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Good Bye

von

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"Good Bye"... oder auch nur "Bye". So viele Menschen verwenden diese Worte bei einem Abschied. Sagen sie, ohne weiter darüber nachzudenken oder sich überhaupt auch nur zu beginn etwas dabei gedacht zu haben.

Aber ich habe irgendwie nie zu diesen Menschen gehört. Warum nicht? Nun das hatte seine Gründe. Und es gibt ja glücklicherweise mehr als genügend Wege auf Wiedersehen zu sagen, ohne diese Worte zu verwenden.
 

Irgendwann einmal hast du mich darauf angesprochen. Keine Ahnung, wie du ausgerechnet an diesem Tag darauf gekommen bist. Obwohl... nach längerem Nachdenken war ich zu dem Schluss gekommen, dass dich diese Frage wohl schon länger gequält hatte.

Und auch wenn man sich fragen könnte, wieso du mich überhaupt auf so eine Nichtigkeit ansprichst, so war das doch deine ganz eigene Art. Du hattest schon immer einen besonderen Blick für kleinste Details, die anderen gar nicht auffielen oder die sie nur als unwichtig abtaten.
 

Immer wieder hast du mich mit Fragen überrascht, mit denen ich nie gerechnet hätte. Die ich bei anderen Menschen vermutlich sogar als nervig oder zu privat abgelehnt und niemals beantwortet hätte.

Aber bei dir war das anders. Schon immer. Deine Fragen hatten etwas... unschuldiges, genau. Sie hatten eine kindliche Neugier. Offen und ehrlich und viel zu vertrauensvoll, als dass ich dir eine Frage hätte unbeantwortet lassen können. Geschweige denn, sie mit einer Lüge zu beantworten.

Und auch dieses Mal war es nicht anders.
 

Es war eigentlich kein besonderer Tag und du wolltest nach Hause gehen. Wir wohnen ja leider in verschiedenen Richtungen, weshalb wir uns schon an dieser Kreuzung verabschieden mussten. Ich habe dein "Good Bye" wie immer mit einem "bis morgen" gekontert und dir anschließend noch nachgesehen.

Ja, es fiel mir wirklich schon immer schwer, meinen Blick von dir abzuwenden, fühlte ich mich doch jedes Mal, als wenn mein Leben gehen würde, wenn ich deinen Rücken sah.
 

Ich wollte mich gerade schon selber zum Gehen wenden, als du plötzlich stehen bliebst und dich noch einmal umgedreht hast. Ich konnte noch genau diesen Blick auf deinem Gesicht sehen, so als wärst du dir über etwas nicht sicher. Doch als du bemerkt hast, dass ich dich noch immer ansehe, ist dieses nachdenkliche sofort aus deinem Gesicht gewichen und du hast mich statt dessen peinlich berührt angelächelt.

In dem Moment dachte ich schon, du würdest dich wieder umdrehen und gehen, weil du dich genierst. Doch dann habe ich dieses Blitzen in deinen Augen gesehen. Dieses aufgeweckte Leuchten, dass du einfach immer in einer solchen Situation hattest. Und ich wusste, dass du mir wieder eine deiner Fragen stellen würdest.
 

"Wieso hast du eigentlich Angst davor?" Ja, ich konnte dich in diesem Moment wirklich nur perplex ansehen. Habe vermutlich sogar total bescheuert ausgesehen. Zumindest hast du lachend den Kopf geschüttelt.

Aber auch wenn ich mit einer Frage von dir gerechnet hatte, war es sicher nicht eine in der Richtung gewesen und verstand ich einfach nicht, was du mir damit sagen wolltest.

"Na, *Good Bye* warum sagst du das eigentlich nie?"
 

Genau in diesem Moment ist es mir klar geworden. Ist mir aufgefallen, dass du schon eine ganze Weile, immer nur diese Worte bei einem Abschied verwendet hast. Das ist so typisch für dich. Du wolltest mich testen, mich dazu bringen auf die Gleiche Weise zu erwidern. Und scheinbar bin ich an diesem Abend durch den Test gefallen, sodass du mich gefragt hast.

*Angst*... Ob dir überhaupt klar gewesen ist, wie nah du der Wahrheit mit dieser ersten Formulierung warst? Anfangs sicher nicht.

Aber nun standst du da, mit diesem, Blick, der nur dir gehörte, der nur mir zu gelten schien und hast auf eine Antwort gewartet.
 

