Kampf auf Leben und Tod
Die Gegner standen sich keuchend gegenüber, ihr Atem dampfte in der kalten Herbstluft, ihre Blicke aufeinander gerichtet, als könnten sie sich allein damit Schaden zu fügen.
Ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite eine junge, nicht allzu groß gewachsene Frau mit einem Kriegsschwert in den beiden Händen. Sie trug ein schwarzes, samtiges Gewand das sie umhüllte, aber dennoch jede Bewegungsfreiheit zuließ, die schwarzen Stiefel standen fest am Boden im trockenen Laub. Ihre Ohren glichen denen einer Katze und waren genauso gespannt wie ihre Augen auf den Gegner gerichtet. Seltsamerweise verfügte sie statt über einen Schwanz über sieben; das war ein Vorteil, denn sie konnte damit atemberaubend schnell ihren geschmeidigen Körper ausbalancieren und bewegen. Die Kämpferin hielt die Waffe nach vorne gerichtet, als könnte sie mit der Spitze der Klinge eine unsichtbare Barriere vor sich errichten. Ihr wacher Blick maß den Feind, der kleinste Fehler könnte tödlich sein; den Körper aufs Äußerste gespannt, war ihr Kopf frei von Gedanken. Nichts durfte ihre Konzentration stören, denn von ihrem Geschick hing nicht nur ihr Leben, sondern auch die Hoffnung von vielen ab.
Ihr gegenüber stand ein Krieger in einer sorgfältig gearbeiteten Rüstung aus silbertauschierten Plattenteilen, dazwischen schimmerte das erdfarbene Tuch hervor. Auf den Zipfeln der Joppe glänzte matt das Wappen der Königsfamilie Rolu. Ohne Zweifel, ein Kämpfer der spezialisierten Einheiten „Tigerkämpfer“ des Königs, die ausgesandt wurden, um die schwierigsten Missionen mit Bravur und wenn nötig, mit großer Grausamkeit zu erfüllen. Im Gegensatz zur Gegnerin führte er zwei kürzere Schwerter, die er langsam in den Händen kreiste. Er wog seinen Körper vom einen Fuß auf den anderen, sein getigerter Schwanz bewegte sich nervös.
Der Kampf dauerte schon einige Zeit, beide hatten sich sehr verausgabt und gierten nach der Entscheidung. Die Frau hatte bereits ein paar Schnittwunden erlitten, das Blut sickerte durch die Kleidung. Sie wartete auf die Reaktion des Gegners, die wachen Sinne lauerten auf jede noch so unscheinbare Bewegung des Gegenübers; jede noch so unscheinbare Kleinigkeit konnte von kampfentscheidender Wichtigkeit sein. Der Krieger schien unversehrt, der Schweiß dampfte aus dem Stoff unter den Panzerungen, die rundlichen Ohren angelegt, der stechende Blick scharf nach vorne gerichtet. Es schien, als wäre er nicht mehr so hochmütig und selbstsicher wie noch am Beginn des Duells.
Er stieß den Atem durch die Lippen, seine Raubtieraugen verfinsterten sich und er fletschte die Zähne. Sein Atem pfiff durch das Visier seines Helms den Namen der Feindin: „Chion!“
Raki
Ein Schatten huschte durchs trockene Laub. Der Wald stand kahl unter der fahlen Herbstsonne, die grauen Stämme verbargen die wendige Gestalt im flatternden Leinengewand. Einen Moment verharrte sie, lauschte und rannte weiter. Die hellen Augen suchten die Richtung, die die wachsamen Ohren ausgemacht hatten.
Vor Kurzem war ein schriller Schrei aus dem Wald gedrungen. Es hieß, ein Kämpfer der königlichen Spezialeinheiten wäre in der Nähe gesehen worden. Sämtliche Bewohner wussten was dies bedeutete: der König hatte einen „Tiger“ ausgesandt um Beute zu schlagen. Viele zitterten vor Angst und verschlossen sich in ihren Häusern und Hütten, aber einzelne ließen sich trotz drohender Gefahr nicht einschüchtern.
