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Nur ein Spiel

von

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Dämonische Wunde

An jenem Abend war Link der letzte, der sich in dem gemütlichen Aufenthaltsraum aufhielt. Noch lange hatte er mit Pat und Trolli diskutiert, hatte sich mit den beiden sehr unterschiedlichen Kerlen angefreundet und einiges über ihre merkwürdigen Persönlichkeiten entlockt. Eine Gabe Links, die er selber nicht als Talent und Seeleneigenschaft bezeichnen würde… aber er ahnte, dass er kaum eine Vorstellung davon besaß, wozu er in der Lage war und welche Talente in ihm schlummerten…

Pat van der Hohen zum Beispiel, so dachte Link, war ein sehr raffinierter Zeitgenosse, wusste über jede noch so stumpfsinnige Sache Bescheid und erfreute sich besonders am Zeldaspiel. Toby schien im Grunde genommen aus einem ganz anderen Holz geschnitzt zu sein. Denn er wirkte sehr abhängig von seinen Eltern, hatte nur spärliche Hobbys vorzuweisen und war etwas ängstlich in vielen Hinsichten…

,Wie auch immer‘, dachte Link, eigentlich waren diese zwei Mitbewohner ganz okay und er hoffte, er würde sie nicht in irgendwelche Dinge hineinziehen, die sich nur um Zelda, ihn und Hyrule drehten. Und die Zweifel in seinem Kopf nahmen zu, die heimliche Verwirrung, was dieses Leben ihm bringen sollte, die nervende Unruhe und Furcht, sich irgendwann einem Teufel stellen zu müssen. Warum war er hier? Warum und wieso lebte er nicht in Hyrule?

Er hatte den halbdefekten Fernseher eingeschaltet, der ab und an einfach den Geist aufgab und der hin und wieder kleine gefährliche Stromstöße austeilte. Doch der Siebzehnjährige hörte mit keiner Silbe zu. Stattdessen, um sich von sich selbst und den quälenden Fragen abzulenken, las er sorgfältig den Veranstaltungsplan durch. Wanderungen, Radfahren, Tagesfahrt nach Dublin, Reiten und etliche andere Freizeitaktivitäten wurden angeboten. Link nahm sich vor überall einmal hinein zu schnuppern, wenn er schon einmal hier war, musste er das auch ausnutzen. Wenn er schon verflucht war, bestimmt war, sich irgendwann einem Teufel zu stellen, dann musste er und hatte das Recht dazu, das wenige freie Leben ordentlich auszunutzen.

Link räumte die Unmengen von Papierstößen zur Seite, schaltete den Fernseher aus und lief ans Fenster. Das alte, seltsame Schloss lag verlassen auf jenem Hügel. Es erschien ihm wie gemalt. Das dumpfe Licht aus einzelnen seiner Fenster spiegelte sich nun noch sanfter als vorhin in dem kristallklaren See. Der Mond schien besinnlich und warf undeutliche, riesige Schatten. In jenem Augenblick gingen auch die Lichter in dem Schloss aus, lediglich der Mond spendete noch ein wenig kühles Licht. Link stand immer noch am Fenster und dachte nach, umwölbt von Zweifeln, gefangen in diesem verdammten Rätsel seiner eigenen Existenz.

Zeldas liebliches Gesicht huschte durch seine Gedankengänge wie ein warmer Luftzug. Was sie wohl gerade tat? Saß sie wieder einmal in ihrem Zimmer und schrieb mit einer goldenen Feder und ihrer einzigartigen Handschrift Worte der Weisheit auf ein altes Stück Pergament? Link sah dieses Bild so deutlich vor sich. Zelda in einer samtroten Nachtgewandung, mit goldenen Spangen im Haar. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er dieses Bild, so schön es auch war, niemals zu Gesicht bekommen hatte. Link fuhr sich durch seine blonden Haarsträhnen. Dieses Bild… es gehörte nicht zur Gegenwart… Er schloss langsam die Augen und rief dieses traumhafte Bild erneut in seinen Geist. Es verband so viele angenehme Gefühle und dennoch, es war doch nicht Wirklichkeit.

Aber lebte der junge Held denn in einer für andere Menschen fassbaren Wirklichkeit? Wenn man sich so deutlich von anderen unterschied, und die Realität dem Empfinden, Denken und Handeln so wenig versprach wie ihm, dann war diese Frage nicht leicht zu beantworten. Link konnte das Bild in seinem Herzen nicht verstehen. Er wusste nicht, dass es nur zu einem Zeitpunkt geschehen war, einem Zeitpunkt der Vergangenheit…
 

Mit langsamen Schritten ging Link aus dem Raum, lief den Gang entlang, durchquerte den Schlafraum und ließ sich in das morsche, knatternde Bett fallen. Er dachte immer noch an Zelda, konnte einfach nicht stoppen an sie zu denken und wünschte sich heimlich, gerade jetzt bei ihr zu sein, in ihren kristallblauen Augen zu träumen und einfach nur da zu sein, wenn sie ihn brauchte.

,Vielleicht träume ich ja von ihr…‘, dachte er bezaubert. Hoffentlich ein schöner Traum. Dann fielen ihm die Augenlider zu. Aber die Göttin der Träume erfüllte ihm diesen Wunsch nicht, stattdessen kam etwas Gefährliches auf ihn zu. Etwas, das er immer wieder durchzustehen hatte. Kämpfe und Furcht. Und ein Flüstern war es, welches ihn in seinen Schlaf begleitete. Ein Flüstern aus seinem eigenen Mund:

„Koste die Wahrheit…“, flüsterte es in die Dunkelheit des Zimmers. „Koste den Schmerz…“

Inmitten auf einer riesigen, hügeligen Fläche wartete Link. Sein Instinkt, sein Bewusstsein noch im Kampf mit sich selbst, vorbereitet dämonisches Blut an seinen Händen zu spüren, bereit lederne Häupter von gierigen, grünen Hälsen zu trennen. Um ihn herum eine kahle Steinlandschaft. Das Gras unter seinen Füßen war vollkommen ausgedörrt und hatte schon lange aufgehört zu atmen. In der Ferne nichts zu erkennen. Überall lagen graue, erstickende Nebelschleier, die ihn mit ihrer Unbezwingbarkeit davon abhielten zu erkennen, wo er sich befand. Kälte kroch über jenes Stück Erde hinweg. Sein Atem verwandelte sich ebenso in weiße Schwaden und verschmolz mit dem Nebel, der sich immer dichter um ihn schlängelte.

Erneut das Murmeln, welches sich durch seine Fasern zog, als wollte ihn jemand damit berühren und betasten. „Koste den Schmerz…“, säuselte es.

Plötzlich hörte Link grobes Stapfen auf dem kalten, harten Boden aus der Entfernung. Trommeln. Tiefe Stimmen von dummen, kampfsüchtigen, hungrigen Kreaturen. Ihr einziger Lebenswille, gespeist aus Mordlust und Habgier. Link konnte den Boden unter seinen Füßen vibrieren spüren, während das Stapfen todbringender und schneller wurde. Das Blut in seinen Adern hetzte, sein Herz schlug wie ein kaputtes Metronom und pumpte das Blut tosender in seine Adern. Es mussten Dutzende sein- und er stand ganz allein, inmitten von todbringendem Nebel. Link ließ seine linke Hand nach hinten, über seine Schulter wandern, umfasste den rauen Griff seines scharfen Schwertes und zog es geschmeidig hervor. Tapfer hielt er seinen Schild vor sich und blickte angespannt durch den Nebel.

Nach wenigen Sekunden sah er die Umrisse seiner Gegner. Der junge Heroe hörte ihre ächzenden, widerwärtigen Stimmen, verstand aber ihre garstige Sprache nicht. Immer noch kamen sie näher, näher und näher. Als der Kämpfer die Umrisse deutlich erkennen konnte, begann er zu zählen - es waren mindestens fünfzig schwerbewaffnete Moblins, die hämisch auf ihn herab glotzten. Moblins aus verschiedenen Dämonengeschlechtern. Einer dümmer als der andere und doch folgten sie einem natürlichen Trieb. Dem lustvollen Töten und erbarmungslosen Morden. Einer rief etwas schnalzend, was Link als eine Art Zeichen deutete. Ein glatthäutiger Moblin, den Link als Anführer erkannte, ließ seinen rechten Arm nach vorne sinken. Mit einem Schlag entfachte die Masse an Abschaumkreaturen eine Welle der viehischen Gewalt, eine Flut aus Vernichtung und Tod. Link blieb vor Schreck stehen und konnte nicht glauben, was hier geschah. Wie sollte er fünfzig bis an die Zehen bewaffnete Moblins besiegen? Er hatte keine Wahl. Kämpfen oder Sterben. Die ersten Moblins waren in seinem Gesichtsfeld und Link schwang sein Schwert, was das Zeug hielt. Er zerschlug Rüstungen, vollführte eine Wirbelattacke nach der anderen, trennte Arme und Köpfe der Unholde ab. Aber es wurden in seinen Augen einfach nicht weniger…

Er kämpfte und spürte allmählich seine Kräfte schwinden. ,Verflucht, es waren einfach zu viele‘, dachte er furchtvoll. Hastig schwang er sein Schwert, hörte seinen eigenen pfeifenden Atem immer aufgeregter werden, spürte seinen Herzschlag fast in der Kehle. ,Verdammt, konnte dieser Alptraum nicht ein Ende haben‘, rief er in Gedanken, hoffte er mit jeder Faser seines mutigen Herzens. Und Link kämpfte weiter und wusste inzwischen nicht mehr, wie lange er schon hier war, wie viele Höllengeschöpfe er schon getötet hatte, oder ob er schon am Verlieren war… am Rande zwischen Leben und Tod.

