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Fate/Royale

von

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Master

Während mich meine eigenen Worte eher verunsichert hatten, schienen sie bei dem Mädchen auf offene Ohren zu stoßen, denn sie lächelte überglücklich und ihre Stimme überschlug sich beinahe, als sie mir nickend kundtat: “Ja, genau. Ich bin dein Master. Willkommen, Caster!” Etwas unbeholfen hob ich eine Hand zum Gruß. “Hi.” Zum Glück brauchte ich nicht mehr sagen, denn das Mädchen schien völlig aus dem Häuschen. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Mein Master. Ich konnte es noch immer nicht so richtig glauben. Nichts, was ich je erlebt oder gewusst hatte, hatte mich auf so etwas vorbereitet. Vielmehr kam es mir immer noch so vor, als müsste das hier ein Traum sein.

Auf jeden Fall jedoch war mein Master eindeutig auf meine Ankunft vorbereitet gewesen, stellte ich fest, denn im nächsten Augenblick hatte sie mir schon eine Tasse Tee und einen Teller mit Sandwiches vor die Nase gestellt. “Du hast bestimmt Hunger! Als Geist hattest du doch lange nichts mehr zu essen, richtig?” Ich nickte und schüttelte den Kopf zugleich. Was sollte ich da auch antworten? Nach meinem Ermessen war ich ja eben erst zum Geist erklärt worden. Überhaupt stellten sich da ein paar Fragen. Wie viele Jahre waren seit meiner Zeit vergangen? In was für einer Epoche steckte ich? Wie hatte sich die Zukunft entwickelt? War das hier überhaupt die Zukunft? Zumindest das Wohnzimmer sah aus, wie ich es kannte. Gab der Gral da nicht normalerweise nötige Infos mit? Wo waren meine, bitteschön?

Allerdings würden selbst die Antworten auf all diese Fragen die eine nicht beantworten, die mir schwer im Magen lag. Seit wann gab es überhaupt Magie und den heiligen Gral? Mich beschlich das ungute Gefühl, dass dieser Gral nicht aus anderen Zeiten, sondern auch anderen Welten Leute hierher schleppte, denn nichts anderes würde mein Hiersein erklären. Hieß das, der Erfinder der Fate-Serie hatte so etwas auch erlebt? Zufall wären das alles wohl kaum. Dann musste es auch einen Weg zurück geben!
 

Was den Krieg selbst betraf, konnte ich echt nicht behaupten, dass mir dabei irgendwie wohl war. In einem Krieg hatte ich in etwa so viel zu suchen wie mein Master. Von Kriegsführung und Taktik verstand ich nichts, kämpfen konnte ich auch nicht und obendrein musste ich ja jeden Master und Servant erst einmal als Feind einstufen. Vielleicht sollte ich hoffen, dass dieser Krieg nach Apocrypha-Regeln lief. Verbündete könnten wir gut gebrauchen. Klar, die würden sich später auch gegen uns wenden, doch bis dahin wüsste ich dann hoffentlich mehr über meine Fähigkeiten und könnte mir etwas ausdenken, um meinen Master und mich zu beschützen. Allerdings bestünde wohl auch dann das Risiko, dass man uns - zurecht - als schwächstes Glied ansähe und zuerst loswerden wollte. Kämpften “nur” sieben Master und Servants in diesem Krieg würde sich daran allerdings nichts ändern. Man könnte uns immer als potentiell leichte Beute einordnen, weil Master so jung war. Dass man mir nicht ansah, was ich konnte, war vielleicht noch unser einziger Schutz, wenn auch einer, der nur so lange hielt, bis der erste Servant den Kampf mit uns suchte. Ich starrte meinen Master an. Ihr Leben lag in meinen Händen. Ich musste ihr ein guter Servant sein, sie beraten und beschützen. Magier oder nicht, sie war nur ein Kind und hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Dass ich generell mit Kindern nicht gut konnte, änderte daran nichts. Einfach wegsehen kam auf keinen Fall in Frage.
 

