Großstadtgeflüster von lady_j ================================================================================ Kapitel 12: Der Punk in mir versteckt hinter Nadelstreifen ---------------------------------------------------------- Kurz bevor Kai am Mittwoch ins Bett gehen wollte, bekam er eine Nachricht von Ralf: „Triff mich morgen um neun im Adlon. Sag den anderen, du machst einen Dienstgang oder was auch immer. Kein Wort zu Gianni.” Normalerweise kündigte Ralf sein Kommen immer an, wenn schon nicht bei Kai selbst, so doch zumindest bei Giancarlo. Dass dieser nun gar nicht davon erfahren sollte, war kein gutes Zeichen. Bei Kai schrillten ziemlich viele Alarmglocken, aber er zwang sich, bis zum nächsten Morgen nicht darüber nachzudenken, was um Himmels Willen Ralf von ihm wollen könnte. Sonst hätte er wohl die halbe Nacht wachgelegen. Stattdessen kippte er kurzentschlossen ein zweites Glas Rotwein und schlief daraufhin wie ein Stein. Am nächsten Tag stand er pünktlich um neun vor dem Eingang des Hotel Adlon. Da die Geschäfte noch nicht geöffnet waren, waren auch noch nicht viele Touristen unterwegs. Nur ein paar kleinere Grüppchen standen großzügig verteilt auf dem Pariser Platz und fotografierten das Brandenburger Tor im Morgenlicht. Im Hotel hingegen herrschte schon reger Betrieb. Er fragte an der Rezeption nach Ralf und wurde in die Beletage geschickt, von der aus man die Lobby und die Bar überblicken konnte. Ralf saß an einem kleinen Tisch in einer Nische und wies einladend auf den zweiten Stuhl, als Kai auf ihn zukam. „Schön, dass du gekommen bist, setz dich”, sagte er, als hätte Kai tatsächlich eine Wahl gehabt. Bevor sie das Gespräch beginnen konnten, kam ein Kellner auf sie zu, also bestellte Kai zunächst einen Kaffee, bevor er sich Ralf widmete. Der wartete geduldig, bis der Kellner wieder außer Hörweite war. „Hat Giancarlo mit dir über die aktuelle Situation gesprochen?”, fragte er dann. Kai nickte; natürlich ging es darum, alles andere hätte ihn auch gewundert. „Er hat mir Anfang der Woche erzählt, dass der Investor abgesprungen ist”, sagte er, „Viel mehr aber nicht. Er schien selbst noch auf Nachricht von dir und Johnny zu warten.” „Das ist richtig.” Ralf lehnte sich zurück. In diesem Moment kam der Kellner zurück und stellte eine dünnwandige Porzellantasse auf den Tisch. Dankbar griff Kai danach. In Situationen wie dieser war es gut, etwas zum Festhalten zu haben. „Also, wie wird es jetzt weitergehen?” Es gab nur wenige Möglichkeiten, warum Ralf ihn um ein vertrauliches Gespräch gebeten hatte. Am wahrscheinlichsten war, dass er Kai einen lukrativen Job anbieten und so schnell wie möglich dort platzieren wollte; er würde also kündigen müssen, bevor Giancarlos Laden pleiteging, und wie eine Ratte das sinkende Schiff verlassen. Grundsätzlich war das nicht die schlechteste Lösung; es kam lediglich darauf an, was sein neuer Job sein würde. Ralf faltete die Hände auf dem hellblauen Platzdeckchen vor sich. „Es stimmt, unser ursprünglicher Investor ist abgesprungen”, sagte er, „Das ist erst mal nicht gut, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Johnny und ich sind nicht bereit, noch mehr Geld in die Firma zu stecken. Unter den gegebenen Umständen hätten wir vermutlich beschlossen, sie einfach eingehen zu lassen. Aber glücklicherweise gab es neue Entwicklungen. „So?” Kai führte die Tasse zum Mund. Eins musste man dem Adlon lassen, der Kaffee war gut. „Ja. Es sieht so aus, als würde ein anderer Investor kurzfristig einspringen können.” Ralf machte eine Pause. „Hiwatari Enterprises.” Beinahe hätte Kai sich verschluckt. Nur mit Mühe konnte er den Kaffee hinunterwürgen, dann stellte er vorsichtig die plötzlich sehr zerbrechlich wirkende Tasse wieder ab. „Bitte was?”, fragte er dann. „Du hast mich gehört”, sagte Ralf ungeduldig, „Dein Großvater ist bereit, die