Your Guardian Angel
Geraume Zeit schon stand Sanji hinter dem Türrahmen, der zur Kombüse führte und beobachtete Nami. Jedes Mal, wenn er sie sah, schlug sein Herz schneller. Egal ob sie traurig war und heimlich bittere Tränen verdrückte oder ob sie, so wie in diesem Moment leise vor sich hin lachte, allein ihr Anblick genügt, um ihm den Verstand zu rauben.
Ja, er liebte die Frauen, jedenfalls die schönen Frauen, aber die orangehaarige Navigatorin hatte ihm sein Herz geraubt. Kein anderes weibliches Wesen, das in den letzten Jahren seinen Weg gekreuzt hatte, war wie sie, nicht Prinzessin Vivi, nicht die Archäologin Nico Robin, auch wenn er für beide definitiv etwas empfand, war es bei keiner so wie bei Nami. Es war… ja, am ehesten freundschaftliche Liebe.
Oft stand er einfach nur da und sah sie an, betrachtete ihr Gesicht, ihre Augen, die Art, wie sie gestikulierte oder Ruffy zusammenstauchte. Er sah hinter ihre Fassade, sah, wenn sie ihre Trauer hinter einem Lächeln verbarg. In solchen Momenten konnte der Koch seine Tränen nicht unterdrücken, auch in diesem Moment rollte eine einsame Träne seine Wange herunter.
Er sah es als seine Pflicht an, sie von ihren traurigen Gedanken abzulenken und aus diesem Grund trat er aus seinem Versteck hervor und setzte ein breites Lächeln auf.
„Nami-San! Ich habe hier einen wunderbaren neuen Cocktail für dich, den musst du unbedingt probieren.“ Mit einer formvollendeten Verbeugung stellte er das Glas vor ihr ab und gab ihr einen Handkuss. „Er heißt Königin der Welt und ist nach dir benannt, mein Herz!“
„Danke, Sanji.“ Da war es wieder, dieses leichte Lächeln, das er so liebte. „Hm, schmeckt gut.“
„Oh! Das freut mich, Nami-San!“ Herzförmiger Rauch stieg von seiner Zigarette hoch. „Wenn du noch irgendwas brauchst, dann ru ̴ huf mich, mein Schatz. Das gilt natürlich auch für dich, Robin-Chan.“
Rückwärts tänzelnd zog er sich wieder in die Kombüse zurück, um das Abendessen vorzubereiten, doch er war einfach nicht bei der Sache.
Nicht nur Nami, nein, die ganze Crew war in letzter Zeit nicht so fröhlich, wie es den Anschein hatte. Ganz im Gegenteil: Hinter ihrer Fassade verbarg sich eine tiefe Trauer, die keiner vollkommen verbergen konnte.
Sanji nahm es immer und immer wieder von seinem verborgenen Beobachtungsposten wahr.
Ruffy, der geistesabwesend vor sich hinangelte.
Lysop, der Tage lang am gleichen Stück Holz schnitzte, so dass fast nichts mehr übrig war.
Nami, die heimlich in der Nacht weinte.
Chopper, der geistig immer wieder abschweifte und minutenlang nicht auf Fragen reagiert.
Franky, dem anscheinend nicht mal seine heißgeliebte Cola richtig schmecken wollte.
Brook, der völlig geistesabwesend traurige Melodien anstimmte.
Robin. Sie hatte es wohl am Schlimmsten getroffen, war da doch mehr zwischen ihr und diesem vermaledeiten Schwertkämpfer gewesen. Trotzdem ließ sie sich am Wenigsten anmerken.
Und er selbst? Ja, auch er vermisste den Schwerterheini, selbst wenn er es ungern zugab. Jeden Abend bevor er schlafen ging, setzte er sich an den Küchentisch, trank einen Krug Bier und bedachte den Grünkohl mit wüsten Beschimpfungen.
Sanji wusste, er hätte Zorro helfen können, doch der hatte ihn nicht gelassen, er hatte ihn weggestoßen, hatte ihn in diese elende Ohnmacht geschickt. Das würde er ihm nie verzeihen, denn zusammen hätten sie Kuma besiegt.
Wütend rammte er seine Faust gegen die Wand und legte die Karotten beiseite. Heute würde das Abendessen warten müssen, er konnte sich einfach nicht auf die sonst so beruhigende Arbeit konzentrieren. Die Erinnerung übermannte ihn einfach und zog ihn mit sich.
„Sanji?“ Erschrocken sah der Angesprochene auf und blickte direkt in die fragenden braunen Augen seiner angebeteten Navigatorin.
„Oh, Nami-San, entschuldige bitte, ich war wohl etwas abwesend gerade“, stellte er verlegen fest.
„Das habe ich gemerkt. Ich hab dich über fünf Mal gerufen und du hast nicht reagiert.“
„Oh… Das tut mir Leid, wirklich Leid.“
„Ist alles in Ordnung? Soll ich Chopper holen?“, fragte sie sicherheitshalber nach, obwohl sie die Antwort schon kannte.
Schweigend schüttelte Sanji den Kopf und sah auf seine von der Wand malträtierte Hand.
„Ich kann es einfach nicht vergessen“, flüsterte Nami leise, „Keiner kann das, oder?“
„Alle vermissen ihn, er war ein Teil der Crew.“
„Er war unser Freund.“
„Für Robin war er mehr als das, oder?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Und er war ein Dickschädel.“ Mit fahrigen Händen zündete der Koch sich eine neue Zigarette an.
„Eigentlich kriege ich immer noch Geld von ihm.“
„Blöder Marimo.“
„Wenn ich ihm in der Hölle wieder begegne, dann will ich alles von ihm zurück, dazu einen höllisch hohen Zinssatz.“
Sanji musste lachen, die Vorstellung hatte durchaus etwas.
