Ich stand hier und beobachtete Seto Kaiba beim Essen. Er aß so wie er sich gab. Kühl, fast schon distanziert betrachtete er das Koberind auf seinem Teller und zerteilte es schließlich mit der gewohnten Präzision eines Gehirnchirurgen. Dabei umgab den feinen Pinkel eine Aura der Arroganz, wie sie nur wenige andere Gäste hier in diesem Nobelrestaurant so natürlich ausstrahlten. Mokuba saß ihm gegenüber und wirkte seltsamer Weise ebenfalls nicht deplaziert in dieser Umgebung aus Silberbesteck und Seidenservietten. Er lebte anscheinend lange genug im Luxus, um sich darin wohl zu fühlen. Auch wenn ich wusste, dass der gute Moki genauso gern in einen stinknormalen Burger biss. Jemand legte mir die Hand auf die Schulter und zog mich zurück in den Treppenschacht, aus dessen Schatten ich die Beiden beobachtet hatte.
„Komm schon Joey, genug rumgestanden. Tisch Fünf wünscht sich Jakobsmuscheln auf Kartoffel-Erdbeerpüree mit Hummerschaum. Das Püree ist deine Aufgabe“, wies mich Takahiro an und betrat neben mir die Küche des Restaurants. Fast schien es unwirklich, hier zu stehen. Ich, der Straßenköter, hatte einmal in meinem Leben Glück gehabt. Diese Lehrstelle als Koch war mir, wie so vieles andere, überraschend angeboten worden. Damals hatte ich Takahiro, einen alten Freund von Yugis Großvater kennen gelernt und so diese Ausbildungsstelle ergattert.
Takahiro war Poissonnier, also für die Fischgerichte zuständig, und eine wahre Fundgrube an Wissen, welches er bereitwillig an mich weitergab. Natürlich hatte ich mich in den ersten Wochen meiner Ausbildung in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen gesetzt. Das war wohl meine Natur. Aber am Ende konnte ich einige dieser alten Säcke mit meiner guten Nase und meinem Geschmack überzeugen. Vielleicht kannte ich damals noch nicht den Namen jedes Gewürzes, das in meinem Essen landete, doch Kochen schien mir im Blut zu liegen. Und so kam es, dass ich heute hier stand und Kartoffel-Erdbeerpüree zubereite, während neben mir der Hummerschaum aus der Kühlkammer geholt wurde. Molekularküche war nicht mein Ding, aber dafür gab es schließlich auch schon genug Verantwortliche hier im Raum. Doch während ich das Püree weiter erhitzte, kehrten meine Gedanken wieder zu ein paar ganz bestimmten Gästen zurück. Seit drei Monaten hatte ich Kaiba nicht mehr gesehen, wenn man von Zeitungen und TV einmal absah.
Das letzte Mal waren wir uns auf unserem Abschlussball, ein hirnrissiges Event zu dem auch ich in einem geliehenen Anzug erscheinen musste, begegnet. Kaiba hatte diese Veranstaltung überraschenderweise ebenfalls mit seiner Anwesenheit beehrt. Alle anderen ließen sich von ihrer Familie feiern, während wir beide allein gekommen waren. Weder Serenity noch Mokuba war es wohl erlaubt worden, diese Veranstaltung zu besuchen. Und meinen Vater hätte ich selbst irgendwo angebunden, wenn ihm mein Leben nicht völlig egal gewesen wäre.
So stand ich damals am Buffet und holte mir ein weiteres Glas Bowle. Eigentlich sollte es eine alkoholfreie sein, aber die Getränke alkoholfrei zu halten, das war bisher noch keinem Jahrgang gelungen. Nicht, dass wir uns dabei besonders angestrengt hätten. Von der Bowle bereits etwas benebelt, machte ich mich schließlich wieder auf den Weg durch den Saal und suchte mir ein ruhiges Plätzchen. Thea weinte gerade bitterlich und wurde von Yugi mehr oder weniger freiwillig getröstet. Tristan und Duke klopften sich gegenseitig auf die Schulter, eine gemeinsame Motorradtour durch Japan planend. Und ich? Ich brauchte für einen Moment für mich.
„Kaum zu glauben, Geschwister werden abgewiesen, aber Straßenköter erhalten anscheinend Einlass.“ Ein paar Minuten Ruhe wären auch zu schön gewesen.
„Lass es, Kaiba. Ich durfte Serenity auch nicht mitbringen. Von daher sind wir beide am Arsch.“, erwiderte ich nur. Normalerweise hätte sein Kommentar mich wohl auf die Palme gebracht, aber heute war schließlich unser Abschlussball. Und wir fühlten uns anscheinend beide nicht gerade toll zwischen diesen ganzen Eltern-Schüler Gespannen. Nach einem weiteren Schluck aus meinem Bowleglas sah der Saal aber um einiges freundlicher aus. Kaiba kommentierte meine Antwort nur mit einem Hochziehen seiner rechten Augenbraue.
„Pass nur auf, dass dir dein Gesicht dabei nicht mal einfriert. Dann musste du ständig mit der Fresse rumlaufen!“ Nun bildete sich auch noch eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen. Ach, ich würde dieses Mienenspiel vermissen.
„Hast du den Alkohol in der Bowle nicht geschmeckt, Köter? Anscheinend bist du schon mehr als angetrunken“, erwiderte er schließlich und nahm mir das Glas aus der Hand.
„Es ist unser Abschlussball, Kaiba. Wann soll ich mich sonst vollkommen besaufen, wenn nicht heute? Schließlich warst du nicht der einzige, der daran gezweifelt hat, dass ich es bis hierher schaffe.“ Gegen Ende dieser Aussage starrte ich nur noch auf meine Schuhspitzen. Verdammt, wo war heute Abend mein Temperament geblieben? Ich benahm mich ja wie ein zahmer Schosshund. Aber auch er war ungewöhnlich defensiv. Mir behagte diese neue Stimmung zwischen uns nicht. Schließlich wusste ich, wie mit einem wütenden oder arroganten Kaiba umzugehen war. Doch dieser hier neben mir war weder das eine noch das andere wirklich. Hatte er sich etwa auch schon an der Bowle vergriffen?
„Du willst die Bowle doch nur für dich selbst. Gib sie mir zurück!“ Ok, zugegeben: Alkohol wirkte nicht gerade fördernd auf meinen Gleichgewichtssinn und der Raum fing sich bei meiner plötzlichen Bewegung an zu drehen, aber dass ich geradewegs in Kaiba fallen würde, war mir vorher nicht klar gewesen. Doch das Resultat blieb das gleiche. Ich fiel gegen Kaiba und krallte mich haltsuchend an seiner Anzugjacke fest. Er zuckte kurz zusammen, konnte sich aber an der Wand abstützen und bewahrte somit uns beide vor einer unschönen Bekanntschaft mit dem Parkettboden. Sein Anzug war natürlich aus dem besten Material. Es gab ein wenig nach unter meinen Händen, riss aber nicht. Dieses dunkelblaue Stück Stoff war sicherlich maßgeschneidert und teurer als drei meiner Monatsmieten zusammen. Aber hey, dafür hatte ich einen schwarzen Anzug, den sie zu Hochzeiten und Trauerfeiern, zu Taufen und Abschlussbällen gleichermaßen vermieten konnten. Das nannte ich mal einen Allrounder. Ich dachte also über den Anzug des Erzfeindes meiner Schulzeit nach, während keiner von uns den Versuch machte, den anderen auf Abstand zu bringen.
Mir stieg der leichte Geruch von Kaffee in die Nase, irgendeine Nobelmarke sicher, die Kaiba ständig trank. Der feine Pinkel war attraktiv, dass musste ich ihm lassen. Andere Kerle hatten keinen Effekt auf mich, und es gab wohl schlimmer Dinge, als auf Kaibas Körper zu stehen. Schließlich konnte ich mir bei ihm wenigstens sicher sein, dass daraus nie was werden würde, und es als eine kurzzeitige Geschmacksverirrung abtun. Warum er mich nicht wegstieß, wusste ich nicht. Vielleicht hatte Kaiba auch zuviel getrunken.
Plötzlich hörte ich, wie er das Bowleglas auf einem Tisch in Reichweite abstellte und mit beiden Händen meine Schultern packte. Doch anstatt mich nun schlussendlich abzuschütteln beugte er sich vor, bis sein Mund direkt neben meinem rechten Ohr war. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als würde er einmal bewusst einatmen, doch im nächsten machte sich bereits eine Gänsehaut auf meinem Körper breit und das Denken fiel mir deutlich schwerer.
„Ich habe nie daran gezweifelt“, murmelte er schließlich und wenige Augenblicke später fand ich mich doch noch auf dem Parkettboden wieder. Kaiba blickte noch einmal auf mich herab und verließ schließlich den Ball.
Während sich diese Erinnerung wie schon so oft in den letzten drei Monaten vor meinem geistigen Auge abspielte, bekam Tisch 5 sein Püree, Tisch 12 ein Teufelskopffilet und Tisch 3 einen Erdbeerkuchen. Doch Takahiro riss mich plötzlich aus den fast mechanischen Handgriffen.
„Hey Joey, aufgewacht. Tisch 7 will ein Schokoladeneis. Was meinst du, wollen wir ihnen nicht mal deine Kreation vorführen?“ Die Augen weit aufgerissen, drehte ich mich zu meinem Mentor um. Tisch 7 war Kaibas Tisch. Das Restaurant konnte sich nicht leisten, so einen guten Kunden zu vergraulen. Schon gar nicht, indem sie einen Lehrling an dessen Essen ließen.
„Jetzt schau nicht so, Junge. Dein Eis ist wirklich gut, dafür halte ich auch meinen Kopf hin.“, fuhr der Koch fort und schob mich bereits in Richtung Kühlkammer.
„Und nun lauf, wir wollen sie doch nicht warten lassen.“, scherzte er noch, und mehr brauchte es auch nicht. Ich sprintete durch die Kühltüren, riss dabei noch fast einen anderen Lehrling von den Füßen und war Sekunden später mit meinem Eis wieder zurück. Das Eis war mein ganzer Stolz. Ich liebte Schokoladeneis und hatte mehrere Wochen an der richtigen Rezeptur gefeilt. Doch war es kaibawürdig? Im nächsten Moment musste ich laut auflachen. Als ob Kaiba Schokoladeneis essen würde! Das Dessert war mit Sicherheit für Mokuba. Aber trotzdem wollte ich unbedingt wissen, wie mein Eis bei den beiden ankam. Nachdem es von den Kellnern abgeholt worden war, trugen mich meine Beine wie von selbst zurück in den Schatten der Küchentreppe. Von dort aus konnte ich Kaibas Tisch gut beobachten. Der gute Mokuba machte sich sofort über seinen Eisbecher her. Und es schien ihm wirklich gut zu schmecken. Sein Grinsen war ansteckend, und so verzog sich auch mein Mund zu einem zufriedenen Lächeln. Anscheinend war ich als Koch wirklich keine Niete.
Doch was war da los? Mokuba redete wie ein Wasserfall auf Kaiba ein. Was wollte der Knirps denn? Doch da bekam ich auch schon meine Antwort. Der kleine Wirbelwind schob eine weitere Portion des Eises auf seinen Löffel und hielt diesen seinem Bruder vor die Nase. Ich wollte verschwinden, und gleichzeitig nichts sehnlicher, als dass der personifizierte Kühlschrank mein Eis probierte. Kaiba schien keinen Hunger mehr zu haben, aber Mokuba konnte er wohl keinen Wunsch abschlagen. Seine Finger schlossen sich um den Löffel. Ich hielt den Atem an. Mir er kam es wie eine Ewigkeit vor bis das Eis schließlich zwischen seinen Lippen verschwand. Das war meine letzte Chance den Rückzug anzutreten, und seine Reaktion damit nicht mit ansehen zu müssen. Doch ich war kein Feigling. Zunächst schien sein Gesicht denselben gelangweilten Ausdruck beizubehalten, doch plötzlich schlossen sich seine Augen wie von selbst. Mein Herz setzte einen Schlag aus als ein fast schon genießerischer Zug auf sein Gesicht trat. Er mochte mein Eis. Er mochte mein Eis wirklich. Ich spürte, wie mein Grinsen immer größer wurde. Kaiba nickte seinem Bruder zu und sagte etwas, doch das war nicht mehr wichtig.
Wie auf Wolken lief ich zurück in die Küche und arbeitete den ganzen weiteren Abend mit einem fast debilen Grinsen auf dem Gesicht weiter.
Mein Weg zu Seto Kaiba führte anscheinend durch seinen Magen.
Ich stand zwischen Paprika und Blumenkohl und beobachtete Kaiba beim Einkaufen. Er kaufte genauso ein, wie er sich gab. Teuer, exklusiv und anspruchsvoll. In seinem Wagen befanden sich bereits handgemachte Bandnudeln aus Italien, eine Flasche bestes (50 Jahre altes) Olivenöl (bei dem er meiner Meinung nach den Namen gleich doppelt mitbezahlte) und Schabefleisch von besten argentinischen Rindern.