Geistesabwesend griff ich nach einem Sandwich und nagte an diesem herum. Lecker, aber das wusste ich angesichts meines Gedankenchaos im Moment nicht wirklich zu würdigen.

Hunger hatte ich sowieso keinen, allerdings war das als Servant wohl auch ganz normal. Ein Geist musste halt nicht essen. Ich brauchte bloß meines Masters Mana um zu kämpfen und mich zu manifestieren. Nahrung war also purer Luxus. Ob das alles im Umkehrschluss hieß, dass ich mich mit Schokolade vollstopfen könnte ohne zuzunehmen? Nahmen Tote noch ab oder zu? Alterten sie? Bestimmt nicht! Schokolade, ich war ganz dein! Das wäre mit Abstand das Beste an diesem Job! Wenn ich so darüber nachdachte, vielleicht aber auch das einzig Gute. Immerhin riskierte man im Gralskrieg sein Leben. Kein geringer Einsatz. Zumal ja nur einer gewinnen konnte und dafür eine Menge anderer sterben müssten. An den Händen des Gewinners klebte immer Blut.

Hätte man mich gefragt, ob ich teilnehmen wollte, hätte ich direkt abgelehnt, ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken. Okay… nein. Ich hätte nochmal darüber nachgedacht und dann abgelehnt, denn es gab da schon einen Wunsch. Da ich jedoch wusste, wie der Gral die Wünsche zu erfüllen pflegte, konnte ich mir meinen sparen. Selbst, wenn die Umstände anders wären und der Gral das supertolle heilige Relikt, das wahre Wunder vollbrachte, die niemand begreifen konnte, hätte ich diesen Wunsch wohl nicht zu äußern gewagt.
 

“Ich freue mich so, dass du hergekommen bist. Wir werden uns bestimmt prima verstehen!”, ereiferte sich mein kleiner Master euphorisch und vor lauter Aufregung im Wohnzimmer herum laufend, während ich nur wie bedröppelt auf dem Sofa saß und ihr hinterher sah. So ganz konnte ich ihre Freude über diese Situation nicht teilen und das war nicht mal ihre Schuld. Ich hatte einfach viel zu viele ganz elementare Fragen. Wo waren wir, was war hier los und welcher Depp hatte entschieden, ich wäre eines Heldengeist-Titels würdig? Wusste sie vielleicht mehr darüber als ich? Ich hoffte es inständig, denn ich hatte keinen Plan.

Unangenehm prickelte ein Gedanke in meinem Hinterkopf. In gewisser Weise hatte es in meinem Leben eine Chance gegeben, ein Leben zu retten und damit - wenn auch nur für mich - ein Held zu sein, doch ich hatte versagt. Ich war nicht stark genug gewesen, nicht aufmerksam genug, hatte nicht gesehen, was folgen würde. Ich war nicht da gewesen, um zu verhindern. Ich schob diesen Gedanken vehement beiseite. Daran wollte ich jetzt nicht denken. Was immer hier auch los war, es hing garantiert nicht damit zusammen. Denn selbst wenn alles gut ausgegangen wäre, wäre ich damit noch lange kein Held gewesen, der irgendwo irgendeine Erwähnung gefunden hätte. Und gab es nicht in Fate auch fiktive Charaktere als Helden? Nein, das alles hier, da war ich mir ziemlich sicher, war ein riesengroßer Fehler. Irgendein Defekt am Gral.
 

