Zuhören und Loswerden
Zuhören und Loswerden
Wenn es einen Grund gäbe, einen Morgen anders zu beginnen, würde ich es tun.
Dumpfe Schritte schallten durch die Gasse. Ruhig und gesinnt ging Matt durch die menschenleere Straße. Zwar war der Weg bei weitem länger, doch war ihm dies lieber. Er genoss die Ruhe. Wind zog durch die Gasse uns strich seinen Nacken. Die Novemberkälte traf auch ihn, doch ließ er sich davon nicht beeindrucken.
„Ich wusste, dass du hier lang gehen würdest!“ ein Kichern erschreckte Matt. Vor ihm saß plötzlich ein Mädchen auf einem Stapel Sperrholz. Wie aus dem Nichts erschien, lächelt sie ihn nun an. Irritiert ging er näher und sah sie an.
„Kenn ich dich irgendwo her?“
„Nein!“ mit diesen Worten sprang sie auf, landete leicht vor ihm und sah ihn grinsend in die Augen. „…aber ich kenne dich.“
„Hä, was bist du denn für eine?“
„Oh, stimmt. Ich hab vergessen mich vorzustellen.“ Sie ging zwei Schritte, strich ihr knielanges Kleid glatt, machte einen Knicks und sagte dabei: „Eiryn, Patenengel, zwar noch Anfänger, aber die Prüfung bestand ich mit Bravour.“ Sie lächelte verlegen. Matt verstand die Welt nicht mehr. „Entschuldige du musst mich mit jemanden verwechseln, ich glaube die anonymen Fantasyfreaks treffen sich zwei Straßen weiter.“
>.< „Nein so was bin ich nicht und ich meine ganz sicher dich.“ Eiryn holte einen Zettel hervor. „Matt Brocks, ca. 1,85 m groß, 19 Jahre, dunkelblondes Haar, mag keine Süßigkeiten, aber Fastfood. Gerade dabei sein Abi zu machen, gute Noten, aber keine Schulaktivitäten, außerdem lebst du allein und…“ Sie knüllte den Zettel zusammen. „…du kommst so gut wie jeden Tag etwa um 17 Uhr hier vorbei.“
„Oh mein Gott!“ Matt entfernte sich vorsichtig von ihr und lief weiter die Gasse entlang. „Jetzt hab ich auch schon einen Stalker.“
„Wie bitte? Du spinnst wohl, ich muss das wissen.“ Eiryn folgte ihm. „Wie soll ich dir sonst helfen?“
„Mir helfen? Da muss ich dich enttäuschen Kleines, du bist die jenige, die Hilfe braucht!“ Er sah sie wütend an. „Und jetzt hör verdammt noch mal auf mir zu folgen!“
„Aber ich…“ Sie protestierte schwach.
„Verschwinde!“ brüllte Matt noch einmal. Eiryns Blick senkte sich, sie nickte kurz. Matt ging seines Weges weiter, als er sich am Ende der Gasse noch einmal umdrehte, war Eiryn verschwunden.
Matt schloss die Tür hinter sich, draußen war es dunkel und die Kälte ließ ihn seine Füße kaum noch spüren. Er freute sich nur noch auf sein warmes Bett und eine Portion Schlaf. Das Klirren der aufprallenden Schlüssel auf dem Tisch war das einzige Geräusch im Zimmer. Eine angenehme Ruhe machte sich breit.
„Du bist wirklich langsam, ich warte bestimmt schon eine halbe Stunde.“ Der Klang dieser Stimme ließ Matt erschrecken. Eiryn saß auf der Sofalehne, ein Kissen im Arm und sah ihn an.
„Was? Wie? Wie kommst du denn hier her?“
„Geflogen!“
„Sag mal hast du sie noch alle, jetzt brichst du auch noch ein?“
„Ich bin nicht eingebrochen.“
„Ach ja? Und wie nennst du das hier?“
„Ich besuche dich nur.“
„Ohne Erlaubnis, indem du dir unbefugt Zutritt verschaffst?“
„Zutritt kann man nicht sagen, das Fenster stand offen und da bin ich…“
„Fenster? Wir sind im 11. Stock, wie bist du…? Das…“ er stockte.
„Na geflogen, hab ich doch gesagt.“
„Dann hast du dir eben unbefugt Zuflug verschafft……Oh Gott, jetzt mach ich diesen Mist auch noch mit.“ …
„Aber wie? Das ist Einbruch!“ Er kratze sich am Kopf, sah sie an und erschreckte.
Sie hat Flügel.