Doch wer im Glashaus saß, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Der Inhalt meines Einkaufswagens sollte sich etwa mit einer meiner Monatsmieten decken. Doch die Rechnung bezahlte ja das Restaurant und von diesen Zutaten würde auch nichts in meinem hungrigen Lehrlingsmagen landen. Takahiro hatte mich mal wieder losgeschickt, um letzte Zutaten für den Wochenendbetrieb zu besorgen, da uns der Lieferant mal wieder im Stich ließ. Eins musste man ihm aber lassen, die besten Trüffel und frischsten Fische waren immer rechtzeitig da, aber was Fleisch und Obst anging, hatte er anscheinend so seine Probleme. Also schickten mich die Küchenchefs mindestens einmal im Monat für einen Last-Minute Einkauf zum Großhandel von Domino, wo normalerweise nur Großbetriebe wie Restaurants und Zwischenhändler einkaufen durften. Was machte Kaiba dann eigentlich hier?
Neugierig, wie ich nun mal war, wurde mein Einkaufswagen als Deckung missbraucht und systematisch an den wandelnden Kühlschrank heran geschoben. Doch dieses Manöver wäre wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen. Ein Grinsen stahl sich bei diesem Anblick auf mein Gesicht. Der CEO der Kaiba Kooperation/reichste 19 Jähriger Japans/gefürchtete Verhandlungspartner stand vor einem Gemüseregal und sah sich mit anscheinend genau 20 von 21 angebotenen Tomatensorten zuviel konfrontiert. Inzwischen stand ich fast neben ihm und konnte deswegen einen Hauch Hilflosigkeit in seinem Blick erkennen, auch wenn er sich wie immer gut unter Kontrolle hatte. Aber nur wenige kannten ihn eben so gut wie ich. Dieser Anblick würde mich von jetzt an wohl genauso hartnäckig in meinen Tag- und Nachtträumen verfolgen wie sein dunkelblauer Seidenanzug und seine geschlossenen Augen beim Verspeisen meines Schokoladeneises. Als ob ich bisher nicht schon genug davon gehabt hätte. Doch bevor sich ein weiterer dieser Tagträume verselbstständigen konnte, bewegte sich Kaiba plötzlich. Da ihn das Anstarren des störrischen Nachtschattengewächses nicht weiterbrachte, hatte er sich anscheinend für die Kamikazemethode entschieden. Mit gewohntem Selbstbewusstsein griff er nach einem Bündel blankpolierter Strauchtomaten. Ein Anfängerfehler!
„Wenn die zu Tomatensoße werden sollen, wirst du mit denen nicht viel Freude haben. Nimm lieber die Fleischtomaten dort. Sehen zwar nicht so schick aus, schmecken aber gekocht viel besser.“ Bei diesen Worten nahm ich ihm die Tomaten aus der Hand und gab ihm dafür längliche Exemplare. Kaiba zuckte zusammen und schaute mich geschockt an. Anscheinend hatte der große CEO seinen Lieblingsköter, also mich, wirklich nicht bemerkt.
„Wheeler?“, fragte er fast schon perplex.
„Jap, life und in Farbe, Kaiba“, antwortete ich grinsend und trommelte mit den Fingern auf meinem Einkaufswagen herum. Verdammt, perplex oder nicht, Kaibas Augen gehörten wirklich verboten. Wie sollte ich mich bei diesem blau denn noch auf etwas anderes konzentrieren können?
„Was machst du hier, Köter?“, fragte er mich pampig, legte aber die von mir angebotenen Tomaten in seinen Wagen.
„Das könnte ich dich auch fragen, Geldsack.“, erwiderte ich fast schon aus Reflex. Obwohl meine Beleidigung bei weitem nicht mehr so hasserfüllt klang wie früher. Verdammt, diese ungesunde Anziehungskraft des Eiszapfens würde mich noch in Teufelsküche bringen. War ich nicht langsam zu alt für pubertäre Hormonschübe?
„Hast du vor, dich für die nächsten Jahre zu verschulden? Das Essen in deinem Wagen kannst du doch niemals bezahlen.“, erklärte er mir wieder völlig in seiner gewohnten, arroganten Art. Doch das hier war mein Revier, irgendwie jedenfalls. Und ich würde diesen Heimvorteil ausnutzen.
„Ich habe nicht vor, es zu bezahlen. Das macht das Restaurant für mich.“ Noch bevor der letzte Satz meinen Mund verlassen hatte, wurde mir mein Fehler klar. Wieso konnte ich meine verdammte Klappe nicht mal halten? Aber nein, ich wollte ihm ja unbedingt mal beweisen, dass er sich mit seinen Versagersprüchen geirrt hatte. Als ob Kaiba das irgendwann einsehen würde.
„Du bist Koch?“, schlussfolgerte mein Lieblingskühlschrank nach kurzem überlegen. Seine fast schon geschockt klingende Frage trieb mir ein Lächeln aufs Gesicht.
„Gut geraten Kaiba, aber nur 90 von 100 Punkten. Ich werde Koch, wenn alles gut läuft in 3 Jahren.“, war meine Antwort, da er es nun doch schon einmal herausgefunden hatte. Irgendwie war ich auf seine Reaktion gespannt. Und eine Reaktion bekam ich auch, fast postwendend.
„Was Töle, jemand ist so verrückt und lässt deine Hundepfoten an Kochtöpfe? Die armen Kunden. Wie viele haben sich denn schon über Hundehaare im Essen beschwert? Oder ist das so eine Art von Kneipe, in der deine Artgenossen sowieso auf dem Teller landen?“ Noch bevor er seine Schimpftriade beendet hatte, harkte etwas in meinem Kopf aus. Ich fühlte mich verletzt, wirklich verletzt, obwohl Kaiba mir schon viel schlimmere Dinge an den Kopf geworfen hatte, und wollte ihm einfach nur in die Fresse schlagen. Was sich mein krankes Gehirn für eine Antwort seinerseits ausgemalt hatte, wusste nicht einmal ich selbst. Aber diese Art von Ablehnung traf mich trotz aller Vorahnung überraschend. So unvorbereitet und berühmt für meine „zuerst reden, dann nachdenken“ Mentalität, packte ich Kaiba an seinem verdammten Mantelkragen.
„Mein Eis hat dir jedenfalls geschmeckt, arroganter Mistkerl.“, zischte ich ihm ins Ohr, und ließ den völlig erstarrten CEO im nächsten Moment wieder los, als hätte ich mich verbrannt. Heilige Scheiße, bloß weg hier! Warum konnte ich nicht einmal meine verdammte Klappe halten, nicht ein einziges Mal?
„Hey Joey, was für einen Zufall, dass wir dich hier treffen!“ Vereitelte ein kleiner Wirbelwind meinen spontanen Plan, Fersengeld zu geben, solange Kaiba sich anscheinend noch in einem Schockzustand befand. Mokuba war plötzlich aus einem der angrenzenden Gänge aufgetaucht.
„Hallo Mokuba, was machst du denn hier?“, versuchte ich mein Unbehagen zu überspielen.
„Naja einkaufen natürlich. Seto hat mir versprochen, dass wir morgen Mittag zusammen kochen, und hier gibt es nun mal die meiste Auswahl.“, plapperte der Kleine munter vor sich hin und ließ ein riesiges Packet besten Parmesans in Kaibas Einkaufswagen fallen.
„Du gehst mit Mokuba in den Großhandel einkaufen, wenn ihr zu zweit kochen wollt?“, fragte ich den seltsam ruhigen Eisklotz neben mir. Warum überraschte mich das Ganze eigentlich nicht? Für Kaiba war es wahrscheinlich ganz logisch dort einzukaufen, wo auch seine bevorzugten Restaurants und Privatköche ihre Zutaten besorgten. Logisch auf Kaibaart eben. Dieser Gedanke ließ mich lächeln, doch wenige Sekunden später fiel mir wieder siedendheiß ein, was vor wenigen Augenblicken hier passiert war. Das einzige, was mich jetzt vielleicht noch retten konnte, vor Kaibas Wutanfall oder Mokubas neugierigen Fragen, war ein taktischer Rückzug.
„Ok Mokuba, ich muss jetzt los. Bin spät dran. Viel Spaß beim Kochen! Tschau Kaiba.“ Und schon wetzte ich durch die Gänge davon. Soweit, so gut. Nun hieß es bloß noch so schnell wie möglich zurück zum Restaurant und beten, dass Kaiba sich nicht beim Chef für meinen Rauswurf aussprechen würde. Dann wäre ich echt geliefert.
Fast rechnete ich bereits damit, beim Betreten der Küche die Kündigung meines Ausbildungsvertrags vorgehalten zu bekommen. Doch nichts dergleichen geschah und die hektische Betriebsamkeit des Freitagabends tat ihr übriges, um mich von den heutigen Ereignissen abzulenken. Doch wieder einmal unterbrach Takahiro sicherlich wohlgemeint meine Arbeitsmechanik.
„Hey Kleiner, sieht so aus, als hättest du deinen ersten Fan gefunden. Rate mal, wer gerade seinen alten Tisch und explizit dasselbe Schokoladeneis wie letzte Woche verlangt hat!“ Das Wasser, welches ich gerade trank, fand seinen Weg postwendend zurück ins Freie, als ich röchelnd nach Atem rang.
„Kaiba?“, krächzte ich hustend und blickte meinen Mentor fast schon panisch an.
„Richtig geraten. Und nun beeil dich, er schien ziemlich ungeduldig. Eigentlich schade, wo man dein Eis doch wirklich genießen sollte.“ Aufmunternd klopfte Takahiro mir auf die Schulter und zog sich dann zurück, während ich mit zitternden Fingern eine einzelne Eiskugel meines Eises auf einem kleinen weißen Teller anrichtete. Was wollte Kaiba hier? Mich bloßstellen, rauswerfen lassen oder doch nur… mein Eis essen? Wie gern hätte ich mich bei diesem Gedanken selbst geschlagen. Natürlich Joey, ganz klar, wie geht es dir denn so in Fantasyland? Doch verdammt noch Mal, wenn er mich schon öffentlich demütigen würde, wollte ich wenigstens dabei sein. Ein kleiner, völlig abgedrehter und anscheinend unter Zuckerschock stehender Teil meines Gehirns hoffte dabei inständig, ihn noch mal mit Genuss essen zu sehen. Doch das würde Kaiba nicht tun, niemals, da er jetzt wusste, wer dieses Eis gemacht hatte. Takahiro ließ mich gehen, schließlich war Kaiba ein verdammt einflussreicher und guter Kunde. Das wäre für jeden Auszubildenden ein sicherer Joberhalt.
Nun stand ich also wieder hier, im Schatten der Küchentreppe, und hielt den Atem an. Kaiba saß vor seinem Teller wie ein Kaninchen vor der Schlange. Obwohl ich mir bei der Rollenverteilung nicht ganz so sicher sein konnte. Aber wenn, war Kaiba ein ganz schön selbstbewusstes und Furcht einflößendes Kaninchen. Schließlich wandte er seinen Blick von dem armen Teller ab und ließ ihn blitzschnell durch den Raum schweifen. Eindeutig Schlange. Und das Kaninchen war ich, wurde mir klar, als er mich bemerkte. Seine eisblauen Augen leuchteten fast schon schelmisch. Eine verdammt selbstbewusste Schlange, die wusste, dass ihr Kaninchen nicht mal weglaufen würde.
Sein Blick nagelte mich an Ort und Stelle fest, während Kaiba nach seinem Löffel griff und sich eine Portion Eis in den Mund schob. Seine Augenlider flatterten verdächtig, doch er behielt die Augen offen, auf mich gerichtet. Das Gesicht entspannt, wurde das Blau seiner Augen scheinbar ein paar Nuancen dunkler, als sich die kalte Masse in seinem Mund auflöste. Verdammt noch mal, fände ich ihn nicht schon verboten heiß, wäre es spätestens jetzt soweit. Was machte Kaiba da nur? Ich wollte wegsehen, mich sofort aus dem Staub machen, als Stück für Stück die Eiskugel verboten langsam und genussvoll in seinem Mund verschwand. Es trieb mir die Hitze ins Gesicht und meine Hände verkrampften sich in meiner weißen Schürze. Dieser Anblick verleitete mich zu allerlei beunruhigenden Gedanken und ich hatte Angst, eine von diesen in die Tat umzusetzen. Zum Beispiel fragte ich mich, ob ein Kuss Kaibas wohl im Moment mehr nach Schokolade oder Kaffee schmecken würde. Oder ob er sie mit dem gleichen Genuss auch von meinem Körper schlecken würde.
