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Narrenkind

Im Land der Draconigena
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Für die Sprache der Echsenmenschen bitte in die Charaterbeschreibung schauen! :)
Zumindest, wer wissen will, was es bedeutet xD Komplett anzeigen

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Rrustem

„Llasmin. Oopotty. Wie schön, euch beide wieder zu sehen!“, begrüßte Barry die beiden Scheusale und trat auf sie zu. Das schwarze – und etwas kleinere – Scheusal regte sich und antwortete: „Barry. Wir haben dich schon vor ein paar Wochen erwartet.“

„Ich weiß. Mir kam etwas dazwischen, Llasmin“, erklärte der Narr. Oopotty warf einen Blick zu Jyne und jene fühlte sich auf einmal ganz unbehaglich. „Wo wart ihr denn?“

„Das geht nur Rrustem etwas an“, erwiderte der Magier und verschränkte die Arme vor der Brust. „Lasst ihr uns rein?“

„Nicht so schnell. Wer ist das?“ Llasmin wandte sich nun auch Jyne zu und kam ein wenig näher. Die beiden Scheusale sprachen mit zischelnden Lauten, was es teilweise schwer machte, sie zu verstehen. Die Magierin wich erschrocken einen Schritt zurück und die schwarze Echsenmenschendame legte den Kopf in den Nacken und gab ein keckerndes Lachen von sich.

„Bist wohl keine Echsenmenschen gewöhnt“, bemerkte Oopotty und nickte beiläufig Vrinda und Klaif zu.

„Überhaupt nicht“, fügte Llasmin hinzu und schlich wie ein Raubtier um Jyne herum. „Sie riecht nach Barry… Reisen wohl schon eine Weile miteinander.“

„Das ist Jyne. Meine Verlobte“, erklärte Barry. „Ich habe sie aus Amphitrite geholt.“

Wie bitte?

Die Närrin sah den Magier entsetzt an.

Hielt er etwa immer noch an der Verlobungsgeschichte fest?!

Anscheinend ja, denn der Blick des Narren war ziemlich ernst. Jyne schluckte schwer und fragte sich, wann Barry denn gedachte, zu heiraten. Hoffentlich nicht allzu bald…

„Rrustem hatte so etwas erwähnt“, brummte Oopotty und musterte sie weiterhin interessiert. Jyne bemerkte, dass die Echsenmenschen keinen eigenen Geruch hatten… es war schon seltsam, vor einem Wesen zu stehen, wo man vielleicht nur den Atem riechen konnte, der stark nach verdorbenen Fleisch stank… Aber an und für sich rochen die Scheusale nach nichts.

Nein, das stimmt auch nicht ganz. Ein ganz leichter Waldduft umgab sie… Die Närrin wusste, dass die Scheusale entwickelt worden waren, um perfekte Soldaten zu sein. Die argen Mutationen waren nur ein eher unerwünschter Nebeneffekt gewesen… Aber Soldaten, die nach nichts rochen, konnten sich besser verstecken als welche, die nach Schweiß und Angst rochen. Wahrscheinlich lag das daran. Dennoch war es beunruhigend, so nah an einem so großen Wesen zu stehen und die Närrin trat lieber näher zu Barry. Die Nähe des Blutwolfes war ihr dann doch lieber.

„Stimmt“, antwortete Llasmin. „Und er wird wissen wollen, was du die ganze Zeit getrieben hast.“

„Das wird er. Ich habe erfreuliche Nachrichten.“ Barry grinste. „Sagt Alvadee schon mal, sie solle die Zimmer vorbereiten.“

„Von dir nehmen wir keine Befehle an“, antwortete Llasmin und wandte sich um, um das große Tor zu öffnen. Ihr schuppiger Reptilienschwanz schwang ein paar Zentimeter über dem Boden hin und her und mit Leichtigkeit schubste sie die hölzernen Türen nach innen auf. Über die Schulter hinweg fixierten ihre gelben Augen die kleine Gruppe.

„Folgt mir.“

Barry stieß Jyne sanft in den Rücken, damit sie sich bewegte. Vrinda und Klaif folgten ihnen ebenfalls, nur Kephas und Kovialjka blieben bei Oopotty. Das Scheusal schien sich nicht vor den Blutwölfen zu fürchten, andersherum schien es genauso zu sein. Die Tiere legte sich entspannt in das Laub und beschlossen wohl, eine Runde zu dösen, denn sie betteten die riesigen Köpfe auf die Pfoten und schlossen die Augen.

