Der erste Tanz
Eines Abends, als ich gelangweilt durch das TV-Programm zappte, blieb ich bei einer Sendung über die beliebtesten Tänze hängen. ganz oben mit dabei war natürlich der Tango und als die Moderatoren etwas zur Geschichte dieses Tanzes erzählten, war es um mich geschehen.
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Tanzen.
Nichts als eine Kombination aus Schritten, die nahezu mechanisch ausgeführt werden, um gut auszusehen und sich der Gesellschaft zu präsentieren.
Nicht hier!
Nicht in den kleinen Hafenkneipen Argentiniens. Hier war Tanzen noch etwas, das von Leidenschaft geprägt wurde, von Gefühlen und Lust geleitet. Die Schritte folgten frei dem Rhythmus der Musik, passten sich sonst nicht an. Die Herren kamen zu Vielen, um nur einen Tanz mit einer der Damen zu ergattern. Hier in der Gosse Buenos Aires.
Carmen war eine von diesen heiß begehrten Subjekten, doch natürlich gehörte nicht nur das Tanzen zu ihren Pflichten; es war lediglich eine Art die Männer zu stimulieren, später am Abend nahmen die Huren sie dann mit in ihre Kammern.
Carmen war vor einigen Monaten 21 geworden und damit schon seit fünf Jahren im Geschäft. Anfangs hatte sie sich gesträubt, doch mittlerweile hatte sie eingesehen, dass sie nichts anderes konnte. Zur Schule war sie nie gegangen und auch sonst hatte sie nichts, was einen Meister dazu bewegen würde sie anzustellen. Schwermütig seufzte sie und saß noch immer allein in einer Ecke und bewegte den Kopf im Takte der Musik.
So sehr sie das Tanzen mit Männern auch verabscheute, so sehr liebte sie diese Musik. Sie kannte keine andere Musik, die so leidenschaftlich war und so voll von Emotionen, dass man sich zum Tanzen nur darauf tragen lassen musste. Im Rosa Cama war sie angestellt. So unangesehen dieses Freudenhaus in der Gesellschaft war, so begehrt war es von einfachen Seeleuten; ein paar Male waren auch schon Piraten hier gewesen.
Ihre langen, dunkel gelockten Haare fielen ihr über die Schultern. Die Damen der oberen Schicht hatten sie stets hochgesteckt, doch dafür, dass sie ohnehin wieder zerzaust wurden, war es Carmen zu viel Arbeit. Das rote Kleid war körperbetont und brachte ihre Weiblichkeit gut zum Tragen, was in diesem Gewerbe äußerst wichtig war.
Die Musik spielte den letzten Takt und sie sah, wie ihre Kolleginnen schon teilweise die Männer hinter sich in ihre Kammern zogen.
„Verzeiht, darf ich um diesen Tanz bitten?“ Sie wandte ihr Gesicht dem Fremden zu, der vor ihr stand und sich höflich verbeugte. Was sollte das? Dies war kein Ball auf dem die Grafen tanzten, dies hier war ein einfaches Freudenhaus, die Anstandsregeln galten hier nicht. Leicht errötete Carmen, wandte den Blick aber wieder ab und wollte zuerst nichts darauf antworten, da erhaschte sie einen zornigen Blick des Besitzers des Rosa Camas. Sie hatte bis jetzt jeden Freier abblitzen lassen und dieser hier sah obendrein noch finanziell gut gesichert aus. So streckte sie ihm die Hand entgegen, lächelte verrucht und antwortete: „Aber natürlich dürft Ihr, Señor.“ Damit ergriff er ihre Hand, küsste sie und geleitete sie auf die Tanzfläche.
Dort schlang sie den linken Arm um seinen Hals und legte die rechte Hand in seine. Das war also der Mann für heute Abend.
Die Musik spielte und der Fremde bewegte sich mit ihr über die Tanzfläche.
Wenigstens sieht er nicht schlecht aus, schoss es Carmen durch den Kopf und sie fuhr ihm begierig mit der linken Hand durch die dunkelbraunen, kurzen Haare. Auch seine Augen waren braun, nur seine Haut war von eleganter Blässe.
Er drehte sie von sich weg und wieder ganz nah heran und in dem Moment, da sich ihre Körper so sehr berührten, fragte er: „Wie ist Euer Name?“ Sie ging wieder etwas auf Abstand und hauchte: „Carmen. Wie heißt Ihr?“
„Das verrate ich nicht.“, schmunzelte er und legte nun seine dünnen Lippen auf die Ihren. Als er sich wieder von ihr löste, zierte noch immer ein Lächeln sein Gesicht und er flüsterte: „Weiche, volle Lippen; so rot und süß wie Kirschen.“
Carmen errötete erneut. Wieso machte ihr dieser Fremde Komplimente? Seinen Kleidern zufolge war er mit Sicherheit stinkreich und hätte sie sich auch als Sklavin halten können, was sollten diese Koseworte also? Als er jedoch ihre Verwirrung bemerkte, lachte er hell auf und meinte: „Du hörst nicht oft Komplimente, nicht wahr? Du tust mir Leid.“
Auf das Mitleid dieses eingebildeten Mannes konnte sie dankend verzichten. Prompt wurden ihre Schritte und Bewegungen hart und stählern. Sie ging auf Abwehr. Dieser Fremde war ihr nicht geheuer. Was wollte der hier? Seine Hand ruhte brav in ihrem Kreuz und war nicht einmal über ihr Gesäß gerutscht; er war so ganz anders als ihre gewöhnlichen Kunden.
„Lass uns an die frische Luft gehen.“, schlug er vor und zog sie mit sich in Richtung Tür. Nun wehrte sie sich mit aller Kraft gegen ihn und schaffte es schließlich, sich loszureißen. Verwirrt drehte er sich zu ihr um und fragte: „Was ist? Wieso kommst du nicht mit?“
„Wir gehen nicht nach draußen. Nicht mit Freiern.“
„Warum?“, fragte er arglos und hob die Augenbrauen.
„Zu gefährlich.“, murmelte sie, den Blick von ihm abwendend. Erneut lachte er hell auf und meinte: „Ich verstehe! Dort draußen steht ihr nicht mehr unter dem Schutz des Hurenwirts; man könnte euch benutzen und dann umbringen, ohne dass sich jemand daran störte.“ Langsam nickte sie und er fügte hinzu: „Nun denn, lass uns in deine Kammer gehen.“
Seit wann duzte er sie denn eigentlich?
Sie nickte erneut, fasste ihn bei der Hand und führte ihn in ihr Kämmerchen. Hier stand ein großes Bett in der einen Ecke, an der Wand gegenüber stand ein Tischchen mit einem Schemel und an der dritten Wand, der Tür gegenüber, war ein kleines Fenster geöffnet, sodass frische Luft hereinströmte.
Sie hatte absolut keine Lust, aber eine andere Wahl hatte sie nicht. Bereitwillig legte sie sich auf das große Bett und erwartete ihn. Doch er ließ sich Zeit, inspizierte erst ihr Zimmer, schritt dann an das Fenster und atmete tief ein und wieder aus. Dann wandte er sich ihr zu, die sich schon fast vollständig entkleidet hatte. Sie glaubte erkennen zu können, wie seine Mundwinkel immer wieder belustigt nach oben zuckten, richtete sich auf und fragte aufgebracht: „Warum verhöhnt Ihr mich?“ Bestürzt trat der Dunkelhaarige einen Schritt zurück und entgegnete entgeistert: „Ich verhöhne dich doch nicht, ich amüsiere mich nur darüber, wie du dich deinem Schicksal fügst, obgleich du doch in diesem Moment so gar keine Lust verspürst.“
„Woher…?“, entfuhr es ihr und sie setzte sich an die Bettkante.
„Um das zu sehen muss man nur nicht dumm sein. Der Ausdruck in deinen Augen verrät dich. Da ist nicht der Stolz, mit dem du mich anfangs gemustert hast, der Hochmut ist verschwunden, als erinnertest du dich daran, dass du gebrochen bist.“ Sie schluckte schwer. Das alles konnte man in ihren Augen lesen?
„Das rote Kleid stand dir gut, Carmen.“, fügte er hinzu und sah wieder aus dem Fenster. „Schade, dass deine Kammer nicht zum Rio de la Plata hin liegt, sonst hätte man nun gewiss eine atemberaubende Aussicht.“ Vorsichtig ging sie auf ihn zu, umarmte ihn sanft von hinten und fragte: „Warum nehmt Ihr Euch mich nicht einfach?“
„Weil du nicht willst.“, antwortete er nüchtern.
„Aber ich will nie.“, erwiderte sie und küsste ihn zärtlich in den Nacken.
„Dann werde ich mir dich nie nehmen.“, entgegnete er und legte seine großen, rauen Hände auf ihre zarten, kleinen.
So ein Mist!, fluchte Carmen in Gedanken, Wenn ich nicht mit ihm schlafe, wird er nicht bezahlen und dann bekomme ich tierischen Ärger. Doch als könnte der Mann ihre Gedanken lesen, sagte er: „Mach dir wegen des Geldes keine Sorgen, ich komme für die Nacht auf, ob ich nun etwas dafür bekomme oder nicht.“
Verwirrt ließ sie von ihm ab und fragte unverblümt: „Habt Ihr tatsächlich so viel Geld?“
„Und schon wird sie prüde.“, lächelte er, als er sich zu ihr umdrehte. Sich auf die Lippen beißend sah sie gen Boden und flüsterte: „Verzeiht mein Verhalten, ich vergaß mich für den Moment und ließ mich zu sehr gehen.“
„Unter einer Bedingung.“, grinste der Mann verschmitzt. Carmen sah verwundert wieder auf und ihm fragend in die Augen, bis er fortfuhr: „Noch einmal möchte ich diese warmen wie süßen Lippen küssen.“ Carmen kicherte leicht, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und küsste ihn flüchtig auf die Lippen. Etwas enttäuscht fragte der Dunkelhaarige: „Weißt du den nicht, wie man ‚französisch’ küsst?“ Erstaunt weiteten sich ihre Augen.
Sie wusste es. Emilie, eine Kollegin von ihr, die aus Frankreich stammte, hatte es ihr einmal gezeigt, doch bisher hatte es noch kein Mann von ihr verlangt. Zögerlich nickte sie. Was war, wenn sie es nicht richtig machte? Diese Arte zu küssen mochte sie nicht, es war ihr zu persönlich, zu intim, dennoch wehrte sie sich nicht gegen ihn, als er sich zu ihr hinunterbeugte und leidenschaftlich begann sie zu küssen. Ihr Herz klopfte in ihrer Brust wie wild, obgleich sie nicht wusste, warum; das war ihr noch nie passiert.
Sanft zog sie den Mann mit sich zum Bett und dort auf sich. Als sie sich wieder lösten, lächelte er: „Du küsst gut.“ Er kniete über ihr gebeugt auf dem Bett und streichelte mit der Hand sanft über ihre Wange.
Was hatte das zu bedeuten? Schon wieder machte dieser Mann ihr ein Kompliment; wie sollte sie nun damit umgehen? Sollte sie sich einfach nur bedanken oder irgendetwas anderes machen? Mit geröteten Wangen wandte sie schließlich nur den Kopf zur Seite und erwiderte nichts darauf. Sie wusste einfach nicht was.
Dieser verdammte Fremde! Er kam einfach hierher, wollte nicht mit ihr schlafen, küsste sie, wie sonst keiner und brachte sie mit seinen schmeichelnden Worten in Verlegenheit. Was bewegte ihn zu dieser Frechheit?
„Was wollt Ihr hier, wenn nicht mit einer der Huren schlafen?“, fragte sie, während er sich von ihr aufrichtete und am anderen Ende des Zimmers auf dem Schemelchen Platz nahm.
„Tanzen.“, antwortete er prompt, doch sie entgegnete bissig: „Dennoch wolltet Ihr erst mit mir hinaus und dann in meine Kammer.“ Er lachte hell auf und gab zu: „Ja, du hast Recht. Aber lass mich von vorne beginnen. Heute, an diesem Abend gaben meine Eltern mir zu Ehren eine Art Ball, aber das war nur ein Vorwand, damit ich mir eine Braut suche.“
„Warum seid Ihr dann hier, wenn doch dort die hübschesten und wohlhabendsten Frauen Buenos Aires auf Euch warten?“, unterbrach Carmen ihn ungehobelt und warf ihre langen Haare, die über ihre Schulter gerutscht waren in den Nacken. Nachsichtig schüttelte er den Kopf und entgegnete: „Sie langweilen mich.“
„Wer?“
„Diese feinen Señoritas. Der Adel dieser Stadt. Sie sind so plump und ich hasse ihre Tänze.“ Er hielt inne, holte einen Moment Luft und sah Carmen an, als erwartete er, dass sie ihn unterbrach, als sie ihn jedoch nur schweigend musterte fuhr er fort: „Ich beschloss mir diesen Abend, einmal in meinem Leben einen Tanz zu gönnen, der mein Herz mit Leidenschaft erfüllt, der meinen Körper zum Vibrieren bringt. Meine Freunde erzählten mir stets vom Rosa Cama und den hübschen Damen hier. Doch ich hätte nie gedacht, einer solch wunderbaren Frau zu begegnen, wie du es bist. In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht geglaubt, eine solche Schönheit zu finden wie dich.“
„Wie ist Euer Name?“, fragte sie ihn erneut.
„Warum interessiert dich das?“, fragte er belustigt lächelnd. Carmen jedoch fuhr ihn daraufhin an: „Weil ich wissen will, mit wem ich rede!“
„Julio“, sagte er und wandte das Gesicht ab. Langsam kam sie zu ihm und ging vor ihm in die Hocke. Dann nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, es war so groß gegen ihre kleinen Fingerchen, und drehte es so, dass er ihr direkt in die Augen sah.
„Julio“, wiederholte sie seinen Namen und lächelte leicht, als sich eine blasse Röte auf seine Wangen stahl. „Ihr seid freundlich, Julio. Einen Mann wie Euch traf ich noch nie zuvor.“ Offensichtlich wusste er nun nicht mehr, was er darauf erwidern sollte, darum schlang sie die Arme um seinen Bauch und lehnte den Kopf gegen seine Brust, die sich mit seinen gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte.
Zögernd legte auch er seine Arme um sie und drückte sie ein wenig näher an sich. Sie konnte hören, wie schnell sein Herz schlug. Wahrscheinlich war es für ihn genauso ungewohnt wie für sie, eine Person des anderen Geschlechts einfach nur zu umarmen. Aber für Carmen war es ein schönes Gefühl. Noch nie hatte sie sich in den Armen eines Mannes so wohl, sicher und vor allem geborgen gefühlt.
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Das war also das erste Kapitel. Ich mag diese Geschichten, die nicht im Mittelalter spielen, aber auch nicht in der Neuzeit. Da kann man ein bisschen auf die Sprache eingehen und doch kann man alles etwas verruchter darstellen.
Den Paso Doble fand ich auch ganz toll, besonders als ich erfuhr, dass der Mann eigentlich den Tanz des Toreros in der Arena darstelt und die Frau, die erst später hinzukam, die Rolle seines Tuches übernimmt. Aber dazu eine Geschichte zu verfassen lag mir nicht so und diese Geschichte gefällt mir ohnehin besser ^__^
Danke für's Lesen^^
Ich hoffe, euch hat gefallen, was ihr gelesen habt und ihr Kommentiert auch fleißig. LG, Terrormopf^^
Der zweite Tanz
Sooo, Kapitel zwei.
Denkt euch nichts beim Titel desselbigen, ich habe einfach beschlossen, dass ich die Kapitel als 'Tänze' bezeichne xD
Ich hoffe, dass ich nicht zu schnell in die Handlung gegangen bin und euch die fehlende Einleitung nichts ausmacht ^^;
Viel Spaß beim Lesen!
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„Wo warst du bitte?“, schallte das Lachen Ramóns durch den Raum.
„Ach, sei doch still, als hättest du das Haus nicht schon oft aufgesucht.“, brummte Julio und warf seinem Bruder einen missgelaunten Blick zu.
„Na und? Ich bin schließlich noch jung.“, grinste Ramón und als Julio etwas einwerfen wollte, fuhr er fort: „Außerdem gaben unsere Eltern gestern Abend dir zu Ehren einen Ball, dass du dir eine Verlobte aussuchst. Und was machst du? Rennst in ein Hurenhaus!“ Erneut lachte der Größere auf.
Zwar war Ramón der Jüngere von beiden, er war nun gerade 20 geworden, dennoch überragte er seinen Bruder um einen Kopf. Sein Gesicht war heiter, nicht so verbissen und verschlossen wie das seines Bruders, deswegen rissen sich auch die Frauen um ihn. Seine strahlend weißen Zähne bleckend fragte er: „War sie denn wenigstens gut?“ Julio errötete daraufhin und vermochte für den Moment nichts zu sagen. Ramón lehnte sich nach vorne, klopfte seinem Bruder, der vor ihm stand, die Hände in den Hosentaschen, auf den Arm und meinte: „Ich vermute jetzt, dass das ein ‚Ja’ ist.“ Dann lehnte er sich wieder zurück, den Kopf an der Rückenlehne des Stuhls.
„Julio, Julio, das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Da heißt es doch immer, nur ich sei so empörend und du der vernünftige Nachkomme, der dem Titel ‚Herzog von Palermo’ gerecht würde. Wüssten das unsere Eltern…“ Julio, der bis eben mürrisch auf seine schwarzen Schnallenschuhe geschaut hatte, sah auf einmal auf und fragte: „Du erzählst es ihnen doch nicht, oder?“ Etwas Unsicherheit schwang in seiner Stimme mit, woraufhin Ramón erneut lächelnd den Kopf schüttelte und entgegnete: „Ach, Brüderchen, wo kämen wir denn dahin? Schließlich verrietst du unseren Eltern nicht eine meiner Affären und das waren so einige.“ Julio seufzte erleichtert. Da hatte sein Bruder mit den hellbraunen Haaren allerdings Recht, hätte er für jede Frau die Ramón vernascht hatte zwei Peso bekommen, hätte er nun in den Münzen baden können.
„Aber nun im Ernst, Julio, das hätte ich dir nicht zugetraut. Welche hast du dir denn eigentlich genommen?“, fragte Ramón und musterte seinen Bruder mit gehobenen Augenbrauen. Dieser ließ sich in den Sessel Ramón gegenüber fallen und antwortete, sich die Nasenflügel massierend: „Sie hieß Carmen. Das ist Latein, nicht?“
„Was fragst du mich das? Ich hab dem Lateinprediger nie zugehört…“, meinte der Angesprochene achselzuckend.
„Doch, doch, ich bin mir ganz sicher…“, murmelte Julio. „Irgendwas mit Gesang, Lied, Gedicht…“
„Ist doch egal!“, rief der Jüngere. „Erzähl mir lieber, wie sie war, ich habe nämlich auch schon überlegt, ob ich sie mir mal zur Brust nehme und ein Erfahrungsbericht aus erster Hand ist da schon hilfreich.“ Zum wiederholten Male zeichnete sich eine blasse Röte auf den Wangenknochen des älteren Prinzen. Er konnte seinem Bruder doch nicht erzählen, dass er sie einfach nur in seinen Armen gehalten hatte? Was würde dieser denn dann von ihm denken? Ramón hob skeptisch eine Augenbraue und fragte zögerlich: „Warum schweigst du so lange? Weißt du nicht, wie du beginnen sollst? Na dann stelle ich dir eben konkrete Fragen: Ist sie experimentierfreudig? Lässt sie sich auch von hinten rannehmen?“ Julio biss sich auf die Lippen. Was stellte denn sein Bruder mit den Frauen an? Das könnte er nie!
In dem Moment klopfte es an die Tür und kurz darauf wurde diese von einer schwarzen Haussklavin geöffnet. Sie knickste, ließ den Kopf ehrfürchtig gesenkt und sagte: „Don Julio, Eure Mutter verlangt nach Euch, Hoheit.“
„Danke.“ Julio atmete erleichtert auf. So einfach war er diesem anrüchigen Gespräch mit seinem Bruder also entkommen. Die Sklavin wollte gerade wieder gehen, da rief Ramón: „Warte, Mädchen!“ Wie angewurzelt blieb sie stehen, drehte sich noch einmal zu ihm um und fragte: „Ja, Hoheit?“
„Wenn mein Bruder fort ist, habe ich niemanden zum Reden und fühle mich so einsam. Leiste mir doch etwas Gesellschaft.“, schlug er vor und ein unanständiges Grinsen umspielte seine Mundwinkel.
Julio hörte, wie sie schwer schluckte, als er an ihr vorbeiging, dennoch knickste sie erneut und entgegnete: „Wie Ihr wünscht, Don Ramón.“ Als der Dunkelhaarige die Tür hinter sich schloss, hörte er noch immer Ramóns schepperndes Lachen und es schüttelte ihn, wenn er daran dachte, was er nun mit dem armen Mädchen anstellte.
Auf dem Weg zu seiner Mutter jedoch schalt er sich selbst einen Narr. Sie war schließlich eine Sklavin und mit Sklaven brauchte man kein übermäßiges Mitleid zu haben, sie waren schließlich nicht mal richtige Menschen; allein ihre Hautfarbe verriet das.
„Na, Schätzchen, wer war denn der gut aussehende junge Mann, den du gestern in deine Kammer entführtest?“, fragte Emilie und stieß sie mit dem Ellenbogen an. Die beiden Frauen saßen vor dem Rosa Cama auf einer Bank im morgendlichen Sonnenlicht und besserten ihre Kleider aus.
„Julio hieß er.“, antwortete Carmen ungerührt und nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, das neben ihr stand. Erstaunt musterte die Französin sie und fragte: „Mehr weißt du nicht? Nicht mal seinen Nachnamen? Wo er herkommt? Wo er wohnt? Na du bist mir eine… War er wenigstens gut?“ Carmen errötete verlegen und stach sich aus versehen in den Finger.
„Autsch!“, entfuhr es ihr und sie besah sich den Blutstropfen, der aus dem Einstich quoll.
„Du dummes Ding! Du musst den Finger in den Mund nehmen!“, blaffte Emilie sie an und verpasste ihr mit der flachen Hand eine Schelle auf den Hinterkopf. Daraufhin steckte Carmen sich den linken Zeigefinger in den Mund, hielt sich mit der rechten Hand den Hinterkopf und funkelte ihre Freundin zornig an. Diese jedoch nähte ungerührt weiter und bemerkte: „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
„Und wenn ich dir die Fragen nicht beantworten will?“, fragte Carmen trotzig. Erstaunt hielt die blonde Französin erneut inne und blickte das halbe Mädchen neben sich erstaunt an. Etwas Mitleid schwang in ihrer Stimme mit, als sie fragte: „War er denn tatsächlich so schlecht?“
„Nein! Nein, das war es nicht…“, erwiderte Carmen, den Blick stur auf ihre Arbeit gerichtet. „Wir haben gar nicht miteinander geschlafen.“
„Was bitte?“, rief ihre Freundin entrüstet aus. „Und dennoch hast du so viel Geld von ihm bekommen? Was habt ihr denn die ganze Nacht getrieben? Musstest du ihm noch andere Dienste erweisen? Du weißt doch, dass du das nicht musst! Was hast du dir nur gedacht? So etwas Entehrendes! Dieser Flegel! Zwingt dich einfach, dich vor ihn zu knien und dann…“ Doch weiter kam sie nicht, denn Carmen, die nun puterrot angelaufen war, unterbrach sie schockiert: „Um Gottes Willen! Du verstehst das völlig falsch, Emilie! Ich habe doch nicht… So etwas Abscheuliches würde ich niemals machen!“
„Und was habt ihr dann gemacht?“, fragte Emilie, noch immer sehr skeptisch.
„Er hielt mich einfach nur in seinen Armen.“ Nun war Emilie sprachlos. Offensichtlich suchte sie nach Worten, doch als sie Carmen weiterhin nur mit offenem Mund anstarrte, fuhr die fort zu erzählen: „Er war sehr höflich, er bat um einen Tanz und auf der Tanzfläche hat er mich dann ganz flüchtig geküsst und mir gesagt, meine Lippen seien so rot und süß wie Kirschen.“ Emilie kicherte leicht, als sie das hörte, doch Carmen erzählte unbeirrt weiter: „Dann hat er nach meinem Namen gefragt, mir seinen aber nicht verraten und anschließend wollte er mich mit hinausziehen.“
„Du hast dich doch hoffentlich gewehrt!“, fiel die Französin ihr empört ins Wort.
„Natürlich!“, bestätigte Carmen. „Schließlich sind wir in meine Kammer gegangen und er hat sich umgesehen, während ich mich auf das Bett legte und begann mich zu entkleiden. Währenddessen hat er mich keines Blickes gewürdigt, sondern einfach nur die Aussicht bemängelt.“ Erneut unterbrach Emilie sie und schüttelte ungläubig den Kopf. „Er sieht dich nicht an, während du dich ausziehst, sondern tadelt nur den Ausblick? So ein Schelm!“ Carmen jedoch lächelte nur leicht und fuhr fort: „Schließlich, als ich nur noch mein Untergewand trug, fragte ich ihn, ob er sich mich nicht nehmen wolle, doch er meinte daraufhin nur, dass ich doch keine Lust hätte. Das hat mich verwirrt, denn so gut er auch aussah, Lust verspürte ich in der Tat keine. Daraufhin antwortete ich ihm also, dass ich nie Lust hätte und er schmunzelte, dass er sich mich dann nie nehme.“
„Ein seltsamer Kauz.“, unterbrach Emilie sie zum wiederholten Male. „Erzähl weiter!“ Ihr ein warmes Lächeln schenkend, berichtete sie: „Er hat dann einfach wieder nur aus dem Fenster geschaut. Doch so konnte ich seinen schönen Rücken sehen. Trotz des Hemdes, das er trug. Ich konnte in dem Moment nicht anders und umarmte ihn. Wahrscheinlich aus Schuldgefühlen, denn dass er Lust hatte, habe ich schon gesehen.“ Schallend lachte die Frau neben ihr auf und prustete: „Und dann umarmst du den armen Kerl noch? Du durchtriebenes Luder, du weißt was es heißt einen Mann Leiden zu lassen.“
„Ich bat ihn um Verzeihung und er stellte mir eine Bedingung. Ein Kuss.“
„Nur ein Kuss? Der gibt sich ja schnell zufrieden…“
„Aber ein französischer musste es sein, du weißt schon, du hast es mir doch einmal gezeigt, das tat ich dann und er meinte, dass ich gut küsse.“
„Schließlich hast du es von der besten Küsserin ganz Frankreichs gelernt!“, brüstete sich Emilie.
„Daraufhin hat er sich ganz bescheiden auf mein Schemelchen gesetzt und nichts gesagt. Ich bin zu ihm gegangen, habe mich zu ihm nieder gekniet und ihn umarmt, woraufhin auch er seine Arme um mich legte. Da habe ich ihn dann noch einmal nach seinem Namen gefragt.“
„Julio…?“, fragte die Ältere in ihrem Gedächtnis kramend, ob das der Name gewesen war, den Carmen eben genannt hatte.
„Julio.“, wiederholte Carmen ihn mit sanfter Stimme und starrte gedankenverloren in den Himmel. Der Ausdruck des Gesichts Emilies wandelte sich neben ihr. Ein Grinsen zog sich über die Lippen und sie fragte: „Hast du dich etwa verliebt?“ Erschrocken fuhr Carmen auf und sah ihrer Freundin perplex in die Augen.
„Nein! Nein, ich… um Gottes willen!“, stotterte sie. Emilie jedoch erhob sich nur, streckte sich und sagte: „Apropos Gott, wir sollten uns beeilen, in einer halben Stunde beginnt der Gottesdienst.“ Die Sitzende fuhr auf und sah auf die Kirchturmuhr, die man fast überall in diesem Bezirk sehen konnte. Tatsächlich! Nur noch eine halbe Stunde, bis dahin musste sie die Sachen verräumen, sich zurecht machen und zur Kirche laufen.
Emilie und Carmen waren nicht die einzigen Huren, die zu den sonntäglichen Gottesdiensten kamen, doch waren sie die einzigen aus dem Rosa Cama. Ihre Kolleginnen hier hielten nicht viel von Gott und von der Kirche und ihren Regeln noch weniger, denn es kam nicht selten vor, dass sie hier auch Mönche und andere Kirchendiener empfingen.
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Das Ende des zweiten Tanzes.
Hach ja, ich mag Ramón ja so *schwärm* Warum dreht sich die Geschichte bloß nicht um ihn, sondern um seinen langweiligen, verstockten Bruder, hä? *grummel*
Wobei das wahrscheinlich auch langweilig wäre, schließlich ginge das dann jeden Tag so:
Morgens: schlafen; Vormittags: schlafen; Mittags: Aufstehen, duschen, essen; Nachmittags: eine Frau zwischendurch; Abends: Essen, mit Freunden um die Häuser ziehen; Nachts: mindestens zwei Frauen (ob einzeln oder zusammen variiert)
Das wäre dann wohl so ungefähr Ramóns Tagesablauf xD
Nee, Spass, seine Eltern würden ihn glaub ich umbringen, schließlich ist er ja Erbe des Herzogtums von Palermo und damit ein Prinz... ouu~uh >D
Nya, ich schweife mal wieder ab... *Kekse verteil* lG (auch wenn das hier niemand liest ;__;) Terrormopf^^
Der dritte Tanz
Das dritte Kapitel^^
Hach, die Geschichte macht mir so viel Spaß ^o^/) *freu*
Bevor ihr allerdings lest, sollte ich noch kurz etwas zur Kleidung erklären:
-Ein Redingote ist ein - meiner Meinung nach - sehr schickes Kleid, dass die Damen teilweise trugen, es ist an die Herrenmode angelehnt und wurde aus einem Reitmantel entwickelt
-Poschen sind ein kleiner Reifrock, der nur knapp bis zur Mitte des Oberschenkels reicht und aus zwei stahlverstärkten Stoffkörben am Band, die an den Hüften getragen werden, besteht.
-Reifrock: in jener Zeit wurden sie immer 'Flunderartiger' und am Schluss konnten die Damen wirklich kaum mehr gerade durch eine Tür gehen...
-Männermode: Bestand aus einem Rock (nicht der Rock im heutigen Sinne, sondern eher eine Art Frack), einem weißen Hemd, einer Halsbinde (das sah meiner Meinung nach voll gut aus *__*), einer Weste, einer Kniehose, weißen Kniestrümmpfen, bei Adeligen einem Degen und evtl. noch einem Dreispitz, etc.
-Früher haben sich die Damen der Gesellschaft ganz weiß gepudert/bemalt und auch die männer taten das des Öfteren, außerdem waren weiß gepuderte Perrücken ebenfalls Mode...
Genug der Erklärungen, viel Spaß^^
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Carmen war froh endlich aus der stickigen und verrauchten – der Priester hatte nicht an Weihrauch gespart – Kirche herauszukommen. Sie ging zwar gerne in die Kirche, doch seit dieser neue Priester da war, wurde man regelrecht eingenebelt und sie musste sich zwingen, nicht vorzeitig heraus zu rennen und sich zu übergeben; dennoch waren seine Predigten besser als die seines Vorgängers.
Auf dem Platz vor der Kirche streckte sie sich erst einmal, wodurch ihre Schuhe zum Vorschein kamen und einige Männerblicke auf sich zogen.
„Was machst du denn?“, fauchte Emilie sie an. „Doch nicht vor dem heiligen Hause des Herrn!“ Doch Carmen lächelte nur verschmitzt und entgegnete: „Das bringt Kundschaft; hast du gesehen, wie der Priester hergesehen hat? Glaub mir, in spätestens drei Wochen liegt auch er im Bett von einer der unsrigen.“
„Sprich nicht so abfällig von Gottes Dienern! Er lebt im Zölibat, was beileibe nicht leicht ist, deswegen solltest du ihn nicht noch zusätzlich verführen!“, entrüstete sich die Französin, warf aber dennoch einen Blick auf den jungen Mann.
„Schlecht sieht er ja nicht aus.“, feixte Carmen. „Auf jeden Fall besser als der Letzte, der alte Sack.“
„Carmen!“, ertönte erneut Emilies warnende Stimme, gefolgt von einem empörten Blick, doch als sie sich wieder zu ihm umwandte, fragte sie: „Nanu? Wo geht er denn hin?“
„Wenn mich nicht alles täuscht, dann geht er zu dieser Aristokratenfamilie dort drüben…“, antwortete Carmen und reckte den Hals, um besser sehen zu können.
„Wahrscheinlich ist er bei ihnen zum Essen eingeladen.“, mutmaßte Emilie und fuhr dann fort: "Komm, lass uns gehen, wir haben noch Arbeit vor uns.“ Doch Carmen schüttelte den Kopf und widersprach: „Nein, lass uns noch etwas bleiben.“
„Es ist unhöflich andere Leute so zu begaffen, besonders wenn…“ Aber die Jüngere ließ sie nicht ausreden und beendete selbst den Satz: „…wenn sie stinkreich und obendrein noch adlig sind. Jaja.“
„Eigentlich wollte ich es nicht so flapsig formulieren, aber ja.“, seufzte Emilie.
„Lass uns doch noch ein bisschen gucken!“ Sie quengelte wie ein kleines Kind, das unbedingt den Gauklern auf dem Jahrmarkt zuschauen wollte. Die Französin stöhnte nur genervt, erwiderte aber nichts mehr darauf.
„Guck mal, die Frau! Einen Reifrock hat die an… ob die noch durch Türen gehen kann? Und ich meine nicht seitwärts!“, witzelte Carmen, doch ihre Freundin wies sie sogleich zurecht: „Sei nicht so gehässig, schließlich hast du doch auch deine Poschen und das gute Redingote angezogen; für den Schöpfer kann man sich nie schön genug machen.“
„Und wie sie mit ihrem Fächer wedelt, als gäbe es hier nicht genug Luft!“, fuhr Carmen unbeirrt fort. „Ihren Schirm lässt sie sich auch tragen; ob das Frauchen wohl zu schwach ist?“ Mit diesen Worten erntete sie lediglich ein Kopfschütteln ihrer Freundin, die es wohl aufgegeben hatte, sie zu Recht zu weisen.
„Und schau dir mal ihren Mann an, mit seiner Perücke! Und er ist auch geschminkt, ganz weiß hat er sich angemalt.“ Nun meldete sich Emilie doch zu Wort: „Sieh nur, da gehen zwei junge Männer auf das Ehepaar zu; ob das wohl ihre Söhne sind? Warte, der Eine kommt mir so bekannt vor… der war bestimmt schon einmal bei mir…“
„Welcher denn?“, unterbrach Carmen sie, den Blick auf die beiden Jünglinge geheftet.
„Na der mit den hellblonden Haaren…“, überlegte Emilie weiter, doch Carmen stieß ihr empört mit dem Ellenbogen gegen die Rippen und entgegnete entrüstet: "Nun komm schon, an den musst du dich doch erinnern; wie viele Männer haben in Buenos Aires schließlich helle Haare?“
„Halt dein vorlautes Mundwerk!“, fauchte ihre Freundin sie an. „Wenn du wüsstest, wie viele Freier ich in Frankreich schon hatte, die hellbraunes Haar hatten… Warte, jetzt fällt’s mir wieder ein: Das ist Don Ramón, der Sprössling der Sangres.“ Ehrfürchtig schnappte Carmen nach Luft und keuchte: „Doch nicht etwa…“
„Doch, er ist der Sohn des Duques Sangre. Und wenn mich nicht alles täuscht, müsste der junge Mann da neben ihm, mit den dunklen Haaren, sein großer Bruder sein. Hast du das Gerücht gehört? Er soll ja bald 25 werden und hat, zum Leidwesen seiner kränkelnden Mutter, noch immer keine Braut gefunden. Der Vater soll ja bald schon sechzig sein; dass er in dem Alter noch arbeitet…“ Emilies Redeschwall schien nicht mehr enden zu wollen und Carmen hörte nur mit einem Ohr zu. Sie kniff die Augen zusammen, um die beiden Männer besser sehen zu können. Der Hellhaarige sollte tatsächlich der Jüngere sein? Er hatte am breiten Kinn ein kleines Bärtchen, auf der Nase einen kleine Hubbel und offene Augen. Insgesamt war er ungefähr einen Kopf größer als der Ältere, breitschultriger und von stattlicher Statur. Der Dunkelhaarige war eher schmächtig und sein Gesicht hatte ebenmäßigere, femininere Züge, es schien nicht so grobkantig wie das seines Bruders. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Woher kannte sie diese anmutigen Bewegungen? Trotz des schnellen Schrittes, der seinen Rock beinahe heroisch hinter ihm wehen ließ, war sein Gang von Eleganz geprägt.
„Ramóns Bruder soll ja ein ganz tugendhafter und pflichtbewusster Mann sein. Um ihn ranken sich, bis auf das eine, keinerlei Gerüchte, ich weiß nicht einmal wie er heißt…“, hörte sie Emilie sagen und ergänzte abwesend: „Julio.“ Völlig aus dem Kontext geworfen, sah die Französin erstaunt zu ihr und fragte: „Was?“
„Er heißt Julio. Don Julio Sangre.“, wiederholte Carmen ihre Worte und ihre Augenbrauen zogen sich Unheil verkündend zusammen.
„Woher weißt du das schon wieder?“, fragte Emilie erstaunt und Carmen antwortete zähneknirschend: „Weil er der Mann ist, der mich letzte Nacht in seinen Armen hielt.“ Darauf wusste selbst die Ältere nichts zu erwidern, sondern starrte die Dunkelhaarige nur mit offenem Mund an.
„Sie schauen rüber. Komm, lass uns gehen!“, sagte Carmen und drehte sich auf dem Absatz um, sich beeilend, bloß schnell weg von hier zu kommen. Doch beim Gehen ließ sie es sich nicht nehmen, so mit dem Rock zu wippen, dass die Männer bei jedem ihrer Schritte einen Blick auf ihre schlanken Knöchel erhaschen konnten.
„Puh, ich dachte schon, der wollte uns ausräuchern, der olle Pfaffe!“, seufzte Ramón erleichtert auf, als er die zarten Sonnenstrahlen auf seiner Haut fühlte.
„Auch wenn diese Wortwahl etwas dürftig ist, muss ich dir zustimmen, das war in der Tat zu viel des Guten, so sehr stinken wir nun auch nicht; wir sollten ihn beim Essen darauf hinweisen, schließlich war das sein erster Gottesdienst.“, bestätigte Julio die Worte seines Bruders und lachte innerlich, als er sah, wie dieser sich ungeschickt mit der Hand Luft zufächerte. Ein Grinsen auf den Lippen tadelte er ihn: „Vater hat dir noch bevor wir aus dem Haus gingen den Fächer angeboten, aber der feine Herr hat den ja abgelehnt; Schweiß mache männlich, hat man geprahlt.“
„Ach, sei doch still“, knurrte der Hellhaarige. „Der Fächer war ohnehin zu sehr in rosé gehalten, wie sähe das zu meinem roten Rock und meinen roten Hosen aus?“
„Jedenfalls hätten sich die Wäscherinnen gefreut, hätten sie deine riesigen Schweißflecken unter den Achseln nicht aus deinem Hemd waschen müssen.“ Julio musterte seinen Bruder. Den roten Rock, sowie die roten Hosen hatte er neu; die beige Weste besaß er schon länger, ebenso wie die Schnallenschuhe, die, nicht wie bei dem Dunkelhaarigen, gänzlich unpoliert waren und nicht mehr wirklich glänzten. Bei den weißen Kniestrümpfen stutzte er allerdings. „Sind das nicht meine Strümpfe?“
Ramón zuckte nur mit den Schultern, ging jedoch nicht weiter darauf ein, sondern sah sich auf dem mit Kopfsteinen gepflasterten Platz um. Nach wenigen Augenblicken hob er erstaunt die Augenbrauen und pfiff leise durch die Zähne. Julio folgte verwundert der Richtung seines Blickes, konnte aber ob der Menschenmasse nichts erkennen und sah fragend zu seinem Bruder. Als dieser seinen Blick auf sich spürte, grinste er: „Hast du eben etwa nicht das Frauenzimmer gesehen, die sich geräkelt hat, dass die Hälfte ihrer Waden zu sehen waren?“ Julio schüttelte den Kopf und seufzte: „Du denkst auch immer nur daran…“
„Woran denn sonst?“, fragte der Größere und Julio konnte nur erneut seufzen, weil er genau wusste, dass diese Frage ernst gemeint gewesen war.
„Komm, wir sollten zu unseren Eltern gehen; Mutter wird schon ungeduldig.“ Mit diesen Worten deutete Julio auf ihre Mutter, die sich mit dem Fächer unruhig Luft zufächerte und von einem Sklaven den Schirm getragen bekam. Neben ihr stand ihr Gatte und redete offensichtlich beruhigend auf sie ein. Ramón grinste allerdings daraufhin und erwiderte: „Ja, und der olle Priester kommt auch schon zu ihnen rüber; warum mussten sie ihn denn eigentlich zum Essen einladen?“
„Weil es sich so gehört.“, antwortete Julio nüchtern und setzte sich in Bewegung, Ramón kam ihm hinterdrein gelaufen.
Als sie bei ihren Eltern anlangten, hatten diese schon den Kutscher losgeschickt, die Kutsche zu holen und unterhielten sich freundlich mit dem Pfarrer
„Einen schönen Guten Morgen wünsche ich, Pater.“, begrüßte Ramón den Priester und auch Julio deutete eine Verbeugung an, die der Gottesdiener ehrfürchtig erwiderte. Ihre Eltern stellte sie dem Mann vor und gingen dann wieder auf das Gespräch, das sie kurzweilig abgebrochen hatten, ein.
Ramón sah sich gelangweilt auf dem Kirchplatz um. Diese gesellschaftlichen Konversationen hatten ihn schon immer angeödet, wie er Julio immer zu erzählen pflegte. Der Ältere behielt ihn aus den Augenwinkeln heraus im Blick und als sich ein Grinsen über das Gesicht des Größeren stahl, wandte er ihm gänzlich das Angesicht zu und raunte, dass nur Ramón es verstehen konnte: „Du solltest nicht so grinsen, wenn sie über die Beerdigung Tante Maries sprechen, sonst fliegst du noch auf. Was hast du denn eigentlich entdeckt?“ Ramón nickte zur gegenüberliegenden Seite des Platzes und wisperte: „Da ist die Hure von eben und sie scheint sich mit einer Kollegin über uns zu unterhalten, denn sie schauen beide her.“ Kaum hatte er das gesagt, kniff er die Augen zusammen, als könne er so besser sehen und fügte erstaunt hinzu: „Nein, warte, die Eine kenne ich. Sie heißt, so weit ich mich erinnern kann, Emilie, ist Französin – einen süßen Akzent hat die – und arbeitet im Rosa Cama.“ Nun folgte Julio dem Blick seines Bruders und stellte erstaunt fest, dass die dunkelhaarige, junge Frau Carmen war.
„Das ist sie! Die Hure von der ich dir erzählte.“, flüsterte er fassungslos. Gerade wollte er zum Gruße die Hand heben, da machte sie auf dem Absatz kehrt und lief, sodass man die Hälfte ihrer Waden sah, vom Platz in Richtung des Rio de la Platas.
Gekränkt und zugleich leicht erregt durch diese Aussicht auf ihre Beine sah er ihr nach, um sich dann von seinem Bruder auf die Schulter klopfen und sich sagen lassen zu müssen: „Nun ja, offensichtlich warst du nicht annähernd so gut wie sie…“ Ein giftiger Blick seitens Julio durchbohrte ihn, worauf er gleichgültig die Achseln zuckte und hinzufügte: „Lass uns heute noch einmal hingehen; meine Lenden sehnen sich nach der Hingabe einer erfahrenen Französin und dann kannst du der Kleinen beweisen, dass du doch nicht so schlecht bist.“
Die Kutsche fuhr vor und bevor die Beiden als letzte einstiegen, hielt Julio seinen Bruder kurz zurück und flüsterte: „Geh du lieber alleine. Ich fühle mich heute nicht besonders und sollte mich lieber schonen, bevor mich die Grippe erwischt.“ Ramón zuckte wieder nur mit den Schultern und stieg schließlich ein, gefolgt von Julio, hinter dem der Kutscher die Tür schloss.
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Nun ist auch dieses Kapitel zu Ende *schnüffz* ich hoffe, es hat gefallen (auch wenn mal wieder kein Mensch das liest uû *suefz*).
lG *Kekse verteil* Terrormopf^^
Der vierte Tanz
Nun folgt also auf das dritte Kapitel das vierte; welch unerwartete Wendung des Geschehens xD
Sorry, ich hab wieder meine fünf Minuten (Die sich bei mir auch oft auf den Rest des Tages ausdehnen können) Aber mit sowas unwichtigen möchte ich euch ja nicht nerven^^
Zum Kapitel:
Es gibt tatsächlich eine kleine Wendung und ich hoffe, ihr steinigt mich nach dem kapitel nicht >__<"
Dieses Kapitel wurde sogar Beta-gelesen, von meinem lieben Höllenfeuerengelchen *es an dieser Stelle grüßt und sich bedankt* Also wenn ihr noch Fehler entdeckt, dann lyncht sie, nicht mich :D (Btw, wenn das irgendwer wagt, bekomt es mit mir zu tun!! Ò__Ó)
Viel Spaß also mit dem vierten Tanz!
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Ein Abend wie jeder; eine Nacht wie jede.
Als sie so nah neben diesem ihr doch so fremden Mann lag, dachte sie, wie so oft, an jene Nacht, in der Julio sie in seinen Armen gehalten hatte und sie seinen Herzschlag gespürt hatte. Seit diesem Erlebnis waren nun fünf Wochen vergangen, in denen sie Julio Sangre nicht mehr gesehen hatte. Sie seufzte bitter und erinnerte sich nur zu gut daran, wie er sie auf der Tanzfläche geführt hatte und wie seine geschmeidigen Bewegungen ihr imponiert hatten.
Aber er hatte es nicht für notwendig befunden, sie darüber zu unterrichten, dass er ein Prinz war. Es machte sie zornig. Hätte sie das gewusst, wäre sie ganz anders mit ihm umgegangen, aber er hatte sie in dem Glauben gelassen, er sei lediglich ein Mann der oberen Mittelschicht; für sie zwar auch nicht zu erreichen, aber immer noch greifbarer als der Sohn des Herzogs von Palermo.
Der Mann neben ihr erhob sich und drückte ihr, als er zu seinen Kleidern gegangen war, ein Säckchen mit Geldstücken darin in die Hand. Schnell warf sie einen Blick hinein und als sie es für genug befand, begann auch sie sich wieder zu bekleiden.
Seufzend saß sie neben Emilie und starrte abwesend aus dem Fenster, gegen das dicke Regentropfen trommelten. Hin und wieder durchzuckte ein Blitz die dichte Wolkendecke, dem ein grollender Donner folgte.
„Was ist denn eigentlich mit dir los? Seit über einem Monat bläst du nun schon Trübsal und weist fast jeden zweiten Freier ab. Nein, nein, meine Liebe, so kann das mit dir nicht weitergehen!“ Die Französin runzelte die Stirn und sah ihre Freundin durchdringend an. Erstaunt hob Carmen die Augenbrauen und entgegnete gezwungen lächelnd: „Weswegen sollte ich denn niedergeschlagen sein? Mir geht es nur gerade gesundheitlich nicht so gut; ich bin etwas angeschlagen, musst du wissen.“ Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf darüber, dann schwiegen sie erneut.
Nach einiger Zeit wandte sich Carmen erneut vom Sturm ab und schluchzte, sich gegen Emilies Brust werfend: „Ach, ich vermisse ihn so sehr!“
„Na endlich.“ Hörte sie ihre Freundin mit warmer Stimme seufzen.
„Aber das ist so töricht!“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und dicke, heiße Tränen flossen ihre Wangen hinunter. „Ich habe einmal mit ihm getanzt, ihn noch nie zuvor in meinem Leben gesehen! Außerdem hätte ich bei einem Prinzen niemals auch nur den Hauch einer Chance, wieso vermisse ich diesen Mann dann so sehr?“ Die Französin hatte die Arme um sie gelegt und streichelte ihr beruhigend über den Rücken, sagte aber nichts darauf, weil Carmen sich im nächsten Moment aus der Umarmung befreite, Emilie fest in die Augen sah und sich ihre Frage selbst beantwortete: „Warum muss ich mich ausgerechnet in diesen reichen Schönling verlieben? Das ist so unsinnig!“
„Das Herz wählt, wen es wählt, auch wenn es dir noch so unsinnig erscheint. Einmal, in Frankreich, da habe ich mich auch in einen jungen Edelmann verliebt.“, erzählte Emilie und ein melancholisches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Carmens Augen blitzten auf und sie fragte hoffnungsvoll: „Und? Hast du ihn bekommen?“ Traurig schüttelte Emilie den Kopf. Die Augen der Jüngeren füllten sich erneut mit Tränen. Bitterlich heulte sie auf und barg das Gesicht mit gekrümmten Rücken in ihren Händen. Hastig nahm die Französin sie wieder in ihre Arme und sagte: „Nun wein doch nicht gleich wieder, Chérie, ich wollte dir damit nur sagen, dass das vorbeigeht; es schmerzt nur für den Moment.“
„Aber es tut so weh! Es ist, als zerreiße es mir mein Herz. Obwohl es doch so dumm von mir ist… Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn einmal gesehen und weiß nichts von ihm, außer dass er der Prinz Julio Sangre ist, Sohn und Erbe des Herzogs von Palermo.“
Am selben Abend war Julio im Zimmer seines Bruders, stand vor der Balkontür und sah auf das Gewitter. Ramón saß auf seinem riesigen Bett, hatte sich eine Pfeife angezündet und fragte übellaunig: „Warum musste ich das hübsche Mädchen jetzt wegschicken, wenn du doch ohnehin nur aus dem Fenster starrst; das hättest du auch in deinem Zimmer tun können und ich hätte mich hier mit dem Mädchen amüsieren können.“ Der Dunkelhaarige verschränkte die Hände hinter dem Rücken und drehte sich mit todernstem Gesicht um. Er sog die Luft ein und sagte: „Ich glaube, ich habe mich verliebt.“ In dem Moment erhellte ein Blitz den Himmel und der Donner grollte gefährlich.
Im nächsten Augenblick musterte Ramón ihn ungläubig, dann schüttelte er den Kopf und schließlich lachte er schallend. „Du hast dich verliebt? Na das ist ja wunderbar; lass es uns gleich Mutter und Vater erzählen!“
„Nein!“, rief Julio hastig, als sein Bruder schon aufgesprungen war. Der Hellhaarige drehte sich zu ihm um, bedachte ihn mit einem skeptischen Blick und endlich fragte er: „Warum?“ Julio scharrte nervös mit der Ferse auf dem Fußboden, dann druckste er: „Nun ja, ich glaube, dass sie den Vorstellungen unserer Eltern nicht ganz entspricht.“
„Du glaubst heute Abend ja ziemlich viel.“ Ramón hob die Augenbrauen und wartete auf eine Erklärung. Julio war um diese jedoch sehr verlegen und suchte nach den richtigen Worten. Nachdem Ramón ihn aber nur auffordernd ansah, setzte er sich in einen Sessel und seufzte schwer.
„Weißt du noch, als wir vor ein paar Wochen vor der Kirche standen und du mir von den Huren erzählt hast?“, begann der Dunkelhaarige und sein Bruder nickte stumm. „Diese eine, die sich so geräkelt hat, dass man sogar ihre Waden sehen konnte; erinnerst du dich an sie?“ Erneut nickte Ramón mit ernstem Gesicht. „Die ist es.“ Als hätte er gerade einen 800-Meter-Lauf absolviert lehnte er sich zurück und atmete tief durch.
Ramón starrte ihn einige Sekunden mit offenem Mund an, dann begann er schallend zu lachen und prustete: „Nein! Ich hätte dir das gerade fast geglaubt! Du bist doch wirklich einer…“ Als Julio ihn jedoch weiterhin ernst ansah und keine Miene verzog, stockte der Größere und fragte leise: „Das war dein Ernst? Du nimmst mich nicht auf den Arm?“ Nun war Julio derjenige, der schweigend nickte.
Offenbar suchte Ramón nach den richtigen Worten, denn immer wieder öffnete er den Mund, als wollte er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder unverrichteter Dinge. Als ihm scheinbar nichts anderes einfiel, fragte er: „Und nun?“ Julio zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Darum bin ich hier: Wie kann ich sie aus meinen Gedanken verbannen?“ Die nächste Minute schaute sich Ramón nachdenklich im Zimmer um, schließlich sah er wieder zu Julio und sagte zögerlich: „Geh wieder zu ihr.“
„Was?“ Die Augen Julios weiteten sich und er schüttelte ungläubig den Kopf. „Was meinst du denn damit?“
„Na dass du sie noch einmal ran nehmen sollst…“
„Aber warum das denn?“ Ramón rollte mit den Augen und entgegnete: „Na warum wohl? Weil du es kannst!“
„Aber das geht doch nicht!“
„Wieso sollte das nicht gehen? Dich zu lieben ist ihr Beruf.“ Einen Moment lang überlegte Julio, es wirklich so zu machen, doch er schüttelte vehement den Kopf und sagte: „Das bringt mir aber nichts, da könnte ich mir jedes Weib nehmen.“
„Das ist ja gerade das Schöne am Mann-Sein, du kannst dir jederzeit ein Weib nehmen und dann auch noch wählen.“
„Im heiligen Bund der Ehe wird das aber auch anders…“
„Ach, sei doch ruhig! Dir ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Wenn du nicht zu der Hure willst, dann bleib ihr halt fern und nun lass mich in Frieden, ich will schlafen.“ Seufzend verließ der Ältere den Raum. Das Gespräch hatte ihm rein gar nichts gebracht, schließlich hatte er das nun schon fünf Wochen lang versucht und es hatte damit geendet, dass sie jede Nacht in seinen Träumen erschien.
Vor der Tür ging eine Sklavin unruhig auf und ab. Julio hielt inne, sah sie einen Moment lang an und fragte schließlich: „Was machst du hier? Hast du nichts zu tun?“ Der Hochmut in seiner Stimme, als er mit ihr sprach, war nicht zu überhören. Das Mädchen schrak auf, lächelte ihn dann an und sagte: „Don Julio, welche glücklicher Zufall; zu Euch wollte ich gerade. Eure Mutter verlangt nach Euch.“ Verwundert hob er die Augenbrauen und fragte: „Meine Mutter? Was will die denn schon wieder von mir?“ das Mädchen zuckte nur mit den Schultern und begleitete ihn, als er schnellen Schrittes in das Schlafzimmer seiner Mutter lief. Um diese Uhrzeit war ihre Migräne immer am schlimmsten und für gewöhnlich hasste sie es, wenn irgendjemand sie störte. Vorsichtig klopfte er an und wunderte sich, als er mit einem herzlichen „Herein“ willkommen geheißen wurde. Die Vorhänge waren zurückgezogen und die Fenster geöffnet, sodass ein kühler Windhauch hineinströmte und der Geruch des Regens das Zimmer erfüllte und die Flammen der Kerzen in den Haltern zum Flackern brachte.
An dem kleinen Tisch in der hinteren Ecke saß seine Mutter bei einem Glas Wasser mit einer jungen Frau beisammen. Die beiden Frauen drehten sich zu ihm um und den fast schon ängstlichen Blick der Fremden ignorierend, verbeugte er sich und fragte mit geneigtem Haupt: „Ihr ließt nach mir rufen, Mutter?“ Diese winkte ihn zu sich heran und erklärte freudestrahlend: „Julio, mein liebster Sohn, endlich bist du da. Ist es nicht ein scheußliches Wetter heute?“
„Ja Mutter, da habt Ihr vollkommen Recht.“ Wenn seine Mutter trotz des schlechten Wetters so gut gelaunt war, konnte das nichts Gutes für ihn verheißen. Und was hatte es mit dieser jungen Frau, die ihn so schüchtern anlächelte, auf sich?
„Komm doch und setz dich zu uns, Julio, ich muss dir jemanden vorstellen.“
„Es wird sich wohl um die Señorita handeln; einen schönen Tag wünsche ich, mein Name ist Julio Sangre, es ist mir eine Ehre Eure Bekanntschaft zu machen.“ Er kam auf sie zu und ergriff ihre Hand, diese zu küssen und sich zu verbeugen. Hastig stand sie auf und knickste verlegen. Seine Mutter lachte herzhaft auf und sagte: „Julio, das ist Esperanza Maladie, deine Verlobte.“ Die Gesichtszüge des jungen Mannes entgleisten und fassungslos starrte er auf seine Mutter. „Meine… was?“, fragte er und sah wieder zu der jungen Frau, deren Hand er immer noch hielt.
„Deine Verlobte, mein Lieber, komm und setz dich zu uns, dass ihr euch ein wenig näher kennen lernen könnt. Und gib Acht, dass du ihre Hand nicht zerdrückst.“ Wie von der Tarantel gestochen ließ er die Hand Esperanzas los und ließ sich, noch immer fassungslos, auf den dritten Stuhl sinken.
„Meine Verlobte.“, sagte er abwesend zu sich selbst und starrte auf den Tisch.
„Ach, mein lieber Junge“, begann seine Mutter. „Sie ist eine reizende junge Dame. Nun wirst du doch noch heiraten, bevor du 25 wirst, dein Vater und ich hatten uns schon Sorgen gemacht, ob wir noch eine geeignete Frau für dich finden und Esperanza ist geradezu perfekt. Am Besten setzt ihr euch jetzt in den Salon und lernt euch näher kennen. Ich möchte mich hinlegen, denn meine Migräne kommt zurück und droht meinen Kopf zu sprengen…“ Prompt erhob sich Esperanza und knickste höflich. „Jawohl, Doña Sangre.“
„Oh, nenn mich ‚Mutter’. Julio? Was ist mit dir?“ Der Angesprochene schien aus einer Trance zu erwachen, schüttelte leicht den Kopf, erhob sich aber und verbeugte sich tief. „Wie Ihr wünscht, Mutter. Erholt Euch gut.“ Damit drehte er sich um und verließ, Esperanza im Schlepptau, das Zimmer geradezu fluchtartig.
„Wie alt seid Ihr?“, fragte er, als sie auf dem Flur waren.
„20.“, sagte sie kurz angebunden und als er gerade etwas darauf erwidern wollte, fiel sie ihm hastig ins Wort: „Es macht mir aber wirklich nichts aus, dass Ihr fast fünf Jahre älter seid als ich, Don Julio. Um ehrlich zu sein sind mir die Männer in meinem Alter viel zu kindlich.“
„Woher wollt Ihr wissen, dass ich reifer bin?“, unterbrach er sie, als sie in den Salon eintraten.
„So etwas sieht man.“, erklärte sie und ließ sich auf das Sofa nieder, als er es ihr anbot.
„Ach?“ Auch er setzte sich auf dasselbe Sofa, allerdings sehr darauf bedacht so viel Platz wie möglich zwischen ihnen zu lassen.
„Ja.“, fuhr sie fort. „Man sieht es an Euren Gestiken, der Eleganz Eurer Schritte und den klaren Zügen in Eurem Gesicht.“
„Habt Ihr das alles eben bemerkt?“, fragte er und war etwas erstaunt, ob ihrer Schwärmerei. Daraufhin kicherte sie leicht und erwiderte: „Aber nein, ich sah Euch schon auf dem Ball vor einigen Wochen. Und schon da…“ Sie brach ab und errötete kaum merklich, was sie dazu bewegte ihren Fächer zu zücken und ihre Wangen elegant dahinter zu verstecken. Verwundert blinzelte Julio und forderte sie auf: „Bitte, sprecht doch weiter. Was war schon auf dem Ball?“ Er merkte nicht, dass er sie damit noch mehr in Bedrängnis brachte. Ungeschickt druckste sie herum, doch schließlich brachte sie auf seinen fragenden Blick hin heraus: „Schon da habe ich mich ein klein wenig in Euch… verliebt.“
„In mich verliebt?“, wiederholte er ihre Worte ungläubig, seinen Ohren nicht ganz trauend. Erlaubte sich dieses Fräulein etwa einen Spaß auf seine Kosten? Skeptisch musterte er sie. Sie nickte verlegen, sagte aber nichts darauf, woraufhin eine unangenehme Stille zwischen den Beiden ausbrach.
Dieses Mädchen sollte er heiraten. Mit diesem Mädchen sollte er den Rest seines Lebens verbringen. Es war ihm nahezu unheimlich, wenn er daran dachte, dass er in nicht allzu langer Zeit Morgen für Morgen neben ihr aufwachen würde; seine Gedanken schweiften zu Carmen. Wäre es ihm lieber, wenn es sich um sie drehen würde? Wenn auch nur um ein Geringes, er kannte Carmen besser als das brave, schüchterne Mädchen, das hier neben ihm saß. Die beiden Frauen schienen sich zu gleichen wie Nacht und Tag. Esperanza war ein hübsches Mädchen, das stets tat wie ihr geheißen; Carmen dagegen war heißblütig und konnte schon mal aufbrausend werden, wenn ihr etwas nicht gefiel. So schätzte er die beiden zumindest ein.
„Mein Vater spricht gerade mit Eurem Vater die Details der Hochzeit ab. Ich hoffe, dass die Vermählung so schnell wie möglich eintrifft.“, riss ihn Esperanza aus den Gedanken. Ihre Stimme war so anders als die Carmens. Sie hatte etwas Unschuldiges, Kindliches an sich, wohingegen Carmens sinnlich tief lag. Julio nickte nur, immer noch nicht wieder fähig zu sprechen. Die Details? Was verstand man unter den ‚Details’? So Sachen wie Mitgifts, Daten der Bekanntgabe der Verlobung, der Verlobungsfeier und der Hochzeit? Oder waren es andere Dinge? Vielleicht wie viele Kinder sie mindestens haben sollten?
Kinder? Eine Ehe erforderte Kinder von ihm! Schreiende kleine Bälger, die dieses unschuldige Wesen, das hier neben ihm saß, ihm gebären sollte…
Er steigerte sich weiter in diese panischen Gedanken hinein und merkte so gar nicht, wie Esperanza ihn beobachtete und dass sein immer weiter entgleisender Blick ihr natürlich nicht entging. Mit traurigem Gesicht fragte sie ihn schließlich: „Ist es Euch so zuwider mich zu ehelichen? Ist es für Euch eine solch grausame Vorstellung mit mir ein Bett zu teilen? Dann tut es mir leid, dass ich meinen Vater dazu überredete.“ Als er in ihre traurigen, großen Augen sah, schämte er sich etwas.
„Nein, nein… So ist es wirklich nicht, es ist nur, dass mich diese Botschaft so überraschend trifft und schließlich verändert das mein- unser ganzes Leben.“ Unser. Würde er von jetzt an immer ‚unser’ sagen müssen?
Sie seufzte, schien aber nicht erleichterter sondern sagte: „Ich muss mich wirklich bei Euch entschuldigen. Ich hätte wissen sollen, dass ein Mädchen wie ich Euch nicht interessiert. Ich bin weder besonders schlau, noch besonders hübsch; an mir ist wahrlich nichts, was auf Männer anziehend wirken könnte.“ Sie wollte aufstehen und aus dem Zimmer stürzen, doch er hielt sie am Handgelenk fest. Durch diese so persönliche Geste errötete Esperanza und versteckte das Gesicht gleich darauf wieder hinter ihrem Fächer. Julio ließ sich dadurch nicht einschüchtern, und entgegnete, ihr fest in die Augen schauend: „Ihr versteht mich völlig falsch. Es liegt nicht an eurem Gesicht, das nebenbei bemerkt sehr hübsch ist, oder gar an Euren weiblichen Rundungen.“ Julio errötete leicht, weil er damit zugegeben hatte, dass er sie auf eine lüsterne Art gemustert hatte und auch auf Esperanzas Wangen legte sich ein Hauch Rot an. „Es überrumpelt mich gerade wirklich. Und Ihr? Seid Ihr Euch denn sicher, dass Ihr den Rest Eures Lebens mit einem Mann wie mir verbringen wollt?“ Die junge Frau nickte bestimmt und erklärte: „Ich verbringe lieber mit einem Mann wie Euch mein Leben, als mit einem ungehobelten Flegel oder niemandem.“
„Also bin ich eine Art Notlösung?“, fragte Julio verwirrt und hatte die Hand Esperanzas, die noch immer in seiner lag, schon wieder vergessen - schon das zweite Mal. Erschrocken schüttelte sie den Kopf und sagte hastig: „Nein, ganz und gar nicht, Don Julio. Bitte versteht mich nicht falsch. Wie ich bereits sagte, habe ich Euch das erste Mal auf dem Ball Eurer Eltern vor einigen Wochen gesehen. Damals traute ich mich nicht, Euch anzusprechen, schließlich ward Ihr zu jeder Zeit von Damen umringt und später fand ich Euch nicht mehr.“ Er wusste, warum sie ihn nicht hatte finden können, schwieg aber und hörte sie zu Ende an. „Euer charmantes Lächeln hat mich wahrlich betört und es stört mich kaum, dass ihr keine Perücke tragt, oder Euch nicht schminkt, auch wenn ich sehr konservativ erzogen wurde und meine Eltern es bemängelten, als ich Ihnen von meiner Bitte erzählte. Bitte weist mich nicht zurück, ich werde Euch ein gutes Weib sein, das verspreche ich.“
„Das glaube ich Euch gerne, Señorita Maladie, nur gibt es da das Problem, dass ich…“
„Bruderherz!“ Die Flügeltüre des Salons wurde aufgerissen und Ramón platzte herein, Julio unterbrechend. „Wie hast du das angestellt? Vater hat es mir gerade erzählt! Dass du es schaffst unsere Eltern von einer Hochzeit mit einer…“ Er stockte und sah auf Esperanza.
„Wer ist das denn?“, fragte er ungehobelt. Nun griff Julio ein und tadelte seinen Bruder: „Ramón, ich bitte dich! Wo ist deine gute Erziehung? Die reizende junge Dame hier neben mir ist Esperanza Maladie; die zukünftige Doña Sangre.“ Er konnte sehen, wie sie errötete, aber es zu leugnen hatte ohnehin keinen Zweck gehabt und so machte er gute Miene zum bösen Spiel.
„Das ist deine Verlobte? Aber ich dachte…“, setzte Ramón an, doch der Dunkelhaarige räusperte sich warnend. Dass seine Liebe zu dieser Hure ans Tageslicht kam, war das Letzte, was ihm lieb war. Ramón sah enttäuscht aus, doch er fasste sich schnell wieder und trat auf die junge Frau zu.
„Wenn ich wohl um ihre Hand bitten dürfte.“, sagte er an Julio gewandt, der sich erst jetzt wieder gewahr wurde, dass er Esperanzas Hand noch immer hielt. Dieser ließ die Hand abrupt los und seine Ohren wurden leicht rötlich, woraufhin ihn sein Bruder angrinste, bevor er die Hand Esperanzas selbst ergriff, sie beinahe mit seinen Lippen berührte und sich verbeugte, als er sagte: „Es ist mir eine außerordentliche Ehre die Bekanntschaft einer solch wunderschönen Frau zu machen, die mein Bruder bald sein Eigen nennen kann; er ist wahrlich zu beneiden.“
„Ramón!“, rief Julio empört aus. Er wusste genau, dass sein Bruder sich einen Spaß daraus machte, junge, unbefleckte Frauen auf diese doch sehr galante Weise zu verführen und war jedoch sehr entrüstet, dass Ramón nicht einmal vor seiner Verlobten Halt machte. „Ich bitte dich! Halte deine Hormone im Zaum, wenigstens im Angesicht meiner Verlobten.“ Er betonte es, als hätte er Angst, Ramón hätte sie wirklich verführen können. Dieser lachte allerdings auf und entgegnete, sich wieder aufrichtend: „Mein lieber Bruder, ich werde meiner Schwägerin doch noch ein Kompliment machen können. Außerdem bin ich nur hergekommen, weil ich eigentlich noch einmal mit dir reden wollte.“
„Ach?“ Er sah seinen Bruder verwundert an und fragte: „Was gibt es denn?“
„Unter vier Augen.“, raunte Ramón ihm zu, einen Seitenblick auf Esperanza werfend. Etwas erstaunt nickte der Dunkelhaarige.
„Meine liebe Señorita Maladie, aber ich entführe Euch meinen Bruder für diesen Abend, denn er hat mir schon vor geraumer Zeit versprochen, ihn mit mir zu verbringen.“, sagte Ramón mit einem galanten Lächeln an Esperanza gewandt. Was sollte das denn? Wann hatte Julio ihm denn versprochen, den Abend mit ihm zu verbringen? Insofern er sich erinnern konnte, hatte er ihm eher versprochen, ihn diesen Abend nicht mehr zu nerven. Dennoch erhob sich der Ältere und verabschiedete sich gebührend von der jungen Dame, die er nun noch so oft in seinem Leben sehen sollte.
Als Ramón die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, herrschte er seinen Bruder kurz angebunden an: „In dein Zimmer!“ und ohne drauf zu warten, dass dieser sein Einverständnis gab setzte sich der Größere in Bewegung.
Hinter ihnen schlug er die Tür ins Schloss und brüllte Julio an: „Verlobt? Ich glaub es ja nicht! Wie kommst du auf die Idee dich mit einem Mädchen zu verloben, nur weil du die Hure nicht kriegst? Bist du denn völlig von Sinnen?“ Er schritt zornig im Zimmer auf und ab und fuhr seinen Bruder weiterhin an: „Du kannst nicht mehr bei Sinnen sein! Dieses Frauchen, das da im Salon sitzt, woher kennst du sie?“
„Mein lieber Ramón.“, begann der Angesprochene auf ihn einzureden und setzte sich auf einen der drei Polsterstühle. „Als allererstes frage ich mich wirklich, warum du dich so aufregst, schließlich ist es mein Leben. Und des Weiteren kann ich dich teilweise beruhigen. Diese Verlobung war keineswegs mein Entschluss, sondern der Esperanzas, sie hat ihren Vater gebeten, um meine Hand anzuhalten.“ Ihn ungläubig musternd blieb Ramón stehen und fragte: „Sie hat um deine Hand angehalten?“ Er schüttelte den Kopf. „Was ist das denn für ein Mädchen? Ich weiß nicht, ob das noch als avantgardistisch oder einfach nur noch als verquer durchgeht, wenn die Frau um die Hand des Mannes anhält. Stell dir vor, das würde publik! Mein Gott, was hat Vater nur dazu gebracht, diese Verlobung zu bewilligen? Die größte Mitgift der Welt hätte mich nicht so tief sinken lassen. Wäre ich dein Vater, Julio…“ Nun konnte Julio sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Und auf Ramóns entgeisterten Blick hin, erklärte er, immer noch kichernd: „Jetzt verkündet mein wohlgemerkt jüngerer Bruder schon, was er täte, wäre er denn mein Vater. Mein lieber Bruder, mach dir keine Sorgen um mich, das Mädchen ist doch eigentlich sehr nett.“ Auch Ramón lachte auf und entgegnete: „Gut, du magst Recht haben, dass ich übertreibe, wenn ich dir sage, was ich täte, wäre ich unser Vater, aber ich kann dir sagen, was ich als dein jüngerer Bruder tue.“ Er kam langsam auf Julio zu. „Weißt du, was ich schon immer von dir wollte?“ Er kam immer näher und als er kurz vor ihm stehen blieb, beugte er sich zu seinem Bruder hinunter und hauchte in dessen Ohr: „Und was du mir bisher nie gegeben hast?“ Der Atem des Dunkelhaarigen stockte und sein Herz raste in seiner Brust. Was sollte das werden? Was würde Ramón ihm jetzt sagen?
„Eine Kneipentour! Und heute Abend kommst du mit, Brüderchen! Da gibt es keine faulen Ausreden und am Schluss gehen wir zusammen ins Rosa Cama, dann kannst du es der Hure die ganze Nacht lang besorgen.“
„Herrgott, Ramón! Du hast mich zu Tode erschreckt!“, blaffte Julio seinen Bruder an und stieß ihn von sich, stand auf und fuhr fort, wenn auch etwas ruhiger: „Außerdem bin ich jetzt verlobt.“
„Na und?“, fragte dieser und zuckte die Achseln. „Nur weil du verlobt bist, heißt das noch lange nicht, dass du keusch sein musst, wie der Pfaffe, den ich letzte Woche übrigens auch in einem dieser Häuser getroffen habe.“ Ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel, als er das sagte. Julio schüttelte nur den Kopf, seufzte aber schließlich resignierend: „Ich habe es dir ja wirklich schon oft versprochen und noch nie gehalten also lieber, wenn ich noch verlobt bin, als wenn ich schon verheiratet bin.“
„Das ist die richtige Einstellung, Bruderherz!“ Er klopfte dem Dunkelhaarigen auf die Schulter. „Aber pass auf, dass du nicht zu viel säufst, sonst kriegst du nämlich keinen mehr hoch…“
„Danke für den Tipp.“, murmelte Julio. Die Offenherzigkeit mit der sein Bruder mit solchen Dingen umging, machte ihn immer verlegen.
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Hat Esperanza euch überrascht? Mich auch... Dass das schüchterne Ding es sich traut einfach jegliche Regeln des 'um die Hand anhaltens' zu jener Zeit auf den Kopf stellt...
OMG, da bemerke ich auch wieder, dass ich meine Geschichte nicht mehr schreibe, sondern mehr lese und die Charaktere ihr eigenleben entwickeln u__u
Also danke für's Lesen, lG Terrormopf^^
Der fünfte Tanz
Nach langer Zeit folgt nun der fünfte Tanz ^__^
An dieser Stelle möchte ich nochmal meinem Höllenfeuerengelchen danken, dass mir so brav Beta-list :D Du bist ein Schatz *knuddel*
Und ich möchte Marie Oehler noch grüßen xDD Die konnte es nämlich kaum erwarten, dass dieses Kapitel hochgeladen wird und hat schon angefangen in Mathe (!) mein Manuskript zum nächsten Kapitel zu lesen (tja... in Chemie hatte ich ja immer meine kreativste Phase, aber da wir jetzt Herrn Gäng haben und ich es nach diesem Jahr garantiert abwähle fällt diese Schreibzeit aus... dann muss eben Mathe herhalten; genauso unwichtig >D)
Liebe Marie: Auf dass du mich weiterhin davon abhältst in Chemie irgendwas Anderes zu machen; dieses Kapitel widme ich dir :D
Und nätürlich wünsche ich auch allen anderen viel Spaß ^__^
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Carmen lauschte der Musik und sah den Tänzern zu, die sich mit bebenden Körpern über die Tanzfläche bewegten und an nichts dachten als an den Tanz, die Musik und die Leidenschaft. Neben ihr saß Emilie und redete sanft auf sie ein. Die Jüngere fühlte sich überhaupt nicht in der Stimmung dazu auch nur einen Freier an diesem Abend zu empfangen; zu tief saß der Schmerz in ihrem Herzen.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und zwei junge Männer traten ein, fast die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Der eine hatte helles Haar, der andere dunkles. Carmen erkannte die Beiden sofort wieder und wich erschrocken zurück.
Julio und Ramón hatten schon mindestens drei Flaschen Rum vernichtete und waren daher nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Und jetzt standen sie hier, lachend und feixend, im Rosa Cama. Die Musik spielte unaufhörlich und die Paare begannen wieder zu tanzen. Julio hielt inne und sah sich in dem verrauchten Raum um. Als er Carmen entdeckte ließ er seinen Bruder links liegen und ging, schon stark schwankend, auf sie zu. Vor ihr kniete er sich hin und rief, über die Musik hinweg: „Carmen! Meine Liebe! Wie habe ich dich vermisst!“
„Wie viel habt Ihr getrunken?“, war die erste Reaktion auf diesen Ausruf seinerseits, die ihr in den Sinn kam. Julio ergriff ihre Hand und lallte: „Oh, lediglich ’n wenig Rum, meine Liebe.“ Im nächsten Augenblick schwankte er allerdings gefährlich, sodass sie ihn an den Schultern festhalten musste, damit er nicht umfiel. Sie warf Emilie einen vielsagenden Blick zu, woraufhin sich diese seufzend erhob und meinte: „Geh du mit ihm in deine Kammer, ich kümmere mich um seinen reizenden Bruder…“ Carmen musste grinsen, als ihre Kollegin das so gespielt missgelaunt von sich gab, denn sie hatte nicht vergessen, wie die Französin von dem Hellhaarigen geschwärmt hatte, als er das letzte Mal ihr Bett aufgesucht hatte. Doch Julio, der irgendwelche unverständlichen Sachen brabbelte, riss sie aus ihren Gedanken. So erhob sie sich auch, half ihm ebenfalls auf, legte sich seinen Arm um ihre Schultern und führte ihn hinauf in ihr kleines Kämmerchen.
Dort legte sie ihn keuchend auf dem Bett ab. Es war eine ganz schöne Arbeit gewesen ihn hier hinauf zu bringen, denn so stark wie er geschwankt hatte, hatte sie unweigerlich mitgeschwankt und sie wären zweimal beinahe das steile Treppchen hinuntergestürzt. Aber sie hatte es geschafft und nahm selbst auf dem Schemelchen dem Bett gegenüber Platz und musterte den Mann, der da sturzbetrunken in ihrem Bett lag, betreten. Wieso hatte er das getan? Er brabbelte weiter irgendwelches zusammenhangloses Zeug vor sich hin, doch sie beachtete es nicht weiter. Auf einmal richtete er sich jedoch auf, hielt sich die Hand vor den Mund und keuchte: „Oh Gott!“
Als wüsste sie, was jetzt kam, sprang sie auf und rannte in eine Ecke ihres Zimmers, dort den Eimer zu holen. Diesen gab sie ihm noch gerade rechtzeitig, denn im nächsten Moment hatte er sich darüber gebeugt und übergab sich mit grässlichen Würgegeräuschen. Als es gerade besser wurde, sah er auf und keuchte: „Es tut mir so Leid!“
„Was tut dir Leid? Dass du besoffen bist? Glaub mir, da bist du nicht der Erste, nicht umsonst habe ich den Eimer in meinem Zimmer stehen…“
„Nein!“ Er schüttelte penetrant den Kopf. „Meine Eltern haben mich verlobt!“ Daraufhin schwieg sie. Was ging es sie an, wenn er sich verlobte? Ihr sollte es egal sein, schließlich war es der Lauf der Dinge.
Nur leider war es ihr nicht egal, denn als er es sagte, japste sie nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und ihre Gedanken rasten, wodurch ihr im nächsten Moment auch noch der Kopf wehtat; zusätzlich zu den stechenden Schmerzen, die sie in der linken Seite ihrer Brust peinigten. Doch zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte dann: „Wie schön für Euch, das freut mich.“ Und wie es sie freute; es freute sie so sehr, dass sie beim Gedanken an das Frauenzimmer, an das er versprochen war, am liebsten aufgesprungen wäre, zu ihr hingelaufen und ihr die Augen ausgekratzt hätte. So sehr freute sie diese Nachricht.
„Nein, es ist schrecklich!“, rief Julio plötzlich auf. „Ich wollte mich doch mit dir verloben, wenn ich meine Eltern überzeugt hätte!“
Es traf sie wie ein Schlag. Empfand er etwa das Gleiche für sie wie sie für ihn? Hatte er sich in dieser einen Nacht etwa auch in sie verliebt?
„Du wolltest dich mit mir verloben?“, fragte sie ungläubig und sah ihn skeptisch an. Stürmisch nickte er.
„Musst du dich noch einmal übergeben?“, fragte sie. Das Thema war ihr unangenehm und sie tat alles um davon wegzukommen.
„Nein.“, antwortete er leise. So erhob sich Carmen und ging zum Tisch, auf dem ihr Wasserkrug mit zwei Bechern aus Ton stand. Den einen füllte sie mit Wasser, gab ihn Julio, die Karaffe hatte sie gleich mit ans Bett genommen, und sagte zu ihm: „Hier, spül dir damit den Mund aus und dann trink etwas.“ Brav tat er wie ihm geheißen und spuckte anschließend in den Eimer. Dann trank er den Rest des Wassers in einem Zug aus und hielt ihr fordernd den leeren Becher wieder hin. Sie seufzte und füllte ihn mit Wasser; er gierte nach dem kühlen Nass, dass man glauben konnte, er hätte schon seit Tagen nichts mehr getrunken.
Sie hatte den Eimer wieder in die Ecke gestellt, morgen würde sie ihn leeren und reinigen, und saß nun neben dem schlafenden Julio. Sie hoffte, dass er morgen genug bezahlen konnte, denn einen anderen Freier konnte sie so keinesfalls empfangen. Wie egoistisch dieser Gedanke war, wusste sie natürlich selbst, aber sich eine Strafpredigt des Hurenwirtes anzuhören, darauf war sie wenig erpicht.
Sanft streichelte sie ihm durchs Haar und dann über die Wange. Schon einige Stoppel waren darauf zu spüren, wahrscheinlich hatte er es diesen Morgen nicht für nötig gehalten sich zu rasieren. Nun beugte sie sich zu ihm vor und küsste zärtlich seine Stirn. Daraufhin schmatzte er zufrieden und drehte sich zu ihr hin. Um ihn keinesfalls aufzuwecken unterdrückte sie ein Kichern; hatte sie sich wirklich in diesen Mann verliebt? In diesen Kerl mit seinen kurzen, schwarzen Haaren - so untypisch und unmodisch - mit diesen runden, braunen Augen und diesem herrlich warmen Körper, an den sie sich noch vor fünf Wochen gedrückt hatte? In diesen Mann, der in ein Freudenhaus gekommen war und sie doch nur in seinen Armen gehalten hatte? In diesen Mann, der der Prinz von Palermo war?
Bei diesem Gedanken seufzte sie schwer. Er war verlobt; mit einer Frau, die seiner würdig war.
Wahrscheinlich war sie stinkreich und dazu noch wunderhübsch. Carmen stellte sie sich in Gedanken vor: Sie hatte ein gebärfreudiges Becken, pralle Brüste und eine schmale Taille. Ihre Lippen mussten voll und rot sein, große Augen würden in ihrem Gesicht sitzen und ihre Bewegungen waren mit Sicherheit die elegantesten, die die Welt je gesehen hatte – Katzengleich. Und dann stellte Carmen sich vor, wie das Frauenzimmer Julio aus ihren großen Kulleraugen ansah und sein Name von ihren Lippen glitt, als wäre er ganz und gar ihr Eigen. Sie konnte es vor sich sehen, wie das Weib sich auf seinem Schoß niederließ, ihre Arme um seinen Nacken legte und ihn dann küsste.
Die Hure schauderte und sah wieder auf Julio, der leise aufgeschnarcht hatte. Ob die Frau mit der er verlobt war, wohl wirklich ihren Vorstellungen entsprach? Eigentlich war es ihr einerlei, ganz und gar. Sie verspürte dem Weib, das sich ihren Julio geschnappt hatte, gegenüber nichts als Hass und Verachtung. Niemand anderes außer ihr sollte seine schmalen, aristokratisch geschwungenen Lippen je versiegeln, es stand niemandem außer ihr zu! Sie wollte, dass er ihr Verlobter war, doch noch im selben Moment in dem sie das dachte, schimpfte sie sich selbst eine Närrin. Er war ein Prinz und was war sie? Bestenfalls eine Kurtisane!
Weiter nichts. Nichts als eine Hure.
Wenn es ihr schon nicht vergönnt sein sollte ihn zu lieben, so wollte sie denn wenigstens eine Nacht neben ihm liegen, als wäre sie sein Weib, und am nächsten Morgen wieder neben ihm aufwachen, als wäre sie sein Weib.
So legte Carmen sich ihr Nachtgewand an, schob Julio ein wenig zur Seite und schlüpfte unter die Decke. Er hatte das Bett herrlich vorgewärmt und Carmen rutschte ein wenig näher an ihn heran.
Ob es wohl so war, wenn sie seine Frau wäre? Vielleicht so ähnlich.
Aber wahrscheinlich läge sie dann mindestens einen Meter von ihm entfernt in einem riesigen Himmelbett, dessen schwere Vorhänge alles um sie herum abdunkeln würde.
Von unten drang gedämpft die Musik an ihre Ohren und sie atmete tief durch. Von dem geöffneten Fenster her wehte ein frischer Windhauch herein. Nun drehte sie sich zu Julio um und sah in sein Gesicht. Seine Züge waren geglättet und er wirkte ruhig, entspannt. Bei ihrem letzten Treffen hatte sie ihn nicht so entspannt erlebt und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Schlafen würde sie noch lange nicht, dafür war der Abend noch zu jung, aber sie hätte ihn ohnehin noch stundenlang betrachten können.
Julio tastete vorsichtig mit einer Hand nach dem Etwas, das sich da an sich geschmiegt hatte. Wie war er wieder nach Hause gekommen? Hatte Ramón ihn ins Bett gebracht?
Seine Hand hatten die Konturen des warmen Wesens gefunden und fuhren diese sanft nach. Sie waren kurvig und weich; es waren die einer Frau! Welches Weibsbild hatte es gewagt sich in sein Schlafgemach zu schleichen und sich zu ihm ins Bett zu stehlen? Er ließ seinen Blick durchs Zimmer streifen und stockte. Das war nicht sein Schlafgemach. Definitiv nicht! Es war noch nicht einmal als Zimmer zu beschreiben, mehr als Kämmerchen. Irritiert setzte er sich auf und blickte auf die Frau, die sich nun, seiner Wärme beraubt, unwillkürlich zusammenrollte; wie eine Katze.
Das war Carmen!
Und er befand sich in ihrer Kammer im Rosa Cama!
Wo zum Teufel hatte sein Bruder sich hingeschert? Wieso hatte er ihn nicht nach Hause gebracht? Was war überhaupt passiert?
Erschrocken tastete er seinen Oberkörper und seine Beine ab und erleichtert stellte er fest, dass er seine Kleider noch an hatte. Das hieß, er hatte nicht mit ihr geschlafen. Aber was war dann geschehen, wenn sie hier neben ihm im Bett lag? Hatte er ihr irgendetwas gesagt?
Nein! Ausgeschlossen!
Oder doch?
Die Kiefer aufeinander pressend raufte er sich die Haare. Was war nur passiert? Am liebsten hätte er sie wachgerüttelt und sie gefragt, doch dafür lag sie zu friedlich, zu unbeschwert neben ihm. Nie im Leben hätte er diesen Schlaf stören können.
Vorsichtig beugte er sich zu ihr hinunter und strich ihr Sanft eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht.
Wie wäre es wohl, wenn sie seine Frau würde? Dann wären sie von der Außenwelt durch die schweren Samtvorhänge getrennt und wären ungestört in ihrer Zweisamkeit. Eine der beiden Decken würde er entfernen lassen, sodass sie notgedrungen nahe beieinander schlafen müssten. Ob er das bei Esperanza auch täte?
Wohl kaum. Wahrscheinlich war er dann froh, wenn sie, nach dem Liebesakt, den er nur vollführen würde, weil man Erben von ihm erwartete, mindestens einen Meter von ihm entfernt war. Dann würde er sich eine Pfeife anzünden und ob der schweren Vorhänge würde der Rauch nicht ausbrachen können, sondern ihr beim Einschlafen in den Augen brennen.
Eine Pfeife. Wie gern hätte er jetzt Tabak bei sich, um sie sich anzustecken.