Es dauerte keine 2 Minuten, da war der Teller leer und auch der Löffel von letzten Eisresten mit der Zunge gesäubert. Erst jetzt traute ich mich, einen Blick in alle Richtungen zu riskieren. Anscheinend hatte keiner etwas mitbekommen, und die Kellnerinnen waren zum Glück in anderen Zimmern beschäftigt gewesen. Kaibas Tisch war einer für die besten Kunden, ruhig, abschieden und privat im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Plätze. Mein Herz hämmerte wie verrückt gegen meinen Brustkorb bei der Erinnerung an seine letzte Aktion. Dieses Szenario würde mich verfolgen, diese verdammten zwei Minuten würden sich in Endlosschleife in meinem Kopf festsetzen, um mich zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit wieder einzuholen. Scheiße Kaiba, wusstest du, was du da gerade angerichtet hattest?
Apropos Kaiba. Wo war der denn plötzlich abgeblieben? Sein Platz mit dem leeren Teller lag verwaist vor mir. Plötzlich wurde ich im Schatten des Treppenhauses gegen die Wand gepresst. Ein eisblaues Augenpaar musterte mich fast schon hungrig aus nächster Nähe, während seine Hände meine Schultern an der Wand hielten. Atmen oder Reden schien mir noch nie so unnötig die in diesem Moment.
„Gar nicht übel, Hündchen.“, murmelte Kaiba schließlich nur und leckte sich dabei noch einmal über die Lippen. Augenblicke später trat er zurück, hinterließ ein reichliches Trinkgeld auf dem Tisch und verließ das Restaurant. Ich stand noch eine ganze Weile völlig versteinert im Treppenhaus, bis ich mich mit weichen Knien wieder zurück in die Küche bewegte.
Kaibas Weg zu mir führte anscheinend ebenfalls durch seinen Magen.
Vielen Dank an xXMomokoXx und Miisha für ihre lieben Kommentare. Und auch an alle anderen Leser, denen ich damit hoffentlich ein kleines bisschen ihren Tag versüßen konnte.
Ich stand an der Spüle und wurde von Kaiba beim Abwaschen beobachtet. Echt, kein Witz, auch wenn es wie der Beginn von so einem klingt. Kam ein Kaiba und beobachtete Joey beim Geschirr spülen. Die Lacher wären mir sicher. Um das Ganze noch etwas unrealistischer zu machen, könnte ich anmerken, dass Kaiba nörgelte.
„Köter, wie lang brachst du denn für die paar Messer und Pfannen?“, murrte er gerade und hatte die Arme in gewohnter Manier vor der Brust verschränkt. Das wäre eine recht einschüchterne Geste gewesen, wüsste ich nicht, dass er seinen Mantel über einen der Zubereitungstische geschmissen hatte und somit nur in Hemd und Hose hinter mir stand. So war er eine Probe für meine Nerven aus ganz anderen Gründen. Aus träumerischen, völlig bescheuerten anderen Gründen. Apropos Gründe, Kaiba schuldete mir für seine Anwesenheit hier auch noch einen ziemlich guten.
„Du könntest mir ja auch helfen, dann geht es gewiss schneller.“, antwortete ich schließlich nur patzig.
„Nicht mal in deinen Träumen, Wheeler.“ In der Tat. In meinen Träumen hatte er sich bereits sein Hemd ausgezogen und arbeitete mit freiem Oberkörper neben mir an der Spüle. Verdammt, anscheinend entwickelte ich bereits einen Kochfetisch… oder besser einen Abwasch-Fetisch. Obwohl mir ja eigentlich egal wäre, was Kaiba tat, solange es halbnackt und in meiner Nähe geschah.
„Dann kannst du ja auch verschwinden.“, knurrte ich nur miesepetrig. Hatte mein Lieblingskühlschrank nicht „eine Firma zu leiten“?
„Willst du das wirklich, Hündchen?“, fragte Kaiba nur amüsiert und ließ somit keinen Zweifel daran, dass er die Antwort auf diese Frage bereits kannte. Nun befand ich mich in einem ziemlichen Dilemma. Ich könnte Ja sagen, und damit auch relativ wahrheitsgemäß antworten. Schließlich war diese Küche auch kein natürlicher Lebensraum für den reichen Geldsack. Auf der anderen Seite würde ich mir dann die nächsten Stunden selbst in den Hinter beißen. Und dieses Gefühl war nicht besonders schön. Also beließ ich es bei einem unwilligen Schnauben.
„Dachte ich mir. Wenn ich hier schon in dieser Küche aufhalten muss, könntest du mir doch auch noch etwas von deinem Eis servieren. Das würde meine Wartezeit um einiges verkürzen.“ Als ich mich bei dieser kaibatypischen Form der Bitte zu ihm umdrehte, verschlug es mir fast die Sprache. Da saß Seto Kaiba, seines Zeichens zu gut und zu reich für diese Welt, auf einer unserer Anrichten, die Beine lässig in der Luft hängend und blickte mich herausfordernd an. Es war fast wie eins dieser „Suchbilder“ bei denen man 10 Fehler finden musste. Fehler Nummer 1, Kaiba war hier. Fehler Nummer 2, Kaiba saß auf einer Küchenanrichte und baumelte fast mit den Beinen. Fehler Nummer 3, Kaiba blickte mich durch seine perfekten Ponyfransen hindurch ziemlich verrucht an. Verdammt, jetzt brummt mir der Schädel. Und noch was ganz anderes, aber das gehört nicht hier her.
„Wir haben geschlossen, falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Bestell dein Eis wie jeder normale Kunde morgen.“ Wäre ja noch schöner, wenn mir dieser Möchtegerneisblock noch das ganze Eis wegfuttern würde. Die Bestände waren gerade erst aufgenommen worden, also würde mich das morgen auf jeden Fall in Teufels Küche bringen. Außerdem ging es mir gegen den Strich, Kaiba zu bevormunden. Warum auch immer…
„Ich könnte dafür sorgen, dass du gefeuert wirst, Köter. Ist dir dein Job nicht mal eine Kugel Eis wert?“ Dieses Argument war gar nicht mal so dumm. Fassungslos starrte ich Kaiba an. Wie er da saß, selbstsicher und fast schon amüsiert. Ich habe ihm wohl diese „starker Mann“ Masche nie so abgekauft wie in diesem Moment. Schon komisch, dass Kaiba zwischen den Töpfen und Pfannen einer Restaurantküche trotzdem noch so eine Macht ausstrahlen konnte. Eine sehr beunruhigende Tatsache, wenn ich länger darüber nachdachte. Doch im Moment war seine Logik unschlagbar und ich wollte meinen Job nicht verlieren. Nicht diesen Job. Seufzend schüttelte ich den Kopf und begab mich ein weiteres Mal in die Kühlkammer. Als Takahiro mich heute zum Abwaschen verdonnert hatte, war mir das noch ganz recht gewesen. Schließlich hatte ich so die Küche für mich und konnte in Ruhe über den heutigen Tag und einen gewissen braunhaarigen Eisliebhaber nachdenken. Doch als das Objekt meiner traumreichen Nächte dann plötzlich in der Tür stand, hätte ich ihn verfluchen können. Was trieb Kaiba um ein Uhr nachts überhaupt hier? Eine Frage, auf die ich noch immer keine Antwort gefunden hatte.
„Bitteschön. Friss oder stirb.“ Mit diesen Worten knallte ich ihm einen Teller nebst einer recht unförmigen Eiskugel auf die Anrichte. Aber für optische Schönheit war es entschieden zu spät. Den Löffel, mit dem ich das Eis aus dem Behälter befreit hatte, gab es sogar noch Freihaus dazu.
Nun hoffentlich vor weiteren Ansprüchen Kaibas gefeit, ging ich wieder zur Spüle und befreite die teuren Küchenmesser weiter vom Schmutz. Derjenige, der solche Kostbarkeiten in einen Geschirrspüler steckte, wurde von unseren Chefköchen eigenhändig an der Bar erhängt. Doch natürlich konnte ich mich nicht vollständig auf meine Aufgabe konzentrieren. Hallo? Da stand ein unberechenbares Gefrierfach direkt hinter mir und aß mein Eis, Alarmstufe blau würde ich sagen. Apropos Essen, warum war da kein Geräusch von einem kratzenden Löffel zu hören. Irgendwas war hier faul.
„Mund auf, Hündchen.“ Seine Stimme war wie ein eisiger Windhauch direkt neben meinem Ohr. Vor lauter Schreck machte ich eine hektische Bewegung zurück, um sofort gegen eine unbewegliche Wand mit Namen Kaiba zu stoßen. Aus einem Reflex heraus, besonders da mich seine plötzliche Nähe mehr als verunsicherte, zog ich meine Hände viel zu schnell aus dem Wasser, Tropfen und Schaum flog nach allen Seiten, landete auf mir und auch auf Kaiba. Doch im nächsten Moment hatte mir der Typ doch tatsächlich einen großen Löffel Eis in den Mund geschoben, den ich durch den entstandenen Schreck geöffnet hatte. Das Eis schmolz langsam auf meiner Zunge und ich schloss für einen kurzen Moment die Augen. Eigenlob stank ja, aber verdammt, das Eis schmeckte gut. Schnell wurde der Löffel von jedem noch so kleinen Rest Eis befreit. Man konnte bei Kaiba schließlich nicht wissen, was für einen perfiden Plan er sich als nächstes ausgedacht hatte. Wo wir grade bei Kaiba waren…
„Kaiba?“, fragte ich, schließlich von dem Löffel befreit und mit den letzten Tropfen Eis auf der Zunge.
„Sei ruhig“, murrte er nur gegen meinen Nacken und schien den Geruch meiner Haare einzuatmen. Sofort kroch mir nicht nur eine ziemliche Gänsehaut den Rücken rauf, sondern ich wurde auch noch rot. Verdammt, gar nicht gut, ganz und gar nicht gut! Ein anschmiegsamer Kaiba ist ungefähr so häufig wie ein intelligenter Kommentar von Thea, und ungefähr so berechenbar wie Yami Marik. Es waren schon Leute in weniger brenzligen Situationen umgekommen.
„Kaiba, was machst du hier?“ Wenn ich schon sterben musste, die Antwort wollte ich vorher noch bekommen.
Doch seine Antwort bestand nur aus einem unwilligen Knurren, dass sich so nahe an meinem Hals einfach verboten gut anfühlte. Außerdem konnte ich dieses Geräusch schon beim Entstehen in seiner Brust fühlen, sein Körper plötzlich viel lebendiger, als ich jemals hätte glauben können. Wer hätte das gedacht, Biologie machte auch vor wandelnden Kühlschränken nicht halt.
Doch ich wäre nicht Joey Wheeler gewesen, wenn mich das wirklich von weiteren penetranten Fragen abgehalten hätte.
„Kaiba, was…“ Und er wäre nicht Seto Kaiba gewesen, wenn er sich solchen Ungehorsam länger bieten lassen würde. Eine weitere Ladung Eis landete in meinem Mund, diesmal viel weniger vorsichtig. Er schob mir den Löffel ohne viel Federlesen zwischen die Zähne, ließ ihn gleich darauf aber wieder los. Überrascht von der ganzen Aktion hielt ich das Besteck nicht fest, und es fiel vor mir in die Spüle. Was für eine Verschwendung von Eis! Im nächsten Moment legte Kaiba plötzlich beide Arme um meinen Bauch. Eine Geste, die mir nicht nur einiges an Luft und Bewegungsspielraum raubte, sondern mich auch zwangsläufig näher an ihn presste. Was war denn jetzt kaputt? Kaiba legte zu guter Letzt auch noch seinen Kopf in meine Halsbeuge und lehnte sich noch etwas weiter gegen mich. Ich weiß nicht wie lange wir dort so standen. Hatte auch um ehrlich zu sein andere Sachen zu tun, als auf die Uhr zu schauen. Mein Herz schien einen neuen Rekord aufstellen zu wollen im „Wie schnell kann ich pro Minute ohne zu explodieren“ Wettklopfen, Kaibas stetiger Atem in meiner Halsbeuge machte das Denken noch zusätzlich schwierig und meine Beine hatten plötzlich die Standhaftigkeit von Pudding. Und Kaiba? Weiß Gott, worüber der die ganze Zeit nachdachte, bewegen tat er sich jedenfalls überhaupt nicht. Wenn man von dem stetigen Heben und Senken seiner Brust absah. Eigentlich müsste er ja Probleme mit dem Atmen haben, so dicht an meinen Rücken gepresst. Aber solange es ihn nicht störte, würde ich den Teufel tun, Kaiba darauf anzusprechen.
„Hm, jetzt habe ich gar nichts gegessen.“ Seine Stimme war nur gedämpft zu vernehmen, doch seine Lippen, die sich dabei nur knapp über meiner Haut bewegten, spürte ich umso mehr. Denken, Joey, denken! Was hat er da grade gesagt? Doch bevor irgendwas von dem in mein viel zu langsam arbeitendes Gehirn vordringen konnte, drehte er mich bereits zu sich um. Seine Augen blitzten fast schon schelmisch, bevor er sich noch näher zu mir herunter beugte.
