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Taste Of Confusion V

Nico x ...
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Ja, ich lebe noch. Und ich habe zwischenzeitlich nicht das Schreiben verlernt, auch wenn es den Anschein gemacht hat. Ich hatte nur ein paar Probleme, dieses Kapitel - das eigentlich viel länger war - zu beenden. Und weil mich das erstens genervt hat und ich zweitens was zum Aufmuntern für mein Liebes brauchte, hab ich das Kapitel jetzt einfach gesplittet. Dann kann ich mir für den zweiten Teil etwas Zeit lassen. Ich hoffe, das ist okay für euch.

So, genug gelabert. Viel Spaß mit dem ersten Kapitel richtigen Kapitel von Nicos Leben und Leiden. Ich hoffe, ihr amüsiert euch beim Lesen ebenso sehr wie ich beim Schreiben.
^___^

Karma
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Ich habe Urlaub, ich hatte etwas Zeit übrig und auch ein bisschen Inspiration, also habe ich endlich mal das schon seit Ewigkeiten angefangene Kapitel beendet. Was lange währt und so.
Ich hoffe, es gefällt euch. Drückt mir die Daumen, dass meine Motivation sich im Laufe der nächsten Woche hält, damit ich noch ein bisschen mehr zusammen kriege - nicht nur hier, sondern eventuell auch bei anderen Stories.

Genug gelabert. Enjoy!

Karma
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Vorwort zu diesem Kapitel:
So, weil ich gerade einen kleinen Lauf habe und das Kapitel hier erst raus muss, bevor ich bei allen anderen Stories auch weitermachen kann, gibt's hier neuen Lesestoff.
:)

Widmung wie üblich für Aschra, einfach weil wegen isso und aus Gründen von darum.
;)
Gute Besserung, Liebes, und viel Spaß beim Lesen.

Ich hoffe, ihr habt alle so viel Spaß beim Lesen, wie ich ihn beim Schreiben hatte.
XD

Enjoy!

Karma
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Da aller guten Dinge ja bekanntlich drei sind, gibt's hier auch das dritte Kapitel aus der TOC-Reihe. Dieses mal Nicos POV.

Für meinen Seelenzwilling Aschra. Ein paar Dinge wusstest du ja schon, aber hier ist das große Ganze.
:D

Enjoy reading, alle miteinander!

Karma
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Brüder

Yay, endlich hab ich den Prolog für TOC V auch mal geschafft. Kann sein, dass noch Fehler drin sind, aber die merze ich später aus (wobei ich, wie üblich, für jeden Hinweis dankbar bin).
 

Wie unschwer zu erkennen ist, geht es in dieser Geschichte um Nico. Viel verrate ich noch nicht. Lasst euch einfach überraschen, was ich mit ihm vorhabe, okay? Und drückt mir die Daumen, dass ich beim ersten Kapitel endlich zum Ende komme. Das ist nämlich schon wesentlich länger angefangen als der Prolog. Und da es zeitlich vor dem ersten richtigen Kapitel von TOC III und auch vor dem zweiten Kapitel von TOC IV (die beide ebenfalls bereits angefangen sind und nur noch auf Vollendung warten) spielt, wäre es sicher nicht verkehrt, wenn ich es bald hochladen könnte.
 

So, genug gelabert. Ich wünsche viel Spaß. Oh, und nehmt euch vielleicht vorsichtshalber ein paar Taschentücher. Die zarter besaiteten Leser unter euch (damit meine ich vor allem Dich, Liebes) könnten sie eventuell brauchen.
 

Karma
 

~*~
 

"Hey, Nico, warte mal bitte kurz." Als ich diese Worte höre, bleibe ich beinahe augenblicklich stehen, obwohl ich eigentlich nichts mehr will als nach endlosen sieben Stunden endlich aus dieser Hölle, besser bekannt als Schule, heraus und nach Hause zu kommen. Mein Bruder, der Glückspilz, hatte heute nur fünf Stunden, weil er Religion am Anfang des Schuljahres abgewählt hat. Ich war dummerweise nicht ganz so schlau wie er, sondern habe meinen Zettel verschludert und darf mir deshalb noch ein weiteres Jahr lang das dumme Gerede von Frau Peekes antun. Manchmal ist es wirklich nicht unbedingt von Vorteil, ein Chaot zu sein. Wenn man nämlich etwas in seinem ureigenen Chaos verschlampt, kann man niemanden dafür verantwortlich machen, sondern muss sich irgendwie mit den Konsequenzen arrangieren.
 

Sämtliche Gedanken an die Sinnlosigkeit von Religionsunterricht und die Unmöglichkeit von Frau Peekes fast schon lilafarbener Tönung verpuffen sofort, als Janina, die gerade nach mir gerufen hat, vor mir stehen bleibt und mich ansieht. Ihre Wangen sind leicht gerötet, ihre blauen Augen strahlen und ich kann fühlen, wie sich mein Herzschlag bei diesem Anblick ein wenig beschleunigt. Ich finde Janina schon ziemlich lange ziemlich toll, aber bisher hat sie im ganzen Schuljahr noch keine zehn Sätze mit mir gesprochen. Und ich weiss irgendwie immer dann, wenn wir zusammen Chemie haben – Janina geht in meine Parallelklasse –, auch nicht, was ich zu ihr sagen soll. Normalerweise bin ich wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber bei ihr schaltet sich mein Hirn irgendwie immer ab und ich mache mich total zum Hampelmann. Das macht mir sonst nicht besonders viel aus, aber bei Janina ist das anders. Ich will nicht, dass sie mich für einen Trottel hält und mich auslacht. Das würde mir echt den Rest geben.
 

"Ähm ... Könntest Du mir einen Gefallen tun, Nico?", fragt Janina und ich kann mich nur mit Mühe davon abhalten, sofort hektisch zu nicken. Klar. Was immer Du willst. Für Dich mach ich alles, liegt mir auf der Zunge, aber ich spreche die Worte nicht aus, sondern schlucke sie ungesagt herunter. Das wäre einfach eine Spur zu offensichtlich und ich will mich wirklich nicht blamieren. Nicht ausgerechnet vor ihr und vor allem nicht dann, wenn sie mich tatsächlich ausnahmsweise einmal ganz von selbst anspricht. Und das auch noch nach dem Unterricht, wenn der Schulhof so gut wie leer ist. Ich glaube, ich kippe gleich um. Meine Knie sind jedenfalls butterweich und wenn Janina mich noch lange so halb schüchtern, halb bittend anlächelt, dann haut es mich entweder wirklich aus den Latschen oder ich küsse sie einfach.
 

"Könntest Du Deinem Bruder das hier von mir geben?" Zeitgleich mit dieser Frage drückt Janina mir einen Briefumschlag in die Hand, auf dem in ihrer ungewöhnlich kringeligen Handschrift der Name Jonas steht. Einen Moment lang starre ich einfach nur wie blöde auf den Umschlag in meiner Hand, aber als Janina sich geradezu überschwänglich bei mir bedankt und dann nach einem letzten Lächeln in meine Richtung, das nicht mal wirklich mir gilt, wieder zu ihren wartenden Freundinnen läuft, wird mir klar, was hier gerade passiert ist. Janina – das Mädchen, auf das ich schon seit dem Beginn des Schuljahres stehe – hat mich gerade gebeten, den Boten zu spielen, weil sie sich nicht traut, meinem Bruder selbst diesen Brief zu geben. Im Klartext bedeutet das, dass ich mir Janina abschminken kann. Wenn das, was ich gerade in der Hand halte, nämlich kein Liebesbrief ist, dann will ich ab sofort nicht mehr Nico Ritter heissen.
 

"Scheisse!" Anders kann ich es einfach nicht ausdrücken. Das ist wirklich einfach nur scheisse. Das absolut allertollste Mädchen der Stufe steht ausgerechnet auf meinen Bruder. Einen Moment lang bin ich tatsächlich versucht, den Brief einfach wegzuwerfen und Jojo nichts davon zu erzählen, aber anstatt das wirklich zu tun, ertappe ich mich dabei, wie ich den Umschlag etwas grimmiger als nötig in meine Jackentasche stopfe. Dann schultere ich meinen Rucksack und verlasse den Schulhof, der inzwischen bis auf mich wirklich komplett leer ist. Von Janina und ihren Freundinnen ist nichts mehr zu sehen, aber darüber bin ich nur froh. Ich kann wirklich gut darauf verzichten, dass irgendjemand mir ansieht, wie sehr mich diese blöde Sache mit dem bescheuerten Brief getroffen hat.
 

Anstatt wie üblich nach Schulschluss in den nächsten Bus zu steigen und gleich nach Hause zu fahren, drehe ich der Bushaltestelle heute den Rücken zu und gehe zu Fuß. Allerdings schlage ich nicht den Weg nach Hause ein, sondern biege schon zwei Kreuzungen vorher ab. Ich brauche jetzt einfach etwas Zeit, um meine Gedanken zu ordnen und vor allem meine aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu kriegen. Ich will nämlich nicht, dass mir Jojo nachher, wenn ich nach Hause komme, ansieht, was mit mir los ist. In so was ist er leider ziemlich gut, aber diese Demütigung muss ich mir wirklich nicht auch noch geben.
 

Ehe ich mich versehe, stehe ich vor dem Eingang zu dem Bunker, wo Jojo, Dennis und ich früher als Kinder so oft gespielt haben. Ich weiss nicht genau, warum meine Füße mich ausgerechnet hierher gebracht haben, aber eigentlich ist das völlig egal. Hier treibt sich so gut wie nie jemand herum, also wird mich auch niemand stören, wenn ich mich in meinem Selbstmitleid aale. Ja, vielleicht ist das peinlich und blöd für einen Fünfzehnjährigen, aber verdammt, darauf scheisse ich heute! Dann bin ich eben peinlich und blöd. Ist mir doch egal.
 

Noch schlechter gelaunt als noch vor einer Minute bahne ich mir meinen Weg durch das Dickicht, bis ich den Bunker erreicht habe. Ohne Rücksicht auf den Dreck zu nehmen, werfe ich meinen Rucksack nicht besonders vorsichtig in eine Ecke und lasse mich dann so auf den Steinboden fallen, dass ich mich mit dem Rücken an die noch intakte Bunkerwand lehnen kann. Abgrundtief seufzend schliesse ich meine Augen, ziehe die Beine an und schlinge meine Arme darum, so dass ich meine Stirn auf meine Knie stützen kann. Ein Teil von mir möchte jetzt nur zu gerne heulen, während ein anderer Teil von mir Jojo am liebsten eine reinhauen würde.
 

Ich verstehe das einfach nicht. Was ist eigentlich so verdammt toll an meinem ach so perfekten Bruder, dass alle so auf ihn abfahren? Die Mädels in unserer Stufe und im Jahrgang darunter beten schon fast den Boden an, auf dem er wandelt, die Lehrer stehen auch total auf ihn und sogar Mama hat ihn unübersehbar lieber als mich. Aber was erwarte ich auch? Ich bin schliesslich nicht so toll und perfekt wie er. Meine Noten sind nicht ständig die besten, ich bin nicht der Höflichste und ich krieche weder den Lehrern in den Arsch noch lasse ich mich von jedem so rumkommandieren, wie er das tut. Nie sagt er zu irgendwem Nein, nie schlägt er jemandem eine Bitte ab oder verweigert jemandem Hilfe. Klar, dass alle das toll finden.
 

Nicht mal die Tatsache, dass er sich letzte Woche die Haare an den Seiten und im Nacken hat ausrasieren lassen – Undercut nennt er das – und dass er zusätzlich zu den schwarzen Klamotten, die er dauernd trägt, jetzt auch noch Nagellack und Kajal und das ganze Zeug benutzt, hat seinem Ansehen geschadet. Klar, einige alte Leute schauen ihn jetzt schief an und erst vorgestern hat irgendeine Trulla im Supermarkt ihrem Blag fast den Arm ausgerissen, als sie es von Jojo wegzerren wollte, aber irgendwie ändert das alles nichts. Jojo ist und bleibt der absolute Mustersohn. Tante Katja benutzt ihn bei Lukas und mir auch immer als gutes Beispiel, dem wir nacheifern sollen, ohne zu merken, wie sehr sie uns damit nervt. Selbst Larissa geht sie damit auf den Keks, obwohl Larissa im Gegensatz zu Lu und mir wenigstens nicht ständig mit Jojo verglichen wird.
 

Der Einzige, der mir noch nie vorgehalten hat, dass ich doch mal versuchen sollte, ein bisschen mehr wie Jojo zu sein, ist Papa. Er hat uns beide noch nie miteinander verglichen, aber was nützt mir das? Er muss ja schliesslich arbeiten und ist deshalb bei weitem nicht so oft zu Hause wie Mama. Und die schmiert mir jeden Tag aufs Neue aufs Butterbrot, dass ich eben nicht so klug und toll und nett und freundlich und höflich und perfekt bin wie mein Superbruder.
 

"Du könntest Dich ruhig ein bisschen mehr bemühen, Nico. Nimm Dir ein Beispiel an Jonas." – "Warum kannst Du nicht ein einziges Mal freiwillig Dein Zimmer aufräumen? Ist das denn so schwer? Dein Bruder tut das doch auch." – "Ist es wirklich zu viel verlangt, dass Du mal von selbst ein bisschen im Haushalt hilfst? Jonas hat schon wieder für Dich den Müll rausgebracht, obwohl das eigentlich Deine Aufgabe gewesen wäre." So was darf ich mir jeden Tag anhören. Ist es denn so schwer zu verstehen, dass ich eben nicht so bin wie Jojo? Ist es so schwer zu verstehen, dass ich es scheisse finde, wenn man mich ständig mit ihm vergleicht und mir unter die Nase reibt, wie unzulänglich ich im Vergleich zu ihm bin? Das ist einfach nicht fair, verdammt!
 

Und dann auch noch die Sache mit Janina. Als wäre es nicht schon scheisse genug, dass Jojo überall beliebter ist als ich. Jetzt muss er mir auch noch das Mädchen wegnehmen, auf das ich seit einer gefühlten Ewigkeit stehe. Gut, er weiss noch nichts davon, dass sie was von ihm will – immerhin hab ich den beschissenen Brief, den ich ihm geben sollte, ja immer noch bei mir –, aber das ist egal. Es reicht schon, dass sie auf ihn steht. Am liebsten würde ich Jojo wirklich dafür schlagen. Ich weiss zwar eigentlich, dass es nicht seine Schuld ist, aber im Moment will ich mich einfach nur abreagieren.
 

"Dachte ich mir doch, dass Du hier bist." Beim Klang der Stimme, die ich nur zu gut kenne, ruckt mein Kopf hoch und als ich tatsächlich meinen Bruder vor mir stehen sehe, verfinstert sich mein Gesicht und meine Stimmung sinkt noch weiter in den Keller. Was will er hier, verdammt noch mal? Kann er mich nicht ein einziges Mal im Leben in Ruhe lassen? Muss er mir jetzt auch noch nachlaufen und mir auf die Nerven gehen, wenn ich einfach nur alleine sein will?
 

"Hau ab!", pflaume ich ihn an und drehe demonstrativ den Kopf weg, aber natürlich geht Jojo nicht. Es raschelt einfach nur kurz und aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er seine Jacke auszieht und sie auf den Boden legt, ehe er sich im Schneidersitz draufsetzt. Unwillkürlich entfährt mir ein Schnauben. Mr. Mustersohn muss mal wieder beweisen, wie toll er ist. Meine Jacke und meine Hose sind garantiert schon dreckig, aber während ich dafür nachher wieder Anschiss von Mama zu erwarten habe, weil ich mich mal wieder "eingesaut" habe, kriegt er ganz sicher keinen Ärger. Warum auch? Mr. Rücksichtsvoll. Pah!
 

"Bist Du eigentlich taub oder was? Ich hab gesagt, Du sollst abhauen." Ich will nicht, dass er hier bleibt und mich weiter mit diesen grauen Augen ansieht, mit denen er fast immer so erschreckend gut in meinen Kopf kucken kann. Ich will jetzt einfach nur alleine sein, bis meine Wut auf ihn und meine Enttäuschung über Janinas dämlichen Brief wieder so weit abgeklungen ist, dass ich nach Hause gehen kann, ohne dass mir jeder, dem ich über den Weg laufe, sofort anmerkt, was mit mir los ist. Das geht schliesslich niemanden was an.
 

Jojo verschwindet allerdings nicht, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er ganz genau weiss, dass ich meine Ruhe haben und ihn nicht sehen will. Trotzdem bleibt er im Schneidersitz schräg gegenüber von mir hocken und ich weiss auch ohne hinzusehen, dass er mich beobachtet. Dankenswerterweise schweigt er und so nimmt zumindest der Drang, ihn zu schlagen, ein wenig ab. Weh tun will ich ihm allerdings immer noch. Das tut er schliesslich auch, selbst wenn er das nicht weiss und es vielleicht auch gar nicht wirklich will.
 

"Ich hasse Dich, Jojo." Ich weiss nicht genau, warum ich das sage. Oder doch, eigentlich weiss ich es schon. Und ich weiss auch, dass es kindisch und dumm ist und dass mein Bruder nichts dafür kann, dass Janina ihn nun mal lieber mag als mich, ebenso wie Mama, aber er ist eben gerade da. Und er wehrt sich auch nicht, wenn ich ihm so etwas an den Kopf werfe – eine Tatsache, die mein schlechtes Gewissen auf den Plan ruft, das ich jedoch schnell wieder verdränge. Ich will mich jetzt nicht auch noch mies fühlen, weil ich gemein zu meinem Bruder bin. Ich fühle mich heute auch so schon scheisse genug.
 

"Ich wünschte, ich wäre Einzelkind." Ich weiss, dass meine Worte wie Ohrfeigen für Jojo sein müssen, aber ich kann einfach nicht damit aufhören. In mir ist gerade so viel Wut, so viel Bitterkeit und ja, auch eine Prise Hass, dass ich einfach ein Ventil dafür brauche. "Es wäre alles viel besser, wenn Du nie geboren worden wärst." Verdammt, kann Jojo mich jetzt nicht anschreien? Kann er mich nicht schlagen oder überhaupt irgendwie reagieren? Wenn er einfach nur dasitzt und sich alles anhört, wird es nur noch schlimmer. Ich fühle mich mit jeder Sekunde mieser und irgendwie will ich, dass es ihm genauso geht. Er soll sich auch scheisse fühlen, wenn er schon alles hat, was ich nicht habe.
 

"Warum kannst Du nicht einfach verschwinden?" Ich will, dass er endlich geht. Dann muss ich meine Augen nicht mehr ganz so fest zusammenpressen. Und dann muss ich mir auch nicht mehr auf die Unterlippe beissen, bis es weh tut und ich Blut schmecke. Und dann muss ich mich auch nicht mehr so mies fühlen, weil ich meinen Bruder für etwas verantwortlich mache, was eigentlich gar nicht seine Schuld ist. Er kann schliesslich nichts dafür, dass er beliebter ist als ich. Das ist meine eigene Schuld. Aber was soll ich machen? Ich kann einfach nicht so sein wie er. Ich kann nicht so höflich, so nett, so freundlich sein. Ich kann Mama nicht dazu bringen, mich so sehr zu lieben wie sie ihn liebt. Und ich kann Janina auch nicht dazu bringen, mich zu mögen und nicht ihn. Verdammt, das ist alles scheisse!
 

Ich zucke erschrocken zusammen, als ganz plötzlich eine Schulter meine Schulter streift. Ich habe nicht gehört, wie Jojo zu mir gerutscht ist, aber auf einmal ist er direkt neben mir. Er hat sich ebenso wie ich an die Bunkerwand gelehnt und ich spüre, dass er mich ansieht, aber ich blicke nicht zu ihm auf. Wenn ich das jetzt tun würde, dann würde er sehen, wie scheisse es mir gerade geht. Und das will ich nicht. Ich will nicht, dass er merkt, dass ich kurz davor bin zu heulen, weil Janina mir diesen blöden Brief für ihn mitgegeben hat und weil ich mich ihm gegenüber gerade wie ein Arschloch aufgeführt habe. Das, was ich zu ihm gesagt habe, tut mir jetzt schon wieder leid, aber ich schaffe es irgendwie nicht, mich dafür zu entschuldigen.
 

Jojo sagt noch immer nichts, aber er bleibt neben mir sitzen, ohne darauf zu achten, dass seine Klamotten jetzt auch so dreckig werden wie meine. Seine Jacke liegt nämlich immer noch da, wo er sie vorhin ausgezogen hat. Er macht allerdings keine Anstalten, wieder zurückzugehen, und ich bin dankbar dafür. Meine linke Seite ist da, wo sein Körper meinen berührt, ganz warm und irgendwie ist das fast schon tröstlich. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – ist mir nur allzu bewusst, dass ich ihm eine Entschuldigung für den Mist schulde, den ich da gerade von mir gegeben habe, aber ich bringe noch immer kein Wort über die Lippen.
 

Mehrere Minuten lang bleiben wir einfach so nebeneinander sitzen, ohne einen Ton zu sagen. Dann krame ich den Brief aus meiner Jackentasche und reiche ihn schweigend an Jojo weiter. Noch immer sehe ich ihn nicht an, aber ich kann hören, wie er den Umschlag öffnet, den Brief entfaltet und ihn liest. Es dauert nicht besonders lange, dann lässt er ihn sinken und seufzt leise. "Mein Glückwunsch. Janina ist echt toll", krächze ich und verfluche mich dafür, dass ich meine Stimme nicht besser im Griff habe und dass ich es nicht hinkriege, "Es tut mir leid" zu sagen.
 

"Kann sein." Jojo klingt nicht unbedingt überzeugt, aber ehe ich nachfragen kann, rückt er noch ein paar Millimeter näher zu mir und lehnt seinen Kopf an meinen. "Aber ich würde nie etwas mit einem Mädchen anfangen, das Du magst", sagt er dann und ich muss husten, weil ich mich an meinem nächsten Atemzug verschlucke. Jojo klopft mir vorsichtig auf den Rücken und ich schaffe es jetzt doch endlich, ihn anzusehen. "Woher weisst Du das?", frage ich japsend, nachdem ich mich wieder ein bisschen gefangen habe, und Jojo lächelt ganz leicht.
 

"Ich bin Dein Bruder, Nico. Glaubst Du wirklich, ich würde nicht merken, wenn Du Dich für ein Mädchen interessierst?", fragt er zurück und ich werde tatsächlich rot. "So offensichtlich?", nuschele ich und Jojo nickt. "Für mich schon, ja. Ich kenne Dich schliesslich schon mein ganzes Leben lang. Und es tut mir wirklich leid, dass es nicht geklappt hat und dass sie Dir auch noch diesen Brief für mich mitgegeben hat. Das war sicher nicht sehr schön für Dich", vermutet er ganz richtig und ich fühle mich gleich noch eine Spur mieser. Nach allem, was ich über ihn gedacht und was ich ihm gerade an den Kopf geworfen habe, bittet er mich praktisch um Entschuldigung für etwas, das nicht seine Schuld ist.
 

