Warum?
Ich hatte dich lange nicht gesehen, als mein Vater plötzlich weinend ins Wohnzimmer kam.
Ich hatte ihn noch nie heulen gesehen.
Er setzte sich neben mich aufs Sofa und murmelte etwas davon, dass du einen schweren Unfall gehabt hättest und im Koma liegen würdest.
Mit der Zeit bekam ich genauere Hinweise.
Dein Freund, der auf dem Beifahresitz gesessen hatte, war noch an der Unfallstelle gestorben.
In diesem Moment wurde mir zum ersten mal klar, wie sehr ich dich gemocht hatte.
Und dann, nur einen Tag nach der Beerdigung deines Freundes rief unser Onkel an:
"Lukas ist gestorben!"
Ich konnte mir das nicht vorstellen, begann zu weinen und beruhigte mich nur schwer wieder.
Zwei Tage später fuhren wir zu euch, um mit der ganzen Familie einen Rosenkranz für dich zu beten.
Am Abend gingen wir auf den Friedhof, wo ich dich in der Leichenhalle noch einmal sehen durfte.
Seit diesem Moment brach meine Welt für die nächsten paar Tage zusammen. Mir war nur noch schlecht, aber ich konnte noch essen. Auch den anderen ging es nicht gut.
Und dann kam der Mittwoch, nach dem Freitag an dem du gestorben warst: Deine Beerdigung.
Ich sollte mit allen anderen Cousins und Cousinen neben dem Sarg laufen und das tat ich auch. Es fiel mir schwer, denn auch die Messe war sehr traurig gewesen und ich konnte mich nur mit Mühe zusammenreißen.
Soviel wie an diesem Tag hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht geweint. Und alle Tränen waren für dich!
Wir lieben dich alle immer noch und wollen dich niemals vergessen, Lukas, glaub mir das! Glaub mir das bitte!
Es waren so viele Leute da, dass die Blumen, die sie deinem Sarg hinterherwarfen über den Grabesrand schauten. So viele!
Ich weiß nicht, ob du das gesehen hast, oder ob du mich gerade jetzt siehst, wo ich das runterschreibe, aber ich hoffe es! Ich hoffe du weißt, wie sehr ich dich immer bewundert habe. Du sahst gut aus, warst nett, klug und.....ein Draufgänger. Aber genau das hat dich so sympathisch gemacht.
Die einzige Frage in allen Köpfen derer, die dich gekannt haben ist: WARUM?
Und meine zweite ist: Warum bist du zu schnell gefahren?
In Liebe
Warum ich noch ein zweites Kapitel für dich schreibe, Lukas?
Aus Liebe zu dir!
Wie du weißt bin ich der Ansicht, dass jeder Mensch auf seine Weise perfekt ist. Du warst das auch. Du hättest nicht besser sein können, nicht liebenswürdiger.
Deshalb hat diese FF mehr als ein Kapitel.
Und das nur aus Liebe!
Ich glaube nicht, dass der Text sehr gelungen ist, oder dass du ihn lesen kannst von dort oben, wo du jetzt hoffentlich bist. Aber wenn, dann sollst du wissen, dass ich mir sehr viel Mühe deinetwegen mache um niederzuschreiben, wie wichtig du mir warst.
Ich weiß nicht, was ich noch alles schreiben soll, aber eins weiß ich: Egal was passiert, ich hab dich immer noch lieb und das wird auch auf ewig so bleiben!
In meiner Erinnerung bist du immer noch lebendig, sogar sehr. Und damit endet dieses Kapitel, weil mir nicht einfällt, wie ich dich noch weiter ehren soll...
Eine kleine Geschichte für dich...
In einem dunklen Wald,
die Tannenspitzen weis,
war ein Mädchen, noch nicht alt,
dass zitterte in der Welt aus Eis.
Leah: Ich friere, friere, friere,
in der weiten Welt aus Eis
und hoffe, dass ich nicht verliere,
bei meiner Suche, denn ich weiß,
dass wenn ich erneut versage,
meine Beine aufhören,
und alle Welt weiß, dass ich's wage,
ich hör' das Dammwild in der Ferne röhren.
Ist das dort vorne eine Schlucht?
Hilfe, ich bin gestolpert!
Der Sturz trifft mich mit voller Wucht,
was ist das, was da in mir holpert?
Der Boden kommt mir immer näher,
ich bekomme Angst,
ich hoffe, du bist mir ein Späher,
ich hoffe, dass du um mich bangst.
Kapitel 1
Ich weiß, dass ich noch nicht wirklich zu Rande gekommen bin, darum fange ich jetzt mit der eigentlichen Geschichte an...
Die Totenfänger, erzählt man sich, sind ein altes Volk, das beinahe komplett ausgestorben ist. Es gibt nur noch wenige von ihnen und die Meisten wissen nicht mal von ihrer Gabe, unerlöste Seelen sehen zu können.
Im Gegensatz zu mir. Ich musste das schmerzlich erfahren. Ich heiße Leah, bin 16 Jahre alt und habe vor zwei Jahren herausgefunden, dass ich vom Volk der Totenfänger stamme.
Meine Vorfahren wurden gehasst, man hat sie als Hexen und Hexer verbrannt, verbannt und aufgehängt.
Zum Glück ist der Aberglaube mittlerweile nicht mehr so stark vorhanden, wie früher, aber auch heute habe ich noch ein Problem: den Nazismus.