„Aber wenigstens eine Kostprobe kann ich mir holen.“ Sprachs, und küsste mich gleich darauf viel stürmischer als ich es ihm jemals zugetraut hätte. Verdammt, jetzt musste ich mir für Kaiba auch noch einen neuen Spitznamen ausdenken, denn von einem Kühlschrank war dieser Kuss so weit entfernt wie Burger von Sushi. Das war so ungefähr der letzte sinnvolle Gedanke, zu dem ich fähig war, bevor sich meine Augen schlossen und ich den Kuss erwiderte. Kaiba hatte seine Finger in meinen Haaren vergraben presste mich somit noch näher an sich. Es blieb mir nur, meine Arme um seine Hüfte zu schlingen, auch wenn ich ihm ebenfalls gerne mal die Haare in Unordnung gebracht hätte. Gleiches Recht für alle, oder so. Er ließ es geschehen, war wahrscheinlich viel zu sehr damit beschäftigt, meinen Mund nach dem Geschmack meines Eises abzusuchen. Seine Zunge war ohne Zweifel sehr geschickt, keine Beschwerden hier. Wie sie meine Zahnreihen und meinen Gaumen entlang fuhr, hatte was, wirklich!
Aber irgendwie fehlte bei diesem Kuss etwas. Natürlich war das Gefühl, dicht an Kaibas Körper gedrängt von ihm in Grund und Boden geküsst zu werden kein schlechtes. Nein, es ließ meine Gedanken Achterbahn fahren und seine verdammte Zunge könnte Gott weiß was mit mir anstellen. Oh Gott, diese Gedanken waren gar nicht gut um bei der Sache zu bleiben. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, irgendetwas an dem Kuss fehlte. Und als ich zum wiederholten Mal versuchte, Kaibas Mund selbst ein bisschen näher auszukundschaften, wurde mir auch klar, was. Dieser arrogante Bastard räuberte zwar meine Mundhöhle aus, befasste sich dabei aber kein bisschen mit mir selbst. Zu so einem richtigen Zungenkuss gehörten schließlich zwei, zwei Leute, zwei Münder und allen voran zwei Zungen. Ich wollte doch nicht mal Kontrolle über den Kuss, sondern nur ein wenig mitmachen. Aber jeden meiner noch so netten Versuche ignorierte er vollständig. Es war nicht so, als würde mir das den Kuss völlig versauen, das wäre schlichtweg gelogen, aber dadurch fehlte eben etwas.
Ergeben seufzend konzentrierte ich mich auf den einzigen Spaß, der mir noch blieb.
Genüsslich ließ ich meine Hände über seine Wirbelsäule fahren und versuchte mir jede Einzelheit seines Rückens genau einzuprägen. Zugegeben, dieses Gefühl machte den recht einseitigen Kuss schon fast wieder wett. Und ihn schien es nicht wirklich so stören. Im Gegenteil, seine Hände verkrallten sich eher noch ein wenig mehr in meine Haare und strichen ab und zu sogar ziemlich geschickt über die kurzen Haare in meinem Nacken. Ein sehr prickelndes Gefühl, wirklich nicht schlecht. Mehr aus dem Grund, dass ich seine Vorderseite nicht im Traum erreichen könnte, dafür war unser Körperkontakt viel zu stark, begann ich seine Seiten entlang zu streichen. Mit der folgenden Reaktion hatte ich jedenfalls nicht gerechnet.
Sein gesamter Körper verspannte sich, Kaiba schien sich fast unter meinen Händen zu winden. Doch anscheinend wollte er genauso wenig den Kuss unterbrechen, weswegen sein unterdrücktes Lachen von meinem Mund geschluckt wurde. Ich hielt in meiner Bewegung etwas perplex inne und das schien für meinen Firmenleiter Grund genug zu sein, sich wieder voll und ganz auf seinen Kuss zu konzentrieren. Trotzdem kam ich nicht umhin zu bemerken, dass er sich noch mehr an mich drückte, fast als wollte Kaiba mir meine Bewegungsfreiheit so gut es ging rauben. Jetzt nicht wirklich, oder? Konnte es sein, dass Mister Kühlschrank kitzlig war? Meine Mundwinkel zogen sich ein wenig nach oben und mit den wenigen verblieben Gehirnzellen, die sich nicht damit beschäftigen wie gut sich mein ehemaliger Erzfeind gerade anfühlte, begann ein kleiner Plan in meinem Kopf zu reifen. Wäre doch gelacht, wenn ich meinen Willen so nicht bekommen könnte.
Einen Moment lang wiegte ich ihn in Sicherheit und ließ meine Hände ganz ruhig auf seinen Hüften ruhen. Er entspannte sich bald wieder völlig, anscheinend mehr als zufrieden mit der momentanen Situation. Ok, wenn ich das hier wirklich durchziehen wollte, musste es nicht nur schnell gehen, sondern ihm auch noch gefallen, sodass er mich nicht für meine kleine Aktion losließ. Konnte ich das? Natürlich, außerdem würde ich es so oder so machen. Einfach nur aus purer Neugierde.
In einer fließenden Bewegung nahm ich meine Hände wieder von seiner Hüfte und begann ihn so effektiv und stark wie möglich an seinen empfindlichen Rippenseiten zu kitzeln. Sogar mit Stoff als Barriere zwischen meinen Fingern und seiner Haut war das Resultat besser als gedacht. Kaibas Körper verspannte sich völlig und versuchte aus reinem Reflex meinen Fingern zu entkommen. Doch gleichzeitig verkrampften sich seine Hände in meinen Haaren, was zugegebenermaßen etwas unangenehm war, aber ihn schließlich nicht von mir wegkommen ließ. Zu gerne wüsste ich ja, was sich im Moment in dem Kopf meines nicht ganz so kalten Kühlschranks abspielte. Aber für solche Überlegungen blieb mir keine Zeit. Seto hatte seine Zunge aus meinem Mund zurückgezogen und biss sich hilflos lachend auf die Wange. Meine Chance war gekommen. Ich zog meine Hände von seinen malträtierten Seiten zurück und legte sie bestimmt auf den Hintern meines Widersachers. Bevor er sich ganz wieder sammeln konnte und mich wohl damit hätte in den Boden gestampft, war es an mir ihn stürmisch zu küssen. Gleichzeitig packten meine Hände fester in das attraktive kaibaische Hinterteil, ihn nicht nur näher an meinen Unterleib ziehend, sondern mich auch recht eindeutig an ihm reibend. Diese Bewegung zusammen mit meiner eigenen Zungenakrobatik ließ ihn überrascht in meinen Mund stöhnen. Nun Kaiba, war das für dich genauso gut wie für mich? Denn mir ging es im Moment mehr als glänzend.
Für ein paar Augenblicke schien sich Kaiba noch sammeln zu müssen. Diese Zeit nutzte ich dankbar dafür, ebenfalls ein wenig seinem Mund abzutasten. Verdammt, er schmeckte gut. Nicht nach meinem Eis, aber nach Kaffee, welch Wunder, und nach irgendetwas anderem, dass ich nicht näher beschreiben konnte. Es war ein wenig süßlich, aber gleichzeitig fast schon scharf. Uh… das sollte er gleich noch mal machen. Anscheinend hatte sich Kaiba von meiner kleinen Attacke erholt, und sich entschieden meine Bestrafung auf später zu verschieben. Na also, so musste ein Kuss sein. Das war nun wirklich mein letzter sinnvoller Gedanke, denn das folgende Zungenduell zwischen mir und dem reichen Pinkel fegte meinen Kopf komplett leer.
„Mach das nie wieder.“ Diese eisige Anweisung wurde von seiner deutlichen Atemlosigkeit ziemlich abgeschwächt. Wahrscheinlich hätte sie mich trotzdem einschüchtern sollen, doch im Moment ging es mir dafür viel zu gut. Noch immer konnte ich seinen Geschmack auf meinen Lippen spüren und sein Körper drängte sich ebenfalls noch dicht an meinen. So sauer konnte Kaiba gar nicht sein.
„Dich küssen?“, fragte ich schelmisch und biss ihm, meine Chance ergreifend, leicht in sein Ohrläppchen. Er sog zischend Luft ein, grummelte irgendwas, entzog sich mir aber nicht vollständig. Anscheinend konnte Kaiba sich selbst nicht dazu bringen auch nur einen Schritt zurück zu machen.
„Unter anderem.“, meinte er nur dunkel und stemmte sich schließlich von mir weg. Ade Körperkontakt. In gewohnter Manier drehte er sich auf der Stelle um und nahm seinen vorherigen Platz an einer der Küchenanrichten ein. Seine Körperbeherrschung wollte ich haben. Mir kam schon das Geradestehen unglaublich schwierig vor. Seine Haare wirkten immer noch perfekt frisiert, während er meine bestimmt in ein blondes Vogelnest verwandelt hatte. Es störte mich ungemein, dass man ihm nicht ansah, was wir da gerade getan hatten. Als ob es nie passiert wäre. Irgendwie ließ mich dieser Gedanke schlucken. Inzwischen hatte sich auch seine Atmung wieder stabilisiert. Er sah aus wie immer, genauso perfekt und emotionslos.
„Verdammt Kaiba, was willst du von mir?“ Inzwischen fühlte ich mich echt beschissen. Man sollte nie einem Kaibaflash trauen, der ging schneller vorbei als ein guter Trip. Dumm nur, dass er anscheinend um ein vielfaches süchtig machender war. Jedenfalls für mich.
„Außer deinem Schokoladeneis? Nicht viel.“ Um ehrlich zu sein, in dem Moment hätte ich ihm gerne gehörig in seine arrogante Fresse geschlagen. Glück für Kaiba, das ich immer noch recht wacklig auf den Beinen war und er noch weiter sprach.
„ Ein paar Stunden die Woche, wahlweise nachts, und wahlweise privat. Treue, sonst wirst du an die Kette gelegt, Hündchen. Und im Moment …noch einen Kuss.“ Mit diesen Worten stieß er sich fast schon kopfschüttelnd wieder von seiner Küchenanrichte ab und kam auf mich zu.
Unser Weg zueinander war noch lange nicht beendet.
Und schon kommt der 3te Streich. Ich hoffe es hat euch gefallen.
Yusuka
Ich saß allein in meinem Zimmer und schaute Fernsehen. Nein, kein Kaiba hier oder auf der Mattscheibe, da musste ich mich selbst enttäuschen. Hier gab es wirklich nur mich und den Flimmerkasten als Handlungsteilnehmer. Wobei die tanzenden Bilder auf dem Bildschirm mich nicht wirklich fesselten. Also blieb nur ich, zusammen mit meinem sehr detailgetreuen Erinnerungsvermögen. Und um wen sich im Moment alle meine Gedanken drehten, war auch nichts Neues. Inzwischen beherrschte der kälteste Eisblock Dominos meine Gedanken fast noch mehr als die nächste Mahlzeit. Und das sollte etwas heißen. Kaibas Küsse hatten sich seit unserem ersten Versuch nicht viel verändert. Doch inzwischen hatte ich noch einige andere Möglichkeiten gefunden, ihm meine „Mitarbeit“ schmackhaft zu machen, ohne ihn dafür kitzeln zu müssen. Sonst hätte er mich wohl inzwischen umgebracht. Was nicht hieß, dass ich seine kleine Schwäche nicht ab und zu trotzdem noch gegen ihn einsetzte. Nur gut für mich, dass Kaiba dabei am Ende auch Spaß hatte und es mir deswegen meistens relativ einfach verzieh. So wie irgendetwas im Umgang mit Kaiba eben einfach sein konnte.
Er besuchte mich mindestens einmal pro Woche, vorzugsweise wenn ich wieder zum Abwaschen oder zur Bestandsaufnahme im Restaurant eingeteilt war und somit allein in der Küche stand.
Schon bei unserem zweiten Treffen hatte er seinen Laptop dabei gehabt. Um ehrlich zu sein, hätte ich dieses nervende Stück Elektronik schon damals gerne in meiner vollen Spüle versenkt. Doch als ich versuchte ihm damit Angst einzujagen, hatte er mich ganz kaibatypisch ausgelacht und mir versichert, dass sein Laptop nicht nur waterproof sondern auch hundefest sei. Schien, als würde er sich diese Vergleiche nie abgewöhnen. Entgegen aller Erwartungen musste ich kein weiteres Attentat auf Kaibas Arbeitsplatz planen, denn das stetige Tippgeräusch war nicht halb so nervend wie gedacht. Nach kurzer Zeit vermisste ich es sogar, wenn mein Kühlschrank es einmal nicht schaffte, während meiner Spätschichten vorbeizukommen. Wobei ich wohl eher die Gewissheit dabei vermisste, dass Kaiba wirklich im Raum war, auch wenn ich ihm den Rücken zudrehte.