Raki war einer von ihnen. Der junge Mann war einst als Findelkind im Kloster der Barmherzigen Mönche der Sonne abgegeben worden. Dort war er zu einem gelehrigen Novizen ausgebildet worden, für dem die göttlichen Gebote nicht nur Lippenbekenntnisse waren, sondern der sich dazu berufen fühlte, sie in Worten und Taten vom ganzen Herzen zu leben. Geduld, Fürsorge und Herzlichkeit, die Tugenden, die er bei ihnen schätzen gelernt hatte, wollte er als kostbares Gut auch anderen Notleidenden zukommen lassen. Er konnte nichts anders, als diesem Schrei zu folgen, auch wenn er die Wahrscheinlichkeit jemanden retten zu können sehr gering einschätzte.
Seine feinen Ohren hatten neben dem schrillen Schrei auch ein dumpfes, erstickendes Keuchen wahrgenommen. Es muss ganz in der Nähe sein, überlegte er. Das Herz hämmerte wild in seiner Brust, ein stechendes Gefühl kroch in ihm hoch, die Angst vor etwas Bedrohlichem versuchte ihn aufzuhalten. Hastig trieb er sich weiter. Sei achtsam und gib nicht auf! waren die Worte des Meister. Er machte sich damit Mut.
Dort!
Zwischen den Baumstämmen lag im tiefen Laub etwas Buntes, das sich von der Umgebung abhob. Graues Metall und brauner Stoff ...
Raki näherte sich mit angehaltenem Atem. Vorsichtig lugte er hinter den Bäumen hervor. Alles schien ruhig. Er lauschte. Stille. Vögel weiter entfernt.
Er seufzte. Wenn die Vögel wieder zu zwitschern begannen, dann schlich wohl nichts mehr durch den Wald, das sie ängstigen würde. Keine Jäger, keine Katzenmenschen, überlegte er. Mutig steuerte er diesem liegenden Etwas zu, das dürre Laub raschelte unter seinen Schritten. Raki hielt inne. Der Kämpfer!
Er lag ausgestreckt da, mit gebrochene Blick himmelwärts, um den aufgerissenen Mund erbrochenes Blut. Im Todeskampf hatte er die dürren Blätter von sich gestrampelt; die eine Hand umklammerte noch immer das eine Schwert, das andere lag weiter entfernt, im Laub halb vergraben. Die Hand, die dieses Schwert geführt hatte, lag seltsam verkrampft an der Brust. Raki wagte sich näher heran, dann erkannte er die Todesursache. Zwischen Arm und Brust, an der Stelle, die die Platten der Rüstung nicht abdecken konnten, steckte die Klinge eines Kriegsschwertes. Der Griff des Schwertes fehlte.
Der Novize schaute um sich. Da! Er erschauderte. In seiner Brust verkrampfte sich etwas. „Nein!“ entfuhr es ihm leise.
Im Laub eingebettet lag eine junge schöne Frau, ein leuchtend weißes Gesicht, umrahmt von langen schwarzen Haaren, etwas Rotes leuchtete zwischen den Haaren auf. Raki beugte sich zögernd vor, mit Erleichterung stellte er fest, das dieses rote Etwas nicht eine Verletzung, sondern ein Haarschmuck war. Aber die schwarze Kleidung triefte vom Blut, das aus mehreren Wunden gedrungen war! Die zarten Hände hielten noch den Griff des Schwertes, aus dem ein Stückchen Eisen ragte. Das Schwert war im Kampf abgebrochen.
Raki kniete sich nieder. Sein Mund fühlte sich trocken an. So etwas Grausames hatte er noch nie gesehen. Zitternd näherte er seine Finger an das Gesicht der Frau. Am Hals ertastete er den schwachen Puls. Trotz des Blässe ihrer Haut war noch Leben in ihr. Es war ihm, als würde sie schlucken. Er musste sich beeilen. Die tiefen Schnittwunden ließen sie langsam ausbluten.
So schnell wie er gekommen war, machte er sich nun daran, die ärgsten Wunden notdürftig zu verbinden, indem er Streifen aus seinem Gewand riss. Der Novize durfte keine Zeit verlieren. Er hievte die Frau auf seine Schultern, taumelte beim Aufstehen, fing sich und eilte so schnell wie möglich fort.
Die gefährliche Verletzte
Raki schleppte die Verwundete durch das Tor. Er war völlig außer Atem, er versuchte zu rufen, aber nur ein keuchendes Husten machte die Mönche auf ihm aufmerksam. Die Brüder kamen erschrocken angerannt und umringten ihren Novizen, während er die Frau vorsichtig auf die Holzbank an der Mauer niederlegte. Schweiss perlte an seinen Haarspitzen herab und benetzten seine errötete Haut.
