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Dorian

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Ja, was soll ich sagen^^ Kapitel sieben halt. Viel Spaß beim lesen :D Komplett anzeigen

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Schon als wir in New York vor der zerfallenen Villa parkten, überkam mich ein mulmiges Gefühl.

"Irgendwas stimmt nicht." Scheinbar spürte Dorian es auch und Louis ebenfalls. Als ich ausstieg, betrachtete ich die Villa aufmerksam. Sie sah aus wie vorher, aber irgendetwas war definitiv anders. Louis schloss das Auto ab und ging langsam zur Tür. Er bewegte sich sehr vorsichtig und lauschte, bevor er die Tür öffnete. "Es riecht sehr stark nach Blut.", flüsterte er und als ich ihm rein folgen wollte, hielt Dorian meinen Arm fest. "Warte lieber erst, bis er das Okay gibt. Wenn noch jemand da drin ist, bist du vielleicht in Gefahr." Es war erstaunlich, wie die Besorgnis um mich und die Anderen im Haus die beiden zu einem Team machte. Also blieb ich mit Dorian in der Eingangstür stehen und lauschte, alles war still. Kein Geräusch war zu hören, zumindest für mich nicht.

Louis sah sich vorsichtig im Flur um und wollte gerade in das Fernsehzimmer gehen, als plötzlich Nadine um die Ecke gestolpert kam und sich die Arme vor den Bauch hielt. Sie war von oben bis unten voll mit Blut und als ich sie sah, wurde mir sofort wieder schlecht.

"Louis.", röchelte sie und brach am Türrahmen zusammen. Dorian stellte sich gleich schützend vor mich und ich bekam unglaubliche Angst. Was war hier passiert? Louis drehte sich zu uns um, sein Blick war fassungslos und erschrocken. "Ich gehe gucken, wo die anderen sind. Geht ihr nach oben und seht nach Mutter." Dorian hielt mir seine Hand hin, die ich dankbar mit beiden Händen ergriff und ihm nach oben folgte. Meine Erinnerung an jeden Horrorfilm, den ich je gesehen hatte wurde in meinem Kopf hervorgerufen und die schlimmsten Szenen wiederholten sich. Während ich langsam die Stufen rauf ging, drehte ich mich um und betrachtete Nadines regungslosen Körper. "Ist sie etwa tot?", fragte ich Dorian verzweifelt und panisch. Wir blieben stehen, als die Treppe sich nach links drehte und er sah konzentriert zu ihr. "Sie hat noch einen Herzschlag, aber nur sehr schwach.", dann zog er mich weiter die Treppe nach oben. Der Flur war stockfinster und ich konnte die Hand vor Augen nicht sehen, mein Griff um Dorians Hand wurde fester. Er sah sich um, lauschte und schnupperte leicht, dann ging er in das Zimmer seiner Mutter, doch sie war nicht da. Als er das Licht anschaltete, war es, als wäre nichts schlimmes geschehen. Die Einrichtung war noch ganz und nirgends war Blut zu sehen. Hier hatte also kein Kampf stattgefunden. Dorian ließ meine Hand los und ging zu dem Schreibtisch, wo ein Zettel mit einer Nachricht lag. "Sie haben sie entführt.", murmelte Dorian und zerknüllte den Zettel. Er drückte seine Finger so fest in die Faust, dass sein ganzer Arm zitterte und dann lief Blut aus seiner Hand, schon wieder Blut. Louis kam die Treppe rauf gestürzt und schob sich an mir vorbei, scheinbar hatte er das Gemurmel von Dorian gehört und starrte ihn nun fassungslos an. "Was? Entführt? Was steht noch drauf." Dorian warf Louis den zerknüllten und vor Blut triefenden Zettel vor die Füße.

Mit zittrigen Händen hob er ihn auf und las ihn.

Wortlos sah ich ihn an und konnte erkennen, wie sein Blick glasig wurde und dann ließ er sich nach hinten fallen und stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Er rutschte an ihr runter, sah schwer atmend zu Dorian.