„Was? Ich glaub ich hab Hallus! Wie hast du das gemacht?“
Eiryn sprang auf, graziös schwebte sie nun über der Couch. „Also die…“ sie zeigte lächelnd auf ihre Flügel „..die sind echt.“ Sie flog etwas näher auf Matt zu, dieser ging einen Schritt zurück, stolperte und landete auf dem Hintern. Eiryn schwebte nun fast über ihm im Schneidersitz, grinste und sagte: „Wirst du mir jetzt zuhören?“ Matt kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und nickte nur zustimmend.
„Ok“ Sie legte die Flügel kokett an, landete auf dem Sofa und begann strahlend zu erzählen. „Falls du es vergessen haben solltest, ich bin ein Patenengel und du bist offiziell mein Auftrag.“ Sie sah, dass Matt kein Wort verstand. „Klartext! Ich soll dir zeigen, wie man Weihnachten wieder findet.“
„Weihnachten?“ Matt sah sie fragend an.
„Na ja, du hast vergessen, wie das geht. Jedes Jahr um diese Zeit bist du mürrisch drauf und versuchst dem Ganzen aus dem Weg zu gehen.“
„Ähm, ja und?“
„Das ist schlecht! Mit solch einer Einstellung sollte niemand durchs Leben gehen.“
„Wen stört das denn?“
„Na uns, mich und dir dürfte es auch nicht gefallen.“
„Wer ist ‚uns’?“ Eiryn kam näher.
-.-° „Na alle da oben eben. Wir bewachen die Menschen, beseitigen und stellen Hürden, unterstützen die Fantasie, verbreiten Hoffnung, Freundschaft und Liebe und haben extreme Probleme damit, wenn jemand den Weihnachtsgeist verdrängt.“ Sie tippte ihm auf die Stirn. „Tja und deshalb werden jedes Jahr zu dieser Zeit die Patenengel losgeschickt um den Leuten zu helfen und somit hast du mich vorerst am Hals.“
„Ok, jetzt reicht es, das Ganze wird mir zu blöd. Tu mir einen Gefallen und geh!“
„Sag mal hast du mir nicht zugehört?“
„Doch schon, aber mich interessiert das nicht. Ist mir schnuppe, ob es da oben Leute gibt, die davon abhängig sind, dass ich Weihnachten mag. Ich mach was mir gefällt und deine Anwesenheit gehört nicht dazu!“ Er ging zur Tür, öffnete sie und gab Eiryn das Zeichen zu gehen. „Wenn ich also bitten darf?“
„Nein! Ich bleibe.“
Matt war genervt, er griff ihren Arm, führte sie vor die Tür und lief zurück. Bevor er diese vor ihren Augen verschloss, sagte er noch: „Sei so gut und 1. tauch nie wieder hier auf und 2. versteck lieber diese Flügel, sonst landest du noch als Versuchskaninchen in einem Labor.“ Eiryn blieb irritiert und allein vor der Tür stehen.
Sturköpfe, Deko und Stress
Sturköpfe, Deko und Stress
Die Nacht war ungemütlich, Matt machte kaum ein Auge zu und dachte über den Abend nach. Zumindest war er so früh genug wach um sich den Morgen Zeit lassen zu können. Nur in Unterhose verließ er sein Zimmer und wollte sich zunächst Frühstück machen. Es war Samstag der 1. Dezember und er hatte nichts geplant, wollte den Tag nur rumgammeln.
Es roch nach frisch gebackenen Brötchen und Kerzen als Matt sich der Küche nährte und er staunte nicht schlecht, als er Eiryn in der Küche hantieren sah. Er brüllte fast: „Du schon wieder.“ Eiryn erschrak. „Oh du bist schon wach…..und du hast so gut wie nichts an!“ Sie zwang sich woanders hinzusehen.
„Was treibst du hier?“
„Ich mache Frühstück, siehst du doch.“
„Ja, aber…“
„Vergiss es Matt, mich wirst du nicht los und basta.“ Sie grinste siegessicher. Matt ließ sich auf einem Stuhl fallen und atmete tief durch. „Was muss ich machen um dich wieder loszuwerden?“
^^ “Zieh dir endlich was an, frühstücke und wir gehen einkaufen.“
„Hä?“
„Du hast keine Weihnachtsdeko, das müssen wir ändern.“
„Wenn es denn sein muss.“ Matt ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen, der freie Tag war hin.
„Wozu brauch ich die denn?“ Er hielt eine 10 m lange Lichterkette in der Hand und betrachtete sie argwöhnisch.
