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Dorian

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Nun startet es also, meine Geschichte. Also nicht meine, aber ich habe sie ja geschrieben XD
Ich wünsche viel Spaß. Sollten Fehler oder Unstimmigkeiten entdeckt werden, darf man mir das gerne mitteilen. Ich werde das natürlich korrigieren :D Komplett anzeigen

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Für Gaping Hill war es in diesem Sommer ungewöhnlich warm. Die Sommerferien hatten angefangen und es war so warm, dass in der ersten Woche mein Zimmer nur verlassen hatte, wenn es unbegingt sein musste. Ich mochte die Hitze draußen nicht wirklich, weswegen ich in meinem Zimmer zwei Ventilatoren platziert hatte, die den ganzen Raum mit kühler Luft durchfluteten.

Meine Vorhänge waren immer zugezogen, zumindest wenn am Mittag die Sonne genau auf mein Fenster schien. Glücklicherweise hatte ich bei dem Kauf der Vorhänge darauf gedrengt, extra blickdichte zu kaufen, damit sich mein Zimmer nicht aufheizen konnte.

Meine Zimmerpflanzen Eliot und Erwin konnten den Sommer auch nicht wirklich leiden. Zu meinem Glück benötigten sie nicht sehr viel Sonne, aber dafür viel Wasser. Wenn sie mal nicht genug hatten, straften sich mich, indem sie ihre schönen Blätter einfach hängen ließen und das konnte schon innerhalb einer Nacht passieren. Eliot wäre mir einmal fast verwelkt, als ich bei einer Freundin übernachtet hatte. Als ich am nächsten Nachmittag wieder nach Hause kam, hing er nur da. Seine Blätter waren schon braun und er sah aus wie eine Pflanzenleiche. Meine Erste-Hilfe-Aktion in der Badewanne konnte ihn zum Glück noch mal retten, aber das hätte auch ganz anders ausgehen können. Seitdem achtete ich darauf, dass seine Schale, in der sein Topf stand, immer mit Wasser gefüllt war.

Nun lag ich, bei unerträglicher Wärme, auf meinem Bett und träumte von einem Ausflug in die Arktis. Vom dem kalten Schnee auf meiner Haut und dem eisigen Wind, der mir die Nase einfror.

Es gab bei uns in Gaping Hill, dass man als verschlafenes urtümliches Städtchen beschreiben konnte, natürlich auch so frostige Temperaturen, dass meine Heizung den ganzen Tag auf höchster Stufe stand. Im Sommer wünschte ich mir diese Kälte und im Winter wollte ich, dass es warm war. Dieser Wunsch war so normal, dass mir schon schlecht davon wurde. Jeder, den ich kannte wollte das und deshalb behauptete ich immer das Gegenteil. Mir gefielen die Hitze im Sommer und die Eiseskälte im Winter. Genau genommen liebte ich aber tatsächlich den Herbst und manchmal auch den Frühling, doch der Herbst war die schönste Jahreszeit. Der frische Wind, der noch nicht zu kalt ist. Der Regen - ich liebe Regen. Das Laub, das einen wunderbaren Duft verbreitet und von der unglaublichen Farbenpracht fange ich besser gar nicht erst an. Gaping Hill liegt mitten in einem Laubwald, also ist der Herbst eindeutig die schönste Jahreszeit.

Aber ich schweife ab. Es war natürlich nicht Herbst, sondern Sommer und ich genoss meine zwei Ventilatoren, während ich mit geschlossenen Augen auf dem Bett lag und in meiner Fantasie durch schönen, kühlen Schnee stapfte. Meine Mum erwartete Besuch von ihrem neuen Freund, der eigentlich schon fast bei uns wohnte. Sie war einer dieser "Einhorn Menschen", wie ich die Art von Mensch nannte, die an die wahre Liebe -natürlich auf den ersten Blick- glaubten und sie redete nur noch von ihm. Wenn er da war, turtelten die beiden ununterbrochen und stupsten sich immer mit der Nase an und gaben sich kleine Küsschen, das volle Programm eben. Ich war fest entschlossen, ihn an diesem Tag nicht zu sehen, denn ich konnte dieses schmierige Grinsen nicht ertragen und dieses Teeanagergehabe der beiden war unerträglich. Ich hatte meiner Mum gesagt, dass ich sowieso schon was vorhatte und diese Ausrede, die natürlich eine Lüge gewesen war, zwang mich dazu, das Haus zu verlassen. Träge raffte ich mich also auf und schlüpfte in die kürzeste Hose die ich finden konnte. Mein liebstes Top im Sommer war schon so abgetragen, dass aus dem ursprünglichen sonnengelben Farbton, ein ausgewaschenes gelb wurde. Dennoch war es noch immer das, was ich am liebsten anzog. Durch den leichten Stoff, konnte ich jeden Luftzug genießen und dank den Spagetthiträgern bedeckte fast nichts meine Schultern.

Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich hinaus in die Bullenhitze. Ich stand auf unserer Veranda, die mal einen neuen Anstrich hätte vertragen können und schaute auf das Thermometer, das wie gewohnt im Schatten hing. Es zeigte 38°C an und bei der Zahl wurde ich fast ohnmächtig. Wenn es im Schatten so warm war, wie würde es dann erst in der Sonne sein? Vor meinem geistigen Auge spielte sich ab, wie ich wieder nach Hause kam und meine Mum mich nicht mehr erkannte, weil ich verkokelt war und kleine Rauchwölkchen von meiner Haut aufstiegen.

