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 Auch das noch! Ein wildes Aeryo. Nicht schon wieder...

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Digitale Demenz - Teil 6

Autor:  aeryo

Ich bin rückfällig. Zusammen mit einem Videospiel kehrte meine mediale Verwirrung zurück. Im Hintergrund lief ständig Youtube auf dem Fernseher, auf der Switch das Spiel. Darum geht es in diesem Artikel um den ersten Schritt, wie man das eigene Gehirn zurückerobert. Denn unser Bewusstsein gehört uns nicht mehr, wenn wir es von außen beeinflussen lassen. In diesem Fall das Medium. Weiter behandle ich die Erfahrungen, die man macht, wenn man sich das erste Mal bewusst beim Medienkonsum wahrnimmt.

Es kann passieren, dass uns auffällt, dass mit unserem Medienkonsum etwas nicht stimmt. Beispielsweise durch einen Schaden an uns, unseren Fähigkeiten, unserem Umfeld und unserem Alltag. Dann gilt vor allem eins: Wir müssen uns klar machen, dass wir ein Problem haben und es nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wissen und Verständnis sind zwei unterschiedliche Dinge. Nur weil wir wissen, dass wir zu häufig auf Youtube, Netflix und Pornhub sind, heißt das nicht, dass wir verstehen, dass wir uns selbst schaden. Die Beobachtung unseres Konsumverhaltens, ist in der heutigen Zeit schwer. Genau die Medien nehmen uns die Beobachtung ab, deren Konsum wir eigentlich beobachten wollen.

Es ist jedoch wichtig, Medien nicht zu verteufeln. Man kann sie auch nutzen. Das ist der Unterschied zwischen Konsument und Produzent. Auch ein Produzent konsumiert, lässt aber daraus Neues entstehen. Und sei es nur ein persönlicher Mehrwert, der das Leben aufwertet. So wie diesen Blog. #Eigenlobstinktistaberlecker

Für allen möglichen Scheiß fragen wir Google oder Youtube. Für die ständige Zerstreuung schalten wir den Fernseher, Musik oder die nächste Folge unserer Lieblingsserie ein. Da(!) gilt es zunächst hinzuschauen. Nur beobachten, was wir in diesem Moment tun. In welchem Modus wir uns dabei befinden. Psychologische Grundsuche kann man später machen. Erst auf dem bewussten Erleben lässt sich ein Training zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten aufbauen.

Was erkenne ich, wenn ich mich selbst beim Konsum beobachte?

Die folgenden Punkte sind Auffälligkeiten, die ich an mir selbst bemerkt habe, sobald ich begann, mich beim Spielen oder Schauen von Videos bewusst wahrzunehmen.

Zeit:                                                                           

Das dürfte jedem bekannt sein: Man sitzt für ein paar Minuten am Videospiel und plötzlich ist es draußen dunkel. Die Zeit verging so schnell. Denn unser Gehirn arbeitet beschleunigt, wenn es ständig Adrenalin und Dopamin ausgesetzt wird. (Vorsicht: Nicht durch Zufriedenheit bedingtes Serotonin ist der Auslöser für beschleunigtes Zeiterleben, sondern das daraus folgende Dopamin!) An mir fiel mir auf, dass ganze Tage ins Land strichen. Das, was ich mir fest vorgenommen habe, schob ich hinaus. Und weil am Abend dann nur noch eine halbe Stunde bis zu meiner üblichen Bettzeit verblieb, füllte ich sie mit belanglosem Quatsch auf Youtube. Denn ich sah keinen Sinn darin, mich in der letzten halben Stunde für etwas für mich Wertvolles zu beschäftigen. Das sind übrigens erste Anzeichen für eine Sucht. Solltet ihr dieses Phänomen an euch bemerken, empfehle ich euch, mehr und bewusster auf euch zu achten. Damit ist nicht zu spaßen. Bei Bedarfsfall wendet euch bitte an eine Suchtberatungsstelle. Nicht jeder ist so ein cooler Shaolin wie ich und kann sich selbst besiegen. XD