"Du bist viel zu nett", stelle ich fest und Jojo blinzelt irritiert, was mir ein schiefes, sehr verunglücktes Grinsen entlockt. "Das ist mein Ernst. Du bist echt immer viel zu nett. Zu allen, auch zu so Idioten wie mir. Eigentlich solltest Du mir eine reinhauen für den Scheiss, den ich gerade gesagt hab, und Dich nicht auch noch bei mir entschuldigen. Wenn überhaupt, dann müsste ich mich bei Dir entschuldigen. Ich hab das nämlich nicht so gemeint. Wirklich nicht. Ich war nur so sauer wegen Janina und Mama und weil alle mir dauernd vorhalten, wie toll Du doch bist und dass ich ein bisschen mehr so sein sollte wie Du und ... Tut mir leid, Jojo. Wirklich. Ich wollte das alles nicht sagen. Ich will überhaupt kein Einzelkind sein. Und ich hasse Dich auch nicht. Das könnte ich gar nicht. Ehrlich nicht", sprudelt es nur so aus mir heraus, aber ehe ich noch mehr sagen kann, lächelt mein Bruder dieses warmherzige Lächeln, das nur er lächeln kann und das mir deutlicher als alle Worte der Welt zeigt, dass er mir nicht böse ist für das, was ich gerade Dummes gesagt habe.
 

Etwas zaghaft lächele ich zurück und im nächsten Moment legt Jojo mir einen Arm um die Schultern. "Das weiss ich doch", murmelt er, zieht mich zu sich und ich lasse ihn gewähren, obwohl ich eigentlich der Ältere von uns beiden bin. Normalerweise sollte ich meinen jüngeren Bruder in den Arm nehmen und nicht umgekehrt, aber diese Umarmung tut so gut, dass ich ganz gepflegt darauf pfeife, was ich tun sollte und was nicht. Ich lehne einfach nur meinen Kopf an seine Schulter, schliesse die Augen und seufze leise. Es tut immer noch weh, dass Janina Jojo lieber mag als mich, und es tut auch immer noch weh, dass er Mamas unbestrittener Liebling ist, aber ich bin trotzdem froh, dass er da ist und dass er mich hier am Bunker gefunden hat. Ich weiss zwar nicht, wie er das geschafft hat und warum er überhaupt hergekommen ist, aber das ist ja auch eigentlich nicht so wichtig.
 

Nach einer Weile löse ich mich trotzdem etwas widerwillig wieder aus Jojos Umarmung und setze mich auf. Jetzt kann ich ihm auch wieder richtig in die Augen sehen. Ich schäme mich zwar immer noch unsäglich für meinen dummen, kindischen Ausbruch, aber das Wissen, dass er mir das nicht nachträgt und es scheinbar sogar irgendwie versteht, erleichtert mich irgendwie. Ganz egal, was ich vorhin auch gesagt hat, ich könnte mir mein Leben ohne meinen Bruder gar nicht vorstellen. Ich brauche ihn viel mehr als er wahrscheinlich auch nur im entferntesten ahnt. Und irgendwann werde ich ihm vielleicht auch mal wirklich sagen, wie wichtig er eigentlich für mich ist und wie froh ich bin, dass er da ist.
 

"Komm, lass uns nach Hause gehen." Jojo rappelt sich auf, klopft sich den Dreck von seinen Sachen und zieht seine Jacke wieder über. Dann streckt er mir auffordernd seine Hand hin. Ich ergreife sie und lasse mich von ihm hochziehen, aber anstatt ihn gleich wieder loszulassen, ziehe ich ihn jetzt meinerseits an mich und umarme ihn. Im ersten Moment überrumpele ich ihn damit, aber dann umarmt er mich ebenfalls wieder und lässt zu, dass ich ihn einmal ganz fest an mich drücke. "Danke, Jojo", nuschele ich dabei leise in den Kragen seiner Jacke, ehe ich ihn wieder loslasse. Ich bin mir nicht sicher, ob er begriffen hat, was ich damit genau sagen wollte, aber als er mich anlächelt, weiss ich, dass er meinen Dank nicht nur gehört, sondern auch richtig verstanden hat. Aber so wirklich wundert mich das nicht. Jojo ist eben einfach der Beste.
 

~*~
 

Gut, das wussten wir ja alle schon, aber schön, dass Nico es auch begriffen hat, nicht wahr?

*Nico knuddel*

*danach gleich ins Bett kuller*
 

Man liest sich hoffentlich bald wieder!
 

Karma

Eine verhängnisvolle Nacht

Helles, fast schon unangenehm grelles Licht sticht mir in die Augen und ich drehe mich murrend auf die andere Seite, um der Helligkeit zu entkommen und lieber noch etwas weiterzuschlafen. Dabei landet mein rechter Arm irgendwie auf einem Knubbel, der sich neben mir unter der Bettdecke befindet, und ich bin trotz meines eigentlich noch mindestens im Halbschlaf befindlichen Hirns reichlich irritiert. Wenn mich mein trübes, noch etwas verpenntes Erinnerungsvermögen nicht vollkommen im Stich lässt, hatte Evi doch letzte Woche erst mit mir Schluss gemacht, oder? Aber wenn das so ist, wer ist dann bitteschön dieser Knubbel in meinem Bett? Wobei ich mir, wenn ich es so genau betrachte, nicht mal hundertprozentig sicher bin, ob das hier wirklich mein Bett ist. Wo zum Teufel bin ich hier eigentlich?
 

"Finger weg von meinem Arsch", nuschelt eine zu meiner grenzenlosen Erleichterung eindeutig weiblich und ebenfalls noch sehr verschlafen klingende Stimme und ich ringe mich widerwillig dazu durch, doch erst einmal meine Augen zu öffnen und den viel zu kurzen Schlaf wegzublinzeln. Meinen Arm lasse ich dabei allerdings demonstrativ ganz genau da liegen, wo er vorhin nun mal rein zufällig gelandet ist. Wenn ich, wie ich mit einem kurzen, verpeilten Rundblick feststelle, wirklich irgendwie im Schlafzimmer dieses Mädels gelandet bin – und das auch noch nackt, wie mir das Gefühl der Bettdecke auf meiner bloßen Haut klarmacht –, dann kann sie gestern ja wohl zumindest nicht allzu abgeneigt davon gewesen sein, dass ich ihr an den Arsch oder wahlweise auch woandershin gepackt habe.
 

"Moin", grüße ich die Unbekannte neben mir erst mal so freundlich, wie es mir mit meinen gerade einsetzenden, hämmernden Kopfschmerzen – offenbar habe ich gestern doch etwas zu viel Alkohol erwischt – möglich ist, und falle im nächsten Moment vor Schreck beinahe aus dem nicht gerade breiten Bett, als der Knubbel sich urplötzlich bewegt und meine Bettnachbarin sich wie von der Tarantel gestochen aufsetzt. Diese Aktion bereut sie allerdings gleich darauf offensichtlich, wie ihr schmerzerfülltes Stöhnen und der Griff an ihren Kopf mir zeigt.
 

"Wohl auch eine Spur zu tief ins Glas gekuckt, was?", kann ich mir nicht verkneifen, meine gestrige Eroberung aufzuziehen, aber ihre Erwiderung – "Halt Deine dämliche Klappe, Nico!" – lässt mich erstaunt blinzeln. Sie erinnert sich noch an meinen Namen? Damit ist sie auf jeden Fall besser als ich. Oder sie hat gestern einfach nur weniger getankt. Aber wenn ich so genau darüber nachdenke, dann kommt ihre Stimme mir verdammt bekannt vor – ein bisschen zu bekannt vielleicht sogar.
 

Um meinen Verdacht zu überprüfen, setze ich mich ebenfalls auf, verkneife mir mühsam ein Ächzen und werfe einen prüfenden Blick auf ihre vom Schlaf noch reichlich zerzausten, leuchtend rot gefärbten Haare. Diese Haarfarbe kommt mir auch erschreckend bekannt vor und ich schlucke schwer. Das ist doch wohl jetzt nicht wahr, oder? Das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Bitte, das muss einfach ein schlechter Scherz sein! Ich kann doch nicht wirklich ausgerechnet mit ...
 

"Claudia?", entfährt es mir ungläubig, bevor ich es verhindern kann. Sie nimmt ihre Hände runter und ihre Lippen verziehen sich spöttisch. "Was bist Du doch für ein Blitzmerker, Nico", teilt sie mir mit und jetzt bin ich derjenige von uns beiden, der sein Gesicht aufstöhnend in seinen Händen vergräbt. "Och nö!", jammere ich und von neben mir kommt ein halb abfällig, halb beleidigt klingendes Schnauben.
 

"Das hat sich letzte Nacht aber ganz anders angehört", piesackt sie mich und ich spüre zu meiner Schande, wie ich vom Halsansatz bis zu den Haarwurzeln knallrot anlaufe. Jetzt, wo sie es zur Sprache bringt, steigen Bilder aus meiner Erinnerung auf, auf die ich gut und gerne verzichten könnte. Claudia unter und auch auf mir, meine Zunge in ihrem Mund und noch an anderen Teilen ihres Körpers, über die ich jetzt lieber nicht mehr näher nachdenken will. Ich meine, hallo? Ich habe in der letzten Nacht, so besoffen, wie ich ganz offenbar war, Sex mit einer Klassenkameradin – ja, okay, mit einer ehemaligen Klassenkameradin, aber das ist ja wohl nebensächlich – gehabt!
 

Gut, das wäre an sich eigentlich ja nicht so schlimm, aber ... Wie kann ich das jetzt am besten erklären? Claudia ist eine Freundin. Eine gute Freundin. Ein echter Kumpel; jemand, mit dem man Pferde stehlen und auch sonst jeden Scheiß machen kann. Aber sie ist eigentlich ganz und gar niemand, mit dem ich jemals Sex haben wollte. Bisher war sie im Bezug auf dieses Thema für mich immer tabu. Ich habe bis gestern nicht mal darüber nachgedacht, überhaupt je mit ihr ins Bett zu steigen. Wobei ich ehrlich gesagt stark bezweifle, dass ich gestern überhaupt noch viel gedacht habe mit dem ganzen Alkohol in meinem Blut. Schon ein Wunder, dass ich ganz offenbar tatsächlich noch einen hochgekriegt habe – und das nicht nur ein Mal, wenn mich meine Erinnerung in dem Punkt nicht täuscht.
 

"Wenn Du dann jetzt mal bald damit fertig bist, lautlos vor Dich hin zu jammern, könntest Du Dich ja vielleicht mal nützlich machen und mir mein Schlafshirt angeben. Auch wenn Du mich letzte Nacht gevögelt hast, muss ich jetzt trotzdem nicht nackt vor Deiner Nase rumlaufen. Und so ganz nebenbei bemerkt muss ich mal aufs Klo. Ziemlich dringend sogar, also beeil Dich gefälligst mal nen Schlag", reisst Claudias Stimme mich wieder aus meinen Gedanken. Eine Sekunde lang blinzele ich sie verwirrt an, doch als sie mit genervtem Gesicht auf ein gelbes Shirt deutet, das auf einem Stuhl neben dem Bett liegt, greife ich danach und reiche es ihr. Sobald sie es mir abgenommen hat, habe ich sogar den Anstand, ihr den Rücken zuzudrehen und meine Augen ganz fest zuzukneifen, während das Rascheln der Bettdecke neben mir verkündet, dass sie sich das Shirt überzieht.
 

Ohne irgendwas zu sagen, schlägt sie nach dem Anziehen die Decke zurück und steht auf, um ins gegenüber ihres Schlafzimmers gelegene Bad zu gehen. Ich öffne die Augen wieder und blicke ihr nach, aber als mir bewusst wird, dass sie unter diesem etwas zu groß geratenen Shirt mit dem Clownsgesicht auf der Rückseite vollkommen nackt ist, werde ich gleich wieder rot und wende schnell den Blick ab. Dabei lacht ein Teil von mir über mich selbst, weil ich mich so unglaublich affig aufführe – bei anderen Mädels werde ich schließlich auch nicht rot, wenn ich sie nackt oder fast nackt sehe –, aber der Rest von mir sagt sich, dass es sich einfach nicht gehört, solche Dinge ausgerechnet über Claudia zu denken.
 

Die ganze Zeit über, während sie im Bad ist, grübele ich darüber nach, wie ich mit der Situation umgehen soll. Ich erinnere mich nicht mehr an allzu viel vom gestrigen Abend. Dementsprechend habe ich auch absolut keine Ahnung, wer von uns beiden eigentlich auf die unglaublich bescheuerte Idee mit dem Sex gekommen ist, aber wenn ich es so genau betrachte, will ich das auch lieber gar nicht wissen. Wenn das auf meinem Mist gewachsen ist, kann ich Claudia ganz bestimmt nie wieder ansehen, ohne vor Scham im Boden versinken zu wollen. Und wenn diese ganze Sache von ihr ausging ... Nein, das will ich mir noch viel weniger vorstellen, denn das würde Fragen aufwerfen, deren Antworten ich definitiv nicht kennen will. Ich will wirklich nicht darüber nachdenken, ob Claudia vielleicht scharf auf mich ist oder wie lange das schon so geht oder ...
 

"Argh, Scheiße, verdammt!", fluche ich, schüttele heftig den Kopf und raufe mir die Haare, um diese Gedanken zu vertreiben. Das Einzige, was mir diese Aktion jedoch einbringt, sind noch stärkere Kopfschmerzen, die mich wehleidig wimmern lassen. Ich bin so in mein Jammern vertieft, dass ich erst bemerke, dass Claudia wieder da ist, als ihre Hand in meinem Blickfeld auftaucht. In ihrer Handfläche liegen zwei Tabletten, die stark nach Aspirin aussehen, und in ihrer anderen Hand hält sie, wie ich mit einem raschen Blick feststelle, ein Glas Wasser.
 

"Ihr Männer seid doch solche Weichlinge", spottet sie und mir liegt eine schnippische Antwort auf der Zunge, die Bezug nimmt auf die letzte Nacht und auf gewisse Körperteile meinerseits, die man mit weich ja wohl mal so gar nicht beschreiben konnte beziehungsweise kann – Ach Du heilige Scheiße, nicht auch das noch! –, aber ich bin erstaunlicherweise doch klug genug, diese Worte ungesagt wieder hinunterzuschlucken, bevor ich ihr die Tabletten und das Wasser schleunigst abnehme. Ich kenne Claudia inzwischen schließlich lange genug um zu wissen, dass sie mir, wenn ich ihr jetzt dumm komme oder nicht schnell genug handele, entweder die Ohren lang zieht oder, was noch schlimmer wäre, mir die Erlösung in Form der Tabletten vorenthält. Und das würde meinem armen Kopf heute ganz und gar nicht gut bekommen. Dem geht es nach dem ganzen Alkohol von gestern auch ohne zusätzliche Folter schon mies genug.
 

Mit wahrer Todesverachtung werfe ich die Tabletten ein, spüle mit dem Wasser nach und hoffe, dass die Wirkung dieser Dinger schnell einsetzt, damit ich mich so bald wie möglich von hier verkrümeln kann. Diese ganze Situation ist mir unglaublich peinlich und unangenehm. Ich glaube, ich weiß zum ersten Mal, seit ich Sex habe, nicht, wie ich mich danach verhalten soll. Ich meine, wie soll es denn jetzt weitergehen? Wir können ja wohl kaum so tun, als wäre die letzte Nacht nie passiert. Oder vielleicht doch?
 

Hoffnungsvoll und verwirrt zugleich blinzele ich zu Claudia auf und will gerade etwas sagen, aber sie kommt mir zuvor. "Willst Du noch frühstücken, bevor Du abhaust?", fragt sie mich und ich muss mich peinlicherweise tatsächlich räuspern, bevor ich mir ein "Kaffee wär nett" abringen kann. "Okay. Du weißt ja, wo die Dusche ist. Ich räum dann später diesen Saustall hier auf", beschließt sie, verschwindet wieder aus dem Schlafzimmer und lässt mich dankenswerterweise mit meinen Gedanken und der Peinlichkeit alleine.
 

Einen Moment lang bleibe ich noch im Bett sitzen, aber als ich aus der Küche das Geräusch der Kaffeemaschine höre, schwinge ich doch noch meine Beine aus dem Bett. Die Decke schlinge ich mir dabei um die Hüften, denn ich will auch nicht unbedingt nackt vor Claudia rumrennen. Klar, sie hat letzte Nacht eh schon so ziemlich alles gesehen, was es an mir zu sehen gibt, aber darüber möchte ich im Augenblick lieber gar nicht weiter nachdenken. Letzte Nacht war schließlich letzte Nacht und jetzt ist eben jetzt.
 

Um mich von diesen Gedanken abzulenken, fange ich erst mal damit an, meine Klamotten vom Boden zu klauben. Dabei läuft mein Gesicht schon wieder rot an, als ich irgendwo zwischen meinen Shorts und meinen Socken einen BH aus dunkelgrüner Spitze finde. Schlagartig kehrt die Erinnerung daran zurück, dass ich ebendieses Teil letzte Nacht ziemlich stürmisch und nicht gerade rücksichtsvoll von Claudias Körper gezerrt habe, um an das zu kommen, was sich darunter verborgen hat. Genauso gut erinnere ich mich daran, dass sie ein zu diesem BH passendes Höschen anhatte, dem ich ebenso schnell einen Freiflugschein durchs Zimmer spendiert habe. Ist das, was da so halb unter dem Stuhl neben Claudias Bett hervorlugt, tatsächlich noch ein Stück grüner Spitze?
 

Hart schluckend beschließe ich, dass ich das Nachsehen lieber ausfallen lasse, und mache stattdessen, dass ich endlich ins Bad komme. Dort drehe ich geradezu hektisch die Dusche auf und verbeiße mir mit allergrößter Mühe einen derben Fluch, denn der erste Schwall Wasser, der mich trifft, ist eiskalt. Ein "Shit!" kann ich mir allerdings nicht verkneifen, aber bevor ich die Gelegenheit bekomme, noch unflätiger zu werden, wird das Wasser langsam wärmer und ich seufze wohlig auf. Doch, das tut gut – nicht nur meinem Körper, an dem noch der Geruch nach Sex klebt, sondern vor allem meinem armen, leidenden Kopf.
 

Ein paar Minuten lang gönne ich mir diese Entspannung und genieße einfach nur, wie das Hämmern in meinem Schädel zu einem dumpfen Pochen abklingt. Sobald ich mich wieder einigermaßen menschlich fühle, wasche ich mich schnell, drehe dann das Wasser ab, schnappe mir ein Handtuch und rubbele mich soweit trocken, dass ich meine Klamotten von gestern gefahrlos wieder überziehen kann. Was zum Wechseln habe ich schließlich nicht dabei, aber das wird schon so gehen. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich nach einem One-Night-Stand in den gleichen Sachen zurückkomme, in denen ich am Abend vorher ausgegangen bin. Und umziehen kann ich mich ja, wenn ich erst mal wieder zu Hause bin.
 

Als meine Gedanken an diesem Punkt ankommen, fällt mir der Haken an der ganzen Sache, den ich beim Duschen erfolgreich verdrängt hatte, siedend heiß wieder ein: Das hier ist nicht irgendeiner meiner One-Night-Stands, sondern Claudia. Mein Kumpel Claudia. Die Claudia, mit der ich mich vor nicht ganz zwei Jahren verbündet habe, um meinen Zwillingsbruder mit ihrer besten Freundin zu verkuppeln. Heilige Scheiße, was tue ich hier eigentlich? Bin ich denn vollkommen wahnsinnig geworden?
 

"Sag mal, hat's Dich etwa den Abfluss runtergespült, Nico? Soll ich vielleicht einen Klempner herbestellen, damit der Dich rettet?", ruft Claudia aus der Küche rüber und ich zucke erschrocken zusammen, schelte mich selbst für diese Reaktion einen totalen Vollidioten und trockne meine Haare noch kurz etwas gründlicher ab, als es nötig wäre, bevor ich das ohnehin sinnlose Versteckspiel im Badezimmer endlich aufgebe und – vollständig angezogen – in die Küche hinübergehe.
 

"Ich leb noch, keine Sorge", informiere ich Claudia, sobald ich im Türrahmen der Küchentür stehe, und sie grinst mich an. "Um Dich mach ich mir eh keine Sorgen", kontert sie und obwohl ich sonst nie um einen dummen Spruch verlegen bin, weiß ich jetzt gerade tatsächlich mal absolut nicht, was ich sagen soll. Irgendwie verwirrt mich das Ganze hier. Claudia benimmt sich gerade so, als hätten wir beide es letzte Nacht nicht getrieben wie die Karnickel. Und das haben wir – nicht nur in ihrem Bett, sondern irgendwann sogar auf dem Teppich davor, als wir uns mal mit der Breite des Bettes verschätzt haben und gemeinsam rausgepurzelt sind. Das alles habe ich mir doch nicht nur eingebildet und mache mich jetzt vollkommen umsonst verrückt, oder?
 

Grübelnd runzele ich die Stirn und komme schließlich zu dem Schluss, dass ich mir die letzte Nacht ganz bestimmt nicht nur eingebildet habe. Und geträumt habe ich auch nicht, so viel steht fest. Claudia und ich hatten letzte Nacht wirklich Sex miteinander. Aber wieso, verdammt noch mal, benimmt sie sich jetzt so, als wäre absolut nichts Ungewöhnliches passiert? Und warum in aller Welt denke ich überhaupt noch darüber nach, anstatt froh darüber zu sein, dass sie es offenbar einfach nur vergessen und verdrängen will?
 

"Willst Du da drüben an der Tür Wurzeln schlagen, Nico?" Claudias Stimme klingt spöttisch und amüsiert zugleich und reisst mich aus meiner Starre. Kopfschüttelnd überbrücke ich die Distanz zu dem Küchenstuhl, der mir am nächsten steht, lasse mich darauf fallen und nehme mit einem gemurmelten Dank die Kaffeetasse an, die sie mir entgegenschiebt. Dabei halte ich meinen Blick stur auf die Tischplatte gerichtet und schimpfe mich selbst einen Volltrottel, weil ich immer noch nicht weiß, wie ich mit der ganzen Situation umgehen soll. So überfordert fühle ich mich sonst eigentlich nie, aber jetzt gäbe ich sonst was dafür, wenn irgendjemand hier wäre, der mir sagen könnte, was ich tun und wie ich mich verhalten soll. Scheiße, warum ist Jojo eigentlich nie da, wenn man ihn mal braucht?
 

Okay, gut, warum mein Bruder gerade nicht hier ist, weiß ich eigentlich verdammt genau. Zum Einen würde das die ganze Situation nur noch peinlicher machen, als sie sowieso schon ist, und zum Anderen kann er ja auch gar nicht hier sein, weil er gestern Abend auch gar nicht mit uns feiern war. Immerhin fängt Adrians Lehrpraktikum – ich kann irgendwie immer noch nicht so ganz fassen, dass mein kleiner Bruder mit einem angehenden Lehrer zusammen ist – bald an und die beiden wollten gestern ganz privat und für sich ihren Abschied feiern, weil sie sich jetzt schließlich ein paar Monate lang nicht sehen werden. Wenn ich mich nicht irre, musste Adrian heute in aller Herrgottsfrühe schon losfahren. Muss ganz schön scheiße für Jojo sein, das Ganze.
 