Zuerst nahm ich noch einen tiefen Atemzug, bevor ich los ging. Im ersten Moment kam es mir vor als würde ich gegen eine dicke Wand laufen und kurz überlegte ich, meinen wichtigen Termin, den ich natürlich nicht hatte, abzusagen und mich wieder nach drinnen zu verziehen. Doch da ich nun schon mal draußen war, ging ich einfach weiter. Mein Weg führte mich in den Wald, wo die Baumkronen so dich waren, dass die Sonnenstrahlen es kaum hindurch schafften, sodass es angenehm kühl war. Nach einem schönen Spaziergang, den ich eher als Schleichgang bezeichnen würde, kam ich schließlich an den See. Natürlich waren die Leute aus meiner Schule schon alle fleißig am Baden und Feiern. Während ich nach einer relativ einsamen Stelle ausschau hielt, suchte ich unter den Jugendlichen nach meinen Freunden, die sich auch gerne mal an den See setzten, doch die konnte ich nicht finden. Hier waren nur die aufgeblasenen, normalen, supercoolen Mädels in ihren kaum vorhandenen Bikinis und die dazu passenden normalen Athleten mit ihren perfekten normalen Frisuren und ihren hübschen und dennoch normalen und langweiligen Gesichtern. Nachdem ich um den halben See gegangen war, fühlte ich mich, als würde ich mich gleich in meine Bestandteile auflösen, weil alles an meinem Körper zu Wasser wurde und am Ende würde nur noch ein kleiner Haufen aus glibberiger Haut zurückbleiben. Der Badestrand, der auf der anderen Seite schön sandig und weich an den Füßen war, wurde hier zu einem Waldboden und nun konnte man auch nicht mehr von einem Strand sprechen, sondern eher von einem Ufer. Unsicher sah ich mich um und überlegte, ob das hier vielleicht ein Privatgrundstück war und ich das Schild einfach nicht gesehen hatte. Doch wenn es so war, dann hätte der Besitzer sicherlich ein großes Schild aufgestellt. Sollte allerdings tatsächlich irgendwo ein Schild stehen, musste es so alt und verwittert sein, dass es mir auch egal sein konnte, weil es sowieso niemanden mehr interessierte. Wer würde mich denn schon erschießen, nur weil ich mich auf den seinen Steg gesetzt habe? Es gab sicherlich genug Verrückte auf dieser Welt, aber doch sicherlich nicht hier in Gaping Hill. Etwas unsicher schlich ich über den hölzernen und schon leicht morschen Steg, um mich an sein Ende zu setzen. Meine Flipflops zog ich aus, stellte sie hinter mich und ließ meine Beine in das kühle Wasser eintauchen.

Ein paar Minuten lang baumelte ich mit den Füßen und betrachtete die kleinen Wirbel, die ich damit verursachte. Wie in Trance bemerkte ich gar nicht richtig, wie ich immer weiter ins Wasser eintauchte und schließlich komplett nass war. Ich seufzte einen Moment, als mir klar wurde, dass meine Sachen ja nun auch nass waren, doch eigentlich war das egal, denn bei dieser Hitze würden sie sowieso wieder sehr schnell trocken sein.

Mit ausgebreiteten Armen lehnte ich mich so weit nach hinten, bis ich auf dem Wasser lag, als würde ich in meinem weichen, gemütlichen Bett liegen. Meine Augen schlossen sich wie von selbst und ich ließ mich einfach treiben. Ich hörte und sah nichts, hatte nur den Geruch von Seealgen in der Nase und das kühle Nass auf meiner Haut und in meinen Sachen.

Jedes Zeitgefühl ging verloren und als ich die Augen wieder öffnete, trieb ich irgendwo mittig und die Sonne war schon so weit gewandert, dass die mittagszeit bestimmt schon vorüber war.

Das Treffen der beliebten Leute auf der belagerten Seeseite hatte gerade eine Ruhephase, wie mir schien. Vermutlich, weil viele noch mal losgefahren waren, um von irgendetwas Nachschub zu holen.

Langsam kam ich wieder in eine normale Schwimmposition, um zu dem Steg zurückzuschwimmen und da sah ich ihn zum ersten Mal.

Auf dem Steg, direkt neben meinen Flipflops, stand ein Mann. Er war kaum zu erkennen, ich war einfach zu weit weg. Der Mann stand einfach nur da und sein Blick schien starr auf mich gerichtet zu sein. Nervös fragte ich mich, ob er mich beobachtet hatte, wie ich hier die Wasserleiche mimte, oder ob er der Grundstückseigentümer war und mich, sobald ich wieder an Land war, schlimm bestrafen wollte. Meine Fantasie fing an mir schlimme Szenen zu zeigen und langsam machte sich Panik in mir breit. Im Wasser bleiben, bis er verschwunden war, war auch keine gute Option, denn ich fühlte mich schon ganz aufgeweicht. Langsam setzte ich mich also in Bewegung und schwamm wieder zurück, dem Unbekannten, der auch ein lange gesuchter Serienkiller sein konnte, entgegen. Schon nach wenigen Augenblicken wurden meine Gelenke etwas schwer und taub. Wahrscheinlich, weil ich mich nur hatte treiben lassen, waren meine Gelenke jetzt steif geworden und kurz zog es mich unter Wasser.

Mich ergriff eine leichte Panik, die mich schüttelte, doch dann konnte ich wieder auftauchen. Eilig und mit geschlossenen Augen paddelte ich zum Ufer, damit ich nicht noch wirklich ertrank und als ich meine Augen wieder öffnete, war der Mann am Ufer verschwunden.

Schnell zog ich mich aus dem Wasser und sah mich um. Der Mann war wirklich nirgends zu sehen.

"Komisch...", murmelte ich und beschloss, dass ich mir das nur eingebildet hatte. Das Wasser war mir wahrscheinlich in die Ohren gelaufen und hatte eine Halluzination ausgelöst, wie auch immer das funktionieren sollte, aber das war es vermutlich. "Hier rennt kein Mann rum, der sich irgendwo hinstellt und Leute beobachtet, wie sie sich nicht bewegten und verschwand dann schnell wieder, wenn sie unbeobachtet waren.", murmelte ich vor mich hin, während ich noch ein bisschen die Umgebung absuchte. Wer hatte denn schon solche Hobbies?