„Nun hast du von Schmerz und Wahrheit gekostet…“, erklang es matt. Immer und immer wieder. „Wie schmeckt dir Schmerz und Wahrheit?“
 

Am Morgen erwachte der Held schweißgebadet. Er blinzelte leicht und erkannte, dass es immer noch dunkel war. Noch immer atmete er nahezu fieberhaft. Es kam ihm vor, als hätte er für viele Minuten die Luft angehalten, als hätte sein Herz viele Schläge ausgesetzt. Link griff sich flüchtig an seine schweißnasse Stirn. Sie glühte. Und erst dann realisierte er. Alles, was er soeben erfahren hatte… der mörderische Kampf in einer anderen Ära… war nur ein Traum…

Ein Traum wie jeder andere, den er durchlebte, ein Traum, der von den Göttern doch nur ihm bestimmt war. „Verdammt“, murmelte er frustriert. „Es wird wohl immer schlimmer“ fragte Link leise in die Schwärze des Zimmers. Nur… schlimmer konnte es doch gar nicht mehr werden! Denn als Link versuchte aufzustehen, musste er schmerzhaft feststellen, dass er dazu leider nicht die Kraft hatte. Mit einem wohl etwas zu schnellem Sprung war er auf den Beinen, torkelte zur Seite, kam an den Schrank, welchen er vor wenigen Stunden mehr schlecht als recht zusammen gebaut hatte und… Klatsch… Es polterte herb in dem Zimmer, als der Schrank in sich zusammenfiel…
 

Link ließ sich keuchend auf den Boden sinken, während Pat seine Augen öffnete und sogleich den Lichtschalter betätigte. „Mann, spinnst du denn, es ist fünf Uhr morgens!“

Der Angesprochene versuchte zu grinsen, was gar nicht so einfach war. Überall spürte er einen dumpfen, marternden Schmerz, schlimmer als Muskelkater, schlimmer als jeder blaue Fleck. „Sorry. Das war nur der Schrank“, entschuldigte er sich.

Pat schaltete das Licht wieder aus und meinte, während er gähnte: „Egal, bau’ den dämlichen Schrank doch vor dem Frühstück zusammen… gähn…“ Dann war auch Pat wieder eingeschlafen.

In dem Augenblick gab Trolli ein Geräusch von sich, welches Link als das Piepsen einer Maus identifiziert hätte, würde er nicht wissen, dass ein Mensch in jenem Bett lag. „Nein, Mami, ich stehe nicht auf. Mami, der Specht klopft wieder ans Fenster.“

Link hätte am liebsten gelacht, wenn ihm wirklich danach zumute gewesen wäre. Wieder versuchte er sich aufzurappeln. Dieses Mal ging es gerade so. Hechelnd schlürfte der Heroe seinen Körper ins Badezimmer. Das Licht blendete wahrhaftig in den Augen, sodass jene tränten. Im Gang blieb der junge Heroe für einige Augenblicke an die Wand gelehnt stehen, erinnerte den Traum, aber verstand den Sinn dahinter einfach nicht. War es sein früheres ich, welches ihm den Weg zeigen wollte? Ihn quälen wollte? War es um ihm seine Pflichten vor Augen zu führen und ihm zu verdeutlichen, dass er etwas unternehmen musste um die Dämonen in Schicksalshort zu vernichten?

Seufzend untersuchte er seinen Körper, ob er irgendwelche Kratzer, blaue Flecken oder andere Wunden hatte. Aber glücklicherweise fand er nichts. Mit trüben Augen sah er in sein bleiches Spiegelbild und wunderte sich über die Person, die ihn daraus anblickte. Dunkle, blaue Augen strahlten aus dem Gesicht hervor, in welchem blonde Haarsträhnen hingen. Und dieser jemand im Spiegel konnte unmöglich verstehen, was mächtige Wesen fernab dieser Realität für ihn planten. Er konnte nicht begreifen, mit welchem Recht andere ihn in ein solches Szenario aus Kampf und Brutalität brachten. Er wusste nur, dass er seine ganze Kraft in diesen Kampf gelegt und gelitten hatte, dort in der Welt, die verdammt war…

Und auch wenn Link keine Wunden besaß, ein schrecklicher, heimtückischer Muskelkater, unangenehme Gliederschmerzen, beißend und lähmend, breiteten sich langsam über seinem Körper aus, was ihn dazu veranlasste sein Körpergewicht auf dem weißen Waschbecken ein wenig abzustützen. „Verflixt, ausgerechnet heute, wo ich doch meine Okarina suchen wollte“, murrte er. Mit einem Quietschen drehte der junge Kämpfer den Wasserhahn auf und tauchte sein Gesicht in eiskaltes Wasser. Dann schleppte er sich wieder in sein Bett und starrte wie hypnotisiert an die Decke.
 

Als Pat, mit Trolli im Schlepptau, in den Speisesaal trat, saß Link bereits vor einem Berg von Brötchen, bestrichen und belegt mit allem möglichen, Unmengen von Schüsseln mit Cornflakes und Quarkspeisen, mehreren Tassen Tee und vielen anderen Sachen, wie zwei, drei Schüsseln Obstsalat. Seit dem nervenaufreibenden Traum hatte er geradezu Heißhunger bekommen. Pat und Trolli gesellten sich zu ihm und schauten sich den Berg von Köstlichkeiten an, den Link vor sich aufgetafelt hatte.

„Morgen, Link. Sag’ mal, was machst du denn heute“, wollte der kleine Kerl mit dem Mäusegesicht wissen. Er wirkte noch etwas ängstlich gegenüber seinen Mitbewohnern und musterte den blonden Schönling nervös.

„Ich suche meine Okarina, hab’ sie gestern verloren“, erläuterte Link.

Pat mischte sich sofort ein, stützte sich halb über den Tisch und wirkte begeistert. „Was? Du hast eine Okarina? Ist ja fantastisch.“ Seine Stimme überschlug sich vor Aufregung.

Link verleierte die tiefblauen Augen. „Ja, hab’ ich. Oder besser gesagt, hatte ich… Sie ist mir gestern abhanden gekommen.“ Er rekapitulierte, wo er am gestrigen Abend spazieren gegangen war, erinnerte die sandigen Pfade, den kristallklaren See, ahnend irgendwo dort hatte er die Okarina verloren. Dann fiel ihm auch das alte, traumhafte Schloss wieder ein. „Sagt’ mal, wer wohnt eigentlich in diesem düsteren, alten Schloss auf dem Hügel?“

Pat lehnte sich grinsend zurück, wusste ohnehin eine entsprechende Antwort, denn er war ein sehr wissender Zeitgenosse, der sich über alles informierte und vorbildlich jeden Morgen Zeitung las. „Über diese Festung erzählt man sich die verrücktesten Schauergeschichten. Da drin wohnt ein etwas älterer Mann, sein Name ist Leon Johnson. Er hatte früher einen Adelstitel. Aber von heute auf Morgen hat er sich diesen aberkannt. Er soll gesagt haben, den habe er nicht verdient…“ Pat beugte sich über den Tisch und flüsterte. „Man erzählt sich Gerüchte, er stamme nicht von dieser Welt.“

Link atmete seufzend und etwas erschrocken aus, hatte ein erstaunliches Feixen in seinen mutigen Augen und fühlte einen angenehmen Schauer bei dem Gedanken, den Patrick äußerte. Sicherlich, er wusste nicht, wer diese Leute waren, aber der Gedanke, dass irgendwo auf der Erde Menschen existierten, die vielleicht ein vergangenes Leben in legendären Welten hatten, ließ ihn ein seltsames Gefühl spüren. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine sanfte Brise Hoffnung in seiner alten Seele. „Das klingt irgendwie… genial“, murmelte er, wusste es nicht anders zu beschreiben. Er ließ ein Grinsen über seine ansehnlichen Gesichtszüge huschen und stoppte seine Mahlzeit.

