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Nur ein Spiel

von

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Ganondorfs Plan

Nach einem einfachen Tschüss zu Impa traten die beiden hylianischen Seelen aus der Haustür heraus und liefen in Richtung der leerwerdenden Stadt. Wenige Menschen hetzten zerstreut über das Pflastergestein, einige mit ihren letzten Einkäufen unter den Armen. Mit Schwermut in den himmelblauen Augen ließ sich die einstige Prinzessin eines untergegangenen Reiches von den Blicken ihres besten Freundes ein wenig auffangen. Er nickte bloß, auch wenn er sich nicht sicher war, wofür sie gerade eine Geste brauchte…

„Es hat sich wohl in den drei Wochen gar nichts verändert, was“, meinte Link um sie in ein Gespräch zu verwickeln, als sie am Marktplatz vorbeigingen.

„Nein… aber ich habe das schreckliche Gefühl, es wird sich bald einiges ändern. Nicht nur in unserer Kleinstadt, sondern auf der ganzen Welt“, meinte Zelda leise. Der junge Held spürte, dass sie zweifelte, an dem, was sie hier taten, an diesem Leben und dem, was noch geschehen könnte. Sie bemühten sich beide ein völlig normales Leben zu führen, bemühten sich, nicht zu oft über Hyrule oder Ganondorf zu reden, aber sollten sie nicht Vorkehrungen treffen? Waren sie beide nicht verpflichtet gerade jetzt gegen die Machenschaften eines alten Dämons zu tun? Link wusste, dass es nicht fair war, was immer auch bald geschehen würde… nur… War es dann nicht okay, gerade weil sie gegen Ganondorf kämpfen mussten, sich ein paar gemeinsame Stunden zu gönnen?

Inzwischen war es draußen wahrhaft düster geworden. Das brennende, erdrückende Sonnenlicht am Himmel malte die Farben eines riesigen Meeres aus Feuer und dreckig gelbem Licht. Und zwischendrin zogen bleifarbene Gewitterwolken auf. Auf dem sonst so menschenüberfüllten Markplatz herrschte Totenstille, aber der Wind wehte heftiger als noch vor einigen Minuten. Die ersten bunten Herbstblätter fielen von den kahlwerdenden Bäumen. Nostalgisch blickte Zelda in die näherkommenden Gewitterwolken. ,Es war wie damals‘, dachte sie. Sie hatte es im Gefühl, spürte es mit jeder Faser ihres Körpers. Sehr bald würde sich der Himmel blutrot färben, dann, wenn rotglühende Teufelsaugen am Himmel standen. Die Nachrichten, die Unglücke auf der ganzen Welt, waren Vorboten für die Dinge, die sich ereignen würden. Böses würde die Welt überziehen. Böses würde suchen, was es begehrt und sein Drang nach Macht konnte nicht gestillt werden. Böses, wie es kein Mensch kennt, wollte sie alle zu Untertanen machen…

Und wer sollte es verhindern? Es gab kaum Propheten für schicksalhafte Ereignisse in einer Welt, die mit dem Bösen aus vergangenen Epochen und vergessener Welten zusammenhingen. Sie konnte sich nicht vor die Menschen dieser Welt stellen, erzählen, dass sie die Prinzessin des Schicksals sei und hoffen, dass man ihr glauben und Ganondorf mit modernen Waffen vernichtete… wie auch? Die modernen Waffen einer fortschrittlichen Welt konnten gegen einen in schwarzer Magie bewanderten Hexer kaum etwas ausrichten… Damals war es auf eine übertriebene Weise einfach einen Plan zu haben, den Großmeister des Bösen mit Magie und der Kraft der Weisen zu bannen und ihn in der alternativen Zeit zu exekutieren. Aber hier in dieser Welt, hier, wo alles neu war, hatte die Prinzessin des Schicksals schlichtweg keine Möglichkeiten ihre Kräfte der Vorsehung spielen zu lassen. Sie hatte keine Träume, die ihr den Weg wiesen. Sie hatte keinen Plan davon diese Welt zu retten… und weder die Weisen noch Link wussten, was in den nächsten Wochen auf der Welt passierte…

„Zelda… du weißt, ich will dich nicht drängen, aber es ist langsam an der Zeit, dass ich einige Dinge erfahre. Leon Johnson, dein Vater, hat mir schon einiges berichtet, aber trotz allem sehr zögerlich“, sprach er leise und verständnisvoll. Dennoch riss er sie damit aus ihren Gedanken und überforderte sie. „Ich muss endlich wissen, was damals war, genaue Zusammenhänge, wie wir in diese Welt geboren werden konnten, was Ganondorf angeht, und was mit… dir… und… mir…“ Link brach ab und schnaubte, biss sich auf seine Lippen und schloss die schönen Heldenaugen.