Und nicht eine Sekunde habe ich in Betracht gezogen, dich zu enttäuschen. So wie immer. Ich habe dir erklärt, dass diese Worte in meinen Ohren nie einfach nur nach einem gewöhnlichen Abschied klangen. Nein. Sie hatten etwas endgültiges an sich.

Ohne Hoffnung auf ein danach.

In ihnen lag kein *bis später*, *bis morgen*, *bis bald* oder wenigstens ein *man sieht sich*. Nein, sie zeigten einfach nur ein Ende, ohne einen in der Zukunft liegenden Anfang.
 

Ich habe versucht, dir dieses Gefühl zu erklären. Diese Gedanken, die ich mir immer bewusst oder auch unbewusst machte. Aber ich hatte solche Angst, dass du mich nicht verstehen würdest. Lachen... mich für albern halten würdest.

Doch genau das hast du nicht. Im Gegenteil. Du hast genickt. Schienst wirklich zu verstehen, was ich dir sagte.Und mehr noch. Von diesem Tag an hast du diese Worte nie wieder mir gegenüber verwendet. Ob du sie bei anderen benutzt hast weiß ich nicht. Jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe war.
 

Ja, genauso hast du mich damals gefragt. Schon seltsam, an wieviele Details ich mich noch erinnern kann. So als sei dieser Tag erst gestern gewesen. Dabei ist es schon so lange her. Doch ist mir jeder Moment mit dir so wichtig, dass ich ihn festhalten, keine Sekunde davon vergessen wollte.
 


 

Dennoch...

Ich frage mich, warum mir das jetzt alles noch einmal durch den Kopf geht. Warum ich nicht aufhören kann, über diesen Moment nachzudenken. Meine Einstellung habe ich bis heute nicht geändert; Habe es niemals geschafft, diese simplen Worte über die Lippen zu bringen. Ob dir das überhaupt noch bewusst geworden ist, nach einer so langen Zeit? Eigentlich hätte ich nicht damit gerechnet. Immerhin handelt es sich nur um eine Kleinigkeit. Eine alberne, kindische Angewohnheit von mir. Ich hätte vermutlich sogar Wetten darauf abgschlossen. Doch jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
 

Dieser Blick, den du gemacht hast... Nein. Ich bin mir sicher, dass es dir aufgefallen ist. Habe keinen Zweifel daran. Nur frage ich mich, was du dir gedacht hast. Du wirktest so verwirrt, beinahe schon geschockt. Und dein "bis morgen"... Ich kann mir nicht helfen, aber es wirkte eher wie ein Frage, als wie dein üblicher Abschied.

Nichts fröhliches lag darin, und das, obwohl du den Abend über doch eigentlich sehr gut gelaunt warst. Doch im Gegenteil... Dein Abschied hörte sich leer und traurig an. Oder interpretiere ich nur wieder zu viel hinein? Projeziere ich meine eigenen Gefühle auf deine Antwort?
 

Vielleicht warst du wirklich nur verwirrt oder müde. Obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass diese fragende Betonung wieder einer deiner Tests war. Bin ich durch mein anschließendes Schweigen und kaum merkliches Nicken auch durch diesen gefallen?

Deine anschließende Frage, die dem dann hätte folgen müssen ist jedenfalls ausgeblieben.
 

Aber egal wie es ist.

Darüber jetzt so ausführlich nachzudenken macht eigentlich gar keinen Sinn. Warum denke ich überhaupt über so etwas nach? Ich habe mich schließlich längst entschieden. Ja genau. Ich war mir ganz sicher. Nein... Ich BIN mir noch immer sicher. Deshalb habe ich dich auch angerufen. Wollte den Abend mit dir verbringen. Dein lachendes Gesicht sehen und auch selber mit dir lachen.

Vollkommen frei und ehrlich mit dir lachen können.

Genau.

Ich bin mir vollkommen sicher.
 

"Good Bye."

Ich konnte förmlich sehen, wie dein Lächeln der Überraschung oder auch dem Schock wich.

Aber ich habe die Worte nicht umsonst gewählt, oder?

Wollte ich damit ein Zeichen setzen?

Warum habe ich sie benutzt? Wollte ich, dass du mich darrauf ansprichst? Testen, wie du reagierst? Sehen, ob du dich noch an unser Gespräch erinnerst? Vielleicht sogar dadurch von dir umgestimmt werden?

Nein. Das ist nicht der Grund.
 

Ich habe sehr lange überlegt, was ich sagen soll, wenn es heute Zeit für den Abschied werden würde. Und egal, wie oft ich darüber nachgedacht habe, dies waren die einzigen Worte, die ich für angebracht hielt.