„Nun ja, unheimlich würde ich es eher nennen“, äußerte Trolli und blickte dann ängstlich weg. „Ich glaube nicht daran, dass es Leute gibt, die aus anderen Welten hierher kommen können. Das ist doch wissenschaftlich gar nicht belegt und nicht möglich.“

„So einfach ist das aber wohl auch nicht“, erwiderte Patrick. „Es gibt immer noch jede Menge Phänomene auf der Welt, die man sich nicht erklären kann. Was ist mit dem Bermuda – Dreieck? Rückführungen, wo Leute in anderen Sprachen sprechen? Oder denk‘ mal an die Geschichten über Atlantis.“

Etwas zweifelnd blickte Link in die Runde und weitere Fragen schienen an ihm zu nagen. Es war richtig… wenn es andere Welten gab, wenn Wiedergeburt tatsächlich passierte, warum und mit welchem Recht hatten alte Götter ihn auf die Erde geschickt? Erst jetzt schien er die Tragweite der Verantwortung zu begreifen, die mit seinem früheren Leben seiner Seele anvertraut wurde. Erst jetzt begriff er, wie dünn das Eis war, auf dem er sich bewegte. Jeden Schritt, den er ging. Jeder Mensch, den er traf. Und jede Erinnerung, die in ihm pulsierte, hatte eine unvergleichbare Bedeutung. Und er trug Verantwortung… nicht nur für sich, vor allem auch für Zelda, die er beschützen musste… und er war einfach nach Irland geflohen mit einer dummen Ausrede nach etwas Abstand. Er seufzte und spürte einen Hauch Schuldgefühl in sich hochkochen. „Glaubst du wirklich an solche Dinge, Pat?“, murmelte Link leise. „Ich meine, Wiedergeburt…“

Der Angesprochene lachte erheitert. „Ich bin sogar davon überzeugt. Ich weiß zwar nicht warum, aber ich möchte irgendwie nicht an die Möglichkeit denken, dass es nur ein Leben gibt. Es klingt irgendwie beruhigend mehrere Versuche zu haben und sich entwickeln zu können. Wie sollen unsere Seelen reifen ohne Reinkarnation?“

„Wenn es so einfach wäre…“, brummte Link und verschlang das nächste Brötchen. Patricks Worte stimmten ihn nachdenklich. Vielleicht war es tatsächlich ein guter Gedanke zu wissen, dass er mehrere Versuche hatte. Nicht nur im Spiel… sondern auch in der Realität. Er dachte an die vielen Zelda-Spiele, die mittlerweile erschienen waren. An die vielen Geschichten, Charaktere und Welten. Wenn der eine Held, der immer dann, wenn Hyrule von dunklen Klauen bedroht wurde, das Licht der Welt erblickte und dieser eine Held immer die gleichen Ideale trug, zwar auf andere Weise, aber doch mit derselben Seele und derselben Bestimmung… dann bedeutete es, dass selbst wenn er scheiterte, er in einem nächsten Leben wieder eine Chance hatte. Und diese Chance konnte er nutzen…

„Jedenfalls sind Leute, die sich angeblich an ihr früheres Leben erinnern können, in der Geschichte oft beschrieben“, meinte der Grünäugige. „Aber vermutlich muss jeder selbst wissen, was er davon hält.“

„Glaubst du denn, dieser Leon Johnson, ist tatsächlich nicht von dieser Welt“, meinte Link neugierig. Und er spielte mittlerweile mit dem Gedanken, diesen Menschen, wenn da wirklich etwas dran war, einmal aufzusuchen. Wesen, die nicht von dieser Welt waren, konnten Link vielleicht auch die Antworten schenken, nach denen er verlangte. Denn auch Zelda war nicht von dieser Welt… und was er nun über sich selbst wusste, war genau dasselbe. Seine Seele war aus einer anderen Welt hierher gestrandet. Und er musste herausfinden warum… Der Siebzehnjährige hatte ein leidenschaftliches, sehnsüchtiges Funkeln in seinen tiefblauen Augen, als der Gedanke an Zelda sich intensiver in seine Gehirnwindungen schlich.

Pat sah ein wenig verwundert in Links Antlitz und meinte. „Das, was ich über ihn gelesen habe, ist jedenfalls schon sehr merkwürdig.“

„Das heißt?“ Link hob wissbegierig eine helle Augenbraue und beugte sich leicht über den Tisch.

„Seine Frau sei spurlos verschwunden und manche munkeln, er habe sie in eine andere Dimension verschleppt. Und in der Nacht habe man das Flüstern von Geistern aus seinem Schloss hören können… vielleicht ist es die Seele seiner Frau, die noch in dem Schloss herum spukt.“

„Das klingt ja unheimlich“, murmelte Tommy und hielt sich beide Hände an die Ohren.

„Was weißt du noch über ihn?“, bohrte Link nach.

„Er hat einen Sohn, der sich angeblich wie ein Schatten durch die Gegend bewegen würde. Anwohner wollen ihn sogar schon mit zwei Dolchen bewaffnet durch die Gegend laufen haben sehen.“

,Wow‘, dachte der gewandte Kämpfer und fand diese Tatsache sehr aufregend. Das war also der Kerl, den er gestern beobachtet hatte, dieser sportliche, kampferfahrene junge Mann, der sich elegant durch die Luft katapultierte. „Mmh…“, murmelte der grünbemützte Jugendliche. Interessiert stützte er seine Hände ans Kinn. Irgendetwas an diesem jungen Mann erschien ihm gespenstisch vertraut, beinahe so, als hatte er mit ihm etwas zu klären.

„Also, der Name des Sohnes lautet Sian. Ein komischer Name, meint ihr nicht auch?“

Link nickte, dachte sich aber gleichzeitig albern: ,Komischer als sein eigener Name, war dieser eigentlich nicht…‘

„Angeblich würde L. Johnson etwas in seinem riesigen Schlosskeller bunkern, etwas, dass er vor den Leuten versteckt. Man sollte nicht unter vier Augen mit diesem Kerl sein.“

Der unerkannte Held schmunzelte ein wenig, fühlte aber sofort einen bitteren Beigeschmack an dem Gedanken. Ihm war klar, dass andere vielleicht auch nicht mit ihm ewig unter vier Augen sein sollten, denn seine Seele war dem Bösen bekannt und wenn er nicht aufpasste, es zu spät realisierte, waren mehr Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung in einer schlimmeren Gefahr als er es überhaupt abschätzen konnte. Ja, und dieser Gedanke ließ seine markanten Gesichtszüge trübsinnig werden…

Dann erhob er sich träge, wollte aus dem Raum trotten und bemerkte einmal mehr seinen höllischen Muskelkater. Er kniff die Augen zusammen und atmete scharf ein. Er überlegte es sich anders und setzte sich wieder. Pat und Trolli sahen ihn argwöhnisch an.

„Sag’ mal. Du hast wohl keinen sehr festen Schlaf, oder“, meinte Pat.

„Nein, eigentlich nicht.“

„Ich hoffe, du machst nächste Nacht nicht so einen Lärm, Held der Zeit.“ Dann begann Pat wieder zu kichern, was Link überhaupt nicht lustig fand. Wenn der wüsste…

„Hör’ gefälligst auf mit diesem Unsinn. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern bei der Namensgebung gedacht haben.“

„Mann, du verstehst echt keinen Spaß. Aber mal ehrlich: es geht ja schließlich nicht nur um den Namen. Du siehst zufälligerweise noch ziemlich, nein, eigentlich ganz genau so aus wie…“ Pat beendete den Satz nicht. Links Gesicht strahlte unheimlichen Groll aus. „Is‘ ja schon gut, ich sag’ nichts mehr.“

Trolli stattdessen schaufelte sich genüsslich einen Schokopudding nach dem anderen in den Mund und hatte nicht den blassen Dunst davon, worüber sie eigentlich redeten. Als Link und Pat ihn dann aber musterten, und mit dem Kopf schüttelten, da der süße Schokopudding langsam an den Ecken seines Mundes hinab tropfte und sich auf der Tischdecke verteilte, sah er auf und sagte: „Was denn? Solchen Pudding gibt’s nicht jeden Tag!“

Pat verdrehte die Augen. „Mag’ sein. Aber so wie du das Zeug in dich hineinstopft, hat man den Eindruck, du hättest so was noch nie gegessen.“

„Hab’ ich auch nicht. Meine Mutter ist Ernährungswissenschaftlerin und sie verbietet mir diese Leckereien.“

„Oh, na dann. Jetzt aber mal was anderes. Habt ihr nicht Lust auf eine Radtour“, fragte Pat.