“Es ist so aufregend, dich hier zu haben! Ich freue mich darauf, wenn wir zusammen kämpfen. Zusammen haben wir bestimmt eine Chance, den Gral zu gewinnen und dann dürfen wir uns was wünschen!” Vor Schreck verschluckte ich mich beinahe an meinem Sandwich, doch das merkte mein Master nicht einmal. Sie war völlig in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen und hüpfte nun sogar in wilder Vorfreude hin und her wie ein losgelassener Flummi. “Master”, begann ich vorsichtig, sie in ihrer Euphorie zu bremsen, um zumindest ein paar Dinge herauszufinden. “Würdet Ihr mir Euren Namen verraten?” Das Mädchen hielt inne und flitzte an meine Seite, wo sie sich auf das weiche Sofapolster fallen ließ. Auch jetzt noch funkelten ihre Augen vor lauter Begeisterung. “Mein Name ist Elisabeth Müller.” Ich nickte und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. “Und wie alt seid Ihr… bist du?” “Ich bin schon 13”, erklärte sie nicht ohne Stolz, eindeutig nicht ahnend, dass mir diese Aussage genügte, um mir innerlich kräftig an den Kopf zu fassen. Da war ich nicht nur ein Servant geworden und damit indirekt bereits verdonnert, zu kämpfen, nein, mein Master war obendrein ein Kind kurz vor den Freuden der Pubertät! Das konnte einfach nicht gutgehen. Allerdings wurden Magier, das wusste ich, früh für den Krieg herangebildet, damit sie den Gral für ihre Familien gewinnen konnten. War Elisabeth solch ein Master? Sie wirkte so naiv, so unschuldig.

“Wo sind denn deine Eltern? Sind sie auch Magier?”, erkundigte ich mich weiter und konnte sofort sehen, dass ich in einen Fettnapf getreten war, als sich Elisabeths Blick trübte. “Mama und Papa sind im Himmel. Sie waren keine Magier. Aber ein lieber Magieronkel hat mich aufgenommen und mir ganz viel beigebracht”, ereiferte sie sich, schon wieder über das ganze Gesicht strahlend, als wäre nie etwas gewesen. Ich beließ es dabei. Wie schmerzhaft es war, Eltern zu verlieren, wusste ich ja selbst, da musste ich nicht in der Wunde bohren. Allerdings klang das mit dem Onkel irgendwie falsch. Zumindest bei mir klingelten da alle Alarmglocken. Diesen Onkel würde ich genau im Auge behalten.

“Er hat mich auch in Deutschland abgeholt und hierher mitgenommen, als der Krieg begann.” Deutschland! Phew, dann hatten wir ja schon mal was gemeinsam. Blieb nur die Frage: Wo waren wir denn hier überhaupt? Offenbar stand mir die Frage ins Gesicht geschrieben, denn Elisabeth beantwortete sie sogleich. “Nach Chronos. Hier sind überall Magier.” Ich nickte nur, obwohl ich im Grunde gar nichts verstand. Ein Ort, an dem es viele Magier gab? Und da sollte ausgerechnet ein so junges Mädchen am Gralskrieg teilnehmen? Ihrem ‘Onkel’ würde ich was husten, ein Kind in den Kampf zu schicken!
 

Gerade als ich mich dem Tee zuwandte, erst dagegen pustete und schließlich vorsichtige Schlückchen nahm, ergriff mein Master erneut das Wort. “Erzähl mir was über dich!” Mit großen Augen sah mich Elisabeth an. Ihr war die Aufregung wirklich anzumerken, so hibbelig wie sie war. Mir ging es genau anders herum. Aufgeregt und nervös war ich auch - aber mir war davon eher flau im Magen. Beinahe hätte ich die Tasse fallen lassen. Für einen Moment konnte ich Master nur verdattert ansehen. Ich schätzte mit ‘Mein Name ist Daelis, ich mag Katzen und habe amtlich einen an der Klatsche’ würde ich hier nicht weit kommen.

Was sie wissen wollte, konnte ich ihr ja gar nicht sagen - das wusste ich ja selbst nicht! Was für Fähigkeiten hatte ich? Wie funktionierte mein Noble Phantasm? Wie war ich zum Helden geworden? Ich suchte in meinen Erinnerungen, doch wie erwartet herrschte da totale Flaute, was diese Fragen anging. Sollte der Gral mir nicht zumindest das Wissen über meine Fähigkeiten und das Noble Phantasm mitgegeben haben? Wieso wusste ich dann darüber nichts? Das war ja mal superpeinlich. Lauter erfahrene Krieger, große Helden und ich, die nicht mal ihr Noble Phantasm kannte. Top. Da konnte ich mich von meiner Würde und meinem Leben gleichzeitig verabschieden.
 