Louis zeigte eine Seite von sich, die er uns immer verborgen hatte, er zeigte Schwäche und Hilflosigkeit. "Was sollen wir denn jetzt machen. Wie sollen wir sie retten? Wir wissen ja nicht mal, wo sie ist." Seine Stimme zitterte. "Wir sollten erstmal Ruhe bewahren. Es bringt nichts, wenn ihr euch verrückt macht." Vorsichtig nahm ich den Zettel und versuchte die verschmierten Buchstaben zu lesen, aber der Text war auf Französisch und darin war ich wirklich mehr als schlecht. "Was steht denn da. Nur, dass sie sie entführt haben?" Mein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, wer würde mir wohl zuerst antworten. Im Moment waren beide wie gelähmt, unfähig zu irgendeiner Handlung, Regung, oder Entscheidung.

"Da steht, dass wir sie nie wiedersehen werden und dass wir alle sterben werden.", sagte Dorian und betrachtete seine blutige Hand, dessen Wunde allerdings schon längst verheilt war.

"Sie haben übrigens alle umgebracht. Michelle, geh lieber nicht in den Raum gegenüber vom Fernsehraum. Ist eine ganz schöne Schweinerei." Verschreckt sah ich nun zu Louis, der ins Nichts starrte. Sie waren alle tot? "Nadine lebt doch noch, oder nicht? Dorian sagte, sie hätte noch einen Herzschlag?" Louis lachte kurz auf, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht. "Ach, die machts nicht mehr lange." Louis Feingefühl war mal wieder herzzerreißend und das, obwohl er selbst gerade Mitgefühl gebrauchen könnte.

"Na schön. Sucht am besten etwas, was eurer Schwester gehört hat, ich rufe Posey an, damit er herkommt. Wir haben jetzt keine Zeit, noch mal zurückzufahren."

Ganz ruhig ging ich wieder runter und ließ die beiden allein. Dorian und Louis brauchten vermutlich einen Moment, um sich wieder etwas zu fangen. Unten ging ich zu Nadine und berührte ihre Hand. Sie lehnte bewusstlos an der Wand und sah aus, als wäre sie bereits tot, doch dann atmete sie tief ein und öffnete ihre Augen. Sie betrachtete mich und dann kamen ihr die Tränen. "Ich werde sterben.", schluchzte sie und hustete Blut. Sie tat mir so unendlich leid, also setzte ich mich neben sie und zog sie in meine Arme. "Ich weiß nicht. Auf jeden Fall lass ich dich nicht alleine." Sollte sie wirklich sterben, war es doch sicher schöner, wenn sie nicht alleine da durch musste. Während ich Nadine mit einer Hand den Kopf streichelte, nahm ich mit der anderen mein Handy und schrieb Posey schnell eine Nachricht. Telefonieren hielt ich im Moment für etwas unangebracht. Von meiner Position aus konnte ich einen kleinen Blick in den Raum werfen, in den ich lieber nicht gehen sollte. Alles was ich sah war Blut auf dem Boden und unwillkürlich musste ich an die Nacht denken, als Dorian den Mann getötet hatte. Mit einem flauen Gefühl im Bauch wandte ich den Blick ab und konzentrierte mich auf Nadine, die flach atmete und leise weinte. Meine ganzen Sachen waren nun auch mit Blut beschmiert und eine allgegenwärtige Übelkeit breitete sich in mir aus. Es wurde immer offensichtlicher, dass der Geruch und Anblick von Blut mir nicht ganz so bekam, aber da musste ich jetzt durch. Nadine ging es viel schlimmer als mir. Wie lange wir dagesessen haben, kann ich nicht sagen, aber Louis und Dorian kamen erfolgreich wieder runter. "Wir haben was. Hat sie's hinter sich?" So böse, wie ich konnte, guckte ich Louis an. Nicht mal jetzt konnte er nett sein? "Ich lebe noch, du Arschloch.", keuchte Nadine und ich lächelte. Dorian hockte sich zu ihr und betrachtete die tiefe, klaffende Wunde am Bauch, die ich erfolgreich noch nicht angesehen hatte.