Und da wusste auch Zelda anhand seiner Mimik und der aufkommenden Verlegenheit, dass er von ihnen beiden sprach. Es war sicherlich nicht fair ihm so wichtige Dinge aus der Vergangenheit vorzuenthalten, aber sie wusste nicht, wie der jetzige Link, der auf der Erde aufgewachsen war und keine Erinnerungen an Hyrule in seinem Herzen trug, auf ihre schweren Worte reagieren würde. Eigentlich hatte sie gehofft, sie könnte es ihm ersparen, denn die Vergangenheit war grausam genug für sie beide gewesen… da waren so viele Fehler passiert… und es waren fiese Worte gefallen…

Zelda warf ihrem Helden einen leicht flehenden Gesichtsausdruck zu und ihre Augen wurden gläsern. Sie drückte ihre Hände auf die Brust und murmelte benommen: „Ich… ich werde es dir erzählen“, meinte sie und musste sich halb verkrampfen um die Worte herauszubringen, vor allem, weil sie es sich selbst einreden musste. „Ich… vielleicht heute Abend…“, sprach sie nervös. Link nickte dankbar.
 

Sie überquerten den Marktplatz trübsinnig, als der grünbemützte Heroe bemerkte, dass sie von jemandem verfolgt wurden. Noch ehe er es realisierte, hatte er Zelda an ihrem rechten Handgelenk gepackt, forderte sie unbewusst auf, sich in seiner Nähe aufzuhalten. Wenn alles in der Welt verloren war, wollte er zumindest nicht bereuen müssen in dem einen zu versagen, was er sich fest geschworen hatte. Er wollte das Mädchen aus seinen Erinnerungen beschützen… mit allen Mitteln, die dazu notwendig waren.

Ein Schatten kam aus einer kleinen Seitengasse näher, dunkel gekleidet. Ein kleines Glühen verriet, dass er eine Zigarette in seinem Mund hatte. Das vertraute, schmale Gesicht Prestons gab sich preis, ein langgezogenes Gesicht wie ein Esel. „Hi, Schätzchen“, sagte er und ging unverblümt auf das Heldenpaar zu. „Ich hab‘ dich schon vermisst, seit Tagen versteckst du dich in deiner feinen Villa“, eiferte er und heftete seine Augen auf die brünette Schönheit.

Zelda verkrampfte ihre Hände, aber ließ sich zu keinem bissigen Kommentar hinreißen. „Preston, du machst dir falsche Hoffnungen, ich will nichts mit dir zu tun haben“, sprach sie sachlich, aber der schwarzhaarige Bursche grinste auf diese Worte. Er trat noch einige Schritte weiter in Zeldas Richtung, sog genüsslich an seinem Glimmstängel und leckte sich über seine Lippen.

Schließlich war er der Prinzessin etwas zu nah, keine dreißig Zentimeter trennten sein Gesicht von ihrem, er war so nah, dass es Link zu viel wurde. Er fühlte sein Blut wallen und mischte sich aufbrausend ein: „Halte dich von ihr fern“, drohte er und stellte sich vor den schwarzhaarigen Schüler, der genüsslich an seiner Zigarette zog, sich durch das geölte, schwarze Haar strich. „Brauchst du noch eine Tracht Prügel?“

„Noch eine Tracht Prügel?“, meinte die Prinzessin verwundert und blickte ihren Helden nervös in die Augen.

„Ja, dein feiner, blonder Schönling hat mir vorhin auf üble Weise klar gemacht, dass ich nicht auf deinem Grundstück herum laufen darf“, lachte er.