Sein Magen rumorte; anscheinend lag ihm der Alkohol schwer darin; oder hatte er sich übergeben? Als sein Blick auf den Eimer fiel, der nicht so sorgsam in der Ecke stand, wie beim letzten Mal, beantwortete sich seine Frage von selbst. Der Dunkelhaarige stützte die Stirn in die Hände. Hoffentlich hatte er Carmen nicht belästig.
„Julio?“, hörte er plötzlich ihre sanfte, samtene Stimme in der Dunkelheit. Erschrocken drehte er sich zu ihr und erkannte, dass sie sich ebenfalls aufgesetzt hatte. „Ihr seid wach?“
„Habe ich dich geweckt? Verzeih mir.“ Es tat ihm wirklich Leid, denn sie brauchte ihren Schlaf gewiss dringender als er.
„Wieso schlaft Ihr nicht?“, fragte sie, nicht auf seine Frage eingehend, da er sie wirklich geweckt hatte. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und entgegnete: „Ich bin aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen. Habe ich dich gestern Abend belästigt? Es tut mir leid, ich wollte dir keine Plage sein.“
„Du hast mir gesagt, du seist verlobt.“ Ihre Stimme klang plötzlich furchtbar kalt. Julio wurde nervös und fragte: „So? Habe ich das? Ja, ich bin verlobt. Mit der Señorita Esperanza Maladie.“
„Und Ihr sagtet, dass Ihr Euch lieber mit mir verlobt hättet.“ Ungerührt war sie fortgefahren, seinen Kommentar ignorierend. Daraufhin schwieg er und spürte, wie das Blut ihm in den Kopf schoss. Sein Glück war, dass es dunkel war. Sie tadelte ihn, ohne eine Reaktion abzuwarten: „Ihr seid ein solcher Narr, Don Julio! Ihr saht mich in Eurem ganzen jungen Leben erst ein Mal und verliebtet Euch da in mich? Ich bin eine Hure! Euch zu lieben ist mein Beruf; Ihr solltet nicht zu viel in die Worte einer Hübschlerin hineininterpretieren, Ihr wisst nie, wann sie etwas sagt, um Euch zu umgarnen, Ihr könnt Euch nie sicher sein, wann sie Euch die Wahrheit sagt, aber Ihr könnt sicher sein, dass Allermannsliebchen nicht heiraten. Und schon gar keinen Mann wie Euch, Don Julio. Ihr seid reich, habt Macht und Einfluss. Bleibt nur bei Eurer reizenden Señorita, da geht es Euch besser.“
„Das meinst du nicht ernst!“, keuchte er und starrte sie durch die Dunkelheit hinweg an.
„Ich meine es, wie ich es sage.“ Julio konnte sie kaum sehen. Durch das Fenster drang kaum Licht und um diese Uhrzeit waren auch schon die Laternen gelöscht, sodass es noch dunkler war. Der junge Mann war sprachlos.
Sie hatte ja Recht! Er war ein Narr etwas auf sie zu geben. Einmal hatten sie sich gesehen und er war so töricht gewesen sich einzureden, er sei in sie verliebt. Noch dazu hatte er sich Hoffnungen gemacht, sie könnte genauso einfältig sein und seine Gefühle erwidern.
Ha, Liebe!
Was zählte denn das schon? So etwas Unsinniges! Das Wichtigste war, dass er ein Weib bekam, das ihm Kinder gebar und nicht die Ehe brach; die Mitgift war dabei lediglich ein netter Nebeneffekt. Und in Esperanza hatte er ein solches Frauenzimmer gefunden.
„Du hast Recht, Carmen“, sagte er, sich wieder hinlegend. „Wahrlich, von einer Hure zu erwarten, dass sie mich liebt, das war der Wunsch eines Narren. Sei dir versichert, ich werde gewiss nicht mehr von solchen Dingen ausgehen. Eine geruhsame Nacht wünsche ich dir; ich bezahle morgen.“ Damit drehte er ihr den Rücken zu und schloss die Augen. Läge sie nicht neben ihm hätte er verächtlich geschnaubt, doch so verkniff er es sich und versuchte einzuschlafen. Allerdings gelang ihm das nicht so recht und so bemerkte er, wie Carmen einige Minuten später aufstand und an das kleine Fenster trat.
Inzwischen hatte er sich wieder beruhigt. Ein Gedanke jagte den anderen in seinem Kopf und mit geöffneten Augen starrte er die Wand an.
Was hatte sie getan? Nun war er wütend auf sie. Warum musste nur ihr Mund stets schneller sein als ihr Hirn? Jetzt musste sie sich damit abfinden ihn endgültig vergrault zu haben.
Carmen seufzte und sah zu ihm.
Er lag da und schlief wieder tief und fest. Wie sehr wünschte sie sich, dass er seine letzten Worte nicht gesagt hätte, dass er ihr bestätigt hätte, dass ihre Gefühle nicht vergebens waren. Aber dazu war es zu spät. Alles, was sie fühlte, musste sie im Keim ersticken. Ganz gleich, wie schwer es ihr fiel; schaffte sie es nicht, dann würde es für sie mit jedem Tag, den sie neue Hoffnung schöpfte, nur schwerer.
Noch ein letztes Mal wollte sie ihn küssen. Nur auf die Wange; aber sie wollte, dass sich ihr dieser Kuss einbrannte und sie dieses süße Prickeln nie mehr vergessen würde, dass nach ihrem ersten Kuss auf ihren Lippen geglommen hatte.
Leise schlich sie sich wieder zum Bett, kniete sich neben ihn.
Ihr Herz klopfte, als würde es jeden Moment bersten und sie hatte Mühe ihren Atem im Zaum zu halten, dass er nicht bebte. Langsam beugte sie sich über den jungen Mann, der da in ihrem Bett lag und hielt ihre Wange für einen Moment an seine. Carmen schloss die Augen und atmete tief durch.
Bei keinem Freier hatte sie jemals solches Herzklopfen gehabt. Vielleicht bei ihrem Ersten, aber damals war es anders gewesen; damals hatte ihr die Angst die Kehle zugeschnürt und ihre Brust fast gesprengt. Das was sie nun fühlte war auch Aufregung, aber es war etwas so wunderschönes, dass sie am liebsten für immer so da gekniet hätte, ihr Wangenknochen an seinem, sich so nah, schon fast seinen Atem spürend, ihn hörend; ruhig und gleichmäßig.
Dennoch hob sie ihren Kopf wieder leicht an, um ihm ihre heißen Lippen sanft auf die Wangen zu legen, ihn fast nicht berührend.
Plötzlich wandte er sich aber zu ihr um und packte sie an den Oberarmen, dass sie nicht zurückweichen konnte. Einen Moment lang sah er ihr ernst in die weit aufgerissenen Augen, dann hievte er sich an ihr hoch und küsste ihre Lippen, doch sofort darauf löste er sich wieder von ihr und blickte prüfend zu ihr auf.
In diesem Moment war ihr, als fiele eine zentnerschwere Last von ihrem Herzen und als würden tausend erdrückende Eisenketten zerspringen und ihr wieder Luft zum Atmen lassen.
Carmen wartete gar nicht darauf, dass er den nächsten Schritt machte, sondern küsste ihn ihrerseits stürmisch.
Sie lag halb auf ihm, da wälzte er sich herum, dass er oben lag. Und nun begann er leicht sie zu necken. Berührte ihre Lippen kaum, obwohl sie sich nach den Seinen verzehrte, küsste zärtlich ihren Hals entlang, dass eine Gänsehaut sie überkam und es ihr heiß und kalt zugleich den Rücken hinunterlief und ganz langsam und mit sehr bedachten Handgriffen entledigte er sie ihres Nachtgewandes.
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Vorerst war's das mal wieder von mir ^-^;
Ich bin schon am sechsten tanz dran *versprech*
Wann das Special mit 'Ramón in Action' geschrieben wird kann ich euch nicht sagen, aber am Dienstag haben wir ganz viele langweilige naturwissenschaftliche Fächer ;D
LG *allen einen Keks geb* Terrormopf^^
PS: Julio kommt mir in diesem Kapitel so gemein vor; zumindest Esperanza gegenüber .__."
Der sechste Tanz
Hey^^
Ich bin also endlich dazu gekommen weiterzuschreiben (gelobt sei die Samstagsschule mit den zwei Stunden Mathe >__>")
Was gibt es zu diesem Kapitel zu sagen?
Eigentlich passiert nicht viel, aber ich hoffe, dass es euch dennoch gefällt; viel Spaß! ^__^
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Sie wachte früher auf als er, reckte sich zufrieden und gähnte herzhaft. Die Sonne strahlte golden in ihre Kammer hinein und sie stand auf. Mit Sicherheit wären andere Frauen liegen geblieben und hätten noch einmal die Errungenschaft ihrer Nacht begutachtet, doch sie hasste das. Es war ihr zuwider, wenn sie am nächsten Morgen in das Gesicht ihres Freiers sehen musste und am liebsten übergäbe sie sich, wenn sie es doch tat. Und so sehr sie sich auch in den jungen Prinzen verliebt hatte, auch bei ihm war es nicht anders. Zu tief saß dieses Gefühl des Schmutzes.
So schlüpfte sie in ihren zerschlissenen Morgenmantel und huschte aus der Tür nach unten, um sich in den Waschraum zu stehlen.
Hier war sie sicher, denn auch der Hurenwirt kam nicht hier herein – was an sich schon sehr ungewöhnlich war – und so lief sie nicht Gefahr von ihm eine Rüge zu erhalten, was sie sich denn einfallen ließe, einfach einen Mann über Nacht bei sich zu behalten, sei’s der König von Spanien.
Das Wasser war eisigkalt und so beeilte sie sich endlich fertig zu werden.
Anschließend rubbelte sie sich ihre Haut und ihr Haar trocken, wobei ihr Schopf noch immer feucht war, und lief dann wieder auf Zehenspitzen in ihre Kammer. Nachdem sie sich nun gewaschen und auch ihre Kleidung angelegt hatte, setzte sie sich an ihr Bett und streichelte dem Mann darin sanft übers Haar.
Mit Sicherheit würde auch er sich als erstes waschen, wenn er nach Hause kam und er müsste seine Kleidung dringend zum Ausklopfen geben. Als Carmen diese nämlich so lotterhaft auf dem Boden liegen sah, packte sie das schlechte Gewissen. Sie hatte sie in der vorangegangenen Nacht so achtlos auf die Holzdielen geworfen, wenngleich sie doch so teuer war. So erhob sie sich wieder und sammelte Strümpfe, Hosen, Hemd und Weste auf und legte sie ordentlich auf den Tisch, da sie sonst nichts hatte.
Dann kümmerte sie sich um den Eimer, in den sich Julio erbrochen hatte: Sie leerte den Inhalt in den Abtritt und wusch ihn ordentlich aus, auch mit Seife, damit der beißende Gestank keinesfalls dominierte und sich in ihrer Kammer ausbreitete, was bekanntlich nicht gerade aphrodisisch wirkte.
Als sie wieder in die Kammer kam, war Julio bereits wach und hatte sich angezogen; unruhig ging er im Zimmer auf und ab. Er fuhr auf und wirbelte herum, als er vernahm, wie sie die Tür öffnete. Einen Moment lang, in dem sie ihn argwöhnisch musterte, war er wie erstarrt, dann kam er auf sie zu, fasste ihre Hände – den Eimer hatte sie vor Schreck fallen gelassen – und öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, doch schloss ihn sofort darauf wieder. Fragend sah sie ihn weiterhin nur an und wartete auf eine Erklärung für sein plötzlich so untypisches Verhalten. Julio stand jedoch weiterhin vor ihr, stumm und die Lippen bewegend wie ein Karpfen, bis sie endlich fragte: „Was wollt Ihr mir sagen?“
„Lass endlich dieses ‚Ihr’!“, blaffte er sie plötzlich an und sie fuhr unwillkürlich zusammen.
„Verzeih“, murmelte sie, seinem Blick ausweichend. Der Dunkelhaarige drückte leicht ihre Hände und flüsterte: „Wir sollten uns inzwischen so vertraut sein.“ Eine peinliche Stille trat ein und nur die schrillen Stimmen der anderen Huren drangen an ihre Ohren. Irgendwann sagte Carmen leise: „Wir sollten die Türe schließen.“ Julio nickte langsam und ließ ihre Hände los. So drehte sie sich um und schloss die Tür; somit gelangten nun nur noch durchs Fenster die gedämpften Geräusche der Straße zu ihnen.
Carmen räumte den Eimer weg und ging dann an ihre Truhe, in der sie geschäftig herumwühlte, nur damit sie ihm nicht ins Gesicht sehen musste. Denn hätte sie ihn angesehen, hätte der Schmerz in ihrem Herzen sie übermannt; dann wäre sie daran erinnert worden, dass er einer Anderen versprochen war. Und er war gewiss kein Mann, der mit dem goldenen Ehering am Finger ins Freudenhaus ging und ihn abnehmen, das täte er erst recht nicht.
Nach was suchte sie eigentlich gerade? Es käme ihm mit Sicherheit suspekt vor, wenn sie ihre Truhe wieder schloss und doch nichts daraus hervorzog. So suchte sie nun also etwas, nachdem sie suchen konnte.
„Carmen“, setzte er an, worauf sie zusammenzuckte und inne hielt. „Ich sollte gehen.“ Langsam, fast schon andächtig erhob sie sich und sah in sein Gesicht. Hatte er sie die ganze Zeit beobachtet?
Julio stand bewegungslos da und sein Gesicht war ebenso ausdruckslos; die Arme hingen schlaff an seinen Flanken herab.
Sie atmete tief ein und fragte gerade heraus: „Siehst du sie heute?“ Etwas verwirrt hob er die Schultern und entgegnete: „Ich weiß nicht; vielleicht.“ Sie trat näher an ihn heran und fragte: „Wie sieht sie aus, ist sie hübsch?“ Und ganz leise fügte sie hinzu: „Hübscher als ich?“ Daraufhin bewältigte Julio den letzten Schritt, der sie noch voneinander trennte, schloss sie in seine Arme und flüsterte: „Niemand wird je an deine Schönheit heranreichen, Carmen.“
„Ist ihr Haar seidig und schimmernd?“ Ihr Haar war strohig und kraus.
„Ja.“
„Hat sie eine schmale und weibliche Figur?“ Sie hatte in den letzten Jahren etwas an Gewicht zugelegt.
„Ja.“
„Hat sie große Augen und ein zierliches Gesicht?“ Ihre Augen waren mehr katzenartig und ihr Gesicht wirkte leicht markant.
„Ja.“
„Und ihre Füße? Sind sie klein?“ Ihre eigenen könnte man beinahe als Männerfüße betrachten.
„Ja.“
„Was zieht dich also zu mir, wenn sie doch all jenes hat, was ihr Männer begehrt?“ Carmens Stimme war kaum mehr zu vernehmen und er schwieg einen Moment, was sie etwas stutzen ließ.
„Nun“, begann er, „Du bist du; ich kann es dir nicht erklären. Sicherlich könnte ich dir tausende Komplimente machen – über dein Haar, dein Gesicht, deine Figur – aber was hätte das damit zu tun, dass ich mich in dich verliebte? Es machte mich auf dich aufmerksam und dein Aussehen macht einen Teil von dir aus, aber dieser ist mir nicht der Wichtigste.“ Was sollte sie darauf erwidern? Es gab nichts zu sagen.
Nur lächeln musste sie leicht, jedoch nicht wegen seiner Worte, sondern wegen der Situation; nun lag sie wieder in seinen Armen und konnte noch schwach den Geruch nach Tabak und Vanille wahrnehmen, der an ihm haftete. Es war sein Geruch und sie würde sich immer an diesen erinnern, das wusste sie.
„Ich muss dich wieder sehen.“ Carmen lachte daraufhin erbittert auf und fragte: „Bist du verrückt? Julio, mein liebster Julio, wir können uns nirgends treffen. Was wäre, wenn jemand den Prinzen Palermos mit einer Hure aus dem Hafen sähe? Es würden dich sofort Gerüchte umwabern und positiv ist das allemal nicht.“
„Dann müssen wir es heimlich tun!“ Er klang enthusiastisch.
Sie seufzte.
„Eine geheime Beziehung? Selbst wenn ich die Zeit dazu hätte, ich könnte es doch nicht.“
„Das heißt, wir können uns nur hier sehen?“, fragte er etwas enttäuscht. „Und was ist, wenn du schon einen Anderen bei dir hast?“ Eine Gänsehaut überkam ihn bei diesem Gedanken und es schüttelte ihn. Carmen drückte den ihr nun so vertrauten Mann fester an sich.
„Ich wünschte, du wärst der Einzige, mit dem ich das Bett teilen müsste!“ Wieso zum Teufel hatte sie das gesagt? Wieso war ihre Zunge wieder schneller als ihr Verstand gewesen? Diese Worte würden Julio in seinem irrsinnigen Plan nur bestärken. Er jedoch streichelte ihr sanft über den Kopf und überlegte, was er sagen sollte. Nach einer Weile flüsterte er: „Carmen, ich will dich nicht aufgeben! Gib mir die Gelegenheit mehr von dir zu erfahren und wenn wir uns nur noch einmal sehen, ich will dich dennoch kennen lernen, sodass ich, wenn ich dir zufällig auf der Straße begegne, genau weiß, was du denkst, was du fühlst; damit nur ein Blick genügt, damit ich das weiß.“
„Aber wann, Julio? Wann? Und wo? In ganz Buenos Aires gibt es keinen Platz, an dem man dich nicht erkennen könnte!“ Er trat zurück, hielt noch immer ihre Hände und sah ihr fest in die Augen. Schließlich sagte er langsam: „Ich werde dir eine Nachricht zukommen lassen. In zwei Tagen wird ein Bote von mir hier sein und eine Botschaft an dich haben. Halte dir den Tag frei so gut es geht. Kommst du, dann weiß ich dass du mich ebenso liebst, wie ich dich; kommst du nicht, dann hätte es keinen Zweck.“ Carmen schluckte. Wie sollte sie es anstellen, dass sie den Tag frei bekam? Dennoch nickte sie und hauchte ihm noch einen Kuss auf die Lippen.
Julio atmete tief durch, wandte sich dann ab und ging. Als sie die Tür ihrer Kammer hinter ihm geschlossen hatte, ließ sie sich daran hinuntergleiten und dachte nach. Ein freier Tag? Mitten unter der Woche? Das bekam sie nur, wenn sie krank war, oder kein Freier kommen würde. Aber das würde nicht eintreffen. Würde sie so tun, als sei sie krank, würde der Hurenwirt auch den Boten ihres geliebten Julios nicht zu ihr hinauflassen und letzteres war noch nie geschehen und ganz gewiss würde es das auch nie.
Was sollte sie also tun?
Ihr Blick fiel aufs Bett. Noch in dieser Nacht hatten sie sich darin geliebt. Ihr Blick wanderte über die Kissen und da sah sie zwischen ihnen ein Tuch aufblitzen. Es war weißer, als ihre Bezüge und auch der Stoff schien feiner zu sein.
Skeptisch erhob sie sich, ging zu ihrem Bett und zog das Tuch zwischen den Kissen hervor. So erkannte sie es als Halsbinde. Aber es war nicht die Halsbinde irgendeines Freiers, es war die Julios. Wie viel sie wohl gekostet hatte?
Kosten? Geld! Er hatte gar nicht bezahlt!
Panisch ließ sie ihren Blick durchs Zimmer streifen, als könne sie etwas finden, was ihre Not lindern würde. Der Hurenwirt würde ihr die Hölle auf Erden bereiten, wenn er davon erführe, dass sie keinen einzigen Peso eingenommen hatte!
Doch auf dem Tischlein lag ihre Rettung. Julio hatte es doch nicht vergessen! Überglücklich und den Tränen nahe stürzte sie auf das Säckchen zu und öffnete es. Es war voll bis unter den Rand. Damit hätte er sie sich eine Woche nehmen können.
Ja, eine ganze Woche mit Julio, das wäre für Carmen das Paradies gewesen, nichts täte sie lieber, als den Tag mit ihrem Julio zu verbringen.
Da kam ihr ein Gedanke: Warum kaufte sie sich nicht diesen Tag? Sie könnte behaupten, sie hätte sich über die Jahre etwas angespart und sich diesen Tag kaufen. Und wenn sie dem Wirt noch etwas mehr hinlegte, als sie sonst verdiente, dann würde er sicher nicht ‚nein’ sagen.
Sie schmiegte das Gesicht an die Halsbinde Julios und roch glücklich daran. Dieser Duft nach Vanille und Tabak; ein Gedicht!
„Julio, mein Bester!“ Mit diesen Worten platzte Ramón in das Zimmer seines Bruders.
„Woher weißt du, dass ich wieder da bin?“, knurrte dieser, nicht gerade begeistert, Ramóns doch sehr lautes Sprachorgan hören zu müssen, denn dadurch verdoppelte sich der Schmerz, der unter seinem Schopf pulsierte.
„Ich wollte gerade die kleine Maria einmal mehr vernaschen, da sagte sie mir, du seist gerade nach Hause gekommen. Und bei einer solch freudigen Botschaft kann ich doch nicht an die Freuden einer Rangelei im Bette denken. Wie war es heute? Hast du sie im Bett richtig rangenommen?“ Nicht an die Freuden einer Bettrangelei denken und dann so etwas fragen. Julio schüttelte resignierend den Kopf und wandte seinem Bruder, der ihm nun doch auf die Nerven fiel, den Rücken zu. Dieser schien das allerdings falsch zu interpretieren und fragte erstaunt: „Etwa nicht? Julio, sag nicht, dass du es wieder nicht geschafft hast!“
„Halt das Maul, Ramón!“, brüllte Julio ihn plötzlich an. Er hatte ihn noch immer keines Blickes gewürdigt, doch wusste er genau, wie Ramón bei dieser Frage leicht bedauernd die Augenbrauen hochgezogen hatte. „Du weißt nicht, wie das ist, wenn man liebt! Die Frauen sind für dich nur Spielzeug, das man benutzt, bis es nicht mehr gefällt und dann kann man sich neues kaufen! Aber bei Carmen ist es nicht so! Sie ist nicht wie die Frauen, die du kennst! Sie ist zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe und doch robust wie ein Holzpferd.“ Er schnaufte schwer. Ramón allerdings klopfte ihm auf die Schulter und meinte: „Ach Brüderchen, du musst erst noch erkennen, wie wunderbar es ist von jedem Teller probieren zu können, denn…“
„Sei still!“, schrie Julio. Er bebte nun vor Zorn. „Von jedem Teller probieren? Ich will den einen Teller und muss den anderen nehmen! Es ist, als würde man dir die Erdbeeren vor Augen halten und du müsstest dennoch den bitteren Rosenkohl essen.“ Die Hand des Hellhaarigen ruhte noch immer auf seiner Schulter. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es schon zu schmerzen begann und schwor sich, kein weiteres Wort mehr über seine Liebe zu Carmen in Ramóns Anwesenheit zu verlieren; er verstand es ja doch nicht.
„Es ist dir also ernst?“ Ramóns Stimme war leise gewesen und dennoch war Verständnis mitgeklungen. Julio antwortete nicht, was für einen Sinn hätte es gemacht? Der Jüngere kannte den Sinn, die Bedeutung des Wortes Liebe nicht. Für ihn war es ein leerer Begriff, den die Dichter benannten und ihm damit auf die Nerven gingen. Doch er fuhr fort: „So ernst, dass du sagen kannst, du liebst sie?“ Es war eigenartig Ramóns sonst so schallende Stimme so leise zu vernehmen. Sie war viel tiefer, als er es gewöhnt war.
„Ja.“, presste der Ältere hervor. Ramón nahm die Hand von dessen Schulter und kurze Zeit später hörte er, wie der Hellhaarige die Türe öffnete und sagte: „Dann tut es mir leid. Was du auch brauchst, ich bleibe immer dein Bruder und unterstütze dich; komme, was wolle.“ Und noch bevor er die Tür schließen konnte, flüsterte Julio: „Danke. Ich weiß es zu schätzen.“
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Natürlich grüße ich wieder mein Beta-chan, das momentan auch schon am siebten Tanz sitzt (huldigt mir, weil ich so schnell bin xD)
Und die Marie O. (denk doch nich, ich schreib deinen Nachnamen nochmal aus, wenn dein Bruder mir deswegen 'nen Anwalt auf den Hals hetzen will o__o") Ich hoffe, dir gefällt das Kapitel auch und du musst nicht mehr so viel lachen (?) wie beim letzten Mal... Und frag endlich mal dein Brüderchen was genau er soo~o pervers fand xDD
Außerdem grüße ich natürlich alle, die sich diesen Schund hier durchlesen und die, die mir auch noch Kommentare hinterlassen *euch alle flausch*
Also dann, lG, Terrormopf^^
Der siebte Tanz
Hallo^^
Da bin ich mal wieder mit einem neuen Tanz ^__^
Ich hoffe, ihr freut euch alle darüber und erwartet schon mit Spannung, wie es weitergeht :D
Ich will aber nicht zu lange vom Lesen abhalten, also viel Spaß:
Schon den ganzen Tag war Carmen unruhig.
Heute!
Heute war der Tag, an dem Julio ihr eine Nachricht zukommen lassen wollte; er hatte es ihr versprochen und sie hatte es geschafft den Hurenwirt zu überzeugen ihr den Tag sich selbst zu überlassen.
Der Vormittag floss nur zäh wie das Harz eines Baumes dahin und auch der Mittag und der Nachmittag wollten und wollten nicht vergehen. Die Hoffnung der jungen Frau, am Morgen noch so stark und enthusiastisch, schwand mit jeder Minute, die sich quälend dehnte und in der doch nichts geschah.
Emilie hatte es schon längst aufgegeben ein Gespräch mit der Jüngeren anzufangen. So saß diese nun, den Blick starr auf die Straße, die man durch die geöffnete Tür sehen konnte, gerichtet und wartete, dass sich etwas tat.
Sie war vollkommen alleine; die anderen Huren waren spätestens nach ihrem zwanzigsten Seufzer, jeder einzelne fuhr dem Zuhörer durch Mark und Bein, aus dem Raum geflüchtet.
Erneut ein Seufzer; erneut ein Blick auf die laut tickende, erschreckend langsame Uhr, die in der finstersten Ecke des Zimmers hing. Seit dem letzten Blick waren gerade zwei Minuten vergangen; es war ihr, als wären es zwei Ewigkeiten gewesen.
Es klopfte.
Carmen riss den Kopf herum, so schnell, dass ihr Genick bedrohlich knackste. Ein Mann stand in der Tür, mittleren Alters; grobschlächtig, kein besonderes Gesicht.
Das Herz schlug der Hure bis zum Hals und nicht fähig, den Kloß in ihrer Kehle, der sie so am Sprechen hinderte, zu schlucken, sah sie den Fremden mit den dunklen Haaren fragend an.
Er wirkte unsicher, als er seinen Dreispitz vom Haupt nahm, ihn sich vor die Brust hielt, den Kopf leicht neigte und fragte: „Könnt Ihr mir verraten, wo…“
„Ich! Ich bin es!“, rief sie, nicht auf das Ende seiner Frage wartend, in der Erwartung, er sei ein Freund Julios.
„Ihr?“ Der Mann hob erstaunt die Brauen und musterte sie unverhohlen. „Eine Frau? Eine Hurenwirtin?“
„Was?“ Verwirrt hielt sie in ihrer Bewegung inne.
„Ich suche den Hurenwirt.“, sagte er und verlagerte sein Gewicht auf das linke Bein.
„Ach so.“ Wieder dehnte ihre Brust ein Seufzer. „Der ist im Wirtshaus, zwei Straßen weiter nördlich.“ Der Mann bedankte sich und verschwand wieder.
Ihr Blick fiel abermals auf die Uhr. Sie zählte das Ticken: 22, 23, 24…
„Verzeihung?“ Wieder die Stimme eines Mannes. Wahrscheinlich hatte der Kerl nicht verstanden, was sie ihm erklärt hatte.
„Der Hurenwirt ist zum Navio de Oro mit einem Freund, das sagte ich doch bereits!“, fauchte sie und machte sich nicht die Mühe den Kopf von der Uhr abzuwenden.
29, 30…
Ein Räuspern.
War dieser Mann denn wirklich so begriffsstutzig? Zornig drehte sie nun doch den Kopf. Gerade wollte sie ihn erneut anfahren, da erkannte sie, dass es ein ganz anderer Mann war. Dieser, der nun in der Tür stand, hatte feine Kleidung an, die eines Dieners, und seine gepuderte, weiße Perücke war ordentlich zu einem Zopf gebunden. Das Gesicht hatte er ebenso gepudert und als wäre er eine Frau, hatte er sich einen Schönheitsfleck aufgeklebt. Seine spitze, lange Nase kräuselte sich, ebenso wie seine strichgleichen Lippen, als müsste er eine Arbeit erledigen, die ihm ganz und gar nicht behagte. Carmen hielt einen Moment die Luft an und überließ ihm das Sprechen: „Ich möchte zu einer gewissen Señora Carmen. Kennt Ihr sie? Mein Herr schickt mich, ihr eine Botschaft zu überbringen.“ Er gab sich keine Mühe das Herablassende in seiner Stimme zu verhehlen. War er doch etwas besseres, als dieses schäbige Frauenzimmer, das sich Kurtisane schimpfte.
„Ich bin Carmen. Gib mir die Nachricht, die Don Julio mir ausrichten lässt.“ Er schnaubte verächtlich, als sie ihn mit dem ‚Du’ ansprach, dennoch trat er ein, verneigte sich tief, es grenzte schon an Spott, und zog aus der Innentasche seines Rockes ein Schreiben.
Carmen wollte es ihm gerade aus der Hand nehmen, da zog er es ihr wieder weg und sagte, ein schwaches Grinsen auf den Lippen: „Mein Herr trug mir auf, äußerst vorsichtig zu sein, denn geriete dieser Brief in die falschen Hände, so sagte er, dann wäre er hinüber.“ Die junge Frau schnappte nach Luft und starrte in die hinterlistigen Augen des Bediensteten. „Euch liegt wohl viel am Wohl meines Herrn. Wie viel?“
„Ich verstehe nicht…“ Oh doch, sie verstand genau, was er wollte. Er war auf eine Balgerei im Bett aus, für die sie hinhalten sollte. Er erpresste sie eiskalt mit einem Lächeln auf den Lippen.
Pfui, dieses Gesinde! Am liebsten hätte sie ausgespuckt, doch sie riss sich zusammen und entgegnete auf sein Nicken, das auf das obere Stockwerk deutete: „Wenn du mir das Schreiben vorliest und schwörst, Stillschweigen über den Inhalt zu gewähren, so will ich deiner Bitte Folge leisten.“
„So sei es denn.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen und sie ergriff sie zögerlich. Sein Händedruck zersplitterte ihr beinahe den Handteller; ihn zu befriedigen würde anstrengend.
Also öffnete er den Brief und las vor: „Meine geliebte Carmen“ Er hielt inne, schielte kurz zu ihr auf und kommentierte: „Geliebte? Was hast du mit ihm angestellt?“
„Halt das Maul und lies!“, fauchte sie. Achselzuckend fuhr er also fort: „Ich schickte meinen Diener, dass er dir diesen Brief überbringt und nun, da er in deinen Händen ist, ist er sicher. Mein Herz, ich möchte nicht zu sehr abschweifen, denn würde ich beginnen deine Schönheit oder meine Liebe zu dir zu beschreiben, so würde dieser Brief an das Unendliche grenzen. So fasse ich mich denn also kurz und sachlich: Ich will, nein ich muss dich wieder sehen! Noch heute will ich mich mit dir treffen. Kennst du den alten Brunnen der westlichen Ruine? Mit Sicherheit. Dort musst du um fünf Uhr am Nachmittag erscheinen.
Geliebte Carmen, erscheinst du, so weiß ich, dass deine Liebe ebenso unerschöpflich ist, wie die Meine, doch kommst du nicht, so muss ich wohl schweren Herzens erkennen, dass es nur eine Spielerei war; nicht mehr.
In der Hoffnung, dass letzteres niemals der Fall ist, sende ich dir tausend liebe und heiße Küsse überallhin und freue mich auf unser Treffen.
In Liebe, dein Julio.“ Der Diener faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn zurück in das Kuvert. Das Grinsen auf seinen dünnen Lippen war noch breiter geworden und er wisperte: „Die tausend Küsse kann ich mit Leichtigkeit überbringen.“ Carmens Angesicht jedoch hatte sich versteinert und bedächtig drehte sie sich zu der Uhr um.
Sie schlug gerade das erste Viertel nach der fünften Mittagsstunde; die Kirchturmuhr, aus weiter Ferne, stimmte in das Läuten mit ein.
Natürlich hatte auch der Diener die Schläge vernommen und sein Grinsen wurde noch hämischer, was sie nicht für möglich gehalten hätte. Süffisant erklärte er: „Nun, meine liebe Carmen, so liebt Ihr meinen Herrn also nicht? Lasst ihn eiskalt sitzen, um Euch mit mir im Bett zu vergnügen?“
„Nein.“ Es war ein Flüstern gewesen, fassungslos und mit leerer Stimme, doch jetzt schrie sie: „Nein! Ich muss zu ihm! Geh mir aus dem Weg! Ich muss zu ihm!“ Sie wollte den Diener wegstoßen und aus der Türe rennen, doch war er zu stark und hielt sie, die Arme besitzergreifend um sie geklammert, fest. Sie wehrte sich gegen ihn, schlug mit ihren Fäusten gegen seine Brust und schrie, doch es half nichts, er war zu stark.
Mit der Zeit ließ ihr Widerstand nach. Sie sah ein, dass es keinen Zweck hatte und dem Schreien folgte ein leises Schluchzen.
Noch nie in ihrem Leben war sie so unendlich verzweifelt gewesen. Nun würde Julio denken, sie hätte nur mit ihm gespielt, sie nähme alles nicht ernst, sie liebte ihn nicht.
Dabei gab es nichts auf der Welt, das sie so sehr liebte wie ihn, nicht einmal ihr eigenes Leben.
„Wenn wir es schnell hinter uns bringen, ist er vielleicht noch da.“ Spott, Ironie, Sarkasmus, Hohn, all das tropfte aus seiner Stimme und ließ die Tränen, die aus ihren Augen quollen nur größer werden. Nun wartete Julio auf sie und sie musste sich einem Anderen hingeben. Wie konnte sie ihm das antun?
Seine Verlobte musste das nicht tun.
Erneut vernahm sie seine burschikose Stimme: „Wenn du mir nicht deine Kammer zeigst, dann treiben wir es eben hier unten, mir ist’s gleich.“ Bei diesen Worten zuckte sie zusammen. Alles, nur das nicht, denn käme der Hurenwirt zurück und sähe sie hier unten, so würde er zürnen und wüten und sie vielleicht noch schlagen. Also deutete sie auf ihre Tür und stolperte hinter dem Mann her, als er sie schnellen Schrittes hinter sich her zog.
„Wie ist dein Name?“, fragte sie; die Tränen liefen ihr noch immer über die Wangen. Julio! Ihr war egal, wie der Kerl hieß, sie wollte nur zu ihrem Julio! Nie wieder wollte sie einen anderen Freier als ihn.
„Alejandro Insida.“ Er hatte kein Interesse daran, ob sie seinen Namen kannte, sie hörte das.
Diesem Alejandro Insida wollte sie sich nicht hingeben! Er würde grob sein und von ihr Dinge verlangen, die sie kaum wagte, auszusprechen. Julio hatte nichts von ihr verlangt.
Er war sanft gewesen – zärtlich – als wäre es ihr erstes Mal gewesen.
Dieser Kerl stieß die Tür auf, stieß sie aufs Bett, entledigte sich schon im Stehen seiner Kleidung und machte sich dann an die Ihre.
Ihr unterdrücktes Schluchzen hörte nicht auf und auch ihre Tränen versiegten nicht.
Ihr war, als hätte ihr Leben geendet.
Wo blieb sie nur? Wieso war sie nicht schon längst da?
Die Kirchturmuhr schlug die halbe Stunde. Sollte er noch länger bleiben und darauf warten, dass sie nicht kam?
Er saß auf einem Mauervorsprung, die Unterarme auf die Oberschenkel gelegt, die Hände verschränkt, den Rücken tief gebeugt und den Kopf nutzlos zwischen den Schultern hängend. Sie hatte seine Liebe also nicht erwidert? Es war also doch nur die Heuchelei einer Hure gewesen, die sich einen Freier erhalten wollte?
Wahrscheinlich tat sie so etwas öfter. Wahrscheinlich log sie jedem Mann das Blaue vom Himmel, damit er bei ihr blieb – er war sich so sicher gewesen, dass es echt war.
Hätte er doch nur auf Ramón gehört und sich von ihr fern gehalten, so blutete sein Herz nun nicht. Die Kehle schnürte es ihm zusammen und seiner Brust wurde die Luft von schweren Eisenketten abgesprengt.
Sie würde nicht mehr kommen. Mit Sicherheit.
Julio lehnte sich zurück, kramte seine Pfeife aus der Tasche seines Rockes, stopfte sie mit Tabak und entzündete diesen.
Es tat gut. Sehr gut.
Das ihm so vertraute Kratzen im Hals, wenn er daran zog und das leichte Schwindelgefühl, weil er schon so lange nicht mehr geraucht hatte. Er kaute unruhig auf dem Mundstück herum; sonst tat er das nie. Er hatte Carmen vor Augen, wie er sie bei ihrem ersten Zusammentreffen gesehen hatte. Das lockige, braune Haar offen, über ihre Schultern fallend, und das rote Kleid. Obwohl sie weder Reifrock noch Poschen getragen hatte, hatte er ihr gebärfreudiges Becken erkennen können. Ihre kirschroten Lippen flammten in seiner Erinnerung auf und als er an den Moment dachte, in dem sich diese mit seinen trafen, schien sein Mund zu brennen.
Schnell nahm er noch einen Zug von der Pfeife.
Ihre wunderbaren, katzengleichen Augen, umrandet von langen, schwarzen, dichten Wimpern, leuchteten klar in seinen Gedanken und diesen verruchten und gleichzeitig schüchternen Blick darin, der so charakteristisch für Carmen war, würde er wohl nie vergessen. Ebenso wenig wie ihre weichen Rundungen, die außer ihm noch so viele andere Männer kannten.
Er wollte den Kopf in den Nacken legen, stieß ihn sich dabei aber an der Wand, an der er lehnte. Der Schmerz holte ihn zurück in die Gegenwart.
Carmen war nicht gekommen.
Sie liebte ihn nicht; wie sollte es anders sein?
Aber so fiel es ihm wenigstens leichter, Esperanza in die Augen zu sehen.
Er hoffte nur, dass irgendwann dieses Ziehen, das drohte seine Seele zu zerreißen, nachlassen würde, obgleich er wusste, dass es niemals ganz aufhören würde.
Schweren Herzens erhob er sich also und ging mit hängenden Schultern durch die Straßen und Gassen Buenos Aires, bis er an seinem Haus ankam und ein Diener ihm Eintritt gewährte. Er suchte das Zimmer Ramóns auf.
Es tut mir leid! T^T
Bitte steinigt mich nicht und denkt euch auch keine sonstigen Foltermetoden aus, bei denen ich schmerzhaft mein Leben aushauchen muss T__T
Aber es wäre doch zu einfach und zu kitschig, würde alles auf Anhieb funktionieren, oder?
Ich hoffe auf jeden Fall, dass euch das Kapitel trotzdem gefallen hat und muss mich auch noch einmal bei meinem Beta-chan entschuldigen, dass sie dank mir den tollen Namen Alejandro nicht mehr so sehr mag wie früher uû
Wir sehen uns dann hoffentlich spätestens beim nächsten Tanz, lG, Terrormopf^^
Der achte Tanz
Ich will nicht viel vorweg sagen, nur dass ich nun wahrscheinlich noch verhasster bin uû
Leise öffnete er die Flügeltüre, die in Ramóns Gemächer führte. Die Vorhänge in seinem Gelass waren zugezogen. Hier war er also nicht.
Er ging weiter in das Durchgangszimmer, das zu Ramóns Schlafraum führte. Die Tür zum Balkon stand offen.
Draußen saß Ramón – allein – in der einen Hand ein Glas gefüllt mit Wein, in der anderen die Pfeife, die ihm ihr Vater zu seinem zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Julio lehnte sich über die Brüstung. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick über die Dächer des Viertels, deren Ziegel die Sonne warm bemalte. Eine Weile schwiegen sie, bis Ramón mit leiser Stimme fragte: „Sie ist also nicht gekommen?“ Der Dunkelhaarige schüttelte niedergeschlagen den Kopf und murmelte: „Dabei war ich mir so sicher, dass sie mich auch liebt.“
„Vielleicht“, begann Ramón zögerlich und stellte seinen Wein ab, „Hat sie es nicht geschafft frei zu bekommen? Die Hurenwirte sollen ja nicht die freundlichsten Gesellen sein.“ Daraufhin brauste der Ältere auf: „Carmen ist doch nicht stupide! Hätte sie es denn gewollt, hätte sie einen Weg gefunden. Es kann nicht daran liegen.“ Ramóns Hand war auf der Schulter des Kleineren zum Ligen gekommen und er fragte: „Was verliebst du dich auch ausgerechnet in eine Hure? Dein Verstand muss toll geworden sein, denn wäre er noch klar, so hättest du, der du stets der Vernünftige bist, niemals eine solche Torheit begangen.“
„Ach, mein Bruder, verspott’ mich nur; ich hab’s ja doch verdient; ’s ist ja die Wahrheit!“ Der Kopf des Dunkelhaarigen hing zwischen seinen Schultern. Er wollte den Sonnenball nicht sehen, der gleich seiner Hoffnung und seiner Lust am Leben, hinter dem Horizont verschwand, unterging. „Ich habe Kopfschmerzen, entschuldige mich bitte bei den Eltern, Ramón.“ Damit drehte er sich um und ging, ohne seinem Bruder noch einen Blick zu schenken.
In seiner Kammer saß er im Ohrensessel, die Vorhänge zugezogen und starrte an die Wand.
Was für ein Narr verliebte sich in eine Hure? Nur der dümmste und naivste unter ihnen.
Er wusste nicht, wie lange er schon so dasaß, da klopfte es an der Tür.
„Ich wünschte doch nicht gestört zu werden, Ramón!“, rief er. Dennoch öffnete sich die Tür. Er konnte es zwar nicht sehen, da er mit dem Rücken zu dieser saß, doch hörte er es. Auch hörte er, wie die Absätze bei den Schritten auf dem Boden klackerten und neben ihm zu schweigen begannen.
Eine kleine, zarte Frauenhand fuhr ihm über den Schopf und er vernahm die Stimme Esperanzas: „Warum sitzt Ihr hier so allein im Dunkel, Don Julio?“
„Die Dunkelheit passt gerade so vortrefflich zu meinem Leben“, gab er matt zurück und erwartete, dass sie sich über ihn empörte, dass er, der doch so glücklichen Tatsache ihrer Verlobung zum Trotz, so niedergeschlagen war.
„Dann lasst mich Euch im Dunklen Gesellschaft leisten, denn auch zu meinem Leben passt es gut“, erwiderte sie und setzte sich in den zweiten Sessel. Erstaunt hob der junge Mann die Augenbrauen und fragte: „Wieso sollte Euer Leben denn von Dunkelheit gefüllt sein, Señorita Maladie? Ihr habt, was Ihr wolltet: die Verlobung mit mir. Sollte Euer Gemüt sich denn damit nicht begnügen? Sollte Eure Welt ob dieser Tatsache nicht glänzen und strahlen und die Luft durch Fanfaren erbeben?“ Esperanza jedoch schüttelte, ein melancholisches Lächeln auf den Lippen, den Kopf und antwortete: „Wie sollte es denn, wenn Euch diese Entscheidung in einen tiefen, dunklen Abgrund der Depressionen wirft?“
„Oh glaubt mir, Verehrteste, mein Gebärden hat gewiss nicht unsere Verlobung zum Grund.“
„Was ist es dann?“ Ihre Stimme klang aufrichtig, interessiert.