Am besten, ich fing einfach mit den Dingen an, die ich wusste. “Mein Name ist Daelis. Freut mich sehr, Master.” Sofort schwand die Begeisterung aus Elisabeths Blick und sie schaute mich betreten an. Hatte ich etwas Falsches gesagt? War sie enttäuscht? Ich nähme es ihr nicht übel. Aber für mein Ego war das wirklich ein Tritt in den Allerwertesten. Sie hatte bestimmt gehofft, ich wäre jemand sehr bekanntes. Jemand wie Medea oder Hohenheim, vielleicht auch Cassandra von Troja oder Gilgamesh. Kleinlaut sah sie zu mir auf. “I-ich kenne mich nicht so gut aus. Bitte sei nicht böse, weil ich nicht weiß, wer du mal warst.” Himmel, wer könnte ihr bei dem Blick überhaupt irgendwie böse sein? Beschwichtigend strich ich ihr über den Kopf. “Ich bin nicht böse. Du bist doch noch so jung und lernst bestimmt noch. Da ist nichts dabei. Und auch die größten Magier wissen nicht alles”, erklärte ich ihr und betete zugleich, das Thema damit wechseln zu können. Was ich denn angeblich so heldenhaftes getan haben sollte, um ein Heldengeist zu werden, war mir nämlich ebenso ein Rätsel wie ihr.

“Die meisten wären sicher nicht so aufmerksam gewesen wie du. Danke für die Sandwiches und den Tee”, beeilte ich mich hinzuzufügen, während ich die Tasse auf dem Glastisch abstellte, der vor uns stand. “Auch wenn ich als Servant natürlich kein Essen brauche, war das eine sehr liebe Geste, die ich sehr zu schätzen weiß.” Das schien ihre Laune direkt wieder zu bessern, denn das muntere Strahlen kehrte in Elisabeths Augen zurück. “Es war wirklich sehr lecker”, lobte ich sie.
 

Leider hatte mein Ablenkungsmanöver nicht so gut funktioniert, wie ich es mir erhofft hatte, denn mein Master sah mich weiterhin erwartungsvoll an und griff das Thema Herkunft schnell wieder auf. Klar war sie neugierig. An ihrer Stelle wäre ich es auch gewesen. “Wann hast du gelebt? Bist du eine Königin gewesen? Oder eine Ritterin?” Wenn mein Lächeln nur halb so unecht aussah, wie es sich anfühlte, dann würde ihr jetzt dämmern, dass eindeutig etwas bei ihrer Beschwörung schief gelaufen war. Ich, ein Ritter? Pfft. Nicht rechtschaffen genug. Obendrein hatte ich von Kampf und Waffen etwa so viel Ahnung wie von Quantenphysik. Ich wusste, dass es sie gab. Ende. Und eine Königin? Na, das wär’s noch gewesen. Im Sinne aller war es wohl gut, dass man mir nie solche Macht gegeben hatte.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als zu schauspielern, denn wenn ich ihr die Wahrheit sagte, hätte die arme Elisabeth sicher panische Angst. Als Master in einem Gralskrieg mit einem Servant, der vielleicht gar nichts konnte, war sie förmlich schutzlos. Außerdem war ich auch auf sie angewiesen. Ich musste herausfinden, was hier los war und wie ich nach Hause konnte. Ein weinender, verängstigter Teenager wäre mir dabei kaum eine Hilfe.