Ich glaube, ich sollte gleich mal bei ihm vorbeischauen und sehen, wie es ihm jetzt so geht. Dafür sind große Brüder ja schließlich da – auch wenn ich nicht wirklich größer, sondern nur ein paar Minuten älter bin als er. Ist es nicht eigentlich irgendwie verboten, dass jüngere Brüder einem einfach so über den Kopf wachsen? Gut, es sind nur popelige drei Zentimeter, die er größer ist als ich, aber die wurmen mich trotzdem. Genau deshalb glaubt auch kein Mensch, dass ich der Ältere von uns beiden bin. Mit meinem durchgeknallten, kindischen Verhalten hat das rein gar nichts zu tun. Jojo ist einfach nur viel zu erwachsen und vernünftig für sein Alter. Wie kann man mit neunzehn eigentlich schon so sein? Irgendwas habe ich bei seiner Erziehung ganz offenbar gründlich falsch gemacht.
 

"Fall mir nicht kopfüber in den Kaffee. Ich brauch die Tasse noch", spöttelt Claudia und holt mich damit wieder in die Realität – also in ihre Küche – zurück. Ich blicke auf, sehe ihr ins Gesicht und spüre zu meinem Entsetzen, wie ich schon wieder rot werde. So oft wie in der letzten Stunde seit meinem Erwachen in ihrem Bett habe ich schon seit Jahren nicht mehr die Tomate gespielt.
 

Den Anblick meines knallroten Gesichts findet Claudia scheinbar unglaublich witzig, denn sie beginnt erst zu kichern und schließlich laut und herzhaft zu lachen. Mehrere Minuten lang geht das so und ich will gerade ernsthaft sauer werden – ich hasse es, wenn man mich auslacht, und das weiß sie auch ganz genau –, als sie sich doch endlich wieder einkriegt. Schwer atmend hält sie sich den Bauch, wischt sich die Lachtränen von den Wangen und jammert leise über ihre schmerzenden Lachmuskeln, doch damit habe ich kein Mitleid. Hat sie ja schließlich niemand dazu gezwungen, sich über mich lustig zu machen.
 

"Selbst schuld", werfe ich ihr schnippisch vor. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass ich mich mal wieder, wie mein Bruder es jetzt nennen würde, wie ein bockiges Kleinkind anhöre, aber das interessiert mich gerade überhaupt nicht. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn jemand über mich lacht – vor allem nicht in so einer Situation, die ich selbst kein bisschen lustig finde. Normalerweise bin ich zwar kein solcher Spielverderber – ich kann eigentlich auch ganz gut über mich selbst lachen –, aber nach dem Schock, den ich heute schon hinter mir habe, sollte mir das ja wohl verziehen sein.
 

"Mensch, jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt, Nico." Claudia seufzt abgrundtief, aber ich schnaube nur und genehmige mir einen Schluck meines Kaffees. Soll sie das auslegen, wie auch immer es ihr gerade passt. Immerhin ist sie an dieser ganzen beschissenen Situation, in der wir gerade stecken, ja wohl auch nicht so ganz unschuldig. Sie hätte ja schließlich auch Nein sagen können. Obwohl ... Wenn sie gestern auch nur halb so besoffen war wie ich, dann hätte sie das wohl nicht mehr geschafft. Trotzdem ist das alles wohl kaum nur meine Schuld.
 

"Hey, jetzt krieg Dich mal wieder ein, Prinzessin." Claudias Stimme klingt genervt und als ich mich doch dazu herablasse, sie über den Rand meiner Kaffeetasse hinweg anzusehen, schüttelt sie den Kopf. "Warum stellst Du Dich eigentlich so an? Dass das gestern nur ein Ausrutscher war – Deinerseits ebenso wie meinerseits – ist mir ebenso klar wie Dir. Es gibt also absolut keinen Grund für Dich, hier deshalb so einen Aufriss zu veranstalten. Von mir hast Du ganz bestimmt keine Szene zu erwarten, also mach Dich mal wieder locker, ja?", verlangt sie und nimmt ebenfalls einen Schluck aus ihrer Tasse, bevor sie fortfährt.
 

"Ich war gestern Abend voll wie ne Haubitze, Nico. Ansonsten wär das alles bestimmt nicht passiert. Nüchtern wär ich garantiert nie mit Dir ins Bett gehüpft", erklärt sie mir und obwohl ich eigentlich erleichtert sein sollte, dass sie die ganze Sache genauso sieht wie ich und jetzt keine seltsamen Erwartungen an mich hat, bin ich komischerweise alles andere als froh. Irgendwie fühle ich mich sogar auf unbestimmte Art gekränkt von ihren Worten. Bin ich denn wirklich so schlimm?
 

"Na, herzlichen Dank auch! Soll das etwa heißen, ich seh so scheiße aus, dass man sich mit mir nicht abgeben kann oder was? Oder war ich im Bett so ne Lusche, dass Dir die letzte Nacht jetzt peinlich ist?", frage ich deshalb, ohne den beleidigt klingenden Unterton ganz aus meiner Stimme halten zu können. Aber hey, ich bin auch nur ein Mann! Und besonders schmeichelhaft klang das, was sie gesagt hat, ja nun wirklich nicht.
 

"Weder noch", antwortet sie, seufzt vernehmlich und steht von ihrem Platz auf. Den Stuhl schiebt sie um den Tisch herum, bis er genau neben meinem steht, und setzt sich dann dort wieder hin, so dass sie mir in die Augen sehen kann. Ich starre einen Moment lang auf ihre nackten Beine, aber bevor mein Blick höher wandern kann, erinnere ich mich doch wieder daran, dass das hier immer noch Claudia ist und dass ich sie garantiert nicht so sehen will. Das wollte ich nie und ich will das auch – oder vielmehr gerade – jetzt nicht. Das will ich doch nicht, oder?
 

"Aber Du bist ein Freund, also interessiert mich Dein Aussehen nun mal nicht", durchbricht Claudias Stimme meine schon wieder halb panischen Überlegungen. "Und genauso wenig wollte ich je wissen, wie gut oder schlecht Du im Bett bist. Ich hatte nie vor, mich von Dir flachlegen zu lassen, aber es ist nun mal passiert. Damit werden wir beide wohl oder übel klarkommen müssen – was eigentlich kein allzu großes Problem sein sollte, wenn Du endlich mal aufhören würdest, so ein Drama daraus zu machen. Sind nicht normalerweise immer die Mädels diejenigen, die am Morgen danach rumzicken und unbedingt noch zigmal über alles reden wollen? Freu Dich doch einfach, dass Du so billig davonkommst. Du warst blau, ich war blau, es war ein Ausrutscher, der sich nicht wiederholen wird und basta. Ende der Geschichte", legt sie knallhart die Fakten dar und grinst mich dann an.
 

"Und davon muss auch niemand was erfahren – falls es das ist, worüber Du Dir Sorgen machst. Von mir aus kann das gerne unter uns bleiben. Ich werd's nicht mal Miriam erzählen, wenn Dich das beruhigt", bietet sie an und mir fällt ein tonnenschwerer Stein vom Herzen. Unwillkürlich atme ich erleichtert auf und ihr Grinsen wird noch eine Spur breiter. "Mach Dir mal nicht ins Hemd. Ich geh ganz bestimmt nicht damit hausieren, dass ich mich von Dir hab vögeln lassen", zieht sie mich auf und ich will gerade wieder beleidigt werden, aber ihr Nachsatz – "Obwohl der Sex an sich ja schon ganz gut war und sich das Angeben in dem Fall sogar mal lohnen würde." – hebt meine Laune gleich wieder an. Ha, ich hab's eben einfach drauf!
 

Einigermaßen entsetzt darüber, dass ich mich über eine derartige Bestätigung von einer guten Freundin so unangemessen freue, schüttele ich fast schon ein bisschen panisch meinen glücklicherweise kaum noch schmerzenden Kopf und widme mich wieder meinem Kaffee. Mann, ich benehme mich heute wirklich wie der letzte Vollidiot. "Ich werd mir nie wieder so die Kante geben!", beschließe ich grummelnd und Claudia fängt wieder an zu lachen.
 

"Und wie lange willst Du den Vorsatz diesmal halten? Bis zum nächsten Wochenende? Oder hast Du unter der Woche noch mal frei?", neckt sie mich und ich strecke ihr die Zunge heraus, ohne wirklich sauer zu sein. Sie kennt mich eben einfach zu gut. Ich habe mir schon mindestens hundert Mal vorgenommen, weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken, aber durchgehalten habe ich dieses Vorhaben bisher nie. Ich bin eben auch nur ein einfacher, schwacher Mann. Dagegen bin ich nun mal machtlos.
 

"Wie unglaublich männlich und erwachsen", spottet Claudia mit hochgezogener Braue, doch das ignoriere ich gekonnt. Stattdessen leere ich einfach nur meine Kaffeetasse und stehe dann auf. Irgendwie ist es im Moment komisch, Claudia so nah zu sein, also beschließe ich, erst mal etwas Abstand zwischen uns zu bringen. Das ist sicher besser. Ausserdem habe ich auch noch die Hoffnung, dass ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft dem Pochen meines Schädels endgültig den Garaus machen wird.
 

"Ich werd dann mal langsam", murmele ich in Claudias Richtung und sehe aus dem Augenwinkel, wie sie nickt. "Alles klar. Komm gut nach Hause und bis dann", erwidert sie, steht ebenfalls auf und drückt mich kurz, wie sie es sonst auch immer tut. Diese Geste irritiert mich ungemein, aber ich versuche, mir das nicht anmerken zu lassen, also erwidere ich die Umarmung nach kurzem Zögern und weit vorsichtiger als sonst. Dabei achte ich peinlich genau darauf, dass meine Körpermitte ihr bloß nicht zu nahe kommt. Oh Mann, an so was sollte ich wirklich ganz und gar nicht denken! Das ist schließlich immer noch Claudia, verdammt!
 

Mein Zaudern beim Abschied entgeht ihr wahrscheinlich nicht, aber zu meiner grenzenlosen Erleichterung lässt sie es unkommentiert. Ich muss nicht ganz neidlos zugeben, dass ich sie schon ein bisschen dafür bewundere, dass sie so locker mit der ganzen Sache umgeht. Ich würde es gerne genauso halten, aber das Wissen, dass sie unter diesem überdimensionalen knallgelben Shirt immer noch vollkommen nackt ist, irritiert mich über alle Maßen und lässt mich gleich wieder rot werden. Da sie sich allerdings inzwischen wieder von mir gelöst hat und gerade damit beschäftigt ist, die leeren Tassen zu spülen, bemerkt sie davon glücklicherweise nichts.
 

Erleichtert, dass mir wenigstens diese Peinlichkeit erspart bleibt, quetsche ich noch ein "Ciao" raus, das hoffentlich nicht so verlegen klingt, wie ich mich gerade fühle, und mache dann, dass ich aus ihrer Wohnung komme. Ich muss ganz dringend hier weg und sie am besten ein paar Tage lang nicht sehen, damit ich diese ganzen Bilder und Erinnerungen an die letzte Nacht wieder aus meinem Kopf kriege. Ob ihr das Ganze wirklich so leicht fällt?

Brüdergespräche

Draußen auf dem Bürgersteig atme ich mehrmals tief durch, schüttele kurz den Kopf und krame dann in meiner Jackentasche nach meinem allgegenwärtigen MP3-Player. Ohne Musik bin ich einfach nicht zu gebrauchen, also schiebe ich mir trotz meiner noch immer vorhandenen leichten Kopfschmerzen die Stöpsel in die Ohren, schalte die Musik ein und beschließe bei den ersten Klängen von Rebell – Die Ärzte sind definitiv eine meiner Lieblingsbands –, dass ich jetzt noch nicht nach Hause gehen, sondern erst mal meinem Bruder einen Besuch abstatten werde. Jojo braucht ein bisschen Trost sicher ebenso dringend wie ich jetzt etwas Ablenkung von der letzten Nacht brauche. Nicht gerade selbstlos von mir, ich weiß, aber das ist nicht böse gemeint. Ich will ja wirklich für ihn da sein. Und ich würde ihn heute auch dann besuchen, wenn diese dumme Sache mit Claudia nicht passiert wäre. Dafür sind große Brüder schließlich da.
 

Den Fußweg von einer knappen halben Stunde bringe ich gemütlich schlendernd und dabei vor mich hin singend – so weit mein schmerzender Schädel das erlaubt – hinter mich. Die schrägen Blicke, die ich dafür ernte, heben meine Stimmung ungemein. Ich provoziere einfach gerne. So kommt es auch, dass ein breites Grinsen wie festgewachsen in meinem Gesicht klebt, als ich bei Colby/Gräfe/Ritter den Klingelknopf drücke.
 

Es dauert einen Moment, doch dann wird die Tür geöffnet und ich finde mich mit Devlin konfrontiert, der mich überrascht ansieht. Er sagt allerdings wie üblich nichts – auch wenn wir uns jetzt schon seit ein paar Jahren kennen, ist er mir gegenüber immer noch nicht besonders gesprächig –, sondern tritt nur beiseite und nickt dann kommentarlos zu Jojos ausnahmsweise mal geschlossener Zimmertür hinüber.
 

Ich erwidere Devlins Nicken knapp, gehe an ihm vorbei und betrete schließlich nach kurzem Klopfen das Zimmer meines Bruders. Zu meiner Überraschung ist er allerdings nicht alleine. Neben ihm auf dem Bett sitzt Miriam, die mich ebenso überrascht anblickt wie ihr Mann – komischer Gedanke, immer noch – keine Minute zuvor. Auch Jojo sieht reichlich irritiert aus, aber bevor er etwas fragen kann, zieht eine kleine Hand an seinem Hosenbein und lenkt so seine Aufmerksamkeit von mir ab.
 

"Aaam!", verlangt die kleine Rose, Miriams Tochter, die halb auf Jojos Fuß sitzt und die ich peinlicherweise beim Reinkommen tatsächlich vollkommen übersehen habe. Aber gut, kein Wunder, sie ist ja auch wirklich noch ziemlich winzig, da kann so was schon mal vorkommen. Hat ja auch erst vor ein paar Tagen ihren ersten Geburtstag gefeiert, der kleine Käfer. War das jetzt Dienstag oder Mittwoch? Verflucht sei mein siebartiges Gedächtnis, aber ich weiß es echt nicht mehr.
 

Jojo kommt Roses Aufforderung mit einem Lächeln nach und blickt dann wieder zu mir, sobald er die Kleine auf seinen Schoß gehoben hat. "Steht Dir, der Hosenscheißer", kommentiere ich grinsend und fange mir dafür einen bösen Blick ein, der nicht besonders viel Wirkung hat. Jojo ist ungefähr so gruselig wie ein Mäusebaby – jedenfalls solange er keine wirklich schlechte Laune hat. Aber das passiert zum Glück nur wahnsinnig selten. Ist auch gut so. Ein richtig schlecht gelaunter Jojo ist nämlich absolut furchteinflößend – vor allem, weil er nicht wirklich laut wird, wenn er wütend ist. Eher im Gegenteil. Er wird dann noch ruhiger und gerade das macht ihn so gruselig.
 

"Neidisch?", fragt er mit reichlich Verspätung zurück und ich schüttele gut gelaunt den Kopf. "Nö, nicht wirklich", erwidere ich auf seine nicht besonders gute Provokation und grinse ihn gleich wieder breit an. "Du machst das schon. Und so weiß ich wenigstens, wem ich so in zwanzig Jahren mal meinen Nachwuchs aufs Auge drücke. Meine verzogenen Blagen werden ihren Onkel Jojo lieben." Jojo schnaubt, aber die Tatsache, dass die Kleine auf seinem Schoß ihn aus ihren großen blauen Kulleraugen begeistert anstrahlt, macht die Wirkung dieser Geste total zunichte.
 

Trotz seiner schwarzen Klamotten und des Make-ups ist mein Bruder ein echter Kindermagnet. Babies und Kleinkinder finden ihn einfach toll – meistens ganz im Gegensatz zu deren übervorsichtigen Eltern, die eine Heidenangst davor haben, dass er ihre kleinen Bratzen frisst oder opfert oder was weiß ich, was sie ihm alles Schlechtes zutrauen. Dabei würde Jojo nie einem Kind was tun. Dafür ist er viel zu gutherzig und kinderlieb.
 

"Komm, Rose, wir lassen Jojo und Nico mal ein bisschen alleine." Miriam hat ganz offenbar bemerkt, dass es einen Grund für mein unangemeldetes Auftauchen geben muss, deshalb steht sie auf und sieht ihre Tochter auffordernd an. Weibliche Intuition ist mir manchmal nicht nur ein Rätsel, sondern regelrecht gruselig. Woher wissen Mädels eigentlich beispielsweise immer, wann man ihnen was verschweigt? Riechen die das vielleicht irgendwie oder was?
 

Die Kleine macht allerdings noch keine Anstalten, irgendeinen Anflug von weiblicher Intuition oder Taktgefühl zu zeigen. Stattdessen zuppelt sie vollkommen enthusiastisch an Jojos Haaren herum und lässt erst von ihm ab, als Miriam ihr den ultimativen Köder zuwirft: "Wir gehen zu Daddy." Sofort werden Jojos Haare uninteressant und Rose streckt ihrer Mutter die Arme entgegen. "Dada!", kräht sie dabei fröhlich und Miriam nimmt sie seufzend hoch. "Papakind", murrt sie, schmunzelt aber gleich darauf. "Mal sehen, ob das bei Deinem Geschwisterchen auch so wird", murmelt sie, verlässt mit der Kleinen auf dem Arm den Raum und zieht die Tür hinter sich zu.
 

"Kaum zu glauben, dass Miriam schon wieder schwanger ist", rutscht es mir raus und Jojo nickt. "Allerdings. Sie war auch ziemlich überrascht. Aber Dev und sie kriegen das schon hin. Das mit Rose klappt ja auch ganz gut", sagt er und ich grinse wieder. "Und im Notfall haben sie ja auch den lieben Onkel Jojo als Babysitter. Genug Übung auf dem Gebiet dürftest Du ja inzwischen haben, oder?", necke ich ihn und er grinst nun ebenfalls.
 

"Stimmt. Mit Dir bin ich schließlich auch spielend fertig geworden. Dagegen ist so ein Baby echt ein Klacks. Rose ist jedenfalls wesentlich pflegeleichter als Du es jemals warst", wirft er mir vor und ich boxe ihm gespielt beleidigt gegen die Schulter, kann aber das Zucken meiner Mundwinkel nicht ganz unterdrücken. "Hey!", beschwere ich mich nicht wirklich ernst gemeint und lasse mich dann so im Schneidersitz auf den Boden vor Jojos Bett fallen, dass ich ihn von unten herauf ansehen kann.
 

"Hast Du mich denn gar nicht lieb? Auch nicht ein winziges bisschen?", erkundige ich mich, ziehe einen Flunsch und lege einen todtraurigen Blick auf, obwohl ich eigentlich am liebsten laut loslachen würde. "Hm ..." Gespielt nachdenklich tippt Jojo sich mit dem Zeigefinger ans Kinn und schüttelt dann nach kurzem ›Nachdenken‹ den Kopf. "Nö. Überhaupt nicht. Kein bisschen", behauptet er dann und schafft es noch genau elf Sekunden lang, ernst zu bleiben. Danach bricht das Lachen aus ihm heraus und ich lasse mich davon anstecken.
 

Minutenlang lachen wir und brauchen eine halbe Ewigkeit, bis wir uns wieder so weit beruhigt haben, dass wir nicht beim Anblick des jeweils Anderen gleich wieder damit anfangen. Nachdem uns das endlich gelungen ist, streicht Jojo sich sein verrutschtes Shirt glatt und legt fragend den Kopf schief. "Du bist aber doch nicht nur hergekommen, um Dir von mir bestätigen zu lassen, dass ich Dich kein bisschen mag, oder?", geht er auf unser kleines Spielchen ein, das wir heute zugegebenermaßen nicht zum ersten Mal spielen. "Du hast doch irgendwas. Was ist los, Nico?", fragt er weiter und ich seufze abgrundtief. Manchmal ist es ganz und gar kein Vorteil, dass er mich so verdammt gut kennt.
 

"Lange Geschichte. Oder eigentlich nicht. Aber ziemlich kompliziert", winke ich ab und er hebt fragend eine Braue, sagt aber nichts dazu. Ganz offenbar sieht er mir an, dass ich jetzt nicht darüber reden will. "Eigentlich bin ich auch nicht meinetwegen hier", gut, zum Teil schon, aber nicht nur, "sondern Deinetwegen", informiere ich ihn dann. "Adrian ist doch heute gefahren, oder?"
 

Meine Frage bringt Jojo zum Seufzen. "Ja, heute Morgen. Gleich nach dem Frühstück", murmelt er und lächelt etwas gequält. "Ich darf gar nicht daran denken, dass er erst im Oktober wieder nach Hause kommt", fügt er hinzu und ich rappele mich vom Boden auf, setze mich neben ihn aufs Bett und lege ihm einen Arm um die Schultern. Beinahe sofort lehnt er sich an mich, schließt die Augen und seufzt erneut. "Er fehlt mir jetzt schon", gibt er leise zu und ich drücke ihn noch etwas fester an mich. "Siehst Du, genau deshalb bin ich jetzt auch hier", teile ich ihm mit. "Ich bin zwar kein richtiger Ersatz für Deinen Adrian, aber so hast Du wenigstens jemanden zum Kuscheln."
 

"Danke, Nico", murmelt er und lächelt schwach, seufzt jedoch gleich darauf ein weiteres Mal. "Wenn ich daran denke, wie lange es noch bis Oktober ist, dann wird mir ganz anders", gibt er zu und sein Lächeln wird erst traurig, bevor es schließlich ganz verschwindet. Noch immer sind seine Augen geschlossen und ich weiß auch ohne hinzusehen, dass er gerade mit den Tränen kämpft. Immerhin kenne ich ihn wirklich lange genug. Ich weiß genau, wie sensibel er ist.
 

"Kann ich mir vorstellen", erwidere ich ebenso leise, obwohl das nicht so ganz stimmt. Ich habe bisher noch nie einen Menschen so vermisst, wie er Adrian jetzt vermisst. Gut, als Jojo damals ausgezogen ist, war das schon ein harter Schlag für mich und er fehlt mir auch jetzt noch zwischendurch – wenn man praktisch sein ganzes Leben zusammen verbringt, dann fehlt schon ein wichtiges Stück, wenn der Zwillingsbruder von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr da ist –, aber ich weiß ja, wo er ist und wie ich ihn erreichen kann.
 

Von uns zu Hause sind es zum Glück nur ein paar Haltestellen mit dem Bus, ein paar Minuten mit dem Auto oder dem Rad oder wahlweise auch zu Fuß. Ich kann ihn also jederzeit sehen, wenn ich will, aber das wird bei Adrian und ihm in den nächsten Monaten nicht möglich sein. Wenn ich mir vorstelle, dass Jojo für mehrere Monate in eine fremde Stadt ziehen müsste und ich ihn so lange nicht sehen, sondern höchstens mit ihm telefonieren könnte ... Nein, das will ich mir lieber gar nicht ausmalen. Ich glaube, ich würde durchdrehen, wenn er plötzlich nicht mehr in meiner Nähe wäre. So blöd das vielleicht auch klingt, aber er ist einfach ein Teil von mir. Immer noch. Wir sind ja schließlich auch Zwillinge, selbst wenn man uns das eigentlich nicht ansieht.
 