„Helft ihr bitte!“ flehte er und deute auf ihre notdürftig verbundenen Wunden. „Sie wird verbluten!“
Ein älterer Mönch, der an einem Lederband das Symbol des Klosters, eine Sonne aus Ton trug und somit als Abt des Klosters zu erkennen war, drängte sich durch die Menge seine Mitbrüder zur Seite schiebend. Vorne angekommen, riss er die Hände in die Höhe. „Gütige Götter!“ stieß er aus. „Welche Prüfung habt ihr uns auferlegt?“ Abt Ensof flüsterte mit zitternden Händen ein Gebet. Die Mönche stöhnten verstört.
„Ehrwürdiger Bruder“, hauchte Raki erschrocken, „ihr kennt diese Frau?“
„Chion!“ rief der Mönch und beugte sich über die Bewusstlose. „Schnell, tragt sie hinein, am Besten gleich in die hintere Kammer!“
Die Mönche drängten den Novizen zur Seite und ergriffen die Frau an allen Seiten.
„Was ist?“ wollte Raki wissen. Er eilte zum Abt. Sein Verhalten beunruhigte ihn. „Was habt ihr mit der Frau vor?“
„Wir können sie nicht hier lassen, das ist viel zu gefährlich! Erzähle mir, wo du sie gefunden hast!“ Der Abt packte Raki am Ärmel und zog ihn hinter sich her. Sie folgten den Mönchen, welche die Verwundete ins Haus schleppten.
Während die Gruppe durch die Gänge des Klosters hastete und Mönche vor ihnen zur Seite traten und entsetzt ihnen nachschauten, versuchte Raki dem Abt alles zu berichten, vom Hören des Schreis bis zur Auffindung der beiden Kämpfer. „Das Gerede war also wahr!“ stellte einer der Mönche fest. „Ein Tigerkämpfer hatte sich tatsächlich hier herumgetrieben!“
„Sie werden ihn finden und zu uns kommen!“ rief ein anderer. Ein Mönch, der mithalf Chion zu tragen, murmelte ein Gebet an die guten Geister. Ein anderer wimmerte. Raki wusste nur zu gut weshalb: Er war von den Schergen des Königs gefoltert worden und kam nur frei, weil die Mönche viel Lösegeld gezahlt hatten. Er fühlte die Brust eng werden. Die Mönche, die er so gut kannte, bebten vor Angst.
„Wer ist diese Frau?“ fragte er nochmal und nun mit einem schärferen Unterton, von diesem Wissen würde Vieles abhängen.
„Chion“, bestätigte Abt Ensof, als wäre damit alles geklärt. Doch Raki begriff nicht.
„,Killercat Chion‘ wird sie genannt. Die Mörderin, der Todesengel, die Terroristin ...“ der Abt fuchtelte mit den Armen. „Die kleinen Leute geben ihr andere Namen: die Retterin, die Kriegerin der Armen, die Befreierin, die Erlösung..., diejenige, die den König stürzen wird. Der Staatsfeind Nummer Eins, Raki!“
Der Novize begriff erschaudernd. Aufregende Geschichten schwirrten durch seinen Kopf, vielleicht nicht alles wahr, aber die Leute erzählten sie sich nicht oft genug: Eine schöne, schwarze Schwertkämpferin verschaffte sich nachts Zugang zu Wachen und Kerkern um Unschuldigen - eigentlich Gegner des Königs - zu befreien. Ihr halfen meistens einige Komplizen; sogar unter den Wachen des Königs gab es Helfer, hieß es, oder sie wagte ihre Unternehmungen auch allein. Es schien, als würde ihr alles gelingen, doch Raki sah nun mit eigenen Augen, dass dies nicht so einfach war. Er empfand im ersten Moment so etwas wie Stolz, denn es war ihm möglich, einer solch wichtigen Persönlichkeit helfen zu können. Doch dies beängstigte ihn auch, weil ihm klar wurde, dass die Frau eine große Gefahr für alle war, denn der König hatte längst zur Jagd auf sie und auf ihre Helfer aufgerufen!
Abt Ensof blieb zurück. Er rief mehrere Mönche zusammen. „Der Tigerkämpfer wird bestimmt schon gesucht“, vermutete er. „Wir müssen ihn fortschaffen, denn er liegt ganz in der Nähe im Bannwald...“
Ein Mönch kam herbeigerannt. Er war aufgeregt und presste ein Bündel Brennholz an sich. „Ich habe Holz gesammelt ... dort ... habe ich einen toten Tigerkämpfer gesehen!“ schrie er.