“Ich… Ich bin nicht sicher”, gab ich vor, mich nicht erinnern zu können und nachzudenken. Letzteres tat ich zwar auch, doch vor allem auf der Suche nach einer Ausrede. “Alles ist… so verschwommen. Vielleicht noch eine Folge der Beschwörung. Bitte verzeih, Master”, bat ich kleinlaut und erntete bedrückte Blicke. Oh je, jetzt dachte sie glatt noch, das läge an ihr. Das hatte ich nicht gewollt. Die arme Kleine konnte dafür ja nun wirklich nichts. “Sicher fügt es sich bald und dann erzähle ich dir alles, was du wissen möchtest”, beeilte ich mich, zu versprechen. Eine Zusage, die ich wohl eher nicht halten würde. Sofern wir überhaupt lange genug überlebten, um uns noch einmal darüber unterhalten zu können, natürlich.
 

“Dieses Chronos”, wechselte ich das Thema, “ist also ein Ort für Magier?” Elisabeth nickte. “Ja, hier leben alle Magier während des Krieges”, erklärte sie mir. Verdammt, wieso wusste ich das nicht? War der Gral, über den ich gerufen worden war, defekt? Tolle Nummer. Dieses Ding hätte mir wirklich ein paar Infos mitgeben können. Allerdings hatte ich mein Fate-Wissen. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig lag und das hier die Fate-Welt war, dann könnte ich dieses Wissen nutzen. Schon allein, weil ich einige Servants und ihre Fähigkeiten kannte - und sogar einiges über ihre Vergangenheit wusste. Da half es ihnen auch nicht, ihre Namen geheim zu halten. Meiner sonstigen Ahnungslosigkeit zum Trotz könnte sich dieser Umstand als echter Vorteil für Elisabeth erweisen. Als so junge Magierin und obendrein erster Generation, wenn ihre Eltern wirklich keine Magier gewesen waren, standen ihre Chancen ja sonst denkbar schlecht.

“Weißt du, wie viele Servants schon beschworen worden sind?”, erkundigte ich mich bei Elisabeth, die den Kopf schüttelte. “Nein, aber ein paar sind es bestimmt und die Magier sind angeblich schon alle hier. Einige sagen sogar, es könnte der letzte Große Gralskrieg sein, weil es danach keine Magier mehr gibt. Aber Onkel glaubt das nicht. Er meint, einige werden ihre Befehlszauber abgeben und ausscheiden.” Ich horchte auf. Ein Großer Gralskrieg? Nargh, das Schicksal meinte es echt nicht gut mit mir. Aber was meinte sie damit, dass es danach keine Magier mehr gäbe? Waren die neuerdings vom Aussterben bedroht? Magier waren doch keine Dodos und obendrein wussten sie doch in den Familien, wie wichtig es war, Nachfolger zu haben. Die waren ja immer alle ganz erpicht darauf, an den Gral zu kommen. Normalerweise schickten sie allerdings Erwachsene in den Kampf, gut ausgebildete Magier. Wie kam es dann, dass Elisabeth, die so jung und unerfahren war, hineingezogen worden war? Herrschte etwa Master-Mangel?

“Master, gibt es wirklich nur noch so wenig Magier?” Sie nickte. “Ja. Ich… Ich habe auch ein bisschen Angst”, gestand sie mir. “Aber du passt auf mich auf, richtig, Caster?” “Natürlich, Master.” Beschwichtigend legte ich meine Hand auf ihre Schulter. Waren ja bloß mindestens sechs weitere Servants hier, die uns umbringen wollten. Ich sah uns bereits die Radieschen von unten bewundern, aber das konnte ich ihr ja schlecht sagen. Sie wirkte jetzt sowieso schon verunsichert und ich wollte Elisabeth nicht vollends verschrecken.

Mein Master war noch so jung und musste schon so eine Bürde tragen. Das war einfach nicht richtig. Jeder bei klarem Verstand konnte doch wohl erkennen, dass sie nicht nur zu jung für einen Krieg war, sondern auch für die Macht, die vom Gral ausging. Was würde sie sich wohl wünschen, wenn sie gewann? Und würde sie ihren Wunsch nicht vermutlich schnell bereuen, spätestens wenn sie älter und reifer war? Allerdings war es irgendwie auch in meinem Interesse, dass wir den Gral gewannen. Der könnte mich bestimmt nach Hause bringen, oder? Allerdings wusste ich schon jetzt, dass ich ganz sicher nicht bereit war, jemanden zu töten, um heimzukommen. Um mich oder Elisabeth zu verteidigen vielleicht, aber nicht um von hier weg zu kommen. Das brächte ich nicht über mich.
 