Link wollte schon einwilligen, aber dann machten sich seine Schmerzen wieder bemerkbar. „Würde ja gerne, aber ich hab’ noch was anderes vor.“

„Stimmt. Der Held der Zeit und im Übrigen, der Held des Windes, Held des Triforce und Held des Zwielichts, muss ja seine teure Okarina von Prinzessin Zelda wiederfinden.“

„Jetzt reicht’s aber!“ Links erboste Stimme schallte durch den Raum. Dieses selbstgerechte Gebrabbel machte ihn nicht nur wahnsinnig, sondern extrem wütend. „Ich find’ das nicht mehr lustig“, giftete er. Jetzt hatte Pat sich die Zunge zum zweiten Mal verbrannt und Link kochte vor Zorn. Seine Augen glühten vor Wut, wohl, weil Zeldas Name gefallen war. Der starke Held beugte sich über den Tisch und packte Pat aufgebracht am Kragen. „Hör’ endlich auf mit deinem stumpfsinnigen Getue, mit deiner verfluchten Gehässigkeit und dem dummen Wahnwitz aus deinen Augen. Urteile nicht über Dinge, die du nicht weißt und halt endlich deinen großen Schnabel.“

Unsicher wich Pat zurück und schluckte den Knoten in seinem Hals hinunter. „Mann, entschuldige, ich hab’ doch nur Spaß gemacht“, erklärte der vorlaute Kerl und mühte sich Link wieder zu beruhigen. Trolli mischte sich ein und hielt Link an seinem starken, sonnengebräunten Arm fest.

Der Heroe kam wieder zur Besinnung, und er ließ von Pat ab. „Sorry.“

„Oh Mann, warum bist du deswegen überhaupt so gereizt“, fragte Pat, dessen Stimme ein wenig schwächlich klang. „Ich wäre stolz darauf Link zu heißen.“

,Ich wäre stolz darauf Link zu heißen’, schallte es dröhnend durch Links Gehörgänge und doch wollte er das eben gesagte nicht verstehen. „Was hast du gerade gesagt?“

„Ich wollte wissen, warum du so affig gereizt bist.“

„Das danach.“

„Na, du kannst doch froh sein, wie der tolle Held aus Hyrule zu heißen.“

Plötzlich schoss Link ein Gedanke durch den Kopf, über den er noch nie nachgedacht hatte. Pat hatte vollkommen Recht. Wenn Link tatsächlich etwas mit Hyrule zu tun hatte…wenn er wirklich der Held aus Hyrule war… dann könne er sicherlich stolz auf das sein, was er möglicherweise in einer anderen Welt und Zeit getan hatte. Er war ein Held, hatte viele selbstlose Taten vollbracht und ein ganzes Königreich mit seinem Mut gerettet. Warum also verachtete er sich selbst und verschmähte seinen Namen? Warum grübelte er noch über das Wenn und Aber, wo er doch handeln musste?

Link kniff die Augen zu und lehnte trübsinnig den Kopf auf die Arme. „Du kannst den Namen gerne haben, wenn du möchtest, ich schenke ihn dir.“ Melancholie brach aus seinen Worten, aber sowohl Trolli bei Tisch, als auch Patrick verstanden den Grund seines Schwermuts nicht.

Sprachlos sah Pat drein, fühlte eine Art hinterhältiges Misstrauen in sich aufkeimen. Warum nur sagte dieser Jugendliche das? „Du bist nicht gerade begeistert von deinem Namen, was?“, meinte Patrick aufmunternd. „Aber… nun ja, wie gesagt. Link zu sein…“ Und der Zeldafan lächelte. „Link zu sein wäre doch ein unglaublich großartiges Geschenk. Ich meine, der Held Hyrules ist für viele junge Menschen, die das Spiel kennen, ein riesiges Vorbild. Er hat eine legendäre Seele und egal, wie es um Hyrule bestellt ist, immer, wenn er das Licht der Welt erblickt hat, war er in der Lage zu kämpfen und immer dann dort zu bestehen, wo andere fielen. Wenn ich einen Lebenssinn wählen könnte, dann doch nur einen, der mich mit Stolz erfüllt. Ich muss sogar sagen, dass ich unheimlich neidisch bin auf das, was dieser Held erlebt und geleistet hat.“

Link fiel daraufhin die Kinnlade herunter und er zwinkerte nervös. Das waren doch zu viele positive Gedanken auf einmal und zu viele Schmeicheleien. War der Link aus dem Spiel denn wirklich ein so toller und mutiger Mann? War er wirklich so selbstlos? Und der jugendliche Erdenbewohner verstand noch mehr. Konnte er, wo er auf der Erde lebte, denn überhaupt Link, der Hylianer und Held, sein?

„Du redest ja gerade so, als wäre dieser Held real“, sprach Trolli und blickte abwechselnd zu Link und Patrick.

Patrick steckte seine Hände hinter den Kopf und lachte: „Nun ja, er ist mein Vorbild, wäre cool, wenn er real wäre.“

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen richtete sich Link auf und meinte leicht scherzhaft, wissend, irgendwo hatte Patrick Recht mit dem, was er sagte. „Was macht ihr eigentlich heute? Wie gesagt, ich gehe meine Okarina suchen, die ich im Übrigen nicht von Zelda bekommen habe. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr doch mitkommen.“ Pat und Trolli nickten zustimmend.

Dann stand der einstige Hylianer auf seinen halbtauben Beinen, mit dem schmerzhaften Gefühl des unerträglichen Muskelkaters überall. ,Gemächlich, bloß nicht so große Schritte machen, bloß langsam laufen, dann ginge das schon‘, dachte er. Murrend watschelte der grünbemützte Heroe aus der Halle in Richtung des Bungalows.
 

Während Pat und Trolli noch beim Frühstück saßen, kramte Link in seinen Sachen herum, durchstöberte die große Reisetasche nach seinen Waffen. Er nahm seine Dolche und schnallte sich diese unter seine Jeans an die rechte Wade und den anderen unter sein T-Shirt. Denn irgendwie sprach etwas eine Warnung zu ihm, ein Flüstern und schweres Gefühl, erinnernd, dass er auch hier auf unheimliche Begegnungen vorbereitet und gewappnet sein sollte. Denn aus dem Abenteuerurlaub könnte eine gefährliche Reise werden…

Aus seiner großen Reisetasche nahm er das einfache Kampfschwert und setzte sich an den Rand des Bettes. Er nahm das Schwert geschmeidig in seine linke Hand und stütze die lange, scharfe Klinge senkrecht an seiner Stirn ab.

„Es wird Zeit sich zu erinnern“, murmelte Link in die Leere des Schlafzimmers. Seine Stimme klang so anders, erwachsener, vorbereiteter auf das grausame Schicksal, welches die Auserwählten Hyrules erwartete. Und doch gab es auch Lichtblicke in diesem Teufelskreis von Kampf und Wiedergeburt. Jede Zeit hatte ihre Lichtblicke und nach jedem Krieg folgte Frieden.

„Glaubst du, das war schon alles?“ Eine Frage gleißend und bedrohlich wie die Hinrichtung für sühnende Verbrechen, zog sie sich durch den Raum, gesprochen von Link selber, der jedoch nicht dazu bestimmt war, zu wissen, was ein stärkerer, mutigerer Teil seiner Seele an grausamen Worten erläutern ließ.

„Hast du gerne deine Schwäche gewählt? Warum schweigst du, da du reden solltest?’“ Erneutes starkes Anklagen, gesendet an seine eigene Dummheit, nicht an das wahre Ich in seinem Inneren zu glauben.

„Wofür kämpfst du, wenn nicht für sie? Denn du kannst nicht für dich kämpfen, das konntest du nie.“ Eine kurze Pause, nicht lange genug, dass der junge Kämpfer dieses Ereignis des Erkennens festhalten oder begreifen konnte.

„Kämpfst du für die, die du liebst? Kämpfst du nicht eher für die, die du hasst?“

Träge öffneten sich die tiefblauen Augen des Jugendlichen, schwammen mit Blicken in einem Meer der Unwirklichkeit, und Funken in seinen Seelenspiegeln lösten sich mit Blicken vom gewöhnlichen Weltengeschehen, tanzend vielleicht in einer anderen Ära…

Außerhalb stand eine kleine Person am Fenster, die sich geschickt im Schatten der Bäume versteckt hielt und den in Gedanken versunkenen Helden aufmerksam beobachtete. Und jene Gestalt erkannte etwas, vor dem die Helden des Schicksals vielleicht nicht geschützt waren…
 

Plötzlich drangen Geräusche aus dem kahlen Flur. Hastig versteckte Link das Schwert unter der Bettdecke und legte sich unschuldig mit dem Rücken darauf. Pat kam herein gestürmt, wirkte begeistert und in Aufbruchsstimmung. „Na, wo bleibst du denn? Es ist schon nach Mittag.“

„Wie bitte? Aber ich bin doch eben erst in mein Zimmer gegangen.“ Ungläubig starrte Link auf die Zeiger seiner Armbanduhr. Um Himmels Willen, er hatte für drei Stunden einen totalen Blackout! Link wusste nur noch, dass er das Schwert in seinen Händen gehalten hatte und nun. „Oh Mann. Das gibt’s nicht. Mir sind drei Stunden entfallen.“ Ja, er wusste gar nichts mehr.