Die Mönche zuckten zusammen.
„Tot! Nicht weit von hier im Wald...“ wiederholte er.
„Ah! Das ist er! Du weißt noch nicht weshalb, aber du lässt das Holz sofort liegen und eilst zurück in den Wald und zeigst diesen Brüdern, an welcher Stelle der Tiger liegt! Ihr müsst ihn gut verstecken, damit er niemals gefunden wird.“
Das Amulett
Die Mönche trugen Chion in eine Kammer, die durch einen Schrein zugänglich ist. Raki wusste von dieser Geheimkammer, die „hintere Kammer“ genannt wurde, doch er hatte sie niemals betreten dürfen. Überrascht schaute er um sich. In der Kammer gab es ein Bett, einen kleinen Tisch, einen Stuhl, eine Waschschüssel, aber kein Fenster. „Hol heißes Wasser!“ befahl ein Mönch.
Der junge Mann lief los. Als er mit einem Eimer dampfenden Wassers zurückkam, lag Chion bereits spärlich bedeckt auf dem Bett und wurde von Alwa, dem „Kräutermönch“, mit sehr strengen Blick untersucht. Die tiefen Wunden an der Seite warfen seine Stirn in tiefe Runzeln. Raki, der beim ersten Anblick der fast nackten Chion errötet war und dem daraufhin die Wunden ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hervorgerufen hatten, schluckte und fragte zaghaft: „Wird sie es schaffen?“
Alwa antwortete ihm nicht. Abt Ensof, der während Rakis Abwesenheit dazugekommen war, seufzte. Schweigend versorgen sie die Verwundete. Alwa hatte eine Tasche mit vielen kleinen Tiegeln und allerlei medizinischer Geräte bei sich, er ließ sich von seinem Gehilfen alles Nötige reichen, während er an den Wunden arbeitete. Konzentriert schaute er durch die kleine Brille auf seiner Nase, ab und zu rannen Schweißtropfen an seinen Schläfen herab.
Chion lag bewusstlos da, ab und zu gab sie wimmernde Laute von sich. Die Mönche sprachen ihr beruhigend zu, aber niemand wusste, ob sie es hören konnte. Raki überlegte sich, wie groß ihre Schmerzen wohl waren, beklommen erinnerte er sich daran wie er sie gefunden hatte. Die Stimmung empfand er als derart bedrückend, dass ihm das Herz bang wurde. Er sah das Blut überall, am Bettlacken, in den Kleidern, die achtlos auf dem Boden lagen, an den Tüchern und Binden. Wieviel Blut hatte sie wohl schon verloren? Seine Lippen formten ein Gebet an die Götter. Allmächtige, lasst Chion nicht sterben, riefen seine Gedanken. Ein Funkeln machte den Novizen aufschauen. Am Hals der Frau glänzte ein türkisfarbenes Amulett. Es wechselte im Licht der Öllampen ständig seine Farben als hätte es ein heimliches Eigenleben.
Raki versenkte sich in seine Gebete. Wenn er meditierte konnte er sich in Gedanken von seinem Körper soweit lösen, dass er frei von äußeren Einflüssen sein Denken ziehen ließ. Er fühlte weder seinen Körper, noch beschäftigten ihn die Sorgen des Alltags. In diesem Zustand blickte er jenseits der Dinge, denn sein geistiges Auge eröffnete ihm die Wahrheit hinter den Erscheinungen.
Das Funkeln entfaltete sich zu einem schillernden Leuchten. Rakis Herz schlug glucksend im Hals. Tränen schossen ihm in die Augen und er glaubte zu entflammen. Das Licht drang in ihm und hob ihn hoch, er sah sich selbst leuchten. Brennender Schmerz überkam ihn, dann wurde es dunkel.
Auf dem Boden liegend kam Raki wieder zu sich. Abt Ensof beugte sich über ihn. „Narr!“ zischte er den Novizen ins Ohr.
Verwirrt blinzelte er um sich. Die Mönche verbanden Chions Wunden. „Was war das?“ lallte Raki. Er war noch vom Licht benommen.
„Hast du nicht gemerkt, das ihr Amulett magisch ist?“ flüsterte der Abt. „Du hast versucht eine Barriere zu durchdringen, die niemand berühren darf!“
Raki schwieg und rieb sich die Augen. Er entschuldigte sich. „Ihr habt es bemerkt?“ wisperte er.