„Matt, seit 17 Geschäften fragst du mich das bei jedem Stück, was ich dir in die Hand lege und die Antwort ist immer noch nicht angekommen?“
„Soviel weihnachtliche Strimmungsbringer braucht kein Mensch und überhaupt warum kaufen wir nicht alles in einem Laden und laufen für je ein Stück in andere Straßen?“
„Ganz einfach, es soll perfekt sein und so kommst du mal unter Leute.“
„Bei dem ganzen Zeug, was ich schleppe, sehe ich eh keinen.“
„Na dann freu dich doch.“ ^^
„Haha, da hätte ich auch zu Hause bleiben können.“
„Vergiss es, du zahlst schließlich.“
„Ja und hab nicht einmal Mitspracherecht.“
Sie waren seit Stunden unterwegs, doch Eiryn machte keine Anstalten zum Ende zu kommen. „Du wirst mir noch dankbar sein.“ Matt zweifelte an ihren Worten und lief mürrisch weiter mit. Am Ende glaubte er mindestens 4 Mal das Weihnachtsalphabet der Dekosachen abgeklappert zu haben, war aber zu müde um noch irgendwelchen Einspruch zu erheben. Den lieben langen Tag schleppte er Einkaufstüten durch die Gegend, er roch nach jedem ihm bekannten Winterduft, beobachtete die wachsende Leere seiner Brieftasche und fiel abends todmüde ins Bett. Er beobachtete Eiryn immer wieder. Sie legte eine Energie an den Tag, die ihn beunruhigte, sie war zielstrebig, aber wählerisch. Er verstand ihr Einkaufskonzept bei weitem nicht, war aber überrascht, dass sie noch genug Kraft hatte das Eingekaufte zu sortieren. Das einzige, was ihn von dem Gedanken, dass sie jetzt noch dekorieren würde, abhielt, war ihr eigener Satz: „Und morgen kommt das alles hier an den richtigen Platz.“ Matt wusste nicht warum, aber er war nun mit sich im Reinen ihre Worte zu glauben.
Am Sonntagmorgen erwachte Matt ausgeruht, wie ein Stein hatte er geschlafen und fühlte sich erfrischt. Seelenruhig machte er sich fertig und verließ sein Zimmer mit dem Gedanken etwas vergessen zu haben. Doch als er Unmengen von Einkaufstüten in der Stube sah und dazwischen ein braunhaariges Mädchen mit Rehaugen und Cornflakes, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er bildete sich die Ruhe nur ein.
„Wie ich sehe, bedienst du dich schon frei.“
Eiryn antwortete mit vollem Mund: „Ich konnte nicht mehr warten.“
„Ach was soll’s.“ Er holte sich ebenfalls eine Schüssel voll Cornflakes und setzte sich auch auf die Couch.
„Und was willst du heute machen, da du offensichtlich noch nicht gehen wirst?“
Eiryn sah sich um. „Das Ganze kann ja wohl nicht in den Tüten bleiben, also dekorieren wir heut deine Wohnung.“
„Und danach?“
„Hääääh?“
„Das dauert doch keinen Tag. Was hast du danach vor?“
„Nichts!“
„Nichts?“
„Jupp, gar nichts.“
„Das heißt einfach bloß Rumsitzen, keine Arbeit – null, nada, niente?“
„So kannst du es auch ausdrücken.“
Matt jubelte innerlich. Automatisch ging er mit einem anderen Elan ans Werk, als am vorigen Tag. Eiryn freute sich über seinen Einsatz, er arbeitet gewissenhaft und ordentlich. Allerdings war sie nicht besonders glücklich über seine Beweggründe, doch vergnügte sie sich damit, dass er auch nicht nein sagte.
So verging der erste Teil des Tages mit leichter Arbeit. Danach ließ sich Matt auf das Sofa fallen. Er erkannte seine Wohnung nicht wieder, war aber auch nicht besonders glücklich darüber, er fühlte sich fremd hier. So schaltete er den Fernseher ein um sich abzulenken, schaltete rum und achtete nicht wirklich auf das Programm.
„Mach mal zurück.“ Sagte Eiryn unerwartet hinter ihm, Matt tat wie ihm geheißen, war neugierig warum.
„Stopp!“
„Das da? Vergiss es.“ Er wollte gerade umschalten, doch da nahm ihm Eiryn die Fernbedienung weg und setzte sich neben ihm.
„es gehört einfach dazu, kein Advent ohne Sonntagsmärchen.“
Matt gab auf: „Wenn’s denn sein muss.“
Er widersprach nicht länger, sah sogar hin und stand bei wenigen Szenen kurz vorm Schmunzeln. Zumindest glaubte Eiryn das und freute sie sich über diesen kleinen Erfolg.
„Was hast du morgen vor?“
„Schule.“
„Stimmt und Danach?“
„Arbeit! Hausaufgaben!“
„Arbeit?“
„Ja, ich verdien mein Geld teilweise selbst.“
„Oh. Ok, dann ein anderes Mal?“
„Was hattest du denn vor“
„Ist eine Überraschung.“
Matt überhörte ihre Enttäuschung und ein Teil von ihm freute sich zum ersten Mal auf die Schule.