Kapitel 1
Talk~: TA-DA! Ein grottiger Anfang :) Und das ist nicht das 'gebt mir Bestätigung'-Getue, sondern die... Wahrheit. VoV
Naja, wie auch immer - ich hoffe hiervon lässt sich niemand abschrecken; immerhin brauch ich bloß irgendjemanden, der sich das mal durchliest~ Enjoy
Seufzend schleuderte ich meinen Rucksack in die Ecke und ließ mich aufs Bett plumpsen. Von unten hörte ich noch die schrille Stimme meiner Mutter und das Gebrüll Dads.
Wie immer hatten sie sich furchtbar darüber aufgeregt, dass ich so spät von der Nachhilfe gekommen war, was nur wieder zu einem Streit über ihren missratenen Sohn und schließlich über die ebenso schlechte Beziehung geführt hatte. Ich ignorierte die Hausaufgaben, der Tag war so oder so schon bescheiden genug gewesen. Woran das lag? Nun, mein Name ist Aiden Hawk und ich bin nicht gerade beliebt. Und das nicht nur bei meinen Eltern. Ich habe keine richtigen Freunde, aber auch niemanden, der mich wirklich hasst. Das liegt nicht etwa an meinem Äußeren – ich habe langweilig braunes Haar, dessen Farbe man nicht allzu genau beschreiben kann und blassgrüne Augen – das einzig Hässliche an mir ist vielleicht das Muttermal, das nerviger Weise an meiner linken Schläfe hockt. Viel mehr liegt es an meinem Aberglauben. Seit meinem sechsten Lebensjahr glaube ich an Vampire, Geister und den ganzen anderen Kram. Lächerlich? Für euch vielleicht, aber ich habe damals am eigenen Leib erfahren, dass es keineswegs albern oder kindisch ist. Zwei ganze Jahre habe ich im Schrank geschlafen.
Mir schauderte es, als ich an Halloween vor neun Jahren zurückdachte.
Wir waren auf dem Weg nach Hause gewesen, Tim und ich, und hatten eine Abkürzung genommen. Ich war hinter meinem besten Freund in die dunkle Gasse eingebogen, den Süßigkeitentopf unterm Arm. Und dann, plötzlich, war er da gewesen.
Er hatte Tim hochgehoben, wie eine Puppe und ihm den Mund zugehalten, damit er nicht schreien konnte. Auch ich war stumm und völlig starr dagestanden. Von dem Mann war nur ein Schemen zu erkennen gewesen und ich hatte mit ansehen müssen, wie sich dieser Schatten über meinen Freund beugte um ihm den Hals aufzuschlitzen…
Ich war immer noch wie versteinert gewesen, obwohl eine Stimme in meinem Kopf nach Flucht geschrieen hatte, aber ich hatte einfach nur herum gestanden und kaum bemerkt, wie mir Tims Blut ins Gesicht gespritzt war. Die Süßigkeiten hatte ich längst fallen gelassen.
Das Monster hatte den Kopf gehoben und mich angesehen, nachdem es fertig war. Von seinem Gesicht hatte ich nur rote Lippen sehen können, die mich fast freudig angrinsten. Dann hatte ich endlich reagieren können; ich schrie und weinte, und das Ungeheuer hatte sich an der Dachrinne hochgeschwungen - war verschwunden.
Der Vampir. Anders als die Polizei, die die Leiche meines besten Freundes untersuchte, war ich mir sicher, wer oder besser; was ihn ermordet hatte. Ganz deutlich hatte ich beobachtet, wie das Monster seine Zähne in den Hals seines Opfers geschlagen und getrunken hatte.
Aber an Tims Hals waren weder Narben noch irgendwelche anderen Spuren zu sehen, und so wurde mein Vampir zu einem Hirngespinst, einem perversen Irren.
Die Todesursache: Schock und anschließender Blutverlust.
Ruckartig schlug ich die Augen auf, als ich ein klatschendes Geräusch am Fenster hörte. Verwirrt schüttelte ich den Kopf, um die Geister von damals zu verdrängen und setzte mich auf. War bestimmt nur wieder so eine Taube, die gegen meine Scheibe geflogen war.
Misstrauisch ging ich zum Fenster, durch das hell das Licht der Straßenlaternen schien. Draußen war keine Spur von irgendeinem Vogel oder etwas Anderem, das dieses Geräusch verursacht haben könnte.