„Natürlich. Ich sehe schon, deine Fähigkeiten sind wieder ein Stück weiter gewachsen, aber noch lange nicht vollkommen. Ich werde dich bald in die nächsten Weihen einführen müssen.“ Der Abt schien besorgt. „Das geht bei dir schneller als erwartet...“
Wäre es eine andere Situation gewesen, hätte sich Raki über alles gefreut, doch in diesen Moment beschäftigte ihn nur die Sorge, ob Chion die Wunden überleben würde.
Chion
Der Schleier der Ohnmacht lichtete sich allmählich. Die Augen flatterten im spärlichen Licht der Öllampe. Eine abgedunkelte Umgebung eröffnete sich ihr.
„Wie geht‘s dir?“
Chion schielte in Richtung Stimme. Sie erkannte ein kantiges Jungengesicht und wache Katzenohren. Sie waren allein.
Die Verletzte murrte, sie versuchte Worte zu formen, aber die Zunge lag wie ein schlaffer Lappen in ihrem trockenen Mund.
„Lass dir Zeit“, mahnte er. „Ich bin Raki, Novize des Klosters der Barmherzigen Mönche der Sonne. Du bist schwer verletzt, aber mach dir keine Sorgen, ich ... wir kümmern uns um dich.“ Er versuchte zu lächeln. Die ernsten Gesichter der Mönche beunruhigten ihn immer noch, aber er versuchte Zuversicht auszustrahlen.
Chion lächelte.
Ein sanfter Schauer überlief Raki. Auf seinen Armen bildete sich Gänsehaut. „Hast du Durst?“ fragte er schnell.
Er gab Chion vorsichtig Tee zu trinken und setzte sich wieder auf den Hocker an das Kopfende. Er sprach behutsam zur geschwächten Frau, sie wurde allmählich wacher und hörte ihm beruhigt zu. Leider kamen zu ihrer Wachheit auch die Schmerzen und peinigten sie bald so sehr, dass Abt Ensof gerufen werden musste um ihr ein Mittel zu verabreichen. Der Abt stellte sich kurz vor, sprach ihr Mut zu, verneigte sich und ließ sie allein.
„Er sagte, du hast mich gefunden.“
Raki wandte sich ruckartig Chion zu. Ihre Stimme klang trotz der Schmerzen und der Schwäche erstaunlich kräftig und fest. Selbst in ihrem Zustand strahlte sie eine gewisse Beherrschtheit aus, durch die der Betrachter erahnen konnte, dass sie Dinge, die sie in Angriff nahm, auch zu Ende führte. Er erzählte ihr wie er sie gefunden hatte und dass seine Brüder den Tigerkämpfer verstecken würden. Als er das zerbrochene Schwert erwähnte, überkam sie ein krampfhafter Schmerz. Tränen schossen ihr über die zarten Wangen, aber sie vergab keinen Laut, nur ihr Atem ging schneller. Raki begriff, dass nicht nur die Wunden schmerzten, sondern auch der Verlust des Schwertes ihr zusetzten. „Ich werde dir helfen, ein neues Schwert zu besorgen“, versprach er.
Sie nickte und schloss müde die Augen.
Er betrachtete sie. Ihre Gesichtszüge waren sanft und strahlten eine gewisse innere Wärme aus. Trotz der gnadenlosen Kämpferin schien sie eine warmherzige Person zu sein. Den Menschen fiel es leicht ihr zu vertrauen. So war es möglich, dass sie immer wieder Helfer fand, die sie im Kampf gegen den König unterstützten.
Raki fragte sie, ob sie bequem lag. „Soll ich dir den Haarschmuck abnehmen? Ich denke, die Klammer sticht dich doch.“
Sie öffnete die Augen. „Das ist kein Schmuck. Diesen Federbusch habe ich seitdem ich achtzehn Jahre alt wurde. Damals wuchs er mir am Kopf.“
Er schaute auf. Wie seltsam. Katzenmenschen wachsen eigentlich keine Federn, wie anderen Wesen. Es sei den... eine Erklärung gab es doch. Es war das Zeichen der Auserwählten. Wie auch ihre sieben Schwänze. Er wusste von einem Mönch, der viele Jahre als Einsiedler in den Bergen gelebt hatte und der eine große Menge an philosophischen Schriften verfasst hatte. Man erzählte, er wäre mit fünf Schwänzen geboren worden, weshalb die Eltern ihm der Obhut eines Kloster übergaben, damit seine Fähigkeiten mit Sachkenntnis ausgebildet werden konnte. Nur er, Raki, hatte keine körperliche Besonderheit, obwohl er in der Meditation den Geist weiter wandern lassen konnte als andere.