Da ich nicht genau weiß, was ich sagen kann oder soll, um ihn zu trösten, halte ich ihn einfach nur weiter fest und streichele ihm sanft über den Rücken. Irgendwann lasse ich mich mit ihm zurücksinken, bis wir beide auf dem Bett zu liegen kommen. Jojos Kopf landet halb auf meinem Brustkorb und als er seinen Arm um meinen Bauch schlingt und sich noch etwas näher an mich drückt, gehe ich dazu über, ihm durch die Haare zu streicheln. Ich weiß, dass er das mag. Und weil ich weiß, dass es ihm peinlich ist, dass er seine Tränen nicht zurückhalten kann, sage ich auch nichts dazu, als ich spüre, wie mein Shirt an der Stelle, wo sein Gesicht ist, feucht wird. Ich streichele ihn einfach nur schweigend weiter, bis das Beben seiner Schultern nachlässt.
 

Während mein Bruder sich langsam wieder beruhigt und sich hin und wieder verstohlen über das Gesicht wischt, schweifen meine Gedanken zur letzten Nacht ab. Ich kann mich immer noch nicht daran erinnern, wessen Idee die ganze Sache mit dem Sex eigentlich war, aber ich versuche mir einzureden, dass das ja eigentlich auch egal ist. Immerhin war das ein einmaliger Ausrutscher, der sich nicht wiederholen wird. Genau das hat Claudia doch gesagt, oder?
 

"Du, Jojo, ich hab da mal ne Frage", wende ich mich an meinen Bruder, sobald er sich wieder vollkommen in der Gewalt hat. "Ist vielleicht etwas komisch. Du musst auch nicht antworten, wenn Du nicht willst", schiebe ich noch hinterher und finde mich gleich darauf mit vom Weinen leicht geröteten grauen Augen konfrontiert, die mich fragend mustern. "Frag ruhig", bietet er an und ich kann ihm seine Gedanken – Seit wann ist mein Bruder denn so ernst? – förmlich an der Nasenspitze ansehen.
 

Darauf gehe ich allerdings nicht ein, sondern seufze abgrundtief und versuche dann zu grinsen, aber ich befürchte, dass mir das gerade nicht besonders gut gelingt. "Du hast mir doch mal erzählt, dass Du so lange in Dennis verknallt warst", fange ich an und Jojos Blick wird noch fragender. Offensichtlich hat er keine Ahnung, worauf ich hinauswill, aber so ganz genau weiß ich das ja selbst nicht.
 

Da ich nicht gleich weiterspreche, nickt Jojo schließlich. "Ja, und?", will er wissen und ich atme noch einmal tief durch, bevor ich die Frage stelle, die mir unter den Nägeln brennt. "Hattest Du jemals deswegen ein schlechtes Gewissen? Also ihm gegenüber, meine ich. Ist Dir das jemals unangenehm gewesen oder so?", bringe ich irgendwie heraus und Jojo schweigt einen Moment, bevor er erneut nickt.
 

"Dauernd. Ich kam mir total schäbig vor deswegen. Er weiß ja schließlich bis heute nichts davon und ich ... Na ja, ich hatte immer irgendwelche Hintergedanken, wenn wir uns mal gesehen haben. Ich wollte das nicht, aber ich konnte es auch nicht wirklich abstellen", erzählt er mir, rollt sich auf den Bauch und stützt sein Kinn auf meiner Brust ab. "Aber warum willst Du das wissen?", stellt er dann die Frage, die ja kommen musste und vor der es mir dennoch graut, weil ich eigentlich keine wirkliche Antwort darauf weiß.
 

"Nur so. Keine Ahnung. Hat mich halt einfach interessiert", gebe ich achselzuckend zurück und weiche Jojos Blick aus. Wirklich gelogen ist das nicht, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich ein ziemlich schlechtes Gewissen Claudia gegenüber habe. Besonders toll habe ich mich nicht verhalten, das ist mir klar, aber ich weiß im Moment auch irgendwie nicht weiter.
 

Diese ganze Sache überfordert mich total und ich weiß nicht, ob ich es bei unserem nächsten Treffen schaffen werde, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Aber das kann ich Jojo nicht erzählen. Immerhin hat Claudia mir versprochen, alles, was letzte Nacht zwischen uns passiert ist, für sich zu behalten. Da kann ich ja wohl schlecht hingehen und alles brühwarm an meinen Bruder weitertratschen. Nein, das ist ganz alleine mein Problem. Da muss ich ohne Hilfe durch.
 

"Du lügst", reißt Jojos Stimme mich aus meinen Überlegungen und ich blinzele ihn irritiert an. "Wie kommst Du denn darauf?" Scheiße, bin ich etwa wirklich so durchschaubar? "Ich bin Dein Bruder, Nico. Ich kenn Dich eben", wird mein Verdacht bestätigt und ich schlucke hart. Verdammt, was soll ich denn jetzt dazu sagen? Kann ich überhaupt irgendwas sagen, ohne alles doch noch zu verraten?
 

"Also bitte, Nico. Bis ich ausgezogen bin, haben wir jeden Tag zusammen verbracht, unser ganzes Leben lang. Glaub mir, ich weiß ganz genau, wann Du mich anlügst. Und ganz ehrlich, Du hast Dich dabei auch schon mal geschickter angestellt. Was auch immer heute mit Dir los ist, muss Dich ja ganz schön beschäftigen, wenn Du Dir nicht mal mehr die Mühe gibst, mir eine halbwegs glaubhafte Lüge aufzutischen."
 

Mein Bruder sieht mich mit einer Mischung aus Belustigung und Entrüstung an und ich grinse schief. "So offensichtlich also, ja?", frage ich und er nickt, während seine Mundwinkel sich auch ganz leicht nach oben biegen. "Aber das ist schon okay. Du hättest auch einfach sagen können, dass Du nicht darüber reden willst. Ich versteh das doch", erteilt er mir praktisch die Absolution für meinen wirklich miesen, absolut durchschaubaren Versuch, die Wahrheit zu vertuschen, und schafft es so, dass ich mich erst richtig beschissen fühle.
 

"Ich hatte letzte Nacht Sex", platzt es aus mir heraus, bevor ich es verhindern kann. Das Schon wieder?, das Jojo ganz offenbar denkt, kann ich ihm dabei praktisch an der Nasenspitze ablesen, aber ich gehe nicht darauf ein. "Und ... Na ja, das war ein Riesenfehler. Ich ... ich kenn das Mädel ziemlich gut und wollte eigentlich nie mit ihr ... Ich meine, ich hab noch nie darüber nachgedacht, überhaupt jemals mit ihr Sex zu haben, aber wir waren gestern beide total voll und heute Morgen bin ich dann in ihrem Bett aufgewacht. Sie meinte zwar, das wär alles kein Thema und so ein Ausrutscher könnte jedem mal passieren, aber ich ... Irgendwie hab ich trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ziemlich bescheuert, ich weiß, aber ich kann nichts dagegen machen. Ich weiß einfach nicht, wie ich mich jetzt ihr gegenüber verhalten soll. Ich ... ich hab einfach keine Ahnung, ob ich noch normal mit ihr umgehen kann, wenn ich sie das nächste Mal sehe", sprudele ich nur so drauflos und möchte mich eigentlich noch während des Redens selbst dafür schlagen, dass ich meine große Klappe einfach nicht halten kann. Wie dämlich bin ich eigentlich? Claudia verspricht mir, das alles für sich zu behalten, und ich habe nichts Besseres zu tun, als es meinem Bruder doch noch auf die Nase zu binden. Ich bin doch echt ein Vollidiot.
 

Jojo schweigt nach meinem kleinen Ausbruch erst einmal mindestens eine Minute lang. Dabei sieht er mich unentwegt an und ich merke, wie ich schon wieder zur Tomate werde. Dieses ganze Geständnis hier ist mir unheimlich peinlich und sein Schweigen macht es eher schlimmer als besser. Ich weiß auch nicht so genau, was ihn daran jetzt so schockt. Er weiß doch eigentlich schon lange, dass ich kein Kind von Traurigkeit bin. In dieser Hinsicht stehe ich Dennis wohl in nichts nach. Wenn ich solo bin, dann amüsiere ich mich eben gerne. Und wenn ein netter Abend im Bett eines Mädels endet, dann bin ich ganz bestimmt der Letzte, der etwas dagegen hat.
 

"Wenn ihr beide euch einig seid, dass es nur Sex war und nicht mehr, ist doch eigentlich alles in Ordnung", unterbricht Jojos Stimme meine Gedanken. Noch immer beobachtet er mich und legt fragend den Kopf schief, als er sich sicher ist, dass er meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat. "Oder ist das vielleicht doch mehr als nur Sex?", will er von mir wissen und meine Augen werden groß. Was soll denn das für eine Andeutung werden?
 

"Nein!", protestiere ich sofort äußerst heftig. Dabei spüre ich, dass meine Gesichtsfarbe sogar noch einen Ton dunkler wird. "Auf gar keinen Fall! Klar, ich mag sie sehr – ich kenn sie ja auch schon ne halbe Ewigkeit –, aber sie ist eigentlich gar nicht mein Typ. Sie ist zwar jetzt auch nicht irgendwie hässlich oder so, aber sie ist eben keins von den Mädels, die ich sonst anbaggere, wenn ich blau bin. Ich hab echt absolut keine Ahnung mehr, wie das mit uns letzte Nacht überhaupt passiert ist, aber ich wollte sie auch nicht danach fragen. Vorhin wollte ich eigentlich nur noch weg, um meinen Kopf erst mal in aller Ruhe wieder freizukriegen."
 

"Und jetzt bist Du hier und weißt trotzdem nicht, wie Du damit umgehen sollst", vermutet Jojo ganz richtig und ich nicke langsam. "So in etwa. Das ist alles irgendwie total komisch. In so einer Situation war ich noch nie", gebe ich zu und grinse etwas verunglückt, was meinen Bruder dazu veranlasst, sich ein bisschen zu strecken und mir durch die Haare zu wuscheln. Er weiß, dass ich das nicht besonders gut leiden kann, aber das stört ihn nicht.
 

"Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Mr. Womanizer Nico Ritter jemals einen One-Night-Stand bereuen würde?", zieht er mich auf und ich strecke ihm so die Zunge heraus, wie ich es vor nicht allzu langer Zeit bei Claudia auch getan habe. Keine besonders männliche oder erwachsene Geste, ich weiß, aber sie reicht aus, um meinen Bruder zum Lachen zu bringen. Und wenn ich bedenke, dass ich hauptsächlich hergekommen bin, weil ich ihn aufheitern wollte, dann ist mir das damit ja wohl perfekt gelungen. Ich bin eben doch einfach nur toll.
 

"Ist ja nicht so, dass ich es wirklich bereuen würde. Also den Sex, meine ich. Der war nämlich echt gut." Für einen kompletten Filmriss hat mein Alkoholpegel ja schließlich nicht gereicht. Ich erinnere mich noch ganz gut, was letzte Nacht gelaufen ist – wenn auch vielleicht nicht mehr in der richtigen Reihenfolge. "Mein Problem ist eigentlich mehr, dass ich ausgerechnet mit ihr geschlafen habe." Wer hier mit sie gemeint ist, behalte ich lieber für mich. Das muss Jojo nun wirklich nicht wissen. "Ich will einfach nicht, dass sich zwischen ihr und mir irgendwas ändert. Sie hat zwar selbst gesagt, dass das ein Ausrutscher war und dass es eh nur passiert ist, weil sie auch nicht mehr so ganz nüchtern war, aber ... Na ja, ich hab eben Schiss, dass sich das irgendwie negativ auf unsere Freundschaft auswirkt oder dass wir deswegen jetzt irgendwie nicht mehr normal miteinander reden können, wenn wir uns das nächste Mal treffen", versuche ich mich an einer Erklärung, die selbst in meinen eigenen Ohren unglaublich blöd klingt.
 

Jojo scheint das allerdings anders zu sehen, denn er nickt einfach nur – ganz so, als wäre es das Normalste der Welt, dass ich ihm gerade erzählt habe, dass ich letzte Nacht total besoffen mit einer meiner besten Freundinnen im Bett gelandet bin. Ob er wohl immer noch so viel Verständnis für mich und meine derzeitige Situation hätte, wenn er wüsste, dass das Mädel, von dem ich die ganze Zeit spreche, Claudia ist?
 

"Mach Dich mal nicht verrückt deswegen, Nico", rät mein Bruder mir und ich blinzele ihn irritiert an. "Wart's doch einfach ab. Wenn sie die ganze Sache wirklich so sieht wie Du gesagt hast, dann sollte das ja eigentlich kein Problem sein – jedenfalls dann nicht, wenn ihr ordentlich verhütet habt", fügt er noch hinzu und japst im nächsten Moment erschrocken auf, als ich ihn von mir schiebe, aufspringe und erst mal fast schon panisch in den Taschen meiner Jeans nach den Kondomen, die ich für Notfälle eigentlich immer dabeihabe, zu wühlen beginne.
 

"Sag bloß, Du weißt nicht mal mehr, ob ihr Kondome benutzt habt?", hakt Jojo ob dieser Aktion ungläubig nach und vergräbt frustriert aufstöhnend sein Gesicht in seinem Kissen, als ich einfach nur nicke und weiterkrame. "Das darf doch wohl nicht wahr sein!", murrt er erstickt, aber ich achte nicht darauf, sondern atme erleichtert auf, als ich in keiner meiner Hosentaschen fündig werde. Das heißt also, dass weder Claudia noch ich besoffen genug waren, um die Gummis zu vergessen. Was für ein Glück!
 

"Reg Dich mal wieder ab, Jojo. So schnell mach ich Dich dann doch noch nicht zum Onkel", beruhige ich meinen Bruder und als er wieder aus seinem Kissen auftaucht, grinse ich ihn breit an und hoffe, dass er mir meine Erleichterung nicht allzu deutlich ansieht. Meine Knie sind ganz schön weich, das muss ich schon zugeben, aber ich bin nicht dämlich genug, um meinem Bruder das auf die Nase zu binden.
 

"Nico, Du bist ein Volltrottel", bescheinigt Jojo mir auf mein blödes Grinsen hin und versucht, mir einen strafenden Blick zuzuwerfen, aber lange kann er sich das Schmunzeln doch nicht verkneifen. "Jetzt tu mal nicht so, als ob das was Neues für Dich wär", werfe ich ihm an den Kopf und schaffe es dadurch tatsächlich, ihn wieder zum Lachen zu bringen. "Stimmt auch wieder. Ich wusste schon von Geburt an, dass ich mit einem Volltrottel als Bruder gestraft bin, Nicki", neckt er mich und ich erlaube mir ein weiteres kurzes Grinsen, bevor ich mich auf ihn stürze, um ihn durchzukitzeln und mich so für seine Frechheit zu rächen.
 

"Vergiss nicht, dass ich immer noch der Ältere von uns beiden bin!", stelle ich dabei klar und Jojo versucht lachend, meine Hände von seinem Bauch und seinen Seiten zu schieben, aber das schafft er nicht. Er mag zwar inzwischen größer sein als ich, aber wenigstens bin ich immer noch stärker als er. Zum Glück. Wenn er mich auch dabei übertrumpfen würde, wäre das ein absolut tödlicher Schlag für mein armes, heute sowieso schon verdammt gebeuteltes und ramponiertes Ego.
 

"Aber trotzdem ... bist Du ... kleiner ... als ich!", ärgert Jojo mich japsend und ich setze zu einer finalen Kitzelattacke an, ehe ich in meiner übergroßen Gnade doch noch von meinem kichernden und sich windenden Häufchen Bruder ablasse. Ich gebe ihm ein paar Minuten, um wieder zu Atem zu kommen, sich die Lachtränen aus dem Gesicht zu wischen und seine Haare zu ordnen, dann ziehe ich ihn wieder so wie vorhin in meinen Arm.
 

"Weißt Du, manchmal vermiss ich das hier", gestehe ich leise und kann spüren, wie mein Bruder ganz leicht nickt. "Geht mir genauso", gibt er zurück und ich muss lächeln. Das ist eigentlich total bescheuert, aber irgendwie tut es mir trotzdem verdammt gut zu hören, dass Jojo mich nicht einfach so ersetzt hat, obwohl er inzwischen ja schon seit über einem Jahr bei Adrian und seiner Familie wohnt. Aber dass ich ihm trotzdem immer noch fehle, gibt mir einfach ein ziemlich gutes Gefühl.
 

"Wir müssen mal wieder öfter was zusammen unternehmen", beschließe ich und kann nicht verhindern, dass sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitet, als mein Bruder gleich wieder nickt. "Ja, müssen wir. Nur wir beide", stimmt er mir zu und ich überlege einen Moment, dann schiebe ich ihn von mir, stehe auf und ziehe auch Jojo von seinem Bett. "Was wird das?", fragt er verwirrt, aber ich grinse nur noch breiter. "Warum sollen wir warten, wenn wir auch jetzt gleich damit anfangen können?", fragte ich zurück und Jojo schüttelt den Kopf, schmunzelt aber dennoch.
 

"Du bist so ein Kindskopf manchmal, Nicki", zieht er mich auf, aber dieses Mal gehe ich nicht darauf ein, dass er meinen Namen verhunzt. Stattdessen schnappe ich mir einfach nur seinen Arm, schleife ihn in den Flur und hibbele da ungeduldig herum, bis er endlich damit fertig ist, seine Stiefel zu schnüren. Mich würde es ja schlicht und ergreifend wahnsinnig machen, mich durch so viele Meter Schnürsenkel kämpfen zu müssen, aber mein Bruder war schon immer geduldiger als ich.
 

"Jetzt beeil Dich doch mal!", treibe ich ihn trotzdem an und er verdreht gespielt leidend die Augen, grinst aber dennoch. "Was für ein Glück für Dich, dass ich weiß, dass Du hin und wieder auch mal gute Tage hast, an denen Du zumindest ein bisschen weniger durchgeknallt bist", meint er, aber ich lasse mich nicht von ihm provozieren, sondern schiebe ihn nur aus der Tür, sobald er mit seinen Stiefeln fertig ist und sich seinen obligatorischen Ledermantel – ich verstehe nicht, wie er dieses Ding sogar im Sommer tragen kann, aber das ist ja seine Sache – geschnappt hat.
 

Draußen vor dem Haus begegnet uns Devlin, der – achtes Weltwunder oder so – ausnahmsweise mal nicht mit Rauchen beschäftigt ist. Stattdessen hat er seine kleine Tochter auf dem Arm und erzählt ihr gerade irgendwas, aber er spricht zu leise, als dass ich ihn verstehen könnte. Jojo lächelt bei dem Anblick der beiden zusammen und stößt mir den Ellbogen in die Seite, als ich ihn einfach nur energisch weiterzerre. Ist ja schön und gut, dass Devlin so ein guter Vater ist und blablabla, aber das höre ich so oft, das muss jetzt nicht auch noch sein. Jetzt will ich einfach nur einen schönen Tag mit meinem Bruder genießen, sonst nichts.
 

"Und was genau hast Du jetzt vor?", erkundigt Jojo sich bei mir, als wir kaum zwanzig Meter weit gekommen sind. "Keine Ahnung", gestehe ich mit einem Achselzucken und mein Bruder verdreht die Augen. Dabei schmunzelt er allerdings und dass bringt auch mich wieder zum Grinsen. "Lass uns zum Bunker gehen", schlage ich nach kurzem Überlegen vor. "Dahin verirrt sich doch so gut wie nie jemand, also haben wir da auf jeden Fall unsere Ruhe", argumentiere ich weiter und nachdem Jojo genickt hat, machen wir uns gemeinsam auf den Weg zu unserem alten Lieblingsspielplatz. Der Pfad ist von Brombeersträuchern überwuchert, durch die wir uns rigoros einen Weg bahnen. Das bringt uns beiden zwar ein paar Kratzer ein – mir mehr als Jojo; er bleibt durch seinen Mantel von den meisten Dornen verschont –, aber die stören uns heute genauso wenig wie vor zehn Jahren, als wir, meistens mit Dennis im Schlepptau, noch regelmäßig hier gespielt haben.
 

"Erinnerst Du Dich noch, wie wir einmal total zerkratzt und zerstochen von hier nach Hause gekommen sind und Mama und Anke", das ist Dennis' Mutter, "total entsetzt waren, weil sie beide dachten, Dennis, Du und ich hätten uns geprügelt?" Die Erinnerung daran bringt mich zum Lachen und entlockt auch Jojo ein Glucksen. "Eigentlich haben die beiden gedacht, Dennis und Du hättet euch geprügelt. Mich haben sie für den glücklosen Friedensstifter gehalten. Ich war sozusagen ein Kollateralschaden", berichtigt er mich und sieht mich mit funkelnden Augen an, während ich gespielt leidend das Gesicht verziehe. "Jaja, lach Du nur. Du warst ja immer der Unschuldsengel", beschwere ich mich nicht wirklich ernstgemeint und jetzt lacht Jojo wirklich.
 

"Was kann ich denn dafür, dass ich nun mal der gute Zwilling bin?", kontert er, sobald er sich wieder einigermaßen vernünftig artikulieren kann, und ich plustere empört die Wangen auf. "Bist Du gar nicht! Du bist mindestens genauso durchtrieben und verdorben wie ich", behaupte ich. Mein Bruder zieht seinen Mantel aus und legt ihn auf den Boden vor dem Mauerstück, hinter dem wir uns früher immer versteckt haben, und setzt sich so darauf, dass er sich an die Bunkerwand lehnen kann. Dann klopft er neben sich auf den Mantel und ich folge seiner Einladung und mache es mir ebenfalls gemütlich.
 

"Ich hab halt vom Besten gelernt", nimmt er den Faden wieder auf, sobald ich mich neben ihn gepflanzt habe. Dabei grinst er mich unverfroren an und ich verpasse ihm einen Knuff in die Seite. "Soll ich mich jetzt geschmeichelt oder beleidigt fühlen?", will ich wissen und Jojos Grinsen wird noch ein Stückchen breiter. "Was bringt Dich eigentlich auf die Idee, dass ich Dich damit gemeint hab?", ärgert er mich und piekt mich nun seinerseits in die Seite. Blöderweise trifft er natürlich genau die Stelle, wo ich besonders kitzelig bin. Ich kann mir ein erschrockenes Quieken nicht verkneifen und als Jojo begreift, was das bedeutet, bekommt sein Grinsen etwas Diabolisches.
 

"Was hast Du denn, Nicki?", fragt er mich scheinheilig, kitzelt mich dabei jedoch gleichzeitig, so dass meine Antwort nur aus einem Kichern besteht, das ich beim besten Willen nicht unterdrücken kann. "Fies!", beschwere ich mich erstickt, aber mein Bruder kennt kein Pardon. Er kitzelt mich erbarmungslos weiter und lässt erst von mir ab, als ich lachend und wimmernd zugleich um Gnade bettele. Keuchend und japsend bleibe ich auch dann noch auf dem Boden liegen, nachdem Jojo schon von mir abgelassen hat.
 

Sobald ich wieder zu Atem gekommen bin, hält er mir seine Hand hin. Ich lasse mich von ihm wieder in eine sitzende Position ziehen und nutze den Schwung, um mich schwer gegen meinen Bruder fallen zu lassen. "Das war unfair", mosere ich, doch Jojo zuckt nur mit den Schultern. "Ausgleichende Gerechtigkeit. Du hast mich vorhin auch gekitzelt. Jetzt sind wir quitt", meint er dazu, ehe er seinen Kopf an meinen lehnt. "Das hab ich gebraucht", murmelt er und ich rücke noch ein Stückchen näher an ihn heran. "Ich auch", gestehe ich leise und irgendwie verlegen. Ich bin schon fast zwanzig und hänge meinem Bruder – der noch dazu jünger ist als ich – immer noch am Rockzipfel. Geht's eigentlich noch peinlicher?
 