"Wieso heilt es nicht?", fragte ich ihn dann und er zuckte ratlos mit den Schultern. "Hexenwaffen sind meistens mit speziellen Zaubern versehen, damit wir uns nicht heilen können, oder nur sehr schwer und bei einer so tiefen Wunde ist eine Heilung fast unmöglich." Diese Aussage betrübte mich. Nadine war zwar sehr unfreundlich zu mir gewesen, aber so ein qualvolles Ende hatte sie nicht verdient. Louis ging nach draußen, ohne ein Wort zu sagen. Man musste kein Werwolf sein, um zu bemerken, dass ihm das alles hier wirklich an die Substanz ging und seine Fassade bröckelte. Auch wenn er mit dummen Kommentaren um sich schmiss, war seine Betroffenheit offensichtlich. "Ich werde sie mal auf das Sofa legen." Dorian hob Nadine vorsichtig hoch und trug sie zu dem Sofa in dem Zimmer mit dem Fernseher. Bevor ich ihm folgte, lugte ich vorsichtig in den Raum, um zu sehen, ob hier vielleicht noch weitere Opfer lagen, aber anscheinend war nur Nadine hier gewesen, als es passierte, also konnte ich beruhigt zu den beiden gehen und mich auf den Boden neben dem Sofa setzen. Die ganze Zeit hielt ich ihre Hand und irgendwann tropfte das Blut durch das durchweichte Polster.

"Können wir denn gar nichts machen? Vielleicht kann Posey ihr helfen. Wenn wir die Blutung irgendwie verlangsamen können bis er da ist, vielleicht hat er eine Idee, oder einen Zauber, oder sonstwas." Irgendwie war richtig verzweifelt. Dass sie stirbt wollte ich nicht und Dorian brachte es nicht übers Herz mich nicht mit der harten Wahrheit zu konfrontieren, also holte er Handtücher und drückte sie auf Nadines Wunde. Sie öffnete leicht ihre Augen und ein karamelliges funkeln kam unter ihren schweren Lidern hervor und dann lächelte sie mich an. "Du bist ein wirklich toller Mensch, Michelle.", hauchte sie und dann sah sie zu Dorian. "Lass sie bloß niemals gehen."

"Ganz sicher nicht.", antwortete er ihr und lächelte sie lieb an. Dorian hätte ihr in diesem Moment vermutlich alles versprochen, um ihr die Sache etwas einfacher zu machen. Eine ganze Weile hielt ich ihre Hand, die irgendwann immer kälter und ihr Griff immer schwächer wurde. Mir liefen die Tränen und ich flehte sie an, nicht zu sterben. "Ich hätte nie gedacht, dass mal jemand um mich weinen wird." Ihre Stimme war hauchzart und atemlos und die ganze Härte des Verlustes traf mich jetzt schon. So fest es ging, drückte ich ihre Hand, damit ich nicht bemerken konnte, wie sie immer lockerer wurde. Ansehen konnte ich sie auch nicht mehr. Stattdessen hielt ich meinen Kopf gesenkt und betete zu einem Gott, an den ich nicht mal glaubte. Dorian blieb die ganze Zeit bei uns und hielt die Handtücher auf ihre Wunde gedrückt, aber Louis kam nicht ein einziges mal rein. Stunde um Stunde verging und immer wieder dachte ich, jetzt wäre es vorbei, doch dann hob sich wieder leicht ihr Brustkorb und mein Herz flatterte vor Hoffnung auf. Dorian horchte schließlich auf. "Posey ist da." Er stand auf und sah erwartungsvoll zur Tür, die die ganze Zeit offen gestanden hatte und dann kamen Posey und Louis auch schon ins Zimmer.

"Ach du lieber Himmel." Fassungslos stand er da und starrte auf Nadine, die schon so blass war, dass sie sich an einer frisch gestrichenen Wand hätte tarnen können. "Kannst du ihr helfen?", fragte ich unter Tränen und hielt noch immer ihre Hand. Es fühlte sich an, als würden unsere Hände aneinander kleben und im Moment sah ich keinen Grund, sie jemals loszulassen. Posey kam näher und betrachtete die Misere. "Ich kann es versuchen, aber ich kann nichts versprechen. Sie ist wirklich sehr schwer verletzt und hat offensichtlich viel Blut verloren. Es grenzt schon an ein Wunder, dass sie noch lebt. Aber du solltest dafür besser raus gehen."

