Zum Inhalt der Seite
[English version English version]

Fate/Royale

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Beschwörung

Das hier. Das war einer dieser ganz besonderen Momente, in denen ich nicht wusste, was ich lieber täte: Meinen Kopf gegen die Tastatur knallen oder zum drölfzigsten Mal den Stecker dieses verdammten Routers ziehen. Nicht, dass eines davon irgendetwas ändern würde. Mein Internet lag lahm. Meine geliebte 100.000er Leitung hatte mich verlassen, war in die ewigen Jagdgründe des Datenverkehrs eingegangen und mit ihr auch meine Geduld. Ächzend wog ich für einen Moment lang ab, ob es die Mühe wert wäre, unter den Schreibtisch zu klettern, um auch die Stromleitungen alle nochmal neu zu verbinden, befand dann aber, dass ich mir das auch sparen konnte. War ja nicht so, als hätte ich das nicht alles schon probiert. Mehrfach.

Wäre dieser Router eine Person, ich hätte ihn kräftig geschüttelt und womöglich angeschrien, er möge bitte endlich zur Vernunft kommen und aufhören, sich so anzustellen, das sei albern. Jetzt aber stand das unscheinbare, schwarze Gerät nur mit blinkenden Lichtern da, die mir verkündeten, dass es keine Verbindung zum DNS-Server aufbauen konnte. Zumindest glaubte die Windows-Fehlersuche das. Schöner Mist.
 

„Maaaaau“, machte sich Jui neben mir bemerkbar. „Mraaaaa!“ Schon klar. Wenn der Router eh nicht wollte wie ich, was verschwendete ich auch meine Zeit mit dem Ding, wenn ich doch meinen Prinzen verwöhnen könnte. Da hatte der kleine Teufel natürlich völlig Recht. Mit einem Schmunzeln hob ich den Kater hoch, der sofort seinen Platz auf meiner Schulter suchte, um sich dann über meinen Nacken zu legen. Sein Lieblingsplatz könnte man sagen. Nach mehrmaligem Drehen war es ihm dann zum Glück auch bequem genug und dem unsteten Getrampel folgte ein zufriedenes Schnurren. „Du süßer kleiner Schatz, du“, säuselte ihm ihm entgegen und wurde sofort damit belohnt, dass er sich an meiner erhobenen rechten Hand rieb, mit der ich ihn eigentlich hatte unter dem Kinn kraulen wollen. So lästig mir der Router nun auch schon seit einigen Tagen – Pardon: Wochen! - war, so schnell machte Jui alles besser. Zwar wusste ich schon jetzt, dass diese Liebesbekundungen sehr bald ein jähes Ende finden würden und er es vorzöge, auf mir herum zu kauen statt zu kuscheln, doch für den Augenblick genoss ich es.
 

Den Kater noch auf den Schultern steuerte ich das Sofa an. Zeit für ein bisschen Oldschool-Schreiben. Hier irgendwo flog doch bestimmt noch eine meiner bunt beklebten Kladden herum und ein Kugelschreiber fände sich garantiert auch. Schrieb ich eben mal per Hand. Das würde mich ablenken und meine ganzen wirren Ideen zugleich ein wenig ordnen. Im Nu hatte ich beides gefunden und es mir in der Sofaecke bequem gemacht.

Wie sich Jui schließlich davonschlich, um in seine Höhle zu krabbeln, bekam ich nicht mehr mit. Die Worte flossen wie von selbst, so ungewohnt das Gefühl eines Kugelschreibers in der Hand auch war. Einfach alles herauszuschreiben, was sich so angesammelt hatte, tat einfach gut und die Zeit verflog nur so. Hätte man mich gefragt, ich hätte nicht sagen können, ob erst einige Minuten oder doch schon eine Stunde vergangen war. Der einzig sichere Hinweis darauf, dass ich doch schon ein geraumes Weilchen hier hockte, war das Gefühl verkrampfter Finger begleitet von einer markanten roten Erhebung am rechten Mittelfinger. Nichts davon allerdings hätte mich schon innehalten lassen. Was mich aufblicken ließ, war das flackernde Licht der Wohnzimmerlampe.