Immerhin sollten meine letzten Worte an dich keine Lüge sein. Kein "Bis morgen" oder "bis dann".

Einfach ein Abschied.

Nie hätte ich damit fertig werden können, wäre das letzte von mir, an das du dich erinnerst eine Lüge gewesen.
 

Ja stimmt. Ich habe mich entschieden.

Und es gibt kein Zurück mehr von dieser Entscheidung. Viel zu lange habe ich darüber nachgedacht. Viel zu sicher bin ich mir dabei geworden, als dass mich noch einmal etwas umstimmen könnte.

Warum?

Ja, das würden mich sicher viele fragen. Doch verstehen würde es sowieso keiner von ihnen, wenn ich es erkläre. Würden mir auch eh die passenden Worte fehlen, diesen Schmerz zu beschreiben.
 

Ob du mich dieses Mal verstanden hättest? So wie du es eigentlich immer tust? Ich vermag es nicht zu sagen; würde mir diese Frage so gerne mit einem "ja" beantworten können.

Mir sicher sein, dass du es verstehst.

Dass du mich verstehst.

Doch dieses Mal kann ich es nicht. Zum ersten und einzigsten Mal.

Bin ich vielleicht sogar froh darüber?

Nein ... Oder doch?

Wieso kann ich das nicht sagen? Ich will doch, dass du mich verstehst. Wünsche es mir mehr als alles andere. Warst du doch eigentlich der einzige Grund, der mich so lange hat unsicher sein lassen. Das einzige, was mich noch gebunden hat.
 

Ist es da nicht verständlich, dass ich die Bestätigung für die Richtigkeit meiner Entscheidung gerade von dir haben möchte? Und dennoch möchte ein Teil von mir nicht dein volles Verständnis. So abwegig das auch klingt.

Ich will nicht von dir umgestimmt werden. Möchte nicht mit dir darüber diskutieren. Möchte dir nicht meine innersten Gefühle und Gedanken offenbaren, nur um ausgerechnet bei dir auf Unverständnis zu stoßen.
 

Und dennoch... Ich wüsste gerne, dass du versuchen würdest, mich umzustimmen. Dass ich dir wichtig bin. Dass du mich nicht verlieren willst.

Dabei weiß ich das doch alles schon längst, oder etwa nicht?

Deshalb habe ich den Abend mit dir verbracht. Deshalb habe ich mich von dir verabschiedet. Deshalb bist du der einzige, dem ich diese Worte je entgegen gebracht habe.
 

Aber ich will nicht weiter darüber nachdenken. Möchte mich nicht selber wieder ins Schwanken bringen. Nein. Es steht fest.

Ich kann einfach nicht mehr. Kann dieses Spiel nicht mehr spielen. Diese glückliche Maske aufbehalten, die doch schon so viele Risse bekommen hat. An diesem Leben teilnehmen, obwohl ich innerlich schon längst gestorben bin.

Eine Leere Hülle, die falsches Leben simuliert. Mehr bin ich doch nicht. Nur in deiner Nähe habe ich etwas von diesem Schauspiel wirklich in mir gespürt.
 

Und auch wenn es keiner versteht... Zugestimmt haben mir doch eigentlich alle.

Wie oft schon habe ich die Bestätigung bekommen, wenn ich gesagt habe, dass es nicht richtig ist, sein Leben für jemand anderen zu leben?

Öfter, als ich jetzt zählen könnte. Und einfach niemals hat mir jemand widersprochen.

Ok... Sie haben es anders aufgefasst. Meinten, man müsse sein Leben auf seine eigene Art, nur für sich selbst führen.

Aber dass es genauso sinnlos war, sein Leben überhaupt nur wegen jemand anderem und ohne eigenen Antrieb zu führen, das würden sie plötzlich nicht verstehen.

Gibt es doch immer etwas, für das es sich zu leben lohnt, nicht wahr?
 

Nein, tut mir Leid.

Irgendwann ist auch der letzte Grund dafür kein wirklicher Grund mehr, sondern nur ein Vorwand.

Und ich bin schon lange an diesem Punkt angekommen. Habe ihn längst überschritten.

Ob du das wusstest?

Je länger ich jetzt darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir eigentlich darüber. Dein Blick hat immer einen anderen Glanz bekommen, einen ganz bestimmten Ausdruck angenommen, wenn ich über so ein Thema gesprochen habe. Vermutlich hast du mich auch damals schon immer genau verstanden.