Klitschnass schnappte ich mir meine Latschen und tapste los. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn mit nackten Füßen auf Waldboden zu laufen ist nicht gerade das, was man als Zuckerschlecken bezeichnen könnte. Meinen Blick und meine gesamte Aufmerksamkeit waren auf den Boden gerichtet, denn ich wollte nicht in etwas rein treten. Kleine, spitze Steine lagen überall herum, weshalb ich nach Stellen, die ich gefahrlos betreten konnte suchte. So bahnte ich mir hüpfend einen Weg durch das Steinchenminenfeld. Ich war so konzentriert, dass ich die Fußabdrücke, die definitiv nicht von mir und dazu neu waren, gar nicht richtig wahr nahm. Natürlich habe ich sie gesehen, aber mein Hauptaugenmerk lag auf etwas anderem und deshalb ignorierte ich die fremden Fußabdrücke.

Auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich irgendwie beobachtet, aber immer wenn ich stehen blieb und mich umsah, war nichts zu sehen und zu hören. Als ich wieder zu Hause ankam, war ich schon wieder fast trocken und die abendliche Wärme erledigte dann noch den Rest. Ich ging nicht sofort ins Haus, sondern setzte mich auf den Schaukelstuhl meiner verstorbenen Großmutter, der auf der Veranda wie ein Geist stand und ab und zu sogar etwas schaukelte. Immer wenn ich dort saß, hatte ich das Gefühl, sie wäre bei mir und würde mir meine Haare streicheln und ich liebte diesen Gedanken. Irgendwann kam meine Mum raus und setzte sich auf einen kleinen Hocker und lächelte mich an. "Wieso sitzt du denn ganz allein hier draußen? Komm doch rein, wir haben wirklich viel Spaß." Ich schüttelte den Kopf. "Lass mal, ich genieße lieber den Abend. Allein. Aber schön, dass du deinen Spaß hast." Meine Mum lächelte so, wie es nur Verliebte taten. Ich gönnte ihr dieses Gefühl, aber ich wollte nicht mit ansehen, wie sie sich zum Deppen machte. "Sag mal, warst du schon mal auf der anderen Seite des Sees? Also da, wo kein Badestrand ist?", fragte ich sie dann ganz unvermittelt.

"Ja, als ich klein war, aber nur einmal. Eigentlich ist die andere Seite abgesperrt. Du bist doch nicht über den Zaun geklettert?" Ungläubig schaute ich sie an. Dort war nirgends ein Zaun zu sehen und ich habe extra nach einer Abgrenzung Ausschau gehalten. "Nein, ich klettere doch nicht einfach über Zäune, Mum! Vor allem, weil ich nur Flip Flops anhatte. Wie soll ich denn damit über einen Zaun kommen?" Sie nickte zufrieden. "Aber wieso ist das abgesperrt? Ich meine, ist das Privatgrundstück? Immerhin gibt es ja einen Steg und so." Meine Mum überlegte kurz und ließ ihren Blick über Häuser gegenüber schweifen.

"Naja weißt du, Michelle, ach es würde jetzt zu lange dauern, dir das alles zu erzählen. Lass uns das ein anderes Mal machen, ja? Ich werde jetzt wieder rein gehen und du kannst ja noch hier bleiben. Christopher wartet bestimmt schon."

Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und verschwand wieder. Christopher hieß ihr Liebster, aber ich nannte ihn immer Charming. Natürlich sprach ich ihn nicht so an, sondern mit seinem echten Namen. Da meine Mum allerdings immer von ihm redete, als wäre er Prinz Charming, war es doch nicht sehr abwegig, ihn auch so zu nennen. Es gab also eine lange Geschichte zu der anderen Seeseite? Das war interessant, doch noch viel interessanter war, dass ich scheinbar durch einen Zaun gelatscht war, ohne ihn zu bemerken. Vielleicht stand der Zaun auch schon eine Weile nicht mehr, immerhin war meine Mum offensichtlich seit einer langen Zeit schon nicht mehr am See gewesen. Bei besonders heißen Tagen machte sie es sich meistens im Schatten bei uns im Garten gemütlich und ließ ihre Füße in einen Eimer mit kaltem Wasser hängen. Ich nahm mir vor, sie bei nächster Gelegenheit mal zu fragen, was es damit auf sich hatte. In diesem Moment kam mir allerdings eine viel bessere Idee.

Am nächsten Tag ging ich schnurstracks, gleich nach dem Frühstück zum Haus der alten Hanne, das am Ende unserer Straße stand. Sie war eine echt nette, alte Frau, die ihr Haus so gut wie nie verließ. Das faszinierende daran war, dass sie dennoch immer alles wusste. Die Leute aus der Stadt fanden sie unheimlich und vermieden es, mit ihr zu reden, aber mir war ihre schrullige Art sogar sehr sympathisch. Eigentlich war sie der interessanteste Mensch, den ich kannte. Die alte Hanne hatte zwei getiegerte Katzen und einen bunten Papagei. Ihr Haus war voller Gerümpel und zu jedem Stück gab es eine Geschichte. Sie hatte also keinen Müll im Haus stehen, sondern Erinnerungen und ihre Geschichten faszinierten mich immer wieder auf's Neue. Aufgeregt klingelte ich bei ihr und als Hanne öffnete, streunte mir schon der kleine Toby -eine der beiden Katzen- um die Beine. Er liebte mich seit dem ersten Tag und diese Liebe erwiderte ich sogar. Er war mein kleiner, flauschiger Charming in schwarz-grau und hellen gelben Augen. Wie gewohnt nahm ich ihn hoch und er schmiegte seinen kopf sofort an meinen Hals und schnurrte leise. "Hallo Hanne, du hast doch bestimmt Zeit für einen Tee und eine Geschichte?" Strahlend ließ mich die alte Frau ins Haus und ich machte es mir auf ihrem uralten Sofa bequem. Hier hatten sogar die Möbel eine lange Geschichte zu erzählen. Langsam ließ ich mich in die weiche Rückenlehne sinken, wobei das Sofa ein leichtes Knarren von sich gab.

