Zum Inhalt der Seite



Wir müssen reden – Über das Problem von zu vielen Frauen bei Wettbewerben Convention, Cosplay, Cosplay Wettbewerbe, Cosplayer, DCM, Moderation, Serious Business, Vom Herzen

Autor:  Raider

Wir müssen reden – Über das Problem von zu vielen Frauen bei Wettbewerben

Kennt ihr das?

Man möchte über ein Thema schon seit Jahren was schreiben, dann kommen Cons, Cosplays, Contests dazwischen und irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt da.

Zu den anderen Cs gesellt sich dann noch Covid und das Thema rückt in die hinterste Hirnrinde, da man gerade mal nicht damit konfrontiert wird-

Und dann ist er plötzlich wieder da, dieser Wutball an Genervtheit über Aussagen die ich seit ungelogen 15 Jahren höre, und die ich nicht mehr hören kann und möchte.

Darum: Wir müssen reden liebe Szene.

Und in diesem Fall mal ganz speziell an alle ModeratorInnen von Cosplay Wettbewerben.

 

Ich schwöre und wette bei allen zerbrochenen Nähnadeln und allen Brandblasen meiner gesamten Cosplayzeit, diese Sätze hat jeder schon mal gehört der etwas länger dabei ist und Wettbewerbe gesehen hat:

„Männer, traut euch mitzumachen! Wir brauchen mehr Männer!“

Natürlich meistens abgelassen bei der Siegerehrung.

Und jetzt mal Butter bei die Fisch: Was. Soll. Das.

 

Ich lasse meine persönliche Situation jetzt einmal kurz außen vor, denn hier möchte ich mich erstmal damit beschäftigen, warum dieses Thema anscheinend seit 15 Jahren ein Dauerbrenner auf ModeratorInnen Zungen zu sein scheint.

Vorab: Es zeugt nicht gerade vom guten Stil, die Leistung von den gerade Gewonnenen dadurch zu schmälern, mit der Erwähnung dass ihnen in diesem Moment gerade das fehlt, was wohl eigentlich gesehen werden wollte – ein Penis.

Das es -ganz nebenbei bemerkt- hochproblematisch ist, auch Cis Männer nur auf ihren Penis bzw. Biologie zu reduzieren, sollte in dieser Zeit eigentlich mittlerweile klar sein.

 

Nun gehen wir aber dahin, wo ich eigentlich hin wollte: Warum leisten sich ModeratorInnen immer wieder diesen unnötigen Patzer und was könnte dahinter stecken?

Gehen wir ein wenig zurück in die Wettbewerbsgeschichte- kaum einer wird sich daran erinnern, dass es tatsächlich mal eine Männerdivision des bekanntesten deutschen Wettbewerbs, der Deutschen Cosplay Meisterschaft, gab. Ursprünglich aus dem frommen Wunsch heraus geboren, dass sich mehr (cis)Männer dazu animiert fühlen, sich auch an Cosplay und Wettbewerben zu versuchen. Dass dann der größte Betrugsfalls der DCM mit einem gekauften-als-selbstgemachtes-ausgegebene Kostüm dann bei den Männern war, ist eine recht ironische Randanekdote.

Nachdem die Männerdivision mangels Teilnehmern abgeschafft wurde, ging es zu der quasi üblichen deutschen TeilnehmerInnen Ratio zurück. Ich hab keine genauen Zahlen, aber ich denke wir können von einem sehr überwiegenden weiblich (gelesenen) TeilnehmerInnen Feld und von um einiges weniger -bis nicht vorhandenen- (in diesem Fall cis) männlichen Teilnehmern ausgehen.

Man könnte einige Gründe suchen und finden, warum das so ist. Das Grundhobby im Cosplay ist oft das Nähen und klischeehafter Weise haben weiblich gelesene Personen den schnelleren Zugang zu diesem Handwerk, da Oma, Mama, Tante (wer auch immer) schon mal eine Nähmaschine besitzt. Dafür sieht man das cis männliche Personen oft im „crafting“ Bereich des Hobbys angesiedelt sind oder das sie eben dort starten: basteln, werkeln…stereotyp männlich konnotiert.