Tiefschürfende Gespräche hatten wir nie. In Wahrheit sprachen wir eigentlich fast gar nicht. Worüber sollte ich mich auch mit ihm unterhalten? Kaiba schien meine Arbeit in irgendeinem seiner verwirrenden Denkprozesse akzeptiert zu haben, doch er wusste ungefähr soviel übers Kochen wie ich über Aktienoptionen. Nicht das einer von uns beiden dieses Unwissen zugeben würde. Natürlich war das nicht wirklich eine Grundbasis für, irgendwas, aber um ehrlich zu sein, verbuchte ich es schon als Erfolg, dass wir uns weder gegenseitig zerfleischten noch eisig anschwiegen. Man(n) musste schließlich manchmal auch mit wenig zufrieden sein. Er tippte, ich wusch ab oder nahm die Bestände auf, und irgendwann, kurz bevor er wieder verschwand, küssten wir uns leidenschaftlich an irgendeiner Wand. Ein bisschen Grapschen meinerseits, ein bisschen unverständliches Gebrumme seinerseits und das war’s dann auch schon. DAS, gab mir wirklich zu denken. Ich wollte ja keinesfalls gleich mit ihm… Ernst machen. Aber irgendwie musste es zwischen dem… und dem, was wir im Moment taten, doch noch ein paar Zwischenstufen geben. Oder?
Doch bevor ich noch länger über dieses Problem nachdenken konnte, was meistens mit …einem anderen Problem endete, klingelte mein Handy. Rufnummernunterdrückung, wer mochte das wohl sein? Ob ich Kaiba irgendwann erzählen sollte, dass Mokuba mir seine Handynummer bereits vor Jahren gegeben hatte? Besser nicht, sonst änderte er sie noch.
„Klopf, Klopf…“, meldete ich mich schließlich schelmisch. Das Grinsen, was sich bei dem Anruf auf meinem Gesicht ausgebreitet hatte, konnte er schließlich nicht sehen.
„Kindisch wie immer, Wheeler. Ich schätze du sitzt im Moment zuhause und verschwendest deinen freien Tag?“, grummelte mir ein recht miesepetriger Kaiba auch gleich entgegen. Doch seine Laune führte nur dazu, dass das Grinsen auf meinem Gesicht noch eine Spur breiter wurde. Langsam war das selbst für meine Verhältnisse erbärmlich. Und das Bild von einem schwanzwedelnden Hund, der sein Herrchen begrüßt, wollte auch nicht vor meinem inneren Auge verschwinden. Die Welt hatte sich gegen mich verschworen, eindeutig.
„Ich habe die letzte Woche fast jeden Tag Nachtschichten eingelegt. Ich finde, dafür habe ich mir meinen freien Tag verdient. Zum Energie tanken und so…“ Das Ende meines Satzes verlor sich irgendwo in der Stille der Telefonleitung. Verdammt, ich hatte nicht mal damit gerechnet, den ersten Teil des Satzes ohne Unterbrechung seinerseits fertig zu kriegen. Wie sollte ich da auf die schnelle mit einem passenden Ende aufwarten können? Es war wirklich unkomfortabel still am anderen Ende. Hatte er etwa aufgelegt? Hallo? ET nachhause telefonieren? Irgendwer?
„Dann wünsche ich dir einen erholsamen Tag in deiner Hundehütte.“ Seine plötzliche, reichlich verspätete Antwort ließ mich fast von meinem Bett fallen. Und bevor ich richtig verstanden hatte, was Kaiba da grade von sich gegeben hatte, begrüßte mich auch schon das Tuten in der Leitung. Mein Kühlschrank hatte aufgelegt. Einfach Türe zu und Licht aus. Wobei das mit dem Licht immer noch nicht ganz geklärt war. Apropos war… was war DAS eben? Jemand wie Kaiba rief doch nicht so einfach bei mir an, nur, um nach ein paar gewechselten Worten ohne sichtliches Ergebnis wieder aufzulegen. Das ging völlig gegen die von mir gemachten Beobachtungen. Hatte Kaiba gerade gekniffen? Und wenn ja, warum? Weil es ihm peinlich war? Weil er mir meinen Ruhetag gönnte? Klar doch, und morgen flögen Schweine gen Himmel. Aber es gab nur eine Möglichkeit, die Antwort auf meine Fragen herauszufinden. Im nächsten Moment hatte ich auch schon seine Nummer gewählt. Klopf, Klopf…
„Woher hast du diese Nummer?“, meldete sich nach einigen Sekunden des erfolglosen Tutens ein sehr angefressener Kaiba. Es musste ihm wirklich Kopfzerbrechen bereiten, vielleicht glaube er für einen selbstzerstörerischen Moment sogar, selbst dafür verantwortlich zu sein. Na ja, vielleicht auch nicht.
„Ist das wichtig? Viel wichtiger ist doch, warum du mich zuerst anrufst, dann völlig sinnlose Fragen stellst, und DANN wieder auflegst.“, entgegnete ich nur und wartete gespannt auf seine Antwort.
„Und?“ Fast hätte ich meinen Kopf gegen die nächstbeste Wand knallen lassen. Aber so schnell gab ich nicht auf.
„Das ist unkaibamäßig. Führ’s zu Ende oder fang gar nicht erst an.“, ließ ich ihn wissen, nun nicht nur neugierig sondern nun auch noch mit seinem Stolz als Trumpfkarte in der Rückhand. Da sollte noch mal einer sagen, ich wäre kein guter Spieler. Das Schweigen am anderen Ende der Leitung wurde von Sekunde zu Sekunde aggressiver, bevor Kaiba fast schon entnervt aufgab.
„Ich brauche 4 Torten bis heute Nachmittag.“ Wahrscheinlich hätte er sich gern um jenen emotionslosen Tonfall bemüht, mit dem Kaiba seine Angestellten herumkommandierte. Doch anscheinend war meine Präsenz nicht besonders gut für seine eiserne Selbstbeherrschung. Gut zu wissen…
„Und die soll ich jetzt aus dem Hut zaubern, oder was?“, fragte ich grinsend. Dieses Spiel konnte man auch zu zweit spielen. Und tatsächlich meinte ich ihn leise knurren zu hören. Wer war jetzt der Hund? Obwohl er um ehrlich zu sein weniger wie ein kläffender Vierbeiner als wie ein wütender Drache klang. Wer hätte das gedacht?
„Backen, Köter, backen. Ich dachte damit verdienst du dein Geld.“ Da wurde jemand aber schnell defensiv. Ich wettete einfach mal, dass er unter normalen Umständen schon längst wieder aufgelegt hätte. Diese Torten mussten wirklich wichtig sein.
„Ich KOCHE für Geld, Kaiba. Backen gehört in einen anderen Berufszweig.“ Natürlich würde ich ihm helfen und mein möglichstes tun, wenn Kaiba sich schon dazu herab ließ, um meine Hilfe zu bitten. Aber wer von uns beiden würde sich schon so einen kleinen Streit ohne Sinn und Verstand entgehen lassen?
„Ich meine, dass das Backen von Torten zu deiner Grundausbildung gehört.“ Kaiba versuchte anscheinend wieder zu seiner gewohnten Arroganz zurückzufinden. Schade nur, dass ihm das bisher noch nicht gelang.
„Und ich meine, dass du falsch liegst. Für wen sind die Torten überhaupt?“, fragte ich schließlich. Für wen wollte sich Kaiba so ins Zeug legen? Unbeabsichtigt fing sich in meinem Inneren ein nagendes Gefühl von Eifersucht an auszubreiten.
„...“ Die Stille am anderen Ende der Leitung wurde fast unerträglich. Jetzt nicht wirklich, oder? Wollte mich Kaiba wirklich einspannen, um einem seiner Betthäschen eine Torte zu backen. War Kaiba deswegen so abweisend, weil er seinen Spaß besser anderswo hatte? Verdammt, wie gerne würde ich gerade auf irgendwas einschlagen, vorzugsweise Kaibas Gesicht. Doch plötzlich, nachdem mein spontaner Wutanfall sich wieder etwas gelegt hatte, und die Leitung immer noch still blieb, kam mir etwas in den Sinn.
„Warte, Mokuba hat heute Geburtstag, oder?“ Fast wollte ich meinen Kopf wieder gegen die nächstbeste Wand knallen. Wie konnte ich das nur vergessen?
„Er nimmt keine gekauften Torten an.“ War das meine Einbildung, oder hörte sich mein Lieblingskühlschrank gerade verdammt erleichtert an. Naja, und etwas genervt.
„Hm, hast du genug Zutaten im Haus? Was sollen das überhaupt für Torten werden?“ Genug gespielt und geärgert. Nicht, dass Kaiba noch auf die Idee kam, ich wollte ihm nicht helfen. Das wäre äußerst kontraproduktiv… Was denn, last ihr keine Kalendersprüche? Jeden Tag ein neues Fremdwort… oder so.
„Ich dachte an eine Schwarzwälderkirschtorte, eine Schokoladensachertorte, eine Zitronenschaumtor…“ Da war sie wieder. Glückwunsch Mister COE, sie hatten offiziell ihre Coolness Arschloch Attitüde wieder gefunden. Im Ernst, Kaiba hatte gerade denselben Ton drauf, als würde er seinem persönlichen Arbeitssklaven einen Auftrag erteilen. Nicht mit mir!
„Vergiss es, Kaiba. Nie im Leben kriegen wir diese Torten heute noch hin.“ Gelogen war das auch nicht… jedenfalls nicht wirklich.
„…“ Die erneute Stille in der Leitung ließ mich dann nur hörbar aufseufzen. Mokuba wollte Torten, und du wolltest ihm nur das Beste geben. Das hatte ich ja schon kapiert. Dachte Kaiba wirklich, ich wäre so ein Arsch? Naja, vielleicht würden viele andere Leute diese Situation auch schamlos ausnutzen. Aber seit wann war ICH denn viele Leute?
„Ok, hier ist der Deal. Ich mache dir einen Marmorkuchen mit Zitronenjogurtcreme und bittrer Schokolade. Eine Erdbeertorte mit Biseeboden und einen russischen Zupfkuchen mit einem Schuss Alkohol.“ Ein Grinsen breitete sich bei diesen Worten auf meinem Gesicht aus. Ich würde in Kaibas Villa Kuchen backen. Was für ein seltsames erstes Date! Aber hey, dagegen gab es keine Beschwerden von meiner Seite.
„Beeil dich, Mokuba kommt um 5 Uhr.“ Das war wohl so nah, wie Kaiba einem Dankeschön jemals kommen würde.
Nachdem ich ihm noch eine Liste mit Zutaten durchgegeben hatte, die jetzt ein unglücklicher Hausangestellter bis zu meiner Ankunft herbeischaffen musste, war die Leitung auch schon wieder tot. Na vielen Dank auch für nichts.
Wenn ich meinen Lieblingskühlschrank nicht noch weiter verärgern wollte, sollte ich mich so schnell wie möglich auf den Weg machen. Also jetzt, oder besser gesagt gleich, denn nur in Shorts und T-Shirt würde mich Kaiba wahrscheinlich nicht mal über die Schwelle lassen.
Obwohl, vielleicht, nur in Shorts und T-Shirt wäre eine perfekte Chance unser… was auch immer… etwas voranzutreiben. Er und ich, bei ihm zuhause… ohne lästige Zuhörer und mit bequemeren Wänden. Eigentlich eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen sollte. Doch Subtilität war nie wirklich meine Stärke. Wie konnte ich Kaiba also ein ganz klein wenig in die richtige Richtung schubsen? Dieser Gedanke verfolgte mich, während meine Dusche mir die letzte Müdigkeit aus den Gliedern wusch und sich mein Kleiderschrank als nicht zufrieden stellende Quelle für frische Klamotten herausstellte. All das wäre viel einfacher, wenn ich eine Frau wäre. Die bräuchte nur ein paar heiße Höschen sowie einen Spitzen-BH tragen, und jeder (heterosexuelle) Mann würde ihr zu Füßen liegen. Doch bevor jemand mich in einen Spitzentanga zwängte, ging ich lieber nackt.
Der Gedanke ließ mich auflachen, doch im nächsten Moment kam mir eine wahnwitzige Idee. Wenn ich schon keine Spitzenunterwäsche hatte, konnte ich sie eigentlich auch weglassen. Was für eine bescheuerte Idee! Kopfschüttelnd fischte ich ein halbwegs sauber aussehendes T-Shirt aus einem der Kleiderhäufen meines Zimmers, erspähte ein Paar fast frische Socken auf der Couch und blickte mich suchend nach meiner neusten Jeans um. Ich ohne Unterwäsche in Kaibas Haus… der Gute würde einen Anfall kriegen und mich postwendend als exhibitionistischer Perverser von seinem Grundstück entfernen lassen. Mister Fancypants wurde ja schon grantig, wenn mir bei der Arbeit das T-Shirt etwas hoch rutschte- völlig unabsichtlich natürlich. Eigentlich hatte ich ihn ja in solchen Dingen für ziemlich abgebrüht gehalten, doch irgendwie war er in Sachen Erotik so fantasiervoll wie ein Toaster. Aber um ehrlich zu sein, allein der Gedanke an seinen Gesichtsausdruck, wenn bei Kaiba der Groschen fallen würde… Allein der Gedanke, dass es ihm auch nur im entferntesten gefallen könnte… Das war’s, jetzt konnte man mich offiziell für verrückt erklären. Aber hey, gegenüber meinem Kühlschrank schien jegliche Form der Annäherung vulgär. Minuten später verließ ich meine Wohnung in T-Shirt, Jeans, Socken und Sneakers… und sonst nichts.