„Und es war notwendig!“, murrte Link und trat weiterhin schützend vor seiner Prinzessin.

Preston wich feixend zurück, nahm sich ein ungewöhnliches, taschenmesserartiges Feuerzeug und spielte damit. Mit einem Schnappen ließ er immer wieder Funken sprühen. „Nun hab‘ doch nicht gleich so eine miese Laune“, meinte er schleimend. „Wir wollen doch das hübsche Gesicht von Zelda nicht verärgern. Es ist ohnehin schlechtes Wetter, um hier herumzulaufen. Du gestattest, Link, ich werde Zelda nach Hause bringen“, sagte er und war sich seiner Sache sicher. Er fasste das anmutige Gesicht der Brünetten mit seinem schmierigen Grinsen ins Auge. „Wir wissen beide, dass du mich scharf findest, und ich hätte Lust mich zu amüsieren, Schätzchen.“

Zelda sah ihn mit einem Blick an, den Link bei ihr noch nie gesehen hatte. Ihre Augen wirkten wie die einer gefährlichen Wildkatze, die gleich angreifen würde. Der junge Held konnte ihre Wut fühlen, so gewaltig war deren Anflug. Genervt packte Link seine Zelda am Arm und schob sie vorwärts. Er wollte sich nicht erneut auf eine lächerliche Prügelei einlassen. „Komm’, wir haben keine Zeit für so ein krankes Hirn. Lass’ uns gehen“, sprach er angewidert. Zelda nickte zustimmend und sie wanden dem dunkelhaarigen Metal-Fan beide ihre Rücken zu und marschierten vorwärts.

„Du bist einfach eine geile Schnecke, Zelda!“, murrte Preston, zerdrückte seine Zigarette und warf sie zu Boden. Er war sichtlich unzufrieden und verzog sein Gesicht. Er würde sich nicht so einfach abstempeln und ignorieren lassen. „Wie oft magst du dich unter deiner Dusche befummeln und an mich denken! Und nun stellst du dich an wie eine eitle, unerfahrene Klosterschülerin?“

Link biss sich bloß auf die Lippen und versuchte Prestons Kommentar als ein sehr geschmackloses Produkt seines armseligen Verstandes zu interpretieren, und blickte ein wenig beschämt zu seiner Prinzessin. Und Zelda hatte einen roten Kopf bekommen, den er bei ihr noch nie gesehen hatte. Ein neuer Zorn erstarkte in den feinen Gesichtszügen. Und noch ehe Link sie daran hindern konnte wie eine Furie in Prestons Richtung zu stürmen, war es bereits geschehen.

Sie wollte ihm zunächst eine Ohrfeige verpassen, aber Preston fing ihre Hand spielerisch ab und grinste. „Jetzt hab‘ ich dich, wo ich dich haben will!“, lachte er und zog die Königstochter an sich heran. Aber so, wie er sich unanständige Angelegenheiten zwischen ihm und ihr herbeisehnte, so unwirklich war auch die Tatsache, dass Zelda sich nicht wehren würde. Er wusste ja nicht, wen er vor sich hatte und ahnte nicht, dass sie einst von einer Dame im Nahkampf ausgebildet wurde, die Ninjakampftechniken besaß. Mitleidlos und alles andere als harmlos riss sich Zelda flink aus seinem Zugriff, verpasste dem wollüstigen Schüler eine krachende Ohrfeige und schließlich einen kräftigen Tritt in seine Magengegend. „Deine schmutzigen Kommentare kannst du verdammt nochmal stecken lassen. Und hör‘ endlich auf mich anzubackern, du Mistkerl!“ Sie kochte nun vor respektwürdigem Wut und Link, im Übrigen geschockt, da er nicht wusste, wie gut sie sich selbst verteidigen konnte, hatte das Gefühl, es würde sofort ein Unglück geschehen. Preston ließ sich auf seine Knie sinken und krümmte sich vor Schmerzen.

