte ein Handtuch an seinem Mund, doch sein Kopf verstand nicht, alles war leer, sogar der Schmerz war gegangen. Für Sasuke könnte es so für den Rest seines Lebens so bleiben...
„Du kannst in meinem Bett schlafen, aber erst will ich mir dein... Auge einmal ansehen.“, murmelte eine ihm bekannte Stimme, jedoch konnte er den Sprecher nicht zuordnen.
„Kannst du dein Lid öffnen?“ Die andere Person schnappte nach Luft, als er tat was ihm aufgetragen wurde. Sasuke fühlte erneut Schmerz und ballte seine Fäuste. Aber plötzlich wurde der Schmerz von einem warmen Gefühl überlagert und Sasuke seufzte dankbar.
„Ich bin kein medi-nin aber Sakura hat mich gelehrt Blutungen zu stoppen. Ich denke das wär's fürs erste.“
Sein linkes Auge wurde mitsamt seines halben Kopfes bandagiert. Danach half ihm ein starker Arm hoch. Er wurde zu einem Bett geführt und fiel auf die weiche Matratze.
„Schlaf, Sasuke.“ war das letzte was er hörte bevor ihn eine angenehme Dunkelheit empfing.
–
Naruto beobachtete Sasuke, als er die Augen schloss und augenblicklich einschlief. Für ein paar Momente stand er neben seinem Bett und hörte dem regelmäßigen Atem des dunkelhaarigen Ninjas zu. Schließlich ging er rasch in seine Küche.
Er öffnete den Wasserhahn und lauschte dem beruhigenden Geräusch von fließendem Wasser. Der Ninja hob seine Hände zu den Schläfen und massierte diese für kurze Zeit bis er mit den Finger durch seine blonden Strähnen fuhr. Ein tiefer Seufzer verließ seine Lippen. Sein Kopf fing schmerzhaft an zu pochen.
Was sollte er nun tun?
Sasukes Auge sah nicht gut aus. Natürlich nicht! Da war ein scheiß Loch wo eigentlich sein Auge hätte sein sollen! Fürs erste sollte es nicht mehr bluten aber ohne medizinische Aufsicht würde es sich entzünden und noch schlimmer werden.
Aber er konnte ihn nicht zu Tsunade bringen. Sie würde ihn heilen, natürlich... wenn er sie fragen würde... vielleicht... Aber das schlechte an der Idee wäre, dass Sasuke sofort unter Arrest stehen würde. Oder sie würden ihn gleich... hinrich- Naruto biss sich auf die Zunge. Auf keinen Fall konnte er ihn in die Nähe der Ältesten lassen. Das wäre sein Tod.
Aber der Schwarzhaarige konnte auch nicht hier bleiben! Das wäre auf jeden Fall sein Tod. Naruto war nicht erfahren genug für medizinische Behandlung und die nötige Medizin fehlte ihm auch.
Es war ein beschissenes Dilemma.
Narutos Kopfschmerzen wurden schlimmer.
Er stellte den Wasserhahn aus. Verdammt, nun musste er pissen.
Nachdem er sich erleichtert hatte, ging er zurück in sein Schlafzimmer, suchte sich eine Jogginghose, da er immer noch halb nackt umherlief, und setzte sich auf den Stuhl. Er starrte aus dem Fenster und bemerkte erstaunt, dass es immer noch dunkel war.
Die letzte halbe Stunde kam ihm vor wie ein Traum und nur Sasukes leises Atmen überzeugte ihn vom Gegenteil. Nach drei langen Jahren Kampf, Verfolgung, endlosem Umherwandern und an seine physischen wie mentalen Grenzen kommen, hatte Naruto ihn gefunden – nein, Sasuke hatte Naruto gefunden.
Seine Augen wanderten zurück zu dem schlafenden Ninja. Jaah, er hatte Naruto gefunden. Verletzt, verwirrt und... verzweifelt wie er war.
Die schreckliche Szene vor ein paar Minuten hatte Naruto gezeigt, wie gebrochen Sasuke wirklich war. Er hatte sich nicht einmal über das Streicheln aufgeregt! Sehr untypisch... Es waren nicht nur psychische Wunden. Vielleicht waren die geistigen sogar noch weit schlimmer.
Als er Sasuke beim Schlafen beobachtete, fühlte er das Bedürfnis seines Körpers für Erholung wieder in sich aufsteigen. Glücklicherweise hatte der Bastard einen ruhigen Schlaf und der Blonde würde nicht Mami nach einem Albtraum spielen müssen.
Als er schon fast eingeschlafen war, formte sich eine Idee in seinem Kopf: Sakura. Sie könnte helfen, sie würde. Warum hatte er nicht vorher an sie gedacht? Er würde gleich morgen früh zu ihr gehen müssen. Aber nun... erst schlafen...
…
Er war wirklich nicht darauf vorbereitet gewesen!