„Tja, bist wohl im Umgang mit der Zeit nicht so geschickt, Held der Zeit? Haha…“

„Sehr witzig.“ Link richtete sich auf und verließ mit Pat das Zimmer.
 

Alsdann liefen die drei Jugendlichen in Richtung des märchenhaften Sees, der am Tag über noch schöner strahlte als in der Nacht. Sonnenstrahlen brachten das kristallklare Wasser zum Funkeln. Link fragte sich, ob in Hyrule die Seen ebenfalls so wunderschön aussahen wie hier. Er seufzte leicht.

„Sag’ mal, Link?“ Verwunderlich, dass Pat ihn mit seinem richtigen Namen ansprach.

„Ja, was ist?“

„Wie sieht deine Okarina eigentlich aus?“

„Nun, sie ist fast vollständig weiß. Und hat einige mit goldener Farbe gemalte Umrahmungen der Löcher und des Mundstückes.“

„Weiß, na da müssten wir sie eigentlich schnell finden. Und wo hast du sie her?“

„Ähm…“ Mit so einer Frage hatte Link nicht gerechnet. „Von meinen Eltern…“

„Und was machen deine Eltern so?“

„Sie… sie…“ Link blieb stehen. Eigentlich wusste er fast gar nichts über seine wahren Eltern. Er wusste gerade mal, dass er dieses Instrument von ihnen hatte. „Sie leben nicht mehr.“

Pat blieb ebenfalls stehen und machte ein eigenartiges Gesicht. „Ich will ja nicht schadenfroh klingen, aber das wäre wohl typisch für den Helden der Zeit.“

Link zuckte mit den Schultern.

„Du hast eine ganz schöne Ähnlichkeit mit ihm!“

„Tja. Spinner gibt es immer wieder“, meinte Link, belog sich nur selbst mit dieser Gleichgültigkeit und lief weiter.

Trolli mischte sich ein: „Nun tut mal nicht so heimlich. Könntet ihr mir nicht mal etwas über das Zeldaspiel erzählen? Ich kenne das Spiel wirklich nicht.“ Pat und Link drehten sich fast gleichzeitig zu ihm um.

„Na, da hast du aber was verpasst, mein Lieber“, meinte Link. Sodann erzählten sie ihm alles Mögliche über Hyrule, Prinzessin Zelda und ihren grünbemützten Beschützer.

„Und wie sieht Zelda eigentlich aus“, fragte Trolli, der mehr und mehr Begeisterung für die Geschichte zeigte, wenn nicht sogar ein übertriebenes, seltsames Interesse daran hegte.

„Nun…“ Link wusste ganz genau, wie Zelda aussah und wollte sich keineswegs verplappern.

Die Meute lief weiter, einen zugepflasterten Weg entlang, an dessen Seite ein kleiner Holzzaun verlief. Auf der Wiese dahinter standen einige Pferde. Link kletterte, so gut es mit dem Muskelkater ging, daran hinauf und setzte sich. Pat und Trolli taten es ihm gleich.

„Na Link, was meinst du, wie Zelda aussieht“, wollte Pat unbedingt wissen.

„Zelda… hm?“ Link hatte das Bild seiner Prinzessin im Kopf und wusste eigentlich nicht wirklich, wie er sie beschreiben sollte. Jedes Wort, das ihm einfiel, passte, seiner Meinung nach nicht zu ihrem wunderschönen Antlitz. Für Zeldas einzigartiges Wesen, für ihre kristallblauen Augen, gab es eigentlich keine Worte.

Plötzlich trabte eines der Pferde auf sie zu, ein braunes Pferd mit einer weißen Mähne, ein starkes Getier, kraftvoll und muskulös. Das Pferd lief genau auf Link zu, beschnupperte ihn und gab ihm einen Schlecker mit der riesigen, schwammigen Zunge, sodass er vor Schreck vom Zaun fiel. „Mann? Was war das denn“, murrte Link. Er schaute nach oben und sah nur das dämliche Grinsen seiner beiden Zimmerkollegen. Das Pferd allerdings trabte wieder gen Wiese in Richtung zu zwei jungen Mädchen, die den Jugendlichen erfreut zuwinkten. Pat verzog sein Gesicht und wollte nicht schon wieder bei jungen Damen im Rampenlicht stehen. Link allerdings winkte mit seiner unverbesserlichen Naivität, dachte nicht im Traum daran, sich dadurch in der Damenwelt mal wieder überaus beliebt zu machen. Lächelnde, unverbesserliche, zwinkernde Gesichter strahlten den Jugendlichen entgegen.

„Bist du hohl, und ich dachte, du hättest genug von der Damenwelt“, murrte Pat.

„Sicher habe ich das, aber das heißt doch nicht, dass man unfreundlich sein muss, oder?“, sagte der dusslige Held mit Namen Link, worauf Pat bloß die Augen verdrehte.
 

Link und die seine beiden Mitbewohner machten sich schließlich wieder auf den Weg.

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Wie, glaubst du, würde die Prinzessin in Wirklichkeit aussehen?“, sagte Pat.

„In Wirklichkeit?“

„Ja, in Wirklichkeit.“

„Sie würde bestimmt aussehen wie ein ganz gewöhnliches Mädchen, auch wenn ein wenig…“

„Was?“

„… trauriger.“

Sie suchten den ganzen Tag nach der Okarina, aber vergebens. Kein Hinweis über ihren Verbleib. So entschlossen sie sich wieder zurück zu der Jugendherberge zu gehen. Pat schwieg die ganze Zeit und dachte über Links Worte nach. Seine Art und Weise über die Prinzessin Hyrules zu reden und der Trübsinn in seinen tiefblauen Augen, als sie darüber redeten. Wenn er es nicht besser wüsste, so dachte er, hatte er tatsächlich den Helden aus Hyrule vor sich…
 

Wenige Tage vergingen. Link suchte sich unter allen möglichen Freizeitaktivitäten lediglich die aus, bei denen er sich nicht zu sehr anstrengen musste. Und tatsächlich in den nächsten Tagen ging es ihm wahrhaft besser. Der Muskelkater verschwand und auch seine Stimmung besserte sich. Er genoss es hier zu sein, auch mit den nagenden Fragen in seinem jugendlichen Schädel. Seine Okarina allerdings hatte er nicht wieder gefunden, was ihn etwas ärgerte. Er hatte lange danach gesucht, aber sie schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

Link saß gerade grüblerisch im Schlafzimmer, im Schneidersitz auf seinem zerwühlten Bett, und nahm ein Blatt Papier, sowie einen blauen Kugelschreiber zur Hand. ,Also, wie fange ich am besten an‘, überlegte er.

„An Zelda, nein, klingt bescheuert… An einen Engel, nö, das kann ich auf keinen Fall schreiben…“, murmelte Link zu sich selbst. Er hatte tatsächlich vor, seiner wunderschönen Zelda einen aufheiternden Brief zu schreiben. Sie würde sich sicherlich darüber freuen, aber es scheiterte ja bereits am Anfang.

„Okay, überleg’ ich später: Also, wie geht’s dir so. Mir geht’s gut.“ Link knüllte das Stück Papier genervt zusammen und warf es wütend in einen Mülleimer. ,Warum krieg’ ich es nicht fertig, ihr einen Brief zu schreiben‘, dachte Link. Kann doch nicht so schwer sein!

Und wieder begann er von vorne.

„Liebe Zelda,

ich hoffe, du verzeihst, wenn der Brief vielleicht nicht der Tollste wird, aber ich wollte dir schon seit meiner Abreise diesen Brief schreiben und deshalb tue ich das jetzt auch. Vielleicht ist es einfacher, entscheidende Worte auf Papier zu bringen, wenn die Gefühle, Ängste, es auf andere Weise nicht zu lassen. Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dafür, dass ich vieles hätte ändern sollen und einfach nach Irland abgehauen bin. Ich dachte immer, ich würde alles, was in letzter Zeit passiert ist, irgendwie in meinen Kopf kriegen. Ich bin jedoch einfach weggelaufen und habe die Auseinandersetzung mit dem Thema Hyrule vermieden. Deswegen möchte ich dich bitten, dass wir das in nächster Zeit nachholen, dann, wenn ich wieder zu Hause bin.

Wir sollten endlich darüber reden. Über Hyrule. Über uns.