Zu sagen, der Weg durch die Stadt bis zu Kaibas Villa war unangenehm, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Irgendwie schien mich plötzlich jeder anzustarren. Oder es kam mir nur so vor. Aber die Gewissheit, dass zwischen der grausamen Außenwelt und ein paar meiner wichtigsten Körperteile nun nur noch meine Jeans war, die außerdem etwas unangenehm scheuerte… Aber genug davon. Nach etwa einer halben Stunde mit dem Bus und weiteren 20 Minuten zu Fuß, stand ich schließlich vor den Türen des allmächtigen Kaibaanwesens.
Eigentlich wollte ich meinen Lieblingskühlschrank nicht gleich von Anfang an in eine schlechte Stimmung versetzen, doch bei dem Anblick der riesigen Stahltore konnte ich nicht anders, als ein lautes
„Sesam öffne dich!“ in die Gegensprechanlage zu blöken.
„Sehr witzig Wheeler.“, grummelte mir Kaiba auch gleich aus dem Lautsprecher entgegen. Aber das Tor öffnete sich trotzdem. Grinsend kam ich schließlich an der Haustür der kaibaischen Villa an, wo mich ein nicht besonders gut gelaunter Kaiba begrüßte.
„Was denn?“, fragte ich ihn grinsend, als er zurück ins Innere trat, um mich einzulassen.
„Bekomme ich keinen Begrüßungskuss? Oder einen ‚Schön, dass du dir Zeit genommen hast’ Kuss?“ Meine Frage prallte gegen seinen Rücken, während wir durch die riesige Eingangshalle gingen und uns hoffentlich in Richtung Küche bewegten. Kaiba schnaubte nur und marschierte weiter. Schließlich öffnete er eine der dunklen Holztüren, die-das schwöre ich bei meinem schwarzen Rotaugendrachen- alle völlig identisch aussahen, und ich schloss zu ihm auf, um so schnell wie möglich einen Blick in Kaibas Küche zu erhaschen. Direkt neben ihm stand ich nun im Türrahmen und erwartete, dass mein Kinn jeden Augenblick mit dem gefliesten Fußboden kollidieren würde. Neben mir schnaubte Kaiba nur amüsiert, bevor sich ein Zeigefinger unter mein Kinn schob, und meinen Blick von einer blitzenden Wunderküche hin zu einem blitzenden blauen Augenpaar bewegte. In einer fließenden Bewegung schloss Kaiba meinen Mund, beugte sich vor und drückte mir einen weichen Kuss auf die Lippen, bevor er weiter ins Zimmer trat.
„Nachdem du nun deinen Begrüßungskuss bekommen hast, könnten wir uns auf die vorliegende Aufgabe konzentrieren?“, fragte Mister Ich-habe-eine-unglaubliche-Küche-kann-aber-nicht-kochen betont genervt und rollte mit den Augen. Oh ja, nicht dass einer von uns auf die Idee kommen könnte, du würdest mich mögen oder so… Das wäre ja eine grässliche Vorstellung!
Mehr oder weniger befriedigt betrat ich nun auch die Küche und erblickte eine voll beladene Anrichte zwischen zwei Öfen, die nebenbei bemerkt beide völlig identisch waren, außer, das man an den einen mit gelben Klebezettel das Wort „Pizza“, an den anderen das Wort „Brötchen“ geschrieben hatte. Mental schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. Verdammt, man hätte Kaiba auch eine Mikrowelle und einen Billigofen geben können, der Effekt wäre wahrscheinlich der gleiche gewesen. Kopfschüttelnd begutachtete ich die Zutaten und war positiv überrascht. Alles nötige war vorhanden, sogar einiges, das nicht auf dem Zettel gestanden hatte, wahrscheinlich aber in der Vorratskammer gefunden worden war.
„Alles zu deiner Zufriedenheit, Wheeler?“, fragte mich Kaiba mit unverhohlenem Sarkasmus in der Stimme. Ich blickte auf und sah ihn an dem massiven Holztisch des Raums lehnen. Mental seufzte ich, nach außen hin schlossen sich nur kurz meine Augen.
„Hör zu Geldsack! Ich bin nur hier, weil du mich darum gebeten hast, und ich erwarte keine Lorbeeren oder sonst etwas dafür, also hör auf mit deinem defensiven Gehabe. Hol deinen Laptop, bevor du noch Entzugserscheinungen bekommst, dann ist es nicht viel anders als im Restaurant.“, meine versteckte Bitte, dass Kaiba hier bleiben möge, während ich mich mit den Geburtstagskuchen seines kleinen Bruders beschäftigte, hatte er hoffentlich überhört.
„Hat meine Anwesenheit hier irgendeinen Einfluss auf den Ausgang deiner Backfreuden?“ Wäre ja auch zu schön gewesen. Seine Stimme war nicht mehr sarkastisch, dafür hatte er jetzt bestimmt wieder diesen ‚Ich bin ein Drache und fackle dich ohne zu zögern ab’ Blick drauf.
„Nein, Sack.“, schnaubte ich nun deutlich verstimmt und beschäftigte mich mit dem Zusammensuchen diverser Küchenutensilien. Blickkontakt mit ihm vermeidend, hörte ich nur die Holztür auf- und wieder zuschlagen. Na super! Das hatte ich ja wieder total intelligent angestellt. Nun offen seufzend, begann ich mit diversen Grundzutaten der verschiedenen Teige, ließ jedoch fast eine der Mehltüten fallen, als die Küchentür ein weiteres Mal geöffnet wurde.
„Ich bin kein Einbrecher! Kaiba hat…“ Mit einer hastigen Bewegung drehte sich mein Körper dem vermeintlichen Hausangestellten entgegen, nur um ein weiteres Mal überrascht zu werden. Diesmal knallte die Mehltüte mit einem dumpfen Laut auf dem Küchenboden. In eine kleine Mehlwolke gehüllt starrte ich Kaiba an wie einen bösen Poltergeist. Er hob nur fragend seine Augenbraue.
„Wa…? Öhm, willkommen zurück!“ Hastig rettete ich das verbliebene Mehl nebst Tüte von den nun nicht mehr ganz so blanken Fliesen und beschäftigte mich überschwänglich intensiv mit meiner Arbeit. Nicht waren nun meine Hosenbeine eingestiebt, sondern Kaibas Grinsen fraß sich fast spürbar in die Rückseite meines T Shirts.
Ein dezentes Rascheln, das wohl nur unglaublich teure Kleidung von sich geben konnte, sagte mir, dass Kaiba sich schließlich wieder durch den Raum bewegte, ein leises Klonk schließlich, dass er seinen Laptop auf dem Holztisch abgestellt hatte. Gegen meinen Willen schlich sich dabei ein breites Grinsen auf mein Gesicht. Er hatte jede Möglichkeit zu gehen und war wiedergekommen. Hatte Mokuba heute Geburtstag oder ich? Begleitet von dem vertrauten Klappern seiner Tastatur und meinem leisen Summen nahmen die unterschiedlichen Teige Gestalt an.
Gerade, als auch der dunkle Schokoladenteig für den Kastenkuchen glatt gerührt war, hörte ich unterbewusst, da viel zu sehr mit meiner Arbeit beschäftigt, ein leises Kleiderrascheln. Doch als Kaiba plötzlich hinter mir stand, gerade soweit entfernt, dass sich unsere Körper auch wirklich kein bisschen berührten, hatte er sofort wieder meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Verdammt, wie konnte ein lebender Kühlschrank mir nur so einheizen? Ich stoppte jede noch so kleine Bewegung meines Körpers, mehr von selbst als wirklich willentlich. Aber was war schon ein freier Wille gegen einen ansehnlichen Seto Kaiba direkt hinter mir? Richtig, nichts! Plötzlich schob sich eine schlanke Hand in mein direktes Blickfeld. Nun wirklich bewegungsunfähig und im Moment wahrscheinlich nicht mal mit den normalsten Körperfunktionen wie Atmen und Herzklopfen vertraut, verfolgte ich, wie schlanke Finger in dem dunklen Teig verschwanden, nur um sich dann wieder zurückzuziehen. Wieder aus meinem direkten Blickfeld entfernt, wurden seine Finger jedoch zu einer gar nicht dienlichen Fantasie vor meinem geistigen Auge, als ich mir vorstellte, wie sie langsam aber sicher zwischen Kaibas Lippen verschwanden und eine mehr als talentierte Zunge jeden noch so kleinen Teigrest eroberte. Oh Gott, gar nicht gut! Ein warmer Schauer lief mir den Rücken hinunter, nicht das einzige aufgeheizte im Raum zurzeit, soviel war mal sicher. Kaiba gab ein zufriedenes Grummeln von sich, machte aber keine Anstalten sich zurückzuziehen.
Mit aller verbliebenen Willenskraft brachte ich meinen Körper dazu, sich zurückzulehnen und somit nun endlich mit dem Braunhaarigen hinter mir in Kontakt zu kommen. Zunächst berührten sich nur unsere Schultern und Oberkörper. Kaiba zog kurz und scharf Luft ein, verschwand aber immer noch nicht. Für einen Moment machte ich mir Gedanken darüber, wie schmerzhaft ein Aufprall auf den Küchenfliesen sein würde, wenn sich Mister Kühlschrank plötzlich als meine Stütze verabschieden würde. Doch dieser Aufprall wäre dann wohl nicht nur für meinen Hintern schmerzhaft. Nach Sekunden des nagenden Zweifels spürte ich schließlich, wie mein Lieblingsfeind einen Arm um meine Hüfte schlag, den zweiten wieder in Richtung Schüssel streckte. Kaiba, die Naschkatze?
„Hey, willst du deinem Bruder etwa den Kuchen wegessen? Hände weg vom Teig!“ Gespielt entrüstet hielt ich seinen Arm fest, drehte mich aber nicht um, da sein Griff um meine Hüfte noch etwas stärker wurde.
„Das ist ein sehr gefährliches Stadium für jeden Kuchen in meiner Nähe, Hündchen. Du machst besser schnell weiter.“, raunte er mir ziemlich amüsiert ins Ohr, bevor der mutmaßliche Teigräuber sich wieder von mir entfernte. Nicht ohne mir vorher übrigens einen recht eindeutigen Klaps auf den Hintern versetzt zu haben. Oh mein Gott, das Brennen meiner Wangen bestätigte nur meine Vermutung, dass im Moment eine Tomate recht neidisch auf meine Gesichtsfarbe sein dürfte. Mal ganz abgesehen davon, dass Kaiba mir mit seiner letzten Aussage und diesem verdammt verruchten Ton ein ziemliches Problem beschert hatte, nun erinnerte er mich auch noch recht eindrucksvoll an meine kleine Mission. Hatte er bereits etwas bemerkt? Sekunden später kehrte das mir bereits gut bekannte Tippgeräusch wieder zurück und alles schien recht normal. Da musste ich wohl einige schärfere Geschütze auffahren. Wie gut, dass es langsam Zeit wurde die Kuchen in den Ofen zu schieben.
Langsam füllte ich die verschiedenen Teige in diverse Kuchenformen und strich sie glatt. Der vorgeheitzte Ofen surrte leise, als ich ihn öffnete und meinen Oberkörper mit den Kuchenformen in beiden Händen vorn über beugte. Natürlich hätte ich mich auch vor die offene Ofentür hocken können, aber so präsentierte ich Kaiba doch recht einladend mein nun nur in eine Jeans gehülltes Hinterteil. Sollte ich noch erwähnen, dass es keineswegs eine weite Jeans war, die gerade ein paar Zentimeter von meinen Hüften rutschte? So ganz ohne irgendwelche Unterwäscheansätze freizulegen? Und tatsächlich, Kaibas Tippgeräusch wurde plötzlich um einiges lauter und außerdem schien mein Lieblingskühlschrank plötzlich etwas aus dem Rhythmus gekommen zu sein. Woran das wohl lag? Als nächstes schnappte ich mir die bereits flüssige Zartbitterkovertüre und einen Löffel von der Anrichte. Das eine kam zu andern und schließlich verschwand ein voller Löffel Schokolade in meinem Mund. Wieder im Freien wurde der Löffel von meiner Zunge attackiert, die noch nach letzten Schokoladenstücken fahndete. Mit geschlossenen Augen lauschte ich der plötzlichen Stille der Küche, bevor Kaiba laut und deutlich knurrte.