Eigentlich wollte ich nicht von Nadine weg, denn ich hatte ihr versprochen, sie nicht alleine zu lassen. Wenn sie tatsächlich nicht überleben sollte, würde ich mir das niemals verzeihen können, aber Posey hatte sicherlich Recht. Immerhin konnte ich ja offensichtlich kein Blut sehen und so, wie es klang, würde der Versuch, Nadine zu retten recht blutig werden. Posey sah zu Louis und dann zu Dorian. "Einer von euch beiden muss mir aber helfen." Leicht strich ich Nadine über ihr blutiges Gesicht und lächelte sie aufmunternd an, aber ich zweifelte daran, dass sie mich überhaupt noch wahrnahm. Dorian legte seine Hand auf meine, mit der ich Nadines Hand fest umklammert hatte und löste sie voneinander. Dann zog er mich hoch, legte seinen Arm um meine Hüfte und brachte mich nach draußen. Meine Beine waren wie Wackelpudding und ich knickte immer wieder ab, doch er hielt mich fest. Er stellte mich an einer Wand im Flur ab und schloss die Tür zum Fernsehzimmer, dann kam er wieder zu mir und sah mir tief in die Augen.

"Jetzt können wir nur noch hoffen. Vielleicht schafft er es ja sie zu retten." Schon hörte ich einen leisen Schrei und wollte sofort wieder reinstürmen, aber Dorian hielt mich zurück und zog mich dann ganz aus dem Haus, in die Nachtluft." Hilflos stand ich auf den Stufen zur Veranda und Dorian lief vor der Villa auf und ab. "Dorian.", flüsterte ich und er sah mich an. "Ich kann nicht...", flüsterte ich wieder und dann kam er zu mir und nahm mich in den Arm. "Lass uns etwas spazieren gehen.", meinte er und zog mich einfach mit sich. Zwar wollte ich nicht noch weiter weg, aber ich hatte keine Kraft, um mich zu wehren, was vermutlich auch nicht viel genützt hätte. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Die ganze Zeit war ich in Gedanken bei Nadine und fragte mich, was für Schmerzen sie wohl haben musste. Irgendwie wurde ich immer glücklicher darüber, dass Dorian bei mir war und mich einfach weggebracht hatte und obwohl er nicht viel sagte, half es doch ungemein. "Du leidest so sehr darunter?" Stumm nickte ich. "Aber noch vor wenigen Tagen hätte sie dich ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht."

Da hatte er wohl Recht. "Und dennoch will ich nicht, dass sie stirbt und es ist mir auch nicht egal, dass die anderen tot sind. Wenn sie schon tot gewesen wäre, als wir kamen, so wie die anderen, dann wäre es vermutlich nicht ganz so schlimm gewesen. Doch mit ansehen zu müssen, wie jemand stirbt, das ist für mich nun mal kein Zuckerschlecken." Dorian wusste, dass ich damit auch auf seine Mordaktion anspielte und er schwieg betreten. Wir kamen irgendwann an ein Flussufer, wo wir uns auf die rostige Haube eines ausgehöhlten Autos setzten. Gedankenverloren betrachtete ich, wie die vielen Lichter der Stadt sich in dem Wasser spiegelten. Das Wasser brach sich an dem Stein, mit dem das Ufer ausgekleidet war und nur das Rauschen unterbrach die abendliche Stille. Unter anderen Umständen hätte man es hier sicherlich romantisch finden können, aber ich wollte wissen, ob es Nadine gut ging und alle meine Gedanken waren bei ihr. Abwesend spielte ich an der Kette, die ich noch immer um den Hals trug und dann zog ich das Amulett aus meinem Shirt, um es zu betrachten. "Dorian.", sagte ich panisch und zeigte ihm das Amulett, das schimmerte und blinkte. Posey sagte, es würde schneller blinken, je näher eine Hexe kam und es blinkte zu schnell, als das es Poseys Anwesenheit hätte sein können.

Dorian stand auf und sah sich konzentriert um, starrte mit seinen glühenden, blauen Augen in die Nacht. Sie glühten zwar nicht wirklich, doch sie reflektierten die Lichter der Laternen. "Warte. Vielleicht haben sie noch gar nicht bemerkt, dass du kein Mensch bist. Los, setz dich wider neben mich." Er verstand nicht, worauf ich hinauswollte, aber tat mir den Gefallen und setzte sich neben mich. Das Amulett versteckte ich wieder unter meinem Shirt und lehnte mich dann an ihn. Vielleicht sahen wir für einen Außenstehenden ja wie ein ganz normales Pärchen aus.

Zumindest hoffte ich, dass wir einen ganz normalen Eindruck machten und wer auch immer uns zusah, nicht vermutete, dass einer von uns etwas Übernatürliches war. Dorian legte einen Arm um mich und senkte den Kopf. "Ich spüre, dass uns jemand beobachtet.", flüsterte er in mein Ohr und ich bekam etwas Panik, doch dann zwang ich mich zur Ruhe. Wenn einer von uns jetzt ausflippte, konnte das böse enden und noch mehr Blut musste heute nicht vergossen werden.

"Sie kommen näher, es sind zwei. Sie wollen uns überprüfen, ob wir Menschen sind."

Wenn ich so darüber nachdachte, war es eigentlich ziemlich dumm, sich darüber zu unterhalten, ob wir Menschen waren oder nicht, denn Hexen sollten doch eigentlich wissen, dass Werwölfe nicht grade das schlechteste Gehör haben, aber daran schienen sie nicht zu denken und mir sollte es nur recht sein. Er belauschte sie weiter und ich wurde nun wieder sehr nervös. Wir mussten sie irgendwie davon abhalten, uns anzusprechen, damit sie Dorian nicht als Werwolf erkennen konnten. Scheinbar mussten auch Hexen den Leuten in die Augen sehen, um ihre wahre Gestalt sehen zu können, was uns einen Vorteil verschaffte, denn mir fiel etwas ein, womit ich sie definitiv davon abhalten konnte, Dorians Augen zu sehen. Sehr lange dachte ich nicht darüber nach, sondern drückte ihm einfach meine Lippen auf den Mund. Mein Herz schlug wie ein Presslufthammer und es fühlte sich ganz anders an, als Louis Kuss. Nun löste ich mich wieder, aber rührte mich nicht weiter, meine Augen waren geschlossen und ich hoffte, seine auch. Er legte seine Hand auf meine Wange, strich mit dem Daumen über meine Unterlippe und zog mich wieder zu sich. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte, aber ich hatte das Gefühl, als würde ich gleich abheben. Zuerst schmeckte ich seine Lippen und dann seine Zunge. Es war irgendwie nass, aber fühlte sich sehr angenehm an und mein ganzer Körper kribbelte. Ob es ein langer, oder kurzer Kuss gewesen war, weiß ich nicht mehr, aber als wir voneinander abließen, musste ich tief Luft holen. "Sie sind weg.", flüsterte Dorian und leckte sich über die Lippen. Abwesend nickte ich, obwohl meine Augen noch halb geschlossen waren und ich es eigentlich gar nicht wusste. Die Nachwirkung dieses Kusses war lähmend. Langsam verstand ich, wieso alle so scharf darauf waren, ihren Schwarm zu küssen und Dorian war nicht mal mein Schwarm, sondern nur ein Freund. Vorsichtig lugte ich auf das Amulett, dass zwar noch immer etwas blinkte, sich aber allmählig beruhigte und schließlich ganz aufhörte. Noch eine ganze Weile saßen wir dort, redeten aber nicht miteinander. Irgendwie fühlte ich mich merkwürdig leicht, obwohl ich mir noch immer große Sorgen um Nadine machte und auch nach einer Stunde klopfte mein Herz noch sehr doll, wenn auch langsam. Dorian horchte dann wieder auf. "Louis ruft." Er nahm mich wieder an der Hand und ich folgte ihm zurück zu dem Haus. In mir machte sich Nervosität breit, der Zeitpunkt war gekommen.

Meine Hände wurden ganz schwitzig und klamm. Dort stand Louis, von oben bis unten voll mit Blut, in der Eingangstür und im Flur stand Posey, der auch nicht besser aussah und ich bekam wieder Panik. Langsam ging ich an Louis vorbei, der sich kein Stück bewegte und sah Posey erwartungsvoll und ängstlich an.