Es sind jetzt noch knapp zwei Wochen, die ich hier verbringen werde. Mir sind einige interessante Leute begegnet und ich bin froh, dass ich den Entschluss gefasst habe, in dieses Camp zu fahren. Die Landschaft ist ein Traum, um dich neidisch zu machen. Ja, ich bin mir sicher, es hätte dir hier gefallen. Ehrlich gesagt, wäre es schön gewesen, wenn du mitgekommen wärst… nun ja, ich will den Brief nicht zu langatmig werden lassen und verabschiede mich dann. Zum Abschluss noch drei Dinge. Erstens: Ich bete, dass der Brief noch in deine Hände fällt, bevor ich wieder zu Hause bin. Zweitens: Mach’ dir keine Sorgen um mich, es geht mir hier sehr gut (es hat mich noch niemand angegriffen) und drittens: Ich vermisse dich…

Bis bald, dein Link.“
 

Ja, so müsste das gehen. ,Hoffentlich habe ich nichts geschrieben, das zu weit geht‘, dachte er. ,Ob ich das ,Ich vermisse dich‘ durchstreichen sollte‘, fragte sich Link. Doch dann kam plötzlich der Pat schlaksig in den Raum getrottet und er faltete den Brief augenblicklich zusammen, steckte ihn in den Umschlag und notierte Zeldas Adresse darauf.

„Ähm Link, da will dich jemand sprechen. Er sagt, es sei wichtig.“ Der Angesprochene sprang auf, überrascht, dass er dies nach besagtem Traum wieder konnte und lief zur Tür. Ein athletischer Junge, etwa in Links Alter, stand vor der himmelblauen Tür. Einprägend sah der Held sich die Gestalt an und glaubte, sie schon einmal gesehen zu haben. Ein Gefühl der Wahrheit, der Belehrung und der Erinnerung legte sich in das ansehnliche Gesicht des wahren Helden Hyrules.

Der junge Mann gegenüber war ungefähr einen halben Kopf kleiner als Link und besaß ein wenig längere, hellblonde Haare. Seine Augen hatten fast die gleiche Farbe wie Ines’. Dasselbe rötliche, rätselhafte Braun. Derselbe mysteriöse Eindruck, den sie hinterließen.

„Ja, bitte“, meinte Link und schluckte den aufkommenden Knoten in seinem Hals herunter.

„Mein Name ist Sian Johnson. Ich habe etwas gefunden, das dir gehört.“ Und der junge, fremde Mann hielt dem überforderten Helden seine weiße Okarina unter die Nase. Er grinste leicht und blickte den Heroen durchdringend aus seinem braungebrannten Gesicht an. Er war auffällig ansehnlich, hatte eine bemerkenswert reine Haut und edle Gesichtszüge wie ein Elf.

Link nahm das Instrument verwirrt an sich, berührte kurz einige Finger des Mannes und fühlte sich irgendwie unpässlich in seiner Gesellschaft. „Oh… meine Okarina…“, sprach er nervös, nicht sicher, was ihn an der Gestalt beunruhigte.

„Hast du die Okarina nur verloren oder wolltest du sie verlieren?“

Link zog seine hellen Augenbrauen nieder und mit der Skepsis in seinen tiefblauen Augen erhob sich ein leiser, alter Zorn, ließ sich in seinen ansehnlichen Gesichtszügen ablesen. „Ja, ich habe sie verloren, nicht absichtlich.“ Und die Nervosität von vorhin verschwand mit einem hinterhältigen Gefühl des Verrats, kroch nieder und versank, wie ein Körper im Moor.

„Sicher?“, entgegnete der junge Bursche. Seine durchdringenden, roten Augen leuchteten aussaugend. „Manche Dinge verliert man gerne, andere wiederrum sollte man niemals verlieren… so wie Erinnerungen.“ Und mit jenen Worten grinste der junge Mann wissender, spürte die wachsende Unruhe in den Adern seines Gegenübers.

Auch Link erschien es, dass Sian Johnson ihn herausfordern wollte, ihn aus der Reserve locken wollte. Etwas war da, vergessen und vertraut, unberechenbar stark. Und dieser junge Athlet wusste davon. Tief einatmend und sich fragend, was diese seltsame Auseinandersetzung bedeuten mochte, trat Link einen Schritt näher auf Sian Johnson zu. „Woher weißt du, dass diese Okarina mir gehört?“, sprach er warnend. Seine Stimme klang entschlossen, so wie vor wenigen Wochen, als er die Skelettritter vernichtete.

Aber Sian verzog nicht einen Muskel in seinem einprägsamen Gesicht. Stattdessen spielte er mit einer Hand an seinen sandblonden Haaren, die verspielt über seine Augen fielen. „Nun, Zufall ist mein Wissen wohl nicht“, sprach er amüsiert und pseudoernst. „Ich weiß einiges über dich, Link. Und ich weiß gewiss noch wesentlich mehr über Zelda.“

Überprüfend schaute der Heroe in alle Richtungen und vergewisserte sich, dass niemand ihnen zu hörte. Während der Wind in den Palmen raschelte, flammte der Anflug einer Drohung in Links Augen auf und einschüchternde Worte drangen über seinen Lippen: „Wenn du Zelda Schaden zufügst, oder sonst irgendetwas im Schilde führst, das sie betrifft, bekommst du es mit mir zu tun.“

Sian lachte auf, stemmte seine Hände in die Hüften und grinste. Aber keine Antwort kam über seinen schmalen, blassrosa Mund. Und auch das verunsicherte den jungen Heroen deutlich. Erneut spürte er einen zunehmenden Knoten in seinem Hals und eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. „Ich meine das weder halbherzig noch lustig“, sprach Link, bemüht standhaft in diesem Gespräch zu wirken und ignorierte die Nervosität in Sians Gegenwart.

„Bevor der Held in dir weitere Geschütze auffahren muss“, sprach der Jugendliche und schenkte seinem Gegenüber einen weiteren durchdringenden Blick aus tiefroten Augen. „lass mich dir versichern, dass ich deiner Prinzessin niemals schaden könnte.“

Aber Link zweifelte. Etwas an diesem Menschen machte ihn nicht nur nervös, sondern ließ ihn sich irgendwie… schwach fühlen. Und seine Zweifel ließen seine Lippen schweigen.

„Das wirst dies bald verstehen“, sprach Sian wissend, reckte seinen Kopf und die Höhe und schien den strahlenden Horizont zu mustern. „Auf jeden Fall stehe ich auf der Seite, die auch du wählst in diesem Irrsinn von Kampf und Wiedergeburt.“

Ungläubig und kaum begreifend wie jener Außenstehen von den Ereignissen um Hyrule wissen konnte, trat Link noch einen Schritt näher, worauf Sian überrascht zurückwich. „Du behauptest einiges…“, sprach der Held skeptisch.

„Nein, ich wage zu wissen. Entscheidende Verflechtungen zu wissen, Fügungen zu wissen. Und hier stehe ich vor dir, weil ich dich unterstützen will. Richte dein Misstrauen gegen diejenigen, die es verdient haben. Glaubst du, ich hätte dir die Okarina wieder gebracht, wenn ich verräterisch wäre?“

„Wer weiß. Vielleicht nur eine Taktik, um mich guter Laune zu stimmen oder einzuwickeln“, meinte der Held sarkastisch und blickte ungläubig in Sians Augen. Es roch förmlich nach Verrat. Aber was genau war es nur, was Link beunruhigte, was ihn dazu brachte, dieser Gestalt Misstrauen entgegen zu bringen?

„Beeindruckend, dass du wohl allem Anschein nach doch nicht so naiv und gutgläubig bist, wie es schien…“

„Hör’ auf, so zu tun, als wüsstest du, was geschehen ist und als würdest du mich kennen wollen.“ Link spannte die Fäuste und mochte diese widersinnige Unterhaltung nicht.

„Niemand kennt einen Menschen ganz genau. Wenn wir unsere Geheimnisse nicht hätten, wäre das Leben erfüllt von der langweiligsten Leier überhaupt“, sagte der Kerl und blickte mit den roten Augen seitwärts. „… du kannst mir vertrauen, Link.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte er und trat an dem Burschen vorbei. „In letzter Zeit muss ich echt vorsorgen und darauf achten, wem ich mein Vertrauen schenke. Also, dann erzähl’ mir deine Geschichte. Woher weißt du so viel?“

„Ich bin nur ein Beobachter…“

„Das klingt feige…“, murmelte Link. „Ein Beobachter mischt sich kaum ein und tut noch weniger als getan werden sollte.“

„Gut gekontert“, sprach Sian Johnson und trat mit einem leichten Lächeln einige Meter weiter. „Aber so einfach ist es auch nicht.“

„Wer sagt schon, dass diese Welt und ihre Geheimnisse einfach sind…“, murmelte Link leise und bereute die Aussage sofort wieder.

Sian musterte den Heroen noch einmal tiefgehend. Und seine Gesichtszüge, das sanfte Funkeln in seinen Augen ließ auch Link ein wenig mehr entspannen. Das erste Mal, seit Sian ihn angesprochen hatte, fühlte sich der Grünbemützte ruhiger, und die merkwürdige Nervosität verebbte.

Sian warf einen Blick auf seine Armbanduhr, hob eine Hand und entfernte sich allmählich vom Bungalow. „Es war interessant dich kennenzulernen“, sprach er und trat währenddessen weiter in Richtung der Straße. „Wir werden uns wieder sehen. Bis bald!“, rief er noch.