Ich warf einen missmutigen Blick nach oben. Dass die ausfiel, hatte mir jetzt noch gefehlt. Eine Ersatzbirne hatte ich nämlich nicht im Haus und im Fragefall hieße das, dass ich hier auf dem Sofa im Dunkeln saß oder aber die Leiter aus dem Keller hochholen müsste, um einen der kleinen Lampenschirme in meine Richtung zu drehen. So richtig Enthusiasmus konnte ich dafür nicht aufbringen, wenn ich ehrlich war. Da müsste eben die Schreibtischlampe herhalten.
 

Kurzentschlossen krabbelte ich vom Sofa, da fiel mein Blick auch auf den Bildschirm meines Computers, der ein rotes sternförmiges Zeichen zeigte, mit jeweils einer Kurve darüber und darunter zeigte, rot auf schwarz. Das Symbol, von dem ich schwören könnte, es noch nie zuvor gesehen zu haben, glühte förmlich. Mehr, als es meiner Meinung nach ein Bildschirmschoner gedurft hätte. Was zur Hölle…?

Der Bildschirm flackerte. Dann wurde alles dunkel. Die Lampen waren verloschen, der Schein des Bildschirms verschwunden. Finsternis umhüllte mich, die viel tiefer war, als sie es in meinem Wohnzimmer jemals hätte sein können. Eiskalt lief es mir den Rücken herunter. Ich hatte zu viele Horrorfilme gesehen, um mich noch sicher zu fühlen. Panik stieg in mir auf. Kam jetzt gleich irgendein Geist oder Monster um die Ecke, um mich um die Ecke zu bringen? Doch dann, gerade, als ich das Gefühl hatte, die Dunkelheit würde mich gänzlich verschlingen wie ein waberndes Meer der Schwärze, strahlte ein goldenes Licht auf. Verdammt, war das etwa das berühmte Licht am Ende des Tunnels? War ich gestorben, ohne es zu merken? Woran zur Hölle? Ich war viel zu jung, um einfach tot umzufallen! Obwohl es ja bekanntlich jeden treffen konnte.
 

"Trete hervor aus dem Kreis der Herrschaft, Beschützer der heiligen Balance!", ertönte eine Stimme aus dem Licht, das mich im nächsten Moment auch schon umhüllte, golden und gleißend, sodass es mich blendete. So schnell wie es mich eingehüllt hatte, schwand das Licht wieder und vor meinen Augen klärte sich das Bild. Anstatt meines Wohnzimmers mit Sofa, Computer und angebrochener Saftflasche umgab mich auf einmal ein Wald. Einfach so. Wald. Und als wäre das nicht genug, um mich kräftig aus der Fassung zu bringen, sah ich vor mir einen Mann, der mich mit Grinsen bedachte. Wow. Gar nicht creepy. Dieser komische Kerl allein hätte schon genügt, dass mir ganz flau in der Magengegend würde. Den Tapetenwechsel hatte es da nicht mehr gebraucht.

Meine Finger kribbelten und mein Körper fühlte sich leicht an. So müsste sich wohl ein Geist fühlen. Irgendwie aufgelöst, instabil. Ein Eindruck, den ein Blick an mir hinab unangenehm bestätigte. Ich sah wirklich aus wie ein Geist! Der Mann sah jedoch nicht unbedingt aus wie jemand, der gerade einen Geist sah. So zufrieden, wie der Typ grinste, könnte ich ebenso gut ein Playboymodel aus einer Late Night-Show sein - und das war ich ganz sicher nicht. Also kein Grund für spontane Freudenausbrüche. Lange hielten die allerdings nicht, denn noch ehe ich irgendetwas fragen konnte, weiteten sich seine Augen und er rang um Luft, hustete und spuckte Blut.