“Komm, ich zeig dir unsere Wohnung! Als Teilnehmer am Gralskrieg muss man nicht mal bezahlen!”, ergriff mein Master wieder das Wort und sprang auf. Ich folgte ihrem Beispiel, als sie mich an die Hand nahm. “Es ist alles umsonst?”, wollte ich verdattert wissen und Elisabeth nickte eifrig. “Ja, auch wenn ich nicht weiß, wie das funktioniert.” Überhaupt nicht verdächtig. Für mich klang das fast, als würde sich hier ein reicher Perverser einen Spaß daraus machen, zuzusehen, wie die Magier einander abschlachteten. Da ließ man schon mal was springen. Survival Game just for fun. Aus reiner Nächstenliebe würde das doch wohl kaum jemand finanzieren. Vielleicht hatte ich auch einfach nur zu viele Horrorfilme gesehen und war deshalb zu skeptisch, doch ich entschied, das ganze doch lieber im Hinterkopf zu behalten.

Elisabeths Aufmerksamkeit war jedoch schon ganz woanders. Ihr Blick ruhte auf einem hochgewachsenen Mann mit weißem Haar, der im Türrahmen stand und wohl soeben erst eingetroffen war. Ich wusste sofort, dass es sich bei ihm um einen Servant handelte. Woher, konnte ich nicht sagen. Einfach so ein Gefühl, an dem ich nicht einen winzigen Moment lang zweifelte. Ich musterte ihn. Keine Ahnung, wer er war. Mist. Instinktiv schob ich mich etwas vor Elisabeth. Zwar wirkte er nicht so, als wolle er jeden Moment angreifen - eher, als schliefe er ein - aber ich wollte lieber kein Risiko eingehen. “Wer bist du?”, fragte ich ihn ohne Umschweife. “Diogenes”, fiel seine Antwort knapp aus, als er sich erhob. “Master hat mich geschickt, um zu sehen, ob die Beschwörung gelungen ist.” Nur kurz wanderte sein Blick über mich, dann wandte er sich ab. Für ihn war das Thema damit offenbar erledigt. “Master? Wieso interessiert ihn das?”, begann ich weiter zu fragen, doch Diogenes ließ mich einfach stehen. Verdattert starrte ich ihm nach. Was zur…?
 

“Wer war der Kerl?”, wandte ich mich an meinen Master, doch Elisabeth schien Diogenes schon wieder vergessen zu haben. “Ich bin so froh, dass die Beschwörung funktioniert hat und du jetzt hier bist, Caster!”, ereiferte sie sich stattdessen. “Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, dass es nicht klappen könnte, doch dann warst du auf einmal da! Alles ist so aufregend!” Wo nahm sie nur all diese Begeisterung her? Man sollte meinen, ein so junges Mädchen würde zittern und weinen, wenn man sie in einen Krieg stürzte, zumal sie ja selbst wusste, dass sie noch eine unerfahrene Magierin war. Doch ihre Angst schien immer nur für einen Moment lang anzuhalten. Setzte sie wirklich so viel Vertrauen in mich? Überhaupt kein Druck, der da auf mir lastete. Elisabeth schien sich über Diogenes keine Gedanken zu machen und ihn auch nicht zu fürchten, doch so ganz wohl war mir dabei nicht. Ihr ominöser Onkel war immerhin auch ein potentieller Feind und damit auch dessen Servant Diogenes.