„Wenn du es noch einmal wagst, mich anzufassen, verpass’ ich dir noch einen Tritt an andere Stellen, die wesentlich empfindlicher sind, du dreckiger, verlauster und sexbesessener Schwachkopf.“ Link schluckte nur und hätte nicht damit gerechnet, dass seine wohlerzogene Prinzessin sich getraute derartige Wörter in den Mund zu nehmen. Dass sie es schaffte das Wort ,sexbesessen‘ zu verwenden, erstaunte ihn gerade immens…

Sie schenkte ihrem wahren Helden ein aussagekräftiges Lächeln, das er erwiderte, und trat zufrieden zu ihm heran. „Dem hast du wirklich Saures gegeben…“, meinte er nervös und war gleichzeitig begeistert, dass sie sich nicht einschüchtern ließ. Andererseits, so dachte der Grünbemützte, würde sich eine Prinzessin, die einst das Böse Hyrule verwüsten sehen hatte, wohl kaum das Wort verbieten lassen. Link wusste, dass sie eine Kämpferin war und das mochte er sehr an ihr…

Gemeinsam liefen sie weiter, achteten nicht mehr auf den schwarzhaarigen Burschen, der gedemütigt dreinsah, brüllte und sich nicht einschüchtern lassen wollte. Wackelnd kam er auf die Beine, stolperte hinter den beiden Auserwählten her und hatte plötzlich einen scharfen Dolch in der Hand. Preston dachte nicht mehr nach, war erfüllt von einem wütenden Gedanken, der ihn alles tun lassen würde, nur um seine Bedürfnisse zu erfüllen. Da schlug die Ausgeburt eines Hasses in seiner Brust, eine menschliche und verderbenbringende Teufelei, die er immer versuchte hatte zu verbergen. Zeldas Worte waren wie ein Funke, der die Feuer seiner Grausamkeit entzündet hatte.

Mit einem Schrei rannte Preston näher, hatte den scharfen Dolch gezückt und näherte sich dem jungen Helden, der sich genau wie Zelda in jenem Moment um seine Achse drehte. Noch ehe er begriff, dass Preston ihn mit der Waffe attackieren wollte, streckte seine starke und eigenwillige Zelda ihre rechte Hand in Prestons Richtung, murmelte wenige unverständliche Worte über ihre tiefroten Lippen und plötzlich summte der Wind eine schräge Melodie. Die wenigen Laubblätter in Zeldas Nähe wurden tosend aufgewirbelt, ein Plastikbeutel in Stücke gerissen und ein gewaltvoller Wind brauste über sie beide hernieder, und eine unsichtbare magische Kraft wurde frei. Ein gewaltvoller Energiestoß traf den schreienden Preston, zersplitterte den Dolch in seiner Hand in Tausende Stücke und erteilte dem Draufgänger eine Lektion, die er sein Leben niemals mehr vergessen würde. Die Wucht der Attacke traf Preston mit einem gewaltigen Krachen. Er wurde meterweit nach hinten geschleudert und blieb zunächst reglos am Boden liegen.

Das blonde Mädchen sackte benommen auf ihre Knie und schnappte Luft. Erst dann schien sie zur Besinnung zu kommen, realisierte, was sie gerade getan hatte. Ihre schönen, himmelblauen Augen waren voller Panik und Schock und sie presste die Hände auf die Lippen. „Nein… ich habe… Nayru…“, brachte sie durcheinander über ihre Lippen. Die Wut in ihrem Innern hatte sie gänzlich unter eine fremde Kontrolle gebracht, hatte sie ausrasten lassen und sie hätte beinahe getötet. Fassungslos starrte sie auf ihre Hände und schließlich zu dem sich krümmenden und winselnden Preston. Er stöhnte vor Schmerzen und hielt sich den Magen, schaute angstverzerrt in Zeldas Augen und zuckte nervös mit seinen Gesichtsmuskeln. Er richtete sich auf und hatte das erste Mal einen ehrlichen Ausdruck von brechender Menschlichkeit in den rabenschwarzen Seelenspiegeln. Er humpelte, öffnete seinen blassen Mund um noch etwas zu sagen und starrte der Prinzessin reumütig in die Augen. Er sah aus, als wollte er sich nun doch für seine fiesen Worte entschuldigen, aber lief zögerlich in eine Seitengasse.