Toby rollte sich auf meinem Schoß zusammen und schnurrte weiterhin leise und glücklich vor sich hin, während ich ihn kraulte. Hanne kam schon bald mit dem Tee und setzte sich in ihren Sessel, der genau die Passform von ihrem Po hatte. "Also, Michelle. Ich habe das Gefühl, du möchtest eine bestimmte Geschichte hören?" Ich nickte leicht. "Na ja, ich weiß eigentlich gar nicht, ob es wirklich eine Geschichte dazu gibt, aber wenn, dann möchte ich sie auf jeden Fall hören. Gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf der anderen Seite des Sees, der im Wald ist. War schon komisch, dass ich noch nie vorher dort war." Hanne machte eine wissende Kopfbewegung, lehnte sich zurück und begab sich in ihre Erzählposition. "Oh ja, es gibt viele Geschichten von dieser Seseite. Als ich noch jung war, etwa in deinem Alter, hat dort eine Familie gelebt. Sie waren nicht sehr gesellig, aber freundlich, wenn man sie traf. Ein Ehepaar, zwei Söhne und eine Tochter. Ich ging mit dem Mädchen in eine Klasse. Sie war wunderschön und niemals zuvor oder danach habe ich ein so schönes Mädchen gesehen. Amelie war ihr Name und die Brüder waren Zwillinge, sahen aber aus wie ganz unterschiedliche Jungs, also, es waren Zweieiige. Auch die beiden waren wirklich sehr ansehnlich. Ich kann mich noch genau an ihre Augen erinnern. Der eine hatte so strahlend blaue Augen, dass mir immer ganz schwindlig davon wurde und der andere hatte so stechend grüne Augen, dass es mir kalt den Rücken runter lief. Sie waren höflich, aber sehr verschlossen, als hätten sie ein Geheimnis und sie blieben meistens unter sich. Es gab natürlich viele Gerüchte um die Geschwister. Niemand war jemals in ihrem Haus gewesen und eines Tages brannte es nieder. Keiner wusste wieso und keiner wusste, was mit der Familie passiert war. Es wurden niemals Leichen gefunden, also dachte man sich, sie wären geflohen. Ein paar Jahre später sah ich auf der anderen Seite manchmal einen Mann. Er stand dort am Steg und schaute zu uns rüber. Egal, wie lange ich ihn ansah, niemals bewegte er sich und dann war er immer plötzlich verschwunden, als hätte er nie dort gestanden. Einmal haben wir im Eifer der Jugend eine Mutprobe gemacht. Diejenigen, die beweisen wollten, wie mutig sie waren, wollten zu der alten Ruine gehen und ein verbranntes Stück mitbringen." Hanne machte eine gewichtige Pause. Ich war wie gebannt. Der Mann, ich hatte ihn auch gesehen. "Und ist was Schlimmes passiert?" Ich flüsterte schon fast und konnte kaum atmen vor Spannung, doch Hanne schüttelte den Kopf. "Ich war eine von den Mutigen, die sich hineingetraut haben. Ich blieb auch am längsten drin und ich war das einzige Mädchen, das sich getraut hat. Die Jungs sind schnell rein, haben schnell irgendetwas gegriffen und sind mit stolz geschwellter Brust wieder raus marschiert, aber ich habe mir Zeit gelassen, denn ich wollte etwas Besonderes mitnehmen. Das Haus war nicht gänzlich zerstört worden durch den Brand, aber doch sehr in Mitleidenschaft gezogen. Es wirkte, als würde es jeden Moment zusammen stürzen, aber irgendwie geschah das nie. Ich bin durch ein paar Räume gegangen und habe eine Kette gefunden, die ich an mich nahm." Mühevoll stand Hanne auf und ging zu einem Schränkchen, öffnete eine Schublade und holte ein Kästchen hervor. Die alte Dame zeigte mir oft irgendwelche Sachen, zu denen sie mir, bei einer Tasse Tee, die dazugehörigen Geschichten erzählte. Ich empfand tiefe Bewunderung dafür, dass Hanne stets wusste, wo jeder einzelne Gegenstand versteckt war, obwohl ihr Haus voller Kram war. Sie gab mir das Kästchen und langsam öffnete ich es. In dem hübsch verzierten Gefäß lag eine verkohlte Kette. Den Anhänger konnte man kaum noch erkennen. Mit ein bisschen Zuwendung, hätte man vielleicht dafür sorgen können, dass man den Anhänger wieder etwas sauberer bekam, doch Hanne brauchte das nicht, um sich an die Geschichte zu erinnern. "Und was ist dann passiert?"

Vorsichtig legte ich die Kette zurück und stellte das Kästchen auf den Tisch. "Eigentlich nichts weiter. Ich hatte es recht eilig, nach draußen zu kommen, als ich in einer noch halbwegs vorhandenen Fensterscheibe jemanden sah, der hinter mir stand, aber als ich mich umdrehte, war er verschwunden." Angespannt hielt ich die Luft an. "War es der mysteriöse Mann?"

Hanne nickte und machte einen bedeutsamen Gesichtsausdruck. "Weiß du, ich war gestern da drüben", fing ich dann an zu gestehen. "Da stand nicht mal mehr ein Zaun und ein Haus konnte ich auch nirgends sehen." Hanne beugte sich vor und sah mich eindringlich an. "Du hast ihn gesehen, oder?" Ich nickte, trank eilig einen Schluck von meinem Tee und zog schmerzhaft die Luft ein, als ich mir die Zunge daran verbrannte. "Glaubst du, er ist gefährlich? Hast du mal mit ihm geredet? Hat er dich womöglich mal angesprochen?" Meine Neugier stieg, denn ich wollte wissen, wer das war und was es mit ihm auf sich hatte. Hanne schnaufte und lehnte sich wieder zurück. "Ich denke nicht, dass er gefährlich ist. Ich glaube ehrlich gesagt nicht mal, dass er wirklich real ist, zumindest nicht so wie du und ich. Ich glaube, es ist eine Art Projektion oder Erinnerung."