Hast du dich deshalb dann immer ausgeschwiegen?
 

Und dein verletzter Blick vorhin... War das etwa der Grund?

Es tut mir Leid. Ich will dich nicht verletzen. Dir nicht wehtun.

Hab ich dir deshalb noch diesen Brief geschrieben? Eigentlich wollte ich es bei dem Abschied belassen. Wollte kein Papier, gefüllt mit leeren Worten zurücklassen. Aber dennoch. Dennoch sitze ich jetzt hier und starre den Umschlag an, der deinen Namen trägt. Nur deinen. Und auch sein Inhalt ist allein dir bestimmt.
 

Warum? Warum habe ich ihn geschrieben? Warum diese nichtssagenden Worte aufgeschrieben? Eine Lüge, die ich doch um jeden Preis vermeiden wollte. Ich sollte ihn wegschmeißen. Zerreißen. Vernichten. Aber ich kann es nicht. Habe das Gefühl, dir diese Worte zu schulden. Kommen Sie doch genau aus meinem Herzen.

Nein. Sie sind nicht leer. Sie sagen alles. Nur die Wahrheit. Meine feste Überzeugung. Und ich weiß, dass du sie... dass du MICH verstehen und mir verzeihen wirst.

Deshalb kann ich diesen Brief nicht vernichten.

Lege ihn statt dessen behutsam neben mich.
 

All diese Gedanken, alles Grübeln hat endlich aufgehört. Hat mir geholfen, meine Überzeugung sogar noch zu festigen.

Und jetzt, da ich den Brief an dich sehe und weiß, dass du mir verzeihen wirst, verspüre ich endlich Ruhe.

Sogar so etwas wie Frieden, als ich das Messer zur Hand nehme und es bedacht, beinahe schon vorsichtig an meinen Arm führe. Die Kühle des Metalls auf meiner Haut löst ein Kribbeln in meinem Magen aus. Ich habe beinahe das Gefühl, die Klinge brennt sich allein durch Ihre Kälte in meine Haut.
 

Man könnte jetzt vielleicht denken, ich hätte Angst. Ich selber habe immer gedacht, ich würde Angst vor den Schmerzen haben. Doch jetzt, da es soweit ist, wäre ein Gedanke an diese reine Zeitverschwendung.

Eher rührt dieses Kribbeln von einer freudigen Erwartung her.

Klingt das jetzt verkehrt?

Nicht für mich.

Denn endlich stehe ich am Ende. Endlich kann ich eine Erlösung spüren. Die Ruhe vor Gefühlen und quälenden Gedanken.
 

Ohne zu zögern erhöhe ich den Druck auf das Messer. Langsam, wie um dieses Gefühl in vollen Zügen auszukosten, bis erstes Blut hervortritt und ziehe die scharfe Klinge schließlich mit einer schnellen Bewegung über meinen ganzen Arm. Sofort strömt weit mehr Blut aus der Wunde.

Ich kümmere mich nicht darum.

Wiederhole statt dessen das Ganze an meinem anderen Arm.

Auch wenn der Schnitt dieses Mal bei weitem nicht so sauber ist. Zittert meine linke Hand doch zu sehr und kann ich das nun rutschige Messer auch nicht mehr so fest greifen.
 

Ja, es schmerzt. Das kann ich nicht leugnen. Aber so unglaubhaft das jetzt klingen mag, empfange ich diesen Schmerz gerne. Genieße ihn und die Erlösung, die er mir bietet.

Und lange hält der Schmerz auch nicht an. Wird nahezu weggespült von dem Blut, welches unaufhörlich aus den Schnitten dringt, genau wie die letzten Gedanken, welche sich noch in meinem Kopf festgesetzt hatten.

Alles weicht der kalten, beruhigenden Leere, die sich langsam in mir ausbreitet.
 

Aus weiter Ferne, oder wie durch Watte, höre ich ein hämmerndes Geräusch, kann es aber nicht zuordnen. Möchte es auch gar nicht. Nichts soll diese Momente stören.

Erst als die Geräusche kurz lauter werden und sich dann abruppt ändern, wendet sich meine Aufmerksamkeit - sofern man diese Reste davon noch so nennen kann - darauf.

Warum, weiß ich eigentlich nicht einmal zu sagen, aber bemerke ich in diesem Moment erst die Dunkelheit, die mich umgibt. Sie stört mich nicht weiter.

Aber diese Geräusche...