„Heilige… Nayru… ich habe…“, stammelte Zelda und starrte weiterhin auf ihre Hände. Vielleicht war sie noch entsetzter als Preston, dass sie magische Attacken einsetzen konnte. „Ich wollte ihm nicht weh tun… was hab’ ich nur getan… wie konnte ich…“

Link half ihr auf die Beine und hielt sie an beiden Armen fest. Er nahm sie an der Hand und meinte leise, als er ihre Hand zu seinem Gesicht führte. „Es ist okay. Du hast ihn nicht ernsthaft verletzt, Zelda, und außerdem, hat er nicht das Recht gehabt, dich zu berühren… Hab’ ich denn das Recht dazu?“ Er wollte sie lediglich beruhigen, streichelte ihre rechte Hand und führte diese zu seinem Mund. Er gab ihr einen unschuldigen Kuss, war verzaubert von der Sanftheit ihrer Haut, sodass er das Ereignis von gerade eben beinahe vergaß.

„Das… du…“, stammelte sie und lächelte verlegen. „Ich…“ Er bemerkte ihre Nervosität und ließ sie los. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte seitwärts.

„Link…“, murmelte sie und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war rot um die Wangenknochen, aber nickte dann. „Ja… das hast du.“

Er fühlte sich irgendwie erleichtert und lächelte durcheinander. „Ähm… nun ja… aber was anderes. Was genau hast du eigentlich gerade getan?“ Er schaute zweifelnd zu den Fenstern der Häuser. „Du hast Preston eine Lektion erteilt, die sich gewaschen hat und das mit… äh Magie?“ Er war sich nicht sicher, ob er es so nennen sollte. „Ich hoffe, dass niemand gesehen hat, über welche magischen Waffen du verfügst“, setzte er hinzu. Er umfasst ihr rechtes Handgelenk fest und bog schleunigst mit ihr in eine kleine, abgelegene Straße ab.

„Das war wirklich Magie, oder?“, sprach Link leise, aber konnte es immer noch nicht glauben. Bedeutete dies, wenn Zelda solche Attacken beherrschte, dass das, was er in den Kämpfen bisher angewendet hatte, ebenfalls Magie war? Er erinnerte sich kurz an den Kampf gegen Molly, den feuer- und eisspeienden Drache in Irland, und auch an die Wölfe, bei beiden Gegnern hatte der Held einige seltsame Magieangriffe gestartet.

Zelda nickte und setzte ihre Rechte ans Kinn. „Es ist verwunderlich, aber ja… es ist genau die Magie, die ich damals in Hyrule beherrscht habe…“ Sie blickte trübsinnig zu Boden und vielleicht fühlte sich diese Erinnerung zu bitter an.

„Aber wie kommt es, dass du solche Magieattacken hier auf der Erde beherrscht?“, sprach Link um sie sofort abzulenken. Was brachte es ihr erneut an ihr verlorenes Land zu denken?

„Ich habe keine Ahnung. Ein Überbleibsel aus Hyrule? Was anderes kommt mir nicht in den Sinn“, erklärte sie.

„Ein Überbleibsel… War das denn nicht das erste Mal, das dir derartiges passiert ist?“

Zelda blieb stehen und schaute erneut in den wolkenverhangenen Himmel. „Ich habe schon einige Male zuvor, diese Energie gespürt, jene Macht, die damals das Triforcefragment der Weisheit mit sich brachte. Aber ich besitze in dieser Welt kein Abzeichen der drei Göttinnen mehr. Das kann einfach nicht sein.“ Sie wand sich um ihre eigene Achse und versuchte alles zu leugnen, was mit Hyrule und ihrem damaligen Ich in Verbindung stehen könnte. Und noch etwas füllte ihre Gedanken. Sie war bereits seit einer Weile hier auf der Erde und hatte bisher diese Kräfte nicht aktiviert. Musste erst Link in Gefahr sein, dass sie dies erreichte?

Link legte beide Hände auf ihre Schultern und drückte ihre Haut ganz vorsichtig: „Ich will dir nichts vormachen. Mir geht es ähnlich… Bitte rede mit mir darüber, Zelda.“ Sie nickte schwach, aber er konnte ihren Widerwillen spüren.

„Was hast du gespürt… und wann?“, meinte sie dann und trat mit ihm weiter.