Link blickte dem rätselhaften Burschen nach, sah ihn am Horizont verschwunden, bis er nur noch ein kleiner weißblauer Fleck am Horizont war. Mit Verwirrung in seinen tiefblauen Augen sah er Sian in der Ferne verschwinden, konnte das Gefühl nicht begreifen, dass sein Verstand entschlüsselte. Ein Gefühl von Vertrautheit, der Eindruck jenen jungen Kerl in gewisser Weise bereits sehr gut zu kennen…

Etwas trübsinnig blickte Link zu Boden und seine tiefblauen Augen schillerten. Sein Blick fiel zu dem Brief, den er für seine Prinzessin geschrieben hatte. Seine Gedanken wanderten auf Reisen, wanderten zu ihr, wissend, es wurde Zeit, dass Zelda ihm alles erzählte, alles über Hyrule, seine Rolle in diesem Wirrwarr und vielleicht auch etwas darüber, was damals zwischen ihnen war…

Auch Link ließ den Bungalow hinter sich, trottete in Richtung der nächsten Ortschaft, bis auch er am Horizont verschwand…
 

Der Held trat in eine kleine, gemütliche Ortschaft ein, erstaunt über die vielen, fröhlichen Menschen, die sich hier tummelten. Auf dem mittelalterlich wirkenden, eher winzigen Marktplatz herrschte reges Treiben. Viele kleine Stände waren aufgebaut. Kinder tollten um einen kleinen Springbrunnen auf dem Platz, Tauben flatterten mit ihrem grauen Gefieder in den Lüften umher und ältere Leute tratschten, tauschten sich interessiert ihre Geschichten aus. Links Gedankengänge schweiften ab. Es tat irgendwie unheimlich gut so viele frohe Menschen mit lachenden Gesichtern zu sehen. Der junge Held lief ein wenig durch die Stände, vorbei an aufgestapelten Kisten mit frischem Gemüse, durch Reihen mit Schmuck, Lederarbeiten, Keramikgefäßen und vielerlei anderem Kram. Dieser wohlige Ort schien ihm vertraut, so vertraut wie die Vorstellung von Hyrule und seinen Städten, die phantastischen Bilder einer anderen Welt, die ihn niemals völlig losließen.

Den Brief an Zelda hatte er immer noch in der Hand. Mit einem unwiderstehlichen Lächeln blickte er auf den Brief, erfreute sich an der Vorstellung ihres wunderschönen Gesichtes, sollte sie den Brief bekommen, malte sich aus, wie es sein würde, wenn er sie nach ihren Gefühlen fragen würde, sollte sie den Brief lesen. Ob sie ihn denn genauso nach wenigen Tagen schon vermisste wie er sie?

In einer kleinen Seitengasse erblickte er einen knallroten Briefkasten und lief gemächlich darauf zu. Der Siebzehnjährige hatte gerade den Brief eingeworfen, als er grob zur Seite geschupst wurde. Ein schmaler Kerl mit Kapuze und rötlichglänzender Tasche in der Hand rannte an ihm vorbei, blickte verachtend unter der Kappe hervor und lachte fast krankhaft. Er hatte ein Gesicht wie ein Geist, leer und ausdruckslos wie der Tod. Der Mann beschleunigte seinen Schritt, hetzte auf mageren Beinen weiter.

„Idiot“, fauchte Link hitzköpfig, schüttelte verärgert den Kopf und wollte seinen Weg gerade fortsetzen.

Plötzlich aber hörte der grünbemützte Heroe aus der Ferne die Rufe einer verzweifelten Frau. Sie bog in die Seitengasse ein, in welcher Link stand und rief erneut. „A thief. A thief!“, kreischte sie hysterisch. Es war eine schöne Frau mit einem brünetten Kurzhaarschnitt. Ihre Verzweiflung schien ihre natürliche Schönheit wie eine dunkle Wolke den Abendhimmel zu verhüllen.

Ohne weiteres Überlegen, zielsicher und flink, spurtete der Held dem Kerl, der ihn beinahe zu Boden gerissen hätte, hinterher. Edelmütig hetzte der Held aus der Seitengasse heraus, war sich sicher den Dieb zu stellen und fand sich in einer weiteren Gasse wieder. Kleine Geschäfte waren wie Puzzleteile dicht aneinandergereiht worden, ließen den jungen Mann sich fühlen wie in einem Märchen. Wenige Menschen liefen in seine Richtung, trotteten über das Pflastergestein. Hastig schaute Link in alle Richtungen, suchte nach Hinweisen.

„This way“, dröhnte eine Stimme an Links Ohren. Ein älterer Herr mit Hut und flauschigem Anzug zeigte auf eine weitere unbelebte Straße. Link nickte dem Mann dankbar entgegen, hechtete weiter und konnte den Dieb mit dem staubigen Umhang noch erkennen, bevor er um eine Ecke bog.

,So leicht entkommst du mir nicht‘, dachte der Heroe und seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Seine alte Kraft rufend beschleunigte der einstige Hylianer sein Tempo und folgte dem Unbekannten durch ein leeres Labyrinth aus kleinen Häusern und verwinkelten Gassen. Wieder erblickte der Heroe den Dieb vor sich, und kam ihm tatsächlich näher.

„Halt!“, rief er, aber die Gestalt lief unverschämt weiter, lief schneller, als sie ihren Verfolger wahrnahm.

„Stop! Stop!“, fauchte Link, wissend, der Mann würde vielleicht ewig mit ihm Katz und Maus spielen, wenn er sich nichts einfallen ließ. Und während der Heroe rannte, wuchs in ihm eine Idee, die ihm helfen könnte den Dieb zu stellen und den Gerechtigkeitsfanatiker in sich zu beruhigen. Nur kurz überblickte Link seine Situation, spürte in sich hinein und erschuf in seinen Gehirnwindungen ein dreidimensionales Bild der Stadt, der kleinen Gassen und Geschäfte. Wie von oben herab konnte Link die Szenerie sehen und folgte seinem Gespür, dass der Dieb nur in eine bestimmte Richtung laufen würde. Sich auf seinen strategischen Spürsinn verlassend bog der Grünbemützte früher ab und hoffte, der Kerl würde seinen Weg kreuzen. Link blieb stehen und konzentrierte sich auf die näherkommenden Geräusche unruhiger Schritte. Und je näher das Tapsen kam, umso langsamer wurde es.

Ganz vorsichtig spähte Link aus seiner Ecke hervor. Und nur wenige Meter weiter, tapsend und einen schrillen Pfeifton aus seinen Lungen bringend lief der Langfinger genau auf ihn zu… Er hechelte, wischte sich über seine Brust und winselte schließlich wie ein Kind. Tapsend folgte der Mann dem Weg. Seine Kapuze flatterte raschelnd im kühlen Wind, der eine Brise des Meeres näher trug.

In dem Augenblick sprang Link aus der Gasse hervor, hechtete blitzartig auf den perplexen Dieb zu, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die kalte, graue Mauer eines Hauses. „Stop fidgeting“, fauchte Link. „That won’t help you! Give the bag back!“

Der magere Mann antwortete nicht. Dann sah er auf, starrte direkt in einen entschlossenen Blick, und unter der Kapuze leuchteten dunkle Augen bedrohlich hervor. Als Link die Augen seines Gegenübers sah, spürte er ruckartig das Gefühl seine Narben am Bauch würden sich wieder öffnen.

„I don’t know who you are but you can’t make me fear you“, erwiderte der einstige Held Hyrules mutig. Link entriss ihm die rote Ledertasche und hüpfte gekonnt außer Reichweite des Mannes und musste das warnende Gefühl in seinen Gliedern begreifen.

Und es war dann, dass die Anbahnung der Gefahr, die sich langsam durch die winzigen Gassen schmiegte, und ihr verlockendes Spiel um Macht und Kontrolle Ereignisse verursachten, die Links Wille und seinen Glauben an das Gute forderten. Denn mit einer eleganten Handbewegung entkleidete sich der Langfinger von seinem Mantel, lachte wie ein dummer Teufel, lachte kindlich und doch verrückt. Und nicht nur sein Lachen ließ vermuten, dass mit ihm etwas nicht stimmte, auch sein Äußeres warnte… Er besaß einen dürren, wenn nicht sogar ausgehungerten Körper und seine Haut schien älter zu sein, als der Rest des Körpers. Er besaß keine Haare und seine Nase und Wangen waren eingefallen. Ohne Scheu, lachend und todesmutig, lief er mit einem fiesen, schmierigen Grinsen auf den augenscheinlich unbewaffneten Link zu. Er schwankte, bewegte sich dann rasch und erreichte den Heroen in Sekundenschnelle.