„Ich kann es Euch nicht erzählen, denn nannte ich Euch den Grund, so hasstet Ihr mich und für eine Ehe ist das nie eine gute Grundlage, so halte ich es denn für besser es Euch zu verschwiegen. Verzeiht.“
„Nein.“
„Nein?“ Verwundert sah er zu ihr und fragte: „Warum nicht?“
„Weil“, so begann sie zu erklären, „Eine Lüge als Grundlage für die Ehe ebenso verwerflich ist wie Hass; und ich kann guten Gewissens sagen, dass ich Euch niemals auch nur verachten könnte.“
„Und wenn ich es Euch nicht verraten will?“, fragte er, versuchend sich aus dieser Zwickmühle zu befreien; doch abermals hatte sie eine Erwiderung parat: „Euch zwingen zu reden, das kann ich nicht und das wollte ich auch nicht, aber ich kann Euch sagen, dass ich weiß, worum es geht, wenn Ihr Euch dem Gespräch mit mir so verweigert.“
„So?“ Etwas belustigt zog er die Augenbrauen hoch und wartete, dass sie fortfuhr.
„Ihr seid verliebt.“ Ihre Lippen hatten sich kaum bewegt und die Stimme hatte sie ruhig gehalten. Dennoch hallten ihre Worte in seinem Kopf wieder, als hätte sie geschrieen. Sein Mund öffnete sich und doch konnte er nichts erwidern, so fuhr sie fort: „Ich sah es doch mit eigenen Augen. Ihr verliebtet Euch in Euren Bruder.“
„Wie…?“ Er kam nicht dazu seine Frage zu vollenden.
„Wie ich es herausfand? Man sieht es doch auf den ersten Blick; wie Ihr ihn anseht und Euer Gebärden, als er mir Komplimente machte; es liegt auf der Hand.“
Die Augen des Dunkelhaarigen weiteten sich und er schnappte überrascht nach Luft, dann prustete er los. Er konnte es nicht zügeln und hielt sich schon den Bauch vor Lachen.
„Ihr- Ihr glaubt tatsächlich, ich hätte mich in meinen eigenen Bruder verliebt? In Ramón – den ungehobeltsten Rüpel des ganzen Viertels? Weil ich ihn zurechtwies, als er Euch in Verlegenheit brachte? Meine Verehrteste Esperanza, welche Talente Ihr auch immer haben mögt, das Kombinieren ist es keinesfalls.“
„Ihr verspottet mich.“ Er verstummte. Wohl hatte er gehört, wie verletzt sie war. „Wenn ich denn nur Eurer Erheiterung diene, so gehe ich und kleide mich in das Kostüm eines Narrens, auf dass Euer Lachen noch schallender und noch verhöhnender wird. Gute Nacht, Don Julio!“ Sie erhob sich, den Handrücken vorm Mund und er hörte noch ihr Kleid rascheln, bis sie die Tür zuschlug.
Der Knall ließ ihn aus seiner Starre erwachen. Waren das Tränen gewesen, die auf ihren Wangen geglitzert hatten?
Und hatte ihre Stimme tatsächlich so gezittert?
Hatte er sie wirklich verletzt?
„Esperanza!“ Er war aufgesprungen, hatte die Türe aufgestoßen und in den Gang gerufen. „Esperanza, wartet!“ Er lief ihr nach – schwerer als erwartet sie einzuholen – und kriegte sie endlich zu fassen. Sie leistete jedoch erbittert Widerstand. Dennoch drehte er sie zu sich um. Verzweifelt suchte sie sich loszureißen und schaffte es doch nicht. So presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Lasst mich auf der Stelle los!“
Von den Schreien angelockt kamen sogleich einige Sklaven und ein Teil des Gesindes, die ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrten, wie er da die weinende Esperanza festhielt.
„Lasst los.“, wiederholte sie ihre Aufforderung leise und wandte den Blick beschämt zu Boden. Julios Blick schweifte umher; von einem schockierten Gesicht zum Nächsten, bis er schließlich auch das seines Bruders sehen konnte, der ihn angrinste und die Daumen hob. Erst jetzt wurde er sich ihrer Situation bewusst, ließ ihr Handgelenk auf der Stelle frei und murmelte: „Verzeiht, ich wollte nicht…“
„Spart Euch die Worte!“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging schnellen Schrittes den Flur entlang, bis sie schließlich um eine Ecke bog und aus seinem Blickfeld verschwand. Julio hingegen blieb stehen und sah ihr nach. Er hatte sie doch nicht verletzen wollen.
„Habt ihr nichts Besseres zu tun als zu gaffen, ihr faules Pack? Na los! Zurück an die Arbeit!“ Es war wieder Ramón, der ihn aus dieser Benommenheit erweckte. Das Gesinde verstreute sich eilig, den Zorn des Jüngeren fürchtend und überließen die Beiden sich selbst. Eben der kam auf ihn zu, legte ihm den Arm um die Schultern und lachte: „Mein bester Bruder, hast dich also doch entschieden von allen Tellern zu probieren; mich dünkt allerdings, dass ich dir da noch so einiges zeigen muss.“
„Aber…“, wollte Julio noch widersprechen, doch der Hellhaarige zog in mit sich in die nächste Tür, die in seine Gemächer führte.
Als sich Alejandro Insida seine Dienstbotenkleidung wieder anzog beobachtete sie ihn. Dieser abscheuliche Mann, der sie die Liebe zu Julio gekostet hatte. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer. Hatte sie etwas, das sie verwenden konnte, ihn zu erschlagen?
Vielleicht der Kerzenständer? Oder besser gleich der Schemel?
Seufzend wies sie sich zurecht. Sie könnte ihn nicht erschlagen, denn das hieße ihn umbringen. Mental hätte sie es mit sich ins Reine bringen können – Grund genug ihn zu meucheln hatte sie schließlich – doch war sie nicht gescheit genug, um den Mord zu vertuschen, geschweige denn die Spuren die zu ihr führen würden zu verwischen.
Also erhob auch sie sich, um sich ihr Kleid wieder überzustreifen. Doch als sie aufstand, merkte sie, dass ihr alle Glieder schmerzten, insbesondere der Unterleib.
Beim Herrn, dieser Mann war alles andere als zärtlich und einfühlsam gewesen. Und das in dieser Zeit; die meisten ihrer Freier besaßen noch den Anstand Vorsicht walten zu lassen, doch dieser Flegel hatte es nicht für nötig befunden zu warten, dass sie bereit gewesen wäre.
So zog sie sich also an.
Was hatte es eigentlich für einen Sinn? Sie hätte sich am liebsten aus dem Fenster gestürzt, doch das dumme Ding war nicht groß genug, dass sie hindurch gepasst hätte. Nichts schien mehr einen Sinn zu machen. Nun glaubte Julio, sie hätte nur mit ihm gespielt; sie liebe ihn nicht.
Erneut brauste die Wut in ihr nach oben; von tief aus ihrem Bauch heraus spürte sie wie sie sich mühen musste den Atem flach zu halten und nicht zu schnauben wie ein Stier bei der Corrida. Am liebsten hätte sie geschrieen, getobt, ihn geschlagen und getreten. Ihm seine lächerliche Perücke vom Haupt gerissen und sie im Staube zertreten.
Aber sie war wie gelähmt in ihrem Zorn.
Alejandro drehte sich zu ihr um, grinste süffisant und meinte: „Ich glaube, ich komme dich öfter besuchen. Mein Herr wird sicher auch nichts dagegen haben, schließlich weiß er ja nun, dass du nur mit ihm spieltest.“ Wäre es nicht ihre Kammer gewesen hätte sie angewidert ausgespuckt, denn etwas darauf zu erwidern, war sie nicht fähig.
„Nun tu nicht so, als hätte es dir nicht gefallen, dass dich mal einer richtig genommen hat; schließlich hast du laut gestöhnt vor Lust!“
„Vor Schmerz!“, korrigierte sie ihn zwischen zusammengepressten Zähnen.
„Wie dem auch sei“, ungerührt hob er die Achseln und zupfte die Spitze an seinen Ärmeln zurecht. „Du hast meinem Herrn das Herz gebrochen, da kannst du natürlich nicht ganz ungeschoren davonkommen oder wie dachtest du dir das?“ Er band sich seine Halsbinde um und steckte das Ende galant in den Ausschnitt seiner Weste.
Daraufhin griff sie in ihre Tasche und ertastete dort noch die Halsbinde Julios. Fest umklammerte sie diese mit ihren Fingern, als könnte sie ihr irgendeinen Halt geben, dass sie sich selbst und alle Regeln der Gesellschaft nicht vergaß. Der weiche Stoff schmiegte sich den Konturen ihrer Hand an und es war ihr, als streichelte er ihr beruhigend über die Haut.
„Wie konntest du meinen Herrn nur so hintergehen, Hure? Dich mit mir zu vergnügen, während er auf dich wartete, pfui!“ Er stand nun unmittelbar vor ihr und bleckte die Zähne, während er das Gesicht zu einem noch breiteren Grinsen verzog. Sie hingegen presste ihre Kiefer so fest aufeinander, dass es ihr schon wehtat, nur damit sie nicht nach ihm schnappte. Wieso provozierte dieser Barbar sie dermaßen? Was brachte es ihm? War es für ihn eine kranke und perverse Art der Befriedigung? Reichte ihm das Körperliche nicht? Musste er sie auch noch seelisch in Stücke reißen?
„Aber wie könntest du dir anmaßen zu sagen, dass du ihn liebtest? Du kennst ihn nicht, du weißt nichts über ihn, seine Familie. Wusstest du, dass er einen Bruder hat? Dass seine Mutter wohl bald endlich ins Gras beißt? Dass ihm sein Vater schon direkt nach der Hochzeit alle Verantwortung übertragen will?“ Sie atmete tief ein und musste es auf sich sitzen lassen. Sie wusste nahezu nichts von alledem; hatte er am Ende doch Recht?
Nein! So leicht ließ sie sich nicht verunsichern!
Das Tuch in ihrer Hand glitt sanft durch ihre Finger.
Auf einmal wurde der Hure bewusst, dass es das Einzige war, das ihr von ihm blieb, bis auf die Erinnerung an ihn und den Duft nach Tabak und Vanille. Ihre Hand formte eine Faust, in der es fest eingeschlossen war, doch anscheinend hatte Alejandro bemerkt, dass sie etwas in der Hand hatte, denn er fragte: „Was hast du in der Tasche? Ist es Geld, das du mir gestohlen hast?“ Sie? Stehlen?
„Nein, ich würde es mir niemals erlauben etwas zu stehlen!“ Ihre Stimme zitterte vor Angst und ihre Hand umfasste die Halsbinde noch stärker.
„Du lügst! Huren lügen schon, wenn sie nur den Mund aufmachen; zeig deine Hände!“ Zögerlich präsentierte sie ihm ihre linke Hand. „Nun die Andere!“ Nur widerwillig ließ sie das Stück Stoff los und zeigte ihm auch ihre Rechte. Blitzschnell trat er nun auf sie zu, packte grob in ihre Taschen und stülpte diese nach außen, woraufhin die Halsbinde sanft zu Boden schwebte.
Hastig stopfte sie ihre Taschen wieder in den Rock und wollte sich nach dem Tuch bücken, da hatte er es schon in die Finger gekriegt und begutachtete es. „Eine Halsbinde?“, fragte er, „Was will eine Hure mit einer… J.S.?“ Er hatte die eingestickten Initialen entdeckt.
Starr vor Schreck und mit offenem Mund starrte Carmen in sein Gesicht. Was würde er nun tun?
„Du hast meinem Herrn die Halsbinde gestohlen?“, fragte er ungläubig. „Dann ist ja gut, dass ich gleich zu ihm muss, dann kann ich ihm diese zurückgeben.“
„Nein!“, keuchte Carmen. „Nein! Das kannst du mir nicht antun! Es ist das Letzte, was mir von ihm bleibt! Das darfst du nicht!“
„Ich darf es nicht?“ Er lachte abfällig. „Verehrteste, hätte ein Wächter dich erwischt, so hätte er dir die rechte Hand abgehackt, also beschwer dich nicht. Guten Abend, Hure.“
Sie suchte ihn in ihrer Verzweiflung festzuhalten, doch er riss sich los und trat aus ihrer Kammer. „Nein! Warte! Ich bitte dich! Nein!“
In diesem Moment brach sie zusammen. Sie fiel zu Boden wie ein Sack Kartoffeln und schluchzte hemmungslos. Wie hatte dieser Tag nur so schief laufen können?
Die heißen Tränen tropften auf ihr Dekolletee und erkalteten dort. Was blieb ihr nun noch von ihm? Sein Antlitz würde in ihrer Erinnerung bald verblassen, so war es immer mit den Menschen und auch seinen Duft würde sie nicht mehr atmen können. Seinen heißen, zärtlichen und doch so starken Körper könnte sie nie wieder spüren.
Sie achtete nicht mehr auf ihre Umgebung. Sie kniete nur dort und weinte bitterlich. Sie bekam auch nicht mit, wie Emilie in das Zimmer geeilt kam, sich neben ihr fallen ließ und Carmens Kopf gegen ihre Brust drückte. Es war alles in weiter Ferne.
Sie sah nur die Verzweiflung.
Soo~o ^.^
Das war der achte Tanz. Ich hoffe, dass er euch doch etwas gefallen hat und ihr ihn nicht zu kitschig (ist das das richtige Wort? oder doch besser Klischeehaft?) fandet uû
Ich freue mich auf eure Meinung,lG, Terrormopf^^
Der neunte Tanz
Hallo^^
So, jatzt bin ich gerade zurück aus England (es war so toll! Ich will in Oxford studieren! *__*).
Und natürlich denke ich an euch und lade gleich das nächste Kapitel hoch^^
„Herein?“ Julios Stimme schwankte und er hatte sich arg zusammenreißen müssen, überhaupt auf das förmliche Klopfen zu antworten.
Die Vorhänge seines Gelasses waren noch immer zugezogen, obgleich es draußen schon längst dunkel war.
„Herr?“ Er vernahm die Stimme des Dieners, den er zu Carmen geschickt hatte. Doch er drehte sich nicht um, sondern forderte ihn erbittert auf: „Sprich, was liegt dir auf der Zunge?“
„Mein Herr“, begann er abermals und Julio vernahm die Absätze seiner Schuhe, als sich der Dienstbote ihm näherte, „Ich ging zu der Hure, wie Ihr es mir befohlen hattet.“ Er zögerte, nun stand er neben dem Sessel, in dem Julio saß. Sein Herr starrte allerdings auf den immergleichen Fleck auf der ihm gegenüberliegenden Wand, so fuhr er fort: „Ich gab ihr den Brief Eures Bruders, wie Ihr es mir befohlen hattet.“ Abermals verstummte er. Anscheinend war er leicht nervös. „Und da gab sie mir dieses mit den Worten: ‚Gib es ihm zurück, er vergaß es, der Dummkopf.’“
„Und was willst du dann bei mir, wenn sie dir doch etwas für meinen Bruder gab?“, fragte Julio monoton. Aber im nächsten Moment riss er die Augen auf und wandte den Blick doch zu seinem Dienstboten, der in seinen Händen ein Stück Stoff hielt. Alejandro zuckte mit den Schultern und entgegnete: „Ich kann auch Eurem Bruder Eure Halsbinde bringen, wenn es Euch beliebt.“ Er wollte das Tuch gerade wieder einstecken, da riss Julio es ihm aus der Hand und brauste auf: „Wo hast du es her?“
„Das erzählte ich Euch doch bereits, Don Julio; die Hure zu der Ihr mich schicktet gab es mir.“
„Carmen hat es dir gegeben?“ Sein Blick war leer, seine Stimme ebenso. „Was sagte sie?“
„Sie sagte, ich solle es Euch zurückgeben, außerdem sagte sie, Ihr hättet es vergessen und Ihr wärt ein Dummkopf.“ Seine Stimme war ungerührt.
„Zurückgeben? Vergessen? Ein Dummkopf? Das sagte sie?“ Es war ihm, als spräche er gar nicht. Das dachte sie also über ihn? Sie dachte, er sei ein Dummkopf? Ein Narr? Ein Tor?
Oh diese Schlange! Hatte ihn in sich verliebt gemacht, dass er ihr Geld daließ, das einem Bauer drei Wochen zum Leben gereicht hätte, und sprach hinter seinem Rücken so über ihn. Er riss Alejandro die Halsbinde aus der Hand, erhob sich, drehte ihm den Rücken zu und gebot aufgebracht: „Lass mich alleine, Alejandro.“
„Mein Herr?“, hörte Julio ihn zögerlich fragen, woraufhin er sich zu ihm umdrehte und ihn wütend, mit toll glitzernden Augen, anfuhr: „Was willst du noch, verdammter Schelm?“ Der junge Prinz hatte sehen können, dass Alejandro etwas zurückgewichen war, waren es auch nur Millimeter, doch dann nahm er sich anscheinend wieder zusammen und sagte: „Mein Herr, ich hätte eine Frage.“
„Dann stell sie doch um Himmels Willen!“, brüllte Julio. Alejandro ließ sich dieses Mal nicht davon beeindrucken. Auf seinen Lippen zeichnete sich schmal ein hinterlistiges Lächeln ab und er fragte: „Wenn doch der Brief, den ich der Hure bestellen sollte, von Eurem Bruder war, mein Herr, warum gab sie mir denn Eure Halsbinde? Und wieso hatte sie diese überhaupt?“
Julio blieben die Worte weg. Natürlich konnte der Aasgeier zwei und zwei zusammenzählen. „Was würde Eure Mutter nur dazu sagen? Und Eure Verlobte? Und wie würdet Ihr in der Gesellschaft dastehen, käme das Gerücht auf, ihr träfet Euch mit den Huren aus dem Hafen? Von Eurem lotterhaften Bruder ist man nichts anderes gewöhnt, doch von Euch, dem ganzen Stolz der Familie Sangre, dem tugendhaften Julio, nein, von Euch erwartet man so etwas nicht.“
„Was willst du mir damit also sagen?“, brachte Julio zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Oh, Don Julio!“, lachte Alejandro auf. „Ihr wisst genau, was ich will. Wie viel ist Euch Euer Ruf wert?“ Der Aristokratensprössling kam auf den linkischen Dienstboten zu, bis er nur noch einen Fuß von ihm entfernt war, beugte sich leicht vor, sodass sich ihre Wangen fast berührten und flüsterte eisig in des Dieners Ohr: „Lass mich dir einen Rat geben, mein bester Alejandro: Treibe nicht Mutwillen mit deinem Leben!“ Nun trat er ein wenig zurück und brüllte: „Und nun raus, Elender! Dass du mich nicht in Versuchung führst, dich dennoch einen Kopf zu kürzen!“
So schnell er konnte, eilte der Dienstbote aus dem Zimmer. Julio wusste, dass er es nicht wagen würde auch nur ein Wort über diese Angelegenheit zu verlieren.
Nach einiger Zeit schaffte Emilie es endlich Carmen halbwegs zu beruhigen. Sie hatte sie mit ihren Armen umschlungen und wiegte ihren Oberkörper sanft hin und her, während sie eine einschläfernde, milde Melodie summte.
Das hatte schon immer geholfen, wenn Carmen sich nicht mehr im Griff hatte, was jedoch nicht häufig der Fall war.
„Mein liebes, teures Kind, nun erzähle mir, was geschehen ist.“, fragte sie mit sanfter Stimme und hörte nicht auf, Carmen beruhigend über den Kopf zu streicheln. Ebenjene hatte Schluckauf bekommen, rümpfte die Nase und entgegnete verstockt: „Ich bin nicht dein Kind. Weder bin ich deine Tochter, noch bist du so viel älter als ich, dass du es dir anmaßen könntest so mit mir zu reden.“
„Sag mir trotzdem, was geschehen ist.“
„Ich will es nicht.“ Ihre Stimme zitterte ebenso wie ihre Hände, als sie Emilie von sich schob. Die Augen brannten ihr vom vielen Weinen und weil sie nicht wollte, dass die Ältere es mitbekam, wandte sie das Gesicht ab. Verwundert fragte die Französin jedoch: „Du willst es mir nicht sagen? Warum?“
„Ich will es einfach nicht!“, rief sie und stand zornig auf, ihrer Kollegin den Rücken zuwendend.
„Fein, dann erzähle es mir nicht, aber glaube nicht, dass du später zu mir angekrochen kommen und auf Trost bauen kannst!“, brauste diese da auf und erhob sich ebenfalls, sich den Rock abklopfend.
„Fein!“, erwiderte Carmen erhitzt und vernahm, wie Emilie mit großen Schritten zur Tür ging.
„Fein!“ Damit knallte die Ältere die Tür ins Schloss.
Nun war es still.
Ganz still.
Niemand war da.
Seufzend ließ sie sich auf dem Bett nieder. Sie durfte sich nicht so aufführen. Es gab gewiss eine Lösung für dieses garstige Problem; die Kunst war nur diese zu finden. Es bedarfte sicherlich viel Geduld, doch konnte sie lange ohne ihn leben?
Schon in den letzten zwei Tagen hatte sie es kaum ausgehalten ohne ihn zu sein, wie sollte es nun werden? In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten? Musste sie denn für immer auf ihn verzichten? Das konnte sie beim besten Willen nicht und sie wusste es. Sie musste ihn wieder sehen um jeden Preis! Aber nun zu seinem Haus zu gehen und sich dann von den Wachen abstechen lassen, das brachte sie auch nicht weiter. Wie sollte sie es nur anstellen?
Die nächste Woche sprach sie kaum mit jemandem. Sie wechselte nur die nötigsten Worte, die es zur Verständigung bedarfte und hüllte sich sonst in nachdenkliches Schweigen.
Am achten Tage jedoch kam es, dass ihr Freier sich beschwerte, als er sich gerade eine Pause gönnte: „Was bist du denn eigentlich so schweigsam, Weib?“
„Was soll ich reden?“, fragte sie, sich aufsetzend. „Dafür bezahlt Ihr mich nicht.“
„Ich soll bezahlen, damit du mit mir sprichst? Das ist Wucher! Sind denn deine Kolleginnen ebenso verfroren wie du? Dann werde ich hier gewiss nicht wiederkehren.“
„Tut was Ihr für richtig haltet, mir ist’s gleich.“ Ein wenig erschrak sie doch über ihre gefühlskalte Stimme.
„Ein grausames Biest bist du. Im Bette gut, doch außerhalb unleidlich. So sprich doch endlich was zu mir, was nicht nur Tadel und Verachtung ist!“ Sie schnaubte verdrießlich. Was sollte sie denn reden, wenn sie nachsinnen musste, wie sie an Julio kam? Dennoch riss sie sich zusammen und fragte: „So erzählt mir halt, wo ihr wohnt.“ Der Mann seufzte auf und entgegnete: „Das ist zwar nicht ganz die Richtung, die ich wünschte, aber es grenzt an ein Gespräch; ich wohne in Palermo.“ Als sie den Namen des Viertels vernahm, wurde Carmen hellhörig und hinterfragte: „Palermo? Kennt Ihr denn den Prinzen da?“
„Du meinst den Prinzen Ramón Sangre? Wer kennt ihn nicht, die Geschichten ranken sich um ihn. Was fragst du?“ Sie schüttelte heftig den Kopf und erklärte: „Nein, den verdorbenen Bruder meine ich nicht; den, der noch reinen Herzens ist, dieser interessiert mich. Wisst Ihr denn wie’s ihm geht? Ist er wohl auf?“
„Dann meinst du wohl Don Julio. Von ihm hört man nun schon länger nichts; seit einer Woche ist niemand drauf erpicht, mit ihm auch nur im gleichen Zimmer zu stehen. Er soll mit einem Schlag verändert gewesen sein, doch fragt man sich, woran es liegt, ’nen richtigen Anhaltspunkt hat keiner, doch man munkelt insgeheim, es läge an seinem verlobten Fräulein. Offiziell ist’s längst noch nicht, doch nächste Woche wird es kund gegeben, wenn wir alle uns zum Maskenball der Sangres begeben. Das Büffet wird mit Sicherheit ein reiner Gaumenschmaus, wie es der Herzöge üblich ist, doch der Höhepunkt wird die Bekanntgabe sein.“ Carmen schnappte erschrocken nach Luft. Schon nächste Woche wurde die unfreiwillige Bindung kundgegeben, dann gab es kein Zurück mehr.
„Wieso willst du so was wissen? Don Julio ist tugendhaft; in einem Hurenhaus ließe er sich niemals blicken, dazu ist er auch zu stolz, du brauchst dir also keine Hoffnung machen. Bei diesem Maskenball wird die schöne Esperanza ihm versprochen, da wird er sich nicht nach einem andern Weib umschauen müssen.“ Carmen biss sich auf die Unterlippe und starrte auf die Decke ihres Bettes leise murmelte sie: „Ein Maskenball? Ist’s wahr, ist’s wirklich? Ist das denn die Möglichkeit? Das ist also meine letzte Chance ihn zu sehen und ihn endlich für mich alleine zu gewinnen. Ich muss da hin, das Wagnis eingehen! Zu verlieren habe ich schließlich nichts. Frisch auf, frisch auf, nur Mut, der Tod wäre nicht das Schlimmste für mich.“ Sie sprach sich Mut zu und ballte die Hände zu Fäusten. Verwundert wandte aber ihr Freier sein Gesicht zu ihr und fragte: „Was murmelst du in dich hinein? Sprich lauter, ich versteh dich nicht.“
Vollkommen außer sich und siegesgewiss rief sie daraufhin aus: „Hussa! Hussa! Triumph ist mir gewiss! Ich werd es schaffen, muss es schaffen, des Glückes Eid ist mir, nach soviel Leid, schon längstens zugesichert.“ Sie umarmte den Mann am Bettrand stürmisch und zog ihn zu sich zurück aufs Bett. Verwundert blickte er sie an, begann dann aber doch noch eine weitere Balgerei mit ihr.
So, das war's für's Erste. Ich weiß, es ist nicht sonderlich lang, aber... was soll's?
LG *Kekse verteil* Terrormopf^^
PS: Stört euch nicht an der Sprache im unteren Teil ^^;
Ich hatte da gerade Faust I fertig und war im Rausch des damaligen Schreibstils uû
Hätte ich mein Beta-chan nich, dann wäre es noch viel schlimmer xD
Der zehnte Tanz
So...
hier also schon der zehnte Tanz :D
Ich will nicht zu viel vorweg nehmen, also spreche ich hinterher ^__~
Der Abend war noch jung und die Sonne war erst vor einer halben Stunde untergegangen, dennoch war das Rosa Cama zu dieser Zeit schon gut besucht.
Carmen hatte sich zu Emilie an einen Tisch gesetzt, jedoch nicht um mit ihr zu reden, sondern aus reiner Gewohnheit. Sie saßen also nebeneinander, sprachen kein Wort und sahen sich nicht einmal ins Gesicht. Die anderen Huren machten einen großen Bogen um sie, die schlechten Schwingungen spürend.
Der nächste Mann, der zur Türe hereinkam würde Carmen gehören, das würde ihr Freier werden. Ebenso wie die Französin starrte sie ohne Unterlass auf die Tür und erwartete mit Spannung, dass sie sich öffnete. Aber anscheinend hatten nicht mehr Männer Lust auf das Rosa Cama als die, die schon hier waren, denn die Tür schien sich einfach nicht öffnen zu wollen.
Jedoch wurde sie plötzlich mit einem heftigen Ruck aufgestoßen und Carmen und Emilie sahen gleichzeitig auf, den Mann zu beschauen.
„Ha! Meiner!“, flüsterte Emilie überlegen und wollte sich gerade erheben, um zu Ramón zu gehen, da hielt Carmen sie am Arm. Das war ihre Chance! Sie durfte sie nicht entrinnen lassen.
„Was ist?“, fragte die Ältere kühl und sah eisig auf ihre Freundin herab.
„Emilie… Bitte, lass mich heute bei ihm sein.“ Carmens Blick war gen Boden gerichtet, sie traute sich nicht der Anderen bei dieser Bitte in die Augen zu sehen. Emotionslos schüttelte diese Carmens Griff ab und fragte: „Warum sollte ich? Dich interessiert doch ohnehin nur sein Bruder.“
„Ich bitte dich, Emilie. Nur dieses eine Mal! Verlange von mir was du dafür verlangst, aber lass mich die Nacht mit ihm verbringen.“ Zögerlich sah sie doch auf und erkannte, dass die Französin die Augenbrauen skeptisch gehoben hatte und mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr stand.
„Du erzählst es mir.“
„Was soll ich dir erzählen?“, fragte Carmen verwirrt.
„Was passiert ist, als du zusammengebrochen bist und warum du nun so unbedingt die Nacht mit dem Bruder deines Geliebten verbringen willst.“ Zögerlich nickte Carmen, erhob sich ebenfalls, zog sich ihren Ausschnitt zurecht und murmelte im Vorbeigehen: „Ich danke dir.“
„Und wehe du erzählst es mir nicht, dann kannst du dich auf was gefasst machen, elendes Gör!“, rief Emilie ihr nach und setzte sich kopfschüttelnd wieder. Ob ihre Freundin das überhaupt zu schätzen wusste?
Ramón hatte inzwischen auch an einem der Tische Platz genommen, zusammen mit dem Mann, mit dem er hereingekommen war, wahrscheinlich einer seiner Freunde. Ein Blick aus den Augenwinkeln zum Hurenwirt zeigte ihr, dass dieser sie beobachtete, also musste sie sich anstellen, als meinte sie es ernst.
So lehnte sie sich mit den Ellenbogen auf den Tisch, sodass die Beiden einen tiefen Blick in ihr Dekolleté bekamen und fragte, ein verruchtes Lächeln auf den Lippen: „Einen wunderschönen guten Abend, wünsche ich den edlen Herren. Ist es mir gestattet zu fragen, ob Ihr etwas zu trinken wünscht?“ Ramón lachte auf und fragte: „ Warum so förmlich? Von euch Weibern hier im Hafen ist man den Anstandston doch sonst so gar nicht gewöhnt!“
„Nun, mein Herr, ich weiß, wer Ihr seid und hielt es da für angebracht.“ Erneut erklang Ramóns schallendes Lachen und er dröhnte: „Nun, dann bring meinem Freund und mir doch ein Gläschen eures Weins.“
„Wie Ihr wünscht, Don Ramón.“ Sie musste sich ein Knicksen verkneifen und eilte zur Theke, damit sie dem Schankmann die Bestellung sagen konnte. In Windeseile hatte dieser zwei Gläser gefüllt und sie vor Carmen auf den Tresen gestellt. Die hatte sich die Gläser genommen und war damit zurück an den Tisch gegangen, an den sich nun noch zwei andere Huren gesetzt hatten.
Der einen, es war eine relativ junge, die bei Ramón saß, warf Carmen einen garstigen Blick zu, der ihr zu verstehen gab, dass sie in fremdes Territorium vorgedrungen war. Mit demütigem Blick erhob sie sich also und ging.
An ihrer Stelle nahm Carmen platz und schob den beiden Männern den Wein zu. Diese stießen grölend an und Ramón setzte das Glas gerade an seine Lippen, da nahm Carmen es ihm aus der Hand und trank selbst einen Schluck. Auf Ramóns fragenden Blick hin lächelte sie: „Wertester Ramón, wenn ein Prinz hier zu Gast ist, kann man ihn doch nicht trinken lassen, ohne dass vor ihm jemand den Wein gekostet hat, auf dass er nicht vergiftet wird!“
Der Hellhaarige allerdings forderte sein Glas zurück, leerte es in einem Zug und sagte, nachdem er geräuschvoll gerülpst hatte: „Ein paranoides Frauenzimmer hab ich da erwischt; sag, ist die Französin heut nicht da?“ Carmen knirschte unmutig mit den Zähnen und entschloss sich schließlich nichts dazu zu sagen, sondern näherte sich denn lieber seinem Kinn, bis ihre Lippen es fast berührten, dann hauchte sie: „Ihr habt noch etwas Wein hier.“ Dann fuhr sie mit der Zunge die Spur des Weines entlang, bis sie an seinen Mundwinkel gelangte. Einen Augenblick hielt sie inne, dann küsste sie zärtlich seine Lippen.
Ramón seinerseits hatte sie an den Hüften gepackt und näher zu sich gezogen. Als sie sich wieder von ihm löste, grinste er: „Nun, dann sollst du mir für diesen Abend reichen.“ Und er drückte ihr noch einen Kuss auf den Mund.
Es war leichter gewesen, als sie erwartet hatte, ihn herum zu bekommen, doch wollte sie sich nicht darüber beklagen, sondern fragte, ganz leise: „Gewährt Ihr mir einen Tanz?“
„Was fragst du denn, dummes Huhn, ich komm doch deswegen so gern hierher!“, schallte seine tiefe Stimme und er sprang auf, sie hinter sich auf die Tanzfläche ziehend.
Carmen hätte es kaum für möglich gehalten, doch Ramón war ein noch leidenschaftlicherer Tänzer als Julio. Er war impulsiver, führte sie stärker, ließ keine Widerrede zu. Dennoch schaffte sie es, dass sie zu ihm sprach: „Don Ramón, ich habe eine Bitte!“
„Eine Bitte hast du? Willst du’s mit mir alleine tun? Ich hatte mich auf eine Balgerei mit zwei Frauen heut gefreut, doch du bist auch süß, da ist’s schon recht.“
„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. Ramón schien der komplette Gegensatz zu Julio zu sein, denn eben der hätte sich nie getraut an so etwas zu denken, geschweige denn es auszusprechen.
„Nein? Worum geht’s denn? Spuck’s aus, dass ich’s dir nicht aus der Nase ziehen muss!“ Er wirbelte sie herum und hatte offensichtlich seinen Spaß dabei ihren Rock fliegen zu sehen, sodass er kurze Blicke auf ihre Schuhe erhaschen konnte. Carmen ließ es mit sich geschehen; es war gewiss nicht das erste Mal, dass man ihr unter den Saum sehen konnte. Was das Sprechen anging, war sie jedoch längst nicht so gelassen, sondern erklärte zögerlich: „Es geht um Euren Bruder.“
„Mein Bruder? Was willst du denn mit dem? Mein gutes Mädchen, du hast hier mich für dich allein, also stell dich nicht an und lass meinen Bruder Bruder sein!“ Er lachte auf, wie er es immer tat und ging wieder in den Grundschritt über.
Wie sollte sie es ihm sagen, ohne dass er ausrastete und einen Höllenrabatz machte? Sie seufzte selbstquälerisch auf und überlegte angestrengt, auf seine Brust starrend.
„Warte…!“ Er wurde langsamer in seinen Bewegungen und stoppte schließlich ganz, um sie genauer zu betrachten. Ganz leise fragte er: „Wie ist dein Name?“
„Carmen.“
„Du! Du bist also die, die meinem Bruder das Herz brach!“ Seine Stimme hob sich, er wurde immer lauter. „Ein eiskaltes Weib bist du! Spielst ihm etwas vor, dass er sich in dich verliebt und lässt ihn dann fallen als wäre er ein wertloses Stück! Und schon in der nächsten Woche machst du dich an mich? Verdammte Hure! Was versprichst du dir davon?“ Die anderen Gäste tuschelten hinter vorgehaltenen Händen und die Blicke waren auf sie gerichtet.
Auf diese Worte hin musste Carmen schwer schlucken. Sie hatte es doch nicht mit Absicht getan. Einen Schritt zurücktuend keuchte sie: „Ihr versteht das falsch, Don Ramón…“
„Falsch verstehe ich es also?“, brauste er auf, „Ich verstehe also falsch, was mein Bruder mir geklagt hat? Noch nie in meinem Leben sah ich Julio so lebensunlustig und einzig du allein bist daran schuld!“ Seine Stimme dröhnte in ihren Ohren und sie fühlte noch immer aller Blicke auf sich gerichtet.
„Seid doch etwas leiser, ich bitte Euch.“ Beschwichtigend griff sie nach seinen Händen und sah ihm beschwörend in die Augen, doch er machte sich von ihr los und fuhr sie an: „Leiser? Ha! Elende! Was sollte ich leiser sein? Soll doch die ganze Welt deine Schande erfahren!“
„Ihr tut mir Unrecht! Ich liebe Julio!“ Verzweifelt versuchte sie ihn zu überzeugen, doch er zerschmetterte ihr Argument.
„Du liebst ihn, sagst du? Falsche Schlange! In wessen Arme wolltest du dich heut Nacht begeben?“
„So lasst es mich doch erklären! Ich brauche Eure Hilfe; bitte hört mich an!“ Es war nun schon soweit, dass sie kurz davor war sich vor ihm niederzuwerfen. Den nächsten Moment schwieg er und kaute unruhig auf seiner Unterlippe. Schließlich sagte er: „So sprich denn.“
„Nicht hier“, bat sie und warf einen Blick auf den Hurenwirt, der sie ohne unterlass beobachtete, ebenso wie die anderen Leute im Freudenhaus.
„Dann gehen wir in deine Kammer.“, schlug er vor, „Nach draußen dürft ihr ja nicht.“ Sie nickte bestätigend und stieg das steile wie schmale Treppchen empor, bis sie eintrat und als erstes die Kerzen anzündete.
Ein schwaches Licht erhellte den Raum und Ramón schloss die Tür hinter sich. Mit einer Geste bot Carmen ihm an, sich auf das Bett zu setzen, doch er schüttelte nur den Kopf, lehnte sich stattdessen, die Arme vor der Brust verschränkt, an die Tür und sah sie auffordernd an. Sie hingegen ließ sich auf dem Schemelchen nieder und seufzte auf.
„Nun sprich endlich, schließlich wolltest du es doch eben noch so dringlich.“, forderte er, das Gesicht unbeweglich und ernst, wie sie es ihm nicht zugetraut hätte.
„Und ich will es immer noch.“, entgegnete sie zögerlich und legte sich sorgsam ihre nächsten Worte zurecht: „Es geht um den Maskenball, die Verkündigung der Verlobung Julios.“
„Was ist damit? Es trägt sich nächste Woche zu, Julio wünschte, dass es so schnell wie möglich von statten geht, nachdem du ihn versetztest – “
„So macht mir doch keinen Vorwurf, es war ja nicht meine Schuld! Aber ich muss meinen Liebsten noch einmal sehen, bevor ich es niewieder kann. Noch einmal will ich ihn sprechen, in seine warmen, braunen Augen sehen…“
„Und was hab ich damit zu schaffen?“, fragte Ramón barsch. Mit hoffnungsvollem Blick sah Carmen zu ihm auf und flüsterte: „Ihr müsst mir helfen! Ihr seid meine letzte Rettung; mein letzter Strohhalm, an den ich mich verzweifelt klamm’re, um nicht in den dunklen und unendlich tiefen Abgrund zu stürzen.“ Ungestüm lachte der Hellhaarige auf und prustete: „Ich soll deine Hoffnung sein? Liebstes Mädchen, da hast du etwas missverstanden! Ich bin kein Hoffnungsträger, lediglich ein Rufschänder, so könnte man mich nennen. Den Hoffnungsvollen hast du selbst in die Wüste geschickt.“ Carmen achtete nicht auf sein Gebärden, sondern stand energisch auf, ballte die Hände zu Fäusten und rief: „Ihr müsst mich zu ihm bringen! An jenem Maskenballe will ich ihm lebe wohl sagen und ihm einen letzten Kuss auf die Lippen hauchen, bis er endgültig verlobt ist!“
„Und was soll ich denn tun? Ich seh ihn nicht mehr bis zum Ball, ist er doch im Namen der Familie unterwegs Geschäfte abzuwickeln.“ Niedergeschlagen setzte sie sich wieder und stützte die Stirn in die Hände; wieso musste dieser Tor ausgerechnet jetzt verreisen?
„War’s das dann?“, fragte Ramón in beiläufigem Tonfall. „Ich wollte mich heute Abend immerhin vergnügen und du wirst mir wohl kaum Bettfreuden gewähren.“
„Nein, bleibt!“ Erneut war sie aufgesprungen und sah ihn verzweifelt an, nach Worten ringend. „Ihr seid sein Bruder, so helft mir doch in meiner Not!“
„Was stellst du dich denn so an, Weib? Komm doch auch zum Ball, da kannst du ihn sehen“, blaffte er sie an und war schon im Begriff sich zur Tür umzudrehen und sie zu öffnen, da hielt sie seine Hand fest und rief: „So bleibt doch! Wie soll ich denn auf diesen Ball kommen? Ich hab nichts und ich bin nichts; hab weder Geld, noch Kleider, bin weder angesehen, noch stehe ich auf der Gästeliste. Wie sollte ich’s besorgen dorthin zu kommen?“
„Ist das dein einziges Problem?“, lachte Ramón und wandte sich wieder ihr zu, den Oberkörper geneigt, dass er auf ihrer Augenhöhe war. „Lass mich nur machen, Teuerste, ich schicke dir einen Diener, der…“
„Nein!“, unterbrach sie ihn entschlossen. Verwundert hob er die Augenbrauen und wiederholte: „Nein? Warum nicht?“
„Von dem Gesinde habe ich die Nase voll; nimmermehr verlass ich mich auf dieses Volk!“
„Muss man denn alles selber machen?“ Genervt rollte er mit den Augen und richtete sich wieder auf. Dann schob er sie von sich und ging ein paar Schritte im Zimmer auf und ab; energisch, dennoch passte das Nachdenkliche nicht zu ihm. Endlich blieb er aber stehen und sagte: „Morgen Nachmittag komme ich dich abholen, dann gehen wir zu einem Schneider, der soll dir die Maße nehmen und ein Kleid nähen. Alles Weitere besprechen wir dann.“
Kurz bevor er die Tür wieder hinter sich schließen konnte, hielt sie ihn noch einmal fest und sagte leise: „Ich danke dir.“
„Endlich hörst du mit dem angestaubten ‚Ihr’ auf.“ Damit schloss er die Tür hinter sich und Carmen atmete erleichtert auf.
Ich hoffe, es hat euch gefallen...
mir hat es das auf jeden Fall und ich hoffe auch, dass Ramón jetzt noch gaa~anz viel Spaß im Hurenhaus hat xD (nur halt nich mit Carmen ^__~)
LG, Terrormopf^^
Der elfte Tanz
Hallo^^
Nach soo langer Zeit sollt ihr doch mal wieder was von Carmen und co. zu lesen bekommen, es tut mir leid, dass ich so Ewigkeiten gebraucht habe *in die Ecke stell und schäm*
Dafür ist es länger als die anderen ^__^
Noch was? Ach ja:
Vielen lieben Dank für eure Kommentare, ihr seid so toll! <3 *euch alle flausch*
„Carmen! Carmen! Nun wach endlich auf!“ Es war Emilies Stimme, die sie aus dem Schlaf holte und nur widerwillig öffnete Carmen die Augen.
„Emilie? Was willst du hier?“ Schlaftrunken rieb sich Carmen die Augen und gähnte dann herzhaft. Die Französin setzte sich Carmen gegenüber, als sich diese aufgesetzt hatte, ergriff deren Hände und sagte: „Du hattest versprochen es mir zu erzählen.“
„Hat das nicht Zeit?“
„Nein, zum Teufel! Du hast es mir versprochen!“, quengelte Emilie und schob die Unterlippe vor. Die Jüngere seufzte und entgegnete: „Du verhältst dich wie ein kleines Kind; haben wir die Rollen getauscht?“
„Sei still und erzähl!“, forderte Emilie. Daraufhin lachte Carmen und meinte neckisch: „Du weißt, dass sich das widerspricht, also entscheide dich endlich!“ Dafür erntete sie von ihrer Gegenüber lediglich einen tadelnden Blick. Sie schwieg einen Moment lang und fragte schließlich leise: „Was willst du hören?“
„Alles! Warum bist du vor ein paar Tagen zusammengebrochen? Was hattest du gestern mit Ramón zu schaffen?“
Carmen machte ihre Hände von denen Emilies los, schlug die Decke zurück, stand auf und begann sich anzuziehen. Währenddessen erzählte sie Emilie, was an jenem Tag geschehen war.