Den Rest des Nachmittags vertrödeln Jojo und ich quatschend und Unsinn machend. Es ist fast wieder ein bisschen so wie früher, als wir noch beide zu Hause gewohnt haben. Wenn Dennis jetzt hier wäre, dann wäre es ganz genauso wie in unserer Kindheit, aber irgendwie bin ich froh, dass ich mit meinem Bruder alleine bin. Es tut gut, einfach nur mal wieder etwas Zeit gemeinsam mit Jojo totzuschlagen.
 

Wir machen uns erst wieder auf den Rückweg, als es langsam dunkel wird. Ich liefere Jojo noch eben kurz in seinem neuen Zuhause ab, schlage aber die Einladung zum Abendessen aus. So langsam bin ich reichlich platt und will nur noch nach Hause in mein eigenes Bett, um mir eine ordentliche Mütze Schlaf zu gönnen. Morgen ist schließlich Montag, also muss ich wieder arbeiten. Und Onkel Holger zieht mir unter Garantie die Ohren lang, wenn ich total verpennt auftauche. Er kann da ziemlich rigoros sein.
 

Für den Heimweg brauche ich eine knappe halbe Stunde – allerdings nur, weil ich auch jetzt wieder auf öffentliche Verkehrsmittel verzichte und stattdessen lieber laufe. Dabei beriesele ich mich die ganze Zeit selbst mit Musik, um das Gedankenkarussell in meinem Kopf daran zu hindern, sich nur um das Thema zu drehen, über das ich heute einfach nicht mehr weiter nachdenken will. Jojo hatte schon Recht. Wie auch immer das mit Claudia jetzt weitergehen wird, werde ich schon merken, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Mir jetzt das Hirn zu zermartern bringt mir nichts außer neuen Kopfschmerzen.
 

Papa grinst ziemlich breit, als ich die Haustür aufschließe und sie, nachdem ich meine Schuhe vor dem Schuhschrank deponiert habe, wieder zuschiebe. "Na, da war jemand aber lange weg", neckt er mich und ich grinse ihn müde an. "Ich war hinterher", worauf ich hier anspiele, muss ich nicht näher ausführen; Papa kennt mich schließlich, "noch bei Jojo", erkläre ich meine späte Heimkehr also nur und Papas Grinsen macht Platz für ein Lächeln. "Und wie geht's Deinem Bruder?", erkundigt er sich, ohne die Besorgnis ganz aus seiner Stimme halten zu können. Auch wenn Jojo jetzt schon so lange bei Adrian und seiner Familie wohnt, das ändert weder für Papa noch für Mama oder mich etwas daran, dass wir uns Sorgen um ihn machen – vor allem jetzt, wo schließlich alle wissen, dass Adrian die nächsten Monate erst mal nicht zu Hause sein wird.
 

"So lala", beantworte ich daher Papas Frage. "Das nimmt ihn alles ziemlich mit. Du kennst ihn ja. Aber ich werd schon dafür sorgen, dass er in den nächsten Monaten nicht viel Zeit zum Grübeln hat und dass er Adrian nicht allzu sehr vermisst", verspreche ich weiter und Papas Lächeln vertieft sich noch etwas. "Tu das", sagt er, klopft mir kurz auf die Schulter und geht dann zurück ins Wohnzimmer. Ich selbst mache mich auf den Weg zu meinem Zimmer, aber ehe ich es erreiche, steckt Mama den Kopf aus der Küche.
 

"Möchtest Du noch etwas essen?", fragt sie mich und ich halte kurz inne, schüttele dann aber den Kopf. Ich habe zwar eigentlich den ganzen Tag über nicht wirklich etwas gegessen, aber seltsamerweise habe ich auch keinen Hunger. Im Moment bin ich einfach nur müde. Und das sage ich ihr auch. "Gut, wenn Du meinst", erwidert sie darauf und streicht mir kurz über die Wange. "Dann schlaf gut, Nico", wünscht sie mir und ich nicke ihr müde zu. "Ihr nachher auch." Damit tapse ich in mein Zimmer, mache mich bettfertig und rolle mich gähnend in meine Decke ein. Und der letzte bewusste Gedanke, der mir vor dem Einschlafen noch kommt, ist der, dass ich verdammt froh bin, dass Dennis bald wieder herziehen wird. Gemeinsam sollte es uns ja wohl gelingen, Jojo vom Trübsal blasen abzuhalten.

Wiedersehen

Das Universum hasst mich. Ganz eindeutig. Anders ist dieser Mist hier doch echt nicht zu erklären. Ich meine, warum ausgerechnet ich? Warum kriege ich immer die blöden Jobs? Ja, gut, okay, so blöd ist der Job eigentlich gar nicht. Immerhin kann ich heute fast den ganzen Tag im Trockenen rumhängen, während meine anderen Kollegen, Onkel Holger inklusive, im Stadtpark unterwegs sind zum Erneuern der Bepflanzung am Brunnen. An sich eigentlich ein netter Job, der eine Menge Spaß macht, aber seit gestern Abend nieselt es in einer Tour und die Wege werden dann immer so richtig schön schlammig.
 

Genau deshalb, erinnere ich mich, habe ich mich vorhin eigentlich auch freiwillig gemeldet, als Larissa jemanden gebraucht hat, der heute eine Ladung Pflanzen zu einer Indoor-Location bringt und da den Vorgaben gemäß verteilt. Hätte ich mal besser zugehört, dann hätte ich mich wahrscheinlich doch eher freiwillig dem Regen gestellt. Stattdessen hab ich Depp mir einfach nur den Zettel mit der Order und der Anschrift geschnappt und mich in den Transporter geschmissen. Und hier sitze ich jetzt schon seit zehn Minuten, den Kopf auf dem Lenkrad, und verfluche mein Pech.
 

"Nico, du Lahmarsch, beeil dich mal! Das Theater wartet auf die Pflanzen", reißt meine herzallerliebste Cousine mich aus meiner Selbstgeißelung und ich seufze abgrundtief. Larissa hat keine Ahnung, warum ich hier so ein Drama veranstalte, aber ich werde einen Teufel tun und ihr das erklären. Nur über meinen kalten, toten Körper. "Bin ja schon unterwegs", murre ich also einfach nur wenig enthusiastisch, starte den Wagen und versuche, Larissas Augenrollen so gut wie möglich zu ignorieren. Sie hat ja keine Ahnung, was sie mir antut. Aber gut, woher sollte die sie die auch haben?
 

Sobald sie sicher ist, dass ich doch endlich losfahre, dreht Larissa sich um und verschwindet wieder im Büro, um aus dem Nieselregen rauszukommen. Ich schmeiße meine Playlist an und zu den ersten Tönen von ›Kopfüber in die Hölle‹ erlaube ich mir noch ein abgrundtiefes Seufzen. Da das aber auch nichts an den Tatsachen ändert, fädele ich den Transporter einfach nur in den Verkehr ein und folge den Anweisungen des Navis zum Theater. Allzu oft war ich noch nicht hier, aber glücklicherweise halten sich die verstopften Straßen heute in Grenzen. Und als weiteres Sahnehäubchen ist der Anliefererparkplatz direkt am Hintereingang auch noch frei, so dass ich den Transporter dort parken kann.
 

Mit ›Gwendoline‹ im Ohr steige ich aus und beeile mich, nach drinnen zu kommen, wo mir ein gestresster Mittfünfziger schon hektisch entgegenkommt. "Sie bringen die Pflanzen?", fragt er etwas außer Atem, nachdem er noch einen Blick auf den eigentlich unübersehbaren Aufdruck ›Ritter Garten- und Landschaftsbau‹ auf meinem Shirt geworfen hat, und strahlt mich an, als ich das mit einem Nicken bestätige. "Gott sei Dank! Ohne die Pflanzen würde das mit der Premiere heute Abend total in die Hose gehen. Sie machen sich ja keine Vorstellung davon, wie …" Der gute Mann hat noch eine Menge mehr zu sagen, während er mich durch das Gewusel in Richtung Bühne dirigiert, aber ich höre nur mit halbem Ohr zu. Ganz ehrlich, ich interessiere mich kein Stück dafür, welche Zweitbesetzung sich welchen Knochen gebrochen hat und wer wann was wo mit wem getan hat. Mich interessiert nur, wo das Zeug, das sich aktuell noch hinten im Transporter befindet, hin soll. Diese Informationen filtere ich aus dem Redeschwall heraus, gebe mir Mühe, an den richtigen Stellen zu nicken, und atme auf, als irgendjemand aus dem Zuschauerraum lauthals nach ›Herrn Peschke‹ – offenbar der Name meines Begleiters – verlangt.
 

"Sie wissen, was Sie zu tun haben?", erkundigt sich besagter Herr Peschke noch mal bei mir und ich nicke erneut. "Klar. Die Pflanzen in zwei halben Bögen jeweils links und rechts an den Bühnenrand, von groß nach klein sortiert", wiederhole ich brav, was er mir vorhin zusammen mit jeder Menge unsinnigem Gebrabbel erklärt hat, und auf seinen Lippen erscheint ein erleichtertes Lächeln. Er sieht mich an, als wäre ich eine Art Heiliger oder so was wie sein persönlicher Erlöser.
 

"Dann lasse ich Sie am besten jetzt an die Arbeit gehen. In vier Stunden muss hier alles fertig sein, damit wir die Kostümprobe auch noch schaffen", lässt er mich wissen und ich nicke ihm erneut zu. Und während er die Bühne in Richtung Zuschauerraum verlässt, mache ich mich auf den Rückweg zum Transporter. Dabei bin ich froh, dass ich nicht dazu neige, mich zu verlaufen. Hier hinter der Bühne ist es ganz schön chaotisch, aber mit Chaos kenne ich mich aus. Meine Familie behauptet schließlich immer, ich wäre das personifizierte Chaos, also bin ich hier praktisch in meinem Element.
 

Mit einem Grinsen auf den Lippen wegen dieses Gedankens beginne ich damit, mir erst mal einen Überblick über den Inhalt des Transporters verschaffen. Hauptsächlich finden sich hier Olivenbäume in verschiedenen Größen und ich schnappe mir erst mal die Sackkarre, die an der linken Wand des Transporters befestigt ist. Die kleineren Bäumchen kann ich später auch so nach drinnen schleppen, aber bei den größeren kommt auf jeden Fall die Sackkarre zum Einsatz. Ich weiß immerhin ganz genau, wie elend schwer die Dinger in ihren Töpfen sind. Daran hebe ich mir definitiv nicht freiwillig einen Bruch. Ich brauche mein Kreuz schließlich noch.
 

Schief und unmelodisch vor mich hin pfeifend hieve ich den ersten Baum auf die Sackkarre und mache mich auf den Weg zurück zur Bühne. Dort wird das Schätzchen so platziert, wie Herr Peschke mir vorhin erklärt hat, bevor ich mich darum kümmere, auch noch die restlichen Bäumchen reinzubringen und so hinzustellen, dass perspektivisch auch alles passt. Immerhin, teilt mir Herr Peschke irgendwann im Vorbeirauschen mit, müssen die Schauspieler ja auch noch irgendwie in ihren Kostümen manövrieren können, ohne in den Bäumchen hängen zu bleiben oder sie gar umzuwerfen.
 

Sobald ich die Bäumchen alle aufgestellt und die Sackkarre wieder zurückgebracht habe, geht es an die Feinarbeit. Mit einem Satz hopse ich von der Bühne herunter in den Zuschauerraum und mache ein paar lange Schritte rückwärts, bis ich gegen die Sitze der ersten Reihe stoße. Dann betrachte ich mein Werk kritisch und stelle fest, dass eindeutig noch Nachbesserungsbedarf besteht. Was ich von hier unten durch Hin– und Herschieben erledigen kann, nehme ich direkt in Angriff, aber alles kann ich von hier aus nicht verrücken. Aus diesem Grund ziehe ich mich wieder an der Bühne hoch, klettere rauf und mache mich dann ans letzte bisschen Justieren. Das ist eindeutig das, was an dem ganzen Kram hier am längsten dauert. Um mich herum herrscht dabei die ganze Zeit wildes Gewusel, aber davon lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen.
 

Ich bin gerade damit beschäftigt, das zweitgrößte Bäumchen auf der rechten Bühnenseite noch etwas zur Seite zu schieben und dabei auch gleichzeitig so zu drehen, dass man die eine kahle Stelle mitten im Geäst vom Zuschauerraum aus nachher nicht sehen kann, als der Bühneneingang aufgestoßen wird. In einer Wolke aus Stoff und Farben quillt eine Person herein, die ich nur zu gut kenne, und ich friere kurzzeitig in meiner Position fest, während sich in meinem Hals ein dicker Kloß bildet. Da ist sie also, die Stunde der Wahrheit.
 

"Okay, wo ist der Pflanzenheini?" Suchend blickt Claudia sich um und ihre Augenbrauen wandern fast bis zum Ansatz ihrer chaotisch zusammengeknödelten Haare. Der Knoten, mit dem sie die knallroten Strähnen gebändigt und den sie mit zwei langen Pinseln festgesteckt hat, droht sich jeden Moment zu lösen und auf ihrer linken Wange prangt ein knallgelber Farbklecks. Ich habe für einen Moment den unerklärlichen Drang, den Fleck wegzuwischen, aber ich kämpfe den Impuls erfolgreich nieder.
 

"Das wär dann wohl ich", sage ich stattdessen, rappele mich aus meiner knienden Position auf und klopfe mir erst mal den Staub von meiner Arbeitshose, um noch etwas Zeit zu schinden. "Du legst immer wieder die dramatischsten Auftritte hin. Sicher, dass du hinter die Bühne gehörst und nicht mitten drauf?" Ich habe keine Ahnung, was ich da eigentlich von mir gebe, aber das ist bei mir ja nichts Neues mehr. Claudia scheint das genauso zu sehen, denn bei meinen Worten erscheint auf ihren Lippen wieder das spöttische Grinsen, das keiner so gut draufhat wie sie. "Also du bist der Pflanzenmensch, der unser Bühnenbild kurzfristig retten soll, ja? Das kann ja heiter werden", kontert sie mit einem Kopfschütteln und skeptisch gerunzelter Stirn.
 

"Hey, immerhin war ich pünktlich da und hab alles mitgebracht, was auf der Order stand", verteidige ich mich und Claudia kommt ein paar Schritte näher, schnappt sich den Zettel mit der Order und überfliegt ihn kurz. "Okaaaaay, eigentlich bräuchten wir Palmen, keine Olivenbäume", murmelt sie dann und massiert sich seufzend die Schläfen. "Warum schreiben wir eigentlich detaillierte Listen, wenn die doch immer ignoriert werden?", grummelt sie, sieht zu mir auf und bedenkt mich mit einem schrägen, misstrauischen Blick.
 

"Was starrst du mich so an, Nico?", will sie wissen und ich schüttele innerlich über mich selbst den Kopf. In den letzten sechs Wochen hab ich mir diese Begegnung immer wieder ausgemalt, aber so hatte ich mir unser erstes Wiedersehen nach … der Sache definitiv nicht vorgestellt. Claudia ist so … normal. Ganz so, als wäre das, was bei unserer letzten Begegnung vorgefallen ist, nie passiert. Als wäre alles so wie immer. Gut, ja, das hatte sie mir damals zwar auch versprochen, aber es ist trotzdem seltsam, dass sie scheinbar kein Problem damit hat, sich auch daran zu halten.
 

"Ist nur ungewohnt, dich mal im Arbeitsmodus zu sehen", beantworte ich ihre Frage mit etwas Verspätung, räuspere mich und hole mir die Order zurück, die Claudia immer noch in der Hand hält. "Ich kann nichts versprechen, aber ich kann mal nachfragen, ob wir kurzfristig gegen Palmen tauschen können. Ich weiß aber nicht, ob wir genug da haben", schränke ich ein und Claudia entlässt ein abgrundtiefes Seufzen. "Das wär super. Strandszenen kommen mit Palmen irgendwie doch besser als mit Olivenbäumen. Wir sind ja nicht bei Shakespeare irgendwo in Italien", murmelt sie und ich krame mein Handy aus der Tasche. Damit in der Hand gehe ich ein paar Schritte beiseite, um niemandem im Weg zu stehen, ehe ich im Büro anrufe.
 

"Ritter Garten- und Landschaftsbau", meldet Larissa sich und ich staune wieder mal darüber, wie professionell meine Cousine klingen kann. Traut man ihr gar nicht zu, wenn man sie so gut kennt wie ich. Aber Arbeit ist Arbeit, wie schon Opa immer gesagt hat. Zu Hause kann man sich benehmen, wie man will, aber auf der Arbeit hat man professionell zu sein. Das hat er uns allen von klein auf eingebläut und gerade bei Larissa hat das echt gut gefruchtet.
 

"Ich bin's. Sag mal, haben wir noch Palmen in verschiedenen Größen da? Irgendwer hier im Theater hat einen Fehler bei der Weitergabe der Order gemacht; die brauchen Palmen und keine Olivenbäume", teile ich ihr mit und kann praktisch vor mir sehen, wie Larissa sich genervt die Nasenwurzel massiert. "Ein Mal mit Profis arbeiten", nuschelt sie so leise, dass nur ich sie verstehe und Papa, der im gleichen Büro sitzt, sie nicht hören kann. "Ich schau mal, was sich machen lässt. Bleib kurz dran." Damit legt sie mich in die Warteschleife und ich drehe mich zu Claudia, die mir inzwischen gefolgt ist, um.
 

"Larissa schaut mal nach. Wenn wir noch genug Palmen haben, fahr ich gleich noch mal eben los und tausche alles aus", sichere ich ihr zu und ihr Gesichtsausdruck schwankt irgendwo zwischen Erleichterung und Zweifel. Ich versuche, den Zweifel nicht persönlich zu nehmen, aber das ist leichter gesagt als getan. Ehe ich allerdings irgendwas dazu sagen und damit möglicherweise einen Streit provozieren kann, schallt Larissas Stimme schon wieder aus dem Hörer.
 

"Wir haben noch sechs größere Palmen. Die müssten passen. Sind auch nicht zu riesig. Vielleicht zehn oder zwanzig Zentimeter höher als die größeren Olivenbäume. Aber kleine Palmen haben wir im Moment nicht da. Höchstens noch zwei mittlere Bergpalmen, aber mit den ganz kleinen sieht's schlecht aus", informiert sie mich und ich unterdrücke einen Fluch. Ich gebe die Infos eben kurz an Claudia weiter, aber ehe sie in Frust oder Verzweiflung ausbrechen kann, kommt mir eine Idee.
 

"Gingen für die kleinen Dinger auch Farne statt Palmen? Ich meine, davon müssten wir auf jeden Fall genug haben. Und da finde ich schon ein paar, die optisch passen", schlage ich vor und der Blick, der mich daraufhin trifft, ist so hoffnungsvoll, dass ich mir innerlich selbst für meine geniale Idee auf die Schulter klopfe. "Wenn das ginge, wär das super", antwortet Claudia mir und ich bedenke sie mit einem bemüht aufmunternden Lächeln. "Das kriegen wir hin. Larissa, ich bin so in zwanzig Minuten da. Kannst du Papa vielleicht schon mal zum Vorsortieren rüberschicken? Um die Farne kümmere ich mich gleich, wenn ich wieder da bin. Und die Oliven bringe ich später wieder mit, wenn hier alles erledigt ist." Erst mal ist es schließlich wichtig, die Palmen in Theater zu bekommen. Alles andere kann ich auch danach noch regeln.
 

"Alles klar. Onkel Thomas ist schon unterwegs ins Lager", lässt Larissa mich wissen und ich kann mir ein erleichtertes Aufatmen nicht verkneifen. "Du bist ein Schatz, Isi!", lobe ich sie und sie schnaubt, klingt aber eher amüsiert als beleidigt darüber, dass ich Lus Kosenamen für sie verwendet habe. "Ich mach mich jetzt direkt auf die Socken. Bin so schnell wie möglich da." Damit lege ich auf, schiebe mein Handy wieder in die Hosentasche und sehe Claudia an.
 

"Kannst du …", setze ich an, komme aber nicht dazu, meine Frage zu beenden. "Carlo? Finn? Silvio?", wendet sie sich an drei ihrer Kollegen und winkt diese zu uns auf die Bühne. "Könnt ihr die Oliven schon mal von der Bühne wieder nach hinten bringen? Irgendwer hat wieder nicht richtig aufgepasst. Nico und ich fahren eben los, die richtigen Pflanzen abholen. Wir sollten so in einer Stunde spätestens wieder da sein. Und dann werden wir Hilfe brauchen, damit wir noch rechtzeitig fertig werden", nimmt sie das Zepter in die Hand und ich kann nur Bauklötze staunen. Claudia war ja schon in der Schule gut im Organisieren, aber dass sie tatsächlich auch Typen, die teilweise wenigstens fünfzehn oder zwanzig Jahre älter sind als sie, so problemlos im Griff hat, dass die gleich lossprinten, um das zu tun, was sie ihnen aufgetragen hat, ist schon echt faszinierend zu beobachten.
 

"Können wir die Sackkarre so lange hier behalten für die schwereren Töpfe?", erkundigt sich einer der drei Typen, die Claudia gerade aufs Bäume räumen angesetzt hat, bei mir, und ich nicke einfach nur. "Gut. Dann bringen wir die alle zum Hintereingang, warten da und helfen dann nachher beim Einräumen, wenn ihr wieder da seid", beschließt er, nickt den anderen beiden zu und während die sich an die Arbeit machen, scheucht Claudia mich zum Hinterausgang und hinein in den Transporter. Sie selbst rutscht auf den Beifahrersitz, schnallt sich an und wirft mir einen auffordernden Blick zu, als ich sie einfach nur stumm anstarre. "Fahr los, Nico. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Ich hab heute noch mindestens drei Millionen Dinge zu erledigen für die Premiere", treibt sie mich zur Eile an und ich starte den Wagen, um zurück zum Lager zu fahren.
 

Wir brauchen nur knappe fünfzehn Minuten – grüne Welle for the win! –, bis wir da sind. Und wie Larissa versprochen hat, wartet Papa auch schon am Tor auf uns, neben sich eine Auswahl an Palmen, von denen die größte ungefähr einen Kopf kleiner ist als ich. "Ja, das passt. Super", murmelt Claudia neben mir, schnallt sich ab und springt voller Elan aus dem Wagen. "Hey", werden wir von Papa begrüßt, sobald ich zu ihr aufgeschlossen habe. Papa mustert Claudia mehr als interessiert, aber sie hat für ihn nicht mehr als ein zerstreutes Lächeln übrig.
 

"Wo sind die Farne?", wendet sie sich an mich und ich erkläre ihr kurz den Weg. Gleich darauf ist sie auch schon verschwunden und ich mache mich gemeinsam mit Papa daran, die Palmen mit einer der weiteren Sackkarren, die wir haben, in den Transporter zu hieven. "Sie kommt mir bekannt vor. Wer ist das?", gibt Papa nach der dritten Palme seiner Neugier nach und ich muss grinsen. "Claudia. Wir waren früher mal in einer Klasse. Sie arbeitet jetzt im Theater und hat als Erste gemerkt, dass irgendwer Palmen und Olivenbäume verwechselt hat", erkläre ich ihm und Papa nickt bedächtig.
 