Dann lächelte Posey mich an und nickte. Einen Moment musste ich innehalten, um zu realisieren, was er mir damit sagen wollte und dann stürmte ich an ihm vorbei, in den Raum, wo Nadine lag. Sie war blass wie eine Kalkwand, aber sie atmete und sah mich glücklich mit müden, aber lebendigen Augen an. Sie weinte leicht vor Freude und ich viel vor dem Sofa auf die Knie. Die drei Männer hatten sich in der Tür versammelt und betrachteten die Szene mit erfreuten Gesichtern. Mich überkam das Gefühl, meine beste Freundin war dem Tod von der Schippe gesprungen und dabei kannte ich Nadine eigentlich gar nicht. Dennoch war ich noch nie in meinem Leben so froh gewesen. "Es war sehr knapp. Wäre ich nur ein Bisschen später gekommen, hätte ich ihr nicht mehr helfen können. Sie braucht jetzt aber viel Ruhe und gutes Essen, damit sich ihre Regenerationskräfte wieder in Gang setzen können. Durch eine mit einem Bann belegte Waffe, wurden die nämlich sozusagen ausgestellt. Ihr solltet wirklich vorsichtig sein mit diesen Hexen."

"Ich geh los und werde ihr was zu essen besorgen." Damit war Louis auch schon weg. Wie er in dem Aufzug was zu essen auftreiben wollte, ohne die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zu ziehen, war fragwürdig. Immerhin war er voller Blut, so wie wir alle und es gehörte nicht ihm.

Nadine war währenddessen eingeschlafen und Dorian, Posey und ich konnten uns, nachdem wir uns geduscht und umgezogen hatten, daranmachen, Amelie aufzuspüren.

Diese Prozedur dauerte eine Weile, doch schließlich reagierte das Pendel und blieb abrupt auf einer Stelle stehhen. Scheinbar lebte Amelie nicht nur, sondern hielt sich offensichtlich sogar in der Nähe von New York auf und damit in unmittelbarer Nähe. "Na endlich mal eine gute Nachricht." Nachdem das soweit geklärt war, gingen Dorian und ich nach oben und besichtigten die ganzen Zimmer, die sich dort befanden. Louis Zimmer war direkt neben dem von Mutter. Nach links ging der Flur an der Treppe vorbei und dort befanden sich zwei weitere Zimmer, von dem eines ein kleines Bad war. In dem anderen befand sich eigentlich nicht viel, außer einem klapprigen Bett. Auf der anderen Seite gab es noch drei Zimmer, die alle leer waren. "Wir werden Nadine am besten waschen und in das Bett legen und morgen sollten wir noch andere Betten besorgen, damit wir nicht die ganze Zeit auf dem Boden schlafen müssen." Da stimmte ich Dorian zu und ging schon mal nach unten in das Badezimmer, in dem es eine Badewanne gab und ließ Wasser ein. Dorian holte Nadine währenddessen aus dem Fernsehzimmer und ließ mich dann mit ihr allein im Bad.