Beides sind absolut legitime Wege um in dieses Hobby -und die damit verbundenen Wettbewerbe- einzusteigen. Natürlich kommt man allerdings mit Kleber und Schweißen irgendwann an die Grenzen der Bekleidungsmöglichkeiten und zumindest da haben Nähfähige schnell einen Vorteil bezüglich der Kostümauswahl.

Aber das erklärt ja erstmal nicht das hohe Ungleichgewicht bei der reinen Teilnahme. Denn theoretisch könnten ja auch cis Männer sich trotzdem anmelden und mitmachen.

Nun kommt der große Gag: Das haben sie ganz früher auch gemacht. Es kristallisierte sich allerdings immer weiter heraus, dass weiblich gelesene Personen öfter die Preise gewannen.

Das gilt jetzt natürlich nicht für jeden cis Mann da draußen -klar- aber ich denke, dass war etwas, was vielen männlichen Egos nicht schmeckte. Unsere Gesellschaft ist durchzogen von alltäglichem Sexismus und die Cosplay Szene bildet da keine Ausnahme. Gegen „eine Frau“ zu verlieren trifft viele immer noch auf eine andere Art und Weise und somit wurden es insgesamt immer weniger. Denn ja, mit weniger cis Männern auf Wettbewerbsbühnen fehlt ein wenig die „Vorbild“ Funktion zum nachziehen und nachmachen, aber das Phänomen was daraus entstanden ist – der fast jedem Wettbewerb anhängige Eier-Call- ist einfach nur fehlgeleitet.

Denn betrachtet man mal die gemeinen Wettbewerbe: Viele cis Männer wurden (und werden) da auf den Hosenboden der Tatsachen gesetzt, dass ihr sozialer Vorteil durch angeborene Biologie und Gesellschaftsbild in dem Sinne nichts bringt, da die Konkurrenz schlichtweg besser ist. Da dann vermeintlichen Erfolg („Wenn ihr nur mitmacht, dann-“) mit nutzlosen Aufrufen zu sugerrieren lenkt genau in die falsche Richtung.

Und wer jetzt sagt „Aber Max, man will doch nur animieren! Weil warum machen denn so wenige mit?“, dem entgegne ich: Dann sollte man dieses Pferd auch genau dort aufsatteln.

Es ist ein immenser Unterschied nach dem warum zu fragen – warum macht ihr nicht mit (Auch wenn für diese Frage, die Siegerehrung auf der Cosplaybühne der denkbar ungünstigste Ort ist, da dort offensichtlich niemand eine fundierte Antwort entgegen grölen kann.) – und der stetigen Wiederholung das etwas fehlt.

Denn obwohl es keinen Grund geben sollte (ich gehe darauf gleich ein), scheint es ja für potentielle zukünftige cis-männnliche Teilnehmer irgendeinen Grund zu geben sich gegen eine Teilnahme zu entscheiden. Die Botschaft, dass man ja bei einem Wettbewerb den „Besten“ finden möchte (das Grundprinzip aller Wettbewerbe), dies aber schlicht unmöglich zu sein scheint, denn es „fehlt“ ja etwas. cis-männliche Cosplayer.

Und klar, was das „Beste“ ist, ist von Wettbewerb zu Wettbewerb unterschiedlich, durch Punktegewichtungen, Anforderungen und auch Jurys – aber ich denke es ist klar was ich meine.

Im Sport unterscheidet man oft aufgrund körperlicher Voraussetzungen in den zu erreichbaren Zielen, Zeiten, Leistungen. Dieser Faktor fällt beim Cosplay komplett weg, da alles, was mit Cosplay zu tun hat in die Richtung des Handwerks geht. Nähen, Basteln, Elektronik, auch Perücken schneiden und stylen, Make-Up sind alles Fähigkeiten aus verschiedenen Handwerksdisziplinen. Und richtig, DAS ist geschlechterübergreifend erlernbar. Unabhängig welche Genitalien in der Buchse sitzen.