Ihre Freundin unterbrach sie nicht und kommentierte es am Ende auch nicht, sondern fragte lediglich, als Carmen sich wieder zu ihr aufs Bett setzte: „Und was wolltest du von Ramón? Er kam nämlich noch zu mir und als ich ihn fragte, was du mit ihm zu schaffen hattest, sagte er nur, dass ich nicht so neugierig sein und mich auf seine ziehenden Lenden konzentrieren solle.“ Carmen war ihr dankbar, dass sie auf das schmerzende Thema nicht weiter einging. So versuchte auch sie nicht weiter daran zu denken, sondern kicherte: „Ja, das passt zu ihm!“
„Das ist mir auch bewusst, nun schummle dich doch nicht ständig darum! Warum hast du dich nicht um sein Verlangen bekümmert?“
„Nun, weil ich lieber mit ihm zum Schneider gehe, dass der mir ein prächtiges Kleid auf Kosten der Sangres macht.“ Ein Grinsen stahl sich auf die Lippen der Jüngeren und die Französin fauchte: „Ein Luder, ein verdammtes Luder bist du, Carmen! Was zum Teufel bewegt einen wie Ramón dazu dir ein Kleid zu kaufen? Wie hast du das nur angestellt?“
„Er liebt halt seinen Bruder.“
„Nun hör endlich auf in brasilianisch mit mir zu sprechen, sondern erklär’s mir!“ Ihre Stimme klang genervt und Carmen gluckste daraufhin vergnügt, bis Emilie ihr leicht auf die Schulter schlug und erwiderte dann: „Ist gut, ist gut. In vier Tagen schon ist der Ball an dem seine Verlobung bekannt gegeben wird.“
„Ramóns?“, fragte Emilie verwundert und hob ungläubig eine Braue.
„Nein, die Julios. Es ist ein Maskenball.“
„Ein Maskenball?“
„Weißt du, was ich will?“
„Ich ahne es; und ich wäre vorsichtig, wär ich du.“
„Ach, du siehst Gespenster! Es wird alles gut laufen.“
„Wenn du dich da nur nicht täuschst.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und fügte hinzu: „Komm, wir sind heute damit dran die Schankstube zu kehren.“ Carmen seufzte, folgte aber schließlich ihrer Freundin.
„Carmen, Carmen! Der Schweiß der Arbeit macht dich erst richtig reizend.“ Sie fuhr herum und gewahrte dicht, fast schon zu dicht, Ramón hinter sich.
Sie hatte sich die Ärmel ihres Kleides hochgekrempelt und mit Elan den Boden der Schenke geschrubbt.
Sie musterte Ramón, während sie die Luft ausstieß und sich die widerspenstigen Haarsträhnen aus dem Gesicht wischte.
Er sah tadellos aus wie immer, der Justaucorps offen, sodass man die fein gearbeitete Weste sehen konnte, die Cravate elegant am Hals gebunden, unter ihr der Stehkragen des Hemdes und die Culotte ordentlich zugeknöpft, zu unterst von einer detailliert verzierten Schnalle gehalten, der Hosenlatz war ganz modern à la bavaroise, außerdem die blütenweißen Strümpfe unter den Hosen und die Schnallenschuhe, wie immer, nicht poliert. Den Dreispitz hatte er gar nicht erst abgenommen und den Degen konnte sie auch kaum übersehen.
Etwas verwirrt warf die Hure einen Blick auf die Uhr in der Ecke und sagte dann: „Ich hatte dich nicht so früh erwartet, Ramón.“
„Nun, aber wenn Frauen sich für ein Kleid entscheiden sollen, brauchen sie stets zu lange. Außerdem haben wir noch viel zu besprechen. Also komm, draußen wartet die Kutsche.“ Sein Tonfall klang ungewohnt formell und er wollte sich gerade umdrehen und ihr voraus durch die Tür gehen, da erwiderte sie hektisch: „So warte doch, ich kann doch so kaum nach draußen! Lass mich wenigstens das Gesicht waschen und die Haare machen!“
Mürrisch drehte er sich um und wollte gerade etwas sagen, da kam Emilie aus der Küche und kaute auf einem Apfel herum. Sein heute so verbitterter Gesichtsausdruck wandelte sich und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er die Französin erblickte.
„Emilie! Donnerlittchen, bei Tageslicht bist du ja noch schöner!“ Schon fast euphorisch ging er auf sie zu und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Daraufhin verschluckte sie sich jedoch und hustete schrecklich, bis sie ihn, mit einem verblüffend starken Akzent maßregelte: „Ramón! Isch bin nischt beim Arbeiten, also unterlasst bitte diese Anßüglischkeiten.“ Als er sie jedoch an der Taille packte, näher zu sich zog und ihren Hals liebkoste, kicherte sie vergnügt auf und tadelte ihn gleichzeitig: „Monsieur Ramón, isch bitte Eusch, nischt doch bei Tag!“
„Oh, dieser Akzent! Er beraubt mich sämtlicher Sinne!“, raunte er der Hure ins Ohr, aber dennoch so laut, dass Carmen es unfreiwillig mitbekam. Sie nutzte die Gunst der Stunde, um in den Waschraum zu gehen und sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Außerdem stellte sie sich vor den Spiegel, um die widerspenstigen Haarsträhnen ebenfalls in der Frisur unterzubringen, damit sie ihr nicht ständig ins Gesicht fielen.
Als sie wieder in die Schankstube kam, sah sie, dass Ramón schon halb auf Emilie, auf einer der Bänke lag und sie immer wieder küsste. Sie räusperte sich vernehmlich und sagte laut: „Ramón, ich wäre dir sehr verbunden, würdest du dich von meiner Freundin erheben und dich mit mir auf den Weg zum Schneidermeister machen.“
Nur widerwillig folgte Ramón ihrem Geheiß und als sie zur Türe gingen, drehte er sich noch einmal zu Emilie um, deren Frisur nun mehr als nur zerzaust war, und versprach, ihr eine Kusshand zuwerfend: „Heute Abend, wenn ich das Frauenzimmer wieder bringe, komme ich noch einmal zu dir, damit wir zu Ende führen können, was wir jetzt unterbrechen mussten.“ Emilie kicherte nur darauf und nickte.
„Du bist ein seltsamer Mann.“, stellte Carmen fest, als sie ihm gegenüber in der Kutsche der Sangres saß.
„Warum das?“, fragte Ramón verwundert und musterte sie mit hochgezogenen Brauen.
„Nun ja“, begann sie zu erklären, „Einerseits scheinst du ganz einfach gestrickt, das Einzige, das dich zu interessieren scheint ist Alkohol und der Beischlaf. Aber auf der anderen Seite sorgst du dich wiederum um deinen Bruder, wie es kein Zweiter tut.“ Ramón schwieg darauf. Offensichtlich behagten ihm solche Gespräche zu seiner Person nicht. So dachte Carmen hastig nach, welches Thema sie anschneiden könnte, das nicht wieder nach vier Sätzen ins Schweigen überging.
„Zu welchem Schneider gehen wir?“, fragte sie schließlich und Ramón antwortete: „Wir gehen nicht zum Schneider. Du wirst eines der Kleider meiner Mutter anziehen, ihr müsstet ungefähr die gleiche Größe haben.“
„Oh.“ mehr fiel Carmen daraufhin nicht ein. Sie würde also ein Kleid der Doña Sangre tragen? Der Mutter Julios?
„Wird sie das denn nicht stören?“ War ihr schließlich doch noch eine Frage eingefallen. Ramón lachte daraufhin auf und meinte: „Meine Mutter kennt nicht alle ihre Kleider. Sie hat viel zu viele; Vater hat schon gemeint, wenn das so weiter geht gehen wir bald Konkurs ob ihrer Kaufsucht. Er sagt immer, sie meine, wir lebten am Hofe Paris, wo man für jeden Tag ein neues Ballkleid braucht.“ Carmen lächelte schwach, war jedoch dennoch nicht wirklich beruhigt.
Für gewöhnlich kannten Frauen ihre Kleider in und auswendig, egal wie viele sie besaßen.
„Nun hab dich nicht so!“, forderte er. „Die Kleider meiner Mutter sind gut!“
„Warum sind wir nicht zum Schneider?“ Ihre Frage war unverblümt und grob unhöflich, aber sie erwartete nicht, dass Ramón sich daran störte. Damit lag sie auch richtig, denn er meinte nur: „Ich bin in letzter Zeit knapp bei Kasse, die Geschäfte laufen nicht so, wie ich es gerne hätte und wenn ich mich entscheiden muss, ob ich dir ein Kleid schneidern lasse oder lieber zwei Wochen lang jeden Abend eine Kurtisane haben kann, dann liegt meine Antwort wohl auf der Hand. Aber sorge dich nicht, meine Mutter hat einen ausgezeichneten Geschmack, was Mode betrifft.“ Die junge Frau nickte daraufhin nur und den Rest der Fahrt zur Villa Sangre saßen sie sich schweigend in der mit rotem Samt gepolsterten Kutsche gegenüber.
Als sie endlich vor der Villa Sangre ankamen und Ramón ausstieg um dann auch ihr zu helfen, fragte sie, von der Pracht des Gebäudes eingeschüchtert: „Was werden deine Eltern sagen, wenn du eine Frau ins Haus führst?“ Ramón lachte jedoch nur, so wie es seine Art war, und entgegnete: „Nichts; mein Vater ist mit meiner Mutter bei den Marginals, um sich einen Tee in der Gesellschaft zu genehmigen.“
„Und das Gesinde?“
„Hätten die etwas zu sagen, würd’s mich nicht kümmern, du bist nicht das erste Frauenzimmer, das ich zu mir führe.“ Carmen verbiss sich einen Kommentar auf diese Aussage, sondern folgte ihm ins Haus.
Schon in der Eingangshalle war sie überwältigt; die Fliesen waren aus reinem Marmor und die breite Treppe, die zweigeteilt ins erste Stockwerk führte, war aus gleichem Material, die Geländer herrlich verziert und die Stufen mit einem breiten, purpurnen Teppich ausgelegt.
Ehrfürchtig folgte sie Ramón diese hinauf und nahm dann, ihm gleich, die Treppe zu ihrer Linken.
Die Gemälde an den Wänden zeigten Männer mit gelockten Perücken und Justaucorps mit Westen, die ihnen bis über den Schritt gingen. Offenbar waren es Vorfahren und ältere Verwandte in früheren Jahren Ramóns und Julios; doch Carmen hatte nicht die Zeit sie eingehender zu betrachten, angesichts des strammen Tempos, das Ramón an den Tag legte.
Vor einer Tür blieb er abrupt stehen, sodass Carmen beinahe in ihn hineingelaufen wäre.
Der Hellhaarige stieß die Flügeltüren gekonnt auf und ging in das riesige Gelass, in dem die schweren Vorhänge zugezogen waren. Das änderte er jedoch sogleich und führte sie dann durch eine Tür auf der rechten Seite in sein fast ebenso großes Schlafgemach.
Carmen stutzte zuerst und überlegte, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich auf diesen Casanova einzulassen, doch als sie die drei Kleider, die auf dem Bett lagen, sah, da trat sie freudestrahlend ein und begutachtete diese.
Vom ersten der drei Kleider ließ sie sofort die Finger; es war ein altmodisches Kleid mit einem riesigen Reifrock. Das zweite gefiel ihr am Besten, es war grün mit Volants an den Ärmeln und vielen Aufnähern, außerdem nur mit Poschen. Sie warf Ramón, der in der Tür stehen geblieben war und sie beobachtet hatte, einen fragenden Blick zu, woraufhin er meinte: „Probier’s nur an. Den Schnürleib habe ich dir auch hingelegt.“
Carmen sah auf das Mieder, wieder zu Ramón, errötete leicht und gestand: „Ich weiß aber nicht, wie man so etwas anzieht…“ Der Hellhaarige lachte daraufhin laut auf und meinte feixend: „Wie man es auszieht weiß ich genau, aber das mit dem Anziehen… Ich glaube allerdings, dass es schwer werden dürfte die Stränge allein am Rücken zu verschnüren. Ich muss dir wohl helfen, also zieh dich aus!“ Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, woraufhin Carmen nur mit den Augen rollte, sich aber doch bis aufs Chemise entkleidete. Sie wusste, dass man das unter dem Korsett anließ, da ebenjenes sonst fürchterlich auf der Haut scheuerte.
Ramón hatte sich in der Zwischenzeit den Schürleib genommen und trat mit diesem an sie heran, noch immer ein breites Grinsen auf den Lippen. Er legte es ihr um, trat hinter sie und hielt für einen Moment inne.
„Was ist denn nun?“, wollte Carmen etwas genervt wissen. Der junge Prinz jedoch entgegnete lediglich: „Ich fragte mich nur gerade, wie man das Ding eben schnürt.“
„Du solltest nicht so viel denken“, wetterte die Hure, „Du könntest dich überanstrengen!“
„Ach sei still!“, gab er zurück. „Als wüsstest du wie es geht.“
„Müsste ich es dir anlegen, bräuchte ich gewiss nicht so lange.“
„Na das will ich sehen!“
„Na das glaube ich kaum und nun beeil dich, wir haben nicht die ganze Woche Zeit!“
„Sei doch froh, dass ich dir überhaupt helfe, also hör auf zu meckern, als seist du eine Ziege!“ Und endlich begann er an den Fäden zu ziehen. Aber wie! Carmen blieb die Luft weg und sie japste: „Willst du mich denn erwürgen?“
„Verzeih.“ Er lockerte es ein wenig, aber Carmen bekam dennoch nicht wirklich Luft.
Also fuhr Ramón fort ihr die Luft abzuschnüren und die Dunkelhaarige fragte sich fortwährend, wann ihre Rippen nachgeben und brechen würden.
„Warum muss das denn so fest sein?“, japste sie und Ramón antwortete: „Weil das die Mode ist.“
„Eine bescheuerte Mode haben die Damen der Gesellschaft da! Man soll ja für die Schönheit leiden, aber diese Tortur würde ich mir nun wirklich nicht antun!“
„Und was machst du dann jetzt gerade?“, lachte Ramón und zog den nächsten Faden stramm. Carmen keuchte und antwortete, nach Luft ringend: „Ich tue es nicht der Mode, sondern der Liebe wegen; und glaube mir, wer sich darum in ein solches Ding zwängt, dessen Liebe ist unerschütterlich.“
„Liebe, pah!“ Ramón schnaufte abfällig. „Was ist das schon? Mein Bruder wird Esperanza Maladie heiraten und mir werden meine Eltern auch eines Tages eine auftischen, nur dass ich nicht aufhören werde Tango zu tanzen, gleich meinem Bruder, den alle so tugendhaft schimpfen. ‚Julio der Tugendhafte’ was für ein Titel! Eine reine Peinlichkeit! Das Volk will wahre Männer, mehr Barbar als Edelmann, an der Macht wissen, sonst stürzen sie ihn! Fertig.“
Nun konnte Carmen kaum noch atmen, bedankte sich dennoch und ging, als hätte sie einen Stock verschluckt, zu seinem Bett, um das grüne Kleid anzuprobieren, doch als sie es anhatte und sich im Spiegel betrachtete, gefiel sie sich gar nicht. Sie zog ein paar Grimassen, hob die Arme, drehte sich um die eigene Achse und sagte schließlich: „Es passt nicht zu mir.“
„Ihr Frauen!“, stöhnte Ramón. „Ich sage es doch schon so lange: Im Evaskostüm seht ihr schlicht am Besten aus.“ Auf diesen Kommentar hin schlug Carmen ihm mit der flachen Hand auf die Brust und grinste: „Dass du das sagst, hätte mir klar sein sollen. Aber sei ehrlich: sieht das Kleid gut an mir aus?“
Der Hellhaarige hob skeptisch die Brauen und musterte sie eingehend. Dann deutete er allerdings mit dem Daumen nach unten.
Sie seufzte, legte es wieder ab, was schwerer war als erwartet, und ging auf das letzte Kleid zu, das auf dem Bett lag.
Dieses war ein Contouche in zartem Himmelblau. Vor der Brust hatte es Schleifen und Spitzenvolants an den Ärmeln. Die Jupe war mit vielen Schnörkeln und Rüschen verziert.
Sie legte es an und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Schließlich trat Ramón hinter sie und meinte grinsend: „Immer noch nicht ganz das Wahre, aber besser als die anderen Beiden.“
„Oh du Widerling! Zieh dir deinen Justaucorps wieder an! Schließlich hast du Damenbesuch!“, tadelte sie ihn, doch er drehte sich um, räkelte sich genüsslich, sodass sie einen wunderbaren Blick auf das Hinterteil seiner Hosen hatte und entgegnete: „Nun hab dich nicht so; wärst du eine holde Jungfer, so verstünde ich deine Empörung, aber du hast jede Nacht nackte Kerle bei dir in deinem Bett! Zudem befinde ich mich nicht in der Öffentlichkeit und wenn ich dich fast nackt vor mir stehen habe, dann wird mir warm!“ Sie lachte nur trocken auf und erwiderte: „Ich fasse das als Kompliment auf und teile dir mit, dass ich dieses Contouche auf dem Ball tragen werde.“
„Dann tu das…“
Er wurde unterbrochen, als jemand seinen Namen rief.
„Wer…?“, wollte Carmen wissen, aber Ramón hielt ihr die Hand auf den Mund und sich den Finger auf die Lippen, dann flüsterte er: „Still!“
Ihr Herz klopfte wie wild und ihr Atem wurde flach. Was würde passieren, fände man sie hier mit Ramón und den teuren Kleidern?
Der jedoch behielt einen kühlen Kopf, auch als sein Name noch einmal erklang und sie hörten, wie die Türen zu seinem Gelass aufgestoßen wurden.
Eilig warf er die teuren Kleider vom Bett, achtlos auf den Boden, und befahl ihr dann: „Leg dich aufs Bett!“
„Aber was…?“
„Ramón!“, ertönte es noch einmal.
„Schnell, Carmen!“ Sie hatte keine Wahl, also tat sie, was er von ihr verlangte und ließ ihn gewähren, als er sich auf sie legte.
Er küsste sie gerade, da öffnete sich die Türe zu seinem Schlafgemach. Ein alter Mann trat ein, er war wohl um die 60 Jahre, edel gekleidet und mit müdem Gesicht. Ramón ließ sich davon nicht stören und streifte gerade ihren Rock über ihr Knie, als der Mann erneut seinen Namen sagte.
Nun wandte Ramón sein Gesicht affektiert erstaunt zu dem Eindringling, rollte sich von Carmen herunter und fragte überrascht: „Vater, was macht Ihr denn hier? Ich erwartete Euch nicht vor der Abendstunde wieder.“
Das war also ihr Vater. In seinen jungen Jahren musste er ein schnieker Bursche gewesen sein, doch die tiefen Furchen in seinem Gesicht und das schneeweiße Haar, das es umrundete, ließen ihn alt und krank wirken.
„Kaum dass die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch; Ramón, wie oft sagte ich dir schon, dass es mir gleich ist, wenn du dich mit den Huren vergnügst, aber nicht in diesem Haus!“
„Zürnt nicht, Vater, Ihr wisst, das ist nicht gut für Euren Pulsschlag.“
„Lenke nicht ab, Ramón!“, fuhr der Alte ihn an. „Und du! Wie heißt du überhaupt, Hure?“
„Carmen ist mein Name. Es ist mir eine Ehre Euch zu begegnen.“ Sie wollte sich erheben, um ihren Worten mit einem Knicks Nachdruck zu verschaffen, da hielt Ramón sie zurück, indem er eine Hand auf ihre Brust legte und sie sanft zurück in die Kissen drückte. Erst verstand sie nicht, was das sollte, da wurde sie sich wieder der Tatsache gewahr, dass sie noch das Kleid der Señora Sangre trug.
Ihr Atem beschleunigte sich und ihre Brust stieß schmerzhaft an den Schnürleib an. Sie hoffte inniglich, dass der Herzog das nicht bemerkte, wenn es so unordentlich an ihr aussah.
„Nun sagt schon, Vater, was führt Euch her? Ihr geruht Euch doch sonst nie in meine Gemächer?“, lächelte Ramón und musterte seinen Vater arglos. Der wiederum heftete seinen Blick auf den blonden Schopf seines Sohnes und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Carmen fröstelte angesichts dieser Mimik und rutschte unbewusst ein Stück nach hinten.
„Hätte deine Mutter, die Hure, dich doch nur nie geboren! Nichts als Scherereien hat man mit dir.“, murmelte der Herzog, fügte dann aber lauter hinzu: „Komm mit, Ramón, deine Mutter und ich haben mit dir zu sprechen.“ Carmen wunderte sich; hatte Ramón den gehässigen Kommentar nicht mitbekommen? Er lächelte den Mann nach wie vor an.
„Warte hier“, gebot er ihr dann und folgte dem Weißhaarigen aus der Tür, die er hinter sich wieder schloss. Erneut schüttelte es Carmen. Dieser Mann hatte unglaublich kalt gewirkt.
Beruhten die Gerüchte, die besagten, dass Ramón nur ein Bastard sei, auf der Wirklichkeit?
Was sollte sie jetzt tun? Auf ihn warten? Weggehen konnte sie schlecht, aber wann würde er wohl wiederkommen?
Als erstes zog sie sich das Contouche aus und den Schnürleib wollte sie ebenfalls ablegen, doch schaffte sie es alleine nicht. Sie setzte sie sich, nur mit dem Chemise und dem Korsett auf die breite Fensterbank und blickte auf die wunderschönen Gartenanlagen.
Ob seine Eltern etwas Wichtiges mit Ramón zu besprechen hatte?
Ramón hatte es in seiner Kindheit sicher schwer gehabt, schoss es Carmen durch den Kopf. Sicherlich hatte er niemals die Wärme eines väterlichen Busens zu spüren bekommen, oder die Liebe eines Vaters.
Sie schrak auf, als sie seine dröhnende Stimme vernahm. Er brüllte, war extrem aufgebracht, doch sie verstand noch nicht, was er sagte. Erst als er krachend die Flügeltüren aufschmetterte, verstand sie, was er in seiner Raserei, sie vollkommen vergessend, brüllte: „Nicht sein Sohn! Nicht sein Sohn!“ Er warf zornig eine Kommode um und trat mit dem Fuß dagegen. „So sagte er es mir ins Gesicht! Dieser senile alte Kauz! Er schimpfte mich einen Bastard, weil meine Haare die Farbe seines Cousins aus Schweden haben, dabei weiß jeder, dass seine Familie sich in den Adel eingeschlichen hat!
Ins Militär soll ich! Da sei ich besser aufgehoben!“
Er trat noch einmal gegen die Kommode mit solcher Wucht, dass das Holz zersplitterte.
„Ins Militär, wo die Frauen weiter nicht seinen können; getrennt von meinem geliebten Bruder, der hier sein Leben allein mit diesem Frauenzimmer, das sich ihm so schamlos aufgezwängt hat, fristen muss!
Eine Militärskarriere! Sie hätten mich gleich ins Kloster zu den Kuttenträgern sperren können!“
In dem Moment kam eine Frau, in wunderschönem, zartrosafarbenem Gewand, hereingerauscht, das Gesicht glänzend vor Tränen. Nun warf sie sich ihm an den Hals und schluchzte: „Ramón! Mein geliebter Sohn! Mein Ramón! Ich wollte es nicht, ich wollte ihn davon abhalten! Ich sagte ihm, dass du da nicht hindarfst! Ich sagte es ihm! Nichts als das Beste will ich für meine geliebten Söhne!“
„Hinaus, Mutter!“ Er stieß sie grob von sich, dass sie gegen eine Wand aufschlug. Sie rutschte daran hernieder und schluchzte bitterlich. Aber Ramón brüllte erneut: „Hinaus, sage ich! Das Beste willst du für uns und verlobst Julio doch mit einer Frau, die ihm zuwider ist und schickst mich doch zum Militär? Hinaus!“
Ein weiteres Schluchzen entfuhr ihr und sie heulte: „Ich wollte es nicht! Er tat es! Es war nicht meine Schuld, ich tat alles, was ich konnte!“
„Ich sage es nicht noch einmal!“ Er packte sie am Arm, zog sie auf die Beine und warf sie schier aus dem Zimmer, dann knallte er die Tür zu.
Als nächstes sollte ein Gemälde, das seine Familie zeigte, seiner ohnmächtigen Wut zum Opfer fallen, doch gerade als er den Stoff der Leinwand mit seinem Knie bersten wollte, hielt er inne, atmete einige Sekunden tief ein und aus und seufzte dann: „Julio, mein Bruder, wie bitterlich wirst du weinen, wenn du es erfährst? Wie brutal sie dir das Herz zerreißen. Du wirst schluchzen und heulen, als wärst du ein Weib.“ Er lachte leise auf. „Doch noch bist du weit weg und in wohliger Unwissenheit. Nichts in der Welt brächte mich dazu einen Boten zu dir zu schicken, dir jetzt diese Hiobsbotschaft zu überbringen.“
Carmen zitterte; doch sie wusste nicht, ob es Mitleid, Betroffenheit oder einfach Angst vor dem zürnenden Ramón war.
„Vater wird mich gewiss nach Europa schicken, so weit ins Exil wie es ihm möglich ist.
Warum nenne ich ihn denn noch Vater, wenn sich alle Welt sicher ist, dass er es nicht ist? Wenn nur du, Mutter und ich es glauben? Wenn es doch so viel leichter ist zu sagen, ich sei ein Bastard!“
„Ramón?“ Es war besser ihn nun zu unterbrechen und auf sich aufmerksam zu machen, wenn er sich noch nicht wieder in Rage geredet hatte, fand Carmen.
Der Prinz wandte seinen Kopf zu ihr und starrte sie an, als wäre sie der Leibhaftige. Tränen standen in seinen Augen und sein Gesicht war noch rot gefärbt vom Zorn.
„Ramón, sprich besser nicht weiter, solange ich da bin“, bat Carmen.
„Du bist da“, sagte er langsam und für Carmens Geschmack etwas zu ruhig. Sie erwiderte nichts darauf, sondern wartete, bis er weitersprach: „So ist es gut! So wird es klappen!“ Dieser ruhige Tonfall an Ramón erschreckte so noch mehr als das Gebrüll zuvor und sie fragte vorsichtig: „Was wird klappen?“
„Am Ball wirst du es ihm sagen.“
„Was?“, rief sie erschrocken aus, „Warum ich?“
„Weil ich so etwas nicht kann ohne ihm einen Dolch durchs Herz zu jagen.“
„Und dann bin ich die böse Frau, die ihm den Busen in Stücke reißt und du bist fein raus?“ Ramón überlegte einen Moment und nickte dann mit seinen treuen Augen in die Ihren blickend.
„Sieh mich nicht so an!“, flehte sie, doch er fuhr fort und entgegnete dann: „Betrachte es als den Preis dafür, dass ich dir helfe auf den Ball zu kommen.“
„Du bist ein solcher Schuft!“ Damit hatte sie ihre Einwilligung gegeben und sein Gesicht entspannte sich ein bisschen.
Einige Sekunden lang herrschte eine unheimliche Stille des gegenseitigen Einverständnisses, dann setzte sich Ramón auf die Bettkante, den Oberkörper geneigt, die Ellenbogen auf den Knien und die Hände vor sich gefaltet. Schließlich sagte er: „Ich werde dir am Freitag die Kutsche schicken und dich vor meinem Heim erwarten. Deine Maske liegt noch auf meinem Nachttisch.“
„Aber du kannst die Kutsche nicht vors Rosa Cama schicken, denn sonst würde der Hurenwirt mich sehen!“
„Und was wäre schlimm daran?“, fragte Ramón unwissend. Carmen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und erwiderte: „Wie kann es sein, dass mein geliebter Julio einen solchen Dummkopf zum Bruder hat?“
„He!“, fiel er ihr ins Wort, doch sie ließ sich nicht davon stören: „Ich muss mich hinaus schleichen und dem Hurenwirt erzählen, ich sei krank.“ Ramón rollte daraufhin jedoch nur mit den Augen und fuhr in seiner Erklärung fort: „Julio wird kurz vor dem Ball kommen, genau wie du. Ich werde dich in sein Zimmer führen.“
„Gut.“, erwiderte Carmen und nickte.
Ramón überspielte den vorherigen Gefühlsausbruch gut, denn hätte sie seine Verzweiflung und seinen Unmut nicht mit eigenen Augen gesehen, so hätte sie niemandem geglaubt, der ihr erzählt hätte, dass es so gewesen war.
Lachend, so wie man es von ihm gewohnt war, kam er auf sie zu, bleib einige Zentimeter vor ihr stehen und grinste: „Ist es eigentlich bequem nur in Chemise und Korsett dazusitzen?“
„Nein!“, fauchte sie ihn an, „ist es nicht, aber alleine kann man dieses verdammte Ding ja nicht ablegen!“
„Oh, lass mich dir helfen! Entfernen kann ich sie mit einer Hand!“, grinste Ramón und Carmen seufzte: „Das glaube ich dir wohl.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und drehte ihm den Rücken zu.
„Wo soll ich denn die Kutsche hinschicken?“, fragte Ramón schließlich.
Sie wartete mit ihrer Antwort noch einen Moment, auf dass sich ihre Lungen wieder entfalten konnten, und erklärte schließlich: „Schicke sie zum Navio D’Oro, dort werde ich sein.“
„Wie willst du denn da sein, wenn du gar nicht weißt, wann du da sein musst?“, amüsierte sich Ramón, als er ihr zusah, wie sie sich vollends von dem Schnürleib befreite und wieder ihr Kleid anzog.
„Ich gehe einfach davon aus, dass du es mir gleich sagen wirst.“, lächelte sie ihn verführerisch an. Daraufhin lachte er: „Bin ich denn so durchschaubar?“
„Du hast ja nicht die geringste Vorstellung davon!“, stieg sie in sein Lachen mit ein. Ramón setzte sich auf einen Sessel und erklärte schließlich, ihr den anderen anbietend: „Um sechs Uhr wird die Kutsche da sein und wenn du nicht da ist, fährt sie weiter.“
„Woran erkennt der Kutscher mich?“, unterbrach sie ihn.
„Und du schimpfst mich dumm! Na an dem Kleid! Aber du musst aufpassen, dass niemand über dich herfällt… Es wäre mir wirklich lieber, die Kutsche könnte dich vorm Rosa Cama auflesen.“ Carmen schüttelte allerdings wie wild mit dem Kopf und sagte: „Das geht nicht, sonst bekomme ich schreckliche Prügel und wenn ich erst grün und blau bin will mich kein Mann mehr, und wenn ich keinen Verdienst einbringe, dann bekomme ich noch mehr Schelte!“ Ramón sah zur Seite, kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe und murmelte: „Irgendetwas wird mir schon noch einfallen.“ Und lauter, ihr wieder in die Augen sehend, fuhr er in der Ausführung seines Plans fort: „Du musst dich allerdings auch anpassen, das bedeutet, du musst zum Aderlass und eventuell auch deine Pupillen mit Atropin weiten.“
„Atropin? Was ist das?“, fragte Carmen skeptisch.
„Das ist das Gift der Tollkirsche-„
„Der Tollkirsche? Was ist das für eine Pflanze?“ Der Name klang gefährlich, eine Kirsche die toll machte? Die einen verrückt werden ließ?
„Sie wächst in Europa“, erklärte Ramón. „Meine Mutter und die anderen Damen der Gesellschaft lassen sie gerne importieren, weil sie die Pupillen erweitert und die Frauen so diesen dämlichen Rehblick bekommen.“
„Und wo soll ich die herbekommen?“, fragte Carmen und musterte Ramón fragend. Der lehnte sich zurück, griff in die Taschen seiner Culotte und zog ein kleines Kästchen daraus. Er beugte sich jetzt ganz weit nach vorne und öffnete es. Darinnen waren drei Kirschen und ein kleines Fläschchen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Carmen wollte schon danach greifen, da zog Ramón es ihr weg und warnte sie: „Pass aber bloß auf! Diese Kirschen rufen unglaublich heftige Reaktionen hervor! Isst du mehr als zehn von ihnen sind sie sogar tödlich.“ Ängstlich zog Carmen wieder ihre Hand zurück und fragte ganz leise, den Blick auf die roten Früchte geheftet: „So gefährlich sind sie? Was bewirken sie noch?“
„Du musst wissen, dass ich sie noch nie nahm, doch für gewöhnlich ist das Extrakt in dem Fläschchen ein wunderbares Mordmittel. Aber die Frauen träufeln sich etwas davon in die Augen.“
„Was?“, flüsterte Carmen ungläubig und Ramón lachte daraufhin: „Ja, es ist schon recht ironisch, dass die Frauen das Mordmittel schlechthin als Kosmetikartikel entdeckt haben, nicht? Meine Mutter nimmt es immer zwölf Stunden vor einem Anlass, denn in den ersten Stunden heult sie wie ein Schlosshund und läuft fast gegen alle Wände, weil sich ihre Pupillen so weiten.“ Carmen schluckte. So etwas taten sich die Damen der Gesellschaft an? Aber vielleicht war das ja sogar gut für sie, denn dann musste sie den Hurenwirt nicht anlügen, dass sie bettlägerig war.
„Gut, ich bin vorsichtig.“
„Versprich es mir!“ Er sah ihr prüfend in die Augen und sie entgegnete: „Ich verspreche es dir.“ Immer noch etwas widerwillig überreichte er ihr das Kästchen.
„Oh und ehe ich es vergesse!“, rief er aus und sprang auf, zu der kaputten Kommode eilend. Er kramte ein wenig in den Stoffen, die zerwühlt auf dem Boden lagen, nahm sich dann etwas und kam damit zu Carmen.
Er verbeugte sich, die Hände vor sich ausgestreckt und auf ihnen ein atemberaubendes Médicis liegend. Carmen hielt ungläubig die Luft an und sah in Ramóns verschmitzt grinsendes Gesicht, dann wieder auf das Halsband.
„Damit du nicht gänzlich schmucklos kommen musst.“, schmunzelte er und überreichte es ihr. Die Hure stieß die Luft aus und nahm das Geschenk in Empfang.
Ich hoffe, ihr zerfetzt mich jetzt nicht in der Luft *duck*
Naja, das nächste Kapitel ist schon geschrieben ^o^V Das heißt, es wird nicht allzu lange auf sich warten lassen =)
LG, Terrormopf^^
PS: In Wald, bei meiner Schule liegt schon Schnee :D Bei euch auch?
Der zwölfte Tanz
Hallo, ihr Lieben! =)
Ich hoffe doch, dass ihr die Festtage gut überstanden habt und auch gut ins neue Jahr gekommen seid; ich bin es jedenfalls :D
Dann möchte ich mich euch noch um Verzeihung bitten, dass ich so lange gebraucht habe; ich hoffe, ihr seid mir nicht all zu böse...
Als Entschädigung ist dieses Kapitel dafür knapp zehn Word-Seiten lang :D
Um des Weiteren auf die Bitte einer Leserin einzugehen, hier noch einmal eine Erklärung modischer Fachbegriffe des letzten und dieses Kapitels, verzeiht, dass ich es im letzten vergessen hatte, ich hoffe, dass ich hierdurch etwas Klarheit schaffen kann.
Beginnen wir mit der Herrenmode:
Der Justaucorps ist ein Gehrock, ich hatte ihn schon mal unter der Bezeichnung „Rock“ beschrieben
Die Cravate ist ähnlich wie die Halsbinde
Die Culotte ist die übliche Kniehose
Der Hosenlatz à la bavaroise bezeichnet den Verschluss der Hose mit zwei Knopfreihen beiderseits der Mitte
Dreispitzen und Degen waren Zeichen des Adels
Nun zur Damenmode:
Volants sind die Besätze an Ärmeln (Nicht die Spitze, den Volants werden glatt angenäht)
Der Schnürleib ist das Korsett oder Mieder, es wurde spiralförmig, vorne oder hinten verschnürt
Das Chemise ist ein Unterkleid, das man trug
Ein Contouche ist ein Kleid mit von den Schultern abfallenden Watteaufalten, benannt nach dem Maler Watteau, der so entzückt von diesem Faltenwurf war, dass er die Damen nur noch von hinten malte, zu erklären ist es nicht gut, deshalb schlag ich vor, dass ihr die Eigeninitiative ergreift und einfach mal nachgooglet^^
Ein Médicis ist ein Halsband aus Spitze oder Taft
Die Robe oder das Manteau ist das Mantelartige Obergewandt
Die Jupe ist ein Rock, der unter der unter der sich dreieckig öffnenden Robe zu sehen war, wer es sich leisten konnte, legte ihn sich in den Farben des Manteaus gehalten ist, weil man ihn nicht von diesem unterscheiden können sollte, es sollte wirken, als sei es ein Kleid
Der Anstandsrock ist ein knielanger Rock, der dafür sorgt, dass wenn alle anderen Röcke hochgeweht werden, der Anstand gewahrt wurde
Die Taschen wurden tatsächlich separat an den Hüften angebracht
Der Stecker ist ein dreieckiges Stück Stoff, das unter die vordere Öffnung der Robe kam, um das Korsett zu verdecken
Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe, ansonsten: Fragen dürfen gestellt werden, ich beantworte gerne^^
Und nun viel Spaß!
Beim Arzt war sie nun schon vor einem Tag gewesen, zum Aderlass, und ihre Haut war noch immer wunderschön blass. Der Hurenwirt hatte es ihr bezahlt, als sie ihm vorgegaukelt hatte, sie sei sterbenskrank.
Sie besah sich die Innenseite ihres Arms; man konnte sehen, wie die Venen sich blau durch ihre Haut zogen, verschwanden und in der Beuge ihres Ellenbogens wieder blaugrünlich aufblitzten. Sie war schon so fasziniert davon, seit sie vom Arzt wiedergekommen war. Noch nie hatte sie eine solch durchscheinende Haut gehabt. Dennoch waren die Adern der Frauen des Standes weitaus deutlicher zu sehen; ob sie sie nachmalten?
Die Sonne ging gerade auf und erst jetzt wurde Carmen sich der Tatsache bewusst, dass an diesem heutigen Tag der Ball sein würde. Nur wusste sie nicht recht, ob sie sich darüber freuen sollte. Zwar sah sie auf der einen Seite ihren Julio wieder, doch auf der anderen Seite fand diese Festlichkeit nur statt, um der Gesellschaft seine Verlobung mit Esperanza Maladie zu offenbaren.
Die Kirchturmuhr schlug sechs und daraufhin stieg Carmen aus dem Bett. Doch kaum war sie aufgestanden, musste sie sich wieder setzen. Konnte es denn tatsächlich sein, dass ihr noch immer vom Aderlass schwindelig war?
Umso besser!
Wenn sie herunterkäme und dort der Hurenwirt stand, würde er sie sicherlich fragen, wie es ihr ginge; mit einem schwächlichen Lächeln würde sie antworten, dass es schon ginge und anschließend einen Schwindelanfall vorschützen. Und wenn sie dann zwei Stunden später noch halb blind ankäme, so würde er ihr gewiss verbieten heute Abend einen Freier zu empfangen.
Der erste Teil verlief wie sie es vorausgesehen hatte und der Hurenwirt nahm ihr die Schwäche ab und meinte: „Leg dich wieder hin, dass du mir krepierst fehlt mir gerade noch, du bist eine meiner Haupteinnahmequellen!“ Innerlich schäumte Carmen und hätte dem Herrn am liebsten nach Gentlemanart eine mit dem Glacéhandschuh gescheuert, dennoch nickte sie daraufhin nur schwach und schlurfte die Stufen hinauf in ihre Kammer, um sich da in ihr Bett fallen zu lassen.
Mit Sicherheit würde heute Abend alles perfekt laufen und Julio würde sich sicher freuen sie wieder zu sehen. Bei dem Gedanken wurde ihr warm ums Herz und sie drehte sich auf die Seite, wohlig seufzend.
Es war einfach wundervoll sich vorzustellen wie Julio vor ihr stand, sich ihr ganz langsam näherte und seine Lippen die Ihren ganz zurückhaltend, beinahe vorsichtig berührten. Dann würde er seine Scheu ablegen und seine Arme um sie schlingen, um in einem innigen Kuss mit ihr zu versinken…
„Hey, was gibt es denn um die Uhrzeit schon so zu seufzen? Wenn einer seufzen darf, dann bin ich das, weil der Hurenwirt mir befahl, dir das Frühstück hinaufzubringen! Du seist schließlich noch zu geschwächt und überhaupt wäre es bei mir nicht so schlimm, wenn meine Hände aussehen wie die einer Bäuerin, Französinnen seien längst nicht mehr so gefragt wie früher, nein, mit dir mache er seinen ganzen Umsatz! Pah! Der soll sich trauen mir in einer dunklen Gasse zu begegnen, die Kanaille!“ Schnaufend stellte sie das Tablett, auf dem eine Scheibe Brot, etwas Käse, ein Krug mit Wasser und ein Becher standen, auf dem Tisch ab und legte sich zu Carmen aufs Bett.
„Was für eine Frechheit!“, zeterte die Französin plötzlich und setzte sich wieder auf. „Ich habe bisher noch nie bemerkt, dass dein Bett viel weicher ist, als das Meine!“ Auch Carmen richtete den Oberkörper auf und sah ihrer Freundin prüfend ins Gesicht. Schließlich fragte sie: „Was ist denn mit dir los, Emilie?“
„Ach, ich bin sauer auf den Wirt!“, maulte die Französin und stierte mit zusammengezogenen Brauen aus dem Fenster.
Nach dem Grund Emilies Zorn auf den Hurenwirt musste Carmen nicht fragen. Auch wenn ihre Freundin nicht darüber sprach, wusste sie, dass der Besitzer des Rosa Cama schon länger Emilies Bett aufsuchte und sie dennoch nur niedermachte und das zerrte an den Nerven der Französin.
„Aber es ist doch immer noch besser bei ihm als bei dem aus dem Belladonna, der schlägt seine Nichten immerhin!“, versuchte Carmen sie ein wenig aufzuheitern, doch Emilie ging nicht darauf ein, sondern fragte: „Was musst du denn heute noch alles machen, bevor du gehen kannst und bei was brauchst du mich?“ Diese Reaktion war typisch für Emilie. Carmen ließ sie alles erzählen und selbst schwieg sie sich aus.
Die Jüngere seufzte und erklärte: „Ich muss mir das Extrakt der Tollkirsche in die Augen träufeln, danach kann ich allerdings nichts mehr sehen; du musst mir dabei helfen und danach den Wirt herauf holen, damit er sieht, wie krank ich bin und mir heute Nacht Bettruhe verordnet.“
„Tollkirsche?“, fragte Emilie mit hochgezogenen Brauen. „Wozu soll das gut sein? Es hört sich irgendwie gefährlich an…“
„Nein, nein, das ist nur damit sich meine Pupillen weiten wie die der Damen. Sie sind nur giftig, wenn man sie isst“, beruhigte sie Carmen, doch Emilie warf ihr lediglich einen strengen Blick zu und sagte: „Und weiter?“
„Du musst mir helfen den Schnürleib anzuziehen“, fuhr Carmen fort. „Und mich dann schminken, weil ich es ja nicht mehr so genau sehen kann.“
„Mehr nicht?“, fragte Emilie und Carmen dachte noch einmal nach, schüttelte dann aber den Kopf. Die Ältere holte tief Luft, stand auf, krempelte sich die Ärmel symbolisch hoch und meinte: „Na dann lass es uns anpacken! Wo hast du dieses Serum?“ Carmen stand widerwillig auf und ging an ihre Truhe. Sie hatte das Kästchen, das Ramón ihr gegeben hatte, darin verstaut und kramte es nun von ganz unten hervor.