Jyne wandte den Blick wieder nach vorne und trat in die schwarze Festung ein. Llasmin ging vor ihnen und der schwarze Körper war kaum in dem Dämmerlicht zu erkennen. Hier und da brannten ein paar Kerzen, doch im Großen und Ganzen war es düster.

„Hier“, meinte Barry und pustete ein paar Katzenhaare in die Luft. Sofort konnte Jyne erheblich besser sehen und sie dankte es dem Magier mit einem kleinen Lächeln.

„Echsenmenschen können im Dunkeln hervorragend sehen“, erklärte der Narr ihr. „Deswegen verschwendet Rrustem keine Kerzen.“

„Und genauso gut hören“, kommentierte Llasmin und ging weiter. Der Gang endete in einer weiteren, großen Tür, von dem zwei kleinere abgingen. Jyne nahm an, dass die Größere zum Thronsaal führte, die Kleineren zu den anderen Räumlichkeiten. Llasmin beachtete die kleineren Türen nicht, sondern öffnete die Letzte und meinte: „Benehmt euch.“

Dabei sah sie vor allem zu Klaif: Augenscheinlich war es schon bekannt, dass der Mutant ein wenig schwer vom Begriff war.

Das Scheusal ging vor und die anderen folgten ihr. In dem Raum fiel Tageslicht durch die großen, im gotischen Stil gebauten Fenster, dennoch wirkte eine düstere Stimmung. Ein alter, fleckiger und mit Löchern übersäter Samtteppich bedeckte den kompletten Boden, doch dessen Schönheit war schon lange Vergangenheit. An der Decke hingen verstaubte Kronleuchter, die bedrohlich hin und her wackelten. Sämtliches Mobiliar war entfernt worden. Stattdessen lagen etliche Kissen und Decken verteilt, ebenso wie etwas, das wie Knochen ausschaute. Tierschädel, Rippen, kleinere, undefinierbare Knochen… Ebenso wie Blutflecken, Fleischfetzen, aber auch etliche Kelche, die rote Flüsigkeiten enthielten (Jyne betete mal, dass es kein Blut war), sowie Wasser. Dazu entdeckte sie noch Kampfstäbe und vereinzelt auch Sachen wie Bücher, Spielfiguren und –bretter (Sie konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass Scheusale den Sinn hinter Schach verstünden…) und sogar ein kleiner, lederner Ball rollte alleine über den Teppich.

Und überall entdeckte sie die Scheusale.

Die meisten von ihnen hockten auf ihren Plätzen und starrten die Neuankömmlinge neugierig an. Einigen hing noch das Fleisch aus den Mäulern, andere hoben die Köpfe während ihre Schnauzen vom Blute rot glitzerten. Jyne hörte Knochen knacken und Schweife, die hin und her schwangen, aber niemand griff sie an. Stattdessen wandten sich die Scheusale, nachdem sie registriert hatten, wer angekommen war, schon bald wieder ihrem Mahl zu. Jyne lief eine Gänsehaut über den Rücken, als sie das Geräusch von Fleisch, das vom Knochen gerissen wurde, vernahm und sie rückte wieder unwillkürlich näher an Barry heran.

Die Scheusale gab es in sämtlichen, vorstellbaren Grüntönen. Von smaragdgrün über giftgrün bis hin zu dunklem tannengrün, fast schwarz war alles dabei. Schon beinahe fasziniert betrachtete Jyne die Wesen, die nicht minder fasziniert zurückstarrten.

Ganz hinten im Raum stand ein Thron. Ein schlichter Thron, der eines etwas höher gestelltem Adeligen würdig war. Die Farbe war schon vollständig abgeblättert und hatte das Holz zum Vorschein gebracht. Der Samtbezug war auch schon völlig abgenutzt, doch dem Scheusal, das darauf saß, schien das wenig auszumachen.

Rrustem wirkte… anders als der Rest der Echsenmenschen. Seine Haut war nicht so fein schuppig, sondern besaß eher grobe Schuppen. Seine Krallen waren übermäßig lang, ebenso wie seine Zähne, was gut für den Kampf schien, aber nicht wirklich vorteilhaft für ein ‘normales‘ Leben. Das Grün seiner Schuppen wirkte blasser, durchscheinender und besaß sogar einen leichten Braunstich. Doch am meisten war Jyne von den Augen des Scheusals gefesselt, denn jene waren nicht gelb und besaßen schlitzförmige Pupillen, sondern waren die eines Menschen, grüngrau und erstaunlich groß, so, als ob sie nicht so recht in das Echsengesicht reinpassen wollten. Quer über sein Gesicht und die Schnauze zog sich eine lange, dicke, fleischfarbene Narbe – der Grund dafür, dass eines seiner Augen blass und gräulich war, beinahe schon weiß.

Rrustem war auf einem Auge blind.

Der Echsenmensch kaute auf einem langen Knochen rum und betrachtete sie mit ausdrucksloser Miene. Jyne selbst konnte es nicht fassen, dass das hier tatsächlich Rrustem war.

Einer der ersten Mutanten, die die Alchemisten damals erschaffen hatten. Die erste Generation an Mutanten war bereits über zweihundert Jahre alt – und Rrustem musste noch älter sein, denn sein ehemaliges Leben als Mensch zählte ja auch noch. Dennoch war es so… unglaubwürdig, dass Jyne tatsächlich einem der Ersten gegenüber stand: Einer Person, die man offiziell schon lange Zeit für tot erklärt hatte.

Rrustem biss einen Teil seines Knochens ab und zermalmte ihn krachend zwischen seinen großen Kiefern. Dann schluckte er den Knochenbrei herunter und meinte mit alter, rauchiger Stimme: „Baranger. Wie schön, dass du dich doch noch blicken lässt. Ich hatte schon Angst, dich suchen lassen zu müssen.“

Jyne warf Barry einen fragenden Blick zu.

Baranger?

War dies der richte Name des Blutwolfes?

Doch der Narr achtete nicht auf sie, sondern antwortete: „Rrustem. Lange nicht gesehen.“

„Zu lange.“ Das Auge des Echsenmenschenwanderte zu Jyne und langsam legte er seinen Knochen weg. Eine rosane, am Ende gespaltene Zunge zischte hervor und wischte Blut und Krümel von den schuppigen Lippen, als das Scheusal langsam aufstand.

…Jyne hatte ja schon geglaubt, Llasmin und Oopotty mit ihren knapp zwei Metern waren groß.

Aber Rrustem maß über zwei Meter. Der Echsenmensch war gewaltig, dennoch erkannte die Närrin sofort, dass sein Alter ihm langsam zu schaffen machte. Rrustem bewegte sich nicht so leichtfüßig wie Llasmin und sein dicker Schweif schleifte auf dem Boden hinterher. Jyne versuchte, nicht allzu ängstlich zu sein, doch sie schwitzte aus allen Poren. Das Scheusal beugte sich langsam zu ihr runter und seine Nasenflügel blähten sich auf.

„Angst…“, gurrte Rrustem. „Der feine Geruch, den ich überall wieder erkennen würde. Hast du Angst, Kleine?“

Jyne gab keinen Ton von sich. Barry hingegen legte Rrustem eine Hand gegen den mächtigen Brustkorb und drückte ihn zurück. Das Scheusal ließ dies mit sich geschehen und blickte den Magier aus seinem verbliebenden Auge an.

„Werd' nicht zu frech, Baranger. Du kennst die Regeln.“

„Ja, ich kenne sie. Und du weißt, dass ich schlecht darin bin, sie zu befolgen.“ Der Blutwolf grinste und Jyne fragte sich, woher jener diesen Mut nahm, so mit dem riesigen Echsenmenschen zu sprechen.

„Das ist Jyne. Meine Verlobte.“

Die Närrin spürte, wie jemand sie beobachtete. Langsam wandte sie den Kopf und sah, dass die meisten Scheusale ihr Mahl beendet hatten und nun näher gekommen waren, um dem Gespräch lauschen zu können. Es war ein unangenehmes Gefühl zu wissen, dass die ganzen Echsenmenschen einem im Rücken lagen… auch Vrinda und Klaif schien es unbehaglich zu sein, der einzige, der vollkommen entspannt schien, war Barry selbst.

Tzki’kal arm’hrsth“, zischte einer der Echsenmenschen und die anderen nickten.

Grklt-kra’b arm’st zru arn’miljk asshui“, antwortete Rrustem und das Scheusal senkte beschämt den Blick zu Boden. Dann wandte sich der Anführer der Gruppe wieder Jyne zu.

„Du bist also die kleine Närrin, die er unbedingt aus dem königlichen Palast holen wollte? Und…“ Er hob eine Klaue und berührte mit einer langen, obsidianschwarzen Kralle eines ihrer Glöckchen. „…eine Magierin, wie ich sehe.“

„Du hast ihm alles verraten?“, wandte sich die Magierin empört an Barry. Jener zuckte nur mit den Schultern. „Die Regeln wirst du auch noch kennen lernen“, antwortete jener nur und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Närrin seufzte auf, dann fing Rrustem ihre Aufmerksamkeit wieder ein: „Jyne. Was für Fähigkeiten hast du denn?“

Einen Moment lang überlegte sie tatsächlich, ob sie antworten sollte, oder nicht. Doch Rrustem sah sie so eindringlich an, dass sie den Blick sank und gehorsam sagte: „Ich bin in der Elementarmagie bewandert.“

„Und wie gut?“

„Es reicht aus…“

„Das klingt mir zu unsicher. Baranger?“ Rrustem sah den Blutwolf an und jener meinte zögernd: „Sie lernt noch.“

„Hmpf. Sie sollte schneller lernen. Jeder, der hier ist, tut seinen Teil bei. Ich kann niemand nutzlosen gebrauchen!“

„Und was ist dann mit Klaif?“ Jyne deutete auf den Mutanten und Rrustem sah zu ihm hin. Jener unterhielt sich gerade leise mit einem der anderen Scheusale und schaffte es erstaunlich gut, die seltsamen Laute, die sie in ihrer Sprache von sich gaben, nachzumachen. Vrinda stand daneben, doch es war unklar, ob sie das Gespräch verstand oder nur so tat.

„Klaif ist ein Mutant“, winkte Rrustem ab.

„Und deswegen hat er einen Sonderstatus?“

„Ja.“

Einfach und direkt. Rrustem bemerkte wohl nicht einmal das Problem, das Jyne gerade hatte, doch die Närrin fühlte sich auch nicht bereit, dieses mit dem Scheusal auszudiskutieren. Rrustem wandte sich an Barry: „Ich gebe dir ein paar Wochen, Baranger. Bis dahin hast du sie zu einer nützlichen Magierin gemacht. Ich weiß nicht, was Goldvogel alles getan hat, aber seine Ausbildung ist nicht die beste, wenn es um Magier geht.“

„Ich werde tun, was ich tun kann“, brummte der Blutwolf. „Aber du wirst sie nicht wegschicken, Rrustem.“

„Droh mir nicht“, fauchte das Scheusal und baute sich vor dem Magier auf. „Du magst vielleicht ein paar Zauber beherrschen, aber du vergisst, dass ich dich mit einem Schlag töten kann!“

„Das stimmt. Ich vergesse so etwas nicht.“ Barry schwitzte ein wenig – war das Angst, oder nur, weil ihm warm war? Jyne konnte es nicht so recht sagen, aber sie traute sich nicht, jetzt etwas zu erwidern.

„Und ich vergesse auch nicht, Baranger. Hast du wenigstens deinen Auftrag erfüllt?“

„Ich nicht“, antwortete der Narr. Rrustems Miene verdunkelte sich und Llasmin zischte: „Caksbirt.“

Rrustems Klaue schnelle hervor und er packte den Narren am Kragen. „Du weißt, was passiert, wenn du mich enttäuschst, Baranger…“ Der Magier hielt Rrustems Handgelenk mit beiden Händen fest, seine Miene war starr. Jyne spürte magische Schwingungen, dann jaulte Rrustem auf und ließ ihn los. Seine harten Hornschuppen qualmten ein wenig und mehrere Scheusale sprangen auf, bereit, sie anzugreifen.

„Nein“, hielt Rrustem sie zurück und leckte sich seine Wunde. „Baranger ist ein fähiger Magier. Etwas, was ich aufgrund seiner Jugend gerne übersehe.“

„Ganz richtig, Rrustem“, sagte Barry und rückte seine Narrenkappe zurück. „Und nun zu deinem Auftrag: Ich konnte ihn nicht ausführen. Dafür habe ich viel zu wenig Zeit gehabt. Aber Jyne hat es getan: Sie hat Prinzessin Vanilla den blauen Stein gestohlen.“

Rrustem wirkte einen Moment lang perplex, aber dann trat er zu Jyne und verlangte: „Zeig mir den Stein!“

Die Närrin friemelte an dem Lederband herum und holte das wertvolle Artefakt hervor. Rrustem beugte sich vor, um den Stein genauer betrachten zu können. Er streckte gar die Klaue aus, um ihn zu berühren, besann sich dann jedoch eines Besseren. Jyne wunderte sich darüber, aber sie fragte nicht nach; wahrscheinlich war dieser Stein für Rrustem so wertvoll, dass er sich nicht für würdig genug erachtete, ihn zu berühren.

„Ist er schon gebunden?“, wollte das Scheusal wissen.

„Nein. Das haben wir noch nicht gemacht. Keine Zeit“, erklärte Barry, während Jyne den Stein wieder unter ihrem Mi-Partie versteckte.

„Dann solltet ihr das schnell nachholen“, brummte Rrustem. „Sonst ist er schneller weg, als euch lieb ist!“

„Was bedeutet es, den Stein zu binden?“, fragte die Magierin.

„Der Stein nimmt dein Blut in sich auf und fängt an, eine emotionale Bindung zu dir aufzubauen. Das hat den Vorteil, dass ihn dir niemand stehlen wird.“

Jyne fühlte sich sichtlich unwohl dabei, sich an diesen… Stein zu binden.

„Warum hat die Königsfamilie das nicht schon längst gemacht?“

„Weil die königliche Familie von Amphitrite keinen Magier hat“, antwortete Rrustem prompt. Er schien erstaunlich viel darüber zu wissen. „Und einen Magier aus einer anderen Familie leihen? Nein, dafür sind sie stets zu stolz gewesen. Und jetzt müssen sie für ihren Stolz bezahlen.“

„Das werden sie wohl noch. Wann geht es denn los?“, wollte Barry wissen und wechselte das Thema.

„In ein paar Wochen“, erklärte Rrustem. Der Magier runzelte die Stirn.

„Ich warte noch auf Bastien. Er hat mir eine Nachricht geschickt, dass sich seine Anreise verzögert.“

„Ach. Wie schade.“ Jyne hörte keinerlei Bedauern aus Barrys Stimme heraus und nahm an, dass dem Narren dieser Umstand recht gut passte. Rrustem musterte sie beide, dann rief er mit kehliger Stimme: „Alvadee!“

´Wer war das?

Die Magierin wandte sich um, als die Türen erneut geöffnet wurden und erwartete ein weiteres Scheusal, doch stattdessen erkannte sie ein blondes, menschliches Mädchen, das wohl kaum älter als sie selbst war. Sie trug ein einfaches, weißes Kleid, das am Saum schmutzig war. Ihre langen, blonden Haare besaßen einen leichten, grünlichen Stich und fielen ihr lose auf die Schultern herab. Sie war blass, unheimlich blass und große, saphirblaue Augen blickten umher.

Jyne stand der Mund offen, als das hübsche Mädchen zu Rrustem kam, die Arme sittsam vor ihrem Bauch verschränkte und dann erwartungsvoll zu ihm hinsah. Das Scheusal deutete auf die vier Neuankömmlinge und meinte: „Bereite Zimmer für sie vor.“

„Jyne schläft alleine“, meinte Barry noch schnell. Rrustem sah ihn an, dann aber murmelte etwas, was sich wie „Dieser dämliche Narrenkodex“, anhörte, aber er nickte und bedeutete Alvadee somit, das sie gehen konnte.

„Ihr könnt gehen. Baranger, du bleibst noch hier. Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen. Alleine“, befahl Rrustem. Der Narr seufzte schwer auf, aber er blieb an seinem Platz und wandte sich nur noch kurz an Jyne: „Alvadee ist ganz lieb, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich komme gleich nach.“

Jyne nickte langsam und Alvadee kam zu ihr hin, berührte sie sanft an der Schulter und lächelte aufmunternd. Dann deutete sie auf den Ausgang und die Närrin, ebenso wie die beiden Mutanten, folgten ihr nach draußen.

Alvadee führte sie durch die linke Tür und trippelte mit kleinen Schritten voran. Jyne bemerkte, dass ihre flachen Lederschuhe in einem guten Zustand waren, genau wie ihr Kleid. Augenscheinlich schien Rrustem sich um seine Bedienstete zu kümmern.

„Haben Klaif und ich wieder unsere gleichen Zimmer?“, wollte Vrinda wissen. Alvadee wandte sich um, dann nickte sie mit einem zarten Lächeln. Die Mutantin blieb stehen und sagte: „Gut, dann wissen wir ja, wo es lang geht. Wir sehen uns dann beim Abendessen, Alvadee. Komm, Klaif.“

Die beiden gingen und Jyne blieb alleine mit Alvadee zurück. Die Närrin betrachtete das Mädchen, das Vrinda und Klaif noch lieb zulächelte und weiterhin nickte und fragte sich so langsam, warum sie kein einziges Wort sprach. War sie zu schüchtern dazu? Oder hatte Rrustem ihr verboten, die Stimme zu erheben? Da es jetzt, wo die beiden Mutanten weg waren, ziemlich ruhig – und auch unheimlich – war, beschloss die Magierin, ein Gespräch mit Alvadee anzufangen:

„Seid Ihr schon lange hier?“

Das Mädchen, das langsam neben ihr ging, nickte. Jyne steckte die Hände in die Hosentaschen und legte den Kopf ein wenig schief. Ihre Glöckchen klingelten leicht und Alvadee sah sie mit großen Augen an.

„Wie seid Ihr hier hin gekommen? Ihr habt Euch Rrustem doch bestimmt nicht freiwillig angeschlossen, oder?“ Es interessierte sie wirklich, wie Alvadee in die Schwarze Festung gekommen war, doch jene verzog nur die Miene und machte ein fragendes Gesicht, ehe sie den Kopf schüttelte. Es schien so, als wolle sie ihre Unsicherheit ausdrücken. Jyne runzelte die Stirn, dann fragte sie: „Und wie alt seid Ihr?“

Alvadee zeigte zwei Finger in die Luft.

„…ähm… zwanzig Winter?“

Das Mädchen nickte und strahlte sie an.

„…gut. Hat Rrustem Euch verboten zu sprechen, oder warum sagt Ihr kein einziges Wort?“ Jyne blieb stehen und verschränkte die Arme stirnrunzelnd vor der Brust. Auf Alvadees hübschem Gesicht breitete sich ein trauriger Schleier aus und das Mädchen schien mit sich zu ringen, ehe sie an die Närrin herantrat und ihren Mund öffnete.

Jyne keuchte auf und wich zurück, bis ihr Rücken gegen die steinerne Mauer. Alvadee selbst sah sie bestürzt und traurig zu gleich an, schloss ihren Mund wieder.

„Bei Iantha!“, stieß die Magierin aus. „Wer hat Euch die Zunge herausgeschnitten, Alvadee? War Rrustem dies? Wie kann er es wagen… und dann bleibt Ihr auch noch hier?!“ Die Magierin dachte sich zwar, dass Rrustem nicht gerade der Netteste war, doch dass das Scheusal zu solchen Taten fähig war, das ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Alvadee jedoch hob abwehrend die Hände und schüttelte panisch den Kopf. Es schien, als wolle sie Jynes Verdacht im Keim ersticken und die Närrin dachte nach.

„…das war nicht Rrustem?“

Alvadee schüttelte den Kopf. Dann nahm ihr Gesicht einen sanften Ausdruck an und sie legte beide Hände auf ihre linke Brusthälfte.

„Ihr mögt ihn“, erkannte die Magierin und kam langsam wieder auf Alvadee zu. Jene nickte, dann zeigte sie in die Richtung, in der sich Rrustem befand, schüttelte den Kopf und tat dann so, als würde man ihr die Kehle durchschneiden. Jyne interpretierte diese Gesten: „Wäre er nicht da gewesen, hätte man euch getötet?“

Alvadee nickte und lächelte.

„…und jetzt geht es Euch gut?“

Wieder ein Nicken und Alvadee wirkte wirklich zufrieden, wie sie vor Jyne stand. Dann zupfte sie aber am Ärmel der Närrin und deutete den Gang runter.

„…richtig. Das Zimmer.“

Die beiden gingen den Gang entlang und Jyne betrachtete Alvadee von der Seite aus.

„Wie lange seid Ihr schon hier?“

Alvadee schien einen Moment lang zu überlegen, dann zeigte sie mit ihren Fingern die Zahl zehn.

„Zehn Winter?“

Zwei weitere Finger folgten.

„Zwölf Winter. Als kamt Ihr mit acht Wintern von Eurer Familie weg?“

Das blonde Mädchen nickte und lächelte. Ihr Lächeln war herzlich und aufrichtig, sodass die Närrin gar nicht anders konnte, als es zu erwidern. Schließlich blieb Alvadee stehen und zeigte auf die Tür. Jyne trat heran und drückte die Klinke herunter. Die Tür schwang nach Innen auf und die Magierin befand sich in einem ordentlichen Zimmer wieder, was sie bei dem Zustand der Festung gar nicht erwartet hatte.

Der Boden war bedeckt mit einem alten, roten, samtigen Teppich. Unter dem großen, spitz zulaufenden Fenster stand ein alter, robuster Schreibtisch, der sogar einen Schminkspiegel eingebaut hatte und an der Wand befand sich das große Bett, wo so viele Decken drauf lagen, dass die Magierin sich fragte, woher die Scheusale die alle nur hatten. Und dennoch strahlte das Zimmer eine Wärme aus, die Jyne niemals erwartet hatte. Und es lag kein Dreck herum, ja, nicht einmal ein Staubkorn… Alvadee war wirklich eine sehr ordentliche Hausfrau.

„Alvadee… das ist wirklich schön hier.“ Jyne drehte sich um und stockte – offenbar hatte Alvadee geglaubt, Jyne brauche sie nicht mehr und war schon gegangen. Zumindest stand die Frau nicht mehr in der Tür und als die Magierin auf den Gang hinaus trat, war sie auch nirgends zu sehen.

Jyne schluckte leicht, aber dann betrat sie ihr Zimmer wieder. Sie ging an das Fenster und sah hinaus: Kurenai, der Rote Wald, erstreckte sich unter ihr und die Magierin legte die Finger gegen die frisch geputzte, kalte Scheibe. Ihr Atem beschlug das Glas ein wenig und sie spürte, wie ein wenig Heimweh in ihr aufkam. Die Närrin seufzte schwer auf und fragte sich, wo sie hier eigentlich reingeraten war.

Ja, noch vor wenigen Wochen war ihr Leben ganz anders gewesen. Sie hatte Goldvogel und Silberkatze noch regelmäßig gesehen und der Blutwolf war schon fast zu einer Legende geworden. Sie hatte sich wie wahnsinnig auf ihren ersten Auftrag gefreut, hatte stundenlang am Tag ihre Tricks einstudiert, während Grünpferd sie unterstützt hatte. Abends dann hatte Silberkatze ihr Magieunterricht gegeben, bis Jyne zu erschöpft geworden war, um weiterzumachen.

Und jetzt?

Jetzt bangte sie um ihre Eltern, die Narrengilde war zerstört und der Blutwolf hielt noch immer an der Verlobungssache fest. Sie befand sich nicht mehr im königlichen Palast von Amphitrite, sondern hatte einen der Ersten kennen gelernt – und dann auch noch den wohl gefährlichsten Charakter im gesamten Land der Draconigena.

Und sie fragte sich, was genau Rrustem vorhatte – und vor allem, welche Rolle sie wohl dabei spielen müsste…



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Lazoo
2016-10-17T18:47:45+00:00 17.10.2016 20:47
Also positiv sei herauszustellen, dass dieses Kaitel keine Fehler aufweist, huehuehue... *räusper* 'tschuldigung...
Scherz beiseite, dein Schriftbild ist wie immer sehr gut, besonders die Beschreibungen der Scheusale gefallen mir sehr. Ich war mir erst unsicher, ob es denn nicht besser wäre, direkt alle Beschreibungen bei den Torwächtern rauszuhaen, da diese aber so eine ungemeine Variation aufweisen, ist es tatsächlich viel weiser gewesen, diese Nach und nach zu beschreiben. Gerade durch die Vergleiche ist Rrustems düsteres Aussehen umso eindrucksvoller rübergekommen.

Des Weiteren befürworet ich den immer düstereren, immer bedrückenderen Ton, den diese Geschichte annimmt. Hierbei sei Alvadee ganz besonders hervorzuheben (auch ohne Notizbuch ;)). Ihre Geschichte - insbesondere die genutzte erzählweise hat mir einen leichten Schauer über den Rücken gejagt und ich bin sehr gespannt, welche Hintergründe zu ihrer Folter und ihrer Beinahe-Exekution geführt haben.

Ich möchte an dieser Stelle auch ewrwähnen, dass ich es liebe wie deine Charaktere eigentlich immer einem Anit-Helden näher sind, als einem Helden und dass diese Charaktere auch den Tonus der Geschichte in eben diese finstere Richtung abdriften lassen, die zwar schon von der ersten Sekunde an zu fühlen war, aber jetzt mehr und mehr present wird.

Das meinte ich auch mit Anti-Fantasy: Es gibt keinen Frodo, keinen Harry Potter, keinen Atreju... keine strahlenden Helden, die das Böse bekämpfen, zum Wohle aller. Im Gegenteil: Deine Charaktere sind allesamt unfassbar selbstsüchtig und egozentrisch - und deswegen so glaubhaft. Das führt halt dazu, dass ich nicht einmal ansatzweise mir vorstellen kann, wie die Geschichte ausgeht, denn ein Happy End ist so gesehen schonmal relativ.

Und dementsprechend freue ich mich tierisch über jedes neue Kapitel :)




Antwort von:  Phinxie
17.10.2016 21:03
Vielen Dank für dein ausreichendes Feedback :)

Ich muss zugeben, dass Alvadees Geschichte wahrscheinlich nicht ganz so aufregend ist, wie du sie dir vorstellst - ich will dich nur vorwarnen, damit du nicht enttäuscht bist, wenn ich sie erzähle :) (oder erzählen lasse ;) )

Jetzt verstehe ich auch, was du mit Anti-Fantasy meinst ^^ Danke für die Erklärung :)
Ich freue mich, dass dir das düstere Bild gefällt - mir gefällt es nämlich besonders gut :D - und ja, du hast Recht, einen strahlenden Helden gibt es nicht wirklich. Die Helden in meiner Geschichte sind allesamt, wie du passend beschrieben hast, selbstsüchtig und egozentrisch, nur auf ihr eigenes Wohl bedacht und es ist ihnen vollkommen egal, mit welchen Mitteln sie zu ihren Zielen kommen xD
Würde man dies in einer Gesinnung ausdrücken müssen, wäre Rrustem wohl 'rechtschaffen böse' ^^

Ich wollte einfach keine 'Auserwählte' haben - wobei Jyne dem Begriff am ehesten verkörpern könnte, momentan, aber auch sie ist ja alles andere als eine Heldin, eben, weil sie den ganzen Anti-Helden so nahe ist ^^ - sondern hoffe, das die Geschichte - beziehungsweise, der komplette Zyklus, den ich mir vorgenommen habe^^ - auch mit Anti-Helden funktioniert ^^

Das Ende habe ich dahingehend aber schon genau vor Augen. Und ich gebe zu, es wird auch eine Geschichte mit Helden geben, die nicht wie Rrustem oder Barry sind - sondern andere Sichtweisen haben (was dazu führt, dass sich die beiden Gruppen enorm in die Haare kriegen werden)
Aber bis dahin ist noch laaange hin und das ist auch eine ganz andere Geschichte ;)

Auf jeden Fall freut es mich, dass dir die Geschichte so gut gefällt und ich versuche auch immer, so schnell wie möglich das nächste Kapitel fertig zu tippen ^^
Antwort von:  Phinxie
17.10.2016 21:03
Bemerke gerade, dass ich 'ausreichend' geschrieben habe... ich meinte natürlich 'umfangreich'
Manchmal tippe ich Wörter, die ich gar nicht tippen wollte... ^^''


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