Und ja, selbst bei Auftritten kann man nicht von einem körperlichen Vorteil oder Nachteil ausgehen – auch da kann alles was man braucht antrainiert, gelernt und ausgeführt werden. Akrobatik ist kein rein „männlicher“ Sport, bei weitem nicht.

Das cis Männer aufgrund der reinen Tatsache, dass sie mit einem Penis geboren worden sind, in unserer Gesellschaft bevorteilt werden, ist eine Wirklichkeit, die man nicht bestreiten kann. Dass weiblich gelesene Personen in der deutschen Cosplayszene aufgrund ihres Könnens mehr Aufmerksamkeit erhalten haben als cis Männer ist ebenfalls richtig. Aber so oft schwingt beim Cosplay der Vergleich mit – egal ob mit der Vorlage oder untereinander – und leider mussten weiblich gelesene Personen gerade bei ‚Crossplaying‘ immer noch einen drauf setzen im Vergleich zu einem cis männlichen Cosplayer. Nur durch das männlich gelesene bekamen diese Cosplayer den Vorteil „wow, ein ECHTER Mann“, was für mich immer noch einer der verwirrendsten Dinge der Cosplayszene ist, die ich mitbekommen habe.

Woher das kommt ist reine psychologisierende Spekulation – von Unsicherheit der eigenen Sexualität, Prägung auf cis Männer-Bewunderung, Misogynie, höherer sozialer Konkurrenzkampf unter der eigenen Geschlechtergruppe- und darum will ich mich damit nun echt nicht aufhalten.

Womit ich mich allerdings aufhalten will, ist dieses:

Liebe ModeratorInnen sämtlicher Cosplaywettbewerbe und Bühnenprogramme,

bitte, lernt endlich, dass es kein „Problem“ ist, dass wir viele weiblich gelesene Personen in unserer Szene haben. Die Teilnahme eines cis Mannes steigert nicht die Qualität des Wettbewerbs und macht ihn dadurch auch nicht vielfältiger, toller oder sonst irgendwas. Das Einzige was passiert, wenn ein cis Mann teilnimmt, ist, dass ein weiterer Penis im Backstagebereich ist. Und wenn es blöd läuft, ist es einer mit zu dicken Eiern.

Cosplay ist ein Hobby, wo das Geschlecht egal ist. Die Fähigkeiten des Teilnehmers sind nur basierend auf ihrer/seiner Erfahrung und Lernbereitschaft. (Außer ich sollte mich irren und Penis-träger können mit eben diesen ein fertiges Kostüm zaubern.)

Es gibt daher keinen Grund, die „armen, schüchternen Männer“ immer und immer und immer wieder dazu zu animieren mitzumachen. Wer mitmachen will, macht mit. Diese Besessenheit auf cis Männer, endlich „echte“ Männer siegen sehen zu wollen, zeugt leider von einem unheimlich sexistischen Bild, dass man ja nur wer ist, wenn noch cis Männer präsent sind und das regeln.

Vielleicht ist es euch nicht bewusst und ihr meint es gut, aber gute Absichten sind leider -und jetzt wird es hart- die kleine Schwester von Scheiße. Leider müsst ihr euch mal an die eigene Hose packen und fragen, warum ihr es sagt.

Denn was bei so einem (unterbewussten) Bild passieren kann, habe ich auch schon am eigenen Leib erlebt. (jap, jetzt wird es doch kurz persönlich)

Bei einer Siegerehrung wo ich mit anderen weiblich gelesenen Personen als Sieger stand, kamen die üblichen Sprüche. „Wir brauchen mehr Männer! Eier wir brauchen Eier!“ Neben dem üblichen Zähneknirschen des Sexismus hatte das Ganze noch das eklige Geschmäckle, das 1. Durchaus cis männliche Teilnehmer da waren (nur nicht gewonnen haben) und 2. Ich da frisch als trans* geoutet war und damit offiziell auch als männlich galt, eben nur nicht die gemeinten Eier sondern „nur“ Eierstöcke aufweisen konnte.