Sie irritieren mich.

Ich will wissen, woher sie kommen, obwohl ich für diesen Drang noch immer keine Ursache kenne.
 

Woher kommt diese plötzliche Wärme?

Sie brennt so heiß auf meiner Haut.
 

"Warum?"

Dieses Wort. Nein, das war nicht nur eine Einbildung. Nicht meine eigenen Gedanken...

Mit einem Mal wird mir alles klar:

Die Dunkelheit, die nur herrscht, weil ich irgendwann meine Augen nicht mehr offen halten konnte.

Warum mich diese neuen Geräusche aufmerksam gemacht haben, die ich jetzt als deine Stimme identifiziere.

Diese plötzliche Wärme, die ich doch schon immer nur dann gespürt habe, wenn du in meiner Nähe warst, mich berührt hast.
 

Wie in Zeitlupe zwinge ich meine Augen auf. Auch wenn anfangs alles noch verschwommen ist, kann ich dich doch sofort erkennen.

Du bist wirklich zurückgekommen. Aber wie bist du... Hast du etwa die Tür eingetreten, nachdem du keine Antwort von mir auf dein Klopfen erhalten hast? Warst du denn so überzeugt davon, was mein Abschied bedeutete?

Langsam gewinnt dein Bild wieder an Schärfe. Scheint sich meine gesamte verbleibende Kraft auf dich zu konzentrieren.
 

Es tut mir weh... So weh, dich weinen zu sehen.

*Warum*

Ja... das hattest du mich gerade gefragt. Aber ich kann dir nicht antworten. Habe nicht die Kraft.

Das einzige, was ich tun kann ist, dir ein sanftes Lächeln zu schenken. Dir zu zeigen, dass alles gut wird.

Dass jetzt endlich alles gut ist.
 

Deine Tränen fallen sanft auf mein Gesicht. Vermischen sich dort mit meinen eigenen. Wann habe ich angefangen zu weinen? Ich weiß es nicht. Aber du bringst mich dazu.

Es tut mir so leid. Ich wollte nicht, dass du mich so in Erinnerung behältst.

Und dennoch bin ich glücklich.

Glücklich, hier in deinen Armen sein und noch einmal deine Wärme spüren zu dürfen.
 

Ich wollte dir nie weh tun. Doch bereue ich meine Entscheidung nicht.
 

Langsam verschwimmt dein Gesicht wieder. Wird deine Stimme leiser. Von Dunkelheit und beruhigender Leere verschluckt.

Ich weiß, dass du mir verzeihen wirst. Das ist der letzte Gedanke, der noch klarer durch meinen Verstand schleicht...
 

Bitte... Verzeih mir...

Ich bin wieder an deinem Grab. Bin eigentlich immer hier. Hier, wo ich dir meine ganzen Fragen stellen und das Gefühl haben kann, dass du mich hörst. Dass du noch bei mir bist.

Wieso hast du mich bloß verlassen? Wie konntest du mich in dieser Welt alleine lassen? Hast du denn nicht verstanden, dass ich dich brauche?
 

So oft habe ich dir diese Fragen gestellt. Habe sie gedacht, sie aufgeschrieben, sie deinem Grab gestellt... sie sogar auf das Meer hinaus geschrien. Doch nie habe ich eine Antwort von dir bekommen.

Dabei hast du mir doch immer geantwortet. Egal wie simpel, wie kindisch oder auch intim meine Fragen waren. Du hast mir immer ohne zu zögern geantwortet.

Und jetzt plötzlich antwortest du nicht mehr. Wirst es nie wieder tun. Weißt du eigentlich, wie leer ich mich dadurch fühle?
 

Und nicht nur leer. Ich fühle mich schuldig. konnte dir nicht helfen. Dabei habe ich doch schon so lange gespürt, dass es dir nicht gut geht. Dass dich etwas belastet. Ich wollte dir helfen, für dich da sein, dich aus diesem Tief holen.

Aber es ist mir nicht gelungen.
 

Und dann an diesem Tag. Diese Worte. Ich... Ich wusste sofort, was du mir damit sagen willst. Habe es noch einmal versucht... Versucht eine andere Antwort aus deinem Munde zu bekommen. Ein bis morgen oder irgend einen anderen, für dich typischen Abschied. Doch du gabst sie mir nicht. Hast mich nur schweigend angesehen. Und ich habe es in deinen Augen gesehen. Habe die Entschuldigung, aber auch die Entschlossenheit in diesen Augen gesehen, die immer so leer, so einsam wirkten.
 