„Lass das Köter. Man wäscht das Besteck mit Wasser ab, oder hat man dir das nicht beigebracht?“ Grinsend öffnete ich meine Augen und erblickte einen „not so amused“ COE, der sich mit übergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurücklehnte. Und von einem Augenblick wurde aus dem Verführten ein Verführer. Oder wie immer ihr es nennen wolltet. Zuerst nahmen mich seine Augen gefangen. Sie glänzten dunkel, fast schon verheißungsvoll unter seinen dunklen Haarsträhnen hervor. Danach nahm ich Kaibas ganze Position wahr, scheinbar völlig Herr der Lage und ganz besonders seines eigenen Körpers, als könnte er alles tun und lassen, wie es ihm beliebte. Natürlich half dabei auch sein siegessicheres Grinsen, dass ich ihm normalerweise gerne aus dem Gesicht geschlagen hätte. Musste ich noch erwähnen, dass meine Hose nun nicht nur sehr eng, sondern schon sehr schmerzhaft eng war? Nein? Tja, das konnte man sich wohl in anbedacht der Sachlage bereits denken. War dies der Moment, auf den ich seit unserem ersten Treffen in der Restaurantküche so ungeduldig wartete?
„Ich mache die Regeln Köter. Also hör mit diesem Unsinn auf und mach das, wofür ich dich her geholt habe. Kochen!“, ließ der reiche Geldsack hören, bevor er seinen Laptop zuklappte und aus dem Raum verschwand. Oh, das? Das waren nur meine völlig überzogenen und idiotischen Träume, die zusammen mit der zuschlagenden Tür zerbarsten. Nein, viel gebracht hätten die mir sowieso nicht, nachts erhörten sie meine Wasserrechung, tagsüber schmälerten sie meine Produktivität. Aus Kaibas Sicht hatte er mir wahrscheinlich sogar einen Gefallen getan. Und ja, Produktivität war auch ein super Wort, irgendwo zwischen Hamburger und Sufflet, um genau zu sein. Wie zu erwarten, verbrachte ich also die nächsten Stunden damit, allein in einer riesigen Küche zu hocken und immer wieder an dem Versuch zu scheitern, mir selbst in den Arsch zu treten. Dabei verbrannte fast ein Kuchen, überflutete verkochte Kovertüre die teure Mahragonietischplatte und ein paar der übrig gebliebenen Eier zerbrachen geräuschvoll auf dem nun nicht mehr ganz so blanken Küchenboden. Und mir war es völlig egal.
Doch schließlich, mehr schlecht als recht aber trotzdem schlussendlich, standen vier fertige Kuchen auf dem Küchentisch und warteten darauf, verspeist zu werden. Kaum machte ich mich daran, sie zur Aufbewahrung in den Kühlschrank zu verfrachten, flog die Eingangstür mit einem lauten Knall auf, während ein nicht mehr ganz so kleiner Wirbelwind in Richtung Küche preschte. Mokuba Kaiba schmiss die Küchentür genauso lautstark gegen die Wand wie das letzte Bollwerk, welches es gewagt hatte sich zwischen ihn und sein Ziel zu stellen. Selbiges bekam ich unweigerlich mit, als er ohne nach links und rechts zu schauen auf den Kühlschrank zusteuerte.
„Verdammt, die ersten kommen bestimmt schon in 10 Minuten und nichts ist gemacht. Wie krieg ich jetzt noch genug Essen auf die Tische, Seto weg und das Wohnzimmer fertig?“, brabbelte er vor sich hin und riss auch noch die Kühlschranktüre auf.
„Nun ja, um den Kuchen musst du dich schon mal nicht mehr kümmern.“, meinte ich so trocken wie nur möglich. Kaiba wäre unter anderen Umständen sicher stolz auf mich gewesen.
Mokuba dagegen…
„Wuha, hast du mich vielleicht erschreckt! Was machst du eigentlich hier?“, fragte das Geburtstagskind, nachdem es sich von seinem ersten Schock erholt hatte. Ich grinste nur übers ganze Gesicht. Der Kleine konnte schließlich nichts für meinen Krach mit seinem Bruder.
„Dir alles Gute zum Geburtstag wünschen und deinem Kochbanausen von Bruder beim Backen deiner Kuchen beizustehen, was sonst?“, meinte ich nur, und verwies dabei nicht ohne Stolz auf meine zuckrigen Machwerke.
„Wow, das ist ja super. Da werden sich meine Freunde sich drauf stürzen! Sag mal, ist Seto noch im Büro?“, fragte der ehemalige Zwerg schließlich. Er sah viel erwachsener aus als der kleine Wirbelwind, den ich noch im Gedächtnis hatte. Trotzdem wirkte er nicht so kalt wie sein Bruder, viel mehr im Reinen mit sich selbst.
„Natürlich bin ich nicht im Büro Mokuba. Nun erkläre mir bitte, was das heißen soll, deine Freunde würden die Kuchen verschlingen. Keine Partys in der Villa, darauf hatten wir uns geeinigt!“. Sprach‘s, und stieß von dem Türrahmen ab, an dem Kaiba bis vor kurzem noch gelehnt hatte. Und hinter Tor 3 versteckte sich, der Zonk!
„Großer Bruder, ich werde 17! Diese Party ist wichtig, und ich werde sie feiern! Die Frage ist nur, soll ich das im Schutz unsere Villa tun, oder in irgendeinem Club des Rotlichtbezirks?“ Huhu, da flogen die Fetzen. Ich hätte nicht wirklich gedacht, dass Mokuba mal so mit seinem Bruder reden würde. Aber na ja, jeder wurde irgendwann mal erwachsen, und der kleine Knirps musste schon einen Arsch in der Hose haben, um sich dabei gegen Kaiba zu behaupten. Zeit, ihm dabei ein wenig unter die Arme zu greifen.
„Da hast du ganz Recht, Kleiner! Natürlich wirst du hier in der Villa feiern.“ Mokubas Augen glänzten bei meiner Antwort. Kaiba dagegen starrte nun uns beide an, als wären wir von einem fremden Planeten, schien aber seine Stimmer noch nicht wieder gefunden zu haben. „Ein paar einfache Regeln: Schlafzimmer, Gästezimmer und Besenschränke sind tabu. Du räumst morgen den Dreck deiner Gäste allein weg, also sieh zu, dass sie sich benehmen. Und das letzte ist mehr ein guter Rat. Erst der Kuchen, dann könnt ihr trinken. Und wenn du kotzen musst, hör auf mit dem Alkohol. Dein Magen wird’s dir danken.“ Kaum war mein letzter Rat abgenickt, und wahrscheinlich genauso schnell wieder vergessen, verschwand er mit 4 gestapelten Kuchen in Richtung Wohnzimmer. Doch dies tat er nicht ohne noch eine Regel in Sachen Raumaufteilung klarzustellen.
„Die Villa rechts der Treppe gehört uns, links der Treppe gehört euch!“, rief Mokuba noch mit einem lauernden Unterton, bevor eine weitere Tür geräuschvoll ins Schloss fiel. Nun brauchte ich nur noch Kaibas Zorn auszuhalten. Haha, na wenn es weiter nichts war. Was konnte er mir schon antun? … Wenn ich es mir so richtig überlegte, was konnte er mir eigentlich nicht antun? Oh Scheiße!
„Wheeler!“ Jetzt musste mir schnell etwas einfallen lassen. Naja, rein realistisch gesehen war Joey Wheeler mehr als tot, aber in meiner Logik gab es da noch eine Sache, die ich meinem wütenden Drachen sagen musste. Vorzugsweise bevor er mich unangespitzt in den Boden rammte, natürlich.
„Kaiba, ich habe keine Unterwäsche an.“ Wollte er mich gerade noch in einer etwas verspäteten Reaktion auf meine Dreistigkeit mit bloßen Händen umbringen, jedenfalls sah er schwer danach aus, stand Kaiba nun wieder völlig fassungslos vor mir. Zweimal totaler Softwareoverload in weniger als 20 Minuten. War das ein neuer Rekord?
Doch aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hatte ich das dringende Bedürfnis, ihm meinen total logischen Gedankengang näher zu erläutern.
„Ich wollte unsere… na ja das…. Dieses… einfach ein wenig voranbringen“, brachte ich kleinlaut hervor. So langsam kamen mir doch ein paar Zweifel, ob diese ganze Sache so ein wirklich bombensicherer Plan war. Eine Bombe mit eisblauen Augen genau vor mir war jedenfalls gerade am Explodieren.
„Du wolltest ES voranbringen, indem du ohne Unterwäsche bei der Geburtstagsfeier meines kleinen Bruders aufkreuzt?“, knurrte mein Kühlschrank Unheil verkündend, doch wenigstens war Mokuba inzwischen wohl aus dem Schneider. Draußen konnte ich gedämpft ein paar dutzend Füße über das Parkett rennen hören, also war die Party bereits im Gange. Selbst Kaiba hatte jetzt wahrscheinlich nicht mehr das Herz, Mokubas Freunde rauszuschmeißen.
„Aus deinem Mund klingt das so hirnrissig. Ich fand das war echt ein guter Plan-“, erwiderte ich etwas verspätet, doch Kaiba schien mir gar nicht mehr zuzuhören. Vielmehr zog er geräuschvoll einen der Stühle des Küchentischs zurück und ließ sich fast schon geschafft darauf fallen. Es fehlte nur noch, dass er den Kopf in seinen Händen vergrub. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt, verdammt! Kaiba sollte mein Geständnis natürlich schocken, aber nach der ersten Fassungslosigkeit hatte es diesen Möchtegernkühlschrank verdammt noch mal anzumachen! Sodass er mich schließlich zu irgendeinem Sofa schleppte und wir hemmungslos rummachen könnten, versteht sich.
„Kaiba?“ Ihn hatte das anzumachen, Ende der Diskussion.
„Was?“, fragte Kaiba nur pampig, vermied es aber, mich dabei anzusehen.
„Macht dich das denn gar nicht…? Na ja ich meine, da ist nur diese Jeans und sonst nichts.“, fragte ich ihn, nun doch ein ganz klein wenig unsicher.
„Halt den Mund, Köter“, knurrte Kaiba nur, doch richtig zuhören konnte ich ihm im Moment nicht. Viel mehr versuchte ich meinen, zugegebener Maßen nicht besonders lasziven, Kommentar ins richtige Licht zu rücken.
„Also, alles was du machen müsstest, wäre einen Knopf und…“ Diesmal unterbrach er mich deutlich heftiger.
„Sei still verdammt!“ Wieder drang sein Einwand nicht weit genug in mein Bewusstsein vor, um die Flut hastig gesprochener Worte zu stoppen.
„Keine lästigen Gummizüge oder so. Ich wäre dir auch nicht böse wenn die Jeans kaputt geht.“ Nervös begann ich an dem Hosenbund meiner Jeans zu nesteln, da sich das Material irgendwie unangenehm da unten anfühlte. Währenddessen schien mein Hirn langsam den Resetknopf gefunden zu haben und mein fast panisches Gebrabbel verstummte.
„Lass das!“ Seine gepresst klingende Stimme ließ mich zum ersten Mal wieder den Kopf heben, und ihn ansehen. Ich war nun mehr als ein bisschen verwirrt.
Sein Gesichtsausdruck erschien mir definitiv anders als sonst, die gesamte Mimik nicht wie sonst völlig verschlossen. Aber trotzdem konnte ich mir keinen Reim darauf machen, was gerade in Kaibas Kopf vorging. Geschlagen blickte ich wieder zu Boden
„Denkst du wirklich nicht darüber nach?“ Von seiner Antwort hing ab, ob mir ein schamvoller Heimweg, mit der unausweichlichen Gewissheit ein Idiot zu sein, erspart blieb, oder nicht. Mit zugekniffenen Augen wartete ich auf seine Antwort, die zunächst aus einem fast besiegten Seufzen bestand.
„Doch, und das ist alles nur deine Schuld. Glaubst du ich habe den ganzen Tag nicht bemerkt, dass sich da unter dem Ding nichts abzeichnet?“ Kaibas Stimme klang genauso gereizt wie wütend, doch irgendwo unter diesem ganzen Schutzmechanismus gab es noch etwas. Etwas, mit dem ich arbeiten konnte. Denn schlussendlich hatte mein Drache mir nach eigener Aussage den ganzen Tag auf den Arsch gestarrt. Neugierig suchte ich seinen Blick, doch noch schien er dafür nicht bereit.
„Was willst du jetzt von mir?“, fragte er, anstelle meine Wenigkeit anzusehen, den Küchentisch. Doch damit konnte ich umgehen. Wer würde schon auf ein Möbelstück eifersüchtig sein?
„Das du nicht wieder den Schwanz einziehst, Kaiba. Der Rest regelt sich schon von allein.“ Schließlich würde ihm der Tisch keine besonders intelligente Antwort geben können, oder? Was folgte war ein stummer Starrwettkampf, den wir wohl beide gleichzeitig gestartet hatten und keiner von uns verlieren wollte. Natürlich war es kindisch und dabei genauso untypisch für ihn wie für mich. Vor allem, weil dabei kein einziges Wort, keine einzige Beleidigung über unsere Lippen kam. Doch schließlich, als ich schon fast an Genickstarre gestorben wäre, schloss Kaiba die Augen und schüttelte mit einem fast hilflosen Schnauben den Kopf. Doch wirklich Zeit, mich über diesen kleinen Sieg zu freuen, blieb mir nicht. Kaum war Kaiba nämlich damit fertig, sich selbst seine Niederlage einzugestehen, ließ er Taten sprechen. In seinem Fall hieß das, aufzustehen, mit der Miene eines zum Tode Verurteilten auf mich zu zukommen und mich schließlich mit einem schraubstockartigen Griff um mein rechtes Handgelenk aus der Küche zu schleifen.