Firma zu retten. Aber es gibt ein paar Bedingungen, wie du dir sicher denken kannst.” In diesem Augenblick schossen mehrere Szenarien durch Kais Kopf: Er könnte jetzt aufstehen und einfach gehen. Er könnte sich einen Schnaps bestellen oder zwei. Er könnte so tun, als ginge ihn das alles nichts an und nur abwesend nicken, egal, was Ralf sagte. Aber etwas in ihm zwang ihn dazu, genau das Gegenteil zu tun, nämlich jetzt sehr genau zuzuhören. Er beugte sich ein Stück vor. „Sprich”, forderte er Ralf auf, und in seiner Stimme klang nichts von den Zweifeln wieder, die ihn plagten. „Soichiro ist bereit, vier Millionen zu investieren und kann sich vorstellen, in drei Jahren komplett zu kaufen, wenn die Zahlen stimmen. Da das aber niemals klappen wird, wenn Giancarlo den Laden weiter schmeißt, sollst du der neue CEO werden.” „Was?!”, entfuhr es Kai laut. „Denk nach, Kai”, sagte Ralf tadelnd, „Natürlich will Soichiro jemanden, den er kennt, auf diesem Posten. Und wenn du deinen Job gut machst, wird die Sache mit Borg vergeben und vergessen sein.” Kai seufzte und rieb sich die Stirn, seine Gedanken hatten zu rasen begonnen. „Du verstehst das nicht”, sagte er, „Wenn Soichiro dir so ein Angebot macht, dann hat er irgendwas vor. Wir reden hier von einer Datingplattform! Was bitte soll Hiwatari Enterprises damit?” Ralf verdrehte die Augen. Dann räusperte er sich, beugte sich vor und senkte die Stimme noch ein bisschen mehr. „Pass auf”, raunte er, „Johnny und ich haben in diese Firma nur investiert, weil wir irgendwann Geld mit ihr machen wollen. Uns ist verdammt nochmal egal, ob wir Staubsauger verkaufen oder Autos oder gottverdammte Dates. Solange die Leute für die Services bezahlen und etwas für uns dabei rausspringt, machen wir es. Jetzt sind wir in einer Situation, in der wir dachten, dass die Firma gar kein Geld mehr abwerfen wird. Und in diesem Moment kommt dein Großvater und löst dieses Problem. Wir wären schön blöd, wenn wir jetzt fragen würden, was seine Motivation dahinter ist. Ich glaube ja” Er ließ den Blick einmal über Kai wandern, „Dass wir diese milde Tat dir zu verdanken haben.” Kai schnaubte. „Du kennst Soichiro nicht”, sagte er, „Der macht nichts für mich. Oder sonst irgendwen. Das einzige, was ihn interessiert, ist Hiwatari Enterprises und sein eigenes Konto.” „Wie auch immer.” Ralf hob beide Hände. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Drei Jahre, dann bin ich raus. Und ganz ehrlich, Kai, wenn ich du wäre - ich würde diese Chance nutzen. Denn dann bist du ganz schnell wieder da, wo du angefangen hast. Und Berlin wird nicht mehr der Ort sein, an dem du ganz klein warst, sondern der, an dem du groß geworden bist. Nichts, wofür man sich schämen muss.” „Ich schäme mich nicht dafür, hier zu sein!”, zischte Kai, doch Ralf hob nur die Schultern. „Wenn du meinst.” Es klang nicht, als würde er ihm glauben. „Du wirst dich allerdings schnell entscheiden müssen. Wir wollen den Deal spätestens Ende Juli in der Tasche haben, damit das Geld fließt. Gianni übergibt dann im Herbst an dich, in kleinen Schritten versteht sich, damit der Cut nicht zu krass wird. Und wir brauchen ja auch noch einen neuen PM.” „Was ist mit Giancarlo?”, fragte Kai. „Den lass mal meine Sorge sein”, antwortete Ralf. „Ich habe da was für ihn in München - oder in Italien, wenn er unbedingt will. Ich wäre dir aber sehr verbunden, wenn du dich bedeckt hältst, bis ich mit ihm gesprochen habe.” Kai nickte. Was sollte er auch anderes tun? Gedankenverloren griff er erneut nach seinem Kaffee, der schon merklich kälter war als noch vor ein paar Minuten. Bevor ihn das Gefühl von Panik überkommen konnte, das er schon die ganze Zeit zu unterdrücken versuchte, stürzte er den Rest des Getränks herunter. Er musste hier weg, und zwar schnell. „Ist sonst noch etwas?”, fragte er Ralf, als er seine Tasse wieder absetzte. Beinahe war er sich selbst unheimlich, denn von seiner inneren Unruhe erreichte nichts seine Stimme. Ralf strich sich über sein Hemd, als wolle er unsichtbare Fussel entfernen. „Nein, nichts weiter”, meinte er. „Gut. Dann gehe ich jetzt zurück ins Büro. Unter diesen Umständen ist es ja durchaus angebracht, wenn die Arbeit normal weiterläuft.” Als Kai sich erhob, fühlte sich sein Körper seltsam steif an. Er hoffte, dass man ihm das nicht anmerkte. „Danke für die Informationen”, sagte er, „Und den Kaffee.” Die Wärme von Boris’ Körper strahlte auf Yuriys Rücken ab, als sein Mitbewohner sich hinter ihn stellte, um einen Blick auf seinen Laptop zu werfen. „Was wird das denn schönes?” „Ein Mixtape”, erklärte er ohne aufzusehen. „Für Kai.” „Ein Mixtape”, wiederholte Boris. Er ging um ihn herum und warf sich auf den Stuhl ihm gegenüber. Es zischte, als er eine Flasche Wasser öffnete. Erst jetzt wandte Yuriy den Blick vom Bildschirm ab, denn Boris Stimme hatte einen Ton angenommen, den er nur zu gut kannte. Und tatsächlich, der andere grinste ihn breit an, während er auf dem Stuhl hing wie der letzte Checker, natürlich wie immer halbnackt. Auf seiner Brust kräuselten sich ein paar Haare, dazwischen glitzerten noch die letzten Wassertropfen vom Duschen. Yuriys Augenbraue zuckte nach oben. „Was?” „Komm schon”, sagte Boris, „Gib doch endlich zu, dass du voll auf ihn stehst.” Yuriy griff über den Tisch, um selbst einen Schluck aus der Flasche zu nehmen. „Und was würde das jetzt ändern?” „Ganz einfach, du würdest endlich mal wieder einen Stich landen. Mein Gott, der Kleine ist süß und hat was in der Birne. Sogar Salima war ganz angetan. Und wusstest du, dass er Russisch kann?” Bei der Erinnerung musste Boris kurz lachen. „Als wir auf der Party geredet haben, hab ich ein paar dumme Bemerkungen gemacht, die eigentlich nur für Seryogas Ohren bestimmt waren. Tja, stellt sich raus, Kai hat alles verstanden. Ist wieder so typisch, ich trete immer gleich voll in alle Fettnäpfchen. Aber wie auch immer, Yuriy - sieh es einfach ein und knall ihn weg, damit ist allen geholfen.” Anstatt zu antworten, gab Yuriy nur einen Seufzer von sich und wandte sich wieder seinem Laptop zu. Wenn Boris wüsste… Er hatte nur wenige Geheimnisse vor seinem besten Freund, aber gerade in diese Sache wollte er ihn nicht involvieren. Sicher, von außen wirkte es wahrscheinlich so, als sei zwischen Yuriy und Kai alles klar. Und er war sich auch ziemlich sicher, dass sie sich im Grunde einig waren, allerdings nicht auf die Art, wie alle anderen dachten. „Stört es dich nicht, dass er einer von diesen Start-up-Schnöseln ist, über die du immer lästerst?”, fragte er schließlich ehrlich interessiert. Boris runzelte nachdenklich die Stirn und kratzte sich abwesend am Bauch. „Weißt du, ich hab tatsächlich das Gefühl, dass Kai genau weiß, wie hirnrissig sein Job ist”, sagte er. „Der Junge ist echt der personifizierte Sarkasmus. Ich glaub, wenn ihm einer in der Firma mal richtig doof kommt, dann brennt dort ordentlich die Luft. Also nein”, fügte er hinzu, „In diesem Falle stört es mich nicht. Klar, er ist ein kapitalistisches Arschloch, aber das muss ja kein Hindernis sein.” Schon wieder grinste er. „Hm.” Yuriy wandte sich erneut ab. Es erstaunte ihn ein wenig, wie schnell Kai Boris um den Finger gewickelt hatte; andererseits wollte Boris wahrscheinlich wirklich nur, dass er mal wieder flachgelegt wurde. Vermutlich befürchtete er, dass sein Leben in diesem Bezug etwa so spannend war wie Bingo spielen. Allerdings weihte Yuriy ihn schon seit Jahren nicht mehr in alle seine Eskapaden ein. Manche Dinge gingen selbst seinen besten Freund nichts an. Er starrte die Liste von Songs an, die er bisher zusammengestellt hatte. „Meinst du, Kai steht auf Rock?” Von Boris kam ein Schnaufen. „Zu den Stones kann man mitunter ganz gut Ficken.” „Ich brauche deutsche Bands.” „Uff. Ärzte? Bin mir aber nicht sicher, ob Kai dafür den richtigen Humor hat.” „Zum letzten Mal, Boris, es ist ein Mixtape, kein Ficki Ficki Soundtrack.” „Was nicht ist, kann ja noch werden - Yura!”, rief er, als Yuriy seinen Laptop zuklappte und aufstand. „Du musst deinem Drang auch mal nachgeben, das ist normal, das ist gesund - wie kannst du so hart mit ihm flirten und ihn nicht anpacken wollen? Oder warte…” Yuriy war inzwischen in sein Zimmer gegangen, aber Boris folgte ihm und sprach einfach weiter, selbst als er die Tür vor seiner Nase ins Schloss fallen ließ. „Yura, kann es sein, dass du mich hier die ganze Zeit für dumm verkaufst? Habt ihr es damals etwa doch getrieben? Hä? Komm schon, mit mir kannst du reden, ich will nur wissen, was gelaufen ist… Hat er dir irgendwie das Herz gebrochen? Ich kann ihm den Rücken dafür brechen, weißt du, oder?!” Von diesem Monolog bekam Yuriy höchstens die Hälfte mit, denn er war inzwischen auf den Balkon gegangen und hatte sich wieder in die Musikauswahl vertieft. Boris wusste es besser als jetzt einfach in sein Zimmer zu platzen, und so verstummte er nach einer Weile. Wahrscheinlich würde sich Yuriy sich in den nächsten Tagen verschiedene Versionen seiner neuesten Theorie anhören. Er schmunzelte; manchmal war Boris schlimmer als Scheiße am Schuh. Und bei den verbalen Breitseiten, die er so von sich gab, waren auch immer ein paar Treffer dabei, aber Yuriy hatte gelernt, sich diese nicht anmerken zu lassen. Was ihm weitaus weniger behagte, waren seine eigenen Gedanken, die ihn dank des Gesprächs nun heimsuchten. Vermutlich mochte er Kai wirklich ein ganz kleines Bisschen zu sehr, und es half überhaupt nicht, dass der genauso empfänglich für Flirts war, trotz allem, was schon zwischen ihnen passiert war. Es sollte kompliziert sein, doch es fühlte sich verdammt leicht an. Im Grunde wollte Yuriy nicht unbedingt mehr. Er war ganz froh, dass er nicht so sehr in Kais Belange reingezogen wurde, denn das hatte ihm wirklich gerade noch gefehlt. Selbst wenn sie sich weiter anfreundeten, irgendwann würde Kai Berlin für etwas in seinen Augen weitaus Größeres und Wichtigeres verlassen. Es war also ohnehin klüger, nicht allzu viel in diese Sache zu investieren - auf keinen Fall mehr, als ein verdammtes Mixtape zu erstellen und zu viele Emojis zu benutzen, wenn sie mal Nachrichten austauschten. Mit einem Seufzen fügte er „Schrei nach Liebe” in seine Liste ein. Warum konnte nicht einfach alles bleiben, wie es war? Kais Hände zitterten ein wenig, als er die Zigarette am Balkongeländer ausdrückte. Nun konnte er es nicht länger vor sich herschieben. Er hob die andere Hand, in der er sein Handy hielt. Auf dem Display leuchtete schon die richtige Nummer. Ein Klick, dann hielt er das Gerät ans Ohr und wartete auf das Freizeichen. Soichiro nahm viel zu schnell ab. „Hiwatari.” „Großvater”, entgegnete Kai. Am anderen Ende blieb es zwei Herzschläge lang still. Dann lachte Soichiro rau. „Lass mich raten: Jürgens hat endlich mit dir gesprochen.” „Heute Morgen”, bestätigte Kai. „Was soll der Scheiß?” „Ich freue mich auch, dich zu hören. Wann haben wir das letzte Mal telefoniert? Vor einem Jahr?” Es musste sogar noch länger her sein, denn Kai erinnerte sich, dass draußen gräulich verfärbter Schnee an den Straßenrändern gelegen hatte. Es war beinahe den ganzen Tag dunkel gewesen und der Anruf seines Großvaters der Tiefpunkt eines langen, ereignislosen Januars. Jetzt sang irgendwo schräg unter ihm eine Amsel in einem Baum, die WG von gegenüber rauchte Schischa auf dem Balkon und unten saßen die Leute mit Bier auf der Bordsteinkante. „Hör auf, so zu tun, als wären wir eine funktionierende Familie”, sagte er, „Du weißt genau, warum ich anrufe.” „Du willst mir sagen, dass du dich besonnen hast und mein großzügiges Angebot