Marley's Geist
Wieder ein blöder Tag. Wieder ein Tag, an dem Ruki Scrooge seine schlechte Laune kundtun kann.
Er öffnet seine Fensterläden, nachdem er aus seinem Bett steigt.
„Fröhliche Weichnachten, Mister Scrooge!“, ruft die Frau von gegenüber hoch.
„Humbug!“, schreit Ruki zurück und macht das Fenster wieder zu. Es ist kalt draußen, denn es ist der 24. Dezember. Weihnachten. Ruki hält von solchem Unfug nichts. Er muss sich um wichtigere Dinge kümmern.
Immerhin leitet er nun seit sieben Jahren das Geschäft „Ruki and Marley“. Reita Marley, sein einziger Freund, starb damals an Weihnachten und Ruki bekam das Geschäft. Doch leider leitet er es nicht allein. Sein Angestellter, Miyavi Cratchit, ein durchgeknallter Typ, den er auch nur eingestellt hat, weil er nicht alles allein schafft.
Unten im Laden macht er alles zurecht und beginnt akribisch die Unterlagen des vergangenen Tages durchzugehen. Dabei bemerkt er nicht, dass Miyavi bereits im Laden ist. Er kommt nie zu spät, aus Angst, Ruki würde ihm das Gehalt noch mehr kürzen. Und angesichts dessen, dass er ja Vater eines Kindes mit extrem blödem Namen ist, kann er sich das nicht leisten.
„Guten Morgen, Mister Scrooge“, begrüßt er seinen Chef gutgelaunt.
„Mmh“, entgegnet Ruki. Er schaut weiter durch die Unterlagen, während sein Angestellter Kisten von einer Ecke des Zimmers in die andere schleppt.
„Heute ist Weihnachten. Feiern Sie mit ihrem Neffen zusammen?“, will der Verrückte wissen.
„Aber ab. Son Quatsch mache ich nicht mit!“, schimpft der Kleine.
„Das ist doch aber ein so schönes Fest. Und meine Frau wirft sich nur für mich so in Schale~“
„Mir doch egal! Erledige deine Aufgaben und dann ist gut!“
Ruki blättert weiter, während Miyavi mit traurigem Gesicht weiterarbeitet.
Der Tag geht rum und es ist Nachmittag um fünf.
„Hau jetzt ab. Ich muss mich hinlegen“, sagt Ruki und scheucht seinen Angestellten raus.
Noch bevor er die Tür richtig schließen kann, stehen zwei Typen vor ihm, die wie die Zeugen Jehovas aussehen.
„Guten Abend, Mister Scrooge. Wir möchten Sie wie jedes Jahr um eine Spende für das Armenhaus bitten“, beginnt der eine.
„Und ich sage wie jedes Jahr nein! Wann tun die Bälger denn mal was für mich? Die sollen sich gefälligst Arbeit suchen!“
Unfreundlicher denn je schiebt der kleine Griesgram die Männer wieder raus.
„So was freches. Einfach Geld von mir haben wollen… Als ob ich es so dicke hätte!“, schimpft er und geht hoch in sein Schlafzimmer.
Er braucht seinen Schlaf. Und da heut eh nix mehr los war, konnte er den Tag auch verschlafen.
Als er den Türknauf drehen will, bildet er sich ein, das Gesicht des verstorbenen Reita Marley zu sehen. Aber das ist eh alles Humbug.
Er öffnet die Tür und betritt sein Zimmer. Ruki geht zu seinem Bett und zieht sich um. Nachdem er in seinen schwarzen Pyjama geschlüpft ist, sucht er seine Schlafmaske und schiebt sie sich schon mal auf den Kopf. Jetzt noch schnell aufs Klo und dann ab ins Bett.
Doch als er ins Bad will, wird er von einem seltsamen Geräusch aufgehalten. Es klingt wie Kettenrasseln.
Ruki dreht sich um und erschreckt sich. Vor ihm schwebt Reita Marley, sein verstorbener Freund.
„Ruuuuukiiiii~ Hallöchen~“, begrüßt er ihn freundlich.
„Reita? Was machst du hier? Ich denke, du bist tot!“
„Hallo? Guck mich mal an.“
Ruki guckt durch Reita hindurch.
„Und? Was gemerkt?“
„Jaja. Also, was willst du Geist hier?“
„Äh…. Ach ja! Ich will dich warnen. Siehst du die Ketten?“
Ruki nickt. Lange schwere Ketten hängen Reita über den Schultern und sind auch um seinen Körper geschlungen.