"Was meinst du damit?" Meine Gedanken überschlugen sich. Eine Projektion, eine Erinnerung, oder vielleicht sogar ein Geist? "Na ja, der Mann, den ich immer sah und den du auch gesehen hast, sieht einem der Brüder zum verwechseln ähnlich. Vielleicht ist er bei dem Brand umgekommen und sein Geist ist noch immer da. Es könnte sein, dass wir nur die Erinnerung an ihn sehen können. Geredet hat er nie, obwohl ich ab und zu versucht habe mit ihm zu sprechen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich überhaupt gehört hat. Meistens sah er mich einfach nur an und verschwand dann plötzlich wieder." Diese Geschichte nahm langsam eine Form an, von der ich nicht wusste, ob sie mir gefallen oder, ob ich Angst bekommen sollte. Wenn das wirklich stimmte, war das etwas absolut Unnormales und mein Inneres drängte mich, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Nur ein ganz kleiner Teil von mir wollte die Sache lieber auf sich beruhen lassen.

"Hast du vielleicht ein altes Jahrbuch mit einem Foto von den Geschwistern?" Ein Bild von ihnen zu sehen wäre sicherlich spannend gewesen. Genau habe ich den Mann am Steg zwar nicht erkennen können, aber ich wollte dennoch wissen, wie die drei Geschwister ausgesehen haben.

Hanne überlegte kurz, nickte dann und ging wieder zu einem ihrer vielen Schränke, holte mit einem gezielten Griff ein Buch heraus und gab es mir. "Ich hole dir ein paar Kekse und du kannst es dir ja schon mal ansehen und gucken, ob du sie selbst erkennst." Sie verschwand in die Küche und ein leises Klappern war zu hören, als sie die Kekse aus einer Dose holte und auf einem kleinen Teller verteilte. Derweil blätterte ich mich durch die Seiten. Amelie fand ich sehr schnell. Ihr Foto war direkt neben dem von Hanne. Damals war auch sie ein sehr hübsches Mädchen gewesen, aber neben Amelie sah sie aus wie ein dunkelgraues Mauerblümchen. Die Bilder waren zwar in schwarz-weiß, aber man konnte dennoch ihre schönen, klaren Augen hervorstechen sehen. Sie hatte helle Haare und ihr Gesicht war ausdruckslos und ebenmäßig wie das einer Puppe. Ihre Lippen waren voll und perfekrt, bestimmt wollte jeder Junge sie küssen. Ich blätterte weiter und erkannte beide Brüder sofort. Sie hatten dunkles Haar und das war fast das Einzige, worin sie sich ähnelten. Leider konnte ich nicht ausmachen, welcher von ihnen die blauen Augen hatte und welcher die grünen, aber anhand der Erzählung von Hanne, hatte ich einen Verdacht. Sie sagte, bei den blauen Augen wurde ihr schwindlig und bei den grünen Augen lief es ihr kalt den Rücken runter. Einer von ihnen hatte ein sehr männliches und markantes Gesicht, aber der Ausdruck in seinen Augen war sanft und irgendwie unschuldig. Der andere machte einen eher zarten Eindruck auf mich, aber seine Augen machten mir Angst. Sie waren stechend, durchdringend und schienen alles von mir zu wissen.

Unter den Bildern standen die Namen der Jungs. Louis hieß der, bei dem ich die grünen Augen vermutete, der mit dem zarten Gesicht und der andere trug den Namen Dorian. Louis und Dorian Chien und die Schwester, Amelie Chien. Hanne kam wieder mit einem Teller voller selbstgebackener Schokoladenkekse. "Franzosen?", fragte ich dann und sie nickte.

"Ja, die Familie der Geschwister hatte bestimmt einen sehr langen Stammbaum. Zumindest ist das meine Vermutung. Die Drei haben in der Schule nur geredet, wenn es nötig war und kaum einer hat wirkliches Interesse an ihnen gezeigt. Auf mich haben sie immer einen erhabenen Eindruch gemacht, wobei sie aber nicht arrogant gewirkt haben." Sie nahm das Buch und sah die beiden an. Sie machte den Eindruck, als würde sie versuchen, sich an ihre Stimmen zu erinnern. "Dorian war mir weitaus sympathischer als Louis, obwohl man auf dem ersten Blick eher vor Dorian Angst hatte. Er war für sein Alter schon sehr groß und ziemlich muskulös. Aber er hatte ein umwerfendes Lächeln, in das man sich sofort verlieben konnte. Nur hat er leider fast nie gelächelt. Ich persönlich habe das viel zu selten erleben können. Louis schien auf den ersten Blick eher schwächlich zu sein, aber wenn ich ihn beobachtete, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass er bei den Dreien das meiste Sagen hatte. Dorian wirkte neben seinem Bruder richtig eingeschüchtert." Hanne biss von einem Keks ab und seufzte leise. "Und wen hab ich dann gesehen? Ich meine, ich konnte ihn kaum erkennen. Er war so weit weg und ich hatte Wasser in den Augen." Eine Vermutung hatte ich natürlich, denn ich hatte einen großen, muskolös wirkenden Mann gesehen. "Na ja, also ich habe bisher immer nur Dorian gesehen, niemals Louis." Langsam wurde ich richtig ungeduldig. Ich wollte unbedingt mehr wissen, aber ich vermutete, dass ich bei Hanne nicht mehr viel in Erfahrung bringen konnte.