Ja.

Augen lügen niemals. Ein Lächeln kann man vortäuschen. Lügen sind viel zu leicht ausgesprochen. Aber die Augen sagen immer die Wahrheit. Spiegeln die Seele wieder.

Ich wusste, dass du dich entschieden hast, dass dies ein Abschied war. Und dennoch bin ich gegangen. Habe dich allein gelassen.

Wie konnte ich nur? Ich wollte deine Entscheidung akzeptieren, ich wollte dich verstehen, ich wollte... ich wollte so viel.
 

Aber das Gefühl... diese Leere, die ich schon in diesem Moment verspürt habe und diese Angst dich niemals wieder zu sehen...

Ich habe es nicht ausgehalten. Bin zurück, wollte dich aufhalten. Doch es war zu spät. Als ich dich gesehen habe... Ich dachte mein Herz zerbricht. Es ist zerbrochen. Und heilen wird es nie mehr.
 

An diesem Tag, als du in meinen Armen gestorben bist. Mit diesem Lächeln auf den Lippen. Wie konntest du nur so glücklich aussehen? Wie kannst du mir das antun, mich zu verlassen und glücklich dabei zu sein?!

Ich bin auch an diesem Tag gestorben, weißt du das? Ich wollte dir sogar folgen. Aber ich konnte nicht. Hatte Angst. War zu feige für diesen Schritt und bin es auch jetzt noch.
 

Bist du nun sauer auf mich? Sauer, dass ich nicht den Mut... nicht den gleichen Willen wie du habe, obwohl ich bei dir sein will?

Nein sicher nicht. Das spüre ich. Du bist mir nicht sauer. Hast mich doch eigentlich genau darum gebeten.
 

Aber heute gibt es noch einen Grund, warum ich hierher gekommen bin.

Ich habe dir einen Brief geschrieben, weißt du? Ich konnte nicht anders, konnte mich nicht anders ausdrücken. Dir nicht anders sagen, was du mir bedeutest. Musste dir sagen, dass ich dir verzeihe, dich verstehe.
 

Und nun sitze ich hier und verbrenne den Brief an dich. Sehe zu, wie der Rauch vom Wind fortgetragen wird, wie er meine Worte zu dir bringt. Ich weiß, dass sie dich erreichen werden. Sanft umschließe ich das Papier in meiner Hand. Drücke es gegen meine Brust.

Ja, es ist dein Brief. Der Brief, den ich sicher schon hunderte Male gelesen habe. Deine Seele, deine Gefühle und Gedanken.
 

Ja, ich bin an diesem Tag gestorben, aber ich wurde auch wiedergeboren. Habe ein neues Leben begonnen. Eines, das ich für uns beide leben werde. So lange, bis wir uns wiedersehen.

Auch wenn dieses Leben den Schmerz kennt, die Leere und Einsamkeit... Ich werde es für uns beide durchstehen. Denn du hast mir dieses Leben durch deinen Brief geschenkt.

Durch den Brief, der es schafft, wieder ein Lächeln auf meine Lippen zu bringen.
 


 

An dich,

Ich weiß selber nicht, warum ich dir diese Zeilen noch schreibe. Weiß eigentlich nicht einmal was ich noch schreiben will. Doch war es mir einfach wichtig. Muss ich dir einfach noch etwas sagen, bevor ich diese Welt verlasse. Diese Welt, die mich wohl nie wollte, oder mir zumindest nie das Gefühl gegeben hat. Nur du hast mir jemals das Gefühl gegeben, auf dieser Welt gewollt... ein Teil von ihr zu sein. Und dafür bin ich dir dankbar. Ich möchte dir für so vieles danken. Für all die warmen Momente, die du mir geschenkt hast, für die Zeit, die du mit mir verbracht hast, für das Verständnis, das ich durch dich erfahren habe.

Es tut mir leid, dass dies meine letzten Worte an dich sein werden, aber ich bin am Ende. Habe dieses Leben viel zu lange geführt, ohne es zu spüren. Nein... mein einziges Leben warst du. Ich weiß, dass es unfair von mir ist, dich zurück zu lassen. Dass du es vielleicht sogar für feige hältst, aber ich bin sicher du wirst mich verstehen... Hoffe so sehr, dass du mir verzeihen kannst.

Weißt du, eine Seele ist alleine nie komplett und in dir hatte ich die zweite Hälfte meiner Seele gefunden. Deshalb werden wir nie für immer getrennt sein. Denk immer daran.