„Diese Ketten sind entstanden, als ich damals mit dir arbeitete. Durch meine Geldgier und meine Zurückgezogenheit bin ich jetzt ein verfluchter Geist, der unter den Menschen wandeln muss. Ich hatte nur dich als Freund. Ach, ich vermiss dich~“
„Jetzt werde nicht sentimental“, ermahnt in Ruki.
„Aber wir haben doch immer so schöne Sachen zusammen gemacht~“
„Reita!“
„Schon gut. Also. Weiter im Text. Um dich herum wachsen ebensolche Ketten. Also ich meine, du hast schon welche und jetzt wind sie noch länger als diese hier.“ Reita klappert an den Ketten. „Du solltest dich lieber verändern, sonst erliegst du demselben Schicksal wie ich!“
„Noch was?“ Völlig unbeeindruckt lehnt Ruki an der Badtür.
„Äh…. Ja. Dich werden noch drei weitere Geister besuchen, die dich hoffentlich umstimmen werden. Und jetzt leb wohl, mein alter Freund!“
Damit löst sich Reita in Luft auf.
Ruki schüttelt den Kopf. So ein Unsinn. Geister gibt es nicht. Aber mit wem hat er denn grad geredet? Leicht verwirrt geht er pinkeln und dann ins Bett…
1. Strophe
Mitten in der Nacht wacht Ruki auf. Sein Hals ist trocken und so steht er auf, um sich ein Glas Wasser zu holen. Er nimmt eines aus dem Schrank neben seinem Bett und geht ins Bad. Nachdem er seinen Durst gestillt hat, will er sich wieder hinlegen. Doch abermals schwebt ihm was im Weg rum.
„Och Mann! Könnt ihr mich nicht mal in Ruhe lassen?“, wettert er rum.
Völlig unbeirrt stellt sich der Geist vor. „Ich bin der Kai der vergangenen Weihnacht!“
„Hallo, Kai. Und jetzt hau ab, Kai.“
Ruki geht einfach durch den Geist durch in Richtung seines Bettes.
„Hey! Ich tauch doch hier nicht ohne Grund auf, du Pfeife!“, ruft Kai ihm hinterher.
„Was willst du denn?!“
„Ich werde dir was zeigen.“
Kai ergreift doch tatsächlich Rukis Hand und auf einmal sind beide verschwunden.
Einen Augenblick später schweben beide über den Dächern der Stadt. Doch Ruki erkennt, dass etwas anders ist.
„Der Laden da hat doch schon vor fast einem Jahrhundert zugemacht!“, meint er und zeigt auf ein Lebensmittelgeschäft.
„Ja und klingelt’s jetzt bei dir?“, will Kai wissen.
„Du bist der Kai der vergangenen Weihnacht. Also ist das die Vergangenheit?“
„Hundert Punkte für den Kandidaten!“
Sie schweben weiter und gelangen an ein Haus. Es ist das Geburtshaus von Ruki. ‚Scrooge’ steht in großen und kalten Silberlettern an der Tür.
Die beiden gehen durch die Tür und man sieht einen Raum, in dem eine dreiköpfige Familie zu Abend isst. Unschwer erkennt man den kleinen Ruki, der an der Kopfseite des Tisches sitzt und ziemlich unglücklich wirkt.
„Ist nicht eigentlich Weihnachten?“, fragt der reale Ruki.
„Ja, aber wie du siehst, war auch dein Vater schon gegen dieses Fest“, erklärt Kai.
„Na toll. Wegen diesem Idioten bin ich also so scheiße drauf!“
„Nicht nur.“ Kai schwebt mit Ruki raus und die Zeit ändert sich. Man sieht klein-Ruki in der Schule. Er steht allein an der Wand des Schulgebäudes, während die anderen Kinder um ihn herum spielen und ausgelassen lachen.
„Ich hatte niemals Freunde…“
„Doch, Reita Marley. Aber den hast du ja durch deine Geldgier in den Tod getrieben!“
„Was? Er war genauso gierig wie ich. Ich habe ihn sicher nicht umgebracht.“
Ruki ist von dieser Anschuldigung mehr als empört. Er hat seinen einzigen Freund sehr gemocht und hätte ihm nie etwas angetan.
„Nun gut. Ich werde dir noch was zeigen.“
Die Zeit verändert sich wieder. Ruki ist in am Beginn seiner Karriere. Und er ist verliebt. Das junge Mädchen steht bei ihm im Laden, doch sie ist nicht glücklich. Die beiden streiten. Ruki hat ein Bündel Geldscheine in der Hand und scheint ihr klarmachen zu wollen, dass Geld das einzige ist, was man brauch. Die Frau scheint nicht der Ansicht zu sein. Mit Tränen in den Augen verlässt sie den Laden.
Auch der echte Ruki hat Tränen in den Augen. „Ich will wieder ins Bett“, gibt er dann mit scheinbar fester Stimme von sich.