"Na gut. Ich danke dir für die tolle Geschichte und ich denke, ich werde der Sache mal auf den Grund gehen. Soll ich dir Bescheid sagen, wenn ich was heraus gefunden habe?" Hanne nickte eifrig und lächelte. Sie schien sich auch schon so ihre Gedanken gemacht zu haben. Wenn es wirklich ein Geist war, dann musste ihn irgendetwas in dieser Welt halten. Geister blieben doch nur zurück, wenn sie etwas beschäftigte, wenn sie ein Geheimnis hatten, das sie los werden wollten. Zumindest habe ich das mal irgendwo gelesen. Kurzer Hand beschloss ich, mich die nächsten Tage schlau über die Familie und das Feuer zu machen und ich spielte sogar mit dem Gedanken, nach dem abgebrannten Haus zu suchen. Noch etwa eine halbe Stunde blieb ich bei Hanne, trank meinen Tee, aß ein paar von den leckeren Schokoladenkeksen und streichelte Toby. Hanne erzählte noch ein paar Dinge aus ihrer Schulzeit, die allerdings nicht mehr viel mit den Geschwistern Chien zu tun hatten.

Anschließend hatte ich es eilig, nach Hause zu kommen. Dort kramte ich meinen Bibliotheksausweis raus, packte mir ein paar Kekse in meine Tasche, die Hanne mir mitgegeben hatte und dazu eine Flasche Wasser. Schnell huschte ich wieder nach draußen, bevor meine Mum oder ihr Herzallerliebster überhaupt bemerkt hatten, dass ich da gewesen war. Mit meinem alten Drahtesel knatterte ich eine Viertelstunde die Straßen entlang, bis ich die riesengroße Stadtbibliothek, die ganze zehn Regale mit Büchern besaß, erreicht hatte. Obwohl ich mir sicher war, dass niemand auf die Idee kommen würde, mein Fahrrad zu klauen, schloss ich es draußen an und ging rein. Der Geruch von alten Büchern und Leder steig mir in die Nase und die Dame an der Kasse begrüßte mich mit einem Lächeln und sagte im Flüsterton: "Hallo Michelle. Dich hab ich ja auch eine Weile nicht mehr gesehen." Eigentlich war es nicht nötig zu flüstern, denn ich war die einzige Kundin, aber manchmal vermutete ich, dass diese Frau gar nicht lauter reden konnte. Ebenfalls lächelnd ging ich zu ihr und begrüßte sie. "Ja, schon lange her. Ich würde gerne ins Internet." Sie tippte etwas auf ihrem PC rum und gab mir dann eine Magnetkarte, mit der ich zwei Regale weiter zu einem der vier Computer ging und mich an den hintersten setzte. Die Karte musste in einen kleinen Schlitz in der Tastatur gesteckt werden, woraufhin auf dem Bildschirm sogleich die Nachricht erschien, dass das Internet jetzt verfügbar wäre. Meine Utensilien breitete ich auf dem kleinen Tisch aus und ging dann erst mal auf Büchersuche. Meine Hoffnung lag darin, dass sie irgendetwas hatten, das mich weiter brachte, doch als ich aufstand, blieb ich stehen und starrte eine Weile das Regal an. Wonach sollte ich eigentlich suchen? Ein Buch über Gaping Hill? Zeitungsausschnitte? Das konnte ich auch im Internet suchen, also setzte ich mich wieder. Meinen Notizblock legte ich neben mich auf den Tisch, dazu noch meinen Lieblingsstift und nachdem ich den Browser und eine Suchmaschine geöffnet hatte, konnte die Suche auch schon los gehen. Wenn ich ein passendes Buch im Internet finden würde, dann konnte ich ja die Regale durchstöbern.

Einen langen Moment starrte ich einfach nur auf den blinkenden Strich und überlegte angestrengt, wonach ich zuerst suchen sollte. Zunächst gab ich den Namen der Familie ein und den Namen der Stadt: "Chien Gaping Hill" Schon der dritte Treffer schien mich auf den richtigen Weg zu bringen und ich öffnete die Seite. Es war ein Zeitungsartikel über jenes Feuer, von dem Hanne mir erzählt hatte. Abgebildet war ein Foto der Familie. Die Eltern saßen kerzengerade auf Stühlen. Die Mutter war so schön wie Amelie und der Vater hatte etwas sehr Geheimnisvolles und Charismatisches an sich. Das Bild war schwarz-weiß und so konnte ich die Farben ihrer Augen nur raten. Louis und Dorian standen links und rechts in Anzügen neben ihren Eltern und Amelie in einem weißen Kleid, mit ihrem ausdruckslosen Gesicht in der Mitte, zwischen ihren Brüdern. Sie alle hatten ein Lächeln auf den Lippen, doch es sah mehr gestellt aus. Es sah aus, als hätte sie jemand mit einer Waffe bedroht, damit sie wenigstens ein bisschen lächelten. Auf Klassefotos sah ich auch meistens so aus. Der Titel lautete "Unbekannte legten Feuer im Chien-Haus", darunter stand in kleinerer Schrift "Weder Leichen, noch Überlebende gefunden". Gespannt nahm ich mir einen Keks und fing an, den Artikel zu lesen.
 

"In der Nacht des dreizehnten Oktober stand das Haus der Familie Chien in Flammen. Die Ermittler gehen von Brandstiftung aus, jedoch bleibt unklar, ob ein Familienmitglied das Feuer legte oder ein Außenstehender. Die Familie lebte abgeschieden auf ihrem Grundstück, das sich in einem Waldstück hinter dem Gaping Hill See befindet und hatte nur wenig Kontakt zu den anderen Bewohnern der Stadt. In den Trümmern konnten keine Leichen oder Leichenteile geborgen werden. Von der Familie fehlt jede Spur. Die befragten Anwohner berichteten, sie hätten nichts von dem Feuer bemerkt. Erst, als am Morgen schwarze Rauchschwaden am Himmel zogen, rief jemand die Feuerwehr. Glücklicherweise hatte ein starker Regen verhindert, dass die Flammen sich ausbreiteten und als die Feuerwehr eintraf, mussten nur noch ein paar brennende Stellen gelöscht werden. Das Grundstück der Chiens wurde an ihre Verwandten in Frankreich überschrieben, die sich bis heute nicht dazu bereit erklärten, nach Gaping Hill zu kommen, um sich um das Grundstück zu kümmern. Für ein Interview stand keiner der Angehörigen zur Verfügung. Aus der polizeilichen Ermittlung ging nichts zur Aufklärung Des Falls hervor und wurde schon nach wenigen Wochen eingestellt."
 