„Weißt du was?“, fuhr Nami fort, „Wenn er jetzt leben würde, dann würde ich ihm die Zinsen erlassen…“
„Du vermisst ihn, oder?“
„Du etwa nicht?“
„Na ja, mir fehlen die Streitereien und die Beleidigungen. Was ist mit dir?“ Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
„Er war für mich… wie ein Bruder. Er, Ruffy, Lysop, sie sind wie Geschwister für mich. Außerdem konnte ich ihn immer gut übers Ohr hauen, wenn es ums Geld ging.“
„Ein Bruder…“
„Ja. Er war der große Bruder, der auf mich geschaut hat, Ruffy und Lysop sind eher wie jüngere Brüder, auf die ich aufpassen muss.“ Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht.
„Nami?“
„Was ist?“
„Ich werde dich beschützen, für immer.“
„Das weiß ich, Sanji.“ Die Navigatorin stand auf und lächelte ihm traurig zu. „Ich geh wieder an Deck. Ach ja, ich sollte dir eigentlich noch von Ruffy ausrichten, dass er Hunger hat.“
Als sie zur Tür ging, blieb Sanji sitzen und sah auf den Tisch.
„Nami?“
„Ja?“ Erwartungsvoll drehte sie sich um.
„Was bin ich für dich?“
„Bitte?“
„Wenn Zorro wie ein Bruder für dich war, Lysop und Ruffy ebenfalls, was bin ich dann für dich?“
Die einzige Antwort war Schweigen.
„Was bin ich? Ein Freund, ein guter Freund, ein Verehrer oder vielleicht eher eine Art Diener?“
„Nein!“, stieß sie heftig hervor. „Nein, nein und noch mal nein.“
„Was dann?“ Er drehte sich um und sah ihr direkt in ihre wunderschönen Augen.
„Du bist kein Diener oder nur ein Verehrer.“
„Also nur ein Freund?“
„Nein, Sanji, ich… du bist mehr als ein Freund für mich.“
„Sag Ruffy, dass das Essen in zehn Minuten fertig ist und dass er sich die Hände waschen soll.“ Er stand auf und kehrte an seinen Herd zurück.
„Sanji…“
„Ich liebe dich, Nami, das weißt du.“ Liebevoll lächelte er sie an, wandte sich dann aber seinen Töpfen und Pfannen zu. „Und ich werde immer für dich da sein.“
„Ja, ich weiß.“
Roses on my Grave
Robin stand auf einer Klippe, unweit von der Thousand Sunny entfernt und sah auf das blaue, ruhige Meer hinab. In ihrer Hand hielt sie eine einzelne blutrote Rose.
Sie wusste, dass ihre Freunde sie beobachteten, doch sie wusste auch, dass sie alle Zeit der Welt hatte.
„Dein Grab ist unendlich groß und weit, aber das hast du dir doch sicher gewünscht, oder, Herr Schwertkämpfer?“
Die Archäologin atmete tief ein und drückte die Rose an ihr Herz.
„Sie können es immer noch nicht verstehen, sie werden noch lange um dich trauern. Der Herr Koch ist wütend, ich denke mal, du weißt, warum. Wenn ihr euch eines Tages wiedersehen werdet, dann wird er seine Rache sicher bekommen.“
Die Gischt schlug an den Fuß der Klippen, so als wollte sie ihre Zustimmung geben.
„Du fehlst der gesamten Crew, dein Tod hat ein Loch in ihre Mitte gerissen, sie vermissen dich und versuchen es zu verstecken. Es ist interessant zu sehen, wie sie sich zwischen Trauer und Unverständnis entscheiden und doch immer wieder schwanken. Am Schlimmsten ist es für unseren Kapitän und den Herrn Koch. Beide geben sich die Schuld an deinem Tod.“
Der Wind wehte ihr die langen Haare ins Gesicht, verdeckte die Augen, die von den Tränen glitzerten.
„Dabei bist du doch eigentlich selbst Schuld, oder? Du hattest die besten Freunde der Welt, die ihr Leben für dich gegeben hätten und hast doch allein gekämpft. Ironischerweise hast du für sie gekämpft, doch sie hatten keine Chance dir zu helfen.“
Ein Dorn hinterließ einen kleinen Schnitt, doch Robin achtete nicht auf den Tropfen Blut, der auf den Boden fiel.
„Keiner konnte sich von dir verabschieden, denn als sie erwachten, warst du schon tot. Hast du gesehen, wie sie geschrien, getobt und getrauert haben? Wenn ja, hattest du wenigstens ein schlechtes Gewissen?“
Sie betrachtete die Blütenblätter der Rose.
„Blutrot, so wie der Boden um dich herum. Ein grausamer Anblick, der schon von weitem die grausame Wahrheit verkündet hat.“
Einen Moment lang schloss die Archäologin die Augen, bevor sie wieder auf das Meer blickte.
„Ein schönes Grab hast du. Eines Tages möchte ich es mit dir teilen, mein Zuhause wird zu meinem Grab, ist das nicht poetisch? Nicht nur sie vermissen dich, nicht nur sie trauern um dich, nicht nur ihnen fehlt der Abschied von dir.“
Eine Träne fiel auf den Boden, vermischte sich mit der Erde und dem Blut.
„Du warst noch so jung, so voller Leben. Ich vermisse dich.“
Sie hob die Rose hoch, hielt sie direkt über den sanften Wellen unter ihr.
„Lebe Wohl, Lorenor Zorro.“
Mit diesen Worten ließ sie die Rose auf das unendlich weite Grab des Schwertkämpfers fallen und wandte sich dann ab.
„Wir sehen uns wieder.“