Bitte sei nicht traurig, wenn ich fort bin, bewahre dir dein Wesen und lebe dein Leben für mich weiter glücklich.

Du hast mein Leben verlängert, mich hier gebunden und die Gedanken an dich geben mir auch jetzt noch Frieden.

Mach dir keine Vorwürfe. Man kann nicht jeden retten.

Und wir werden nicht für immer getrennt sein.

Ich warte auf dich in einer anderen Welt. Bis bald.



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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Von: abgemeldet
2007-06-02T09:34:14+00:00 02.06.2007 11:34
Kia ora!

Und weiter geht's... wie schon gesagt, der Schritt deiner ersten Hauptfigur war sehr gewagt und auf den ersten Blick vielleicht egoistisch. Aber in diesem Kapitel wird klar, dass er doch sehr genau wusste, was er tat und wie die von ihm geliebte Person reagieren würde. Insofern war es vielleicht wirklich der beste Schritt. Denn eine so zarte Beziehung, so wackelig, wäre wohl oder übel mit der Zeit von der Welt erdrückt und zertreten worden. Du hast geschrieben, dass nur diese Beziehung es war, welche die Figur noch am Leben erhalten hat, und ich glaube, für sie war es besser, dies so zu beenden, als mitansehen zu müssen, wie es in die Brüche geht und dann einsam zu sterben, verbittert und allein. Denn ich glaube nicht, so hart das jetzt klingt, dass sie stark genug gewesen wäre, diese Liebe gegen alles, was ihr in der Welt feindlich entgegentritt und vorher den Willen zum Leben genommen hat, zu verteidigen. Ihr Partner vielleicht, aber sie selbst nicht.

Ich finde es gut, dass du die zweite Figur nicht zu einem "zum Glück geht's dir jetzt besser" angestiftet hast. Es ist wesentlich realer und letztendlich auch berechtigt, dass sie so traurig, leer und wütend zurückgelassen wird. Und vor allem ist es realer, dass sie trotzdem versteht, und auch verzeiht. Dass sie sich nicht der Verzweiflung hingibt, sondern weitermacht, den Anweisungen und Wünschen der geliebten Person folgend, und dabei auch so etwas wie Glück findet, ohne jedoch zu vergessen.
Vor allem "Habe ein neues Leben begonnen. Eines, das ich für uns beide leben werde. So lange, bis wir uns wiedersehen." ist einfach nur stark. Ich habe diesmal wirklich beim Lesen geweint, und nicht nur beim ersten Mal lesen. Es ist ein Versprechen, auf Zeit, aber sowohl eines, das von viel Stärke spricht, als auch der Akzeptanz der eigenen Gefühle, und dass man nicht immer zwingend stark sein muss. Dass der Abschiedsbrief sogar ein Lächeln hervorrufen kann, dass er glücklich macht, und der Antwortbrief - das ist so wunderschön. Shit, ich heul' schon wieder... Moment.

Der Brief ist wirklich schön. Ohne Vorwürfe und "die Welt ist so scheiße, mein Fingernagel ist abgebrochen". Einfach ein Plädoyer dafür, das eigene Leben so zu führen, wie man selbst es für richtig hält, und solange man will.
Die Zeilen darüber, die zweite Hälfte der Seele gefunden zu haben, und deshalb nie allein sein zu können - das ist wirklich unglaublich schön.
Übertroffen wird es nur von dem "bis bald" am Ende.

Wirklich eine wunderbare Story, und ich muss sagen, dass sich dein Stil mehr und mehr entwickelt. Ich kenne ja nun ein paar deiner älteren Sachen, aber ich schätze, mit dem Schreiben ist's wie mit dem Wein - je älter, desto voller im Geschmack. Hab' ich mir sagen lassen. ^.~

Damit das hier nicht endgültig zur tiefenpsychologischen Nabelschau verkommt, hier gleich noch die Gratulation auf zukünftige Kommentare und *hugs* an den Ghostwriter, bei ihm kann ich mir ja sicher sein, dass er's nicht falsch auffasst. XD

ACHTUNG
*knuffelz* Hisietari
Von: abgemeldet
2007-06-02T09:16:06+00:00 02.06.2007 11:16
Kia ora!

Okay, jetzt zur Abwechslung mal ein richtiger Kommentar von mir. ^.~ Neulich beim Zuschicken ist mir zwar schon sehr viel eingefallen, aber ich finde, es sollte doch besser hier unter den Kommentaren stehen.