Beruhigt wandte ich mich wieder dem Bett zu und bemerkte erst jetzt, dass ich immer noch Jeans und einen meiner geliebten grauen Kaputzenpullis anhatte. Gähnend öffnete ich meine Hose, als es wieder, diesmal lauter als zuvor klatschte. Genervt fuhr ich herum, doch da war nichts: Mein Blick glitt über Fliegengitter und Vorhang, über den Fenstergriff innen und außen… um den herum rote Schlieren geschmiert waren?
Hastig machte ich die Hose wieder zu und knipste das Licht an. Tatsächlich! Es sah beinahe so aus, als hätte jemand mit blutigen Händen versucht, mein Fenster von außen zu öffnen!
Meine Hände fanden das dünne Kettchen, an dem das Pentagramm um meinen Hals hing und umklammerten den Anhänger. Ganz vorsichtig machte ich das Fenster auf, ärgerte mich, dass meine Neugier erneut gesiegt hatte und vor meinen Augen grinste der Vampir, die Lippen rot von Tims Blut.
Aber da draußen war nichts.
Aiden, ermahnte ich mich, du drehst langsam echt durch! Wahrscheinlich schläfst du noch und träumst dir diesen Mist zusammen.
Doch gerade, als ich mich abwenden wollte, erwischte mich etwas hart an der Schulter und stieß mich zu Boden.
Kapitel 2
Keuchend versuchte ich mich zu befreien, denn mich umfing etwas glattes, Membranartiges. Plötzlich verschwand sowohl das Gewicht, als auch die Schwärze um mich und ich sah einen Schatten über mir stehen. Mein erster Gedanke war: Der Vampir! Er ist zurückgekommen, um auch mich zu töten!
Doch dann sah ich nur einen Mann, einzig bekleidet mit einem langen, kuttenähnlichen Umhang und blutverklebtem Haar und blasser Haut. Schnell wich ich zurück, als ich die schneeweißen Augen sah, die mich unter verfilztem, schwarzen Haar anstarrten und in denen langsam die Puppillen erschienen. Mein Körper verkrampfte sich, als ich das viele Blut wahrnahm, das meinen Pulli bedeckte und meine Hände verklebte und ich wollte schreien, da erschien mein tödlicher Besucher plötzlich neben mir und packte meinen Unterkiefer, sodass ich keinen Ton herausbekam. Ich war wehrlos wie Tim.
„Licht aus!“, befahl er mit einer ebenso fremden wie schönen Stimme, in der ein Hauch Melancholie mitschwang. Am liebsten hätte ich über meine absurden Beobachtungen gelacht, wäre mir nicht so sehr nach schreien zu Mute gewesen.
Der Mann riss mich, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die Füße und ich wankte zitternd zum Lichtschalter. Das war ganz eindeutig nicht das Geschöpf von damals. Während ich ihm den Rücken zudrehte, hatte er bereits die Vorhänge zugezogen rauschte auf mich zu, sodass ich erschrocken einatmete, als er mir erneut den Kiefer zupresste und sich mit mir auf den Boden fallen ließ. An meinem Rücken konnte ich die tiefe Wunde Spüren die im Magen des Angreifers klaffte und mir drehte sich alles. Ich konnte kaum noch denken und mein Bewusstsein drohte ich auch zu verlieren aber so sehr ich mich auch versuchte zu wehren, die eiserne Umklammerung des Mannes hielt mich wie in einem Schraubstock eingeklemmt.
Und dann hörte ich sie.
Zu erst erinnerten mich die schrillen Stimmen an die Wutausbrüche meiner Mutter, aber dann begriff ich, dass sie in einer fremden Sprache riefen. Durch den Vorhang konnte ich groteske Schatten sehen, die tanzten und flackerten und ich konnte beim besten Willen nicht meine Augen abwenden. Ein kleiner Teil von mir schrie mich, ich sollte gefälligst nicht so ängstlich herumliegen, doch ich hörte sie kaum.
Plötzlich begann der Boden zu beben und das Glas der Fensterscheiben zu klirren und ich dachte, dass das meine Eltern garantiert aufwecken würde und dann konnte ich was erleben.