Mir standen die Nackenhaare zu Berge. Hier lief irgendwas schief und zwar ganz gewaltig. Nicht nur, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo ich war und wer dieser Typ war, brauchte dieser im Moment auf jeden Fall dringend einen Arzt wegen was auch immer ihn erwischt hatte. Das konnte ich nämlich nicht mehr sehen. Im gleichen Moment, in dem ihm das Blut über die Lippen kam, schien es mich zurück in die Dunkelheit zu ziehen. Wieder erfasste mich der befremdliche Sog, der mich bereits aus meinen heimischen vier Wänden entführt hatte und undurchdringliche Finsternis umhüllte mich.
 

Die Dunkelheit währte nur kurz, wurde von einem Stimmengewirr durchdrungen, das ich nicht entwirren konnte. Alles klang wie das planlose Gemurmel einer großen Gruppe Menschen, die auf einer Cocktailparty zusammen standen, zu der von Anfang an keiner hatte gehen wollte und deren Besucher nun notgedrungen Smalltalk hielten. Nach einigen Momenten jedoch wurde das Gemurmel leiser und eine klare, helle Stimme drang an mein Ohr und dieses Mal verstand ich die Worte deutlich.
 

Lass Silber und Stahl die Essenz sein.

Lass Stein und den Erzherzog der Verträge das Fundament sein.

Ich zahl den Tribut.

Lass sich eine Mauer gegen den Wind erheben, der aufkommt.

Lass die vier Tore der Kardinäle geschlossen.

Lass die dreiwegige Straße der Krone rotieren.

Füll es, füll es, füll es, füll es, füll es,

sag es fünf mal,

brich es entzwei, sobald es gefüllt ist.

Lass es jetzt verkündet sein:

Dein Fleisch wird mir dienen

und mein Schicksal wird von deinem Schwert besiegelt.

Erhöre den Ruf des heiligen Grals.

Antworte, wenn du dich diesem Willen und dieser Wahrheit unterwirfst.

Ein Schwur soll geleistet werden.

Ich werde die Tugenden des Himmels erlangen.

Ich werde die Herrschaft über alles Böse der Hölle erringen.

Dennoch sollst du mir dienen mit deinem unerschütterlichen Willen,

von den sieben Himmeln gesandt,

gebunden von den drei großen Worten der Macht.

Trete hervor aus dem Kreis der Herrschaft:

Beschützer der heiligen Balance!
 

Das ungute Gefühl, diese Worte schon mal irgendwo gehört zu haben, befiel mich, doch lange Zeit, darüber zu grübeln, hatte ich nicht, denn der goldene Schimmer holte mich sogleich wieder ein wie schon zuvor. Dieses Mal allerdings formte sich meine Gestalt nicht in einem Wald, sondern in einer Art kleinem Wohnzimmer. Hell und gemütlich, fiel mein Urteil schnell aus, dann fiel mein Blick auf das Mädchen, das mir gegenüber saß. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wer sie war und so überrascht wie sie dreinsah, hatte sie auch keine Ahnung, wer ich war. Aber vielleicht wusste sie ja wenigstens, wo ich hier war. Für mich wäre das im Moment schon ein Fortschritt, denn nach meinem Ermessen könnte ich ebenso gut im Himmel oder in der Hölle gelandet sein. Oder ich lag im Koma. Nein, das wollte ich lieber ausschließen. Die Ausrede hatte im MSP schon immer herhalten müssen. Das hier wirkte doch eher wie ein echt schräger Drogentrip.
 