annimmst.” So, wie Soichiro das sagte, klang es, als wäre alles schon beschlossene Sache. Kai wurde ein bisschen schlecht; er bereute es, vorhin etwas gegessen zu haben, schließlich hatte er schon geahnt, dass es so kommen würde. Schnaps. Das wäre die bessere Wahl gewesen. Er zwang sich, sich nicht allzu sehr auf seinen rasenden Puls zu fixieren. „Bevor ich zu irgendetwas ja sage - was zur Hölle willst du mit einer Dating-App?” „Ist das bei euch in Berlin etwa noch nicht angekommen?” Soichiro tat erstaunt. „Internetfirmen sind jetzt der letzte Schrei. Hast du vom Silicon Valley gehört? Dort wird gerade die Zukunft gemacht, mein Lieber. Alles muss online sein! Wenn wir diesen Trend verpassen -” „Bullshit”, unterbrach Kai. „Industrie 4.0 - okay. Irgendein elaboriertes Cyber-Security-Unternehmen - würde ich verstehen. Aber warum machst du ausgerechnet in Social Media?” „Und trotz allem scheint es, als hättest du unter einem Stein gelebt, Kai.” Soichiro schnalzte mit der Zunge und allein dieses Geräusch versetzte Kai in seine Kindheit zurück. Seine Faust ballte sich von allein. Er musste sich von der Sommeridylle um sich herum losreißen und ging kurzentschlossen nach drinnen in die kalte Wohnung. Augenblicklich wurde es dunkler. „Kannst du es dir wirklich nicht denken?”, fuhr sein Großvater in der Zwischenzeit fort. „Natürlich haben wir kein hauptsächliches Interesse an irgendwelchen Dating-Apps. Es geht allein darum, dass wir irgendwann die richtige Ware weiterverkaufen können. Daten.” Kai hielt inne. „Daten.” „Du hast doch sicher von Cambridge Analytica gehört. Natürlich war das sehr ungeschickt, und der Skandal… das können wir nicht gebrauchen. Aber es gibt noch ein paar andere Firmen, die viel Geld für Nutzerdaten bieten.” „Das ist illegal”, sagte Kai fest. „Nicht unbedingt”, entgegnete Soichiro. „Wenn alle entsprechenden Stellen gut zusammenarbeiten, dann haben wir nichts zu befürchten. Nun ja, in der Vergangenheit hatten wir in Sachen Zusammenarbeit zwar so unsere Probleme, ich bin jedoch sicher, dass du motiviert bist, dich gut… einzubringen.” Kai atmete einmal tief durch. „Was springt für mich dabei raus?” „Deine letzte Chance, Kai”, sagte Soichiro und sein Tonfall änderte sich von plaudernd in geschäftlich. „Du übernimmst die Geschäfte für drei Jahre und bringst die Firma auf Zack. Ich will 500.000 User bis zum zweiten Quartal des nächsten Jahres, dann noch mal so viele bis Jahresende. Und dann immer schön steigern.” Er machte eine Pause, doch Kai ließ sich nicht dazu herab, das zu kommentieren. Was Soichiro verlangte war ambitioniert, aber nicht unmöglich. „Im Gegenzug dazu”, fuhr Soichiro fort, „Erhältst du sofort wieder Zugriff auf alle deine Kapitalanlagen. Wertpapiere, Immobilien, Konten - du kannst tun und lassen was du willst. Und wenn du deinen Job gut machst, überlege ich mir, ob ich dich nicht doch als meinen Erben einsetzen will. Nimm es als Beweis für deine Unternehmenstreue.” „Das heißt im Klartext: ich mache, was du sagst, und stelle keine Fragen”, fasste Kai zusammen, „Genau wie Ralf und Johnny es bereits machen.” „Ich wusste, wir verstehen uns…” Am liebsten hätte er ihn angeschrien. Allein die Dreistigkeit, die Soichiro besaß, indem er ihm gegenüber von einem „Wir” sprach, das es so noch nie gegeben hatte! Die Wut schnürte ihm kurz die Kehle zu und seine Hände zitterten schon wieder. Doch er musste klar denken. Dieses Angebot von vornherein abzulehnen, wäre ein großer Fehler. „Bis wann willst du meine Antwort?”, fragte er, als er sich wieder gefasst hatte. „Zerbrich dir nicht zu lange den Kopf darüber, Kai”, antwortete Soichiro. „Jürgens ist ungeduldig. Und ich bin noch viel ungeduldiger, wie du weißt. Lass uns nicht warten.” Kai atmete ein. „Nein”, sagte er, „Das werde ich nicht. Keine Sorge.” Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)