Nadine befand sich die ganze Zeit im Halbschlaf, was es mir sehr schwer machte, sie irgendwie in die Badewanne zu bekommen, geschweige denn, sie auszuziehen, aber es gelang mir und als sie so in der Wanne lag und döste, huschte ich nach draußen und fragte Dorian, ob er ihre Sachen suchen konnte. Oben haben wir nichts gefunden und ich wollte nicht in das böse Zimmer gehen. Allerdings schien das in weitere Zimmer zu führen und da waren vermutlich ihre Sachen. Während Dorian also auf die Suche ging, wartete ich im Badezimmer und passte auf, dass Nadine nicht ab gluckerte. All das Blut wusch ich vorsichtig mit einem Badeschwamm von ihr ab und am Ende war das ganze Wasser dunkelrot gefärbt. Dorian musste mir am Ende dann doch noch helfen, sie wieder aus der Wanne rauszubekommen und anzuziehen. Alleine hätte ich ihr vermutlich nur weh getan. Er hatte tatsächlich noch ihre Sachen gefunden und als wir fertig waren, trug sie ein weites, langes Shirt und eine gemütlich aussehende Schlabberhose. Dorian trug sie dann nach oben und legte sie in das klapprige Bett, das er vorher noch bezogen hatte und dort schlief sie die ganze Nacht wie ein Baby. Posey blieb noch bis zum nächsten Morgen, aber dann verabschiedete er sich, denn Nora wartete auf ihn. Louis war im Laufe der Nacht wiedergekommen und bereitete ein leckeres Essen zu, dass für uns alle reichte. Dorian hatte Nadine geweckt und nach unten gebracht und nachdem sie mit essen fertig war, sah sie schon wesentlich besser aus. Sie bekam wieder ein wenig Farbe im Gesicht und ihre Stimme wurde wieder kräftiger. Dorian hatte in den letzten Tagen Louis Klamotten tragen müssen, in die der große Kerl kaum reinpasste. "Wir müssen dir unbedingt noch Sachen besorgen, die dir passen. Sonst denken die Leute noch, du bist ein Stripper und auf dem Weg zu einer Junggesellenparty." Damit hatte Louis nicht ganz Unrecht. Christophers Sachen hatten wenigstens noch einigermaßen locker gesessen, vor allem nach ein paar Tagen, aber das, was er von Louis bekommen hatte, ließ kaum noch Raum für Fantasie und jedes Mal wurde mir bei dem Anblick ganz anders. So warm und kribbelig. Mir viel es zunehmend schwerer, den Blick abzuwenden. Dorian und Louis hatten nach dem Frühstück den Raum mit den ganzen Werwolf Leichen aufgeräumt und gesäubert. Was sie mit ihnen gemacht hatten, wollte ich nicht wissen. Jedenfalls war am Ende kaum noch etwas von der Schlachterei zu sehen.

Endlich konnte ich auch mal in die Küche gehen, die an dem schlimmen Raum angrenzte und in den Raum, der dahinter war. Scheinbar hatten sich alle Bewohner des Hauses, ausgenommen Louis und Mutter, in diesem und dem schlimmen Raum verteilt. Es lagen überall Matratzen und Taschen mit Habseligkeiten rum. Diese Sachen wollte Louis wegschmeißen, aber ich konnte ihn dazu überreden, sie lieber zu spenden. Immerhin war alles noch in gutem Zustand und bevor es in der Mülltonne landet, konnten sich Menschen daran erfreuen, die es brauchten.

Am zweiten Tag ließen Dorian und Louis, Nadine und mich allein in der Villa, um Klamotten einzukaufen, damit Dorian endlich eine eigene Garderobe hatte. Die Sachen, die er sich kaufte, waren nicht ohne. Die Hosen saßen locker, aber doch wieder eng genug und seine Shirts waren etwa so, wie Christophers. Eng, aber ließen noch Platz zum Atmen. Dazu gab es noch neue Schuhe und eine richtig schicke Lederjacke. Er kam in den neuen Klamotten rein und fragte Nadine und mich, wie wir es fanden. Mein Mund stand offen und ich war relativ sprachlos, stammelte nur einsilbige Wörter. "Siehst echt heiß aus.", brachte Nadine es dann auf den Punkt. "Danke. Und du, Michelle?" Dorian grinste über beide Ohren und schien von mir eine ebenso Positive Bewertung haben zu wollen. "Na komm, sie sabbert doch gleich." Schon erwachte ich aus meiner Starre, als Louis reinkam. Die Kommentare hatten in den letzten Tagen wieder zugenommen. "Sieht gut aus.", sagte ich dann knapp und schaute konzentriert zum Fernseher. Den Kuss zwischen mir und Dorian erwähnte weder ich, noch er, aber etwas hatte sich verändert. Manchmal sah er mich einfach gedankenverloren an und manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich ihn anstarrte. Zwischendurch hatte ich es sogar geschafft, meine Mum anzurufen und dieses Gespräch hat sich ewig in die Länge gezogen. Eine ganze Stunde erzählte sie mir alles Mögliche, während ich kaum etwas sagte. Insgesamt blieben wir drei Tage in dem Haus, bis es Nadine wieder soweit gut ging, dass sie sich sogar ausgiebig mit Louis anlegen konnte.