“Komm, Caster, ich zeige dir noch die Küche und das Badezimmer - und das Schlafzimmer! Du kannst auch mit bei mir im Bett schlafen”, ereiferte sie sich und griff erneut meine Hand, um mich hinter sich her zu ziehen. Die Wohnung erwies sich als klein, aber gemütlich und mit allem ausgestattet, was man so brauchte. Elisabeth erzählte mir sogar stolz, dass sie für mich ein Handtuch über die Heizung gehängt hatte, damit es schön warm wäre und ich nicht frieren müsste, wenn ich aus der Dusche kam. Dass ich als Servant praktisch selbstreinigend war - und wie seltsam das schon in meinen Gedanken klang - schien ihr dabei ebenso entgangen zu sein, wie die Sache mit dem Essen. Sie war wirklich süß, die kleine Elisabeth. Obwohl sie gar nicht so klein war. Ich überragte sie nur um etwa einen halben Kopf, was mir immerhin klar verriet, dass ich als Geist jedenfalls nicht gewachsen war.
 

Wenig später saßen wir wieder gemeinsam auf dem Sofa und Elisabeth aß das übrig gebliebene Sandwich, während ich sie vorsichtig weiter ausfragte. Viel sagen brauchte ich meistens nicht. Sie erzählte wie von selbst. Ich konnte ihr noch entlocken, dass Chronos eine Stadt war, die eigens für Magier geschaffen worden war und dass es hier fast keine anderen Menschen gab. Da alle Magier - und ich erschrak, als sie mir das erzählte - am Krieg teilnehmen mussten, lag es also nur nahe, dass sie sich hier versammelten. Außerdem sei das hier der zweite große Gralskrieg, nachdem der Gewinner aller vorherigen kleinen Kriege wieder einen großen Gral geschaffen hatte. Er hatte auch bestimmt, dass alle Magier ab dem elften Lebensjahr teilnehmen mussten, weshalb der letzte Krieg die Reihen der Magier stark ausgedünnt hatte.

Mir wurde vom Zuhören schon ganz übel. Was für ein kranker Mistkerl zwingt Kinder in einen Krieg? Das war ja gewissermaßen Hunger Games on Magic Mushrooms. Dieser Magier musste sehr mächtig gewesen sein, wenn er gleich mehrere kleinere Gralskriege für sich hatte entscheiden können. Mächtig und skrupellos, denn diese Siege kosteten Leben. An seinen Händen musste viel Blut kleben. Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube kaute ich auf meiner Unterlippe. War dieser Magier auch dieses Mal ein Teilnehmer? Hatte er vielleicht den letzten Großen Gralskrieg gewonnen? Ich traute mich gar nicht, zu fragen.
 

“Onkel hat mich mit nach Chronos genommen und mir ganz viel beigebracht”, erklärte Elisabeth gähnend, “und mir auch gezeigt, wie man einen Servant beschwört.” Sie rieb sich müde die Augen. Mein Blick wanderte hoch zu der Wanduhr, die ich zwar schon eher bemerkt hatte, doch nicht auf die Uhrzeit geachtet hatte. Anders als mein Master war ich hellwach, doch die Zeiger verrieten, dass es weit nach Mitternacht war. Kein Wunder, dass Elisabeth so müde war. Für sie war es höchste Zeit, ins Bett zu gehen und zu schlafen. Ich als Servant brauchte Schlaf vermutlich so wenig wie Nahrung und Wasser, aber für meinen Master galt das nun einmal nicht.

“Ich denke, es wird Zeit, schlafen zu gehen, Master”, wandte ich ein, als Elisabeth gerade wieder herzhaft gähnte. “Es ist schon spät und du bist gewiss erschöpft. Entschuldige bitte.” Darauf hätte ich wirklich eher kommen können, aber ich stand so unter Strom, dass mir gar nicht in den Sinn gekommen war, dass es mitten in der Nacht sein könnte. Dabei hätte mir das auch ein Blick durch die halb verhangenen Fenster verraten. Jetzt fiel mir nämlich auch auf, dass draußen die Mondsichel am Firmament zu sehen war.
 