Ich las den Artikel zweimal. Sie hatten also noch Verwandte und es wurden keine Leichen gefunden. Auch Überlebende wurden nicht gefunden und scheinbar hatte die Polizei auch nicht sehr lange nach der Familie gesucht. Grübelnd knabberte ich an meinem Keks, bevor ich die Suchmaschine noch mal in Anspruch nahm. "Chien Frankreich Familie" war diesmal mein Gesuchtes. Es war nicht leicht etwas zu finden und das, was ich fand, war auch nicht wirklich hilfreich. Es gab nur einen kurzen Eintrag über sehr alte Familienstämme aus Frankreich, zu denen die Chiens wohl eindeutig auch gehörten und das war es dann auch schon. Die Tatsache, dass ich nun auch nicht viel schlauer war als vorher, frustrierte mich schon ein wenig.

Entnervt scrollte ich mich durch alle Seiten, die ich so fand und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, stieß ich auf etwas Interessanteres. Es ging um die Familiengeschichte der Familie Chien und die war nicht ohne. Es rankten sich wohl einige Legenden und Geheimnisse um diese Familie.

Die ersten Chiens lebten in Paris um 1713 und hatten offenbar eine enge Beziehung zu Ludwig XIV. Ich staunte nicht schlecht, als ich das las, und fragte mich, warum ein Teil dieser Familie nach Amerika gekommen war, wo sie sich in Frankreich noch immer eines besten Ansehens erfreuten und auch nicht grade am Hungertuch zu nagen schienen. Nach 1790 wurde es scheinbar sehr still um die Familie und sie zogen aus Paris weg, in ein abgelegenes Anwesen, irgendwo in der Nähe von Lyon. Unter dem Text kam ein Bild von dem Haus, oder besser gesagt, von dem halben Schloss, wie ich fand. Zu dem Zeitpunkt lebten zwei Teile der Familie dort. Die Eltern von Amelie, Louis und Dorian, hatten natürlich beide in Frankreich ihren Ursprung.

Auf dem Bild sah man die Seite der Mutter, die mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern aufgereiht da standen. Dazu noch ein Ehepaar, dass recht jung wirkte. Unter dem Bild standen die ganzen Namen der Leute und alle hießen Chien, also vermutete ich, dass auch die beiden zu ihnen gehörten. Allerdings standen sie etwas Abseits von den Anderen. Hinter den beiden standen noch mehr Leute und sie alle waren Verwandte, die allesamt in dem Haus lebten. Der Platz schien also gebraucht zu sein.

Nur sehr schwer konnte ich mir vorstellen, wie sich all diese Menschen unter einem Dach gefühlt haben mussten. Bei so vielen Leuten gab es ja praktisch keinen ruhigen Ort oder keine ruhige Minute und vermutlich auch nicht viel Privatsphäre. Aus Neugier zählte mal alle Leute durch und kam auf die stolze Zahl von 19 Menschen, was mich schwer schlucken ließ. Als ich ein bisschen näher an den Bildschirm ging, entdeckte ich, dass ein Ehepaar wohl auch Zwillinge hatte. Zwei Jungs, die scheinbar in einem Alter von sechs oder sieben Jahren sein mussten. Diese schienen allerdings eineiig gewesen zu sein, denn sie sahen genau gleich aus, nicht wie Dorian und Louis. Weiterhin stand dort, dass es wohl familiäre Probleme gegeben hatte und es kam wohl auch zu einigen Todesfällen, die ungeklärt blieben. Außerdem verschwanden scheinbar mindestens vier Familienmitglieder auf unerklärliche Weise und wurden nie wieder gesehen. Am Ende blieben nicht mal zehn Leute übrig. Die Familie hatte sich innerhalb von zehn Jahren noch mal auf acht Mitglieder zusammengestutzt, denn die Großeltern waren mittlerweile auch gestorben und neue Paare hatten sich gebildet. Noch einmal betrachtete ich das Bild und fragte mich, ob die Großeltern auch mit drauf waren, denn ich sah nur junge Leute. Das schien sich so durch die Zeit gezogen zu haben. Mal waren es mehr als fünfzehn und mal waren es kaum mehr als vier.

Dann kam ich zu dem interessanten Teil, der besagte, dass Besucher und Bekannte der Familie behauptet hatten, nachts merkwürdige Geräusche gehört zu haben. Ein paar waren auch der festen Ansicht, dass sie unnatürliche Dinge gesehen hatten, aber sie waren nicht weiter darauf eingegangen, aus Angst für verrückt erklärt zu werden, was zu dieser Zeit schnell passieren konnte. Einer hatte scheinbar auch behauptet, dass er auf einem Bild einen jungen Mann wiedererkannt hätte, was unmöglich wäre, da dieses Bild schon sehr alt wäre und der Junge auf dem Bild schon lange tot war. "Aha ...", murmelte ich leise vor mich hin schob mir einen Keks nach dem anderen in den Mund. Irgendwas stimmte da doch hinten und vorne nicht. Leute, die verschwanden und Jahre später angeblich wieder gesehen wurden oder Tote, die auf Bildern erkannt wurden, die aufgenommen worden waren, nachdem der Erkannte gestorben war. Ich fragte mich, was es wohl für ein Geheimnis war, das diese Leute mit der Familie in Verbindung brachten und wofür man hätte für verrückt erklärt werden können. Leider stand dazu auch nicht mehr in dem Artikel, aber ich war ersteinmal glücklich, überhaupt etwas heraus gefunden zu haben. Zum weiteren Familienverlauf stand noch ein bisschen mehr. Die Familie schien sich wieder gespalten zu haben, und um 1920 verließ ein Teil Frankreich und wanderte nach Amerika aus. Eine Zeit lang lebten sie in New York und zogen dann mehr und mehr in kleinere Städte. In Gaping Hill kamen sie anscheinend um 1950 an und lebten seither hier. Tja, offensichtlich auch nicht erfolgreicher, dachte ich mir und streckte mich. Es ließ mich einfach nicht los und ich war fest davon überzeugt, dass diese Familie irgendetwas mit übernatürlichen Dingen zu tun hatte. Diese Spur brachte mich nicht weiter und ich wusste noch immer nicht, nach was ich nun genau suchen sollte, denn viele Anhaltspunkte hatte ich ja nicht. Sehr detailliert waren die Texte darüber leider auch nicht.