Zitternd versuchte ich mich loszumachen aus dem Zangengriff, jedoch wieder ohne Erfolg. Dann wurde ich umgedreht und die kalte Hand verschwand von meinem Kiefer. Vor mir schwebte das unnatürlich bleiche Gesicht mit den roten, schmalen Lippen, doch diesmal grinsten sie nicht, sondern waren zu einer Grimasse des Schmerzes verzogen.
Ich dachte nicht mehr ans Schreien. „Va… Vampir.“, flüsterte ich, da zog er mich hinab und bevor ich irgendetwas machen konnte, pressten sich seine metallisch schmeckenden Lippen auf meine. Jeher Schmerz durchzuckte mich, als sich seine scharfen Zähne in meine Zunge bohrten und ich kreischte erstickt auf. Das Geschrei draußen setzte kurz aus, nur um dann in doppelter Intensität wieder anzufangen. Und der Vampir trank mein Blut. Verzweifelt wand ich mich, was jedoch nur zur Folge hatte, dass der Schmerz zunahm. Dann ließ er mich wieder los und rollte unters Bett, wobei er mich an sich presste. Wieder lachte das Monster in meiner Erinnerung und ich krampfte mich vor Angst zusammen.
Was war nur los? Hatte ich mir etwa umsonst all die Jahre Rache geschworen?
Minuten vergingen und die Schatten auf meinem Zimmerboden tanzten immer noch. Das Monster sprach kein Wort, nur kurz hatte es erklärt: „Sie dürfen mich nicht riechen.“
Ganz still, wie tot lag er unter mir und der Lattenrost meines Betts drückte in meinen Rücken. Das Herz schlug mir bis zum Hals, schnürte mir die Kehle zu, dann waren die Stimmen draußen plötzlich verschwunden. Meine Zunge tat immer noch höllisch weh – der Vampir hatte mich gebissen und mein Blut hatte ihn gestärkt, sich mit seinem vermischt… - aber ich versuchte dennoch endlich zu sprechen.
„L-Lassen Sie mich los!“, verlangte ich und musste erst einmal meine trockenen Lippen befeuchten, bevor ich weiter sprechen konnte. „Sie widerliches Monster! Ich-“ doch ganz plötzlich war da nichts mehr unter mir und ich lag auf dem staubigen Teppichboden. Der Vampir stand als düsterer Schatten über mir und nur seine Augen flackerten unheilvoll in einem Lichtstrahl, der zwischen den Vorhängen hindurch fiel.
Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu kriegen, denn irgendwie wirkte der Mann gar nicht so wie die bösartige Kreatur damals, trotz der unheimlichen Aura. Trotzdem war er ein Vampir – vielleicht der Vampir - und ich zitterte vor Angst, anstatt diese lang ersehnte Chance wahrzunehmen und Tim zu rächen. Wenn ich es nur bis ins Wohnzimmer schaffen würde…
„Ich werde die Polizei rufen“, drohte ich. „Sie haben meinen besten Freund umgebracht! Erinnern sie sich, hm?!“ Schnaufend kroch ich unter dem Bett hervor, achtete nicht darauf, wie hilflos ich in diesem Moment war und versuchte, selbstbewusst auszusehen. Der Vampir war mehr als einen Kopf größer, was nicht gerade half. „Vor neun Jahren haben sie einen kleinen Jungen einfach so angefallen!“
Ich bemerkte in meiner Wut nicht, wie mein Gegenüber zitterte. „Ich habe niemanden umgebracht, Sterblicher.“, erwiderte er ruhig. „Sie tun so etwas.“ Er deutete mit einem bebenden Finger hinaus zum Fenster. Hastig blickte ich in die Richtung, für den Fall, das es ein Trick war um mich abzulenken, doch da, im Licht der Straßenlaterne sah alles genau so aus, wie es sollte… sah man einmal vom Hund unserer Nachbarn ab, der samt Kette und Häuschen sauber durchtrennt im Gras lag. Erschrocken keuchte ich auf. „Wie…?“
Ich hatte den Aufschlag nicht gehört, wandte mich um und sah den Vampir auf dem Boden liegen.