Also gleich zweifach nicht gut: der cis männliche Teilnehmer der da war, war einfach nicht gut genug, man möchte doch gerne GUTE cis männliche Cosplayer, womit man angeben kann, und Männlichkeit einer trans* Person absprechen? Uuuuuff. Sehr ungeschickt. Und das beinhaltet jetzt noch nicht mal die Problematik des gedanklichen Ausschlusses von nicht-binären Personen – die einen eigenen Blog verdienen würde.

Bitte haltet euch auch zurück bei Beschreibungen wie „endlich ein Mann“- Es ist nicht gerade witzig, wenn man eine Transition (ge)macht (hat) und damals zwar als „weiblich“ angetreten ist – aber nun ist es eben anders und sollte nicht als indirektes Zwangsouting funktionieren. Bei trans* Männern passiert dieses krasse hervorheben nämlich nicht – nicht das ich das haben wollen würde, bei allen Göttern da oben, nein, bah, pfui – aber überlegt mal, warum da die Betonung ganz automatisch ausbleibt…

Moderation passiert teilweise in Sekunden, ja, das weiß ich selbst, aber es enttäuscht mich immer wieder, was in diesen wichtigen Sekunden dann rausrutscht bei ModeratorInnen (weiblich gelesen, cis weiblich und cis männlich gleichermaßen). Vielleicht ist es unfair, aber meiner Meinung nach kann man sein unterbewusstes Bild zu gewissen Dingen gerade in diesen spontanen Dingen schlecht verstecken und die Rückschlüsse die ich immer wieder ziehen muss sind ernüchternd oder machen mich zornig.

Bitte, bitte, bitte streicht diese Appelle aus eurer Moderation, allen voran bei Siegerehrungen. Aber auch sonst. Keiner will es hören. Die Message an weiblich gelesene Personen: Ihr seid nicht genug. Egal wie viel ihr lernt, Arbeit hineinsteckt und erfolgreich seid. Es fehlt einfach das gewisse Extra. Und das ist ein Penis. Mit echten Eiern. Weil wenn doch nur ein genauso guter cis Mann dabei wäre- dann hättet ihr keine Chance und das männlich dominierte Gleichgewicht der sonstigen Welt wäre ENDLICH wieder hergestellt und damit alles gut.

Und bei allem guten Willen, Absichten und Kladeratdatsch – ich kann mir nicht vorstellen, dass dann ein cis männlicher Teilnehmer sich gut dabei fühlt, als „bei dir haben all unsere Apelle gefruchtet“-Quote dazustehen. Wer möchte schon die Extrawurst sein, nur weil man eine Extrawurst hat?

TeilnehmerInnen sind TeilnehmerInnen. Und es geht nur um ihre Leistung auf der gegebenen Bühne und nicht um das, was in der Hose ist.

In Hoffnung auf Reflektion, Einsicht und Besserung

 Euer

Max Improving

 

 

Avatar
Datum: 14.06.2021 15:31
Vielleicht liegt es daran dass ich nicht sooo in der Szene bin und selber an keinen Wettbewerben teilnehme, aber icj verstehe nicht ganz weshalb vor gefühlt jeden "Mann" oder "männlich" "cis" gepackt werden muss?

Hat das auch was mit Geschichte zutun? Gabs da bestimmte Beispiele? Es klingt ein wenig so as würde man sich ausschließlich auf Frauen und "Cis-Männer" beziehen und das irritiert mich gerade sehr?

Also meine Frage:

Gabs in den 15 Jahren Erfahrung denn ein einschmeidendes Ereigbnis bezüglich dem Ganzen?
Avatar
Datum: 14.06.2021 15:36
Shugar:
> Vielleicht liegt es daran dass ich nicht sooo in der Szene bin und selber an keinen Wettbewerben teilnehme, aber icj verstehe nicht ganz weshalb vor gefühlt jeden "Mann" oder "männlich" "cis" gepackt werden muss?
>
> Hat das auch was mit Geschichte zutun? Gabs da bestimmte Beispiele? Es klingt ein wenig so as würde man sich ausschließlich auf Frauen und "Cis-Männer" beziehen und das irritiert mich gerade sehr?
>
> Also meine Frage:
>
> Gabs in den 15 Jahren Erfahrung denn ein einschmeidendes Ereigbnis bezüglich dem Ganzen?