Noch bevor Link wusste, was er tat, wanderte seine Hand an seine rechte Seite, wo er einen von Narandas Dolchen versteckte…

Und als der Kapuzenträger näher hastete, seine Gelenke knackend und er sich endlich vor Link auftürmte, begann er zu reden, sprach schrill in einer schiefrigen Stimme, verzerrt und jaulte auf wie einer derjenigen, die der Wahnsinn befallen hatte. Genauso kaum Link der Mann mittlerweile vor, wie eine Kreatur, die nicht mehr wusste, was sie tat, kontrolliert und genährt von einem bösen Willen. Jegliche Menschlichkeit schien aus dem Körper des Langfingers gesaugt. „I’ll kill you, Hero of an old world“, kreischte er, schlug um sich. Und dann stürzte er sich näher, fletschte die Zähne wie ein Hund und wirkte erschüttert, als der junge Heroe ihm mit einer eleganten Rolle auswich.

Ahnend, dass der Mann ihn nicht umsonst als ,Helden der alten Welt‘ bezeichnete, türmte sich Link hinter dem Dieb auf und sein Kämpferblut wallte. Er war vorbereitet auf einen Kampf… Mutig hielt er seinen Dolch in der Hand, bereute den Entschluss seine Waffen mitgenommen zu haben immer weniger…

Erneut griff der Dieb den Heroen an, schlug wild um sich, wollte treten und spucken. Kaum begreifend, dass er auch hier kämpfen musste, dass auch hier im blattgrünen Irland, weit weg von Schicksalshort, Menschen manipuliert wurden und Böses lauerte, ließ sich Link auf den Kampf ein. Und als der Mann erneut attackierte, blitzte Links Dolch auf und vergrub sich in einer Hand des Rivalen.

Ein heftiger Schrei brannte in der Luft, worauf wenige Tauben in der Straße die Flucht ergriffen. Weiße und graue Federn flatterten in der Luft und benetzten das trockene Pflastergestein. Und als Link von dem Mann abließ, auch den Dolch mit einem Ruck aus dem rechten Handrücken des Diebes zog, sackte jener zu Boden, krümmte sich.

Mit wachsendem Mitgefühl in seinen tiefblauen Augen stand Link einfach nur vor dem Mann, der zu winseln begann. Und plötzlich leuchteten seine Augen nicht mehr. Seine runzlige Haut änderte sich schlagartig, wurde menschlich und glatt, und ein schneller Haarwuchs sorgte unvermittelt für eine kurze, graue Frisur auf dem Haupt des Mannes.

Er registrierte den Schmerz auf seiner Hand, wimmerte und blickte orientierungslos um sich. Link wusste, mit dem Schmerz auf der Hand, hatte sich der dunkle Schatten, der über diesem Mann hing, schlichtweg aufgelöst. Er seufzte erleichtert auf, nun, da er sich mit jenem Menschen unterhalten konnte. Der Dieb der roten Handtasche, der sich in eine Kreatur des Wahnsinns verwandelt hatte, hockte nun wie ein Häufchen Elend auf dem Boden. „Where am I? What did I do?“, fragte der in etwa vierzigjährige Kerl mit einer nur mehr normalen Männerstimme. Eine Stimme, noch immer ausdruckslos, aber gewöhnlich, eine Stimme, die zu jedem Mann gehören konnte.

Der grünbemützte Jugendliche atmete noch einmal erleichtert auf und reichte dem Mann seine rechte Hand um ihm aufzuhelfen. Link sah die Gestalt eindringlich an, als er auf wackligen Beinen stand. „You can’t remember anything?“, sprach Link klar, aber wusste ohnehin die Antwort auf seine Frage. Der Mann musste besessen gewesen sein, ein Opfer des Bösen, so wie andere vorher… Wie sonst konnten seine Augen glühen und seine gesamte Gestalt sich plötzlich verändern? Und Link verstand noch mehr. Man konnte den scheinbaren Langfinger nicht für etwas büßen lassen, dass er nicht wirklich getan hatte!

„No, where am I? Some minutes ago I…“, stotterte er. Der Mann presste seine linke Hand auf die schmerzende Rechte und zitterte wie unter Strom. Link sah dem bemitleidenswerten Menschen aufmunternd entgegen, wollte ihm ersparen noch weiter zu leiden. Wissend, dieser Mann war nicht der einzige, der sich innerhalb von Sekunden verwandelte und später wieder zur Besinnung kam, wissend, Ähnliches war damals mit Maron geschehen, würde Link ihn schützen. Er würde unschuldige Menschen, die rücksichtslos in ihr Verderben gestürzt wurden, nicht in diese Angelegenheiten hineinziehen und tun, was er als pflichtbewusste Wiedergeburt des legendären Helden Hyrules tun konnte.

Benommen stand der Mann vor dem jungen Mann, der jenem ruhig die Situation erklärte. Der Typ sah aus, als hätte er den Tod gesehen, nachdem Link wenig später geendet hatte.

„Listen, Mister. No one saw you under that cowl. And no one knows about this. If you disappear unseen, then it would look like as if nothing else has happened. I will remain silent and bring the bag back to the lady you did stole it from. I just say that the thief was loosing it and flew. Is that okay with you?“

„Thank you so much, boy. But who are you after all?“

„I… I’m no one…“ Und Link belog sich einmal mehr selbst und sein wahres Gesicht würde ihm irgendwann für diesen Lug und Trug die Karten vorlegen.

Der Kerl stand auf und drehte sich um. Mit schweren Schritten lief er auf eine weitere Gasse zu. Link sah bemitleidend, wie der Mann davon schlürfte.

Doch dann bemerkte der Held etwas Seltsames auf dem Nacken des Mannes. Link konnte deutlich eine kleine, hässliche und schwarze Wunde in Form eines Dreieckes am Hals erkennen. Er wollte den Kerl schon davon abhalten weiter zu laufen, aber dann war dieser schon um eine Ecke gebogen. Außerdem wollte Link den Mann nicht noch mehr belästigen. Damit drehte sich der junge Held um und lief wieder auf den belebten Marktplatz zu, aber der Gedanke an diese seltsame Verletzung blieb. Eine dreieckige Wunde am Nacken? Sicherlich war diese nicht gewöhnlichen Ursprungs. Hatte etwas Mächtigeres dahinter seine Finger im Spiel, fragte sich Link.

Ja, dachte er niedergebeugt und einmal mehr krochen Schuldgefühle und Ungeduld in seinem Herzen umher, machten es schwer. Dieser Mensch mit Familie, mit einer einfachen Vergangenheit, er wurde grausam in Geschehnisse verwickelt, die ihn nichts angingen. Link ahnte, dies war nicht der letzte Mensch, dessen Augen begannen zu glühen, zu lodern, wie das Feuer aus der Hölle, in die man es gesperrt hatte. Es war nicht das letzte grausame Ereignis in seinem Leben solange der Teufel in Schicksalshort sein Nest gebaut hatte. Da war schlichtweg mehr im Hintergrund als der Heroe vermutete und vielleicht mehr als er ertragen konnte. Irgendwo an anderen Ufern der Welt wartete die Antwort und etwas Großes war im Gange, dort, wo die Zeit stillstand. Es war noch nicht vorüber. Denn das Böse kannte seine Zufluchten und es hatte weitreichende Pläne. Und hinter diesem scheinbaren Irrsinn, dass Menschen von einer grausamen Energie befallen wurden, steckte vielleicht mehr als Link und jene, die mit ihm kämpfen wollten, erahnen konnten. Böses nahte und es wurde mit jeder Sekunde, die verging, stärker.

Link kam atemlos zum Stehen und starrte mit Melancholie in den blaugemalten Himmel. Noch schien die feurige Sonne am weiten Horizont und malte Licht und Energie in die Herzen der Menschen. Ihr Licht erfüllte die Welt, sie spendete ihre Wärme ohne Reue und ohne Erwartung allen Geschöpfen des Erdenplaneten. Die Frage allerdings war, wie lange sie dies noch konnte…



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Kommentare zu diesem Kapitel (3)

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Von:  Luxara93
2010-06-20T20:02:22+00:00 20.06.2010 22:02
Nun, wenn Links sechster Sinn aAlarm schlagt, kanns ja nicht unbedingt harmlos ein oder ? xD

Von: abgemeldet
2008-01-06T17:02:08+00:00 06.01.2008 18:02
so da bin ich wieder...
Ich glaube ich weis wer Sian is(<~un ich hab nich beim RPG nachgeguggt...), hab mir das dann schon beim Namen gedacht...aber ich verrat es mal lieber nicht(<~kann ja sein das doch noch jemand nach mir liest, was ich bezweifel...)
Von: abgemeldet
2006-07-21T09:53:19+00:00 21.07.2006 11:53
*grussel* Kann Link Sian vertrauen? Kann ers nicht? Wird er oder wird er nicht???
XD Hab mich schon gefragt wann Epona "erwähnt" wird.
Welch Fügung des plots.
Bis zum nääächsten Kapi ^^


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