Kapitel 3
Ich gebe zu, eine Zeit lang spielte ich mit dem Gedanken, ihn gleich hier zu erledigen. Andererseits konnte ich nicht sicher sagen, ob das wirklich der Mann von damals war, ich hatte ja schließlich nur eine schattenhafte Gestalt gesehen. Außerdem, so ungern ich es mir eingestand, konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, dass ich jemanden, wie böse auch immer, umbrachte… Außer dem Blutsauger vielleicht.
Nervös spielten meine Finger mit dem Pentagramm, während ich neben dem bewusstlosen Vampir hockte. Was sollte ich nur tun?
Nachdem ich den Schock überwunden hatte und aus dem Schrank endlich wieder in mein Bett zurückkehren konnte, hatte ich mir geschworen, dafür zu sorgen, dass das Monster von damals nicht wieder tötete. Ich hatte Nachgeforscht, wurde aus vielen Buchhandlungen geworfen, weil ich mich so fanatisch in Sachen Vampirismus verhielt und war durch meine Entschlossenheit immer schlechter in der Schule geworden. Und jetzt, wo ich ein echtes, real existierendes (ich war mir mittlerweile sicher, dass diese Sache kein Traum war, so kompliziert konnte selbst ich nicht träumen) Geschöpf der Nacht vor mir hatte, brachte ich nicht fertig, meinen Plan in die Tat um zu setzten. Vielleicht lag es daran, dass ich mir damit eine Chance verbaut hätte, aus erster Hand Fakten über seinesgleichen zu erfahren.
Die Polizei konnte ich jedenfalls nicht rufen.
Ich schob eine Entscheidung auf und zog mich endlich um. Ratlos besah ich mir meine völlig schmutzige Kleidung und danach den fleckigen Teppich. Das würde ich niemals wieder rausbekommen!
Ohne weiter über den Vampir nachzudenken und erschöpft ließ ich mich aufs Bett sinken und verarbeitete die Ereignisse dieser Nacht in einem Albtraum.
So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht aufwachen.
Ich träumte von den Geschöpfen, die vor meinem Fenster lauerten. Immer wieder sah ich den toten Hund und den Vampir, der sich unter schallendem Gelächter über mich beugte.
Ich war wieder der kleine Junge, der ich vor neun Jahren gewesen war.
Das Monster lachte. Seine Augen glühten schwarz und nahmen mein gesamtes Gesichtsfeld ein. Sein Atem roch nach Blut.
Mein Kopf schien platzen zu wollen, als er seine Zähne in mich schlug.
Zitternd setzte ich mich auf.
Zu erst dachte ich, ich fror als Nachwirkung des Albtraums, auch wenn mein Körper immer noch zu schmerzen schien, doch dann sah ich etwas Dunkles aus den Augenwinkeln.
Mein Fenster stand sperrangelweit offen und die Vorhänge wehten in den Raum.
Erschlagen ließ ich mich zurückfallen.
Erst dann realisierte ich: Erstens war es hell, was bedeutete, dass ich den Wecker nicht gehört hatte und die Schule mich wohl vermissen musste. Zweitens das geöffnete Fenster. Nachdem ich eingeschlafen war, musste der Vampir geflohen sein.
Aus reiner Hoffnung schaute ich noch einmal unter dem Bett nach, doch da war nichts außer Staub und verloren geglaubten Socken.
Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein, und meine einzige Verbindung zu den Wesen der Nacht einfach so… flüchten lassen? Nachdenklich schlüpfte ich in meine Klamotten; grauer Pulli und Jeans; und sah noch einmal nach draußen. Die Vorgärten der Nachbarschaft lagen grün und größtenteils gepflegt da, von dem zerstückelten Hund keine Spur.
War das etwa alles nur Teil meines Albtraums gewesen? Immerhin war ich in Gedanken an Tims Tod eingeschlafen.
Diese Theorie wollte mein Gehirn schon annehmen, hätte es nicht plötzlich ausgesetzt.
Als ich die Augen aufschlug, blickte ich geradewegs in das panische Gesicht meiner Mutter.
„Aiden! Was zum Teufel hast du hier veranstaltet?!“, keifte sie mich an, kaum das ich wieder relativ klar denken konnte. Doch ich konnte nur müde den Kopf schütteln, wobei neuer Schmerz aufflammte, als hinter Mom Schritte auf der Treppe zu uns hinauf kamen.