Generell sollte jedes Geschlecht 2021 doch gleichwert sein, genau wie jede Sexualität.
Verstehe dich gut, dass so eine dämliche Bemerkung verletzt, kränkt und provoziert.
Wenn man geehrt wird, dann ja wohl nicht "weil man Frau" ist und man wird mit so einen Satz drauf hingewiesen.

Aber die häufige Verwendung von "Cis Männer" klingt nun einmal naja auch fragwürdig (auf mich), so ganz ohne Zusammenhang, warum ausgerechnet "cis" sooft erwähnt wird.
Die Verwendung klingt doch ein wenig ... herablasend.

Werden Transgender denn auch nicht "als Mann" deklariert von Moderatoren? Deshalb die Frage vorhin. Es klingt als gab es da wirklich sexistische Erlebnisse neben diesen Satz bei der Preisverleihung?
Datum: 14.06.2021 18:16
Shugar:

> icj verstehe nicht ganz weshalb vor gefühlt jeden "Mann" oder "männlich" "cis" gepackt werden muss?

> Gabs in den 15 Jahren Erfahrung denn ein einschmeidendes Ereigbnis bezüglich dem Ganzen?

> Aber die häufige Verwendung von "Cis Männer" klingt nun einmal naja auch fragwürdig (auf mich), so ganz ohne Zusammenhang, warum ausgerechnet "cis" sooft erwähnt wird.
> Die Verwendung klingt doch ein wenig ... herablasend.
>
> Werden Transgender denn auch nicht "als Mann" deklariert von Moderatoren? Deshalb die Frage vorhin. Es klingt als gab es da wirklich sexistische Erlebnisse neben diesen Satz bei der Preisverleihung?

Steht doch alles im Text?

"Bei einer Siegerehrung wo ich mit anderen weiblich gelesenen Personen als Sieger stand, kamen die üblichen Sprüche. „Wir brauchen mehr Männer! Eier wir brauchen Eier!“"
"Ich da frisch als trans* geoutet war und damit offiziell auch als männlich galt, eben nur nicht die gemeinten Eier sondern „nur“ Eierstöcke aufweisen konnte."


Es wird ausdrücklich nach "Eiern" verlangt (die idR ohne OP nur bei cis Männern vorhanden sind) und offensichtlich werden die trans Männer nicht mitgezählt.
Abgesehen davon, dass man auch nicht sagen kann, wie viele nicht-geoutete trans Männer beim Wettbewerb dabei waren, weshalb im Text ja auch immer "weiblich gelesen" stand.

Ich weiß nicht, warum es für dich herablassend klingt, cis ist keine Beleidigung, es ist nur eine Beschreibung für einen Umstand, und da die Jury hier offensichtlich die trans Männer ignoriert, ist für mich ziemlich klar, dass sie nach cis Männern fragen.
Avatar
Datum: 14.06.2021 21:06
Ich finde deinen Post einen wichtigen Beitrag zur eine Debatte, die in meinen Augen in der Szene fast nicht geführt wird, weil viele Leute der Meinung sind, ernste Themen hätten in ihrem Spaß nichts verloren.
 
Finde es lustig, dass hier dann "anekdotische Evidenz" bemäkelt wird - Leute, es gibt keinerlei vernünftige quantifizierung von irgendwas in unserer Szene. Es gibt ein paar aufmerksam, langjährige Beobachter, die die Teilnehmerfelder tlw. auch DEUTLICH direkter kannten, weil - Überraschung - selber mal in Moderatorposition eines bedeutenden deutschen Wettbewerbs gewesen. Da müsste man ziemlich komplex forschen, um noch tatsächlich an irgendwelche Zahlen zu kommen, daher ist die Erinnerung der Leute, die direkt und langjährig dabei waren das beste, was wir nun mal haben.
 