Aufmerksamkeit:

Wie schon im ersten Teil beschrieben, war die Initialzündung für diese Reihe die schwache Konzentration als ein wesentliches Merkmal für digitale Demenz. Wenn ich mich bewusst beobachte, dann erkenne ich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Selbst in den Zustand der Beobachtung zu gelangen, gestaltet sich dann mühsam. Besonders nach längerem Konsum von ständig wechselnden Medien wie Youtube, viele Folgen einer Serie, verschiedene Songs, repetitive aber ähnliche Aufgaben in Videospielen. Je länger die Verwendung und je häufiger die wechselnden Medien auch zwischen den Geräten, desto stärker der Effekt. Selbst während des Konsums suchte ich dann ständig nach Abwechslung. Ich brach Videos und Musik mittendrin ab. Ein Spiel konnte ich nicht länger als ein paar Minuten spielen, weil meine Aufmerksamkeit schon wieder auf ein zukünftiges Ereignis in einem Medium gerichtet war. Es ist, als müsse man mehrere Pornos nebeneinander laufen lassen und selbst das wäre dann nicht genug.

Nach dem Konsum dauerte es eine gewisse Zeit, bis mein Maß an Konzentration auf ein gebräuchliches Niveau stieg. Mehrere Stunden nach einem monotonen Videospiel konnte ich keinen längeren Artikel ohne Unterbrechung schreiben. Ich musste sogar neben dem Malen Musik hören, damit meine Konzentration abnehmen konnte. Doch die Leistung blieb dabei auf der Strecke. Der Fokus auf eine Sache wurde immer wieder unterbrochen durch ein zweites, drittes und viertes Medium. (Musik, Fernsehen, Videospiel – in dieser Reihenfolge)

Gedächtnisleistung:

Vielleicht kennt ihr das. Euch fällt ein Wort nicht ein, obwohl es euch auf der Zunge liegt. Also schnell zum Smartphone gegriffen und nach Synonymen und Beschreibungen gegoogelt.

Wir lagern mit dieser Methode unsere Gedächtnisabfrage aus. (Der Hirnforscher Manfred Spitzer wurde für diese Äußerung oft kritisiert.) Die kognitive und mnemische (gedächtnisbezogene) Leistung nimmt ab, je länger und häufiger diese Abfrage auf einem Smartphone, statt in einer Fleischbirne stattfindet. Gerade mein sonst sehr starkes Kurzzeitgedächtnis, das mich bei den Mädels attraktiv machte, ließ schon vor einiger Zeit stark nach.

Und: Je mehr Informationen ich konsumierte, aber nicht produktiv umwandelte, desto mehr verlor ich die Erinnerung daran, was ich konsumiert habe. Die Informationsumwandlung in Reaktion und Handlung ermöglicht erst die Neuroplastizität.

Nennt man auch „Lernen“. Es hätte ein Buch, ein Song, ein Game oder ein Porno sein können. Ich wusste es nicht mehr. Selbst faszinierende Informationen, die meine Persönlichkeit entwickelt hätten, verloren ihre Wirkung. Irgendwann verstand ich selbst einfache Techniken nicht mehr, wie zum Beispiel wie man Penisse und Brüste malt. Die Grundlagen waren zwar vorhanden, aber ich hatte keinen Zugriff mehr darauf. Mein Gedächtnis war von zu vielen Informationen so verstopft, wie mein Darm nach Mamas Hackbraten.

Körper:

Manchmal erinnert mich mein eigener Körper daran, mich bewusst selbst wahrzunehmen. Durch eine Erektion, durch Hunger oder den einfachen Gang zur Toilette. Dann beobachtete ich mich, was ich da eigentlich tue. Und wie mein sonstiger Körper darauf reagiert. Insbesondere fällt dabei die Verspannung in meinen Muskeln auf. Die Schultern, der Hals und das Gesicht sind besonders betroffen. Bei anderen Menschen können es auch weitere Körperteile sein. Das führt so weit, dass mein Körper anscheinend psychosomatisch die Beschwerden steigert, bis ich mit meinem Verhalten aufhöre.