"Morgen früh fahren wir los. Ich habe uns mal eine Karte besorgt. Posey konnte Amelies Aufenthaltsort ja relativ genau bestimmen, zumindest was die Stadt angeht."

Wir saßen alle am Küchentisch und betrachteten die Karte, die Louis ausgebreitet hatte und ich versuchte, den Namen des Ortes zu lesen, wo wir als nächstes hinfahren mussten, aber das war gar nicht so leicht, denn die Karte stand für mich auf dem Kopf. "Was steht da?"

"Da steht Mersey Town." Den Namen fand ich schon ein bisschen seltsam und sofort bekam ich ein ungutes Gefühl im Bauch, aber ich wollte nicht den Miesmacher spielen, also behielt ich mein Unbehagen für mich. Vielleicht war meine Unsicherheit ja auch total unbegründet. Immerhin war in den letzten Tagen so viel passiert, dass es doch ganz natürlich war, dass mein Hirn mit dem schlimmsten rechnete. "Also schön. Ich würde vorschlagen, dass wir heute alle zeitig schlafen gehen, damit wir alle ausgeruht sind, vor allem Nadine sollte sich schonen."

Wir hatten schon im Vorfeld geklärt, dass Nadine mitkommen sollte. Sie war zwar noch recht schwach, aber sie wollte unter keinen Umständen alleine zurückbleiben.

Nachdem es ihr besser ging, hatten wir sie gefragt, ob sie uns sagen konnte wer dieses Massaker veranstaltet hatte, aber sie konnte uns auch nicht weiterhelfen. "Fremde, die ich nicht kannte, aber ein Mädchen, dass so aussah wie Mutter war nicht dabei." Wenigstens konnten wir ausschließen, dass Amelie dabei gewesen war und nachdem wir alle Einzelheiten für den Ausflug nach Mersey Town geplant hatten, gingen wir schnell schlafen. Ich kann nicht sagen, wie es bei den anderen war, aber ich habe eine halbe Ewigkeit gebraucht, um einzuschlafen. In den drei Tagen, die wir in der Villa verbrachten, hatten Louis und Dorian weitere Betten besorgt und nun hatte jeder sein eigenes Zimmer. Eins blieb allerdings unbesetzt, aber dennoch bekam es ein Bett. Vermutlich hofften die Brüder, sie würden Amelie finden und mitnehmen können und für den Fall hätte sie sogar schon Bett. Dazu hatte ich nichts gesagt, weil ich ihre Hoffnung nicht trüben wollte und auch Nadine hatte dem schweigend zugesehen.
 

Am nächsten Tag waren wir alle schon ziemlich früh wach und bereiteten uns auf die Fahrt vor. Keiner von uns redete besonders viel, nicht mal Louis. Als wir alle ins Auto stiegen, stellte ich fest, dass es langsam ziemlich eng wurde. Wenn Amelie tatsächlich noch dazu kommen würde, wären wir fünf Leute und mit bewegen war dann nicht mehr sehr viel. Im Moment allerdings war noch genug Platz und Nadine hatte sich dazu bereit erklärt, sich vorne auf den Beifahrersitz zu setzen und dann konnte es losgehen. Je näher wir Mersey Town kamen, desto nervöser wurde ich.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von: Futuhiro
2018-06-17T19:27:51+00:00 17.06.2018 21:27
Gott sei Dank. XD Ich dachte schon, die fragen Nadine gar nicht mehr, was passiert ist oder wer das war. Das wäre das erste gewesen, was ich getan hätte, bevor sie mir wegstirbt. XD

Das Kapitel war schon etwas böse. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, daß die in ihr Haus zurückkommen und dort alles aus heiterem Himmel verwüstet ist. Sehr schöner Schreck-Moment im Plott. Ich mag es, wenn Storys ein bisschen unberechenbar bleiben.

Aber wieso haben sie und Dorian nicht versucht, rauszukriegen, wer die Hexen sind, wenn sie schon am Ufer welchen begegnen? Ich nehme wohl mal an, daß Hexen nicht soooo häufig sind. Da wäre es doch naheliegend, daß sie es hier gleich mit den gesuchten Tätern zu tun haben.


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