Fieber
Raki schaute abends vor dem Schlafen gehen nochmals noch Chion. Sollte sie friedlich schlafen und keine Anzeichen eines hohen Fiebers zeigen, würde er sich zurückziehen und erst am frühen Morgen nach ihr schauen. Doch schon beim Eintreten in die „hintere Kammer“ überfiel ihm eine schlimme Ahnung, etwas war nicht in Ordnung. Ihr Atem ging schwerer als vorher. Mit hastigen Schritten eilte er an ihr Bett, so heftig, dass die kleine Flamme der Kerze flackerte Er reckte die Hand nach ihrer Stirn aus und befühlte sie. Erschrocken zuckte er zusammen.
Ihre Stirn glühte und auf der Haut bildeten sich kleine glitzernde Schweißperlen. Ein Zittern durchbebte ihren Körper und immer wieder wimmerte sie im Schlaf. Raki lief hinaus. Kurze Zeit später beugten sich Alwa und Ensof mit besorgten Blicken über die Patientin. Alwa betrachtete nochmals ihre Wunden und wechselte die mit Heilkräuter-Essenzen getränkten Wickel. Raki half ihm Chion kalte Wickel um die Beine zu schlingen, damit das Fieber sich senken sollte. Auch ihre Arme wurden gewickelt, dann schaute Alwa seufzend auf, als er ihr ein nasses Tuch auf die Stirn gelegt hatte. „Mehr kann ich nicht tun“, flüsterte er.
„Ich bleibe hier!“ entschied Raki. Ensof nickte. „Das ist gut. Aber du wirst nicht viel tun können. Bei allen Kenntnissen, wir können nicht Wunder wirken.“
Schließlich saß Raki allein neben Chion. Ihr Zustand war unverändert. „Diese Nacht“, wisperte er in die dunklen Ecken des Raumes. Er fühlte sich sehr hilflos. Er dachte daran, wie er Chion hergebracht und wie er mit ihr gesprochen hatte. Ihr zartes Lächeln streichelte sein Gemüt und verzweifelt riss es ihm: Sie darf nicht sterben! Nicht nur weil er sich solche Mühe gegeben hatte sie zu retten, sondern weil sie so wichtig für viele Katzenmenschen war! Sie war die Hoffnung für so viele Verzweifelte.
Angespannt erinnerte er sich an die Brüder beim Abendessen, die erzählt hatten, wie Abt Ensof die Wachen fortgeschickt hatte. Der Tigerkämpfer wird gesucht! Raki hatte es vermieden, die anderen zu fragen, was sie mit der Leiche gemacht hatten. Je weniger er wusste, desto besser war es, entschied er für sich. Er könnte die Brüder ja später einmal danach fragen... wenn es Chion wieder gut ging, und wenn die Wachen nicht mehr kamen, und wenn die Sache ein gutes Ende gefunden hätte... Er schüttelte den Kopf um die bangen Gedanken zu verscheuchen. Hoffentlich würde nicht Chions Leiche die nächste zum Verstecken sein!
„Uuuung“, erklang es kläglich im Raum.
„Wie geht‘s?“ flüsterte der Novize. Chion reagierte nicht auf seine Frage. Ihre Lieder flatterten, das Weiße ihrer Augen kam zum Vorschein, die Pupillen huschten irre hin und her. Die Muskeln um den Mund zuckten und eine Welle von Schüttelfrost durchjagte ihre Glieder. Das nasse Tuch glitt von ihrer Stirn.
„Mama“, hauchte sie.
Raki beugte sich über sie und legte ihr das Tuch wieder auf. „Scht, es wird alles gut“, raunte er ihr zu. Ihm war bewusst, dass sie ihn nicht hören würde. Keuchend lag sie da.
Wenn die Götter wollen, ist morgen alles vorbei, pflegten die Mönche gelegentlich zu sagen. Das kann doch nicht sein, durchfuhr es Raki wütend. Gab es denn wirklich nichts, das Chion helfen könnte? Müde setzte er sich auf den Stuhl. Er hörte ihren Atem und dazwischen den seinen. Warten, warten ...