Sie reichte es Emilie, die skeptisch hineinsah.
„Und wie viel soll ich dir davon ins Auge träufeln?“, fragte sie schneidend, den Blick nicht hebend. Einige Sekunden sah Carmen unschlüssig auf ihre Freundin und meinte dann verlegen: „Ich weiß es nicht genau; ich hatte gehofft, dass du dich damit etwas besser auskennst, schließlich kommst du aus Frankreich.“
Hart lachte die Ältere daraufhin auf und entgegnete: „Und darum soll ich wissen, wie man so etwas macht? Damals war ich jung und habe mich für die Gesellschaft interessiert, wie sie sich für mich interessierte.“
„Aber ich dachte, du seist in diesen Adligen verliebt gewesen“, ließ Carmen kleinlaut vernehmen.
„Ja, ich war in ihn verliebt“, höhnte Emilie. „Und er in seinen jungen Kammerdiener, den er immer mitbrachte und mit dem er es in meiner Kammer trieb.“ So verbittert hatte Carmen ihre Freundin noch nie erlebt, aber der Grund dafür war einleuchtend; nur was sollte sie darauf erwidern?
So entstand eine peinliche Stille in der Emilie weiterhin auf das Fläschchen starrte und Carmen nachdenklich den Boden fixierte.
„Dann lass uns anfangen“, durchbrach plötzlich Emilies Stimme die Stille und Carmen sah leicht erstaunt auf. Skeptisch hob sie die Augenbrauen und entgegnete: „Aber wir wissen doch nicht einmal, wie wir das Serum anwenden müssen.“
„Was soll’s“, meinte die Französin achselzuckend und öffnete das Fläschchen. „Es wird wohl nicht so schlimm sein, träufle ich dir zuviel ins Auge und wenn es zu wenig ist, können wir noch etwas nachtropfen. Also leg deinen Kopf in den Nacken.“ Carmen biss sich nachdenklich auf die Unterlippe und fragte sich unsicher, ob sie Emilie in diesem Gemütszustand vertrauen konnte.
Dennoch tat sie nach einigen Sekunden was Emilie von ihr verlangte und beobachtete mit weit geöffneten Augen, wie ihre Freundin sich mit dem Fläschchen in der Hand über sie beugte.
Als die Hand Emilies Carmens Lider berührte, zuckte diese zusammen und kniff unwillkürlich die Augen zusammen.
„Du musst sie schon offen halten, wenn das Serum wirken soll!“, lachte Emilie und zog das obere und untere Augenlid Carmens linken Auges auseinander.
Vorsichtig neigte sie das Fläschchen darüber.
Carmen spürte, wie ihr Auge ganz langsam trocken wurde und zu brennen begann, dennoch sah sie, wie der Tropfen aus dem Hals der Flasche langsam größer wurde und bald herabfallen würde.
Nun begann es schon zu tränen und es kam der Hure vor, als strömten beißende Dämpfe aus der Flüssigkeit.
Der Tropfen wurde noch größer, gleich würde er sich lösen.
Man konnte den Schrei durch die ganze Straße gellen hören, als die Flüssigkeit auf Carmens Pupille traf. Sie versuchte das Auge zu schließen, doch Emilie hielt sie unbarmherzig fest und raunte: „Schrei nicht so, du wolltest es selbst. Denk an deinen Julio, wenn es dir hilft; für ihn tust du es ja.“ Die harschen Worte halfen ihr nicht viel, dennoch biss sie die Zähne zusammen und ignorierte das Brennen in ihrem linken Auge. Ebenso die heißen Tränen, die ihr in Massen über die Wangen strömten, ihr anderes Auge hatte auch begonnen zu tränen.
Immer mehr nahm sie war, dass die Sicht verschwommen wurde, und als der zweite, glühende Tropfen in ihr Auge viel und entsetzlich brannte, konnte sie kaum mehr Formen erkennen. Sie sah lediglich verschwommene Flecken, konnte nur bestimmen, ob sie hell oder dunkel waren.
Endlich ließ die Französin ihre Lider los und sofort kniff Carmen ihre Augen zusammen und presste ihre Hände auf das Linke, leise wimmernd. Sie krümmte ihren Rücken und flehte Emilie an, sie solle es nicht auch mit dem anderen Auge machen, doch diese erwiderte daraufhin nur: „Es geht nicht, wir haben es begonnen und wenn nur eins deiner Augen geweitet ist, dann sieht es seltsam aus; auffällig.“
Ihr wurde schlecht, allein von der Tatsache, dass sie auf dem einen Auge nun fast blind war und das andere noch einwandfrei funktionierte, ihr Gehirn kam damit nicht klar.
Der Schmerz, der sich in ihrer linken Gesichtshälfte ausbreitete machte sie beinahe rasend und sie musste sich arg zusammenreißen den Schmerz nicht herauszuschreien.
„Nun komm, so schlimm wird es doch nicht sein?“ Emilie streichelte ihr sanft über den Arm und beugte sich zu ihr hinab. Mit einem geröteten und verquollenen Auge sah Carmen zu ihr auf und Emilie wich unwillkürlich einige Zentimeter zurück, schluckte schwer und lächelte dann aber: „Es wird ja nicht für lange so sein, bestimmt vergeht das bald. Wir sollten uns auch um die rechte Seite kümmern.“
Mit bebenden Lippen und verzweifeltem Blick sah Carmen sie an, wehrte sich aber nicht, als Emilie ihren Kopf nach hinten drückte und erneut ihre Lider auseinander zog.
Die Jüngere zitterte schwach und ihr Atem ging flach, warum um alles in der Welt hatte sie sich dazu entschlossen wie die Damen der Gesellschaft aussehen zu wollen?
Wieder spürte sie das Trockene im Auge und nun schneller folgte der Tropfen, der ihr diese qualvolle Pein bescherte. Doch diesmal presste sie hart die Kiefer aufeinander, sodass kein Ton über ihre Lippen dringen konnte.
Und dann brannte schon der nächste Tropfen in ihrem Auge.
Ihre Freundin hatte sich neben sie gesetzt und Carmen an sich gezogen. Diese hatte ihren Kopf an die Brust der anderen gelehnt und starrte ins Nichts, sehen konnte sie ohnehin nicht.
Sanft streichelte Emilie ihr durch das rabenschwarze Haar und summte eine beruhigende Melodie, behutsam vor- und zurückwiegend.
Plötzlich klopfte es an der Tür und der Hurenwirt streckte seinen Kopf hindurch. Carmen hob den Kopf leicht und blickte in die Richtung aus der sie das Geräusch vernommen hatte. Noch immer tränten ihre Augen und wahrscheinlich glühten sie vor Röte.
„Verflucht, was ist mit der passiert?“, fragte er an Emilie gewandt und gaffte Carmen mit offenem Mund an.
„Sie kann kaum mehr etwas sehen, heute Abend wirst du auf sie verzichten müssen“, entgegnete Emilie, fortwährend Carmens Kopf wiegend.
„Ist es ansteckend?“, fragte er und war immer noch nicht eingetreten. „Denn dann kommst du sofort hier heraus, Französin!“
„Nein“, entgegnete die Angesprochene und schüttelte leicht den Kopf. „Es ist keinesfalls ansteckend und wird auch schon bald verflogen sein, sie braucht nur Ruhe, also musst du sie heute Nacht in Frieden lassen.“ Sie konnte es dem Mann ansehen, wie er mit sich ringen musste, dieser Bitte nachzukommen und seine Mundwinkel zuckten immer wieder. Schließlich stieß er jedoch die Luft aus, die er für einen Moment angehalten hatte, und knurrte: „Na gut, dann musst du dich allerdings mehr anstrengen, Französin, denn einen Verlust kann ich mir nicht leisten.“ Damit schloss er die Türe und sie konnten seine schweren Schritte die Treppe hinunterpoltern hören.
„Dann solltest du weniger saufen und besser wirtschaften, lausiger Hund!“, fauchte Emilie ihm nach und hätte am liebsten ein Kissen nach ihm geworfen.
Die Prozedur war nun schon einige Stunden her und inzwischen hatten sich ihre Augen wieder beruhigt; zwar konnte sie noch immer nicht ganz klar sehen, doch sie wusste auch, dass dieser Zustand wohl noch mindestens den nächsten Tag anhalten würde. Emilie hatte ihr die ganze Zeit über Gesellschaft geleistet und nun schnürte sie ihr das Korsett.
Carmen hatte die Hoffnung gehabt, dass sie es ein wenig leichter als Ramón binden würde, doch diese zerschlug die Französin schnell. Sie schnürte es sogar noch fester als der jüngere der Sangrebrüder und ging in keinster Weise auf Carmens verzweifeltes Japsen ein.
Ganz im Gegenteil; gegen Ende stützte sich die Jüngere mit ausgestreckten Armen an der Wand ab und Emilie hielt Carmens Kreuz mit dem Fuß zurück, ließ sich förmlich nach hinten fallen, nur die Schnüre festhaltend, damit es auch ja fest genug wurde.
„Du willst wohl, dass ich diese Nacht ersticke!“, flüsterte Carmen, sie hatte Angst, der Hurenwirt könnte sie hören.
„Nun stell dich nicht so an, wenn die verwöhnten Gören der gehobenen Gesellschaft das tragen können, dann wirst du es auch überleben“, erwiderte die Französin und stemmt wieder den Fuß in Carmens Kreuz, um den nächsten Faden stramm zu ziehen. Daraufhin erwiderte Carmen nichts, denn sie konnte es sich nicht vorstellen, dass Emilie nicht wusste, dass die Adelskinder schon in der Wiege in diese Dinger hineingezwängt wurden; sie waren daran gewöhnt.
Es war die reinste Tortur und Carmen wünschte sich, sie hätte Emilie niemals darum gebeten ihr beim Anziehen zu helfen.
„Nun setz dich mal“, forderte die Französin sie auf, als sie um sie herumging wie ein Geier und ihr Werk bewunderte.
„Na du hast einen Humor!“, presste Carmen hervor, „Ich kann kaum damit stehen und nun soll ich mich setzen? Da zerquetscht es mir noch die Gedärme!“
„Du wirst dich aber irgendwann setzen müssen, oder willst du das ganze Fest über stehen?“
„Wenn es sein muss“, entgegnete Carmen trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. Emilie rollte daraufhin nur genervt mit den Augen und erwiderte: „Stell dich nicht so an, du wirst spätestens in der Kutsche sitzen müssen, außerdem musst du noch damit aus dem Fenster klettern!“
„Herrje, das Fenster! Da passe ich niemals hindurch!“
„Natürlich passt du da durch, früher stiegst du doch auch dort aus!“
„Aber ich habe seitdem ein paar Pfunde zugelegt!“ Mit weit aufgerissenen Augen sah sie auf ihre Freundin, die die Stirn runzelte und angestrengt überlegte. Plötzlich wandte sie den Kopf zur Tür und raunte: „Hörst du das auch?“
„Was?“, fragte Carmen und lauschte angespannt, doch konnte sie nichts Unnormales vernehmen.
„Pst, nicht so laut!“ Emilie hatte sich den Zeigefinger auf die Lippen gelegt und die Augen zu Schlitzen verengt, als könnte sie so besser hören. „Jesus, Maria und Joseph! Es kommt jemand herauf!“
„Was?“, keuchte Carmen entsetzt, aber Emilie drängte sie zurück und befahl: „Schnell! Leg dich ins Bett und zieh die Decke bis unters Kinn!“ Carmen tat wie ihr geheißen, doch kaum lag sie, richtete sie sich wieder auf und rief so leise sie konnte: „Das Kleid!“ Prompt reagierte die Französin, riss das Kleid von dem Hocke, auf dem es gelegen hatte und stopfte es in die hinterste Ecke, in die kein Licht drang.
Im nächsten Moment öffnete sich die Tür und der Hurenwirt trat ein. Er schielte kurz zu Carmen, wandte sich dann aber Emilie zu und sagte: „Komm endlich herunter, es ist schon eine halbe Stunde nach sieben und die Wirtschaft füllt sich.“
„Ich komme sofort, aber lass mir noch ein paar Minuten bei ihr; ich bitte dich!“ Emilie flehte ihn förmlich an. Der Wirt allerdings drehte sich nur um und knurrte: „Was bin ich eigentlich so nett zu euch Pack? Euch sollte mal einer Manieren beibringen…“ Den Rest bekamen die Beiden nicht mehr mit, da er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Die beiden Huren warfen sich einen vielsagenden Blick zu und mussten sich auf die Lippen beißen, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Carmen schlug die Decke zurück, setzte sich auf und kicherte: „Wenn du wüsstest, wie mein Herz gerade geschlagen hat! Wie damals als Kind, wenn man etwas ausgefressen hat und die Eltern es beinahe herausbekommen!“
Emilie wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln, hielt sich von Lachen immer noch den Bauch und sagte: „Schluss mit dem Unsinn! Wir sollten uns überlegen, wie du es hier heraus schaffst. Bist du dir denn ganz sicher, dass du nicht durch das Fenster passt?“ Carmen biss sich auf die Unterlippe und entgegnete verdrießlich: „Ja, ganz sicher; glaube mir, diese Zeiten sind vorbei.“
„Aber mit dem Kleid“, Emilie nickte zu der Ecke, in der die Robe noch immer zusammengeknüllt lag, „wirst du dich unten kaum hinausschleichen können.“
„Und mit den Poschen passe ich schon dreimal nicht durch das enge Loch, das sich Fenster schimpft“, erwiderte Carmen bissig. Sie erhob sich und ging an ihre Truhe, hinter der die Poschen lagen. Emilie bewegte ihre Lippen hin und her, schien zu überlegen. Schließlich sagte sie zögerlich: „Dann musst du durch das Fenster Josephines, ihres ist sicherlich groß genug, außerdem liegt es ein wenig abseits des Eingangs.“
„Josephine?“ Entrüstet spie Carmen den Namen aus, als wäre er ein Fluch. „Du weißt doch, dass wir uns hassen wie die Pest! Außerdem hat die bestimmt schon längst einen Freier bei sich im Bett liegen.“
„Es ist mir einerlei, wie du zu ihr stehst. Ist sie mit einem Mann beschäftigt, so musst du deinen Plan aufgeben und hier bleiben; hat sie keinen bei sich, so ist sie unten in der Wirtschaft und angelt sich noch einen. Einen Versuch ist es wert, also jamm’re nicht unnötig, sondern stell dich aufrecht hin, dass ich dir beim Anziehen helfen kann!“ Widerwillig stellte Carmen sich in die Mitte des kleinen Raumes und ließ ihre Freundin wortlos gewähren, als diese ihr den Anstandsrock anzog und die Poschen umband.
Anschließend fanden die Taschen ihren Platz und Emilie fragte: „Wo hast du denn deine Unterröcke?“ Mit einem Nicken deutete Carmen auf ihre Truhe. Emilie seufzte vernehmlich, ging dann aber doch zu der Truhe, öffnete den schweren Deckel und kramte solange darin, bis sie zwei Unterröcke Carmens hervorzog.
„Zwei Unterröcke?“, fragte Carmen verblüfft; als sie bei Ramón gewesen war, hatte sie gar keinen angehabt.
„Natürlich, sonst sieht man die Stäbe der Poschen“, erwiderte Emilie, als wäre es für sie selbstverständlich drei Röcke unter den eigentlichen Rock zu ziehen.
„Und warum dann welchen aus diesem leichten Stoff? Wäre ein fester Stoff nicht besser?“, wollte sie dann wissen.
„Ein fester Stoff wäre zu schwer und würde alles nur unnötig platt drücken“, erklärte die Französin geduldig. Als sie Carmen auch den zweiten Unterrock an der Taille festgebunden hatte und den Sitz der Taschen korrigiert hatte, ging sie nun zu der Robe, hob sie auf, unter ihr war die Jupe zum Liegen gekommen. Das Manteau breitete sie auf dem Bett aus und half Carmen in die Jupe zu steigen. Erst band sie den hinteren Teil fest, dann den Vorderen. Als Carmen gerade zu einer Frage ansetzen wollte, seufzte sie: „Auf die Art kannst du, trotz der Überlappung, leicht in die Taschen greifen.“ Carmen probierte es und stellte doch etwas überrascht fest, dass die Französin die Wahrheit gesagt hatte.
„Nun kommt der Stecker“, meinte die Französin, noch immer etwas an der Jupe zupfend.
„Pass nur auf, dass du mir keine der Nadeln und die Brust steckst!“, mahnte Carmen, die Augenbrauen hebend. Ihre Freundin allerdings, den Stecker schon in der Hand, stemmte die Hände in die Hüften und sagte, affektiert empört und einen Nasenflügel leicht gekräuselt: „Für wen hältst du mich denn? Ich würde meiner liebsten Konkurrentin doch niemals das zarte Brustfleisch zerstechen!“
„Du nicht, aber Josephine, wenn sie herausfindet, dass ich durch ihr Fenster aussteigen werde“, brummte die Jüngere missmutig, doch Emilie entgegnete, auf das Feststecken des Steckers konzentriert und einige Stecknadeln zwischen die Lippen geklemmt: „Sie wird es allerdings nie herausfinden und nun halt die Luft an, sonst zerkratze ich dir womöglich tatsächlich noch die Haut.“ Wie ihr befohlen hielt Carmen die Luft an so lange sie konnte.
Als sie es nicht mehr länger schaffte, ohne blau anzulaufen, entwich nahezu die gesamte Luft auf einmal ihren Lungen und für den Bruchteil einer Sekunde kam ihr der Schnürleib tatsächlich geräumig vor. Doch sofort darauf hinderte er die schwer schnaufende Carmen daran, sich mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen, sodass sie einen Moment schwindelte, einen Schritt nach hinten tun und sich an Emilie festhalten musste, um nicht umzufallen. In dem Augenblick richtete Emilie sich auf und strahlte: „Fertig. Jetzt nur noch die Robe!“ Carmen wollte schon zu dieser gehen, da hielt Emilie sie zurück und meinte gelassen: „Bleib nur ruhig stehen, ich helfe dir doch.“ Dankbar tat Carmen wie ihr geheißen und ließ sich beim Anziehen der mantelartigen Robe helfen.
Emilie wusste erstaunlich gut, wie man diese Sachen anzog und Carmen fragte sich, ob ihre Freundin ihr tatsächlich die Wahrheit erzählt hatte. Hatte sie doch erzählt den Adel gehasst zu haben…
„Fertig“, meinte schließlich die Französin glücklich und Carmen erwiderte: „Jetzt muss ich mir nur noch die Schuhe anziehen und du musst mir das Gesicht und die Haare machen.“ Daraufhin lachte Emilie und sagte: „Na ich will sehen, wie du dich hinunterbeugst und die Schnallen zumachst; versuch es ruhig, ich hole noch Josephine hinzu, damit die etwas hat, um dich aufzuziehen.“
Beleidigt schob Carmen die Unterlippe vor und setzte sich an die Bettkante ihres Bettes, einen Fuß ausstreckend.
„Dann zieh du mir halt die Schuhe an.“
„Es wird mir eine Ehre sein, Gnädigste“, grinste Emilie und knickste, bevor sie sich auf den Boden kniete, um Carmen die Schuhe anzuziehen.
Für das Gesicht und die Haare ließ Emilie sich nicht viel Zeit, sie hatte Angst, der Hurenwirt könne noch einmal heraufkommen und nun wäre ihr Vorhaben schlecht zu verstecken gewesen.
Carmens Gesichtshaut war schlussendlich nahezu weiß, die Lippen übertrieben stark gerötet, ebenso wie die Wangen; die Haare hatte Emilie zu einem Zopf geflochten und elegant hochgesteckt. Nun kniete sie vor Carmen, ihre Hände ergriffen und ihr fest in die geweiteten Pupillen sehend.
„Dir ist klar, wie gefährlich das ganze ist?“, fragte sie und Carmen nickte. „Und du weißt auch, dass man dich dafür rädern könnte?“ Erneutes Nicken. „Dann nimm das.“ Sie griff in die Tasche ihres Rockes und zog ihren Rosenkranz heraus, diesen legte sie Carmen in die Hand. „Hör zu: Diesen Rosenkranz schenkte mir meine Maman in Frankreich, es ist das Einzige, das ich noch von ihr habe. Also pass auf dich auf und bring ihn mir wieder!“
Gerührt blickte Carmen auf den Rosenkranz in ihrer Hand.
„Nicht weinen! Sonst verwischt die ganze Schminke!“, herrschte Emilie sie lächelnd an, zog sie auf die Beine und lachte: „Nun los! Sonst verpasst du noch Ramón.“
Vorsichtig schlichen sie sich den Gang entlang zum Zimmer Josephines, als Carmen plötzlich wie angewurzelt stehen blieb.
„Was ist?“, flüsterte Emilie; für Stimmungsschwankungen hatte sie in diesem Moment gar keinen Nerv.
„Das Médicis!“, hauchte Carmen und wollte gerade umdrehen, da hielt die Französin sie am Arm fest und fauchte: „Bleib hier, ich hole es; ist es in deiner Truhe?“ Die Jüngere nickte. „Geh du schon voraus und sieh nach, ob Josephine schon einen Freier verwöhnt.“ Mit diesen Worten machte sie sich auf den Rückweg und Carmen schlich weiter.
Endlich stand sie vor der Tür und legte lauschend ein Ohr an die Tür. Als sie nichts hörte, öffnete sie die Tür einen Spalt breit und atmete erleichtert auf, als niemand darin war. Rasch trat sie ein und schloss die Tür wieder hinter sich.
Es war wahrlich eine Frechheit! Dieses Weibsstück hatte eine viel größere Kammer als sie selbst und diese war auch noch viel komfortabler ausgerichtet.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, bei den Absätzen, die sie anhatte war es kaum möglich, und ging geräuschlos auf das Bett zu. Vorsichtig legte sie ihre Hände darauf und stützte sich dann etwas auf diese.
Wäre Josephine nun zur Türe hereingekommen hätte Carmen sie als erstes kräftig geohrfeigt! Dass diese Schnepfe ein gefedertes Bett hatte, war eine bodenlose Unverschämtheit!
Plötzlich jedoch vernahm sie ein Geräusch hinter sich. Blitzartig drehte sie sich um und starrte gebannt auf die sich öffnende Tür. Ihre Hand schoss in die Tasche und ergriff den Rosenkranz.
Sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es nicht Josephine war, denn das wäre ihr Ende gewesen.
Aber ihr Gebet sollte erhört werden, denn es war Emilie, die eintrat und die Tür schnell wieder hinter sich schloss.
Gänzlich erleichtert sank Carmen auf das Bett nieder und bemerkte in einem erneuten Anflug von Eifersucht, dass die Decke wohl mit Daunen gefüllt sein musste. Emilie kam rasch auf sie zu, zog sie grob am Handgelenk auf die Beine und fauchte: „Was sitzt du hier herum? Du solltest dich beeilen, Josephine könnte jeden Augenblick hier hereinplatzen und dann ist es aus mit dem Ball! Hier ist dein Médicis.“ Carmen wollte es sich gerade um den Hals legen, da herrschte Emilie sie an: „Du hast nun keine Zeit dafür! Leg es dir in der Kutsche oder sonst wo an, aber ich sah Josephine schon unten mit einem Mann tanzen und das Lied wird bald zu Ende sein! Es eilt, also beeile dich!“
Mit weit geöffneten Augen und für einen Moment atemlos starrte Carmen sie an, doch schließlich fand sie ihre Fassung wieder und steckte das Schmuckstück in ihre Tasche. Anschließend eilte sie zum Fenster und öffnete es; es war tatsächlich so groß, dass sie es schaffen müsste, hinauszuklettern.
„Aber woran soll ich hinunterklettern?“, fragte sie und drehte sich verzweifelt zu Emilie um. Diese schien einen Augenblick zu überlegen, bis sie sagte: „Du kletterst an einem Kleid hinab, das ich halte, das letzte Stück wirst du dann springen, aber gib bloß Acht, dass du dein Contouche nicht schmutzig machst!“
„Wo willst du denn um Himmels Willen jetzt ein Kleid hernehmen?“, fragte Carmen ungläubig. Emilie allerdings grinste nur und ging zur Kleidertruhe Josephines und als sie diese öffnete stahl sich auch auf Carmens Gesicht ein Grinsen.
Als sie sich an dem Kleid festhielt, die Füße an der Außenwand des Rosa Camas abgestützt, klopfte ihr Herz, als wollte es das Korsett sprengen. Sie hatte Angst, dass Emilie sie nicht mehr halten könnte, oder sie selbst den Halt verlor und abstürzte.
Als sie endlich den Saum des Kleides, an dem sie sich festkrallte, erreicht hatte, blickte sie ängstlich nach unten, doch ob des ganzen Stoffes konnte sie weder über die Schulter, noch zwischen ihren Beinen den Boden erkennen. So blieb ihr denn nichts Anderes übrig, als die Augenlider zusammen zu pressen, sich mit den Schuhen von der Wand abzustoßen und das Kleid loszulassen.
Während sie stürzte kam es ihr vor, als vergingen Stunden in denen sie keinen Boden unter den Füßen hatte, doch als sie diesen dann unter ihren Absätzen spürte, wünschte sie sich fast wieder zu fallen, denn ihre Knöchel schienen ihr den Sprung übel zu nehmen. Nichtsdestotrotz sah sie noch einmal hinauf zu dem Fenster, aus dem sie geklettert war. Emilie blickte besorgt auf sie hinunter und als Zeichen, dass es ihr gut ging, winkte Carmen ihr kurz zu und drehte sich dann um, um sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt zu machen.
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten einer Seitengasse löste und beschleunigte ihren Schritt unbehaglich. Erneut umschloss sie den Rosenkranz in ihrer Tasche und hoffte, dass es kein Raubmörder war, denn bei ihrem Anblick konnte man nicht umhin zu glauben, dass sie Geld haben musste, als sei sie selbst die Donna Sangres persönlich.
Trotz des Lärmpegels, der hier auf der Straße herrschte, vernahm sie die Schritte ihres Verfolgers, als wären sie die einzigen Geräusche. Auch er ging schneller, woraufhin sie das Laufen begann.
Ihre Absätze klackerten auf dem unebenen Boden, den Saum ihres Contouches hatte sie angehoben, es zu verdrecken konnte sie sich nicht erlauben, dennoch lief sie so schnell sie konnte, doch als sie plötzlich stolperte und drohte zu fallen, packte sie von hinten ein Mann unter den Armen und stellt sie wieder auf ihre Füße.
Ihr Atem beschleunigte sich und ihr Herz schlug noch schneller, als bei ihrer Kletterei. Warum ließ der Mann sie nicht los? Warum hatte er seine Arme um sie gelegt und gab ihr seine Identität nicht preis?
Sie bemerkte, wie sie begann zu zittern, als sie den warmen Atem des Mannes in ihrem Nacken spürte.
„Ich danke Euch für die Rettung vor dem Fall“, sagte sie mit bebender Stimme, die Angst war ihr anzuhören, „Dennoch wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr mich losließet.“ Aber sie bekam keine Antwort, sondern spürte lediglich, wie seine Lippen ihr Ohr berührten, vermutlich unbeabsichtigt, dennoch sandte es ihr einen Gänsehautschauer über den Körper, und sein warmer, feuchter Atem nun ihre Halsbeuge striff, als er hauchte: „Ihr seht bezaubernd aus. Seid ihr auf dem Weg zu einem Ball?“
„Ich wüsste nicht, was es Euch anginge.“ Die Keckheit ihrer Worte wurden durch ihre gebrochene Stimme Lügen gestraft.
Es lief ihr kalt den Rücken hinunter, als sie seine Wange an ihrer spürte und er seinen Griff nur noch verfesterte. Sie schielte so weit es ging zu seinem Gesicht; wenigstens das wollte sie sehen, wenn er sich schon so ungehobelt an sie heranmachte.
Doch alles was sie erkennen konnte, war ein hellbrauner Schopf.
„Ramón!“, brüllte sie und riss sich los. „Was fällt dir ein, du Flegel! Ich habe Todesängste ausgestanden!“ Sie drehte sich ruckartig um und blickte in sein lachendes Gesicht. „Ich dachte, du wärst ein Raubmörder!“
Der junge Prinz jedoch konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten, so sehr schüttelte ihn sein Lachen und Carmen musste sich arg zusammenreißen, ihn nicht einfach mitten in sein Gesicht zu schlagen.
„Verzeih mir!“, schnaufte er. Gleichgültig musterte Carmen ihn. Er sah festlich aus, Justaucorps, Weste und Culotte in dunklem Grün, mit schwarzen Strümpfen und silbernen Schnallen an den Schuhen, den Degen an der Seite, es fehlte nur noch der Dreispitz auf dem Haupt.
An den Ärmeln hatte er kleine Aufschläge und es lugte ein Teil der Spitze des Hemdes heraus, die Knopfleisten der Weste und des Justaucorps waren mit schlichten, aber adäquaten Stickereien aus Silbergarn verziert. Die Cravate trug er wie üblich, ein gestärktes, hohes Band, an dem die herabfallenden Spitzenenden befestigt waren.
„Es kam so über mich, als du immer schneller liefst“, fuhr er fort. Carmen hätte zu gerne noch auf ihn eingeschimpft, doch er setzte sich schon wieder in Bewegung und tadelte sie: „Du bist spät dran, jetzt müssen wir uns beeilen.“ Carmen eilte sich, neben ihn zu kommen, schluckte die Verwünschungen, die sie ihm zu gerne an den Kopf geworfen hätte, hinunter und schwieg, bis er ihr schließlich in die Kutsche half und sie sich bei ihm dafür bedankte, die Blicke der Menschen um sie herum ignorierend.
Nun saßen sie sich wieder gegenüber und sprachen nicht. Ramón allerdings lag wohl mehr in seinem Sitz, der Dreispitz lag neben ihm, und musterte sie gelangweilt. Wohingegen sie, mit geradem, steifem Rücken auf der gepolsterten Bank saß und den Vorhang etwas angehoben hatte, um hinaussehen zu können. Zugegeben, so gerade saß sie nur aufgrund des Korsetts, das sich weigerte auch nur einen Zentimeter nachzugeben.
Gerade wandte sie sich vom Fenster ab und ihm wieder zu, da richtete er sich auf, lehnte sich ein wenig nach vorne und sagte leise: „Ich meinte es eben ernst.“ Erstaunt hob Carmen die Augenbrauen und fragte: „Was meintest du ernst?“
„Dass du bezaubernd aussiehst.“
„Ich danke dir.“ Es entstand eine unangenehme Stille zwischen ihnen, sie war es nicht gewohnt von Ramón Komplimente zu hören und wusste nicht, was er nun von ihr erwartete. Sollte sie auch etwas Nettes zu seinen Kleidern sagen? Gerade wollte sie den Mund aufmachen, da ließ sich Ramón wieder nach hinten sinken und fügte hinzu: „Aber ungewohnt ist es dennoch; du bist so stark geschminkt, das Haar hattest du noch nie gebunden, deine Pupillen sind so groß und deine Haut so blass. Ganz anders.“ Sie nickte, etwas Besseres fiel ihr in dem Moment nicht ein.
„Jetzt bräuchtest du nur noch Manieren, dann könnte man dir glatt glauben, dass du eine Adlige bist, zumindest eine vom Land“ Er lachte.
Ein Glück, mit Spott konnte sie umgehen.
„Na wenn es um Manieren geht bist du auch nicht gerade der König von Spanien.“, grinste sie, doch er erwiderte: „Wenn es um Huren geht, aber ich weiß mich sehr wohl zu benehmen.“
„Das glaube ich dir nicht!“, spottete sie.
„Dann lass uns wetten“, schlug er vor und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
„Und um was? Geld habe ich keines.“
„Dann um eine Nacht.“
„Niemals! Nicht mit dem Bruder Julios!“
„Von mir aus. Wie wäre es mit einem Essen?“
„Abgemacht, der Verlierer lädt den Gewinner zu einem Mittagessen ein!“
Daraufhin folgte wieder Stille, sie war unangenehm.
Und abermals war es Ramón, der sie durchbrach: „Wieso trägst du denn eigentlich nicht das Médicis, das ich dir schenkte? Du wirst es doch nicht verloren haben?“ Er klang etwas gekränkt, Carmen hätte nicht gedacht, dass man ihn durch so etwas verletzen konnte. Also zog sie es schnell aus der Tasche und lächelte: „Nein, ich habe es nicht verloren, ich hatte lediglich keine Zeit mehr es mir umzulegen.“ Damit machte sie sich ans Werk, sich das Schmuckstück umzulegen. Aber es war schwerer als gedacht und als sie schon fast aufgab, grinste Ramón sie süffisant an, setzte sich neben sie und sagte: „Lass mich.“
So drehte sie ihm den Rücken zu.
Als er ihr die beiden Enden aus den Händen nahm, stellte sie erstaunt fest, was für große Hände er hatte. Seine warmen Finger striffen gelegentlich ihren Nacken. Schließlich ließ er es los und streichelte noch einmal mit seiner Hand über ihren Hals.
Blitzartig drehte sie sich zu ihm um und erblickte ihn nachdenklich. Über was dachte er denn nach?
In dem Moment hielt die Kutsche. Carmen lugte neugierig hinter dem Vorhang hervor und erblickte den Palast strahlend, wie sie es sich nicht hatte vorstellen können. Da wurde die Tür der Kutsche geöffnet und Ramón stieg aus, ihr auffordernd die Hand entgegenhaltend, um ihr hinaus zu helfen, was sie dankend annahm.
Soo, ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr seid bei dem ganzen modischen Gelaber nicht durcheinander gekommen...
Persönlich freue ich mich ja schon auf das nächste Kapitel *diabolisch grins* jedoch nicht nur des Inhalts wegen, sondern auf, weil ich dann die Zahl im Titel in Ziffern schreiben darf und nicht mehr in Buchstaben :D
Oder würde das wen enttäuschen? oÔ
In dem Sinne, LG, Terrormopf^^
Der dreizehnte Tanz
Ich weiß, ich habe lange gebraucht.
Und es tut mir leid, aber ich konnte einfach nicht weiterschreiben, bis ich mir nicht halbwegs klar über das Ende war, da die Geschichte nun doch dem Ende entgegengeht.
Aber das versprochene Kapitel mit Ramón kommt noch, macht euch keine Sorgen =)
Also nun viel Spaß beim Lesen, es ist länger als gewöhnlich =D
Seine Glieder schmerzten. Er hatte viel zu lange in der Kutsche zugebracht; zwar war diese durchaus gut gepolstert, doch hatte er keinen Tag der letzten Woche an ein und demselben Ort verbracht und diesen Tag saß er schon seit fünf Uhr in der Früh in der Kutsche, sie hatten lediglich hin und wieder kleine Pausen eingelegt, um die Pferde zu versorgen und sich die Beine zu vertreten.
Von seinen Begleitern war er wenig angetan, reden hatte er mit ihnen nicht können und auch keinen Schritt ohne seine Wachen tun können. Obwohl er doch froh gewesen war; wenn sie in dunklen Wäldern neben ihm her ritten, gab es ihm doch ein Gefühl von Sicherheit.
Wenn er an die folgenden Stunden dachte, so begann ihm auch der Kopf weh zu tun. Es würde erst hektisch werden, dann nervenaufreibend und schlussendlich affektiert. Und erst dann, nach Stunden des aufgesetzten Lächelns, würde er sich in sein Bett fallen lassen können, erst dann konnte er zur Ruhe kommen.
Die Sonne war schon gänzlich hinter dem Horizont verschwunden und der Westen, der Norden und der Süden waren schon in Dunkelheit getaucht, nur über dem Osten glühte noch ein blasser Streifen des Abendrots. Bis er bei seinem Heim ankam, würde es gänzlich dunkel werden, wie seine Zukunft.
Er lehnte sich aus dem Fenster hinaus und rief zu einer der Wachen: „He! Komm mal heran!“ Der Reiter, den er angesprochen hatte, lenkte sein Pferd neben die Kutsche und fragte ehrerbietig: „Was gibt es, Herr?“ Der wiederum fragte: „Wie lange ist es denn noch hin, bis zur Ankunft?“ Der Reiter blickte sich kurz um und entgegnete dann: „Wohl kaum lange, die Gegend ist schon vertraut, aber genau weiß ich es nicht, da müsste ich den Kutscher fragen.“
„Ist schon gut, lass nur. Ich danke dir für die Auskunft.“ Mit diesen Worten ließ er sich wieder zurückfallen und griff sich in den Nacken. Konnte man denn nichts Komfortableres zum Reisen erfinden? Diese elenden Kutschen waren der Tod eines jeden Rückens.
Seufzend beschloss er, dass er noch einmal versuchen würde zu schlafen, lehnte sich auch gegen die Seitenwand, verschränkte die Arme vor der Brust, streckte die Beine aus, zumindest soweit er es konnte, und schloss die Augen.
Er hatte nicht schlafen können, dennoch fühlte er sich ein wenig entspannter, als ein Page die Tür öffnete, ihn auszulassen. Sich streckend und dehnend kletterte er hinaus und sah den Palast an, sein Heim und heute Abend ebenso der Ort seiner Niederstreckung. Er drehte sich um, um die Kirchturmuhr zu sehen, es war zehn Minuten nach der sechsten Abendstunde, das bedeutete, dass der Ball in einer Stunde begann.
Wie er Bälle hasste.
Wenn er sich eilte, hätte er vielleicht noch Zeit seinen Bruder zu sehen, bevor sie hinter ihren Masken verschwanden. Er war gerade in der Eingangshalle, da kam ihm sein Vater entgegengestürmt, mit offenen Armen und schloss ihn in eine Umarmung.
„Sohn!“, rief er. „Sohn, wir vermissten dich schmerzlich während deiner Abwesenheit! Heute ist dein Abend, mein Sohn! Heute wirst du öffentlich verlobt! Ich bin so stolz auf dich!“ Er hielt noch immer einen Arm um die Schultern Julios, drehte sich aber zur Treppe und rief: „Ramón! Weib! Mein Sohn ist wieder da! Kommt her und begrüßt ihn angemessen!“
Carmen saß Ramón gegenüber in einem Sessel in Julios Gelass. Die Größe und der Prunk all seines Habens hatten ihr die Fassung genommen. Nun saß sie stumm wie ein Fisch dem jüngeren der Brüder gegenüber und wusste nichts Besseres zu tun als diesen anzustarren.
Der Hellhaarige zuckte unwillkürlich zusammen, als er die schallende Stimme seines Vaters vernahm. Er warf Carmen einen leidenden Blick zu, erhob sich dennoch, der Aufforderung seines Vaters Folge zu leisten.
Einen Moment lang blieb Carmen regungslos sitzen, doch dann beschloss sie dem Prinzen zu folgen, sie wollte ihren Julio so früh als möglich sehen.
Am oberen Treppenabsatz, der zur Eingangshalle führte, kauerte sie sich hinter ein Geländer und beobachtete die Szene, die sich ihr darbot.
Als erstes kam Julios Mutter auf ihn zugestürmt, sie schloss ihn in ihre Arme und schluchzte leise in seine Schulter: „Mein lieber Junge, ich vermisste dich so sehr!“ Doch Julio schob sie gefühlskalt beiseite und sah zu seinem Bruder. Dieser grinste ihn schief an, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: „Na Julio? Hast du deine letzten Tage in Freiheit genossen und noch einmal ein paar Frauen verführt?“ Der Bruder lächelte ihn nachsichtig an und umarmte ihn, doch der Vater riss den Hellhaarigen zurück, gab ihm eine Schelle und blaffte ihn an: „Ungezogener Flegel! Dass du dich nicht schämst! Es ist nicht jeder wie du und deine elende Mutter! Lass meinen Sohn mit solchen Geschichten in Ruhe, Ramón!“
„Vater, lass…“, murmelte Julio und legte seine Hand auf das Handgelenk des Mannes, der Ramón am Kragen gepackt hatte und ihn hasserfüllt anstarrte. Der Jüngere der beiden Prinzen hatte die Kiefer fest aufeinander gepresst, sich schwörend kein Wort über seine Lippen kommen zu lassen, keinen seiner niederträchtigen Gedanken jemals auszusprechen.
„Ja“, erwiderte der Herzog und ließ langsam von Ramón ab. „Ja, du hast Recht, mein Sohn. Aber du musst dich beeilen, wenn du noch rechtzeitig fertig werden willst, also geh nun hinauf dich richten.“ Julio leistete der Aufforderung seines Vaters umgehend Folge und ging in Richtung Treppe, Ramón mit sich ziehend, ihm etwas zuflüsternd. Dieser rückte sich den Kragen und die Rüschen zurecht und folgte Julio die Treppen hinauf.
Erschrocken bemerkte Carmen, dass es wohl kaum von Vorteil sein konnte, wenn Julio sie hier entdeckte, so erhob sie sich und wollte zurück in sein Gelass schleichen, doch das war leichter gesagt, als getan, denn sie hatte keine Ahnung, wo zur Hölle das lag. Dieser Palast war so groß, dass man sich wahrhaftig darin verlaufen konnte.
Leicht in Panik verfallend eilte sie die Gänge hinauf und hinunter und fand doch nicht das Zimmer wieder. Als sie um eine Ecke hastete, rannte sie in Ramón hinein, der hielt sie fest und hinderte sie so am zu Boden Fallen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er erstaunt.
„Ich habe mich verlaufen“, entgegnete Carmen und versuchte einen gleichgültigen Blick aufzusetzen. Er sollte nicht bemerken, dass sie ihnen nachspioniert hatte. Doch Ramón hob lediglich eine Augenbraue und meinte: „Soso… Soll ich dich zu seinen Kammern bringen?“ Carmen nickte und folgte ihm schweigend, als er ebenso wortkarg voraus lief.
Der junge Prinz klopfte lediglich an die Tür und drehte sich dann um, pfeifend den Flur entlang schlendernd, die Hure sich selbst überlassend.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Wie würde er wohl auf ihr Kommen reagieren? Sie musste das Zittern ihrer Beine unterdrücken. Warum wurde ihr nur auf einmal so schlecht?
Wahrscheinlich lag das an dem Korsett, Emilie hatte es wohl doch zu eng geschnürt.
„Herein“, vernahm sie plötzlich seine warme Stimme von innen. In dem Moment war ihr, als müsse sie sich gleich übergeben. Sie konnte nicht hineingehen zu ihm! Was sollte sie ihm denn sagen?
Doch ehe sie umdrehen konnte, hatte sie schon die Türe geöffnet und war eingetreten.
Der Raum war von Kerzenlicht erfüllt, das eine warme und entspannte Atmosphäre brachte. Aber Carmen fühlte sich alles andere als entspannt! Ihr brach beinahe der kalte Schweiß aus, als sie aus dem Schlafzimmer erneut seine Stimme hörte: „Wer da?“
„Ich“, hörte sie sich sagen, „Ich bin es.“
Auf einmal erschien er im Türrahmen, ohne Schuhe, ohne Strümpfe, ohne Hemd, nur in der Culotte. „Car-…“, setzte er an, doch als er sie sah stockte er. „Wer seid Ihr?“, fragte er schließlich, einen Schritt auf sie zutuend, die Augen starr auf sie gerichtet.
„Das sagte ich doch: Ich bin es, Carmen!“, wiederholte sie und bemerkte, wie ihre Stimme zitterte. Julio war ihr nun ganz nahe, ihr noch immer beständig in die Augen sehend. Sie hatte sich noch keinen Millimeter gerührt.
„Du siehst aus…“ Er streckte seine Hand aus und berührte vorsichtig ihr Gesicht. „Wie sie.“
„Sie?“, fragte Carmen. Was meinte er mit „sie“?
„Wie all die Frauen, die keinen wahren Geist in ihren Körpern haben, all die Adeligen.“
„Und dennoch bin ich es“, erwiderte sie.