Ich persönlich habe mit der Moderation, die Auslöser für diesen Beitrag gewesen sein dürfte, mein eigenes Hühnchen zu rupfen, das ich beim offensiven Sexismus bestimmter Personen hinter den Kulissen verorte. Da sind dann doch ein paar Dinge auffällig. Aber das ist ein anderes Thema, das ich hier gerade nicht tiefer ausbreiten will.
 
Was generell den Trend angeht: ich habe das Gefühl, dass bei Cosplay-Wettbewerben an sich(!) der cis Männeranteil rapide wächst. ABER - nicht in der Anime/Manga-Cosplay-Szene. Die funktional relativ davon entkoppelte Szene zu Videospiel-Cosplay, die auch auf anderen Events und unter vollständig anderen Regelwerken und Prämissen stattfindet, hat nach meiner Beobachtung mehr von den cis Jungs. Denn da sind die Jungs aus der Werkstatt mit Erfolgschancen gesegnet - und sie sind generell in dieser Szene viel mehr zu Hause, als in der sehr cis-weiblich dominierten Anime-Cosplay-Szene. Denn Games, das ist ja was für ECHTE KERLE (tm), daran lässt ja das Marketing auch keinen Zweifel.
 
Die in der Anime/Manga-Szene entwickelten Wettbewerbs-Bewertungskonzepte belohnen Näharbeit und Showappeal des Skits stärker. Die stärker auf Catwalks und "whao, es blinkt und bewegt sich"-reagierenden Bewertungskonzepte vieler Games- und Comic-Con-Cosplaywettbewerbe lassen den Bastler mit dem blinkenden LED-Schwert und den ausfahrbaren Flügeln eher gewinnen, auch wenn drunter der Stoff nur zusammengetackert ist und es keinerlei Skit, geschweige denn schauspielerisches Talent gibt.
 
Ich bin der Meinung, dass die Wettbewerbe anfangen sollten, ehrlicher zu sich selbst zu sein - es wird auf so vielen Ebenen so getan, als ob eine erfolgreiche Teilnahme mit ein bisschen Hingabe möglich wäre. Das ist faktisch aber halt Unsinn. Es geht los mit Geld, wer besseres Material, besseres Werkzeug und mehr Freizeit hat, weil es am Geld nicht mangelt, wird sehr viel einfacher ein hochwertiges und damit überzeugendes Kostüm produzieren können. Dann kommen auch die größeren Zeit/Geld/Aufwand-Kategorien hinzu: Klar hat ein*e Cosplayer*in nach 15 Jahren ne andere Erfahrung als die Person, die das erste Mal ein Kostüm gemacht hat. Und wenn dann Leute eine professionelle Ausbildung in Kostümschneiderei o.ä. haben, ist das Level der Fähigkeiten natürlich anders, als bei jemandem, der da seit 3 Jahren etwas Hobby betreibt, neben ner 40h-Arbeitswoche.
 
Fakt ist: es hat eben nicht jeder gleiche Chancen, diese Wettbewerbe zu gewinnen. Es kommt dann auch noch dazu, dass eben NICHT nur das Kostüm alleine entscheidet, sondern eben auch das Aussehen der Person, die es trägt, das Charisma der Person, die es trägt, und die unbewussten biases der Leute, die bewerten. Das ist alles nicht bösartig und gemein, sondern Realität. Aber jemand, der einem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird in einem guten Kostüm schnell eine bessere Bewertung des "Gesamteinsdrucks" erhalten, im Vergleich mit einer Person, die weniger gut aussieht, aber ein gleich gut angefertigtes Kostüm hat. Von den oftmals unguten Tendenzen, die von der "Vorlagentreue" ausgehen, ganz zu schweigen - denn natürlich sieht eine schlanke Frau dem zierlichen Anime-Mädchen "ähnlicher" als eine dicke Frau. Egal wie viel Mühe sich dei Jury gibt, jedes Jurymitglied ist in unserer Gesellschaft sozialisiert und kann diesen bias nicht komplett ausschalten.
 