"Stimmt, ich erinnere mich. Jonas und du habt öfter mal von ihr erzählt. Wie hieß noch ihre Freundin? Die, die ihr mit Jonas verkuppeln wolltet?", bohrt er weiter und ich würde jetzt nur zu gerne im Erdboden versinken. Diese – vollkommen vergebliche – Kuppelaktion unsererseits von damals ist mir heute einfach nur noch hochnotpeinlich. Aber woher hätte ich auch wissen sollen, dass mein Bruder Miriam nur als Tarnung benutzt hat, damit niemand von uns merkt, was wirklich in ihm vorgeht?
 

"Miriam", beantworte ich Papas Frage, während wir schon mal gemeinsam anfangen, die Palmen in den Transporter zu schaffen. "Sie ist aber inzwischen schon seit einer ganzen Weile mit Adrians Cousin verheiratet." Dass sie inzwischen auch schon eine kleine Tochter hat und in ein paar Monaten noch mal Mutter wird, erwähne ich jetzt allerdings nicht noch. Das ist eh immer noch seltsam für mich. Ich meine, Miriam ist in unserem Alter. Sie ist, genau betrachtet, nur drei Tage jünger als wir. Und in dem Alter schon das zweite Kind in der Mache … Danke, aber danke, nein. Ich werde frühestens in zehn, fünfzehn Jahren mal übers Fortpflanzen nachdenken. Frühestens, wohlgemerkt. Wenn ich erst mit vierzig oder sogar noch später kleine Ritters produziere, ist das auch noch früh genug. Ich hab's damit nun wirklich nicht eilig.
 

Mitten in diese bescheuerten Gedanken meinerseits taucht Claudia wieder auf. Allerdings ist sie jetzt nicht alleine, denn sie hat nicht nur einen Arm voller Farne dabei, sondern auch Larissa, die ebenfalls einen Schwung Farne schleppt. "Ich sehe, ihr seid fündig geworden", kommentiert Papa das. Claudia nickt und schenkt ihm ein dankbares Lächeln. "Allerdings. Sie haben unsere Premiere gerettet", seufzt sie aus tiefstem Herzen und wartet, bis Papa und ich auch noch die letzte der größeren Palmen in den Transporter gehievt haben. Danach räumt sie mit Larissas Hilfe die Farne ein, während Papa sich die Sackkarre schnappt und sie wieder zurück an ihren Platz bringt. "Bis später und viel Vergnügen", wünscht er mir noch und ich strecke ihm die Zunge heraus, aber das bringt ihn nur zum Lachen.
 

"Ich hab dich auch lieb, Papa", kann ich mir nicht verkneifen und fange mir dafür im nächsten Moment einen Schlag auf den Hinterkopf von Larissa ein. "Au! Wofür war der denn?", frage ich und reibe mir schmollend die schmerzende Stelle. "Für das unausgesprochene ›du Arsch‹, das an deinem Tonfall mehr als deutlich zu hören war", erklärt sie mir und ich plustere empört die Backen auf. Also das ist ja wohl die Höhe!
 

"Kannst du jetzt auch noch Gedanken lesen oder was?", nöle ich und Claudia hinter mir fängt an zu lachen. "Das hab ja sogar ich überdeutlich gehört, Nico!", foppt sie mich und ich denke kurz darüber nach, ihr ebenso wie Papa die Zunge herauszustrecken, aber das verkneife ich mir lieber. Immerhin hat Claudia, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, einen deutlich festeren Schlag als Larissa. Das will ich lieber nicht riskieren. Genickbruch durch Schlag in den Nacken ist doch eine reichlich alberne Art, von diesem Leben ins nächste zu wechseln.
 

"Lass uns zurückfahren. Immerhin haben wir ja nicht endlos Zeit", treibe ich uns beide an, klettere wieder in den Transporter und fahre direkt los, sobald wir beide angeschnallt sind. Claudia kichert immer noch vor sich hin, aber ich unternehme nichts dagegen. Immerhin bin ich ihr Amüsement auf meine Kosten ja nicht erst seit gestern gewöhnt. Sie hat mich schon während unserer Schulzeit gerne aufgezogen und sich über mich lustig gemacht. Aber sie hat es nie wirklich böse gemeint und war auch nie sauer, wenn ich ihr das mit gleicher Münze heimgezahlt habe. Wahrscheinlich haben wir uns deshalb früher schon so gut verstanden. Wir haben einfach beide einen ähnlich schrägen Sinn für Humor.
 

Eine gute Dreiviertelstunde nach unserem Aufbruch sind wir wieder zurück am Theater. In der geöffneten Hintertür stehen zwei von den drei Kollegen, die Claudia zum Räumen verdonnert hatte. Gemeinsam steigen wir aus und der ältere der beiden kommt mit ausgebreiteten Armen auf Claudia zu. "Mia regina!", begrüßt er sie überschwänglich. "Carlo musste beim Bühnenbild aushelfen, aber Finn und ich stehen ganz zu deiner Verfügung", schiebt er mit einem Wedeln zu dem besagten Kollegen, dessen Name offenbar Finn lautet, hinterher und ich muss unwillkürlich grinsen. Claudia hingegen verdreht nur die Augen.
 

"Übertreib's nicht, Silvio, sonst sag ich Giulia, was du hier abziehst", warnt sie ihn, doch dieser Silvio winkt lachend ab. "Ah, aber meine Giulia weiß, dass du mia regina bist. Und sie ist mia dea, also hat sie nichts zu befürchten", erklärt er und ich kann dabei zusehen, wie Claudias Mundwinkel zucken. "Na dann, an die Arbeit, Jungs", scheucht sie und dadurch, dass Silvio und Finn mit anpacken, sind wir dieses Mal deutlich schneller fertig damit, die Palmen zur Bühne zu bringen und so zu arrangieren, wie Claudia und Herr Peschke sich das vorgestellt haben.
 

Danach wird Finn von Claudia beauftragt, ihr bei ein paar weiteren Dingen zur Hand zu gehen, und so bleibt nur noch Silvio übrig, um mir dabei zu helfen, die Olivenbäume wieder in den Transporter zu verfrachten, damit ich sie mit zurück nehmen und wieder in unser Lager bringen kann. Zu zweit geht das aber dennoch deutlich schneller als alleine, also bin ich definitiv froh über die Hilfe. Sobald der letzte Baum verstaut ist, reicht Silvio mir noch eben die Sackkarre an, damit ich sie wieder im Transporter befestigen kann. Und nachdem auch das erledigt ist, grinst er mich breit an.
 

"Ah, und du bist also ein Freund von mia regina, ja? Ihr kennt euch lange?", erkundigt er sich und ich hüpfe erst mal wieder hinten aus dem Transporter und schließe die Tür. "Ein paar Jahre schon, ja. Wir waren zusammen in der Schule", beantworte ich dann die Frage und Silvio nickt. "Sie ist eine tolle Frau, mia regina", teilt er mir seine Meinung mit und ich muss ihm da zustimmen. Claudia ist wirklich klasse. Ein echt prima Kumpel. "Und das weiß auch mia dea Giulia." Silvio sieht mich prüfend an und nickt dann. Ich habe keine Ahnung, was er mir damit sagen will, aber ehe ich nachfragen kann, taucht Claudia zusammen mit einer weiteren jungen Frau auf, die noch eins unserer Olivenbäumchen in den Armen hat.
 

"Irgendwer hat versucht, einen der Bäume zu mopsen. Oder vielleicht hat ihn auch einfach bloß jemand aus dem Weg geräumt und vergessen, ihn zurückzustellen. An Premierentagen ist alles möglich", erklärt Claudia mir und ihre Begleiterin wirft mir einen koketten Blick unter halb gesenkten Lidern zu, den ich nur zu gut kenne. "Kann ja mal passieren. No harm done", gebe ich mich großzügig und auf Claudias Lippen legt sich ein verstehendes Schmunzeln, als ihr Blick auf ihre Begleiterin fällt, die mich immer noch unverwandt ansieht und dabei mit einer Strähne ihrer langen blonden Haare zu spielen begonnen hat.
 

"Du kannst dich bei Cora bedanken, Nico – dafür, dass sie so aufmerksam war", nennt sie mir den Namen der Blondine und ihr meinen und erspart damit nicht nur mir, sondern auch ihr die Notwendigkeit, danach zu fragen. "Lass uns schon mal wieder reingehen, Silvio. Wir haben noch mindestens hunderttausend Sachen zu tun, aber Cora wird ja erst bei der Kostümprobe wieder gebraucht", schustert Claudia mir noch mehr Informationen zu und hakt sich bei Silvio ein, um ihn nach drin zu schleifen. Mich lässt sie mit Cora und dem Olivenbäumchen alleine.
 

"Na dann … Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, Cora", bedanke ich mich erst mal artig und deute eine leichte Verbeugung an, die Cora zum Kichern bringt. "Und du bist also Schauspielerin, ja?", erkundige ich mich dann. Immerhin klangen Claudias Worte so für mich. Cora nickt und auf ihren Wangen erscheint ein zarter Rotschimmer. "Eigentlich nur die Zweitbesetzung, aber unsere Hauptdarstellerin hat eine Kehlkopfentzündung und kann im Moment nicht auftreten, also stehe ich heute Abend auf der Bühne", lässt sie mich wissen und ich bedenke sie mit einem breiten Lächeln. "Dann wünsche ich schon mal Hals- und Beinbruch. Sagt man doch so, oder?", erkundige ich mich und Cora nickt. "Ja. Und danke", murmelt sie, zögert kurz und hält mir dann das Olivenbäumchen entgegen. Ich nehme es an, klemme es mir aber erst mal nur unter den Arm. Ich habe keine Lust, es jetzt noch hinten in den Transporter zu den anderen Bäumen zu stopfen. Das eine Bäumchen kann gleich auch auf dem Beifahrersitz mitfahren, wenn ich mich auf den Weg zurück zum Lager mache.
 

"Ähm … Also … Eigentlich hat Claudia den Baum gefunden", sagt Cora nach kurzem Zögern leise und ich sehe sie überrascht an. "Aber sie hat mitbekommen, wie ich zu Finn gesagt habe, dass du einen interessanten Eindruck machst und … na ja …" Cora streicht sich durch die Haare, zwirbelt sie nervös zusammen und zieht den so entstandenen Zopf dann so nach vorne, dass er über ihre Schulter fällt. "Jedenfalls hat Claudia gesagt, du seist durchaus ein netter Kerl und sie hat angeboten, uns miteinander bekannt zu machen", fährt sie dann fort und ich bin kurz etwas baff. Claudia hat praktisch Werbung für mich gemacht? Damit hätte ich definitiv nicht gerechnet. Aber genau genommen erklärt das ihr ganzes Verhalten von eben. Die Sache mit den Namen und dass sie Silvio mit hinter die Bühne genommen hat, um mich mit Cora allein zu lassen … Geschickt eingefädelt, eindeutig, das muss der Neid ihr lassen.
 

Innerhalb der nächsten zehn Minuten bekommen ich nicht nur Coras Handynummer, sondern verabrede mich auch direkt für übermorgen mit ihr. Ehe ich allerdings meinen Charme noch weiter spielen lassen kann, unterbricht mich das Klingeln meines Handys und als ich aufs Display sehe, erkenne ich die Nummer meines Onkels. "Sorry, da muss ich ran. Arbeit", entschuldige ich mich bei Cora, die nach einem letzten schüchternen Lächeln mit einem Winken wieder im Inneren des Theaters verschwindet.
 

Mit einem Grinsen, das nicht mehr viel breiter werden kann, nehme ich das Gespräch entgegen. "Was kann ich für dich tun?", erkundige ich mich gönnerhaft und mein Onkel schnaubt. "Du kannst deinen Arsch und den Transporter zurück zum Lager bewegen. Das Ausräumen kann Thomas übernehmen. Dich brauch ich am Brunnen. Manuel ist gerade auf dem Weg ins Krankenhaus mit Dieter. Wahrscheinlich das Handgelenk verstaucht. Mir fehlen also erst mal zwei Mann", teilt er mir dann mit und ich klettere noch während seiner Erklärung in den Transporter.
 

"Alles klar. Ich bin so schnell wie möglich da." Damit beende ich das Gespräch, starte den Transporter und mache mich auf den Rückweg zur Firma. Am Lager angekommen werfe ich Papa nur kurz den Schlüssel zu, dann wechsele ich den Wagen und fahre auf dem kürzesten Weg zum Stadtpark. Dort lasse ich den Wagen auf dem Parkplatz in der Nähe des Brunnens stehen und jogge den Rest des Weges, bis ich die Rotte Männer in grünen Arbeitshosen und -jacken mit dem Logo unserer Firma auf dem Rücken erkenne.
 

"Du kannst hier gleich mit anpacken", begrüßt Onkel Holger mich ohne Umschweife, sobald ich ihn und die anderen erreicht habe. Ich nicke nur und bin den Rest des Tages vollauf damit ausgelastet, zusammen mit meinem Onkel und meinen restlichen Kollegen – Dieter stößt nach einer knappen Stunde auch wieder zu uns mit der Info, dass Manuel sich tatsächlich das Handgelenk verstaucht hat und erst mal für eine Weile ausfällt – Löcher auszuheben, verblühte Pflanzen aus- und neue Pflanzen wieder einzubuddeln. Der Regen hat glücklicherweise inzwischen aufgehört, aber zum Feierabend hin sehen wir trotzdem alle aus wie eine Bande von Sumpfmonstern. Zum Glück sind unsere Wagen Dreck gewöhnt.
 

Zusammen mit den anderen fahre ich zurück zur Firma und dort verschwinden wir alle erst mal in der Umkleide, schrubben uns den gröbsten Dreck ab und ich schlüpfe dann in meine Jeans und ein sauberes Shirt. Für solche Tage wie heute haben wir schließlich alle ein paar Sätze Wechselklamotten in unseren Spinden. Unter normalen Umständen fahre ich zwar auch hin und wieder in meinen Arbeitsklamotten nach Hause, aber so nass und schlammig wie die aktuell sind, verkneife ich mir das lieber. Mama wird auch so gleich wieder einen Anfall kriegen, wenn ich das Zeug so verdreckt zum Waschen mitbringe.
 

"Bist du soweit?", fragt Papa in meine Grübeleien und ich stopfe noch eben meine dreckigen Sachen in eine Plastiktüte. "Wir können", lasse ich ihn dann wissen und packe die Tasche erst mal in den Kofferraum von Papas Wagen, ehe ich mich auf den Beifahrersitz fallen lasse und abgrundtief seufze. Der Tag hat echt ganz schön geschlaucht. Ich meine, ich mag meinen Job echt gerne, aber bei solchem Matsch wie heute macht das deutlich weniger Spaß als wenn es wenigstens trocken ist. Anstrengend ist es so der so.
 

Mit geschlossenen Augen lasse ich meinen Kopf nach hinten gegen die Kopfstütze sinken. "Anstrengenden Tag gehabt?", erkundigt Papa sich mitfühlend, während er seinen Wagen in den Feierabendverkehr einfädelt, und ich nicke nur, ohne meine Augen wieder zu öffnen. "Ich werd heute Nacht schlafen wie ein Stein", prophezeie ich und Papa gluckst leise. "Das bezweifle ich nicht. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Sommer, den ich in der Firma mitgearbeitet habe. Dein Opa war der Meinung, dass es Sinn macht, erst mal alles auszuprobieren, bevor wir uns festlegen, was wir genau machen wollen, also hat er deinen Onkel und mich durch alle Stationen gejagt. Manchmal waren wir abends froh, wenn wir es überhaupt noch bis in unsere Betten geschafft haben. Ich weiß nicht, wie oft wir damals einfach auf der Couch eingeschlafen sind", schwelgt er in Erinnerungen und ich ringe mir ein müdes Grinsen ab. "Kann ich absolut nachfühlen. Du wirst mich nachher wahrscheinlich auch wecken müssen, wenn wir zu Hause sind." Und das meine ich vollkommen ernst. Im Moment fühle ich mich, als könnte ich einfach so einpennen.
 

Die Fahrt nach Hause dauert gute zwanzig Minuten, die ich tatsächlich mehr oder weniger dösend verbringe. Erst kurz bevor wir ankommen, holt mich das Vibrieren meines Handys in meiner Hosentasche wieder aus meinem Halbschlaf. Müde grummelnd hole ich den Störenfried hervor und stelle fest, dass ich ein paar Nachrichten erhalten habe. Unter anderem hat sich Cora gemeldet und mir geschrieben, dass sie nervös wegen der Premiere ist und sich auf übermorgen freut. Ich schicke schnell eine Nachricht zurück, dass ich mich auch schon darauf freue und ihr für heute Abend Glück wünsche, dann schaue ich nach, wer sich sonst noch bei mir gemeldet hat.
 

Von Lu sind ein paar Nachrichten da, die hauptsächlich aus Selfies bestehen, auf denen er irgendwelche Grimassen schneidet, und einer Menge Bildern von Charlies Hündin Mischa. Wirklich ein süßes Vieh, das kann ich nicht leugnen. Da Lu auf diese Nachrichten allerdings wahrscheinlich eh keine wirkliche Antwort erwartet, schicke ich ihm bloß ein paar passende Emojis zurück. Lu wird schon verstehen, was ich ihm damit sagen will. Schließlich ist er ja nicht auf den Kopf gefallen.
 

Danach wechsele ich zum letzten Chat, dessen kleine grüne 2 mir anzeigt, dass ich zwei neue Nachrichten bekommen habe. Ich bin einigermaßen überrascht darüber, denn hier handelt es sich um den Chat mit Claudia. Nachdenklich auf meiner Unterlippe kauend öffne ich den Chat und muss grinsen, als mir direkt als allererstes ein Foto der Bühne entgegen blinkt. Die Palmen stehen genau so, wie Claudia sie haben wollte, und die Bildunterschrift – ›Die Premiere kann kommen, die Palmen sehen super aus!‹ – macht auch deutlich, dass alles zu ihrer Zufriedenheit gelaufen ist heute.
 

Und wenn das noch nicht klar genug wäre, sagt ihre zweite Nachricht das alles auch noch mal laut und deutlich. ›Dein Einsatz hat uns heute echt den Arsch gerettet. Strand mit Olivenbäumchen wirkt doch ziemlich lächerlich. Das musste auch Herr Peschke (der das Ganze übrigens verbockt hatte, der Depp!) zugeben. Danke noch mal für deine Hilfe!‹, schreibt sie und die Worte verpassen mir ein Hochgefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte. ›Stets zu Diensten‹, schreibe ich zurück und setze noch einen Daumen hoch Emoji hintendran. Die Nachricht geht zwar durch, aber die Haken bleiben erst mal weiß, also ist Claudia im Moment wahrscheinlich zu beschäftigt, um sie zu lesen. Aber das läuft ja auch nicht weg.
 

"Wir sind da", holt Papa mich wieder aus meinen Gedanken. Ich schiebe mein Handy zurück in die Tasche meiner Jeans, kämpfe mich aus dem Auto und schnappe mir noch schnell meine Dreckwäsche aus dem Kofferraum. Die wandert als erstes direkt ins Bad und da in den Korb, den Mama extra für meine Arbeitskleidung aufgestellt hat. Hin und wieder kann ich auch rücksichtsvoll sein. Ich bin jetzt nur definitiv zu platt, um die Waschmaschine selbst anzuschmeißen. Ist aber eh besser, wenn die Klamotten heute noch etwas trocknen und ich morgen den getrockneten Schlamm erst mal etwas abklopfe, bevor ich die Sachen in die Waschmaschine stopfe. Ist ja nicht der einzige Satz Arbeitskleidung, den ich habe.
 

Sobald ich das Bad wieder verlasse, renne ich Mama fast über den Haufen. "Wow, du hast deine Sachen ja mal in den richtigen Korb gepackt", neckt sie mich und schmunzelt, als ich eine beleidigte Schnute ziehe. Aber gut, eigentlich kann ich ihr das echt nicht übel nehmen. Es hat immerhin eine ganze Weile gedauert, bis ich mich wirklich an den dritten Wäschekorb gewöhnt hatte. Erst seitdem ich beinahe eine von Mamas weißen Seidenblusen mit meinen Arbeitsklamotten ruiniert hätte, passe ich wesentlich besser auf, wo ich welche Klamotten rein werfe. Ich bin zwar ein Chaot, aber auch ich kann Rücksicht nehmen. Ich brauche halt nur so zwei bis drei Dutzend Arschtritte, bevor ich solche Dinge verinnerlicht habe. War bei mir schon immer so.
 

"Essen ist fertig", kommt Mama meinem Verteidigungsversuch zuvor und obwohl ich gerade noch hundemüde war, meldet sich mein Magen beim Wort ›Essen‹ natürlich prompt lautstark zu Wort. Aber nach dem heutigen Tag ist das ja wohl auch kein Wunder. "Okay. Und die Klamotten kannst du im Korb lassen. Die müssen erst noch etwas trocknen, damit ich vor dem Waschen den Schlamm raus klopfen kann. Ich war heute mit Onkel Holger und den anderen im Park, die Brunnenbepflanzung erneuern."
 

Mama nickt nur auf meine Erklärung. Sie kennt so was ja zur Genüge. Aber gut, sie ist ja auch schon lange genug mit Papa verheiratet. Und bevor der ins Büro gewechselt hat, um die Buchhaltung und alles von Oma zu übernehmen, hat er schließlich auch jahrelang mit Onkel Holger im Dreck gewühlt. "Ist gut." Mit einem sanften Lächeln streicht Mama mir über die Wange, ehe sie sich abwendet und vorausgeht in die Küche. Ich folge ihr eilig. Ich habe nämlich definitiv inzwischen einen Bärenhunger. Und nach dem Essen, nehme ich mir vor, werde ich erst noch kurz unter die Dusche hüpfen, ehe ich mich in mein Bett fallen lasse.
 

Gedacht, getan. Erst mal lasse ich es mir ordentlich schmecken, dann wünsche ich meinen Eltern eine gute Nacht, verschwinde ins Bad und spüle da erst mal auch noch das letzte bisschen Dreck und Schlamm von mir runter, bevor ich nur mit einem Handtuch um die Hüfte und einem über den Haaren in mein Zimmer hinüber tapse. Wie jedes Mal fällt mein Blick auch jetzt erst kurz auf das frisch gemachte Bett auf Jojos Seite, das fast ein bisschen so wirkt, als würde er auch gleich reinkommen, sich in seine Decke einrollen und ins Reich der Träume verschwinden. Aber natürlich tut er das nicht. Immerhin wohnt er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr hier. Und ich vermisse ihn immer noch. Aber er ist glücklich bei Adrian und seiner Familie und das ist schließlich das Wichtigste.
 

Nachdem ich mich komplett abgetrocknet habe, krame ich mir eine meiner Schlafshorts aus dem Schrank, wühle noch eben mein Handy aus der Tasche meiner Jeans und will gerade den Wecker stellen, als ich sehe, dass ich inzwischen noch ein paar neue Nachrichten bekommen habe. Die aktuellste, merke ich, ist von Jojo, was mich unwillkürlich schmunzeln lässt. Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass ich an ihn gedacht habe. Ja, dieses Zwillings-Ding gibt es wirklich. Und es funktioniert.
 

›Nacht, Nicki! Schlaf gut!‹, schreibt mein Bruder und ich strecke meinem Handy die Zunge heraus, ehe ich mich daran mache, eine Antwort zu tippen. ›Du auch, du olle Schnarchbratze!‹, bekommt Jojo von mir zurück. Die Haken werden direkt blau und ich kann fast schon fühlen, wie er darüber grinst. Und dafür – um meinen Bruder aufzuheitern – bin ich schließlich da.
 