Eingehend musterte ich also das Mädchen vor mir. Sie musste so zwischen 10 und 15 Jahren sein. Genauer kriegte ich das nicht geschätzt. Mein Blick wanderte umher. Von ihren Eltern war nichts zu sehen. Himmel, wenn die mich hier antrafen, mussten die mich ja praktisch zwangsläufig für eine Perverse halten, die sich an ihre Kleine ranmacht. Ich mochte gar nicht daran denken. Dann allerdings fiel mir auch meine eher ungewöhnliche Kleidung auf. So wäre ich glatt als Charakter der Tales-Serie durchgegangen. Aus meinem Schrank kam das jedenfalls nicht. Zumindest war es bequem und so wanderte mein Blick zurück zu dem braunhaarigen Mädchen. Wer war sie?

Die Frage, mit der ich schließlich unser Schweigen durchbrach, war jedoch eine andere und woher sie kam, konnte ich nicht sagen, denn sie war es sicher nicht, die ich hatte aussprechen wollen. “Deinem Ruf folgend bin ich dein Caster. Mein Schicksal liegt in deiner Hand und meine Waffe soll die deine sein. Deswegen frage ich dich: Bist du mein Master?”
 

Meine Gedanken rasten. Was plapperte ich da? Caster? Master? Das machte überhaupt gar keinen Sinn! Das war völlig absurd und... Scheiße. Caster, Servant und Master. Das klang mehr als nur irgendwie zufällig nach Fate. Auf uns bezogen würde das heißen, dass ich ein Servant der Caster-Klasse war und dieses kleine Mädchen mein Master. Nur, dass das absolut unmöglich war, weil es weder die Gralskriege, noch Heldengeister oder überhaupt so etwas wie Magie gab. Dennoch hockte ich hier, hatte diese befremdlich anmutenden Worte gesprochen und nicht den geringsten Schimmer, wie ich hier überhaupt gelandet war.

Magie und Krieg, ein Wünsche erfüllender goldener Pott. Womit hatte ich das verdient? Selbst wenn es all das gäbe - und dieses wenn gehörte fett geschrieben und mit Ausrufezeichen versehen - dann würde das noch immer nicht erklären, wie ich ein Servant sein könnte. Zum einen war ich nie ein Held gewesen und zum anderen lebte ich, verdammt nochmal, noch! Ein eisiger Schauer durchlief mich. Stimmte das denn? Lebte ich wirklich noch? Vielleicht war ich ja draufgegangen und hatte in der Zeit von meinem Tod bis jetzt einfach nicht existiert? Ich war mir nicht sicher, ob mir diese Erklärung besser schmeckte als die scherzhafte Überlegung, dass aus einem harmlosen MSP bitterer Ernst geworden war, denn dann konnte ich nur auf eine generöse Gottheit hoffen.
 

Meine Finger verkrallten sich in den Stoff meines Capes. Ich musste Ruhe bewahren und erst einmal Informationen sammeln. Wenn ich ein Servant war und dieses Mädchen mein Master konnte ich daraus Schlüsse ziehen. Zum einen erklärte das meine ungewöhnliche Kleidung - ein Caster-Servant in Jeans und Schlabberpulli voller Katzenhaare wäre wohl nicht so der Knaller - und zum anderen musste es zwangsläufig andere Servants geben. Mindestens einen jeder Servant Class. Yay. Spätestens bei dem Gedanken daran wurde mir schlecht.

Archer, Lancer, Rider, Assassin, Saber und natürlich Berserker - und jeder von denen wäre irgendein bekannter Held der Geschichte. Gegen keinen von denen hätte ich in einer Auseinandersetzung eine reale Chance - zumindest nicht, solange mein Kontrahent nicht gerade komatös schlief, sich hoffnungslos betrunken hatte oder suizidal war. Oder alles auf einmal. Und als wäre das nicht genug, hätte jeder von ihnen obendrein einen Master, einen potentiell mächtigen Magier, der meinen Master loswerden wollen würde und mein Master… Mein Master war ein Kind. Wenn ich das alles wirklich glaubte, dann war ich mächtig am Arsch.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück