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White Christmas

Der Geist den er nicht rief
von

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Tears of Eternity

Tränen der Unsterblichkeit
 


 

Er wusste er hatte ihn gesehen, als er nur kurze Zeit später ihren kleinen Sohn in den Wagen verfrachtete, sich mit einem Kuss von ihr verabschiedete und ihm somit den Weg frei machte.
 

Sie blieb im Türrahmen stehen, sah dem Auto der beiden mit einem lautlosen Seufzen nach und wartete darauf, dass er sich endlich aus den mondlosen Schatten der Bäume hervor wagte. Sie starrte in die Dunkelheit und wartete auf ihn, während der kalte Frühlingswind an ihrer Kleidung zerrte und eine Gänsehaut auf ihre Arme wehte.

Sie hatte Angst davor ihn zu sehen, denn bei ihrer letzten Begegnung war sein Zustand, um es milde auszudrücken, miserabel gewesen.
 

Die junge Mutter schluckte, rieb sich den Arm und atmete genervt aus.

„Jetzt komm endlich rein, du bist schließlich nicht extra hier her gekommen, um da draußen rum zu sitzen, also los.“

Ein kurzes Zögern, ehe sich der Schatten in der Dunkelheit bewegte und der Grundschüler sich schnell an ihr vorbei ins Haus schlich.
 

Mit einem Seufzen schloss sie die Tür hinter sich, drehte sich zu ihm um und musterte ihn, während er sich die verschlissenen Schuhe von den Füßen zog.

Der kleine Junge zitterte und sie sah es, auch wenn er vermutlich versuchte, es vor ihr zu verstecken. Seine Haare waren lang geworden, sodass seine Augen im Moment gänzlich unter seinen Ponyfransen verschwanden. Seine Kleidung war wie immer etwas mitgenommen, aber zumindest konnte sie diesmal keine offensichtlichen Wunden oder Blut erkennen, sodass die junge Mutter erleichtert aufatmete, ehe seine Stimme ihren Blick erneut auf sich zog.
 

„Danke, Sonoko.“
 

Die Konzernerbin schluckte, konnte nicht verhindern, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief, als sie ihn so vor sich stehen sah. Den ehemaligen Oberschülerdetektiv Shinichi Kudo, von dem nichts mehr übrig war als ein kleiner Junge in verschlissenen Klamotten, der sich seiner Gestalt mehr als bewusst war und ihr deswegen nicht in die Augen sehen mochte, stattdessen den blank geputzten Marmorboden im Blick behielt.
 

Ein Grundschüler, ein kleines Kind.
 

Sie spürte, wie ihr Herz schwer wurde bei dem Gedanken, doch die Ruhe zwischen ihnen war gefährlich, sie wusste, er wäre schneller wieder zur Tür hinaus als sie gucken könnte, wenn er sie zu sehr mit seinem Besuch belastete.
 

Denn das war das letzte, was er wollte… irgendjemandem mit seiner Anwesenheit wehtun.
 

Sonoko Suzuki schluckte erneut, bemühte sich, ihre Zunge zu lockern um die Spannung zwischen ihnen zu brechen, zurück zu kehren in das, was sie am besten konnte und womit er sich am wohlsten fühlte, denn wenn sie eines nicht zulassen konnte, dann dass er, so wie er aussah, wieder verschwand.
 

Die Konzernerbin schüttelte nur den Kopf, eine Geste, die ihn nun doch zum aufschauen bewegte und sie gleichermaßen zittern ließ, bei dem Anblick dieser Augen in dem jungen Gesicht. Sie versuchte, die schwarzen Ränder unter ihnen zu übersehen, den matten Glanz, der ihn vollkommen fremd wirken ließ. Sie konzentrierte sich stattdessen auf den Schmutz auf seinen Wangen, den seltsamen Teerfleck auf seiner Stirn und das junge Blatt, das sich in seinem zerzausten Haar verirrt hatte, um ihnen beiden den Einstieg in diesen Abend ein wenig zu erleichtern.
 

Sonoko seufzte theatralisch und rümpfte die Nase.

„Du stinkst.“

Conans eben noch unsicherer und analytischer Blick wandelte sich in Überraschung, ehe sich ein Grinsen auf Shinichis Lippen zeigte, das in seinem jungen Gesicht müde wirkte.
 

"Deswegen bin ich hier."
 

Sonoko aber rollte nur mit den Augen, spürte jedoch, wie die Atmosphäre um sie beide herum ein wenig lichter wurde und er ihr ins Haus folgte.
 

Sie führte ihn ins Badezimmer, ein heißes Bad war vermutlich auch das Beste um seinen durchgefrorenen Körper ein wenig aufzuwärmen, ganz davon abgesehen, dass er ihr mit diesen Fingern ganz bestimmt nicht an den Esstisch kam. Sie seufzte, hatte gerade den kleinen Bademantel gefunden, den sie zwischen den Handtüchern deponiert hatte und drehte sich mit eben diesem und ein paar Handtüchern zu ihm um. Shinichis Augen hatten sie nicht weiter beobachtet, sie hatten hier umgebaut vor zwei Jahren, doch nicht die neuen Armaturen oder der glänzende weiße Marmor fielen ihm ins Auge, sondern die kleine Quietscheente und anderes Kinderspielzeug, das ihr sonst aufgeräumtes Bad in ein buntes Durcheinander verwandelte.

Er legte den Kopf schief, musste bemerkt haben, dass sie ihn beobachtete und wandte sich doch nicht zu ihr um als er sprach.

„Wie alt ist er jetzt?“

„Fünf…“

Conan nickte stumm, die Haare fielen ihm dabei ins Gesicht, verschmierten seine Brillengläser dabei nur noch mehr.

Sonoko aber schluckte nur.

Makoto war es, der den Vorschlag gemacht hatte mit dem kleinen einen spontanen Kurzurlaub bei seinen Großeltern zu machen, wenn er hier auftauchte, nicht weil sie glaubten, dass Shinichi ein schlechter Umgang für ihn wäre… nein, das hatte andere Gründe. Und mittlerweile wunderten sich ihre Eltern auch schon gar nicht mehr über das kurzfristige Auftauchen ihres Mannes, während sie daheim noch ein paar Geschäfte erledigen musste…

Sie hatten sich daran gewöhnt, genauso wie an seine Besuche, die ohnehin nur selten vorkamen. Und auch wenn es ihr jedes Mal schwer fiel ihn so zu sehen und nicht gleich an den Ohren zu packen und zu seinen eigenen Eltern zu zerren, spürte Makoto doch, wie seine Frau immer unruhiger wurde je mehr Zeit zwischen seinen Besuchen verstrich.
 

Sie biss sich auf die Lippen, doch noch nach all den Jahren fiel es Sonoko Suzuki sichtlich schwer einfach nur den Mund zu halten.
 

„Warum kommst du eigentlich zu mir?“
 

Sie sah wie er blinzelte, sich langsam zu ihr umdrehte, um sie aus diesen müden, blauen Augen heraus anzusehen, ehe sein Blick noch dunkler wurde und den schwarzen Schatten unter seinen Augen einen Namen gaben.

Seine Stimme war rau, hatte nichts mehr kindliches an sich, während er sprach.
 

„Weil ich weiß, dass du ihr nie wehtun würdest.“
 

Ein müdes Lächeln schlich sich auf seine blassen Lippen. Doch mit einem Seufzen war es schon wieder verschwunden, während er mit seinen dünnen Schultern zuckte.

„Außerdem-„

Weiter aber ließ er es nicht kommen, merkte schon im Ansatz, dass er damit vielleicht zu weit gehen würde.

Aber natürlich hatte Sonoko dafür nicht viel übrig, sie hatte schon anhand seiner Tonlage erkannt, in welche Richtung seine Gedanken wanderten, sah ihn fragend und eindringlich an.

„Außerdem was?“

Der Grundschüler aber atmete genervt ein.

Warum fragte sie ihn das jetzt?

Nach all den Jahren sollte er sich erklären, jetzt auf einmal?

Wenn sie ihn nicht da haben wollte, dann hätte sie ihm das auch anders beibringen können.

Er schluckte, wich ihrem fragenden Blick aus.

„Ich kann auch gehen, Sonoko, wenn-„

„Kudo.“

Doch der Befehlston in ihrer Stimme brachte das Blut in seinen Adern erst recht zum kochen.

Sie wollte es wissen?

Na bitte!

Er sah zu ihr auf, verschränkte die Arme vor dem Brustkorb und sprach so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte.

„Schön, außerdem hat dich mein Verbleib doch früher auch nicht gekümmert, Suzuki.“

Die aber stockte nur, wollte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte.

Dieser miese, kleine, verwöhnte Bengel! Schön, na gut, sie hatte nicht immer das beste Verhältnis zu Kudo gehabt, und dass er Ran so lange alleine und im Ungewissen gelassen hatte, hat das Ganze nicht besser gemacht.

Aber so herzlos war sie nun auch wieder nicht, er war schließlich mit ihr zusammen aufgewachsen und wenn er Ran etwas bedeutete, hatte sie ihn wohl schlecht ignorieren können.

Die Stimme der Konzernerbin wurde kalt, sie richtete sich bewusst auf und zwang ihn somit zu ihr aufzusehen.

„Ich hoffe sehr, dass du das nicht ernst meinst, Kudo, denn wenn dem so ist, kannst du auch gleich wieder verschwinden.“

Shinichi aber sah sie von unten herauf an, musterte Sonoko für einen langen Augenblick. In ihren Augen stand deutlich, dass sie ihre Drohung wahr machen würde, wenn er sich nicht bald für seine Worte entschuldigte.

Und irgendwie… hatte er es ja auch nicht so gemeint.

Shinichi schluckte trocken, wandte den Blick ab und schüttelte mit einem einsichtigen Seufzen den Kopf.

„Nein, nein schon gut…“

Er fuhr sich über die Augen, wahrscheinlich war er einfach überreizt, die Kälte und die Müdigkeit machten ihm eben doch mehr aus, als er selbst wahrhaben wollte.

Dennoch ließ sich der bittere Geschmack nicht aus seinem Mund waschen, als er langsam wieder zu ihr aufsah.

„…obwohl es besser für dich wäre, Sonoko,… wenn ich gehe. “

Die aber rollte nur die Augen, legte ihm die Sachen zum Abtrocknen auf eine kleine Ablage und ging aus der Tür.

„Ruf mich wenn du was brauchst.“

Er nickte, während sie die Tür hinter sich schloss, viel und kurz darauf ein paar tapsige Schritte ertönten und das Türschloss knackte, ehe Wasserrauschen den Raum füllte.
 


 


 

Zum Glück konnte Makoto kochen. Und wenn er es tat, machte er immer reichlich. Sonoko seufzte, während sie den Resten ihres Abendessens weiter zusah, wie es in der Mikrowelle seine Kreise zog.

Ein Glück für ihn, denn ihre eigene Kochkunst war dank jahrelanger Restaurantbesuche noch immer bescheiden. Sie hätte Shinichi heute Abend nicht so viel auftischen können.

<Obwohl es wahrscheinlich noch besser wäre, als das, was du sonst so zwischen die Zähne bekommst.>

Die Konzernerbin runzelte die Stirn und verdrängte den Gedanken mit einem kurzen Kopfschütteln, ehe sie ihn aus den Augenwinkeln im Türrahmen bemerkte.

Gewaschen und in sauberen Klamotten war sein Anblick zumindest nicht mehr ganz so erschreckend. Nur das Bündel Dreckwäsche, das er in der Hand hielt, störte noch…

<Aber das haben wir gleich…>

Ohne ihn noch um Erlaubnis zu fragen, überwand sie die kurze Distanz zwischen ihnen und nahm ihm die Kleidung aus der Hand. Shinichi schaute fragend zu ihr auf, während ihr Blick über seine Sachen glitt.

„Meinst du, du kriegst sie sauber bis Morgen?“ Die Blondine verzog nur die Lippen.

„Ich kann es versuchen, auch wenn ich nicht glaube, dass der hier die Maschine überlebt.“ Mit hochgezogener Augenbraue hielt sie ihm den grauen Pullover hin, dessen Strickmuster vor lauter losen Maschen schon nicht mehr zu erkennen war. Der Grundschüler rollte nur mit den Augen, doch die Konzernerbin kümmerte sich nicht groß darum, sondern musterte ihn von oben bis unten in der sauberen Jeans und roten Sweatshirt, das er nun trug.

„Davon abgesehen, scheinen dir die Sachen doch zu passen, die ich dir rausgelegt habe?“ Er nickte knapp, doch die Röte auf seinen Wangen war nicht zu übersehen.

„Das schon…“

„Na bitte, also lassen wir die Waschmaschine entscheiden, was von diesen Sachen noch tragbar ist.“
 

Shinichi seufzte nur, während sie mit seinen Sachen aus dem Raum verschwand und kletterte auf den nächstgelegenen Stuhl des Esstisches, um einen Blick in die Mikrowelle auf der Arbeitsplatte erhaschen zu können. Der Geruch nach Essen ließ das Loch in seinem Magen zu einem bodenlosen Abgrund werden, während er dem Teller beim Kreise drehen zusah, doch noch etwas anderes erregte seine Aufmerksamkeit, denn neben der ersehnten Mahlzeit erkannte er sein eigenes Spiegelbild im dunklen Glas der Mikrowelle.

Der Detektiv schluckte, griff sich unwillkürlich in das noch immer feuchte Haar und betrachtete seine dunklen Haarspitzen zwischen seinen Fingern.

Das war das einzige an ihm, das noch wuchs, seine verdammten Haare auf dem Kopf.

"Du braucht einen Haarschnitt."

Er zuckte kurz, hatte sie nicht kommen hören und wandte sich zu Sonoko um, ehe er zurück zu dem dunklen Mopp sah, der sich im Glas spiegelte und zu allen Seiten ab stand.

"Ja... ja, ich denke, du hast recht."

Sonoko nickte nur, sprach scheinbar belanglos weiter.

"Deine Sachen warten schon auf dich, schau nachher durch und sag mir, was du noch brauchst." Shinichi sah sie lange an, ehe er fragend eine Augenbraue nach oben zog, in seiner Stimme mischten sich Humor und Zweifel zu... was? Sarkasmus vielleicht?

"Was denn? Diesmal keine Debatte? Du willst mich nicht aufhalten...."

Sonoko stockte, drehte sich dann langsam zu ihm um.

"Das hab ich nicht gesagt... aber bringt dieser Streit überhaupt irgendetwas?"

Die Antwort war wie erwartet, ein kleines Lächeln floh über die Lippen des Grundschülers.

"Nein."

Sonoko aber seufzte, schüttelte den Kopf, ehe sie den vollen Teller endlich aus seinem drehenden Gefängnis holte.
 

Der Heißhunger aber, mit dem er sich über Makotos Essensreste her machte, ließ das flaue Gefühl in ihrem Magen erneut aufkochen. Sie hatte sich geschworen, ihn diesmal einfach wieder gehen zu lassen, denn ihre Diskussionen endeten doch immer wieder gleich.

Aber sie konnte nicht anders, auch wenn Kudo es vielleicht nicht glaubte, sie machte sich Sorgen um ihn.

Jedes Mal, wenn sie ihn Monate lang nicht sah, er manchmal fast ein Jahr lang nicht auftauchte, machte sie sich erneut Vorwürfe, dass sie es nicht mehr versucht hatte, dass sie nicht mehr getan hatte um ihn zu halten. Um ihm dieses Leben auszureden, das er führte.
 

Die junge Mutter schluckte, ließ ihren Blick auf ihm ruhen, während seine Wangen mit jedem Bissen ein wenig mehr an Farbe gewannen. Vielleicht lag es auch daran, dass sie nun selbst Mutter war… Toiko hatte beinahe sein Alter und sich vorzustellen, dass ihr Sohn da draußen- ganz allein-
 

Sie schüttelte mit dem Kopf, versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen, doch ihre Stimme war noch immer rau, als sie die Frage stellte, von der sie wusste, dass sie nur Ärger bedeuten würde.
 

"Ist es das, was du willst, Kudo? Ein Leben führen wie ein Landstreicher?“ Sie sah, wie der Bissen in seinem Hals langsamer rutschte und er die Gabel sinken ließ, doch es war ihr egal.

„Du weißt, dass wir dich finden könnten? Nicht zuletzt dein Vater oder Heiji hätten kein Problem damit, deinen Spuren aus Ermittlern mit plötzlichen Ohnmachtsanfällen zu folgen.“

Shinichi aber schluckte nur, wich ihrem Blick aus.

Als ob er das nicht wüsste.

Wie oft hatte Hattori ihm schon aufgelauert, wie oft hatten sie diese Diskussion geführt und wie oft hatte sein Freund versucht ihn unter den Arm zu packen und nach Hause zu schleppen.

Und jedes Mal endete es entweder mit einer Beule am Kopf des Osakaners oder mit einem Narkosepfeil in seinem Nacken, bis es irgendwann leichter wurde, ihn auszutricksen und Hattori nur noch seltener versuchte, ihn eines besseren zu belehren...

Wozu auch?

Seinem Vater wiederum begegnete man am besten gar nicht, zumindest war es das, was er vorzog. Wenn er irgendwie Wind davon bekam, dass er in der Nähe sein könnte, sah er zu das er den Polizisten so viele Hinweise wie möglich platzierte und ließ den Fall lieber sausen… so schwer es ihm auch fiel.

Außerdem konnte er meist sicher gehen, dass sein Vater dann seinen Part übernahm und seine Hinterlassenschaften aufsammelte.
 

Seine Eltern wollten ihn zurück… doch dieses zurück gab es für ihn nicht, also blieb ihm nichts anderes übrig als ihnen weitgehend aus dem Weg zu gehen, alleine.

Shinichi schluckte, spürte, wie sich ein bitterer Geschmack auf seine Zunge legte, für die Makotos Kochkunst ganz bestimmt nicht verantwortlich war. Er legte die Gabel beiseite, und sah Sonoko von unten herauf an, die sich zu ihm gesetzt hatte, seine Stimme klang selbst in seinen Ohren kalt.

"Welche Alternative habe ich, Sonoko? Ein Kinderheim... bis ich verschwinden muss und ab zum nächsten?"

Sie aber sah ihn nur an, lange, schweigend, bis sie mit ihrem nächsten Satz all seine Ängste auf den Punkt brachte.
 

„Es soll also für immer so weiter gehen?“
 

Shinichi aber stockte, spürte wie ein kurzer Schauer über seinen Rücken rann, während Kälte und Wärme sich in seinem inneren zu seinem Sturm mischten, seine Zukunft war nun wirklich nicht gerade etwas, worüber er gerne nachdachte.

Er schluckte, versuchte die Gedanken und Emotionen von sich abzuschütteln und wandte den Blick ab, sah sie nicht mehr länger an und nuschelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, laut genug dennoch, damit Sonoko ihn hören konnte.

„Nein, nein… vermutlich nicht.“

Die Blondine wurde augenblicklich blass um die Nase.

<Kudo…>

Sie spürte wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete, ihr das Schlucken beinahe unmöglich machte, während sie ihn besorgt musterte.

So hatte sie das nicht gemeint, auch wenn sie natürlich hätte ahnen können, dass er das so verstehen würde. Denn auch wenn Kudo nicht mehr alterte… hatte der Tod keineswegs völlig Abstand von ihm genommen, das hatte sie damals bewiesen.

<Ai…> Sonoko spürte, wie ihr schwindelig wurde, als sich ihre Gedanken anfingen zu drehen, noch immer war das Bild der Grundschülerin in ihrem Gedächtnis, die, wie sie wusste, im letzten Gefecht mit der Organisation bewiesen hatte, dass das Leben mit dem APTX sehr wohl ein Ende haben konnte.

Übelkeit stieg in ihr hoch, ihre Stimme zitterte, während sie ihn scharf ansah…

„Du denkst doch nicht…“

Shinichi aber verzog nur das Gesicht, der Sarkasmus in seiner Stimme passte nicht zu den müden, blauen Augen, die nun gereizt zu ihr aufsahen.

„Warum nicht? Du hast doch selbst gesagt, dass es so nicht weiter gehen kann oder?“

Sie biss sich auf die Lippen, schüttelte langsam den Kopf.

„So hab ich das aber nicht gemeint, Shinichi…“

Er schluckte nur, fuhr sich durchs Haar und verkniff sich den Rest seines Arguments. Conan seufzte, wich ihrem brennenden Blick aus und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß…“
 

<Ich weiß.>

Es musste sich etwas ändern.
 

Die Müdigkeit in seiner Stimme aber hallte noch lange in ihren Ohren nach.
 


 


 

Das restliche Essen verlief schweigend, genauso schweigend, wie er ihr danach ins Bad folgte und auf den Stuhl kletterte, den Sonoko ihm zuwies. Das einzige Geräusch das zwischen ihnen lag und die drückende Stille durchbrach war das Klappern der Schere, mit der Sonoko versuchte, seine zerzausten Haare zu bändigen.
 

Der Kamm strich angenehm durch seinen Nacken und auch wenn er Zweifel hatte, was die Friseurqualitäten der reichen Blondine anbelangte, stellte die sich eigentlich gar nicht mal schlecht an, sodass sein Erscheinungsbild im Spiegel zusammen mit den neuen Klamotten, einem Fremden vielleicht eine heile Welt vorgaukeln konnten.

Jedoch nicht genug, um sich selbst zu täuschen…

Shinichi schluckte, starrte Conan Edogawa im Spiegel entgegen und der Grundschüler starrte zurück.
 

Sonoko atmete tief ein, noch immer hörte sie seine leere Stimme in ihrem Innern, musste sich zusammen reißen, damit ihre Hände nicht zitterten und sie Kudo nicht ungewollt eine Stufe verpasste.

Sie wusste, dass er nicht so weiter machen konnte… das wussten sie beide eigentlich.

Sie biss sich auf die Lippen, während sich zwischen ihren Augenbrauen eine kleine Falte bildete, nichts desto trotz hatte ihre Stimme einen entschlossenen Klang, als sie die schützende Stille zwischen ihnen durchbrach.
 

"Du könntest bleiben."
 

Shinichi zuckte unter den Klingen ihrer Schere kurz, sah sie mit Halbmondaugen von unten herauf an, der genervte, beinahe motzige Ausdruck passte mit einem mal in das sture Gesicht des kleinen Jungen.

"Und euch dazu verdammen, nach ein paar Jahren umzuziehen...nein danke." Er verschränkte die Arme vor der Brust, wich ihrem Blick im Spiegel aus, doch für Sonoko war das Thema noch lange nicht gegessen. Sie schluckte, versuchte ein wenig mehr Fürsorge in ihre Stimme zu legen, was ihr Anhand der Sturheit ihres ehemaligen Klassenkameraden nicht gerade leicht fiel.

"Wenigstens wärst du nicht allein, deine Eltern würden sicher-"

"-darunter leiden, dass ich mit der Welt nicht mithalten kann." Sein rüder Tonfall blockte sie ab, sodass auch das Klappern der Schere zur Ruhe kam, während sie ihn noch immer nachdenklich musterte. Shinichis Stimme aber verlor schnell an Kraft und Nachdruck, während sein Blick zurück zu Conans Augen wanderte, dem einzigen Part seiner Selbst, das den Käfig des kleinen Jungen durchbrach.

„Ich kann niemandem zumuten, mein Schicksal zu teilen.“

Er schluckte, spürte wie eine kalte Hand seine Kehle zudrückte, während er Conans Blick auswich.

„Es wäre besser, wenn sie mich einfach vergessen…“
 

Seine Stimme ging ihr unter die Haut, sodass eine drückende Stille zwischen ihnen herrschte, in der die Konzernerbin ihn einfach nur anstarrte. Doch es war nicht Mitleid, sondern Wut, die die kleinen Haare auf ihrem Arm elektrisierte.
 

Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein?
 

Ihre Stimme war am Schluss kaum mehr als ein heiseres Zischen, als sie endlich den Mut gefasst hatte zu sprechen.

"Glaubst du, das können sie... glaubst du, sie kann das?"
 

Conan zuckte, sah langsam zu ihr hoch.

"Sonoko..."

"Nein! Nichts Sonoko!"

Sie war aufgestanden, aus dem Blickfeld des Spiegels zurück getreten, sodass er sich zu der nun wutentbrannten Sonoko umdrehen musste, die mit der Schere in der Hand mit einem mal gefährlich aussah.

"Jetzt hörst du mir zu, Kudo."
 

Sie sah, wie er schluckte, nur widerwillig zu ihr aufsah, doch es war ihr egal, es war ihr egal, was er durchgemacht hatte, egal was er über die Situation dachte, egal, solange er nicht verstehen konnte oder wollte, wie wichtig er den Menschen noch immer war. Ihre Stimme war rau, zitterte, während sie laut durch das leere Haus der Suzukis hallte.

„Sie kann dich nicht vergessen. Sie hat es die letzten Jahre über nicht und wird es auch nicht. Selbst Morgen nicht… an so einem bedeutsamen Tag und ausgerechnet jetzt bist du hier.“
 

„Was?“
 

Sie aber hörte seine heisere Frage nicht, hatte sich in Rage geredet, sodass sie nicht sah, wie sich sein kleiner Brustkorb unter seinem flatternden Atem immer schneller hob, als er das Puzzle ihrer Worte langsam zusammensetzte.

„Ich schwöre dir Kudo, wenn du ihr noch einmal weh tust, wenn du ihr diesen Tag Morgen nimmst, dann-„
 

„Wovon redest du, Sonoko?“
 

Seine Stimme klang brüchig, heiser fast, weil er Angst vor der Antwort hatte, weil er ahnte, warum diese Sonoko so aufregte.

Und doch stellte er diese Frage und hoffte, dass er dieses eine Mal falsch lag.

Doch die Konzernerbin erkannte seinen fragenden Blick unter ihrem Schleier aus Angst, Wut und Trauer nicht, ließ ihre Stimme kälter werden, als er es in diesem Moment verdient hatte.
 

„Tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest, Kudo! Ihre Hochzeit, deswegen- deswegen bist du doch hier, oder?“
 

Shinichis Blick fiel in Zeitlupe von ihr ab, blieb an einem unbedeutenden Stück Badezimmerboden hängen, das er nicht einmal wirklich sah. Sein Herz schien in diesem Moment stehen geblieben zu sein, eingefroren, unbeweglich, überwältigt von viel zu viel Schmerz. Ehe es im nächsten Moment polternd aufholte und die eisige Kälte in seinem Körper verteilte.

Er hörte Conans Stimme und konnte sich doch nicht daran erinnern, die Worte geformt zu haben.

„Nein… nein, deswegen bin ich bestimmt nicht gekommen…“
 

Die geisterhaft leere Stimme des kleinen Jungen ließ nun auch Sonokos Blick zurück zu ihm wandern, weder der fahle Teint, noch die glasigen Augen des Grundschülers waren nötig, um ihr begreiflich zu machen, was sie angerichtet hatte.

Sie spürte, wie ihr der Atem stockte, ihre Kehle augenblicklich trocken wurde, sodass ihre Zunge am Gaumen klebte.

„Aber i-ich dachte-„
 

Shinichi atmete lange und stockend aus, die Luft in seinen Lungen zitterte und doch wagte sie es nicht, auch nur zu ahnen, was gerade in ihm vorging. Sie wusste nicht, wo er die Kraft hernahm ruhig zu bleiben, er hatte alles verloren… und sie hielt es ihm auch noch unter die Nase.

Dabei hatte sie wirklich gedacht, er wäre deswegen hier.

Sie schluckte, schlang die Arme haltsuchend um ihren eigenen Körper, während sie den kleinen Jungen vor sich ansah, der mit einem mal noch verlorener in diesem viel zu großen Bad wirkte.

Conan aber schluckte nur, seine Stimme hatte jeglichen Klang verloren und kratzte unsanft in ihren Ohren.

„Ich wusste es nicht, ich habe es nicht gewusst… bis gerade eben.“
 

Diesmal war es Sonoko, deren Augen mit einem mal groß wurden, den gebrochenen, kleinen Jungen, den- gebrochenen Mann vor sich ansahen, dem sie gerade ein Messer ins Herz gerammt hatte, um ihn dann mit Füßen zu treten.

„Shinichi, es-„

Sie schluckte, spürte, wie ihre eigenen Augen zu brennen begannen, während der Kloß in ihrem Hals ihr das Sprechen unmöglich machte.

„Entschuldige ich-„
 

Conan aber sah sie nicht an, sondern langsam zurück in den Spiegel, sodass sich die blauen Augen des Grundschülers erneut trafen und ihn daran erinnerten, dass es nie wieder anders sein würde.

Seinen dünnen Worten aber konnte nicht einmal er selbst noch Glauben schenken.
 

„Schon gut…“
 

Nein, nichts war gut.

Und es würde auch nie wieder gut sein.

Nicht für ihn.
 


 


 


 

Sie war ihm aus dem Weg gegangen, nachdem er sich dafür bedankt hatte, dass er bleiben konnte, über Nacht. Auch wenn sie Schuldgefühle plagten, konnte sie ihm nicht in die Augen sehen, ihm weder drohen, dass er sich von Ran fern halten sollte, noch ihm Mut machen, wenigstens mit ihr zu reden.

Keine dieser Entscheidungen erschien richtig.
 

Also hatte sie seine gewaschenen Klamotten noch in dem kleinen blauen Rucksack verstaut, den sie ihm gepackt hatte.

Etwas, mit dem er sich mehr oder minder abfinden musste, wenn er bei ihr aufkreuzte, schließlich konnte sie ihn ja schlecht einfach so wieder gehen lassen.

Dabei war dies ihre Bedingung ihn überhaupt wieder gehen zu lassen… mit dem Geld, das sie jedes Mal zwischen den Klamotten und Vorräten versteckte, würde er zumindest eine Zeit lang über die Runden kommen. Auch wenn ihr noch heute jedes Mal schlecht wurde, wenn sie versuchte in diesem kleinen Stoffbeutel Platz für- für sein Überleben zu schaffen?

Denn zum Henker noch eins, WAS packt man in einen solchen Rucksack?

Sie hatte keine Ahnung.

Sie wusste nicht, wie Kudo es anstellte, wie er klar kam mit all dem und die meiste Zeit versuchte sie auch nicht weiter darüber nach zu denken.

An Tagen wie heute jedoch gelang ihr diese Ignoranz nur schwer.

Erst recht nach ihrem Gespräch von vorhin.
 

<Du hättest eben doch deine große Klappe halten sollen, Suzuki!>
 

Er hatte es nicht gewusst.

Er hätte einfach wieder verschwinden können, nichtsahnend und stattdessen hatte sie es ihm ins Gesicht geschmettert, ihn sogar verdächtigt, dass er ausgerechnet heute bei ihr aufgekreuzt war um Rans Hochzeit zu ruinieren… er, der mehr an alle anderen dachte, als an sich selbst.
 

Die Stille zwischen ihnen hatte sich in die Länge gezogen, sodass sie sich, nachdem sie ihm das Gästezimmer fertig gemacht hatte, in ihr Büro zurückgezogen hatte.

Sie war sogar so weit gegangen, ein paar Firmenunterlagen durchzugehen, um ihren Kopf mit etwas anderem zu füttern und ihm aus dem Weg zu gehen.
 

Doch die monotone Stimme des Journalisten im Fernsehen war einfach nicht zu überhören. Die Tatsache, dass er nun schon zum gefühlt hundertsten Mal dasselbe vorlas, machte es nicht gerade besser. Kudo musste den Nachrichtenkanal angeschaltet haben und auch dabei geblieben sein, denn in dieser ganzen Zeit hatte er nicht einmal umgeschaltet.

Sie seufzte, ihr Blick fiel automatisch auf die große Uhr über der Tür ihres Büros. Der Beginn des nächsten Tages, der Beginn von Rans Hochzeitstag, war in gefährliche Nähe gerückt.

Sonoko schluckte, fühlte, wie sich eine kleine Falte zwischen ihre Augen schlich.

Genug, es reichte, es war ohnehin schon zu spät für-

<-für ein kleines Kind.>

Die junge Frau biss sich auf die Lippen, schüttelte abwertend den Kopf, ehe sie mit einem Seufzer vom Schreibtisch aufstand und sich ihren Weg ins Wohnzimmer suchte.
 

Tatsächlich fand sie ihn noch immer vor dem Fernseher.

Auch wenn er von den neusten Meldungen nicht mehr allzu viel mitbekam.

Kudo war eingeschlafen, und zwar in einer der unmöglichsten Positionen, in der nur Kinder es konnten.

Sein Körper schien völlig verdreht, während ein Arm vom Polster hinunter baumelte, war der andere um das Kissen geschlungen, von dem sein Kopf jedoch schon längst abgerutscht war.

Doch selbst im Schlaf verrieten ihn die dunklen Ringe unter seinen Augen, der Gesichtsausdruck, der sich auch im Traum einfach nicht entspannen konnte.
 

Er war kein Kind.
 

Sonoko schluckte, überquerte die kurze Distanz zwischen ihnen und rüttelte dann sanft seine Schulter, versuchte so den Detektiv zu wecken.

„Hey, Kudo!“

Zwecklos, mehr als ein undurchsichtiges Murren und ein kurzes Zucken seiner Nase sollte sie nicht bekommen.

Ihr Blick ruhte erneut auf dem kleinen Kind.

<Ach verdammt.>

Sie biss sich auf die Lippen, beugte sich langsam zu ihm herunter und hob ihn mit einem kleinen Seufzen vom Sofa hoch.

Shinichi schlief noch immer, grub sich in ihren Armen ein, so wie es ihr Sohn immer tat, wenn er seine Bettgehzeit schon lange überspannt hatte.

Er war nicht viel schwerer als ihr Kleiner.

Kein gutes Zeichen, wenn man bedachte, dass Kudo physisch eigentlich zwei Jahre älter war als er. Sie schluckte, schüttelte nur den Kopf, während sie mit vorsichtigen Schritten auf das Gästezimmer zusteuerte, wo sie ihn behutsam ins Bett legte, noch kurz mit sich rang ihm die Socken auszuziehen, ehe sie es dann doch ließ und ihn einfach nur zudeckte.
 

Ihre Blicke verdunkelten sich, als sie den ruhigen Atem des kleinen Jungen beobachtete, der tief vergraben unter der Bettdecke ruhig zu schlafen schien, während seine Pupillen unter den geschlossenen Liedern hin und her rasten, ihr verrieten, dass er auch in Morpheus Armen keine Ruhe fand.
 

Das Brennen in ihren Augen kündigte die Tränen an, die sie bis eben verdrängt hatte, sie spürte, wie das warme Wasser ihre Wangen hinunter glitt und das eben noch klare Bild des Grundschülers in seinen wässrigen Strömungen mit sich riss.
 

Und ihr Mund erst jetzt den Mut fand auszusprechen, was er vielleicht verdient hätte zu hören.

„Ran kann dich nicht vergessen, Kudo.“

Sie schluckte, der Kloß in ihrem Hals machte ihren Ton brüchig und unverständlich.

„Niemals.“
 

Ein letztes Mal streifte ihr Blick den kleinen Jungen, der das Bett, in dem er lag, unnatürlich groß wirken ließ. Eigentlich schien alles in seiner Umgebung diesen eigenartigen Effekt zu haben, ganz so, als ob es sich seiner Erscheinung bewusst widersetzen wollte.

Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammen zog.

Nie hätte sie gedacht, dass das geheime Traumpaar der Teitan-Oberschule ein solches Schicksal erleiden würde.

Ein Part verloren und verliebt und der andere verliebt und verloren.
 

Sie schluckte, noch immer rannen Tränen über ihre Wange, ehe sie halt- und hilflos zu Boden fielen. Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern, als ihre Lippen ihr endlich gehorchten.
 

„Es tut mir leid.“
 

Auch wenn sie wusste, dass er sie nicht hörte, musste sie das loswerden, jetzt, denn am nächsten Morgen, würde er schon wieder verschwunden sein.
 


 


 


 

Es war perfekt.
 

Von lieblichen Rosen, über die Zeremonie, bis hin zu den ersten, warmen Sonnenstrahlen des Frühlings, die nun ihre Nase kitzelten.
 

Und doch spürte sie, wie etwas sich an ihre Wange schmiegte, kitzelnd über ihre Haut lief und dabei noch zarter war als einer seiner Küsse.
 

Sie weinte.
 

Schon zum dritten Mal an diesem Tag.

Doch anders als die Momente zuvor fühlten sich die Tränen, die ihr über die Wange glitten, kalt und schwer an.
 

Es waren andere Tränen als die von heute Morgen, als ihr Herz ins Stolpern gekommen war, nachdem sie sich selbst im Spiegel gesehen hatte, in diesem fließenden, weißen Kleid und wusste, dass es nur noch wenige Minuten bis zur Trauung waren.

Aufregung, Angst hatten sich mit der Vorfreude zu purer Panik vermischt, die wohl jede Frau empfand, wenn sie vor diesem Schritt stand und sich in diesem Moment fragte, was sie hier eigentlich tat.

Doch das Brennen ihrer Augen war gut gewesen, die wässrigen Tränen hatten jeglichen Zweifel aus ihr hinaus gewaschen und sie in ihrem tiefsten Inneren zu diesem Schritt bestärkt.

Sie liebte ihn.
 

Es gab einen Moment, an dem sie schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatte eine solche Liebe je wieder zu empfinden. Sie hatte mit sich gekämpft, mit dem bitteren Gefühl in ihrer Magengegend, das ihr zu verstehen geben wollte, dass sie ihn verriet, aber er hatte gewartet. War für sie da gewesen, geduldig und aufmerksam, sodass dieses schwere Gefühl in ihrem Inneren langsam versiegte und sie es zuließ seine Gefühle für sie zu erwidern.

Nur dank ihm stand sie heute hier, in diesem wunderbaren Kleid, das ihr bei ihrem ersten Anblick die Sprache geraubt hatte.
 

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie geglaubt, sie und ihr Makeup hätten es überstanden. Sie hatte ihre vor Verzückung weinenden Brautjungfern ertragen, ihren Vater, der mit einem breiten Lächeln auf den Lippen Rotz und Wasser heulte, während er leise Morddrohungen an ihren Bräutigam aussprach während er sie zum Altar führte.
 

Das Lächeln auf ihren Lippen war so echt und so voller Liebe und Freude, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass seine Stimme allein dazu ausreichen würde, ihr noch ein weiteres Mal an diesem Tag die Tränen in die Augen zu treiben.
 

Doch so war es.

Denn das zweite Mal an diesem Tag, als ihr die kristallklaren Tränen, wie kleine Diamanten über die Wange glitten, war als Tomoakis heisere Stimme ihr sein Ehegelübde ins Ohr geflüstert hatte.
 

Er liebte sie.
 

Und doch saß sie jetzt hier, hatte sich von der Hochzeitsgesellschaft etwas zurückgezogen, um augenscheinlich die Ruhe der Parkanlage und die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut für einen kurzen Moment zu genießen.
 

Keiner wusste, dass ihre Welt an diesem Tag ein weiteres Mal in Tränen versank.
 

Keiner, außer ihm.
 


 


 


 

Er hatte sich geschworen nicht zu kommen.
 

Er hatte fest vor gehabt sich das selbst nicht an zu tun, geschweige denn ihr.
 

<Ran…>
 

Conan schluckte, vergrub die Nägel tiefer in der dicken Rinde des Baumes, hinter dem er sich versteckte, die fröhliche Hochzeitsgesellschaft beobachtet hatte bis- bis sie sein Geschenk gefunden hatte.
 

Der Grundschüler schloss die Augen, spürte den Rucksack der schwer auf seinen Schultern wiegte und nun doch um einiges leichter war, nach dem er ein Großteil von Sonokos Geld ausgegeben hatte.

Wahrscheinlich würde er es noch bereuen…

Spätestens wenn der Herbst sich zurück meldete, wünschte er sich vielleicht er hätte das Geld behalten, schließlich dachte sich Sonoko etwas dabei, wenn sie es ihm in die Hand drückte.

Er schluckte, schüttelte widerspenstig den Kopf.

Er musste einen anderen Weg finden, musste es schaffen sich irgendwie wieder ins Leben zurück zu kämpfen.

Schließlich war er Detektiv, wenigstens das hatte man ihm nicht nehmen können und um ehrlich zu sein war dies auch das einzige, was ihm noch blieb.

Heute hatte er den ersten Schritt dorthin gemacht, indem er Sonokos Geld für etwas anderes ausgegeben hatte.

Sie wollte ihm damit helfen… aber genau das wollte er auch.

Und heute Morgen hatte er auch gewusst, was er tun konnte…

Was er tun musste.

Ein aller letztes Mal, für Ran.
 

Also hatte er das Geld, das Sonoko ihm „heimlich“ zugesteckt hatte, aus seinem Rucksack gefischt und einem ziemlich verblüfft dreinschauenden Juwelier über die Theke gereicht.

Nachdem er aber die Scheine auf Echtheit überprüft hatte, verschwand die Skepsis aus seinem Blick, sodass er ein, dem Betrag angemessenes, Lächeln aufsetzte.
 

Er hatte es geschafft, die kleine Schatulle unbemerkt auf den Tisch mit den Geschenken zu bugsieren, niemals aber hätte er sich gewünscht, oder auch nur daran gedacht, dass es ihr unter all diesen vielen Päckchen auffallen würde.
 

Conan biss sich auf die Lippen, sein Magen fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit Steinen gefüllt, während sein Herz unruhig in seiner Brust schlug und er wie fest gefroren da stand und dieses Leiden ertrug.
 

Er hatte es nicht besser verdient.

Schließlich hatte er sie zum weinen gebracht, ausgerechnet heute, an einem solch besonderen Tag.
 

An ihrem Hochzeitstag.

Der ehemalige Oberschüler schnappte nach Luft, spürte einen Stich in seiner Brust während seine Augen erneut über sie glitten.
 

Sie war wunderschön.
 

Die weiße Seide schmiegte sich an ihre Silhouette, kleine Stoffrosen umspielten ihre Taille um sich dann fließend auf ihrer Schleppe zu verteilen. Das warme Sonnenlicht fing sich in ihren Dunkelbraunen Haaren, brachte sie zum Leuchten, während ihre Haut einen sanften Schimmer besaß.
 

Shinichi spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte, als er sie so sah. Wie oft hatte er sie in seinen Träumen gesehen, wie sie auf ihn zukam, während er am Altar auf sie wartete.
 

Ein Traum.
 

Der Detektiv schluckte, schüttelte den Gedanken kurz und knapp von sich.

Dabei würde es auch bleiben.

Sie gehörte nicht mehr länger zu ihm, sie hatte sich von den schwarzen Schatten befreit, die ihn umgeben hatten und… sie war glücklich.
 

Das war es, was er wollte.
 

Er holte tief Luft, spürte, wie seine Augen zu brennen begannen, während der Atem seine Kehle zitternd wieder verließ.

Deswegen war er hier…
 

Ran sollte lieben, leben.

Ohne ihn.

Sie sollte glücklich sein.
 

Und der Schlüssel zu ihrem Glück, alles, was er ihr noch geben konnte, lag nun in der kleinen Schachtel in ihren Händen.
 

Er schluckte, spürte wie sein Herz sich zusammen zog, tausend heiße Nadeln stachen ihm unter die Haut und raubten ihm den Atem, während sich ein letztes trauriges Lächeln auf seine Lippen schmiegte.
 

Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern, wurde vom Wind davon getragen, ohne ihr Gehör jemals zu erreichen.
 

„Verzeih mir, Ran…“
 


 


 

Ihre Tränen fielen dumpf auf die kleine Schachtel in ihrer Hand, formten dabei einen unruhig pochenden Herzschlag, der sich mit dem ihren mischte.
 

Sie wusste nicht warum dieses kleine, schmucklose Kästchen ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte, war es doch zwischen der Masse an Geschenken beinahe untergegangen.

Ein Blick in die kleine Grußkarte aber hatte gereicht, um ihren Atem aussetzen zu lassen.
 

Für Ran
 

Sie hatte seine Handschrift noch erkannt, bevor sie seine Worte hatte lesen können, sie kannte dieses Gekrakel schließlich schon ihr Leben lang.
 

Sie hatte den Atem angehalten, die schwarze Schachtel fest an ihr weißes Kleid gedrückt und sich mit heiserer Stimme und einem aufgesetzten Lächeln kurz von der Hochzeitgesellschaft entschuldigt. Nur schwer hatten ihre wackeligen Beine sie bis zu dieser Bank getragen, das Blut hatte in ihren Ohren gerauscht, während ihr eigener Herzschlag ihren ganzen Körper zum Zittern gebracht hatte, als sie die Schachtel langsam öffnete.
 

Im Deckel der kleinen Schatulle befand sich eine weitere Karte, nicht größer als eine Visitenkarte, wieder versehen mit seiner, für seine Verhältnisse eigentlich viel zu leserlichen Schrift.

Doch im ersten Moment waren es nicht seine Worte, die ihre Augen in den Bann zogen, sondern sein Geschenk selbst.
 

Auf weicher dunkelgrüner Seide gebettet ruhte ein kleines goldenes Herz an einer zarten Kette.

Einfach und schlicht.

Das warme Licht des jungen Frühlings brachte das goldene Herz zum Leuchten und der Schatten der tanzenden Blätter über ihr ließen es unter ihrer Bewegung lebendig wirken.
 

Ran schluckte, ihr Atem ging flach und stoßweiße, während dieses wunderschöne Schmuckstück ein Loch in ihren Magen zu brennen schien, Platz machte für eine böse Vorahnung, die sich in diesen leeren Tiefen einnistete und sie von innen heraus zerriss.
 

Denn das, was ihre Welt zum dritten mal an diesem Tag in Tränen ertränkte, war nicht das kleine Schmuckstück selbst, sondern die keine Karte, die sie mit zittrigen Händen langsam aus dem schwarzen, samtbekleideten Deckel zog.
 

Ihr Herz hämmerte ihr in der Brust, während sich ihre Ohren mit Watte füllten. Ihre Kehle zog sich langsam zu und der warme Frühlingswind, der durch ihre Haare strich, wirkte mit einem mal kalt und unbarmherzig.
 

Noch ehe sie die kurze Zeile hatte lesen können, verschwamm ihre Sicht unter eben diesen Tränen, die ihr leise und unscheinbar über die Wange rannen.

Falsch, schmerzhaft und heiß.

Jede von ihnen hinterließ einen bösen roten Streifen auf ihrer Wange, der glauben machte, sie hätte sich verbrannt.
 

Ein schwerer, warmer Tropfen fiel von ihrer Wange auf die kleine Karte in ihrer Hand und saugte die schwarze Tinte in sich auf und ließ seine Worte im kalten Frühlingswind verblassen.
 

Ich gebe es dir zurück…
 

<Shinichi…>
 

Sie konnte seine Stimme hören, die leise an ihr Ohr flüsterte.

Seine, nicht die Conans.

Die Shinichi Kudos.

Seine Stimme, die sie nie wieder hören würde.
 

Immer mehr Tränen fielen lautlos zu Boden, während ihr Herz sich verkrampfte, sie Zittern ließ unter so viel Schmerz und Liebe zugleich.
 

Er gab sie frei.
 

Ran schluckte, rang nach Atem und blinzelte, ließ sich von dem Schattenspiel aus Blättern und Sonne blenden, während ihre Gedanken in dem lautlosen Strom ihrer Tränen umhertrieben.
 

Shinichi gab sie auf, das hatte er schon lange getan.

Er war aus ihrem Leben verschwunden, hatte sie ziehen lassen… und tatsächlich hatte sie ihr Glück gefunden.

Sie hatte ihr Herz an jemand anderen Verschenkt und doch war ein kleiner Teil immer bei ihm und hielt an der Erinnerung ihres Sandkastenfreundes fest.
 

<Shinichi…>
 

Etwas in ihr wünschte sich noch heute, an einem so wunderschönen und bedeutsamen Tag wie diesem, dass es anders sein könnte.

Sie vermisste ihn, fürchtete sich vor dem, was er durchleben musste und wollte nichts mehr als für ihn da sein.
 

Sie wollte ihn wieder haben.
 

Nicht,… nicht das hier.
 

Es gehörte nicht ihr, es gehörte nicht Tomoaki, dieser Teil ihres Herzens gehörte ganz allein ihm.
 

Es gehörte Shinichi.
 

Und er gab es ihr zurück.
 

Ran schnappte nach Luft, spürte wie heiße Tränen ihre Wangen hinunter rannen, während die warme Frühlingssonne ihr Herz durchbrach.
 

Der kalte Wind zerrte an ihrem Kleid, wog ihren Schleier zart in seinem kühlen Griff und nahm ihre zitternde Stimme mit sich fort.
 

„Ich will es aber nicht wieder haben…“
 


 

Hallöchen Ihr Lieben!
 

Überraschung! I´m back!

Aus einem OS wird eine kleine OS Collektion ;) Für mehr Infos lest euch bitte die Beschreibung der FF durch.

Wie ihr seht sitzte ich neben meinen letzten beiden Uni Jahren nicht einfach nur rum, meine erste Story ist fast fertig überarbeitet und die leibe Leira hat sie schon zum Beta lesen. Derzeit Plotte ich eine neue große Story (hoffentlich meine letzte in dem Ausmaß) in der auch Kaito Kid eine Rolle bekommt. Lasst euch überraschen!
 

Ansonsten lasst euch von diesem OS bitte nicht abschrecken, ich bin immer noch 100% ein Shinichi X Ran fan, aber ich wolte ein wenig mit dem Worst-Case Szenario spielen und hoffe das- auch wenn es euch nicht "gefallen" hat es euch doch zumindest berühren konnte ;) Mein ganz herzlicher Dank geht an Diracdet der sich mal wieder um meine Rechtschreibung gekümmert hat und auch bezüglich des Inhalts mehr als Hilfreich war! <3
 

Ideen/Wünsche zu neuen OS Themen sind gern gesehen!

Und natürlich freu ich mich auch wennn ihr mir einen kleinen Kommentar da last ^//^
 

Liebe Grüße,

Eure Shelling



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Kommentare zu diesem Kapitel (3)

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Von:  shinran
2017-07-22T15:29:17+00:00 22.07.2017 17:29
Hey ^^

Ich war überrascht. Weil ich nie auf die Idee gekommen wäre ^^
Und das Sonoko ihn hilft...wenn ich immer dachte das er hilfe bräuchte, würde er zu heji gehen, aber sonoko ist auch eine nette Abwechslung. :D
Also das Kapitel hat mir sehr gut gefallen ^^
Von:  Fux1
2017-07-03T08:09:16+00:00 03.07.2017 10:09
:3 Was soll ich dazu sagen ? Seid Leira und du Geschwister XD Ihr schreibt beide so gut und habt diesen wunderschönen, herzergreifenden Schreibstil. Und auch dein Einfallsreichtum ist beeindruckend :).
LG Fux
Von:  kokuchou
2016-12-11T19:34:09+00:00 11.12.2016 20:34
Heyho Liebes~

das war wundervoll und wirklich furchtbar zugleich.
*Taschentuch zück*
aber auch eine Idee, was wäre wenn es kein Gegengift geben würde.

Toll geschrieben und auf seine Weise hat es ja schon so etwas wie ein Happy End :3
Ich hoffe, dass vielleicht bald ein weiterer OS kommt ^^

Bis dahin eine besinnliche Weihnachtszeit :)
Vielleicht kannst du das im nächsten mit umsetzen ;)

VlG
ruha


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