Offensichtlich hatte diese Familie eine andere Vorstellung von tot sein oder tot bleiben, oder es war ganz anders und wurde nur so schwammig dargestellt. Damals waren solche Dinge noch wahrscheinlicher als heutzutage. Frustriert wühlte ich mir in den Haaren rum, bis sich meine Finger darin verknotet hatten. Meine Kekse waren auch alle und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich jetzt schon seit vier Stunden hier gesessen hatte. Da wuderte es mich nicht, dass ich langsam müde wurde. Es war jetzt schon fast fünf Uhr und ich wollte eigentlich noch die Ruine des Chien-Hauses suchen gehen, doch das verlegte ich auf den nächsten Tag. Als ich meine Sachen zusammen packte, fiel mein Blick auf auf den leeren Notizblock. Es ärgerte mich, dass ich nichts Besseres herausgefunden hatte und immer noch fast am Anfang stand. Sicherlich hatte ich in dem Artikel schon interessante Informationen gefunden, doch sehr aufschlussreich waren sie leider nicht. Gedankenverloren verließ ich meinen Platz und als ich um die Ecke bog, rempelte ich jemanden an, was mich aus meinen Gedanken riss. "Oh, Entschuldigung", sagte ich hastig und drehte mich nach ihm um. Erschrocken starrte ich ihm hinterher. Er hatte kein Wort gesagt, mich nicht mal richtig angesehen und war hinter einem Regal verschwunden. Das war er, dachte ich verwirrt und folgte ihm schnell. "Hey, ich ..." Er war verschwunden. Hier, wo er eingebogen war, hätte er über das Regal springen müssen, um wegzukommen, denn das hier war eine Sackgasse.

"Dreh ich jetzt völlig ab?", murmelte ich und brachte das Kärtchen für das Internet zurück.

"Machs gut Michelle, vielleicht sehen wir uns ja bald wieder.", flüsterte die Empfangsdame lächelnd. Schon fast war ich aus der Tür, als ich kehrt machte und zu ihr zurück ging. "Können sie mir vielleicht sagen, ob hier ein großer, dunkelhaariger Typ rein gekommen ist?"

Die Frau dachte angestrengt nach und dann schüttelte sie den Kopf. "Nein, das wäre mir sicher nicht entgangen. Du warst die Einzige, die hier rein kam." An meinem Verstand zweifelnd, fuhr ich nach Hause. Noch bis tief in die Nacht lag ich wach auf meinem Bett und dachte nach.

Wenn es keine Einbildung gewesen war, was war es denn dann? Immerhin hatte der Kerl mich angerempelt, oder ich ihn. Einen Geist konnte man doch nicht berühren oder etwa doch?

Vielleicht war er auch was ganz anderes als das. Mir kam der Gedanke, dass er vielleicht in einer anderen Dimension war und dann musste ich den Kopf schütteln. "Ach komm, jetzt wird es doch ein bisschen zu abgedreht!", sagte ich leise zu mir selbst und versuchte diesen dummen Gedanken wieder zu verbannen. Ich machte mich schon selber ganz verrückt deswegen, doch nach einer Weile konnte ich einschlafen, fiel allerdings nur in einen leichten Dämmerschlaf.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von: Futuhiro
2018-02-06T18:22:31+00:00 06.02.2018 19:22
Halli-Hallo ^^

Ich steige erst jetzt mit den Kommentaren ein, da ich nach einem kurzen Prolog üblicherweise noch nicht entscheide, ob ich eine Story interessant finde oder doch nicht weiterlesen werde. Aber jetzt, nach Kapitel 1, kann ich schonmal meinen Senf dazu geben.

Die Welt ist bis hier hin schon sehr toll umrissen und spannend geschrieben. Man kann sich von der Umgebung, den Charakteren und dem Leben dort ein gutes Bild machen. Ich mag bisher die alte Hanne sehr gern. ^^
Da in den Theman "Werwölfe" angegeben war, hatte ich gleich erstmal pauschal vermutet, daß Dorian wohl ein Werwolf sein wird. Aber nach dieser Begegnung in der Bibliothek bin ich mir da nicht mehr so sicher. Werwölfen wird nicht nachgesagt, daß sie sich für manche Menschen oder generell unsichtbar machen könnten. Aber immerhin scheint er sich ja von seinem See und seinem abgebrannten Haus entfernen zu können, wenn er fröhlich durch die Stadt spaziert. Das ist für Geister auch eher untypisch. Die sind ja in der Regel ortsgebunden. Bin echt gespannt, wie sich das auflöst.

Ah ja, eine einzige Stelle fand ich etwas unlogisch:
"Ich war so konzentriert, dass ich die Fußabdrücke, die definitiv nicht von mir und dazu neu waren, gar nicht wahr nahm."
Wie kann sie dann als Ich-Erzähler von den Fußabdrücken erzählen, wenn sie sie gar nicht gesehen hat? :D

Außerdem fand ich das Kapitel ziemlich lang. Die Länge ist Geschmackssache, ich weiß, aber ich persönlich lese in mehr-Kapitel-Storys lieber häufiger mal kürzere Kapitel als einmal so ein endlos langes Ding.

Soweit erstmal mein erstes Feedback. Ich finde die Story bis hier her wirklich toll und freue mich auf mehr. ^^


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