Insgesamt: Ich fände es ehrlicher, wenn man bei den Wettbewerben ggf einfach offensiv sagen würde: "Wir sind der Wettbewerb mit Schwerpuntk auf xyz! Wenn das dein Gebiet ist, mach mit!" Der große Inklusions-Anspruch "viele" Teilnehmer zu haben, ist ggf auch einfach ein Holzweg. Ja, für eine deutschlandweite Meisterschaft gibt es einen Anspruch, auch wirklich ein großes Teilnehmerfeld zu haben. Aber manchmal muss man sich das auch mal mit einem an die heutigen Gegebenheiten angepassten Konzept wieder neu erarbeiten - es gibt mehr Wettbewerbe denn je, und natürlich wählen die WENIGEN Leute, die sich in diesem Hobby tatsächlich kompetitiv messen wollen, dann aus, in welchen Wettbewerb sie gehen wollen.
 
Ich stimme dir absolut darin zu, dass es alberne Apelle a la "cis Männer, nehmt doch mal teil!!!!" nicht braucht. Einige Wettbewerbe haben aus... vergangenen Einzelfällen heraus absurde Zugangshürden aufgebaut. wenn man wirklich mehr Teilnehmer will, muss man in meinen Augen weit über alberne Moderationsansprahcen hinausgehen. Ich würde es prinzipiell begrüßen, wenn sich paritätische Zustände einstellen würden, aber wie du richtig sagst: Durch alberne Moderationsansprachen kommen die nicht zustande. Und ob ein Cosplay-Wettbewerb wirklich der Ort ist, der toxische Männlichkeitsvorstellungen von Arbeiten mit Textilien aufarbeiten MUSS, würde ich auch anzweifeln. Und ja, so schlecht finde ich es ehrlich gesagt auch nicht, einen Bereich zu haben, der afab Personen ein hohes Maß an Anerkennung so ermöglicht, wie es Cosplay-Wettbewerbe (ind der A/M-Szene) tun. Es gibt eben genug Orte auf der Welt, an denen sich Männer ihre Bestätigung holen können, auch in der Szene (ich schaue auf jeden Gaming-Contest ever). ich befürchte, es vermissen auch längst nicht genug von ihnen die Cosplay-Bühne, denn sonst sähe das teilnehmerfeld wohl auch anders aus.
 
Aza^^
Vorsicht, dieser Diskussionspartner könnte für Kinder ohne Ahnung nicht geeignet sein, da er pedantisch und mit linguistischer Feinheit Argumente zerfleddern kann.
("A man shouldn't die with no understanding of why he's been murdered" - Matthew Stover)
Avatar
Datum: 14.06.2021 21:36
@Azamir:

Vielen vielen Dank für deinen außführlichen und zu 100% unterstreichbaren, ergänzenden Kommentar!

Vieles auf was du eingehst (allen voran was wo gewinnt) hast du einfach perfekt auf den Punkt gebracht.

Auch die ganzen unterbewussten Faktoren, wie du schon alles richtig aufgezählt hast, nicht böse gemeint sind aber dennoch einfließen.

Ich bin halt der Meinung, dass bei allen Spaß den man zusammen hat in dieser wunderbaren, verrückten, bunten Szene man so gut wie möglich gegen unterbewusste Prägungen ankämpfen sollte.
Witze die verletzen gehören nicht auf die Bühne, denn ich entscheide mich, den billigen, verletzenden Lacher abzugreifen.
Keiner kann sich gegen Sozialisierung freisprechen, aber wir können alle versuchen, so gut wie möglich sie Beiseite zu schieben, Schritte zurück zu gehen und bewusst fairer zu werden.

Und das...klappt nicht so gut mit diesen tief verwurzelten Grundideen und ja, der teilweise überraschend krasse Sexismus den ich auch in Teams (gerade im Umgang untereinander) erlebt habe...
...war nicht lustig.

Langes blah, kurzer Sinn:
Danke!!
**Ein Regenbogen...ist nicht nur schwarz und weiß**

Max Improving's Shop
Datum: 17.06.2021 16:38
Ich verstehe was du meinst, aber vor 15 Jahren war fie Gesellschaft eben noch nicht so weit.

Ich bin auch nicht cis.
Ich bin Genderfluid.


Zum Weblog