Erstmal - WOW. Diese Geschichte steckt so voller Details, dass ich wirklich das Gefühl hatte, mit diesen wenigen Sätzen komplett in eine bzw. zwei Personen abzutauchen, in ihre ganz eigenen Welten.
Da ist erstmal der Einstieg, der Satz "Good bye." Ich kenne das Gefühl. Zwar verwende ich es auch ab und an, aber eher, weil ich so angesprochen werde und reflexartig erwidere. Aber ich mag es nicht, ein "see ya", "mata" oder eben "bis dann" ist viel schöner. Good Bye sagt für mich nicht nur, dass man sich nicht mehr wiedersieht, es ist auch, als würde man es gar nicht mehr wollen. Das ist doch sehr traurig.
In meiner Sprachschule war "sayonnara" früher Gang und Gäbe. Das hat mir fast schon wehgetan, aber sie meinten wohl, wir Schüler sollten nicht verwirrt werden. Gut zu wissen, dass sich noch jemand darüber Gedanken macht.

Es stimmt, mit manchen Menschen kann man einfach über Dinge reden, die man sich sonst selbst nicht einmal eingestehen würde. Zumindest hatte ich das Gefühl, als ich weitergelesen habe. Diese Offenheit kommt schon fast greifbar rüber. Und auch die Reaktion fand ich toll, dieses einfache Verstehen, ohne Nachhaken, dumme Diskussion oder Witze. Das ist Einfühlungsvermögen und echtes Verständnis, einfach nur Offenheit.

Richtig flau im Magen wurde mir allerdings gleich im nächsten Absatz, die Trennung und das Zurücksehen. Oh Gott, das kenne ich zu gut... dieses Gefühl, dass es eigentlich eine ganz triviale Situation ist, sich man sich aber vielleicht nie mehr wiedersieht. Das ist... das ist einfach nur unerträglich.

Dieser winzige Unterschied in der Wortwahl, das plötzliche "Good Bye", eigentlich sagt es schon alles, und doch hofft man, dass es nicht so sein muss. Du hast recht, viele hätten nicht darauf geachtet. Manche tun es zum Glück noch.
Die Angst vor dem Nichtverstehen durch eben einen solchen Menschen ist vermutlich noch größer als die vor allgemeinem Unverständnis. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, ich glaube, das geht jedem so. Gerade eine besonders geliebte Person zu enttäuschen... aber wenn diese Person wirklich so besonders lieben kann, dann muss sie es einfach verstehen und akzeptieren, als unsere Entscheidung, auch wenn sie selbst vielleicht unglücklich und verärgert ist. Das verlangt eine Menge Selbstbeherrschung. Viele haben sie nicht. Vielen geht ihr eigenes Glück vor. Aber nicht jeder kann den ultimativen Weg gehen, viele weichen von ihm ab oder finden etwas ganz anderes, das für sie ganz allein das Beste ist. Manchmal müssen wir so etwas akzeptieren. Das hast du wirklich toll beschrieben.

Es ist erschreckend, traurig und schön zugleich, wie du die Sterbeszene beschreibst. Wir hatten ja bereits das Thema, in besonders glücklichen Momenten augenblicklich wieder das Unglück zu spüren. Hier ist es umgekehrt, und für mich ist das sehr tröstend. Es ist hoffnungsvoll, auch wenn es vielleicht zu einer solchen Szene eigentlich nicht passen sollte. Natürlich ist es verständlich, dass die, die uns lieben, um uns trauen und erstmal entsetzt sind über das, was sie sehen müssen. Aber dass die Hauptfigur deshalb ihren Entschluss nicht bereuen muss, sondern wirklich in Frieden geht, ist sehr schön. Ja, geliebt zu werden, bedeutet auch Verantwortung. Wir müssen unser persönliches Glück mit dieser Verantwortung in Einklang bringen, abwägen, was schwerer wiegt. Manchmal bedeutet eigene Erfüllung, dass wir die, die wir lieben, verletzen. Wir müssen selbst entscheiden, inwiefern wir das können und dürfen. Deine Hauptfigur hat hier einen sehr mutigen Schritt unternommen, aber dazu mehr nach Kapitel zwei.

ACHTUNG
*knuffelz* Hisietari
Von: abgemeldet
2007-06-01T22:11:54+00:00 02.06.2007 00:11
D; das hast du so toll geschrieben ahh *_*
<-- hat ein tränchen verloren O; XD
aber die ist ja auch traurig etwas o:
oki lg <3


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