Der Kai der vergangenen Weihnacht hat offensichtlich etwas Mitleid und somit gelangen beide wieder nach Hause. Ruki fällt sofort in den Schlaf, als er in seinem Bett liegt…
2. Strophe
Kurz vor Mitternacht, wacht Ruki wieder auf. Er hatte einen seltsamen Traum. Die Bilder aus seiner Vergangenheit schweben in seinem Schädel herum.
Er schwingt seine Beine aus dem Bett. Als er sich streckt, geht das Fenster auf und ein Windhauch lässt die Vorhänge flattern. Schnell steht er auf und macht das Fenster zu. Er bezahlt ja schließlich auch Heizkosten.
Er dreht sich um. „Das ist doch jetzt nicht wahr.“
Wieder ein Geist. Diesmal ein feminin wirkender und ziemlich großer.
„Jetzt schicken sie wohl schon Tunten“, stellt Ruki fest.
„Hey! Bist du doof? Ich bin ein voller Mann!“, wehrt sich der Geist. „Ich bin übrigens der Uruha der diesjährigen Weihnacht. Und meine Aufgabe ist es, dir mal zu zeigen, was du alles nicht erlebst.“
„Jaja, los geht’s. Ich hab langsam die Schnauze voll…“
Uruha nimmt ihn am Arm und schon schweben sie aus dem Fenster. Die erste Station ist das Haus von Miyavi Cratchit. Dort feiert der Bekloppte mit seiner Frau und seinem Kind Weihnachten.
„Fällt dir was auf?“, will Uruha wissen.
„Ja, das Kind scheint ziemlich behindert zu sein.“ Er meint damit, dass das Kind mit dem unsäglich doofen Namen zu klein geraten ist und schwer erkrankt ist.
„Ist es krank?“
Uruha nickt.
„Schwer?“
Wieder nicken.
„Wird er gesund?“
Kopfschütteln.
Ruki sieht sich das Kind weiter an. Miyavi nimmt es eben hoch und beide lachen, als der Vater das Kind etwas mit sich dreht. Sie spielen noch ein bisschen, dann nimmt er das Kind mit an den Tisch, wo er es auf seinen Stuhl setzt.
„Dann wollen wir mal anstoßen. Darauf, dass unser Kind wieder einen schönen Tag erleben durfte und darauf, dass Mister Scrooge mir noch nicht das Gehalt gekürzt hat!“, sagt Miyavi mit erhobenem Glas.
„Du stößt auf diesen Griesgram an?“, empört sich seine Frau.
„Aber Schatz. Er mag schon etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber immerhin bekomme ich noch Geld von ihm und das reicht aus, um uns über Wasser zu halten.“
Ruki ist berührt. Er glaubt gar nicht, wie sein Angestellter von ihm spricht. Niemals hat er erwartet, dass der Verrückte ihn so mag, obwohl Ruki immer scheiße unfreundlich ist.
Sie verlassen das Haus und wandeln durch die Straßen, wo Uruha ihm immer wieder die Wohnzimmer von kleinen und armen Familien zeigt, die trotzdem ein schönes Weihnachtsfest haben. Ruki hat die Schnauze voll und will wieder nach Hause.
Seufzend willigt der Geist ein und bringt Ruki nach Hause.
„Nun erwartet dich der dritte Geist. Also sei wachsam“, meint Uruha, bevor er verschwindet…
3. Strophe
Nach ein paar Minuten, die Ruki mit Nachdenken verbringt, erscheint ein weiterer Geist. Es ist ein Schwarzhaariger mit einer Kutte. Die Kapuze ist zurückgeschlagen.
„Und wer bist du?“, will Ruki wissen.
Der Geist sagt nichts, sondern hält nur ein Schild hoch. ‚Aoi der zukünftigen Weihnacht’.
„Na super. Aber dann ist endlich Schluss?“
Der Geist nickt.
„Na dann los…“
Der Geist führt Ruki durch die Straßen der Stadt. Alles wirkt kalt. Sie bleiben bei zwei Geschäftsmännern stehen, die sich unterhalten.
„Endlich ist der Alte tot. Das war ja nicht mehr auszuhalten.“
„Stimmt. So was Knauseriges habe ich noch nicht erlebt!“
„Der hatte so viel Geld, hat aber nie was abgegeben.“
Ruki und der Geist gehen weiter. Sie gelangen ins Armenviertel, wo ein kleiner schäbiger Laden von vielen Leuten mit diversen Waren besucht wird. Offensichtlich wollen sie das Zeug verkaufen.
„Schon wieder was aus dem Haus des Alten?“, fragt der Mann, dem der Laden offensichtlich gehört.