Mit meinem Handy in der Hand lasse ich mich in mein Bett fallen und kämpfe mich unter die Decke. Da die Nachricht von Jojo nicht die einzige war, die ich bekommen habe, wechsele ich den Chat und ziehe fragend eine Braue hoch. Wieder eine Nachricht von Claudia. ›Die Premiere war ein voller Erfolg! Ohne Zweifel lag das nur an den heimlichen Stars: Den Palmen!‹, schreibt sie, begleitet von ein paar lachenden Smileys. ›Woran soll das auch sonst gelegen haben?‹, schreibe ich zurück und muss grinsen, als direkt die drei Punkte auftauchen, die anzeigen, dass sie an einer Antwort tippt.
 

Nur Sekunden später erscheint ein Bild auf meinem Display: Die Theaterbühne, eingerahmt von Palmen und ein paar kleinen Farnen Richtung Bühnenmitte. Dahinter, halb verdeckt von einer der Palmen, kann ich Cora erkennen und mein Grinsen wird noch etwas breiter. Es ist ja wohl sonnenklar, dass Claudia mit Absicht dieses Bild ausgewählt hat. Aber ich bin nicht böse darum. Cora macht den Eindruck, als wäre sie voll in ihrem Element. Und sie ist wirklich ziemlich hübsch, das kann ich nicht abstreiten.
 

›Ich sag's ja: Eindeutig der Verdienst der Palmen‹, schicke ich zurück und Claudia antwortet mit ein paar weiteren Lachsmileys. Ich habe allerdings inzwischen immer mehr Probleme, meine Augen offen zu halten, also wünsche ich ihr einfach nur eine gute Nacht, lege mein Handy auf den Nachttisch und rolle mich richtig in meine Decke ein. Und meine letzten Gedanken gelten meinem Date mit Cora übermorgen und der Frage, ob ich mich wohl auch für die Abholung der Palmen einteilen lassen kann, wenn das Theaterstück zu Ende ist und sie nicht mehr gebraucht werden.

Die drei Musketiere

"Nein, nein, nein! Ich hab die Schnauze voll, Nico! Mir reicht's endgültig mit dir und deinen blöden Freunden. Ich will dich nicht mehr sehen!" Svenja, meine aktuelle – oder offenbar vielmehr frischgebackene Ex- – Freundin ist vor Wut knallrot im Gesicht. Schnaubend stemmt sie die Hände in die Hüften und funkelt mich aus ihren blauen Augen geradezu giftig an. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so ganz, wo ihr Problem ist. Ist ja nun nicht so, als ob sie nicht schon seit gut zwei Wochen wüsste, dass der Plan für heute darin besteht, dass ich mich mit ihr und den anderen im Dante's Hell treffen wollte, um Dennis' Heimkehr nach vier Jahren Abwesenheit zu feiern. Und eigentlich war sie bis gestern auch noch voll und ganz dabei. Keine Ahnung, was genau jetzt plötzlich in sie gefahren ist.
 

Ich will sie eigentlich gerade danach fragen, aber dazu komme ich nicht mehr. "Verzieh dich doch zu deinen bescheuerten Freunden und deinem Scheißbruder und lass mich einfach in Ruhe!", keift Svenja weiter und genau das ist der Moment, der auch von meiner Seite aus das Ende, das sie scheinbar so unbedingt haben will, besiegelt. Ich kann es ja schon nicht ab, wenn jemand meine Freunde disst. Aber niemand, absolut niemand, beleidigt Jojo ungestraft. Das ist ein absolutes No Go bei mir. Und das weiß sie auch ganz genau.
 

"Okay", ist daher alles, was ich noch dazu sage. Dann stehe ich von der Couch in Svenjas Zimmer, wo ich bis gerade gesessen habe, auf und verlasse die Wohnung, ohne sie noch mal anzusehen. "Ja, hau ab und verpiss dich doch zu deinem heißgeliebten Jojo!", brüllt sie mir hinterher und ich ziehe kommentarlos die Wohnungstür hinter mir zu, schiebe mir die Stöpsel meines MP3-Players in die Ohren und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle, um statt jetzt schon zum Dante's Hell erst mal in Richtung heimatliche Gefilde zu fahren.
 

Dabei kann ich mir das Kopfschütteln nicht verkneifen. Wie bescheuert ist es bitteschön, dass Svenja offenbar eifersüchtig auf meinen Bruder ist? Das ist doch einfach nur hirnverbrannt. Aber gut, denke ich bei mir, während ich in den Bus klettere und mich auf den Heimweg mache, dann gehe ich heute Abend halt alleine mit den anderen Dennis' Rückkehr feiern. Svenja hat das Dante's Hell eh nie so wirklich gemocht. Wobei das, wenn ich so genau darüber nachdenke, wahrscheinlich weniger am Club selbst und vielmehr an Jojo und den anderen gelegen hat. Aber damit muss ich mich jetzt ja nicht länger rumschlagen.
 

Kurzzeitig wundere ich mich ein bisschen darüber, dass es mich fast gar nicht stört, dass ich jetzt ganz plötzlich wieder Single bin, aber das tue ich mit einem innerlichen Achselzucken ab. Shit happens. Und es gibt echt Schlimmeres. Ich meine, Svenja war ganz nett – dachte ich jedenfalls bis vorhin –, aber sie ist ja nun nicht die große und einzig wahre Liebe meines Lebens, ohne die ich einfach nicht weiterhin existieren kann. Die habe ich bisher schließlich noch gar nicht gefunden. Aber damit habe ich es auch nicht allzu eilig. Ich bin schließlich erst neunzehn, da muss ich mich nicht jetzt schon für die Ewigkeit binden.
 

Ein kurzer Blick auf die Uhr an meinem Handy macht mir klar, dass es definitiv zu spät ist, um jetzt noch bei Dennis vorbeizufahren und den anderen beim Einräumen zu helfen. Das ist garantiert schon längst alles über die Bühne gegangen. Aber Jojo und Lu haben ja Charlie mitgenommen als Aushilfe, weil Svenja unbedingt wollte, dass ich heute zu ihr komme. Wenn ich vorher geahnt hätte, was da auf mich wartet, hätte ich das Ganze deutlich abgekürzt und wäre doch noch bei Dennis aufgekreuzt. Aber gut, ich kann ja nicht hellsehen.
 

Jedenfalls haben die Vier sicher Dennis' Kram auch alleine in seinen Schuhkarton verfrachtet bekommen. So wahnsinnig viel wird das ja nicht gewesen sein. Aus diesem Grund steige ich nicht an der Uni aus, sondern fahre mit dem Bus weiter bis zur Haltestelle Pestalozzistraße, die bei uns zu Hause in der Nähe liegt. Dort klettere ich aus dem Bus, schlendere gemütlich die Straße entlang und biege dann keine zehn Minuten später in unsere Einfahrt ein. Papas Wagen steht schon auf seinem üblichen Platz und das bringt mich zum Schmunzeln. Soweit ich weiß, wollte er Mama heute überraschen und sie nachher mal so richtig schick zum Essen ausführen. Er wird also wahrscheinlich nicht damit rechnen, dass ich heute noch mal hier auftauche. Vor morgen Mittag erwartet er mich garantiert nicht, aber ich werde den beiden den Abend schon nicht vermasseln. Notfalls penne ich nachher halt einfach bei Jojo. Dann ist der auch nicht schon wieder die ganze Nacht alleine. Doch, das klingt wie ein guter Plan.
 

Bestens gelaunt schließe ich die Tür auf und habe noch keine drei Schritte in den Flur hinein gemacht, als Papa mir auch schon förmlich aus dem Schlafzimmer entgegen geschossen kommt. Er blinzelt mehrmals, als er merkt, dass ich nicht Mama bin, und ich muss unwillkürlich grinsen. Er hat sich ganz schön in Schale geschmissen, das lässt sich nicht leugnen. Anzug, Hemd, Weste, Krawatte, Sakko, alles in einem hellen Grau – er hat wirklich schwere Geschütze aufgefahren, wenn man es denn so nennen will. Aber es steht ihm, das kann ich nicht abstreiten. Trotz der ersten paar grauen Haare, die sich so langsam an seinen Schläfen zeigen – alle angeblich meine Schuld, wie er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit behauptet; ich halte das für vollkommen gelogen –, sieht Papa immer noch ziemlich fit und gut aus. Glück für mich, würde ich sagen. Immerhin komme ich ja doch sehr deutlich nach dem ritterschen Teil der Familie. Wenn ich mit Mitte Vierzig auch noch so gut aussehe, dann bin ich definitiv zufrieden.
 

"Keine Sorge, ich bleib nicht hier", beruhige ich Papa erst mal und der sieht mich skeptisch an, wohl weil ich immer noch nicht aufhören kann zu grinsen. "Ich zieh mich bloß eben um, dann bin ich auch schon wieder weg. Ich komm dann morgen irgendwann wieder." Dass ich die Nacht aller Wahrscheinlichkeit nach bei Jojo verbringen werde, erwähne ich absichtlich nicht. Immerhin ist Papa voll im Date-Modus, da will ich ihn nicht mit Sorgen um Jojo wieder rausholen. Er hat sich die Auszeit wirklich redlich verdient, genau wie Mama.
 

"Wolltest du nicht eigentlich bei Svenja sein?" Irgendwie finde ich es faszinierend, dass Papa es tatsächlich schafft, meine nicht gerade wenigen Freundinnen alle beim Namen zu kennen, auch wenn er vielleicht nicht jede Einzelne von ihnen persönlich kennengelernt hat. Aber ihre Namen weiß er trotzdem alle. "Wollte ich, ja, aber sie hat gerade mit mir Schluss gemacht", erkläre ich mein Hiersein mit einem Achselzucken und Papa zieht fragend eine Braue hoch. "Das scheint dich ja nicht sonderlich zu stören", stellt er fest und ich kann ihm da nur zustimmen.
 

"Nicht wirklich", antworte ich also ehrlich und Papa wirkt für einen Moment überrascht, fängt sich aber schnell wieder. "Na, wenn du meinst", sagt er, rückt noch mal seine Krawatte und die Weste zurecht und schnappt sich dann sein Sakko. "Ich fahre jetzt los, deine Mutter abholen. Mach dir einen schönen Abend und grüß deinen Bruder, ja?", bittet er, während er in das Sakko schlüpft, und ich nicke. "Klar doch", verspreche ich und halte ihm die Tür auf, weil ich ja sowieso immer noch fast daneben stehe.
 

"Macht ihr euch auch einen schönen Abend, Mama und du", erwidere ich dann und Papa schüttelt schmunzelnd den Kopf aufgrund des eindeutig zweideutigen Gewackels meiner Augenbrauen. "Quatschkopf", tituliert er mich amüsiert und wuschelt mir im Vorbeigehen noch mal durch die Haare. Dann fällt die Tür hinter ihm ins Schloss und ich bin alleine zu Hause.
 

Selbst auch in bester Stimmung mache ich mich schon wieder grinsend auf den Weg in mein Zimmer, um schon mal nachzuschauen, was ich heute Abend so anziehen werde. Ich habe bisher nur ein paar ungefähre Ideen im Kopf, aber noch nichts Konkretes. Also, beschließe ich, werde ich besser erst noch mal kurz unter die Dusche hopsen. Vielleicht kommt mir dabei ja ein Geistesblitz. Beim Duschen hab ich oft die besten Ideen.
 

Gedacht, getan. Ich schnappe mir ein paar Handtücher, verschwinde damit ins Bad und gönne mir dort erst mal eine ausgiebige Dusche. Als ich danach in mein Zimmer zurückkomme, fällt mein Blick auf mein Handy, das gerade auf meinem Schreibtisch, wo ich es vor dem Duschen deponiert habe, wild vor sich hin vibriert. Dabei rutscht es immer weiter in Richtung Schreibtischkante und ich mache zwei lange Schritte, um es rechtzeitig aufzufangen, bevor es Suizid auf dem Teppich begehen kann. Ein Blick auf das Display zeigt mir, dass die Nachrichten, die hier gerade eintrudeln, sich in dem Chat mit Jojo und Lu befinden. Lu, der kleine Scherzkeks, hat ihm kurz nach der Erstellung den Titel ›Die drei Musketiere‹ gegeben, und wie immer entlockt mir das Lesen dieser Chatüberschrift auch jetzt ein breites Grinsen.
 

›Partnerlook heute Abend?‹, lautet die erste Frage von Lu, die ich zu lesen bekomme, und ich muss lachen. Damit hat sich die Frage, was ich gleich anziehe, definitiv geklärt. ›Klar, ich bin dabei!‹, erkläre ich mich sofort einverstanden, scrolle noch mal etwas nach oben und überfliege die Unterhaltung, die Jojo und Lu vor meinem Einstieg geführt haben. Wie nicht anders erwartet ist Jojo natürlich auch mit von der Partie und mein Grinsen wird sehr, sehr breit und zufrieden. Der Abend verspricht jetzt schon, verdammt spaßig zu werden.
 

In noch besserer Stimmung als ohnehin schon trete ich zu meinem Kleiderschrank und ziehe das Outfit, das Lu für später vorgeschlagen hat, aus dem obersten Fach, wo es immer brav auf solche Gelegenheiten wie heute wartet. Als erstes schlüpfe ich in den Rolli, der gleich darauf in die Bondagehose gestopft wird, die – zumindest laut Lu – absolut unerlässlich für dieses Ensemble ist. Dann schnappe ich mir erst mal meine Docs und schnüre die, bevor ich mir auch noch die Armstulpen überziehe. Sobald ich damit fertig bin, verschwinde ich kurz in das Schlafzimmer meiner Eltern, um mich dort in dem großen Spiegel einmal kritisch zu mustern. Doch, sieht eindeutig gut aus. Lu hat manchmal wirklich absolut fantastische Ideen. Fehlt eigentlich nur noch eine Sache.
 

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wandere ich zurück in mein Zimmer und schnappe mir meine Kette, die ich vorhin vor dem Duschen abgenommen habe. Das Lederband ist schnell umgehängt und ich rücke noch eben den Yggdrasil-Anhänger, den Jojo mir zu unserem letzten Geburtstag geschenkt hat, zurecht. Dann kralle ich mir mein Handy und mein Portemonnaie und mache mich auf den Weg zum Dante's Hell. Die anderen werden vermutlich schon längst da sein, bis ich eintrudele, aber das ist ja nicht so schlimm.
 

Knapp zwanzig Minuten später spuckt mich der Bus an der Haltestelle in der Nähe der alten Kirche, aus der der Club entstanden ist, wieder aus. Ich schließe mich dem restlichen Schwarzvolk, das für den heutigen Abend das gleiche Ziel hat wie ich, an, und bin gute zehn Minuten danach auch endlich an den Türstehern vorbei und im Inneren des Clubs. Es ist inzwischen ganz schön voll hier, aber das stört mich nicht weiter. Ich kann mir schließlich ganz genau denken, wo ich meine Leute gleich finden werde.
 

Der Slalom durch die ganzen Feiernden kostet mich noch mal fast fünf Minuten und auf der Zielgeraden rennt mich um ein Haar auch noch ein Mädel um, aber ich kann den Zusammenstoß und auch die kalte Dusche, die ihr Drink mir beinahe verpasst hätte, durch einen eher uneleganten Ausfallschritt gerade noch verhindern. Ich werfe ihr ein entschuldigendes Lächeln zu, das sie mit gleicher Münze erwidert, und nehme dann die zwei Stufen zu der Empore, wo der Rest der Bande bereits zwei Tische für uns alle organisiert hat, auf einmal.
 

"Hey zusammen!", begrüße ich die anderen in bester Stimmung, aber ehe ich dazu komme, mich auf einen der freien Plätze fallen zu lassen, haut Claudia mir gleich die Frage um die Ohren, die ja unweigerlich kommen musste. "Wo hast du denn Svenja gelassen?", will sie wissen, aber ich winke einfach nur mit einem Grinsen ab. "Zu Hause. Sie hat vorhin mit mir Schluss gemacht und hatte keine Lust, den Abend mit ihrem blöden Ex und dessen bescheuerten Freunden zu verbringen", erkläre ich und Charlie sieht mich fragend an. Sie sagt jedoch nichts dazu.
 

Devlin hingegen ist weniger zurückhaltend. "Ganz schönen Verschleiß hast du", schnaubt er abfällig, aber daran störe ich mich kein bisschen. "Du warst früher schlimmer", erinnere ich ihn nur, stütze mich auf der Tischplatte ab und lasse meinen Blick zwischen Charlie und Claudia hin und her wandern. Beide Mädels scheinen zu ahnen, dass ich mal wieder drauf und dran bin, irgendwelchen Stuss von mir zu geben, aber das hält mich nicht davon ab, das, was mir durch den Kopf geht, trotzdem laut auszusprechen. Ich wäre schließlich auch nicht ich, wenn ich plötzlich anfangen würde, mich zu benehmen und meine schwachsinnigen Ideen für mich zu behalten.
 

"Na, jedenfalls bin ich jetzt wieder zu haben. Wenn also Interesse besteht …", biete ich mich den beiden daher in dem Wissen an, dass keine von ihnen wirklich Interesse an meinem Angebot hat. Aber darum geht es auch gar nicht. Ich schenke beiden trotzdem mein bestes Zahnpasta-Werbe-Grinsen und paare das mit einem zweideutigen Wackeln meiner Augenbrauen, was Charlie prompt auch zum Grinsen bringt. Und genau das wollte ich erreichen. Erfolgreich von sämtlichen Nachfragen nach Svenja abgelenkt, würde ich mal behaupten. Ich will definitiv nicht erklären müssen, dass sie tatsächlich aus Eifersucht auf Jojo Schluss gemacht hat. Das ist einfach zu bescheuert.
 

Bevor eins der Mädels mir antworten kann, mischt Dennis sich in unser Gespräch ein. "Hast du jetzt auch noch das Ufer gewechselt, Nico?", erkundigt er sich bei mir und der gesamte Tisch blickt ihn daraufhin reichlich belämmert an. "Hä?", kann ich mir nicht verkneifen, mein eigenes Unverständnis kundzutun. Ehe ich allerdings noch mehr fragen kann, steht Claudia grinsend auf, zieht Charlie von ihrem Platz und dreht sie dann vollends zu Dennis um. Dann packt sie Charlies Shirt und zerrt es straff nach hinten, so dass man ihre sonst unter dem lockeren Shirt wirklich nicht sehr sichtbare Oberweite jetzt definitiv nicht mehr übersehen kann.
 

Dennis sieht von der Erkenntnis, dass Charlie ebenso weiblich ist wie Claudia, reichlich überfahren aus. "Die Bohnenstange ist ein Mädchen?!", rutscht es ihm raus und bei dieser Frage kann ich nicht anders: Ich fange lauthals an zu lachen. Claudia geht es nicht besser als mir. Sie hält sich giggelnd an Charlie fest, während ich mich doch mal endlich an dem eindeutig schadenfroh lachenden Devlin vorbei zu einem der freien Plätze durch schiebe. Ich schnappe mir einen freien Stuhl und mache es mir zwischen Devlin und Dennis bequem. Und sobald ich sitze, klopfe ich Dennis gönnerhaft auf die Schulter, aber das Kichern kann ich einfach nicht unterdrücken. Damit bin ich allerdings nicht alleine. Mit Ausnahme von Dennis, der immer noch aussieht wie vom Blitz getroffen, und Charlie, die ihn ziemlich angepisst ansieht, amüsieren wir uns gerade alle königlich. Aber das kann uns ja wohl auch niemand verdenken. Dennis' dummes Gesicht ist aber auch zum Schießen!
 

Sobald Claudia sich wieder auf ihren Platz hat fallen lassen, nickt Charlie Dennis zu, aber das Nicken und auch ihr Blick sind alles andere als freundlich. "Ja, die Bohnenstange ist ein Mädchen. Und wenn du die Bohnenstange noch ein einziges Mal Bohnenstange nennst, dann sieht die Bohnenstange sich gezwungen, dir ein paar Knochen zu brechen", stellt sie in einem sehr süßlichen Tonfall klar und irgendwie tut Dennis mir fast ein bisschen leid. Sie ist offenbar echt sauer. Eindeutig schlecht für ihn. Mit Charlie würde ich mich jedenfalls nicht freiwillig anlegen. Ich bin schließlich nicht lebensmüde.
 

"Oh Mann, da hab ich mich ja schön blamiert." Dennis schüttelt mit einem eine Spur selbstironischen Lachen den Kopf und ich kann einfach nicht aufhören zu grinsen. Dass ausgerechnet Dennis, der noch ein größerer Womanizer ist als ich es jemals sein könnte, tatsächlich so absolut nicht geblickt hat, dass Charlie kein Kerl, sondern ein Mädchen ist, erheitert mich über alle Maßen. Das ist aber auch einfach zu komisch. "Hast du das echt nicht gemerkt?", erkundige ich mich daher, ohne den hämischen Unterton so ganz aus meiner Stimme halten zu können.
 

Allerdings muss Lu mir meinen Triumph natürlich direkt kaputtmachen. "Hast du doch auch nicht", grätscht er mit einem breiten Grinsen in mein Gespräch mit Dennis. "Den Blick für Mädels hat hier aus unserer Runde ja wohl nur einer: Ich", schiebt er noch hinterher und ich werfe ihm einen strafenden Blick zu, aber der reizt ihn nur zum Lachen. "Klappe, Zwerg", grummele ich ihn an, aber Lu ignoriert das vollkommen. Er rutscht einfach nur auf Jojos freien Platz direkt neben Dennis, nachdem Jojo sich in Richtung Klo verdünnisiert hat, und hängt sich etwas weiter um den Tisch, um mich besser ansehen zu können.
 

"Was denn?", fragt er dann, ohne auf mein Schmollen einzugehen. "Ist doch wahr. Ich hab sofort gemerkt, dass Charlie ein Mädchen ist, als sie in meine Klasse gekommen ist. Jojo hat's auch erst bei der dritten Begegnung gerallt. Und du hast es erst gecheckt, als er's dir erklärt hat", erinnert er mich und ich denke kurzzeitig darüber nach, Lu so lange in den Schwitzkasten zu nehmen, bis er ohnmächtig wird und mich nicht mehr mit so peinlichen Wahrheiten in Verlegenheit bringen kann. Allerdings wäre das doch etwas arg übertrieben, also sehe ich davon ab und lache stattdessen leise über mich selbst. Lu hat ja nicht Unrecht. Ich habe Charlie bei den ersten zwei, drei Begegnungen immerhin wirklich auch für einen Kerl gehalten und habe sicher nicht weniger blöd aus der Wäsche geschaut als Dennis gerade eben, nachdem Jojo mich aufgeklärt hat, wie unglaublich auf dem Holzweg ich da war.
 

"Stimmt. Na, man kann auch nicht immer alles sofort sehen", gestehe ich daher mit einem Achselzucken und hake das Thema damit dann auch ab. Stattdessen werfe ich einen kurzen Blick zum anderen Ende des Tisches, wo Charlie und Claudia die Köpfe zusammenstecken und miteinander kichern. Ich kann mir ziemlich gut denken, worüber die beiden gerade tuscheln. Und wenn ich ehrlich bin, dann wüsste ich zu gerne, was Charlie eben gesagt hat, um Claudia so heftig zum Lachen zu bringen. Aber gut, danach kann ich sie ja später noch fragen.
 