„Ich spiele nicht!“, knurrte er in meine Richtung, während wir die große Eingangshalle durchquerten und dabei der gedämpften Musik aus den Räumen auf der rechten Seite lauschen konnten.
„Wie gut, dass du dann eine Spielefirma leitest, was?“, meinte ich nur grinsend, während mein Gehirn die wildesten Antworten auf die Frage erfand, wohin mich Kaiba nun brachte. Natürlich hätte ich ihn einfach fragen können, doch meine Fantasie präsentierte mir so einladend aussehende Wunschbilder.
Schließlich wählte Kaiba eine der vielen Türen auf der linken Seite der Villa, wofür ich ihm mehr als dankbar war, und zog mich hinter sich her in den ausgesuchten Raum. Die Tür schloss sich mit einem „klonk“ hinter mir, während sich vor meinen Augen ein recht normal aussehendes Wohnzimmer mit Flachbildfernseher befand. Aber die waren ja heutzutage auch nichts Besonderes mehr. Kaiba hatte derweil mein Handgelenk losgelassen und drückte einige Knöpfe auf der imposanten Fernbedienung. Ein gemütlicher Filmabend also, Kaiba? Das konnte man ja schon fast normal nennen.
Während ich mich noch ein wenig in diesem schon fast gemütlichen Wohnzimmer umsah, klickte er sich durch die digitale Filmdatenbank und hatte nach kurzer Suche anscheinend auch einen Film gefunden, der seinen Vorstellungen genügte.
„Sag mal, wie viele Wohnzimmer habt ihr eigentlich hier?“, fragte ich ihn, immer noch etwas überrascht von meinem Sieg vor ein paar Minuten.
„Einige“, antwortete Kaiba, während er die Soundanlage konfigurierte. „Dies ist einer von den Älteren.“ Schließlich schien er mit allem einigermaßen zufrieden und legte sich auf das breite Sofa genau in Blickrichtung des Fernsehers. Leider war diese Couch ein nicht gerade großes Exemplar, sodass Kaibas Oberkörper nebst seiner verboten langen Beine so ziemlich die gesamte Sitzpolsterung des schwarzen Möbelstücks einnahm.
„Hey Geldsack, rutsch mal!“ Nun wurde ich doch etwas pampig. Zuerst lies mich dieser arrogante Kerl mitten im Raum stehen, und dann besetzte er den besten Platz vor dem Bildschirm. Wer von uns beiden hatte jetzt keine Manieren?
„Und was, wenn ich das nicht tue?“ Das hatte sich eindeutig nicht mehr nach Kaiba angehört. Seine Stimme hatte schon fast einen amüsierten Unterton, und irgendwie blitzten seine Augen plötzlich so herausfordernd. Für einen Moment blickte ich ihn voller Unverständnis an. Wie er dalag, mit der Hälfte seines Oberkörpers an die Seitenlehne der Couch gelehnt, ein Bein locker auf den Sitzpolstern, das andere über dem Rand des Sofas baumelnd. Das sah schon fast… einladend aus. Konnte es sein, dass… oh verdammt Kaiba, manchmal warst du mir wirklich zu umständlich.
„Ganz subtil, Kaiba. Du hättest auch einfach fragen können!“ Trotzdem konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, als sich auch seine Mundwinkel für einen kurzen Moment nach oben bewegten. Betont langsam ging ich auf die Couch zu und beugte mich schließlich, auf Knie und Hände gestützt, über ihn. Das machte mich schon irgendwie an, so auf allen Vieren über ihm zu knien, als ob ich auch ein wenig Macht über ihn hätte. Und seinem Blick nach zu urteilen, fand Kaiba das ganze auch gar nicht mal so schlecht. Während wir unsere Körper relativ gemütlich auf dem begrenzten Platz des Sofas positionierten, beide scheinbar darauf bedacht, so viel wie möglich Körperkontakt dabei zuzulassen, blickten wir uns unentwegt an. Ich könnte ihn wahrscheinlich den ganzen Abend lang anstarren. Das klang jetzt sicher etwas schräg, und wenn nicht, dann unwahrscheinlich kitschig, aber an seinem Gesicht und seinen Augen konnte ich mich einfach nicht satt sehen. Sie strahlten, die meisten Zeit zwar mit einem kühlen oder arroganten Glanz, doch immer durchdringend und im Moment sogar fast noch ein bisschen mehr als sonst. Kaibas Augen strahlten immer, was mir die Hoffnung gab, dass sich in diesem Kühlschrank stets auch ein recht feuriger Drache versteckte.
Schließlich fischte Kaiba ein weiteres Mal nach der Fernbedienung und ich unterbrach den Blickkontakt, um meinen Kopf auf seiner Schulter abzulegen.
„Ich hoffe du erwartest keine Romanze“, meinte er schließlich und startete den Film.
Ich schnaubte nur amüsiert und verfolgte interessiert, wie die ersten Szenen von „Evolution“ über den Bildschirm flackerten. Ein guter Film, ohne Frage, und uns beiden anscheinend bereits gut bekannt. Kaiba, Kaiba, du hattest doch nicht etwa Hintergedanken?
Natürlich würde sich der große COE nie dazu herablassen, eine „Romanze“ anzuschauen, aber ein Actionfilm mit Witz, den wir beide mit Sicherheit bereits gesehen hatten, und auf dessen Handlung wir uns also nicht allzu genau konzentrieren mussten, kam dem ganzen doch recht nahe. Für mehr waren die einschlägigen Liebesschnulzen und „Paarfilme“ ja auch nicht gut.
Und tatsächlich, nach nur wenigen Minuten stahl sich eine seiner Hände unter den Saum meines T-Shirts. Als sie nackte Haut trafen, begannen Kaibas Finger geisterhaft über meinen Bauch zu wandern. Wüsste ich nicht um seine kleine Schwäche, würde ich diese Geste sofort gerne erwidern, aber so entschied ich mich für meine ganz eigene kleine Entdeckungsreise. Während mir seine Fingerkuppen also bei jeder Berührung kleine Stromstöße durch den Körper jagten, schob ich meinen Kopf etwas näher an Kaibas Hals und begann damit, diesen mit meinen Lippen abzutasten. Fast augenblicklich schloss Kaiba die Augen und legte seinen Kopf leicht in den Nacken, um mir mehr Angriffsfläche zu bieten. Währenddessen schlug im Film ein Meteor auf der Erde ein und erste Analysen der veränderten Umgebung wurden gemacht, doch keine von uns beiden interessierte sich mehr wirklich dafür.
Kaibas Hände mogelten sich schließlich auch unter meinen Hosenbund, wo sie quälend langsam immer ein wenig tiefer strichen. Eine Tatsache, die ich weder ignorieren konnte noch wollte. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinem gesamten Körper aus, und ich drängte mich diesen wunderbaren Händen so gut es ging entgegen. Als Kaibas Finger schließlich durch die ersten Ausläufer meiner Schamhaare strichen und sich ein mehr als lautes Stöhnen in meiner Kehle sammelte, bestand meiner Reaktion daraus, mich an Kaibas Hals festzusaugen. Für einen Moment stoppten sogar dessen Bewegungen, als ein unterdrücktes Stöhnen an mein Ohr drang. Tja, das hieß wohl Rollkragenpullover in nächster Zeit, Kaiba. Nicht, dass ich es bereuen würde. Entschuldigend leckte meine Zunge über das dunkelrote Mal, dann immer tiefer bis zu Kaibas Halsbeuge. Dessen vorwitzigen Finger strichen nun deutlich bestimmter über meine Beckenknochen und tiefer unter meine Jeans. Da unten regte sich inzwischen einiges. Als seine Fingerkuppen schließlich über den Ansatz meiner Länge fuhren, stöhnte ich ungehemmt in Kaibas Halsbeuge. Eine Aktion, die mein Drache mit einem zufriedenen Brummen belohnte. Meine Unterwäschelosigkeit verschaffte Kaiba augenscheinlich einen Vorteil in dieser Sache. Doch während die ersten Monster irgendwo in Amerika ahnungslose Haushalte unsicher machten, wollte ich ein wenig mehr Initiative zeigen.
Bevor Kaibas verflucht gute Finger mir vollends das Gehirn vernebeln würden, drehte ich mich auf der begrenzten Fläche um und presste meine Lippen auf die meines geliebten Kühlschranks. Dieser grummelte zwar wieder einmal etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, doch ich vergrub viel lieber meine Hände in seinem Haar, als darauf zu hören. Doch schon nach wenigen Sekunden wurde mir klar, dass Kaiba jetzt bockte. Er weigerte sich schlicht und ergreifend seinen Mund zu öffnen oder sonst irgendwie weiterzumachen.
„Jetzt sei doch nicht beleidigt“, murmelte ich versöhnend gegen seine Lippen und kraulte durch die kurzen Haare im Nacken meines schmollenden Drachens.
„Ich mache die Regeln hier, Wheeler. Daran solltest du dich gewöhnen“, meinte er nur abweisend, doch in seinem Blick meinte ich für einen kurzen Moment ein herausforderndes Funkeln erblickt zu haben.
„Und du solltest dich daran gewöhnen,…“, flüsterte ich ihm ins Ohr. „…dass ich meinen eigenen Kopf habe.“ Mit diesen Worten und bestärkt durch Kaibas unterdrücktes Keuchen löste ich meine Hände aus seinen Haaren und begann damit, sein obligatorisches Hemd aufzuknöpfen. Den ersten offenen Knöpfen folgte meine Zunge der, über dünne Muskelstränge gespannten, freigelegten Haut. Kaiba schien etwas überrascht von meiner Aktion und begnügte sich vorerst damit, seine Hände in der Sofapolsterung zu vergraben. Als mein Mund schließlich seine rechte Brustwarze fand und sie mit den Zähnen bearbeitete, konnte er ein Stöhnen nicht mehr zurückhalten. Ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein ging, und auch noch an einen anderen Ort. Wusste Kaiba eigentlich, wie verrucht und gut sein Keuchen in meinen Ohren klang? Wie sein zurückgeworfener Kopf mit den geschlossenen Augen mir noch lange den Schlaf rauben würde? Hoffentlich nicht.
„Verdammt Hündchen!“ Seine Stimmlage hatte sich um mindestens eine Oktave nach unten verlagert und hätte mir wohl ganz eigenständig einen Stände verpasst, wäre das nicht schon längst der Fall gewesen. In einer fließenden Bewegung begann er mit seinen talentierten Händen mein Hinterteil zu kneten, nur um sich wenig später über mich zu rollen. Der entschlossene Blick in seinen Augen ließ mich erwartungsvoll erschauern, bevor er seine Lippen fast brutal auf die meinen presste und, zugegeben ohne viel Gegenwehr, meinen Mund eroberte. Er fühlte sich einfach so verdammt gut an. Offen stöhnte ich in den Kuss, als Kaiba damit begann, sein Becken an meinem zu reiben. Auch er keuchte, behielt aber die Oberhand in sowohl dem Kuss als auch bei unseren Bewegungen. Kaiba brauchte diese Dominanz, soviel hatte ich bereits mehrfach feststellen können. Das war auch ok, solange er es dabei nicht übertrieb. Schließlich hatte ich schon damals nur deswegen seine Aufmerksamkeit erregt, weil ich nicht alles mitmachte und ihm gelegentlich kontra gab.
„Kaiba!“ Langsam wurde mir immer heißer und das Pulsieren meiner Länge ließ darauf schließen, dass es nicht mehr lange dauern konnte. Mein Drache intensivierte unseren Kontakt und beschleunigte seine Bewegungen, während er immer wieder mit seiner Zunge lasziv in meinen Mund stieß. Genießerisch verdrehte ich die Augen und kam nur wenig später, ohne das Kaiba mich noch wirklich hatte anfassen müssen. Dieser folgte mir nur wenig später, mit einem tiefen Stöhnen, in dem ich irgendwo das Wort Hündchen heraushören konnte. Schwer atmend lagen wir aufeinander, beide leicht verschwitzt aber irgendwie viel entspannter als den ganzen Nachmittag über. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht knabberte ich zufrieden an Kaibas Hals, während er abwesend über meinen Bauch strich.
„Ich glaube, wir sollten dieses Wohnzimmer noch öfters benutzen“, meinte ich verschmitzt, in meiner Stimme schwang jene tiefe Zufriedenheit mit, die ich im Moment auch empfand.
Kaibas Antwort bestand aus einem zustimmenden Brummen.
Mein Weg in Kaibas Leben kam ohne Unterwäsche aus.