Die Frau, die Vorhänge in der Hand hat, nickt.
„Armes Schwein, was die da ausgeraubt haben. Der hatte aber schöne Vorhänge“, bemerkt Ruki nebenbei.
Der Geist schüttelt den Kopf. Weiter geht’s.
Diesmal kommen sie am Haus von Miyavi vorbei. Ruki will unbedingt einen Blick reinwerfen. Doch was er sieht, ist schon kacke. Miyavi und seine Frau stehen eng umschlungen vor dem Bett ihres Kindes. Und das Kind ist tot.
Ruki ist erschüttert und will weg.
„Was ist mit mir? Wo bin ich?“, will er wissen.
Aoi führt ihn weiter. Sie gelangen an den Friedhof. Ruki hat eine schlimme Vorahnung, der er aber nicht nachgeben will. Erst als der Geist vor einem Grabstein steht, wird alles klar.
Ruki starrt ungläubig auf den Grabstein. ‚Ruki Scrooge’ steht dort.
„Nein! Das ist nicht wahr!“, schreit er und bricht zusammen.
Im nächsten Augenblick ist der Aoi der zukünftigen Weihnacht verschwunden und Ruki liegt wieder im Bett…
Epilog
Mit einem sehr guten Gefühl erwacht Ruki am Morgen. Voller Elan steht er auf und reißt die Fenster auf. Den vorbeieilenden Jungen fragt er, welcher Tag heute ist.
„Na Weihnachten!“, ruft der zurück.
„Du gehst jetzt zum Fleischer und kaufst hiervon den größten Truthahn, den sie dahaben! Den bringst du zu der Familie Cratchit, klar?“ Ruki wirft dem Jungen Geld zu und dieser nickt verwirrt.
Ruki knallt das Fenster wieder zu und zieht sich an. Er eilt hinunter und schnappt sich seinen Geldbeutel und rennt aus dem Haus. Er sucht die Männer, die wie die Zeugen Jehovas aussehen und gibt ihnen Geld für ihr Waisenhaus.
Schnell rennt er wieder zurück zu seinem Laden, der erst in einer halben Stunde aufmacht. Ruki will Miyavi erwischen, wie er zu spät kommt.
Und fünf Minuten vor Ladenöffnung taucht Miyavi auf. Pünktlich natürlich. Mit einer griesgrämigen Miene tritt Ruki hinter dem Tresen hervor.
„Du bist zu spät!“, mault er ihn voll.
„Was? Aber ich… ich musste mich noch um mein Kind kümmern…“
„Das ist keine Entschuldigung!“
Und so weiter. Nach drei Minuten des Zusammenstauchens hört Ruki auf.
„Was ich noch sagen wollte… Fröhliche Weihnachten, Miyavi!“, löst der Kleine die Situation.
Völlig baff schaut Miyavi seinen Arbeitgeber an.
„Und ich erhöhe dein Gehalt, damit dein Kind eine bessere Versorgung erhält.“
Miyavi kann einfach nicht glauben, was in Ruki gefahren ist. Doch er freut sich.
„Kommen Sie doch nachher mit zu mir und wir feiern zusammen.“
„Warum nicht gleich jetzt?“, fragt Ruki, schnappt sich seinen Mantel und schiebt Miyavi raus, damit er den Laden schließen kann.
„Aber Ihre Einkünfte…“
„Wegen einem Tag werde ich schon nich pleite gehen“, versichert ihm Ruki.
Bei Miyavis Haus angekommen, erwartet ihn seine Frau schon ziemlich verwirrt.
„Was machst du denn hier? Musst du nicht arbeiten? Oder ist dein Chef schon tot?“
„Nein, ist er nicht. Ich habe ihn mitgebracht, damit er mit uns Weihnachten feiert.“
Ruki, der über diese dämliche Bemerkung von MYVs Frau hinwegsieht, tritt hervor.
„Wo ist denn euer kleines Kind?“, will er wissen.
Die Frau zeigt erschrocken in die Ecke, wo der Kamin steht. Während sie und Miyavi sich um den eigenartigen Truthahn kümmern, den ein Junge brachte, geht Ruki zu dem Kind.
„Hallo, Kleiner. Kennst du mich?“
Das Kind schüttelt den Kopf.
„Ich bin Ruki Scrooge und ab heute mag ich Weihnachten. Deswegen schenke ich dir das Geld hier. Damit darfst du dir kaufen, was du willst. Aber heb lieber noch etwas auf, dann kannst du dir auch Medikamente leisten.“
Das Kind versteht natürlich nur Bahnhof, denn es ist auch geistig ziemlich hinterher.
Und so feiert Ruki am Ende mit seinem Angestellten das erste richtige Weihnachten seines Lebens…