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich wissen will, worüber die Mädels sich da gerade so amüsieren", adressiere ich an Dennis und beobachte ihn grinsend aus dem Augenwinkel, ohne Charlie und Claudia komplett aus den Augen zu lassen. "Ja, echt ein absolutes Mysterium, was die gerade wohl so lustig finden", schießt Dennis zurück, kann das Grinsen selbst aber auch nicht so ganz verhindern. Na, immerhin nimmt er seinen Fehltritt von eben mit Humor. Aber er war ja noch nie ein Spielverderber. Und das Eigentor, das er da vorhin geschossen hat, wird ihn garantiert noch eine ganze Weile verfolgen. Dafür wird Lu mit Sicherheit schon sorgen. Und ich werde nicht besser sein, das weiß ich jetzt schon. Die Vorlage ist aber auch zu gut, um sie nicht zu nutzen, um ihn immer wieder damit aufzuziehen.
 

Ehe wir ein anderes Thema finden, über das wir uns unterhalten können, spielt der DJ einen der Songs, die Lu besonders liebt. Prompt springt er auf und bedenkt den inzwischen wieder zurückgekehrten Jojo und mich mit einem Blick, der irgendwo zwischen Betteln und Aufforderung schwankt. "Wer kommt mit?", drängelt er, aber ehe ich etwas tun kann, ist Jojo auch schon mit einem nachsichtigen Lächeln aufgestanden und lässt sich von Lu auf die Tanzfläche zerren, was mir gleich wieder ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Nur gut, dass Adrian jetzt gerade nicht hier ist. Sonst wäre Lu entweder alleine auf der Tanzfläche oder er hätte mich mitgeschleift. Nicht, dass mich das stört.
 

"Das sieht echt ganz schön pervers aus", kommentiert Dennis die Art, wie Lu sein Bein zwischen Jojos Beine schiebt und sich beim Tanzen an der Hüfte meines Bruders festhält, und ich muss unwillkürlich lachen. Ich kenne den Anblick ja schon – bei Lu und mir sieht das oft genug nicht viel anders aus –, aber Dennis, erinnere ich mich, sieht das heute zum ersten Mal. Kein Wunder, dass ihn das ein bisschen schockiert. Immerhin kennt er Jojo so ja ganz und gar nicht. Und ich glaube auch nicht, dass er schon mal gesehen hat, wie Lu drauf ist, wenn der so richtig aufdreht.
 

"Dabei ist das noch harmlos", lasse ich Dennis süffisant wissen und der schaut mich kurz an wie ein verschrecktes Reh, ehe sein Blick wieder zurück zur Tanzfläche wandert. Ich tue es ihm gleich und kriege das Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht. Diary Of Dreams sind eh fies, aber ›The Curse‹ legt dem Ganzen noch eine Schippe drauf. Absolut verständlich also, dass dem armen Dennis fast die Augen aus dem Kopf fallen. Immerhin ist Jojo sonst eigentlich ja eher ruhig, aber wenn er sich auf der Tanzfläche austobt, ist davon nicht mehr viel zu sehen. Und Lu bringt Jojo beim Tanzen dazu, noch mal ein ganzes Stück mehr aus sich rauszugehen.
 

"Hat schon nen Grund, warum Adrian Lu normalerweise nicht in Jojos Nähe lässt beim Feiern", murmele ich und Dennis reißt mit einiger Mühe seinen Blick von Jojo und Lu los, um mich wieder anzusehen. "Ach ja?", hakt er nach und mein Grinsen wird noch eine Spur breiter. "Klar", bestätige ich ihm und gönne mir erst mal einen Schluck von der Whiskey Cola, die irgendein engelsgleiches Wesen schon vor meinem Auftauchen für mich mitgebracht hat, ehe ich weiterspreche. "Er ist tierisch eifersüchtig und kann's gar nicht leiden, wenn irgendwer an Jojo rumtatscht – und sei's auch bloß Lu beim Tanzen." Auch wenn er sich bei Lu nun wirklich keine Sorgen machen muss. Lu tanzt einfach nur gerne, aber er ist dabei eben nicht gerne alleine. Außerdem ist er unser Cousin. Der will ganz sicher nichts von Jojo – ganz im Gegensatz zu einigen der anderen Feierenden hier. Mein Bruder hat schon fast seinen eigenen Fanclub. Beinahe wie früher in der Schule.
 

Mit einem verschwörerischen Grinsen lehne ich mich etwas näher zu Dennis. Devlin, der auf der anderen Seite neben mir sitzt, muss schließlich auch nicht alles mithören. "Aber mit Lu zu tanzen hat durchaus auch Vorteile", teile ich Dennis mit, zwinkere ihm verschwörerisch zu und mache ihn dann mit einem Nicken in Richtung der Tanzfläche auf die ganzen Beobachter aufmerksam, die Lu und Jojo haben. "Siehst du die Mädels da an der Seite? Die gehen total darauf ab, wenn sie zwei heiße Jungs miteinander tanzen sehen. Du hast ja keine Ahnung, wie sehr das die Chancen steigern kann." Was ich eindeutig aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
 

"Heißt das, du tanzt auch mit Lukas?" Dennis starrt mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank oder als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen. Darauf gehe ich allerdings nicht weiter ein, sondern nicke nur erneut. "Klar doch", gebe ich ohne Umschweife zu. "Warum auch nicht? Lu ist ein ziemlich guter Tänzer. Und wenn du, nachdem du mit ihm auf der Tanzfläche warst, zur Bar gehst, ist es total easy, mit irgendwelchen Mädels ins Gespräch zu kommen." Dennis' vollkommen schockierter Blick auf meine Eröffnung bringt mich zum Giggeln, aber ich bemühe mich, meine Heiterkeit schnell wieder unter Kontrolle zu bringen.
 

"Probier's ruhig mal aus, wenn du mir nicht glaubst. Das lohnt sich echt. Und Lu ist für jeden Scheiß zu haben, der macht auf jeden Fall mit." So gut kenne ich meinen Cousin schließlich. Lu ist bei jedem Mist dabei, solange der verspricht, ihm Spaß zu machen. Außerdem liebt er es zu tanzen. Es wäre ganz sicher nicht schwer, ihn dazu zu überreden, das auch mal mit Dennis zu tun. Gut, der braucht eigentlich auf dem Gebiet ›Mädels‹ nicht wirklich Hilfe, aber who cares?
 

Dennis schüttelt auf meinen Vorschlag hin nur ungläubig den Kopf. "Ich brauch nen Drink", murmelt er, steht auf und ich tue es ihm gleich. Wir fragen noch kurz nach den Getränkewünschen der anderen, dann machen wir uns auf den Weg in Richtung Bar. Wenn Dennis allerdings glaubt, dass ich dadurch unser Thema von eben vergesse, kennt er mich aber schlecht. "Ich mein das ernst. Ja, gut, beim ersten Mal war das schon irgendwie ein bisschen seltsam, aber das gibt sich schnell wieder. Immerhin ist das bloß Lu. Da ist also echt nix dabei." Ich weiß gar nicht so genau, wieso ich Dennis die Idee eigentlich so schmackhaft zu machen versuche. Er sieht jedenfalls nicht sehr überzeugt aus, aber der Abend ist ja noch jung.
 

"Und die Mädels, die das beobachten, wissen ja nicht, dass Lu unser Cousin ist, von daher …" Da wir schon fast an der Bar sind und ich gut darauf verzichten kann, dass jeder mitbekommt, worüber Dennis und ich gerade reden, hänge ich mich von hinten an ihn und flüstere ihm die Worte fast ins Ohr. Ich bekomme jedoch keine Antwort darauf, aber das stört mich nicht. Die Idee ist jedenfalls in Dennis' Kopf gepflanzt. Und auch wenn er nichts mehr dazu sagt, ich weiß, dass er trotzdem darüber nachdenken wird. So gut kenne ich ihn inzwischen doch.
 

Scheinbar sind wir nicht die Einzigen, die Getränkenachschub brauchen, denn an der Bar herrscht ein ganz schönes Gedränge. Und wie ich beinahe erwartet habe, huschen Dennis' Augen während des Wartens irgendwann wieder zur Tanzfläche, auch wenn er sich große Mühe gibt, das zu verhindern. Ich folge seinem Blick und schmunzele, denn Lu ist mittlerweile alleine. Scheinbar brauchte Jojo eine Pause, aber Lu hat eine geradezu unmenschliche Ausdauer beim Tanzen.
 

Im Moment steht er mitten auf der Tanzfläche, hat die Augen geschlossen und den Kopf schief gelegt, während er auf den nächsten Song wartet. Und als ›Comatose Delusion‹ anfängt, bricht sich ein zufrieden-provozierendes Grinsen auf seinen Lippen Bahn. Wie sonst auch ist er binnen Sekunden voll in die Musik abgetaucht und ich wette, mein eigenes Grinsen würde aktuell nicht durch einen Türrahmen passen, so breit, wie es ist. So langsam tun mir schon die Mundwinkel weh.
 

"Ist er nicht heiß?", kommt es von schräg hinter uns und ich werfe einen kurzen Blick in Richtung der Sprecherin. "Ja, und wie!", seufzt das Mädchen, das neben ihr steht, und mir kommt beim Anblick der beiden ein sehr, sehr schmutziger Gedanke. Die Zwei sind aber auch verdammt heiß, um mal ihre eigenen Worte auf sie umzumünzen. "Was hab ich dir gesagt?", wende ich mich an Dennis und stoße ihn mit dem Ellbogen an. Dabei wird mein Grinsen, sofern das möglich ist, sogar noch ein bisschen breiter. "Entschuldige mich, ja? Ich muss meine Chancen mal eben noch etwas aufbessern."
 

Damit lasse ich Dennis an der Bar stehen, schiebe mich durch die Feiernden auf die Tanzfläche und platziere mich hinter Lu, der davon wie üblich noch nichts mitbekommen hat. Er zuckt kurz zusammen, als ich ihm meinen linken Arm um den Bauch lege, aber nachdem er mich erkannt hat und meinem Blick zur Bar gefolgt ist, grinst er mich an, hält sich mit seiner linken Hand in meinem Nacken fest und verschränkt die Finger seiner rechten Hand mit denen meiner linken. Dabei lässt er sich komplett gegen mich sinken, so dass ich ihn praktisch aufrecht halten muss. Trotzdem gibt Lu den Takt vor und ich passe mich ihm einfach nur an. Dabei schaue ich unter halb gesenkten Lidern immer wieder Richtung Bar und bemerke zufrieden, dass die beiden Mädchen von eben, ebenso wie Dennis, jede unserer Bewegungen mit ihren Augen verfolgen. Die Begeisterung der Mädels über die Show, die wir hier bieten, ist fast schon greifbar. Das läuft ja perfekt!
 

Sobald der Song zu Ende ist, lege ich meine Hände auf Lus Hüfte und dirigiere ihn so zurück zur Bar. "Ihr seid bekloppt", werden wir von Dennis in Empfang genommen, aber das ist uns beiden herzlich egal. Ich zwinkere Dennis nur noch mal kurz zu zum Zeichen, dass alles genau so gelaufen ist wie geplant, ehe ich mich von Lu löse und mich erst mal den beiden Mädels vorstelle. Ich kann Lu lachen hören, aber ein kurzer Seitenblick in seine Richtung zeigt mir mehr als deutlich, dass er absolut nicht beleidigt darüber ist, dass ich ihn – wieder mal, das muss ich zugeben – als Baggerhilfe benutzt habe. Ich sage ja, Lu ist für jeden Scheiß zu haben.
 

Nett, wie mein Cousin manchmal sein kann, klemmt er sich Dennis praktisch unter den Arm und kümmert sich gemeinsam mit ihm darum, die Getränke für unseren Tisch zu organisieren. Ich selbst könnte zwar auch noch einen Drink vertragen, aber das kann im Moment auch noch warten. Immerhin habe ich hier gerade eine Gelegenheit, die sich für mich so bisher noch nie ergeben hat. Sowohl Celine als auch Jana – die Namen herauszufinden hat keine Minute gedauert; fast schon ein neuer Rekord – sehen nämlich beide nicht so aus, als wären sie der Idee abgeneigt, die heutige Nacht gemeinsam ausklingen zu lassen. Und ich meine damit auch wirklich gemeinsam. Wer bin ich schon, dass ich eine solche Chance ungenutzt verstreichen lasse?
 

Was ich anfangs nur vermutet habe, bewahrheitet sich innerhalb der nächsten zehn Minuten des Gesprächs. Celine und Jana wechseln einen sprechenden Blick und als sie mich danach wieder ansehen, ist eigentlich schon sonnenklar, was jetzt kommt. "Wollen wir abhauen?", schlägt Jana vor und ich kann mir ein zufriedenes Grinsen beim besten Willen nicht verkneifen. "Gerne", erkläre ich mich einverstanden, folge den beiden nach draußen und finde mich keine fünf Minuten später auch schon in Celines Wagen wieder. Sie setzt sich direkt auf dem Fahrersitz und beschäftigt sich damit, sich anzuschnallen. Jana schiebt mich währenddessen auf die Rückbank, aber anstatt neben mich zu rutschen, hockt sie sich rittlings auf meinen Schoß. "Ich helf dir beim Anschnallen", raunt sie mir zu, aber es ist mehr als offensichtlich, dass das nicht der Hauptgrund für die Position ist, die sie gewählt hat. Allerdings bin ich keineswegs böse deswegen. Warum sollte ich auch? Das wäre ja schwachsinnig.
 

Nur zu gerne lasse ich Jana also gewähren, aber auch als sie den Anschnallgurt geschlossen hat, bleibt sie, wo sie ist. Ihr Rock ist durch ihre Sitzposition ein ganzes Stück hochgerutscht und gibt den Blick auf ein Stück schwarze Spitze frei. Die Aussicht gefällt mir ausnehmend gut und bleibt – verständlicherweise, wie ich finde – auch nicht ohne Wirkung auf mich. Als ihr das auffällt, stiehlt sich ein ausnehmend zufriedenes Grinsen auf ihre Lippen und im nächsten Moment presst sie diese auch schon auf meine. Ich steige voller Enthusiasmus darauf ein und grinse in den Kuss hinein, als vom Fahrersitz ein halb begeistertes, halb frustriertes Seufzen kommt. "Verdammt, das sieht heiß aus!", kommentiert Celine und auch wenn ich nicht wirklich sehen kann, welchen Anblick Jana und ich zusammen bieten, kann ich es mir doch denken und ihr daher innerlich nur zustimmen.
 

Zum Glück für uns alle dauert die Fahrt nicht allzu lange. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir unterwegs waren und wo ich genau bin, aber ehrlich gesagt ist mir das im Moment auch reichlich egal. So langsam wird die Situation in meiner Hose nämlich echt unangenehm und daher bin ich froh, als der Wagen hält und Jana sich nach einem letzten Kuss von meinem Schoß schiebt, um auszusteigen. Ich tue es ihr gleich und habe die Wagentür kaum hinter mir zugeschlagen, da finde ich mich auch schon gegen das Metall gepresst wieder. Dieses Mal ist es allerdings Celine, die sich an mich drückt und mich im Nacken packt, um mich für einen Kuss zu ihr zu ziehen. Ich gehe nur zu gerne darauf ein und sie keucht zufrieden auf, als ich meine Hände dreist auf ihrem Hintern parke.
 

"Lasst uns reingehen. Ich will euch beide endlich nackt sehen", unterbricht Jana den Moment und Celine gibt mich etwas widerwillig wieder frei. Der Widerwille löst sich jedoch binnen Sekunden in Nichts auf, als Jana in Celines lange dunkle Haare greift und sie nun ihrerseits in einen Kuss verwickelt, während ich Celine weiterhin festhalte. Der Anblick ist verdammt scharf, das kann ich nicht leugnen. "Shit", ist der einzige verbale Kommentar, zu dem ich noch fähig bin, und Jana lacht leise.
 

"Ich glaube, wir Drei werden heute Nacht sehr viel Spaß miteinander haben", prophezeit sie und ich kann mich dieser Vorhersage nur anschließen. Bestens gelaunt lasse ich mich also von Jana und Celine in ihre Wohnung und dort in ihr Schlafzimmer ziehen. Und einer meiner letzten bewussten Gedanken, nachdem auch die letzten Kleidungsstücke gefallen sind und wir uns zu dritt im Bett der beiden wiederfinden, ist, dass ich meinem Vater eindeutig nicht zu viel versprochen habe. Auch wenn ich heute nicht wie geplant bei Jojo übernachte, ich werde Mama und ihm die Nacht definitiv nicht damit versauen, dass ich zu früh nach Hause komme und ihnen auf den Wecker falle.
 

Das hier, sinniere ich bei mir, wird eine laaaaaange Nacht für mich. Aber, beschließe ich, als Jana sich hinter Celine kniet und sie so zu streicheln beginnt, dass ich alles wunderbar sehen kann, für das, was mir hier geboten wird, verzichte ich nur zu gerne auf ein paar Stunden Schlaf. Wer braucht schon Schlaf, wenn er stattdessen das hier haben kann? Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin.


Nachwort zu diesem Kapitel:
So, fürs Erste war's das auch schon. Ich werde versuchen, mich mit dem zweiten Teil hiervon zu beeilen, damit ihr nicht allzu lange warten müsst. Versprechen kann ich allerdings nichts.

Man liest sich!

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Nachwort zu diesem Kapitel:
So, das war's fürs Erste auch schon wieder. Man liest sich!

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Nachwort zu diesem Kapitel:
Das war's fürs Erste wieder. Freue mich immer über Feedback, aber das wisst ihr ja.
;)

Man liest sich!

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Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich mag Jana und Celine.
^____^
Nico kann manchmal schon ein Glückspilz sein.
;D

Würde mich freuen zu hören, was ihr so davon haltet.
:)

Man liest sich!

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Kommentare zu dieser Fanfic (7)

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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Aschra
2025-12-28T21:51:51+00:00 28.12.2025 22:51
Hallo Süße,

Ich liebe es, ich liebe Nico und Claudia, das lässt mich gerade voll in Erinnerungen schwelgen an durchtelefonierte Nächte und viele viele GB Einträge. Ich liebe das TOC Universum einfach
Antwort von: Karma
28.12.2025 22:57
Damit bist du nicht alleine, Liebes. Ich bin SO froh, dass die Jungs und Mädels im Moment mal wieder so gesprächig sind. Ich hab sie ganz tierisch vermisst.
♥~
Von: abgemeldet
2013-02-27T20:34:26+00:00 27.02.2013 21:34
Viele Meter von Schnürrsenkeln??? Erinnert mich an die 30loch mit etwas über sieben Metern.... Es ist schön wieder etwas aus der toc-reihe zu lesen. Weiter so liebes
Von:  Yumika
2013-02-26T23:31:12+00:00 27.02.2013 00:31
Yuhei! Habs noch vor dem Schlafen gehen lesen können.
Ist ein bisschen komisch nach so langer Zeit wieder was von den Lieben zu lesen, aber viel geändert hat sich nicht.
Ich bin immer noch totaler Jojo-Fan. Somit fand ich dieses Kapitel sowieso schon gut.
Und ich mag Geschwistergeschichten. Wurde ebenfalls hier erfüllt. Und die beiden sind so tolle Geschwister. Ich finds lustig wie beharrlich Nico darauf besteht der Ältere zu sein, obwohl das bei Zwillingen denk ich wirklich nicht viel ausmacht. Aber nunja ^^
Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht, vor allem natürlich wie das nächste Treffen von Nico und Claudia sein wird.
Naja und ein bisschen, wann es denn weitergeht.

War schön mal wieder was Neues von dir zu lesen ^^
Nacht, Yumika
Von:  Aschra
2011-02-23T20:12:18+00:00 23.02.2011 21:12
Ich liebe Claudia, ich liebe, liebe, liebe sie! Sie ist so toll, ich hab sie so unheimlich gern und ich bin unheimlich froh das ich einen großen teil der vorgeplanten Story schon kenne, sonst würde ich jetzt die Wände hochgehen!
Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel!
Von:  Tianani
2011-01-11T17:49:36+00:00 11.01.2011 18:49
Hi Karma,

schön wieder von dir zu lesen :o) ...
Dass die TOC reihe jetzt noch eine part mehr hat stört mich überhaupt nicht... mehr zu lesen für mich. Deine Storys sind immer super und die unterschiedl. Charas beschreibst du so schön.
Der Prolog klingt ja schon mal vielversprechend, die sind beide knuffig und süß. Schade, dass Nico mit dem Vergleichen immer verletzt wird. Ich hoffe nicht alle Zwillinge haben damit so lang zu kämpfen bis sie als eigenständige Personen gesehen werden. Das Ihre Mam das nicht erkennt ... grr.. gemein :o(.

Bin gespannt wie es weiter geht...

LG, Tiana

Von:  Yumika
2011-01-11T04:02:36+00:00 11.01.2011 05:02
Hallo du,
ich bin echt gespannt wie das wird mit drei parallel laufenden Geschichten, hört sich arg kompliziert an. Nyo ich freu mich auf jeden Fall drauf.

Nun zu diesem Prolog, der echt schön ist. Ich mag Geschwisterfreundschaften und ich mag Jojo (wie halt jeder ^_~) und ich mag hier auch total Nico. Ich kann seine Gedanken ziemlich gut nachvollziehen und muss Aschra recht geben, das Verhalten seiner Mutter ist richtig mies. Weswegen und so weiß man ja, aber ich finde eigentlich dass man wirklich keinen Unterschied bei seinen Kindern machen sollte, Ähnlichkeiten hin oder her.
Sein Ausbruch gegenüber Jojo... ja mei nicht wirklich schön aber ich denke es bis zu einem gewissen Grad auch normal, dass man sich auch mal so anfährt. und je näher man sich ist desto unschöner wirds. Aber ich denke wenn sich Geschwister so nahe stehen, dann ist das auch nie ein langwieriges Problem. Weil Jojo vielleicht verletzt ist, aber im Grunde in dem Moment in dem er es hört schon weiß, dass es nicht stimmt. Ich hoffe Nico wusste das.

Die Art und der Inhalt des Prologs haben mich etwas übberrascht, aber ich mag ihn wirklich sehr. Ich bin gespannt mit wem du nun Nico dauerhaft verkuppeln willst. Mit Gina hat es dann ja wohl doch nicht bis zum Lebensende gereicht. Ich hab ja insgeheim einen Wunsch, aber ich lass mich überraschen.

Liebste Grüße Mika
Von:  Aschra
2011-01-10T15:25:13+00:00 10.01.2011 16:25
Ich möchte die Mama der beiden gerade mal wieder hauen und irgendwie jeden anderen schütteln der Nico immer wieder vorhält er solle mehr wie sein Bruder sein. Ja gut sie sind Zwillinge aber das heißt doch noch lange nicht das sie sich gleich benehmen müssen, immerhin sind die beiden total verschieden und eigenständige Persönlichkeiten.
Zwischenzeitlich möchte ich auch Nico verhauen, wie kann er Jojo nur sowas an den Kopf werfen, wie kann er nur.
Nu heul ich doch, das ist total doof.
Dafür ist das Ende wieder toll, ich hab Jojo lieb und Nico hab ich auch lieb und überhaupt und so, ich hoffe du verstehst mich^^

Ps. Erstöööööö



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