Es gibt tatsächlich Videospiele, bei denen ich mehr verkrampfe als bei anderen. Insbesondere solche, wo man in kurzer Folge viele Gegner mit größtmöglicher Effizienz besiegen muss. Beispiele: Diablo II, Path of Exile, Guild Wars oder diverse Online-Shooter. Bei diesen Medien verkrampft sich mein Hals so sehr, dass er richtig hart wird. Kann man auch mit den Händen fühlen. Anders als andere harte Körperteile, macht ein solcher Hals keine Freude. Besonders, wenn der Körper sich mit einer häufigen Mandelentzündung noch stärker bemerkbar macht. Die Ärzte konnten keine Bakterien, Viren oder Pilze als Ursache finden. Es steigerte sich so extrem, dass ich die Mandelentzündung alle zwei Wochen mit bis zu 41°C Fieber hatte. Trotzdem spielte ich während der Krankschreibung weiter fröhlich Guild Wars und wunderte mich, warum ich krank wurde.

Eine andere körperliche Auswirkung hat der Medienkonsum auf meine Sehschärfe. In der Regel kann ich äußerst scharf und kontrastreich sehen. Ich erkenne die Federn von Vögeln auf einem Kilometer Entfernung. Ja, das meine ich ernst. Aber nicht, wenn ich ständig Youtube oder ein Videospiel konsumiere. Warum? Die Linsen steuern nicht die Schärfe, sondern es sind die den Augapfel umgebene Muskeln, die das Auge strecken oder stauchen. Und je unbewusster und häufiger wir ein visuelles Medium konsumieren, desto mehr verkrampfen auch diese Muskeln. Vor allem, wenn wir den Blick nicht vom Bildschirm abwenden sind Kopfschmerzen und akute Sehstörungen Folgen. Damals, beim Nintendo 3DS sah ich nach dem stundenlangen Spielen sogar ständig Scanlines in meinem Sichtfeld. Sogar mein Gehirn hatte sich dieser Sicht also angepasst.

Es gibt noch weitere körperliche Symptome, die einen zu massiven Medienkonsum angezeigt haben. Da viele Menschen Psychosomatik aber noch als Fantasterei abtun, sollen meine ständigen Hautausschläge und Haarausfall nicht das Thema sein.

Was soll dieser Artikel?

Zum Glück fällt mir immer häufiger auf, was ich tue, während ich es tue. Nicht nur mein Körper als Ausstülpung meiner Psyche reagiert auf den ständigen, massiven Input. Auch mein Bewusstsein scheint sich zu trainieren, um sich immer mehr selbst wahrzunehmen. Es ist irre, zu was wir Menschen in der Lage sind. Wir können so viel machen, so viel erschaffen, aber viele zerstören sich selbst, indem sie ihr bewusstes Denken nach und nach abschalten. Heute gilt man als Exzentriker, wenn man diese dem Menschen ureigene Fähigkeit trainiert. Als Spinner oder Esoteriker wird man manchmal beschimpft, der den Boden unter den Füßen verloren hat. Aber mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen macht unflexibel. Man wird seinen Standpunkt nicht ändern, wenn man nur auf der bekannten Basis fußt. Es wird Zeit, dass der Mensch erkennt, dass sein jetziger Verbrauch nicht nur sich selbst schadet. Immer mehr Menschen erkennen ihre eigene Abhängigkeit von social media, Videospielen, Chats usw.

Digitale Medien sind nicht per se schlecht. Gut und Böse gibt es in dem Fall nicht. Es kommt immer darauf an, was man aus ihnen macht. Ob man sich nur berieseln lässt, immer mehr verschlingt und krank wird. Oder ob man, wie bei einem guten Sachbuch im Studium, den Konsum des Mediums in etwas Neues, Schönes und Großes verwandelt.