Ich bin Jüdin, auch wenn mich meine Religion nicht sonderlich interessiert, habe ich oft zu spüren bekommen, dass ich nicht wie die anderen bin.
Und auch jetzt, wo alle von meiner Gabe wissen, habe ich es nicht leicht.
Als meine Eltern vor zwei Jahren bei einem Autounfall umkamen (bei dem auch ich im Auto saß) habe ich ihre Seelen gesehen. Sie blieben noch eine ganze Woche bei mir, zeigten mir, wie man Milchreis kochte und sahen mir bei den Hausaufgaben über die Schulter, so verrückt das jetzt auch klingen mag.
Doch dann hat man sie ins Totenreich geholt und genau das ist meine Geschichte: Die Suche nach dieser anderen Welt.
Vor dem Waisenhaus bin ich geflüchtet.
Ich lebe im Wald, aber niemals irgendwo fest, sondern mal hier, mal dort.
So ist das mit mir.
Ich reise alleine durch die Gegend und Suche das Totenreich um meine Eltern zurückzuholen.
Denn durch alte Bücher, das Internet und ein paar andere Quellen, habe ich erfahren, dass es den Totenfängern möglich war, die andere Welt zu betreten.
In den Geschichten erzählt man sich von einem langen, dunklen Nichts oder einem schier ewigen Sturz mit weicher Handlung. Ob es jemals einer wieder zurück geschafft hat?
Na klar, woher kämen denn sonst die Aufzeichnungen?
Meine eigentliche Suche begann erst vor einem halben Jahr.
Ich fand dieses Buch auf dem Dachboden eines verlassenen Hauses, das mitten im Wald stand.
Ich hatte einen Unterschlupf für die Nacht gebraucht und war hineingegangen.
Auf dem Dachboden hatte ich mein Lager ausgebreitet, falls doch Leute hier wohnten und nach Hause kämen.
Ich hatte mich in meinen Schlafsack gewickelt und war schon fast eingeschlafen, als mir plötzlich etwas auf den Kopf fiel. Benommen hatte ich mich aufgerichtet und das seltsame, schwere Ding aufgehoben.
Es war ein uraltes Buch, das mir jedoch so bekannt vorgekommen war, dass ich es zuerst von mir wegschleuderte.
Letztendlich hatte doch meine Neugier gesiegt und ich war hingeschlichen und hatte es aufgeschlagen.
Die Seiten waren in einer mir unbekannten Sprache geschrieben und doch war es, als ob ich alles verstehen könnte, was dort stand.
In der selben Nacht noch hatte ich meine Sachen zusammengeräumt und war aus dem unheimlich Haus geflüchtet - mit dem Buch unterm Arm.
Nur die Hälfte des Buches war beschrieben gewesen, die anderen Seiten waren leer und schnell begann ich zu begreifen, was das bedeutete: Ich sollte die Schrift weiterführen!
Es war ein Manuskript der alten Totenfänger und auf der letzten beschriebenen Seite stand mein Name...mein Name und eine Forderung in der anderen Sprache.
Ich konnte sie nicht lesen, sie nicht aussprechen, sie nicht denken, nur verstehen.
Sie befahl mir: Schreib mich zu Ende!
Kann man sich so etwas überhaupt vorstellen? Eine Sprache, die man nicht lesen, sprechen, hören oder denken kann und sie dennoch versteht? Ich weiß es nicht. Die einzige Tatsche, die ich noch weiß, ist meine Existenz. Meine Existenz und meine Bestimmung: Ich muss das Totenreich finden!
Kapitel 2
Nacht
Stille, kalte Nacht
dunkel...
dunkel...
Es war schweinekalt, als ich durch den Wald rannte, das Buch unterm Arm und die Hoffnung ins Gesicht geschrieben. Meine Gedanken kreisten nur noch um das Totenreich. Ich musste es finden. Ich würde es betreten und meine Eltern zurückholen! Ich würde es schaffen. Nein, ich musste es schaffen! Egal, ob ich wieder herauskam. Ich wollte bei meiner Mutter sein, meinen Vater sehen. Ich wollte zu ihnen, koste es, was es wolle!
Ich konnte immer noch nicht einsehen, dass mir die einzigen Menschen, die ich je geliebt habe genommen worden waren. Ich konnte es nicht und es war mir auch gleich. Ich würde erst Ruhen, wenn ich wieder in den Armen meiner Eltern lag.
Mama, Papa, wo seid ihr?!
Ich musste sie finden! Ich musste einfach!
Als die Sonne aufging, lag ich auf dem Boden und über das Buch gebeugt.
Ich musste einen schrecklichen Anblick abgeben!
Meine Haare standen in alle Richtungen ab und waren durch und durch nass vom Morgentau. Genau wie meine Kleidung.
Mir war fürchterlich kalt!
Aber irgendwie war es mir egal. Selbst wenn ich diese Reise nicht überleben würde, es war egal.
So oder so, ich würde mein Ziel erreichen. Warum ich mir nicht einfach die Adern durchschnitt? Ich wusste es nicht.
Vielleicht hatte ich diese Welt trotz allem Elend, dass mir widerfahren war, doch noch nicht aufgegeben.
Sie war real und genau das brauchte ich. Ich musste mich an die Realität klammern um nicht gänzlich in Unwahrheiten, Lügen und Unerklärlichem zu versinken.