Julio lächelte sie, verloren in einer Erinnerung, an und im nächsten Moment legte er seine Lippen auf ihre.
Vollkommen glücklich legte sie ihre Arme um ihn und zog ihn näher an ihr Herz.
Aber plötzlich stieß er sie von sich weg, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und keuchte: „Was tue ich hier? Dies ist der Abend meiner Verlobung! Was tust du hier?“ Er wich noch einen Schritt zurück und ein Windstoß, der durch die geöffneten Fenster drang, brachte die Kerzen gefährlich zum Flackern und zum Rauchen. Ihr Licht warf nun bedrohliche und wirre Schatten auf das Gesicht ihres Geliebten. „Du kamst nicht, als ich es dir auftrug, es bedeutet, dass du mich nicht liebst! Weswegen bist du nun also hier? Oder bist du gar eine Erscheinung?
Nein! Zu echt! Zu echt war dieser süße Kuss, der Geschmack nach Kirschen! Ich will dich nicht sehen! Geh! Verschwinde aus meinem Blick!“
„Julio! Geliebter Julio!“ Sie tat einen Schritt auf ihn zu, einen Arm ausstreckend, ihre Hand beruhigend auf seine Wange zu legen.
Er wich lediglich noch weiter vor ihr zurück, die Finger durch die Haare gleitend und sich darin verfangend und keuchend: „Nenn mich nicht so! Nie wieder! Vom heutigen Abend an gibt es nur eine Person, die mich so nennen darf! Verschwinde!“
„Julio, ich bitte dich! Hör mich an!“, flehte sie, kniete vor ihm nieder, warf sich zu seinen Füßen auf den Boden, seine Knöchel ergreifend.
Der Prinz jedoch machte noch einen Satz zurück und rief: „Warum tust du nicht, was ich dich heiße? Verdammt! Warum machst du es noch schwerer für mich? Denkst du, es ist keine Bürde für mich, eine Frau zu heiraten, die ich nicht liebe? Die ich bestenfalls ausstehen kann?“
„Ich liebe dich, Julio und wenn du mich nur noch ein bisschen liebst, so hör mich an! Nur das! Nicht mehr! Nur dein Ohr sollst du mir leihen, ich bitte dich!“ Mühsam richtete sie sich wieder auf und sah ihn an.
Er schien hin und her gerissen, verlagerte unruhig sein Gewicht vom einen aufs andere Bein und wieder zurück, spielte abwesend mit seinen Fingern, hatte jede Faser seines Körpers gespannt.
„So sprich denn“, sagte er endlich, machte aber keinerlei Anstalten ihr einen Platz anzubieten, sondern ließ sich selbst auf einen Sessel fallen, auf ihren Rocksaum starrend. Carmen ihrerseits holte tief Luft, griff in ihre Tasche und umschloss Emilies Rosenkranz. Dann sammelte sie all ihren Mut und sagte: „Dass ich an jenem Tag nicht kam lag nicht an mir…“
„An wem dann, wenn nicht an dir?“, fuhr er ihr scharf ins Wort und beobachtete sie.
„Julio, bitte.“ Er schien ihre Bitte zu verstehen, denn im nächsten Moment schwieg er und ließ sie weiter sprechen: „Dein Abgesandter, er erpresste mich. Er sagte, er würde mir vorlesen, was in dem Brief stünde, würde ich ihm eine Bettrangelei gewähren. Ich stimmte also zu, schließlich habe ich nie gelernt zu lesen.“
„Was hat das mit unserem Treffen zu tun? Du hättest danach kommen können, hättest du es gewollt, doch anscheinend hast du dich lieber mit ihm vergnügt.“ Enttäuschung und Verbitterung klangen in seiner Stimme, doch Carmen fiel ihm ins Wort: „Vergnügt? Glaub mir, es war wahrlich kein Vergnügen! Denn er schleppte mich hoch in meine Kammer! Und er kam erst nach fünf! Glaub mir, ich wäre gekommen, aber als er mit mir fertig war, warst du schon längst weg, wieder in deinem trauten Heim!“ Daraufhin schwieg Julio. Er erinnerte sich an seine Unterredung mit Alejandro Insida an jenem Tag. Vermutlich sagte sie die Wahrheit.
„Aber was bringt dir das nun?“, fragte er, was ihm in den Sinn kam. „In einigen Stunden werde ich verlobt sein, die ganze Stadt wird es wissen und dann werde ich ohnehin nicht mehr zu dir kommen können.“ Niedergeschlagen ließ Carmen den Kopf hängen und murmelte: „Du hast recht.“ Damit drehte sie sich um und schlich zur Tür. „Ich wollte nur, dass du es weißt und auch, dass ich dich auf immer lieben werde. Mein geliebter Julio“, fügte sie hinzu und wollte gerade die Tür öffnen, da vernahm sie, wie er aufsprang und zu ihr eilte, bis er schließlich von hinten seine Arme um sie schloss und sein Gesicht in ihrem Nacken barg.
„Geh nicht weg“, flüsterte er und küsste ihren Hals. „Ich will diese Person nicht heiraten! Ich liebe niemand anderen so sehr wie ich dich liebe, du bist das Wichtigste in meinem Leben! Bleib noch hier, geleite mich in meinen Untergang, auf dass ich stolz fallen kann, gleich einem Mann!“
In Gedanken schalt er sich selbst einen hoffnungslosen Taugenichts; nicht einmal seine eigenen Vorsätze konnte er halten.
Er hatte doch standhaft sein wollen, wenn er sie sah, er hatte doch beherrscht sein wollen, wenn sie an ihm vorbei ging!
Und nun dieses Desaster!
Alle seine Prinzipien über den Haufen geworfen in dem Augenblick, da er es fast geschafft hatte!
Aber es war zu süß, zu wohlig dieses Gefühl des Glücks in ihrer Nähe, des Verständnisses.
Sanft drehte er sie zu sich um und sah ihr in die Augen.
„Sogar deine Augen sind geweitet, wie ihre!“ Er lächelte mild und sie erwiderte sein Lächeln. „Wer brachte dich hierher? Ramón, der Schelm?“ Doch in diesem Moment verflog ihr Lächeln wieder.
Er nahm die Veränderung in ihrem Blick wahr, in ihrer ganzen Gestik und Mimik, sie wirkte in sich gekehrter, etwas eingeschüchtert; völlig untypisch für die Frau, die er kannte. Hatte er denn etwas Falsches gesagt? Irgendetwas, das sie hätte verletzen könnte?
In Gedanken ging er noch einmal seine letzten Bewegungen und Worte durch, bis er, wenn auch ungläubig, fragte: „Es hat doch nichts mit Ramón zu tun? Oder? Er hat dir doch nichts angetan?“
Carmen schwieg darauf und führte ihn an der Hand zu den Sesseln, dann flüsterte sie: „Du solltest dich besser setzen, Julio.“ Verwirrt tat er wie ihm geheißen, ließ ihre Hände jedoch nicht los, auch als sie sich in den Sessel neben ihm niederließ. Vergeblich suchte er nach Blickkontakt und erkundigte sich schließlich: „Es ist also wegen Ramón?“
„Ich“, begann Carmen und stockte, als sie in seine wissbegierigen Augen sah. Doch er lächelte ihr sanft zu und nickte kaum merklich, so holte sie tief Luft und fuhr fort: „Ich hatte eine Abmachung mit Ramón, damit er mir hilft hierher zu kommen und dich zu sehen.“
„Eine Abmachung?“, fragte Julio und musterte sie ungläubig, dann verfinsterte sich seine Miene etwas und er knurrte: „Warum schließt du denn mit allen Leuten Abmachungen? Lernst du denn nicht aus deinen Fehlern? Was war die Abmachung? Eine Nacht mit ihm? Oder auch diesmal nur eine kurze Balgerei?“ Er hatte die Stimme erhoben und hatte ihre Hände losgelassen.
„Julio, es ist nicht so, nun hör doch…“, setzte sie an, doch Julio fuhr fort sie anzublaffen: „Leugne es nur nicht! Ich weiß doch, wie mein Bruder ist!“ Er war aufgestanden und stapfte wütend auf und ab, wild gestikulierend. „Er würde niemals etwas für andere tun, ohne selbst einen Nutzen daraus zu ziehen! Er ist ein Taugenichts und Tunichtgut! Ein fauler Pelz, der nicht bereit ist Konsequenzen aus seinem Handeln zu ziehen. Dieser verdammte Lüstling! Wie konnte er mir das antun? Dabei habe ich ihn eben noch vor Vater verteidigt, dieser Schelm! Und wie kannst du mir das antun? Du hättest es doch anders beschaffen können, als dich ihm zu versprechen, ist es denn nicht genug, dass ich weiß, dass du mit meinem Diener schliefst? Muss es nun auch noch mein Bruder sein? Mein elender Bruder, der Bastard?“
„Nun reicht es!“ Carmen war ebenfalls aufgestanden, hatte ihn bei den Handgelenken gepackt und brüllte ihn an: „Ich lasse es nicht zu, dass du so von deinem Bruder redest! Sprich und denk von mir was du magst, aber dein Bruder liebt dich über alles, Julio! Er hat nichts dergleichen von mir verlangt! Rein gar nichts! Wie kannst du so etwas von ihm denken? Weil er oft zu uns Huren kommt? Weil er gerne Frauen bei sich im Bett liegen hat? Wie kann es sein, dass du deinen Bruder so schlecht kennst? Und ihn auch noch einen Bastard schimpfst; Wie kannst du nur? Er vertraut dir, vertraut dir blind, würde alles für dich tun, weil er glaubt, dass du ihn ebenso liebst wie er dich, doch ich werde wohl zu ihm gehen und ihm erzählen müssen, dass sein Bruder ihn verhöhnt und das trotz der Tatsache, dass sein Vater ihn ins Militär nach Europa schickt! Sag nur ein Wort mehr dergleichen und gehe ihm Bericht erstatten!“
Mit offenem Mund starrte Julio sie an.
Was hatte sie da gesagt?
„Europa?“, fragte er leise und suchte vergeblich in ihrem Blick zu lesen, dass er sich verhört hatte, dass es nur ein Streich seines Bruders war oder wenigstens ein böser Traum. Es war ihm gleich, was es war, nur durfte es nicht wahr sein!
Doch Carmen erwiderte bitter: „Ja, du hast es schon recht verstanden. Dein Bruder, den du noch gerade einen Bastard, einen Lüstling, einen Schelm und was noch alles geschimpft hast, muss nach Europa, in die harte Schule des Militärs. Er bat mich dir diese Nachricht zu übermitteln, da er selbst es nicht konnte.“ Julio wandte den Blick gen Boden, den Mund noch immer ungläubig geöffnet und ließ sich langsam in den Sessel sinken.
„Europa“, wiederholte er noch einmal. „Ramón, mein kleiner Bruder Ramón in Europa, tausende Meilen von mir entfernt, in der alten Welt.“ Er legte seine Hand an die Stirn und dann vor den Mund. Sein Blick wanderte rastlos durchs Zimmer, keinen bestimmten Punkt fixierend. „Woher weißt du es?“, fragte er mit tonloser Stimme.
Carmen stand vor ihm, wusste nicht wohin mit Händen und Armen, fühlte sich unwohl in ihrer Haut und antwortete dennoch: „Ich war bei ihm, als er wiederkam, nachdem euer Vater ihn gerufen hatte. Er war außer sich vor Wut und Trauer. Er hatte ein solch schlechtes Gewissen dich allein zu lassen, mit Esperanza.“ Sie war von sich selbst überrascht, dass sie diesen Namen nicht ausgespuckt hatte, als sei er giftig. Jedoch schien es an Julio vorbeizugehen.
„Hast du ihm Trost gespendet? Hast du ihn in den Arm genommen und ihn gefragt, was er braucht? Dich um ihn gekümmert?“ Mit glasigem Blick sah er ihr in die Augen. „Ich muss zu ihm!“, rief er plötzlich und sprang auf. „Ich muss zu ihm gehen und ihn fragen, ob es die Wahrheit ist!“ Er stürmte schon los, da hielt Carmen ihn zurück, zog ihn mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, in ihre Arme und unterdrückte so gut es ging seine Versuche aus dieser unfreiwilligen, lästigen Umarmung freizukommen.
Ihn festzuhalten erwies sich schwerer als geahnt; nie hätte sie gedacht, dass ein so zärtlicher Liebhaber so unglaublich stark sein konnte. Und sie hatte letztlich das Gefühl, dass er sich auch nur halbherzig wehrte, denn schließlich gab er nach, presste sie an sich und suchte seinerseits Trost in ihrer Umarmung. Beruhigend streichelte sie ihm über den Rücken.
„Es war nicht so gemeint!“, sagte er mit heiserer Stimme. „Ich habe all diese Beschimpfungen nur im blinden Zorn dahergeredet, nichts davon ist so gemeint! Ich konnte es ja nicht ahnen!“
Wie ein kleiner Junge hatte er das Gesicht an ihrer Schulter geborgen, die Finger in den Stoff ihrer Watteaufalten gekrallt.
„Ich weiß, dass du es nicht so meintest, Julio. Es ist in Ordnung.“ Es fiel ihr schwer ihn zu trösten, denn auch sie wünschte sich jemanden, der ihr nun Halt gab, kurz vor der Bekanntgabe seiner Verlobung mit Esperanza Maladie.
Und ihren Geliebten nun so zu sehen versetzte ihr einen Stich im Herzen, so trat sie wieder einen Schritt von ihm zurück und sagte mit weicher Stimme: „Du musst deine Fassung behalten, Julio, du wirst doch bald 25, bist schon ein Mann, dann auch vollmächtig. Du musst es schaffen dich zusammenzureißen.“ Für den Bruchteil einer Sekunde sah er sie verständnislos an; wer hatte ihn denn in diese Umarmung gezwungen?
Doch dann setzte er eine unnahbare Miene auf und trat einige Schritte von Carmen weg.
„Du hast Recht“, entgegnete er mit gefasster Stimme. „Verzeih, ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen. Du hast Recht, es geziemt sich nicht für einen Mann meines Alters und meiner Stellung sich so gehen zu lassen.“
Die junge Hure seufzte. So hatte sie es nicht gemeint. Sie hatte nicht gewollt, dass er ihr gegenüber die Maske seiner aristokratischen Autorität aufzog.
„Wie lange gedenkst du eigentlich zu bleiben?“, fragte er und setzte sich wieder in den Sessel. Unschlüssig setzte auch Carmen sich wieder, die Hände in den Schoß gelegt und antwortete: „Es ist gleich, wie lange ich bleibe. Der Hurenwirt denkt, ich läge krank ich meinem Bett. Du musst wissen, dass ich mich hinaus geschlichen habe.“
„Hinaus geschlichen also? Wie hast du das angestellt mit dem Kleid?“, fragte Julio und lächelte. Aufgesetzt.
„Ich bin ausgestiegen, durch ein Fenster.“
„Aber doch nicht durch deines, oder? Da würdest du doch auch ohne Kleid nicht durchpassen.“ Carmen schnappte nach Luft, eine solche Beleidigung hätte sie ihm nicht zugetraut. Bissig entgegnete sie: „Nein, durch das Fenster einer anderen, das war gerade groß genug.“ Verwundert sah er in ihr empörtes Gesicht und realisierte offensichtlich erst jetzt, was er gerade gesagt hatte.
Er hielt sich die Hand vor den Mund und blickte ihr erschrocken in die Augen, dann murmelte er: „Verzeih, ich… ich wollte damit nicht sagen, dass… Du weißt, dass ich dich liebe, über alles, du bist mir das Wichtigste auf dieser Welt. Und du weißt doch auch, dass ich dich wunderschön finde.“ Damit lehnte er sich zu ihr und küsste sanft ihre Lippen.
„Es ist in Ordnung, Julio. Ich liebe dich auch.“ Carmen schlang ihre Arme um seinen Hals und legte ihre Stirn an seine. Schließlich atmete sie tief durch und sagte: „Er wird zurechtkommen. Auch in Europa gibt es Huren.“ Julio lachte daraufhin gequält auf und nickte. Die Augen hatte er geschlossen und lauschte nur ihrer Stimme. „Mach dir keine Sorgen um ihn, er ist zäh und wird sich schon durchschlagen. Und einen Freund, mit dem er durch die Gassen ziehen kann wird er sicherlich auch schnell gefunden haben. Du kennst ihn ja am Besten, er ist eine Frohnatur.“
Julio seufzte, erwiderte aber nichts. Auch Carmen schwieg, kraulte ihm lediglich den Hinterkopf, gewillt ihn zu beruhigen, denn sie konnte sich vorstellen, dass er innerlich noch immer mit sich rang, diese Nachricht zu akzeptieren
Nach einigen Minuten des Schweigens löste er sich allerdings von ihr mit den Worten: „Ich muss mich beeilen, damit ich rechtzeitig zu den Festlichkeiten erscheine.“ Carmen nickte und wollte in diesem Raum auf ihn warten, doch er hatte sie an der Hand genommen und zog sie sanft mit sich in sein Schlafgemach.
„Was wirst du auftragen?“, fragte Carmen, als er sie zu seinem Bett geführt hatte und sie sich darauf niederließ.
„Ich dachte an ein dunkles Bordeaux-rot mit einer sanft-gelben Weste.“ Er hielt sich die besagten Stücke an und fragte mit einem leichten Lächeln: „Steht es mir?“ Zurücklächelnd entgegnete Carmen: „Es umschmeichelt deinen Teint ungemein.“
Er hatte gerade die weißen Socken noch einmal gestrafft und die Schnallen der Hose geschlossen, da vernahmen sie ein Klopfen.
Das Gespräch, das sie geführt hatten, erstarb mit einem Mal und sie warfen sich einen verwirrten Blick zu.
Als der Prinz nicht antwortete, begann die Person vor der Tür zu sprechen: „Julio? Ich bin es, Esperanza. Darf ich eintreten?“ Nun wurde Julios Blick leidend und als er wieder nicht antwortete, fragte sie: „Julio? Bist du denn da?“
„Ja!“, rief er da schnell. „Ja, ich bin da, komm nur herein.“ Carmen presste die Kiefer aufeinander, aus Angst, sie könnte einen giftigen Kommentar von sich geben und sie somit verraten. Julio seinerseits warf sich das Hemd über, als er die Tür aufgehen hörte, packte Carmen dann an den Handgelenken und zog sie grob vom Bett, sich hastig umsehend. Eilig öffnete er die Türen seines Kleiderschrankes und bedeutete ihr, hineinzugehen. Sie sah ihn jedoch nur verständnislos an und schüttelte den Kopf; sie würde sich doch nicht wie ein zweitklassiger Liebhaber im Kleiderschrank verstecken.
Stumm formulierte Julio das Wort „Bitte“ und flehte sie mit seinem Blick an.
„Julio? Bist du in deinem Schlafgemach?“, erklang wieder die Stimme seiner Verlobten.
Julios Kopf wandte sich zur Tür und sofort darauf mit noch dringlicherem Blick wieder zu ihr. Nun gab Carmen doch auf und stellte sich, mit einem stummen Seufzen, in den Kleiderschrank. Julio küsste sie noch einmal flüchtig, flüsterte ihr ein Wort des Dankes ins Ohr und schloss die Tür.
So stand sie nun also im dunklen Kleiderschrank ihres Geliebten, weil seine Verlobte sie überrascht hatte. Welch eine Ironie.
„Ja, ich ziehe mich gerade an“, vernahm sie seine Stimme gedämpft von außerhalb des Schrankes.
„Darf ich eintreten?“, ertönte wieder die liebliche Stimme Esperanzas und Carmen knirschte missgelaunt mit den Zähnen, als Julio sagte: „Wenn du es wünschst.“
„Versteh es nicht falsch, Julio, ich will dir nicht zu nahe treten, ich möchte nur wissen, was du trägst, damit ich dich auch wieder erkenne, sollten wir uns auf dem Ball verlieren.“
Vorsichtig öffnete Carmen die Tür einen Spalt breit und was sie sah ließ sie aufjapsen und eine Schritt zurückwanken, doch gleich darauf presste sie sich ihre Hände auf den Mund, denn Esperanza fragte skeptisch: „Was war denn das gerade für ein merkwürdiges Geräusch?“
„Geräusch?“, fragte Julio und seine Stimme war in dem Moment ungewöhnlich hoch, weswegen er sich räusperte und fast schon übertrieben ruhig fortfuhr: „Ich habe nichts gehört.“ Esperanza jedoch ließ noch einmal argwöhnisch den Blick durch den Raum streifen, bis sie sich aus Carmens Blickfeld entfernte und sich wahrscheinlich auf das niedrige Fensterbrett setzte.
Doch Carmen war in Gedanken noch immer bei dem Anblick, der sich ihr gerade eben geboten hatte.
Esperanza war wunderschön, anders ließ es sich nicht beschreiben! Carmen verstand nicht, warum Julio nicht toll vor Vorfreude auf die Ehe wurde, bei diesem Antlitz.
Seine Verlobte war klein, zierlich und ihre Proportionen schienen perfekt, soweit die Robe à la Francaise es zuließ, diese zu erkennen. Doch der Ausschnitt schien von einem Meister für sie gemacht zu sein, denn alles passte perfekt. Und erst ihr Gesicht und die Haare!
Was hätte Carmen darum gegeben solch glattes und seidig glänzendes Haar zu haben? Stattdessen war ihres strohig und kraus.
Nun hasste sie diese Person noch mehr als zuvor.
Zwar wusste sie genau, dass sie nur eifersüchtig war, aber diese Tatsache ließ sie nur noch wütender werden.
Angestrengt lauschte sie ihren Stimmen.
„Ach Julio, ich freue mich so, dass es schon heute Abend offiziell gemacht wird! Dann müssen wir auch nicht mehr lange warten, bis wir verheiratet sind. Und vielleicht werde ich dir schon bald darauf einen Sohn gebären, denn meine Mutter sagte immer zu mir, ich hätte ein gebärfreudiges Becken. Und dann werden wir…“
„Esperanza!“, unterbrach Julio sie ruppig. Carmen hatte sich, während Esperanza gesprochen hatte, aus Zorn so sehr auf die Lippe gebissen, dass es begonnen hatte zu bluten, doch nun nahm sie etwas Druck von der Wunde, als Julio das Frauenzimmer so anfuhr. „Hör auf damit! Ich will es nicht hören und schon gar nicht jetzt! Ich habe andere Dinge im Kopf als meine Zukunft mit dir zu planen! Wenn du nur wissen wolltest, was ich anziehe, so hast du es nun gesehen und kannst getrost wieder gehen!“ Unmutig stopfte er sich das Hemd, dessen Knöpfe er eben beinahe abgerissen hätte, in die Hose, als Esperanza zu ihm kam, seine Hände festhielt und selbst Hand anlegte.
Carmen spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Wie konnte dieses Weib es wagen ihren Julio an diesen Stellen zu berühren? Woher zum Henker nahm sie diese Anmaßung?
Auch Julios Wangen färbten sich rot und Carmen konnte ihm ansehen, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte, außerdem schielte er immer wieder zu ihr.
„Ich wollte aber mit dir zusammen gehen, Julio“, sagte sie leise.
Nun blickte Julio ganz offensichtlich bestürzt zum Kleiderschrank, in dem noch immer Carmen stand und sie beobachtete.
„W- Wieso das denn?“, stotterte er, weiterhin den Blick auf dem Kleiderschrank ruhend.
„Weil dies der Abend unserer Verlobung ist und ich mit dir zusammen sein will.“ Sie hielt plötzlich inne, die Hände unter seinem Bauchnabel, am Hosenbund. „Julio, ich liebe dich.“
Carmen schnappte erschrocken nach Luft und wieder zeigte Julio die gleiche Reaktion.
„Aber- Aber du kannst mich nicht lieben… Ich meine, du kennst mich doch gar nicht!“, stotterte der junge Prinz und wankte einige Schritte zurück, gewillt Abstand zwischen sich und sie zu bringen.
Im Schrank lehnte sich Carmen für einen kurzen Moment an die Rückwand des Schrankes und atmete tief durch. Bisher war sie die einzige Frau gewesen, die diese Worte zu ihm gesagt hatte!
Aber sie lehnte sich sofort wieder nach vorne und spähte weiterhin nach draußen, sie wollte - musste - sehen, was sich nun zutrug.
Esperanza hatte die Distanz zwischen Carmens Geliebtem und sich geschlossen und ihn bei den Händen genommen. Zu ihm aufsehend sagte sie leise, aber bestimmt: „Bitte gewähre mir am Abend unserer offiziellen Verlobung einen Kuss. Noch nie zuvor hat ein Mann mich geküsst und ich will dieses Gefühl einmal erleben, bevor ich heirate.“
„Aber du heiratest doch ohnehin mich, was macht es für einen Unterschied, ob ich dich jetzt küsse, oder am Tage unserer Hochzeit?“ Er tat noch einen Schritt zurück und fand sich an einer Wand wieder.
„Eben das will ich wissen. Es heißt, dass ein Kuss vor der Hochzeit anders ist, als einer danach.“ Mit diesen Worten stellte sie sich auf die Zehenspitzen und ihre Lippen näherten sich den Seinen langsam. Verzweifelt sah Julio sich mit weit aufgerissenen Augen um, nach einem Fluchtweg suchend. Er schien zur Salzsäule erstarrt.
Aber endlich bewegte er sich wieder.
Nur gefiel Carmen gar nicht, was sie sah.
Julio schlang seine Arme um seine Verlobte und drückte sie an sich. Nun zitterte Carmen vor Wut. Sie wollte nicht, dass dieses Frauenzimmer ihrem Julio so nahe war. Sie hasste es, dass sie nun die Arme um seinen Nacken gelegt hatte und ihre Wange an seine schmiegte!
„Mehr kann ich dir leider nicht geben, Esperanza“, sagte Julio schließlich, als er sie losließ. „Ich liebe dich nicht und kann dich darum nicht küssen. Bitte verzeih.“
„Es ist in Ordnung“, lächelte sie und entblößte dabei ihre strahlenden Zähne.
Beruhigt lehnte Carmen sich wieder gegen die Wand des Schranks. Es war ja so offensichtlich, dass Julio nur sie allein liebte! Da hatte er eine so wunderschöne Frau vor sich und die Gelegenheit diese auch noch zu küssen und er lehnte es ab.
Ein Lächeln glitt über Carmens Lippen und ihr Pulsschlag, der bei dieser Umarmung in unermessliche Höhen geschnellt war, beruhigte sich ebenfalls wieder.
Bis Julio sich fertig angekleidet hatte, schwiegen die Verlobten und es war Julio, der die Stille durchbrach, als er sich den Degen umschnallte, und sagte: „Geh doch schon voraus, Esperanza, du musst nicht auf mich warten. Der Ball wird nicht so groß sein, wir werden uns in jedem Falle wieder finden, mach dir keine Gedanken.“
Die Angesprochene seufzte und fragte: „Was ist nur los mit dir? Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, du verheimlichst mir etwas und willst mich darum loswerden. Aber wenn du mich nicht in deiner Umgebung wünschst, so gehe ich. Eine Dame weiß, wann es an der Zeit ist das Feld zu räumen.“ Somit ging sie aus seinem Schlafgemach und Carmen wartete noch, bis sie die Tür zum Flur zugehen hörte. Dann stürzte sie aus dem Schrank und Julio in die Arme, als hätte sie ihn über Jahre hinweg nicht gesehen.
Sie bedeckte sein Gesicht mit Küssen und blieb an seinen glühenden Lippen hängen. Keuchend erklärte sie: „Julio… Ich dachte, du… würdest sie… jetzt küssen… und ihr… dann sagen… dass du sie… liebst!“ Sie unterbrach sich immer wieder, um ihm einen neuen Kuss auf den Mund zu drücken.
Ihre Finger waren in den Stoff seines Hemdes gekrallt und sie zitterte, hing förmlich an ihm, nicht fähig selbst zu stehen. Julio lächelte nachsichtig, hatte seinerseits die Hände in ihre Taille gelegt und sagte ruhig: „Wie könnte ich ihr sagen, dass ich sie liebe, wenn doch du die Frau bist, der mein Herz gehört?“
Er geleitete sie zu seinem Bett, auf dem sie sich mit zittrigen Knien niederließ. Dann beugte er sich zu ihr hinunter, nahm ihr Gesicht in seine Hände, küsste ihre Stirn und fragte: „Wo hast du deine Maske?“
Erschrocken sah sie zu ihm auf und keuchte: „Nein!“ Verwirrt hob Julio seine Augenbrauen und sagte: „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass…“
„Nein! Das darf doch nicht wahr sein!“, fuhr sie ihm ins Wort und legte das Gesicht in ihre Hände. „Nun bin ich so weit gekommen und an einer Maske soll es scheitern? Julio, mein Liebster, bitte sage mir, dass du noch eine zweite bei dir hast, bitte sag es mir!“ flehend spähte sie zwischen ihren Fingern zu ihm hinauf. Er hatte sich aufgerichtet und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich habe keine zweite“, erwiderte er und schien angestrengt zu überlegen, wie er die Situation doch noch zum Guten wenden konnte. Doch ihm schien nichts einzufallen, denn einige Zeit schwieg er, bis Carmen zögerlich fragte: „Kannst du denn nicht Ramón fragen? Er wird dir sicher eine zweite geben!“
„Nein, er hat auch nur eine, die einzige, die zwei Masken hat ist meine Mutter und die wird mich fragen wozu ich die zweite brauche. Außerdem kennt sie ihre Masken und du trägst schon ein Kleid von ihr, nicht wahr? Es ist doch ihres?“ Sie nickte. Niedergeschlagen setzte er sich neben sie und ließ den Kopf hängen. Carmen aber nahm seine Hand, lächelte milde und sagte: „Es gibt sicherlich eine Lösung für dieses Problem, mach dir nur keine Gedanken. Glaub mir, es…“
„Sarah!“, unterbrach er nun sie. Verwirrt blickte sie in seine glänzenden Augen und fragte: „Sarah? Wer ist Sarah? Und was ist mit ihr?“
„Sie ist Dienstmädchen und hat schon seit jeher alten Plunder gesammelt, den wir wegwerfen wollten. Sie hat sicher eine!“ Euphorisch sprang er auf und zog sie hinter sich her in Richtung Tür, doch sie widersprach ihm: „Ich kann aber nicht hinaus, nicht jetzt! Was, wenn mich jemand sieht? Wenn Esperanza noch auf den Gängen herumgeistert?“ Abrupt stoppte er, sodass sie beinahe auf ihn gelaufen wäre, doch sie schaffte es noch rechtzeitig anzuhalten. Julio hatte sich wieder zu ihr umgedreht und die Stirn in Falten gelegt.
„Du hast Recht“, murmelte er. „Dann bleibst du also hier und wartest, bis ich wiederkomme und dich abhole.“ Carmen nickte.
„Ich beeile mich“, versprach er, drückte ihr einen Kuss auf die Lippen und drehte sich um, um zur Tür zu eilen, die er geräuschvoll hinter sich zuschlug.
Nun wartete sie also allein in seinem Gelass auf ihn.
Es dauerte nicht sonderlich lange, da öffnete sich die Tür wieder und erschrocken suchte sich Carmen hinter einem Sessel zu verstecken, ahnungslos, wer dadurch die Türe kam. Doch als sie hörte, wie die Tür leise wieder geschlossen wurde und Julio mit sanfter Stimme nach ihr rief, da richtete sie sich auf und kam auf ihn zu.
„Hast du dich vor mir versteckt?“, lächelte er und schloss seine Arme um sie. Doch sie schüttelte den Kopf und entgegnete: „Nein, vor jedem außer dir.“ Er lachte leise, hielt sie dann etwas von sich und zeigte ihr die Maske.
Sie war blau, mit Seide überzogen und Stickereien verziert; sie wurde mit einem Band um den Kopf gebunden. Erleichtert seufzte die Hure auf und nahm ihm die Maske aus der Hand.
„Ich danke dir, Julio.“ Dann band sie sich das Tarnobjekt um den Kopf und erhaschte noch einen Kuss von ihm, bevor er ins sein Schlafgemach ging, um seine eigene zu holen; nahezu aus purem Gold!
Noch einmal strich er ihr über den unbedeckten Teil ihrer Wange, dann nahm er sie bei der Hand und verließ sein Gelass mit ihr.
Ich hoffe, es hat euch gefallen =)
Tut mir leid, dass ich so sehr ins Romantische abgeschweift bin >__>"
Bis zum nächsten Mal, lG, Terrormopf^^
PS: Yay, ab diesem Kapitelkann ich tatsächlich die Zahlen in Ziffern schreiben xD
Der vierzehnte Tanz
Es hat lange gedauert, sehr lange.
Und ich möchte mich deswegen bei allen Lesern entschuldigen, bitte verzeiht mir!
Der Ball war schon im Gange, als sie herunterkamen.
Die Musik spielte, die Leute tanzten und tranken und unterhielten sich. Durch die Menge der Menschen schlängelten sich galant die Diener; stark geschminkt, auf dem Haupt Perücken und alle in einheitlicher Kleidung.
Carmen war wie gebannt von all dem Glanz.
Noch nie hatte sie so etwas Pompöses und Einzigartiges gesehen.
Allerdings wäre sie daraufhin, als Julio ihr behutsam die Hand ins Kreuz legte und sie weiter schob, beinahe die Treppe heruntergefallen, woraufhin er sie allerdings aufmerksam festhielt und ihr zuflüsterte: „Du solltest dich nun am besten unter die Damen mischen, Esperanza weiß ja, wie ich gekleidet bin und sollte ich mich zu lange bei ein und derselben Dame aufhalten könnte das unangenehm werden.“
Carmen nickte daraufhin etwas verwirrt, ließ sich noch von Julio die Treppe herunterbringen und ging dann in die entgegengesetzte Richtung zu ihm.
Wie sehr wünschte sie sich nun Emilie zu Hilfe, die hätte sicherlich gewusst, wie sie sich zu verhalten hatte. Doch selbst war sie ahnungslos. Was sollte sie mit den Leuten reden? Würden sie ihr an der Sprache anmerken, dass sie nicht hierher gehörte? An der Haltung, am Gang? Und was sollte sie tun, forderte sie jemand zum Tanzen auf?
Tango konnte sie tanzen, ja, aber Tango zu tanzen war einfach, man musste sich nur vom Mann und der Musik und der Leidenschaft führen lassen, sonst brauchte man nichts. Bei diesen Gesellschaftstänzen musste man auf Schrittfolgen achten, auf Laufbahnen, man war nicht ständig bei seinem Partner an der Hand, hatte keinen, der einen führte.
Unbehaglich stand sie einige Minuten später in einer Ecke, in der Nähe einer Tür; in der einen Hand hielt sie ein Glas Wein, die andere hatte sie in die Rocktasche gesteckt, um ihren Rosenkranz zu beten. Vielleicht konnte Gott ihr ja helfen.
Doch der meinte es an diesem Abend wohl weniger gut mit ihr, denn nun kam eine zierliche, wohl proportionierte Frau in einer zartgelben Robe á la Francais auf sie zu und lächelte. Und ebenjene Frau hatte sie diesen Abend schon in Julios Gelass sehen müssen.
„Meine Liebe, Sie sehen so zerknittert aus, ist Ihnen nicht wohl?“, fragte Esperanza und deutete zur Begrüßung einen Knicks an.
Carmen tat es ihr gleich und erwiderte: „Ich war noch selten bei den Sangres, das wird es wohl sein, hier ist es so prachtvoll, als wären sie Könige.“ Es war ihr voller Ernst gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Könige es noch prachtvoller haben konnten, doch Esperanza lachte auf und sagte: „Oh, Sie haben einen köstlichen Humor. Sagen Sie, wie ist Ihr Name? Woher kommen Sie?“
Fieberhaft dachte Carmen über eine Ausrede nach, über einen Namen, den sie sich geben konnte, doch wahrscheinlich kannten sich hier sämtliche Adlige aus der Gegend. Sollte sie sagen, sie sei eine entfernte Verwandte aus Spanien?
Nein, dafür hatte sie einen zu starken argentinischen Dialekt; außerdem war es unwahrscheinlich, dass jemand so weit reiste, nur für eine Verlobungsfeier.
Was sollte sie also sagen?
„Einen wunderschönen guten Abend wünsche ich den werten Damen“, rettete sie Ramón, sie erkannte ihn an den Kleidern und der tiefen Stimme. Er war auf sie zugelaufen gekommen und nun knicksten Carmen und Esperanza beinahe zeitgleich und neigten das Haupt, als er ihnen die Hände küsste.
„Den wünschen wir Ihnen auch, werter Herr“, kam es nun von Esperanza und Carmen warf Ramón durch die Maske hinweg einen verzweifelten Blick zu.
„Nun, ich wollte mir einmal Ihre Freundin für einen Spaziergang ausborgen. Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben?“
Esperanza und Carmen schüttelten den Kopf und Carmen wäre ihm beinahe dankend um den Hals gefallen, da erinnerte sie sich wieder daran, dass sie hier in Gesellschaft waren. Esperanza erwiderte auf die höfliche Frage: „Natürlich habe ich nichts dagegen, borgen Sie sie nur, solange Sie sie wieder ganz zurückbringen.“
„Da machen Sie sich nur keine Sorgen, auf wertvolle Stücke passe ich immer sehr gut auf.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er küsste Esperanza noch einmal die Hand, während sie knickste und setzte sich dann in Bewegung, dass Carmen ihm folgte. Während sie nebeneinander gingen, schwiegen sie.
Er führte sie in Richtung der Terrasse und der Gartenanlagen und erst als sie draußen standen und die letzten warmen Strahlen der Sonne ihre Haut berührten, ergriff Ramón das Wort: „Was muss denn deine erste Bekanntschaft Esperanza sein? Du bist doch eine Närrin!“
„Es war nicht meine Schuld, sie kam auf mich zu und fragte mich nach meinem Namen, was hätte ich ihr sagen sollen?“, fragte sie und sah sich argwöhnisch um. Sie wollte nicht, dass man sie so vertraut miteinander sprechen hörte.
„Dann bist du eben von jetzt an die Señorita Bellenoir, die hier ist, um ihren Verlobten zu treffen. So einfach ist das und sonst gibst du nichts preis! Du sagst, die Masken hätten sonst keinen Sinn.“
Carmen nickte.
„Danke für die Rettung“, flüsterte sie und sah auf ihren Rocksaum.
„Das ist schon in Ordnung.“ Einen Moment lang sah er sich um, ob sie jemand beobachtete, dann legte er ihr eine Hand an die unbedeckte Wange, streichelte zart darüber. „Dann habe ich hier wenigstens auch noch eine Aufgabe zu erfüllen.“ Trauer und Verbitterung schwangen in seiner Stimme mit und Carmen musste bei den Worten schwer schlucken. Er hatte es wohl nicht so leicht, wie man es von ihm immer dachte. Doch hatte sie nun einen anderen Mann im Sinn: Ihren Julio. So fragte sie also Ramón: „Sag, weißt du, wo dein Bruder ist? Ich will ihn sehen.“
„Du hast ihn doch vorher schon gesehen.“
„Das weiß ich, nur ist es der letzte Abend, den wir uns sehen können, darum will ich so viel von ihm haben als möglich.“ Ramón seufzte bei den Worten und nahm seine Hand von ihrer Wange. Dann allerdings lächelte er wieder und entgegnete: „Nun gut, ich werde ihn suchen und zu dir schicken, warte hier auf ihn.“
Und während er hineinging, rief sie ihm hinterher: „Ich danke Ihnen!“
Es vergingen quälend lange Minuten in denen sie auf Julio wartete, doch schließlich erkannte sie seinen roten Justaucorps.
Er blickte sich kurz um und als er sie erblickte kam er eiligen Schrittes auf sie zu.
Gerade wollte er sie in seine Arme schließen, da wurde sie sich der Blicke der Umstehenden bewusst und brachte ihn mit einem Knicks und einer ausgestreckten Hand zum Kuss davon ab. Verwirrt tat er, was sie damit von ihm verlangte und verbeugte sich höflich. Und während ihre Köpfe nahe beieinander waren, raunte sie ihm zu: „Lass uns dorthin gehen, wo man uns nicht findet!“
Sie erhoben sich wieder und Julio begann ein plumpes und oberflächliches Gespräch mit ihr, während er sie immer weiter in den Garten führte.
Nach einigen Minuten hatten sie die Lichter des Hauses hinter sich gelassen und fanden sich nur noch dem gleißenden Mondlicht und dem der Sterne ausgeliefert, welches sie sanft umhüllte.
„Nun sind wir wieder allein“, flüsterte Carmen und wollte gerade die Maske abnehmen, da hielt Julio ihre Hände fest, schüttelte vorsichtig den Kopf und sagte ebenso leise: „Nimm sie lieber nicht ab, es können immer noch Leute vorbeikommen.“ Etwas enttäuscht seufzte Carmen, doch sah sie es ein. Er hatte Recht, wenn sie jemand hier erkannte, konnte sie sich auch gleich selbst erhängen.
Wieder nagten Zweifel an ihr, ob sie wirklich das Richtige tat. War es wirklich richtig gewesen hierher zu kommen? Schließlich setzte sie hier nicht nur ihr Leben, sondern auch Julios guten Ruf aufs Spiel. Doch der riss sie mit einem zärtlichen Kuss auf die Lippen aus den Gedanken.
„Woran denkst du, meine Liebe?“, fragte er mit leiser und sanfter Stimme.
Sie saßen im Gras nebeneinander und seine Hand ruhte auf ihrer, sein Daumen streichelte leicht über ihren Handrücken.
„Ich weiß nicht, ob es richtig war, es zu riskieren und hierher zu kommen.“ Sie sah keinen Grund ihre Zweifel nicht mit ihm zu teilen. Doch er lachte verhalten auf und erwiderte freundlich lächelnd: „Ob es richtig war?“ Carmen nickte und sein Gesicht wurde mit einmal Mal ernst, als er sagte: „Nein. Es war nicht richtig.“ Schockiert sah sie auf. „Aber es fragt ja auch niemand ob es richtig oder falsch war, das Einzige, was zählt ist, dass es dir und mir all das wert ist und dass wir es riskieren, nur aus Liebe. Meine Carmen, hätte ich nur einen Wunsch frei, so wünschte ich, dass dieser Moment ewig dauern und die Ewigkeit überdauern würde. Mehr wünsche ich nicht, denn in diesem Moment bin ich so unbändig glücklich, dass man es nicht in Worte zu fassen vermag. Kein Dichter oder Poet oder sonst ein Schriftsteller kann es. Niemand kann dieses Glück nachempfinden und Gott schuf nicht genug Worte, denn Liebe kommt mir als Wort schon zu banal vor für das, was ich fühle. Es ist eine Pein, dass ich es dir nicht sagen kann und…“
Carmen hatte ihm einen Finger auf die Lippen gelegt.
„Sei still, ich weiß wie du fühlst und könnte man es mit Worten beschreiben, so wäre es schon wieder etwas Banales. Darum lass uns froh sein, dass es nicht genug dieser gibt.“
Er nahm ihre Hand bedächtig in seine und führte sie von seinem Mund.
„Wie Recht du hast, Carmen, wie Recht du doch hast.“ Damit legte er seine Arme um sie und zog sie an sich.
Der Augenblick war schon lange vorbei und inzwischen waren sie wieder im großen Festsaal. Man hatte Esperanza auf die Suche nach ihm geschickt und als er ihre Rufe vernommen hatte, war er aufgesprungen und hatte auch Carmen aufgeholfen, wieder ein triviales Gespräch mit ihr begonnen und ging der Stimme seiner Verlobten entgegen.
Nun stand er bei seinen Eltern, Esperanza und Ramón.
Carmen hielt sich abseits. Sie hatte noch immer Angst, dass die Señora Sangre ihr Kleid wieder erkannte. Doch bisher war dies nicht der Fall gewesen. Wahrscheinlich redete sie sich die skeptischen Blicke der Frau auch nur ein; oder?