“Bleibst du bei mir bis ich eingeschlafen bin, Caster?”, fragte mich Master, als sie aufstand. Ich lächelte. “Natürlich, Master.” Dass sie mir so sehr vertraute, schon jetzt, obwohl wir uns kaum ein paar Stunden kannten, wärmte mir das Herz, aber zugleich bereitete es mir auch Sorgen. Sie war jung. Man würde sie täuschen. Ihre Verbündeten würden ihre Naivität gegen sie verwenden. Es war an mir, genau das zu verhindern. Still blieb ich im Flur stehen, den Blick gen Wohnzimmer gewandt, durch dessen Fenster ich auch von hier nach draußen sehen konnte. Konnten wir überhaupt gewinnen? Vielleicht sollten wir besser untertauchen? Stumm verfluchte ich den Gral in meinen Gedanken, dass er mir nichts über meine Fähigkeiten, sofern ich denn welche hatte, mitgegeben hatte. Erst, als Elisabeth umgezogen und bettfertig aus dem Bad kam und mich an der Hand mit sich ins Schlafzimmer zog, löste ich den Blick vom Nachthimmel und drückte gerade so noch schnell genug den Lichtschalter, damit das Licht im Flur hinter uns erlosch.

Elisabeth kletterte gähnend ins Bett, während ich es mir einfach auf der Bettkante bequem machte und die Decke über sie zog, damit sie es schön warm hatte. “Gute Nacht, Caster”, hörte ich sie noch murmeln, offenbar schon halb in Schlaf gesunken. “Gute Nacht, Master, träum was Schönes.” Ich wusste nicht, ob sie meine Worte überhaupt noch hörte oder ob die Müdigkeit zu schnell ihren Tribut forderte und sie ins Land der Träume mitnahm.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Aufgaben:

1. Das Mädchen antwortet mehr als euphorisch, dass sie dein Master ist. Und sie wird dir zugleich etwas zu Essen hinschieben und einen Tee. Sie ist wohl der Meinung du könntest hungrig sein, nachdem du als Heldengeist Ewigkeiten nicht auf der Welt verweiltest und nun beschworen wurdest. Finde so viel wie möglich über sie heraus. Folgende Fakten musst du herausfinden:
- Sie ist eine Magierin der ersten Generation
- Sie ist 13 Jahre alt
- Sie ist Vollwaise
- Ihr Name ist Elisabeth Müller
- Nationalität: Deutsch

2. Elisabeth hat natürlich auch Fragen an dich. Zum Beispiel, dein Name und was für ein Held du warst. Ups. Nun, du kannst dir ausdenken was du willst, du solltest nur nicht gerade versuchen dich als richtige Heldenfigur darzustellen, das könnte sonst später böse enden. Vielleicht macht sich etwas Amnesie gut, immerhin ist sie eine Magierin der ersten Generation. Da kann einiges schief gehen.

3. Nach eurer Vorstellung, wird Elisabeth dir ganz aufgeregt eure temporäre Wohnung in Chronos zeigen. Ebenfalls wird sie erklären, dass in Chronos alles für die Teilnehmer kostenlos ist. Sie selbst wundert sich wie das funktioniert, lässt sich aber schnell davon ablenken, dass ein anderer Servant in eurem Wohnzimmer sitzt.
Er stellt sich als Diogenes vor. Die junge Version. Sein Master, derjenige, der wohl Elisabeth in Magie unterweist, habe ihn geschickt um zu sehen, ob die Beschwörung erfolgreich war. Als er dich sieht, wird er ohne ein weiteres Wort verschwinden. Du kannst hier nun Elisabeth über den komischen Kauz fragen. Elisabeth wird aber nicht antworten. Stattdessen wird sie total begeistert darüber sein, wie aufregend das alles ist.

4. Elisabeth wird schnell an ihre Grenzen aufgrund ihres jungen Alters stoßen. Außerdem ist es weit nach Mitternacht. Beende das Kapitel, indem ihr schlafen geht. Komplett anzeigen

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