„Ist der Junge hier, Mr. Hawk?“, fragte eine Stimme, die eindeutig nach Arzt klang, meinen Vater, der jetzt ebenfalls mein Zimmer betrat. Doch anstatt zu antworten, packte er meine Mutter, zog sie von mir weg und begann wie auch sonst sie anzuschreien: „Warum hast du ihn nicht geweckt, wie jeden Morgen? Warum kannst du nicht einmal auf dein eigenes Kind aufpassen?!“
Und wieder fingen sie damit an.
Der Arzt, der noch immer im Türrahmen stand, warf mir einen mitleidigen Blick zu.
Ich verstand immer noch nicht, was passiert war und warum meine Eltern sich so aufregten.
Ich versuchte, den Kopf zu drehen.
„Lass das mal lieber, Junge.“, meldete sich die routinierte Stimme des Weißkittels und ich wurde zurück in eine gerade Position gedrückt. „Erinnerst du dich vielleicht, wie das Blut hier in dein Zimmer gekommen ist?“
„Blut?“ Ich erinnerte mich… Der Vampir!
Kaum hatte ich das gedacht, fing meine Zunge an, wie wild zu pochen und ich meinte schon, wieder die scharfen Zähne des Vampirs zu spüren, wie sie –
Der Arzt kramte aus einer klischeehaft wuchtigen Tasche ein Stethoskop hervor und fühlte meinen Puls bevor er mich bat, den Pulli auszuziehen. Während meine Eltern im Hintergrund ihren Streit von gestern Abend fortsetzten, kaute ich nachdenklich auf meiner Unterlippe herum.
Warum hatte ich das viele Blut kaum bemerkt, als ich das erste Mal aufgewacht war?
Warum lebte ich noch?
Ich erschauerte, als ich an die raubtierhaften Fangzähne dachte und die unheimlichen schwarzen Augen, die im Laternenlicht matt geglommen hatten. Der Arzt bedeutete mir, mich hinzusetzten; er wollte in meinen Rachen schauen.
Also nur eine Routineuntersuchung um Mutter und Dad zu beruhigen. Als ich den Mund öffnete und meine Zunge leicht bewegte, zuckte ich leicht zusammen. Sie fühlte sich an, als wäre sie bis zum Gaumen angeschwollen. Tja, da würde Mutter wieder allen Grund zur Sorge haben und ich nahm mir fest vor, so beharrlich wie möglich darauf zu bestehen, dass alles in Ordnung war.
„Gut, alles in Ordnung.“, sagte der Arzt und verstaute das Holzstäbchen in einem kleinen Plastikbeutel.
Ich glaube, ich sah ganz schön verwirrt aus, denn er fügte noch hinzu: „Wenn man mal von einer leichten Rötung der Zunge absieht.“
Konnte das denn sein? Die Bisswunden mussten doch so riesig sein, dass man sie schlecht hätte übersehen können und doch war da nichts, als ich vorsichtig mit der Zunge am Gaumen entlang strich.
Ich hätte mich Ohrfeigen können: An Tims Hals waren damals auch keine Spuren zurückgeblieben.
„Du musst lediglich etwas mehr Eisen zu dir nehmen; dein Blut ist etwas dünn. Und falls du Probleme hast“, der Arzt nickte zu den Flecken auf dem Teppich und am Fensterrand „ ruf mich an, ich leite dich weiter.“
Eine Woche war vergangen und ich hatte sie größtenteils in der Schulbibliothek verbracht, da man mich da nicht so einfach hinauswerfen konnte. Mein Zusammentreffen mit dem Vampir hatte mich die ganze Zeit über beschäftigt, sodass mein Englischlehrer es für nötig hielt, einen Bescheid nach Hause zu schicken.
Aber trotzdem: Nachdem die Reinigung da gewesen war und alles sauber gemacht hatte, kam mir die gruselige Begegnung immer mehr wie ein Traum vor. Meine Zunge hatte nicht mehr lange wehgetan und die einzigen Vampir-Träume, die ich in der Nacht darauf hatte, waren die von Halloween gewesen, so wie immer. Auch der Arztbesuch und Rest des Tages waren seltsam verschwommen. Fast hätte ich alles als Hirngespinst abgetan, wäre der Nachbarshund nicht ab dem Zeitpunkt verschwunden geblieben und das unangenehm reale Gefühl von nachtschwarzen Augen beobachtet zu werden.
Und dann der Anruf.