„Ramón, wo hast du denn deine Begleitung gefunden? In einem der Bordelle im Hafen? Oder wo triffst du sonst noch Frauen?“, fragte nun sein Vater und der zynische Unterton war nicht zu überhören.
„Vater, du beleidigst sie. Ich traf sie auf dem Ball zwei Wochen zuvor.“ Ramóns Antwort viel ungewohnt nüchtern und ernst aus. Carmen hatte schon Angst gehabt sie hätte sich mit ihrer Reaktion auf den Vorwurf verraten, denn sie hatte etwas zu abrupt aufgeschaut. Doch Esperanza trat einen Schritt näher zu ihr und lächelte: „Machen Sie sich nichts daraus, es liegt nur daran, dass er Ramón nicht mag, Sie müssen wissen, er glaubt, er sei ein Bastard. Das ist nichts gegen Sie persönlich.“ Am liebsten hätte Carmen ihr eine gescheuert. Mit was für einer Beiläufigkeit dieses Weibsbild doch darüber sprach! Es war nicht auszuhalten.
Dennoch zwang sie sich zu einem Lächeln und nickte höflich.
„Nun, mein Sohn“, wandte sich der Vater jetzt an Julio. „Spätestens um Mitternacht werden wir die Verlobung bekannt geben und dann können wir auch bald einen Termin für die Hochzeit festlegen.“
„Entschuldigt mich“, hauchte Carmen, knickste kurz und drehte sich um, um fluchtartig auf den Balkon zu stürzen.
Es war in dem Moment zu viel. Auf einmal war ihr noch mal bewusst geworden, was es bedeutete, wenn Julio eine Andere heiratete.
Sie würden sich nie wieder sehen, waren für den Anderen wie tot, einfach unerreichbar. Konnten nicht mehr miteinander sprechen, sich nicht mehr berühren, sich nicht mehr küssen!
Es hatte kaum begonnen, da sollte es schon wieder zu Ende sein?
Das war doch grausam! Warum ließ Gott so etwas nur zu?
Sie lief auf der Terrasse aufgescheucht hin und her, kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Lieber wäre sie Tod, als dass sie ihn in den Armen einer Anderen wusste!
Aber Gott würde ihr wohl auch diesen Wunsch verwehren.
Jemand packte sie am Handgelenk und zwang sie dazu stehen zu bleiben.
Sie setzte sich zur Wehr und rief: „Lass mich los! Ich will jetzt nicht, egal wie viel du mir bezahlst!“ Sie wollte noch etwas rufen, da wurde sie sich ihrer Worte wieder bewusst. Sie hatte sich selbst vergessen und mit demjenigen, der sie festhielt, gesprochen wie mit einem Freier.
Stille war um sie herum ausgebrochen und sie spürte, wie alle Blicke auf ihr lagen.
„Lasst mich!“, rief sie noch einmal und schaffte es diesmal sich loszureißen und lief so schnell sie konnte.
Hätte sie ihre normalen Kleider und Schuhe getragen, wäre sie sicher entkommen, doch so holte der Mann sie mühelos ein, bekam sie wieder zu fassen und zog sie nun in seine Arme. Er drückte ihr einen um den anderen Kuss auf den Schopf und hob schließlich ihr Gesicht zwischen seinen Händen an und küsste sie auf die Lippen.
„Julio?“ Vernahm sie nun eine Stimme ganz nahe bei ihnen tonlos flüstern. Es war Esperanzas Stimme, doch wie aus Trotz drängte sie sich nun an ihren geliebten Julio und küsste ihn leidenschaftlich und französisch, so wie er es damals von ihr verlangt hatte.
Sie standen schon auf dem Kiesweg und Esperanza noch auf einer der letzten Stufen, Ramón und ihre Eltern etwas weiter oben.
„Carmen“, flüsterte Julio schließlich, als er den Kuss beendet hatte. „Carmen, beruhige dich, was ist denn in dich gefahren?“
„Du darfst sie nicht heiraten!“, schrie Carmen daraufhin schrill und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigerfinger auf Esperanza, die einen Schritt zurück machte und stolperte, woraufhin sie auf ihren Hintern fiel. „Du liebst sie nicht! Nicht einmal annäherungsweise! Julio, du liebst mich! Und du kannst es nicht verleumden und mit ihr wirst du nicht glücklich!“
„Du liebst eine Andere?“, entfloh es Esperanzas Lippen, gerade noch laut genug, dass es Carmen und Julio verstanden. Eine Träne tropfte auf ihr Dekolleté.
Julio wollte sich von Carmen lösen und zu ihr gehen, während er sagte: „Esperanza, es tut mir leid. Ich kannte sie schon vor dir und ich kann nichts dagegen tun, ich wollte dich niemals verletzen.“
„Bleib hier!“, schrie Carmen und zog ihn zurück zu sich, um ihn daran zu hindern zu Esperanza zu gehen. „Sie verdient dich nicht! Sie hatte ihr ganzes Leben lang Glück! Sie hat es nicht verdient so etwas Wertvolles wie dich auch noch zu besitzen! So Menschen wie sie nehmen mir alles; mein Geld und meine Ehre und was sie mir zurücklassen sind ihre betrunkenen Ehemänner! Bleibe bei mir, Julio, ich bitte dich! Ohne dich kann ich nicht sein! Du bist alles was mir von meiner Selbst bleibt, geh nicht!“ Sie kniete sich nieder. Der Kies bohrte sich in ihre Knie, doch sie ignorierte es und küsste ihm die Hand. „Bitte, Julio, bitte!“ Ihre Stimme war leise geworden, kaum mehr als ein Flüstern.
„Wer bist du?“, fragte nun Esperanza mit erstaunlich fester Stimme. Sie hatte sich erhoben und nahm sich die Maske ab, sodass ihr wunderschönes Gesicht zum Vorschein kam. „Zeig mir dein Gesicht, wenn du mir schon meinen Verlobten stehlen willst.“
„Mein Gesicht willst du sehen?“, fragte Carmen herausfordernd und begann die Schleife, die die Maske über ihrem Gesicht hielt zu lösen.
Fast hatte sie sie ganz gelöst, da keuchte Julio atemlos: „Nein.“ Und dann verfiel er ins Brüllen: „Nein! Tu es nicht! Weißt du denn nicht, was dann mit dir passiert?“ Er war vor sie getreten und hatte ihr Gesicht an seine Brust gedrückt.
Doch sie schob ihn von sich und löste die Maske gänzlich. „Ich weiß genau, was mir blüht, aber sie soll wenigstens wissen, zu wem ihr Verlobter sich bekennt, wen er in Wahrheit liebt. Denn soviel bin ich ihr schuldig.“
Julio vergrub das Gesicht in den Händen, als die beiden Frauen sich gegenüberstanden und sich hasserfüllt in die Augen starrten.
Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet und nun entstand ein Raunen in der Menge und einer rief plötzlich: „Eine Hure! Ein dreckiges Hurenstück ist das! Die schafft doch unten im Hafen an!“
Zustimmende Rufe machten sich bemerkbar.
Julio war bei diesen Worten zusammengezuckt und sah hinauf zu seiner Familie, die noch immer dort auf den obersten Treppenstufen stand.
Seine Mutter krallte sich am Marmorgeländer fest und ließ sich langsam, das Gesicht Tränen überströmt, auf eine der Stufen sinken. Sein Vater schien einem Wutausbruch nahe und in Ramóns Gesichtsausdruck spiegelte sich eine Mischung aus Belustigung, Schock und Anerkennung wider.
„Elender!“, sagte sein Vater bedrohlich und kam langsam auf Julio zu. Die Masse teilte sich ehrfürchtig vor ihm, sodass er nicht einmal inne halten musste.
„Wie kannst du es wagen mich so dermaßen bloß zu stellen? Mit einer Hure! Du wagst es mit einer Hure zu deinem Verlobungsball zu kommen und besitzt auch noch die Frechheit zu sagen, dass du sie liebst?“
„Ja, Vater, ich liebe sie.“ Seine Stimme war ruhig.
Doch die Hand seines Vaters zitterte, als er sie zum Schlag hob und sie auf die Wange seines Sohns niedersausen ließ.
„Du heiratest Esperanza, ob du willst oder nicht! Deine Hure lasse ich erhängen und wenn ich sie eigenhändig aufknüpfen muss! Mir reicht doch schon Ramón, dieser verdammte Bastard, warum tust du mir das nun auch an?“
Julio stand da, noch immer mit gestrafften Schultern, nur das Gesicht vom Schlag noch abgewandt und sagte schließlich: „Ich sagte nie, dass ich sie nicht heiraten werde, aber wenn du Carmen aufknüpfst, so kannst du neben sie gleich einen zweiten Galgen stellen, denn stirbt sie, so lebe ich auch nicht länger.“
„Und du nennst dich mein Sohn?“, brüllte der Herzog und seine Stimme zitterte. „Erschießen sollte man dich! Dich und deine verdammte Hure! Warum ist die eigentlich noch da?“ Er sah sich zornig um. „Wachen! Bringt sie ins Gefängnis! Los! Ich will sie noch vor dem Ende der Woche gehängt wissen!“ Zwei Wachen setzten sich auf der Stelle in Bewegung, ergriffen Carmen unter den Armen und schleiften sie fort.
Doch die ließ das nicht so leicht mit sich machen, sondern trat und schlug um sich, schimpfte und fluchte.
Erst als sie endgültig erkannte, dass es keinen Zweck hatte, rief sie: „Julio! Julio ich liebe dich und ich werde dich immer lieben, bis in den Tod hinein! Hörst du? Ich liebe dich!“ Sie hatte kaum bemerkt, wie ihr die Tränen in Sturzbächen über die Wangen liefen und schließlich war sie nicht mehr zu sehen.
Daraufhin wandte Julio sich von seinem Vater ab und stürmte ins Haus und in sein Gelass.
Er schrie, raufte sich die Haare, fluchte und kauerte sich schließlich in eine dunkle Ecke seines Gelasses.
Wie hatte all das nur so schrecklich schnell geschehen können?
Eben hatten sie noch gemeinsam im Mondlicht gesessen und dann…
Sie war dem Tode geweiht, hatte keine Chance dem Henker zu entkommen!
Wenn sein Vater jemanden gerichtet wissen wollte, dann wurde das auch getan.
Wie hatte er nur zulassen können, dass man sie wegbrachte? Warum hatte er es nicht verhindert? Es hätte sicherlich einen Weg gegeben.
Er spürte, wie sich jemand neben ihn setzte und seinen Arm um ihn legte.
„Ramón?“, flüsterte er leise und rümpfte die Nase. Hatte er etwa auch geweint? Er hatte es nicht mitbekommen.
Dieser klopfte ihm vorsichtig auf die Schulter und sagte gar nichts, gab ihm nur ein Glas Wein.
Carmen wurde in ein dunkles Verließ geworfen.
Hier unten war es feucht und kühl.
Sie wollte sich gerade auf dem Boden zusammenkauern, das kam die Wache herein, packte sie bei den Händen und schleifte sie über den dreckigen Boden zur Wand, wo er ihre Hände festkettete.
„Das hast du nun davon, Hure!“ Er spuckte ihr zwischen die Füße und drehte sich um, um die Zelle zu verlassen.
Sie schluchzte auf.
Ja, das hatte sie nun davon. Nun saß sie in einer feuchten, dreckigen Zelle, ganz allein, niemand bei ihr.
Und noch nicht einmal ihre Hände hatte sie frei, um Emilies Rosenkranz zu beten. So begann sie unter schluchzen einige ihr bekannte Gebete aus der Kirche zu singen, vielleicht erhörte der Herr sie ja diesmal.
Nun, das nächste Kapitel wird das letzte sein. Danach kommt nur noch ein Extrakapitel zu Ramón auf Wunsch einer Leserin (und meiner einer, aber ich hab ja eigentlich nix zu sagen xD)
LG, Terrormopf
Der letzte Tanz
Nun, nach langer, langer Zeit habe ich mein geplantes Ende total über den Haufen geworfen und dieses hier verfasst.
Ich wollte mich entschuldigen, dass es doch so eine kitschige Aschenputtelgeschichte geworden ist; es war keine Absicht.
Dennoch viel Spaß =)
Langsam drang das fade Licht des Morgengrauens durch das kleine Fenster ein. Ließ die hohen Mauern dunkle Schatten werfen.
Der muffige, faulige Geruch durchzog den ganzen Raum und hatte sich in den Mauern, dem Boden und allem festgesetzt.
Kein Auge hatte sie in dieser Nacht zugetan. In diesem Kerker war es feucht und kalt und in einer Ecke tropfte es beständig.
Ihre an die Wand geketteten Arme waren taub und als sie noch nicht taub gewesen waren, hatten sie geschmerzt. So hatte sie die Taubheit schon fast begrüßt und sie als angenehm empfunden.
Auch ihre Beine fühlten sich nicht gut an; sie waren eingeschlafen und kribbelten unangenehm, aber sie hatte nicht den Elan etwas dagegen zu tun.
Ihr Blick ging starr durch die Gitterstäbe und Wände des Kerkers. Sie dachte nur an ihn: Julio. Sein Gesicht schwebte vor ihrem geistigen Auge. Aber nun zierte kein sanftes Lächeln sein Gesicht; er blickte ihr entgegen, in den Augen die unendliche Enttäuschung, die er sicherlich verspürt hatte, als sie alles zunichte gemacht hatte.
Käme sie doch wenigstens an Emilies Rosenkranz!
Die Tränen auf ihren Wangen waren inzwischen versiegt und getrocknet; unangenehm spannte das Salz auf ihrer Haut.
Die Wachen, die noch in der Nacht mit einem schmutzigen Grinsen auf den Lippen zu ihr gekommen waren, waren ihr egal, sie war es ja ohnehin gewöhnt, wie diese es so treffend formuliert hatten.
Vorsichtig verlagerte sie ihr Gewicht etwas und stellte mit schmerzverzerrtem Gesicht fest, dass ihr doch mehr wehtat als nur Arme und Beine. Letztere zog sie nun dicht an den Körper, in der Hoffnung dadurch wieder etwas Wärme zu spüren. Doch vergebens. Die Kälte hatte sich tief in ihren Knochen festgesetzt.
Allerdings bemerkte sie nun wie schmutzig das einst puderblaue Kleid geworden war. Was für eine Schande!
Huren waren also tatsächlich immer dreckig, ganz gleich, was sie trugen. Und wenn man es ihnen auf den ersten Blick auch nicht ansah, so musste man also nur einige Zeit warten.
Sie musste melancholisch über diese Tatsache lachen, doch auch das wurde gestraft durch den Husten, der sie Augenblicke später schüttelte.
Die Schellen an ihren Händen hatten ihre Haut aufgescheuert und nach dieser Bewegung begannen ihre Handgelenke wieder zu schmerzen.
Wenn doch wenigstens die Kälte nicht wäre!
Ramón schritt ratlos in Julios Schlafgemach auf und ab, sein Bruder lag im Bett. Er konnte es nicht fassen.
Und für Julio war es schon zu allgegenwärtig.
Am Ende der nächsten Woche würde sie hängen. Sie, seine geliebte Carmen. Sie, die als Einzige je sein Herz besessen hatte.
Und was konnte er tun?
Nichts! Nicht einmal sterben konnte er mit ihr. Nein, eher würde ihn sein Vater splitterfasernackt in einen leeren Raum sperren lassen. Das war die Strafe dafür, dass er mit einer Hure die Liebe gefunden hatte.
Über Ramóns Vorschläge konnte er noch nicht einmal mehr müde lächeln.
Er redete stets davon das Gefängnis zu stürmen, um sie zu befreien, doch war das sowohl dumm – eine seine Spinnereien eben – als auch unmöglich. Das Gefängnis wurde gut bewacht und zu zweit… Ha, schon in Gedanken sah er sich und seinen Bruder fallen. Ihm selbst hätte es nichts ausgemacht, aber sein Bruder hatte nichts damit zu tun; er sollte nicht für Julios Fehler büßen.
Ach! Fehler nannte er es nun schon selbst! Es war zum Verzweifeln.
Er wünschte sich allein zu sein, wollte in seiner Melancholie, seiner bodenlosen Traurigkeit versinken. Aber er traute sich nicht den wild gestikulierenden und pausenlos sprechenden Ramón hinauszuwerfen; er fürchtete sich vor dem vorwurfsvollen Blick. So seufzte er lediglich und drehte sich auf die andere Seite.
„Julio!“ Erst als Ramón das dritte Mal seinen Namen rief, rührte er sich und brummte: „Was ist?“
„Ich habe dich nun schon vier Mal gefragt, was du essen möchtest.“ Er schien genervt – von Julios scheinbarer Gleichgültigkeit.
„Und ich sage dir nun schon mindesten das vierte Mal, dass ich nichts essen mag.“ Sein Bruder konnte ja nicht wissen, dass er am liebsten geheult hätte wie ein kleiner Junge, der sich das Knie aufgeschürft hatte und auf die tröstende Hand der Mutter wartete.
Er spürte den anklagenden Blick im Nacken und vernahm wieder Ramóns vorwurfsvolle Stimme: „Aber du musst etwas essen! Auf was hast du Appetit? Ich rufe den Sklaven und lasse es holen…“
„Zum Teufel, Ramón! Ich kann jetzt nichts essen! Wie könnte ich auch nur an so etwas Triviales wie Essen denken, wenn sie doch im Gefängnis sitzt und nur auf ihre Hinrichtung wartet.“ Er war wütend und aufbrausend geworden und hatte sich aufgesetzt. Im ersten Moment schien Ramón erstaunt, doch dann klarte seine Miene auf. Er kam eine Schritt auf Julio zu und begann erneut inbrünstig: „Ja! Und genau deswegen musst du etwas essen, damit wir sie befreien…“
„So hör doch auf, Ramón! Ich kann es nicht mehr hören. Was können wir denn ausrichten? Und weswegen überhaupt ‚wir’? Hier geht es nicht um uns beide; es geht nur um mich und um Carmen und Vater und die Gesellschaft! In dieser Angelegenheit gibt es kein ‚Wir’, denn wann hättest du dich denn schon jemals um die Gesellschaft geschert? Dein Ruf ist ruiniert seit deinem vierzehnten Lebensjahr. Du weißt doch gar nicht um was es hier geht!“
Mit offenem Mund starrte Ramón ihn an.
Es war einer dieser seltenen Momente in denen er wahrhaftig sprachlos war. Und schon in der Sekunde in der Julio das letzte Wort von den Lippen geglitten war, bereute er seine Sätze.
Wäre er doch bloß still geblieben!
Die Bestürzung in Ramóns Blick versetzte Julio einen erneuten Stich in seinem Herzen.
Und als Ramón sich, wortlos und mit unergründlichem Blick, umdrehte, da wurde ihm schlecht. Es war ihm, als wären dies die letzten Worte gewesen, die er jemals mit seinem Bruder wechseln würde.
Hastig schlug er die Decke beiseite und beugte sich über den Rand des Bettes.
Am liebsten wäre er tot.
Nicht die Qual des Strebens über sich ergehen lassen; einfach nur in den angenehm nüchternen Zustand des Todes gleiten. Das war sein einziger Gedanke; die Flucht.
Er wollte nichts als davonlaufen vor all dieser Last, die drohte sein Rückgrat zu zersplittern.
Ramón war nicht gegangen und nun war Julio unendlich dankbar für dieses stumme Geleit.
Es war nicht wie früher bei den Kutschfahrten während denen Julio sich regelmäßig übergeben hatte müssen und Ramón nicht Besseres in den Sinn gekommen war, als ihn auszulachen.
Nun stand er angenehm schweigend bei ihm, die Hände in den Hosentaschen.
Er sah zu seinem Bruder auf und sah dessen Blick auf sich ruhen, aber er fühlte sich nicht beobachtet, nicht angestarrt, es war eine Art Beistand und nun bedurfte es keiner Worte mehr, nun reichte Ramóns Anwesenheit, dass sein Magen sich beruhigte und er sich wieder zurücklehnen und zudecken konnte.
„Ich rufe einen Diener“, sagte Ramón ruhig und ließ seinen Worten Taten folgen.
Der Sklave verrichtete wortlos seine Aufgabe und verließ dann wieder, das Haupt demütig und tief geneigt, den Raum.
„Ich danke dir Ramón“, flüsterte Julio, nicht im Stande etwas anderes herauszubringen.
Ramón dagegen stand lässig gegen einen Bettpfosten gelehnt, lächelte und nickte.
Seit zwei Tagen war sie nun in einem anderen Verließ.
Ihre Hände waren nicht mehr angekettet und in der kleinen Zelle mit den hohen Mauern und der doppelt verriegelten Eisentür konnte sie sich frei bewegen.
Sie hatte sogar eine alte, muffige Decke, die sie sich um die Schultern schlingen konnte. Die hatte zwar den einen oder anderen Flicken, aber es war doch besser als in dem Loch in dem sie zuvor gewesen war.
Und sie kam endlich an den Rosenkranz ran.
Besuchen kam sie niemand und sie hatte keinen Kontakt zu anderen Menschen, nicht einmal zu den Wachen; die schoben ihr Essen nur ein Mal täglich durch einen dafür vorgesehenen Schlitz, der sonst ebenfalls verriegelt war.
Oh, Hoffnung hatte sie keine.
Woher hätte sie die auch nehmen können?
Es hieß zwar, dass man nur in verzweifelten Momenten Hoffnung haben konnte, aber diese Situation war wohl zu verzweifelt und sie hatte endlich begonnen rational zu sehen.
Kein Ritter in strahlender Rüstung auf seinem Schimmel würde kommen und sie retten wie die holden Jungfern in den Märchen. Sie war schließlich weder hold, noch eine Jungfer. Also konnte sie eine solche Art der Rettung vergessen und wer sonst hätte sie retten können?
Julio ganz sicher nicht und sie machte ihm keinen Vorwurf. Sie wusste, dass er sie über die Maßen liebte und das zu wissen genügte ihr, um dem Tod ruhig gegenüber zu stehen.
Und vielleicht würde sie ihn bei ihrer Hinrichtung sehen, ein letztes Mal würde sie ihm in die Augen sehen können, sich von ihm verabschieden.
Oh, welch eine wunderbare Vorstellung das doch war!
Sie hatte wirklich keine Angst mehr, sie war vollkommen im Einklang mit sich selbst und mit dem Herrn, ihr konnte nichts geschehen.
„Julio mein Liebster, du bist ganz blass!“ Er konnte diese Stimme nicht ertragen, war auf den Balkon geflüchtet, als er das Rascheln ihres Kleides vor seiner Tür vernommen hatte, doch Esperanza war ihm gefolgt und hatte nun eine Hand an seine Wange gelegt, musterte ihn besorgt.
„Lass mich in Frieden.“ Ja, er wollte abweisend wirken. Er wollte ihr nicht noch mehr falsche Hoffnungen machen.
„Julio, so sieh den Tatsachen doch ins Auge: Diese Hure ist in vier Tagen tot. Eine Zukunft mit ihr hättest du ohnehin nie gehabt, also lass dich doch endlich auf mich ein, ich liebe dich wirklich und mich musst du nicht mit anderen Männern teilen, mich kannst du jedermann stolz präsentieren. Ich werde alles tun was du verlangst. Aber bitte sei nicht so abweisend.“ Sie hatte seine Hand erfasst und sah ihm in die Augen, doch er konnte dem flehenden Blick nicht standhalten, sondern sah weg. Über die Dächer der Stadt aufs Meer, hinter dem die blutrote Sonne versank.
„So sprich doch mit mir!“, schluchzte sie. Sie war auf die Knie gesunken und klammerte sich an seiner Hand fest, schmiegte ihre Wange an diese. Er spürte Tränen seine Haut benetzen, doch er war nicht bereit auf ihre Verzweiflung einzugehen, sie ging schließlich auch nicht auf seine eigene ein.
„Nun sei doch nicht so kaltschnäuzig deinem armen Liebchen gegenüber, mein bester Julio. Es rührt einem ja wahrlich das Herz, wie sie da im Schmutz vor dir kauert und um deine Liebe fleht.“
„Sei still, Ramón“, murmelte er und warf einen flüchtigen Blick auf seinen Bruder, der unbemerkt in die Szene geschlichen war und nun über dem Geländer lehnte und ebenfalls den Sonnenuntergang betrachtete. „Ich habe in meinem Herzen nur die Liebe für eine Frau und das ist Carmen.“
„Ich weiß, Julio, ich weiß. Aber dennoch behandelst du Esperanza nicht recht. Das arme Wesen kann nichts dafür sich in dich verliebt zu haben und kommt nun auch schlecht davon, nur weil du nicht nach den Regeln gespielt hast.“ Seine Stimme klang gleichgültig und nüchtern und Julio musste den Tadel erst einmal verdauen. Die Bedeutung der Worte drangen nur langsam zu ihm und als er sie endlich erkannte entriss er der daraufhin leicht wimmernden Esperanza seine Hand und machte wild gestikulierend einige Schritte auf Ramón zu, während er aufbrauste: „Was willst du damit sagen? Verdammt, Ramón! Wie oft hast du nicht nach den Regeln gespielt? Wie oft warst du bei den Huren? Du hast nicht das Recht mir einen Vorwurf zu machen!“
„Du missverstehst mich, Julio.“ Ramón sah auf seinen schnaufenden Bruder, der ihn zornig anfunkelte. „Ich spielte stets nach den Regeln.“
„Du hast nach den Regeln gespielt? Willst du mich… Ich glaub es nicht! Wie kannst du nur so arrogant…“ Ramón jedoch unterbrach ihn ruppig: „Lass mich ausreden! Du verstehst gar nichts! Wahrhaftig! Natürlich besuchte ich die Hurenhäuser und das öfter als du und ich verführte mit Sicherheit mehr Frauen als du es je tun wirst. Aber ich hielt mich an die Spielregeln. Ich verliebte mich nie und ließ es auch nie zu, dass sich eine Frau in mich verliebte und geschah es doch, so stieß ich ihr so schnell als möglich vor den Kopf.
Aber du! Du hast dich in Carmen verliebt und sie in dich verliebt gemacht. Es konnte nicht gut gehen, die Beziehung war zum Scheitern verurteilt; und du hättest es rechtzeitig sehen müssen! Aber anstatt es zu beenden hast du das Feuer der Liebe in ihrer Brust nur weiter und weiter angefacht! Und nun kam es, wie es dir jedermann prophezeit hätte.
Aber anstatt alles zu tun, so sinnlos es auch zu sein scheint, zu versuchen sie vor dem Tode zu bewahren, tust du nichts. Du sitzt hier, verletzt das arme Mädchen hier zu unseren Füßen und lässt Carmen im Stich.
Sicher sitzt sie im Gefängnis, bangt und zittert und wartet auf ein Zeichen von dir, auf irgendetwas, das ihr Trost spendet, wenn sie schon den Galgen vor Augen hat. Und du tust nichts.“ Er endete mit der gleichen Stimmlage in der er begonnen hatte.
Julio war sprachlos. Noch nie hatte er einen solch nüchternen Ernst in Ramóns Stimme vernommen und noch nie hatte Ramón so mit ihm gesprochen.
Aber er hatte Recht und im ersten Moment waren Julios Sinne wie benebelt.
Erst kurze Zeit später kehrten sie zurück und er konnte Esperanza hinter sich unterdrückt schluchzen hören. Hatte er sie wirklich so sehr verletzt?
Sie sagte ihm, sie liebe ihn. Wenn sie ihn nur annäherungsweise so liebte, wie er Carmen, dann musste ihre Liebe wahrhaft groß sein.
Langsam wandte er sich zu ihr um und sah sie an. Sie kauerte auf dem Stein, die Stirn im Dreck, nur die Hände noch vor dem Rest des Gesichts; ihr Körper bebte.
Vorsichte kniete er sich zu ihr hinunter und legte wie benommen eine Hand auf ihren Rücken.
Wie Recht Ramón hatte!
Er hatte nicht das Recht dieses Mädchen so sehr zu verletzen. Er half ihr auf, wischte ihr die Tränen von den Wangen, lächelte ihr zu und half ihr hinein, wo sie sich auf einem der Sessel niederließ. Er setzte sich ihr gegenüber und hielt ihre Hand, bis ihre Tränen endgültig versiegt waren. Sie sprachen kein Wort, aber Julio nahm sich vor, dass wenn er sie auch nicht lieben konnte, er ihr zu einem guten Kamerad wurde und seine Pflichten erfüllen würde.
Und sie wusste anscheinend was er dachte, denn als er sich erhob, lächelte sie ihm schwach zu und sah ihm nach, wie er wieder nach draußen zu Ramón ging.
„Oh, was hab ich Lust auf Wein und Rum und ein richtiges Saufgelage, mit zwanzig Weibern und Eine hübscher als die Andere! Ach, das wäre ein Genuss!“ Nun war Ramón also wieder ganz der Alte, lehnte gelassen an der Brüstung, lehnte den Kopf in den Nacken und schwelgte in seinen Gedanken.
„Du bist ein solcher Querschläger“, lächelte Julio und Ramón grinste: „Solange ich Frauen und Alkohol haben kann, ist mir alle weitere egal!“
Ramón war also doch immer noch der einfach gestrickte Typ, denn Julio seit einundzwanzig Jahren kannte und er bedauerte, dass er ihn bald für lange Zeit nicht mehr sehen konnte.
„Meinst du in Europa gibt es auch Weiber und Alkohol?“, seufzte der Blonde schließlich und Julio klopfte ihm gegen die Wange und lachte: „Aber gewiss doch, mein Lieber, mach dir darum nur keine Sorgen.“
Der Tag der Hinrichtung rückte unweigerlich näher.
Carmen brachte nahezu den ganzen Tag mit Singen und Beten zu. Sie hatte nichts Anderes.
Angst machte ihr der Tod nicht wirklich, aber ein mulmiges Gefühl hatte sie dennoch im Bauch, wenn sie daran dachte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen dabei Julio und Emilie alleine zurück zu lassen.
Sie war gerade in einen der kirchlichen Gesänge vertieft, da öffnete sich die Tür und sie schrak auf, als sie hörte, wie die schwere Eisentür aufgeschoben wurde.
Verwirrt sah sie zum Eingang und erkannte dort einen sehr jungen Mann, eher noch ein Junge, stehen.
Er trug eine offizielle Uniform und sie erkannte wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte. Er sah sich noch einmal auf dem Gang um, dann lehnte er die Tür an, so dass es aussah, als sei sie wieder geschlossen.
„Was wollen Sie?“, fragte Carmen etwas verwirrt. Der Junge räusperte sich jedoch lediglich und erklärte leise: „Ich habe einen Brief vom Prinzen Julio. Er bat mich persönlich ihn dir vorzutragen, da du nicht lesen kannst.“
„Ein Brief? Von Julio? Oh, schnell, schnell! Lies ihn mir vor! Ich kann es nicht erwarten zu hören, was er mir schreibt!“ Sie war auf ihn zugekommen und strahlte ihn förmlich an.
„Nun“, er räusperte sich erneut und entfaltete ein Blatt Papier, das er in seiner Westentasche bewahrt hatte. „Ich lese dir einfach vor, was hier steht.“ Sie nickte begierig. „’Meine liebste Carmen.’“ Sein flüchtiger Blick zu ihr entging ihr keinesfalls, aber es störte sie nicht, sollte doch die ganze Welt erfahren, dass sie ihn liebte, es war ihr egal! „ ‚Ich vermisse dich! Oh, ich kann mein Verlangen nach dir gar nicht in Worte fassen. Meine geliebte Carmen, wärst du doch bei mir! Ich würde dich in meine Arme schließen und dich nie wieder loslassen!
Es tut mir so unendlich leid, dass du nun nur durch mich all das erfahren musst. Wie sehr wünsche ich, du hättest mich niemals getroffen; wir hätten niemals miteinander getanzt. Nie hätte ich von dir verlangen dürfen was ich von dir verlangte und nie hätte ich zulassen dürfen, dass unsere Liebe keimte und Wurzeln schlug. Aber dennoch muss ich gestehen, dass ich niemals etwas so Starkes und Wunderbares gefühlt habe und ich bereue keine einzige Sekunde, die ich mit dir zubrachte! Ich liebe dich so sehr, dass es mich krank macht! Oh Carmen, ich muss einen Weg finden dich zu befreien. Ich kann nicht leben, wenn ich weiß, dass ich dich umbrachte.
Ach Carmen. Könnte ich dich nur in meine Arme schließen, dich trösten, deine Tränen wegküssen und dich nie wieder loslassen!
Doch leider kann ich das nicht, aber sei dir gewiss, dass ich dich befreien werde. Ängstige dich nicht!
In Liebe, dein Julio.’“ Der Mann, der ihr den Brief vorgelesen hatte, schwieg nun und schien es nicht zu wagen ihr in die Augen zu sehen. Er war wirklich noch sehr jung, wusste nicht, was zu tun oder zu sagen war.
Carmen hatte jedes Wort in sich aufgesaugt wie ein Schwamm und während der Junge ihr den Brief vorgelesen hatte, so sehr er auch gestottert und gestockt hatte, war es ihr vorgekommen, als spräche Julio zu ihr. Nur langsam fand sie in die Realität zurück und fand sich weinend wieder.
„Wein doch nicht!“, ergriff nun die Wache wieder das Wort. „Er schreibt dir doch, dass er dich liebt und dich befreien will!“ Er schien kurz davor ihr über die Wange zu streicheln, doch als er sie nur schier berührte, zuckte er zurück. Sie allerdings warf sich ihm gegen die Brust und schluchzte: „Aber man wird ihn umbringen, wenn er versucht mich zu befreien! Er darf es nicht versuchen!“
Sein Körper verkrampfte sich, als sie ihm so nahe kam und als sie es wahrnahm, löste sie sich wieder von ihm, trocknete ihre Tränen, lächelte und sagte: „Verzeihen Sie mir, ich war nur für den Moment von meinen Gefühlen überwältigt.“
„Aber dann schreib ihm doch zurück! Ich bringe ihm den Brief, wirklich!“, drängte er sie, doch sie wandte das Angesicht von ihm ab und seufzte: „Nun, der Haken an der Sache ist, dass ich nicht schreiben kann.“
„Aber ich kann es! Diktier mir einen Brief! Er wird zwar nicht so fein säuberlich aussehen und sicher einige Rechtschreibfehler enthalten, aber schreiben kann ich doch!“ Sie drehte sich wieder zu ihm um und lächelte dankbar.
„Du bist ein guter Junge.“ Es war als spräche sie mit einem Sohn, der sie auf den Markt begleitete, um ihren Korb zu tragen. Und seine Wangen glühten vor Stolz.
„Mein geliebter Julio!
Oh wie ich mich freute deinen Brief zu lesen. Es tat mir so unendlich gut von dir zu hören.
Und glaube mir, ich liebe dich mindestens eben so sehr wie du mich. Dieses Gefühl ist so stark, dass es nicht in Worte zu fassen ist.
Aber hüte dich davor eine Dummheit zu begehen. Stürze dich nicht ins Verderben indem du versuchst mich zu retten! Ich würde es nicht ertragen.
Bleib zu Hause. Heirate Esperanza. Tue, was du getan hättest, hättest du mich nie gekannt; hättest du mich nie geliebt.
Mein einziger Wunsch ist es, noch einmal in dein Gesicht zu sehen, bevor ich hänge. Also bitte komm zu meiner Hinrichtung.
In ewiger Liebe, deine Carmen.“
„Oh Gott!“, stöhnte Julio und lehnte sich zurück in die Kissen. „Wie kann sie nur so selbstsüchtig sein? Wie kann sie nur von mir verlangen sie zu vergessen und ihren Tod mit anzusehen? Kann sie denn nicht verlangen, dass ich sie befreie?“ Nun wandte er das Gesicht dem Jungen in der Uniform zu und fragte: „Bist du dir sicher, dass du alles genau so aufgeschrieben hast, wie sie es gesagt hat, Bursche?“
Der Junge nickte und schien etwas sagen zu wollen, doch schien er zu eingeschüchtert zu sein. So seufzte Julio: „Sprich nur. Erzähl mir, was dir auf der Seele liegt, Junge.“
„Ich will Euch bitten ihren Wunsch zu erfüllen. Dieser Brief entspricht ihrem letzten Willen und sie war sich vollkommen im Klaren darüber, was sie mir diktierte. Und sorgt Euch nicht, ihr werdet sie nicht entstellt vorfinden, ich werde ihr Wasser bringen, damit sie sich waschen kann und ihr Chemise ins Waschhaus bringen. Aber bitte kommt und gebt ihr die Kraft ihr Schicksal zu tragen. Sie ist so stark, aber darum bittet sie Euch, also lasst sie nicht im Stich.“
Sie im Stich lassen. Er verwendete die gleichen Worte wie Ramón.
Julio kramte etwas Geld hervor, ging damit zu dem Jungen, dessen Wangen begannen zu glühen, drückte diesem die Münzen in die Hand und sagte: „Bezahle davon das Waschhaus und behalte den Rest, sieh es als Bezahlung für deine Dienste.“
Erst sah der Junge ihm starr in die Augen, als fürchtete er sich, dann sah er auf seine Hand, in der die Münzen lagen und seine Wangen wurden noch röter.
„Aber das kann ich nicht…“
„Guten Abend“, ließ Julio vernehmen und wandte ihm den Rücken zu.
„Guten Abend“, erwiderte er artig den Gruß und Julio hörte, wie er schnellen Schrittes davoneilte.
„Was war denn das für ein Jungspund, Julio? Sag mir nicht, dass du nun auf Lustknaben umsteigst!“, vernahm er Ramóns schallende, leicht angetrunkene Stimme.
„Er brachte mir die Antwort Carmens.“ Er hatte sich eine Zigarre angezündet und drehte sie unruhig zwischen seinen Fingern, starrte gedankenverloren in die Dunkelheit, die außerhalb seiner Fenster lag.
„Und was schreibt sie?“ Seine Stimme klang ungeduldig und er setzte sich neben Julio, nahm diesem die Zigarre aus der Hand und nahm selbst einen Zug.
Doch statt einer Antwort gab ihm Julio einfach nur den Zettel mit der unsauberen Handschrift des Jungen.
Ramón überflog die Zeilen, legte den Zettel dann auf den Tisch, lehnte sich zurück und seufzte.
„Das sieht dem Frauenzimmer ähnlich. Was wirst du tun?“
„Was sie von mir verlangt.“
„Aber…“
„Sei endlich still, Ramón! Wenn sie stirbt, hat sie es endlich hinter sich. Dann kann ihr nichts mehr geschehen! Nichts, verstehst du? Und nun hör endlich auf mich belehren zu wollen! Ich werde tun, was sie von mir verlangt!“ Er ballte die Hände zu Fäusten und starrte nun auf das Parkett zwischen seinen Füßen.
Der Tag war gekommen und Julio saß mit seinen Eltern und Esperanza an seiner Seite auf der Ehrentribüne. Von hier aus hatten sie eine wunderbare Sicht auf den Galgen, um den sich der Pöbel in freudiger Erwartung der Hinrichtung versammelt hatte.
Der Himmel war von dunklen Wolken bedeckt, doch nur von fern hörte man Donnergrollen. Die schwüle Luft drückte auf Julios Gemüt und er vermisste eine Brise, die kühle Luft mit sich brachte. Doch die Luft stand regelrecht und schien zum Zerschneiden dick zu sein. Das Atmen fiel ihm schwer.
Eine Anspannung lag über dem Platz. Die Erwartung des Gewitters, des Sturms, vor dem die Blätter an den Bäumen leicht zitterten.
Ramón war nicht auf der Tribüne. Er hatte niemandem gesagt, was er vorhatte, nicht einmal seinem Bruder.
Der überflog mit seinen Blicken immer wieder die Masse und schließlich sah er ihn. Von seinem Arm gestützt stand bei ihm die Hure, mit der Carmen oft zusammen gewesen war. Diese Französin, von der Ramón so zu schwärmen gepflegt hatte. Sie schien sich nicht selbst auf den Beinen halten zu können und ließ sich von Ramón halten.
Ihre Gesichter wirkten kalkweiß und sahen unwirklich aus in der Masse: Sie wirkten wie Geister.
Doch Julio kam nicht dazu weiter darüber nachzudenken, denn nun setzten Trommel und Fanfaren ein.
Sie hörte die militärischen Klänge und vernahm, wie die Stimmen, die vom Platz gekommen waren, verstummten.
Tief atmete sie durch und schloss die Augen.
Sie war dem Jungen so unendlich dankbar dafür gewesen, dass er ihr Wasser zum Waschen gebracht hatte und ihr Chemise ins Waschhaus gebracht hatte. So fühlte sie sich wenigstens nicht ganz so schäbig. Und dass sie das elende puderblaue Kleid nicht mehr tragen musste, war ihr nur recht. Darin wollte sie nicht sterben.
Der Junge hatte ihr versichert, dass Julio kommen würde und sie vertraute ihm blind. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig.
Langsam wurde sie, an den Händen gefesselt, auf den Platz geführt und die Menge teilte sich vor ihr und den Wachen. Als sie den Blick vom Boden zum Galgen hob, überkam sie doch ein Schauer, besonders als sie den Schafsrichter mit der Maske über dem Haupt erkannte.
Weiter, immer weiter gingen sie. Die schwüle, schwere Luft schien sie zu Boden drücken zu wollen, doch sie ging mit geneigtem Haupt weiter.
Nun wurde sie die Treppen hinaufgeführt.
Und als sie oben ankamen, musste sie sich neben den Schafsrichter, unter das Seil stellen.
Der legte ihr die Schlaufe um den schlanken Hals und in dem Moment setzten die Trommel und die Fanfaren aus, damit ihre Anklage vorgetragen werden konnte.
Endlich kam Wind auf und damit begann es zu regnen, nur leicht, aber die Tropfen kamen ungewöhnlich hart auf Julios Haut auf.
Er war aufgestanden und sah auf seine Carmen.
Sie stand da, den Blick gen Himmel, als würde sie beten.
Und Julio war sich sicher, dass sie noch nie schöner ausgesehen hatte.
In dem weißen Chemise wirkte sie wie ein Engel, ihr Haar wellte und kräuselte sich in dem Nieselregen und ihre Wangen und Lippen traten blutrot hervor wie der schwere Samt der alten Kleider.
Und dann sah sie zu ihm.
Sie erkannte ihn, der da auf der Tribüne stand, gebannt auf sie starrte, nicht wusste, was geschah.
Und sie lächelte ihm zu.
Und da erkannte er, dass sie ihr Schicksal angenommen hatte, dass sie sich von ihm verabschieden hatte wollen und dass sie ihn wirklich liebte; dass sie ihn so sehr liebte, dass sie ihm wünschte eine andere Frau zu lieben, sich nur wünschte, dass er glücklich war.
Und in ihrem Lächeln lag die Erkenntnis.
Die Erkenntnis, was ewige Liebe war.
Dann fiel sie.
Julio musste sich setzen.
Er konnte kaum etwas sehen, alles verschwamm vor seinen Augen und er hörte nicht mehr, was um ihn herum geschah. Er sah sie noch immer lächelnd vor sich stehen.
Dieses engelsgleiche Geschöpf, das so vollkommen unschuldig ausgesehen hatte.
Und schließlich wandte er suchend den Blick zu Ramón.
Er fand ihn und nun war die Freundin Carmens weinend in seinen Armen zusammengebrochen.
Ramón stützte sie, küsste sie aufs Haupt und schien auf sie einzureden, sie beruhigen zu wollen und da sah er zu ihm auf und ihre Blicke trafen sich.
Nun war es vorbei.
Nun war alles vorbei.
Und Carmen war tot.
Ich danke euch allen für's Lesen!
Wenn jemand eine ENS möchte, wenn es mit Ramón weitergeht, dann sagt mir bescheid.
Ihr wart tolle Leser! LG, Terrormopf =)