„Es gab verschiedene Situationen“, erklärte er und fixierte mit leichter Beunruhigung die sich nähernden und immer finsterer werdenden Gewitterwolken. „In den ersten Tagen in Irland wurde ich von Wölfen attackiert…“

„Darüber hast du noch nichts erzählt“, entgegnete sie entsetzt. Der scharfe, gereizte Ton in Zeldas Stimme war neu und untypisch für sie.

„Weil ich dich damit nicht belasten wollte…“, rechtfertigte er sich und schaute zu seinen Füßen.

„Aber warum…“, sprach sie streng und als er aufblickte, sah er den merkwürdigen Schatten erneut über dem sanften Blau ihrer saphirblauen Augen. „Glaubst du, ich halte das nicht aus?“ Sie wirkte verletzt und argumentierte mit ihm auf eine Weise, die er so nicht von ihr kannte. Und die leichte Aggressivität in ihre Stimme fühlte sich betäubend für ihn an.

„Zelda, ich bitte dich… warum ist das jetzt ein Problem?“

„Es ist kein Problem“, beschwichtigte sie und versuchte sich zu beruhigen. Sie verkrampfte ihre Hände und da ahnte Link, dass es dennoch ein Problem gab… Etwas, was er so nicht lösen konnte, worüber Zelda vielleicht niemals reden würde. Sie war wahnsinnig besorgt um ihn, warum sonst sollte sie magische Kräfte einsetzen, wenn es um Links Sicherheit ging. „Entschuldige bitte“, sprach sie dumpf und bedeckte mit einer Hand ihre Augen.

Der junge Heroe nahm sie an der Hand und erklärte wohlwollend. „Ich hab‘ es dir nicht mit Absicht verschwiegen… wir haben uns jetzt erst seit einigen Stunden wiedergesehen, ich habe schlichtweg nicht daran gedacht, okay?“ Er lächelte ein wenig verschmitzt und wollte sie aufheitern. Sie nickte betreten.

„Es war in den ersten Tagen meines Irlandaufenthalts, als ein Rudel von dämonischen Wölfen attackiert hat. Es war eine Situation, die ich im Endeffekt gut meistern konnte“, und ein leichter Stolz über den gewonnenen Kampf legte sich in sein Gesicht. „Ich wurde an der Schulter erwischt und bin in dem Moment irgendwie neben mir gestanden…“

„Du wurdest an der Schulter erwischt?“, unterbrach sie verdutzt. Und da fiel es auch Link ein. Ihrer beider Verbindung ging vermutlich noch tiefer als sie beide dachten. Denn Zelda hatte genau in jener Nacht, als er angegriffen wurde, einen Traum, in welchem sie von Wölfen attackiert und an der Schulter verletzt wurde.

„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht…“, sprach er sanft, wonach sie überrascht aufsah. „Ich weiß jedoch nicht… was ich von deinem Traum halten soll…“, murmelte er und verriet sich ohne nachzudenken.

„Impa hat es dir erzählt, nicht wahr?“, murmelte sie und versuchte nicht erneut gereizt zu reagieren.

Er nickte bloß. „Ich weiß auch nicht, was das bedeutet… aber… Es ist nicht schlimm, Zelda, vielleicht verstehen wir uns einfach so gut“, entgegnete er. „Vielleicht ist es so etwas wie Empathie…“ Sie nickte widerwillig, obwohl ihr dieser Gedanke alles andere als logisch erschien. Sie ahnte, dass es an dem Band lag, mit dem die Kinder des Schicksals auf ewig verbunden sein würden.

„Jedenfalls… als ich den Wolf vernichtete, ist er wie eine Bombe in die Luft geflogen… und ich habe eine gigantische Macht gespürt…“

Zelda blickte ihn sanft an. „Das klingt nach Dins Magie…“

„Dins Magie?“ Ungläubig musterte Link seine Seelenverwandte. „Das ist ja genial…“ Zelda lächelte verschmitzt und folgte ihm dem Weg durch den Park. Einige Jugendliche hielten sich dort noch auf und räumten ihre Decken, Radios und andere Gegenstände weg, da es vermutlich binnen Sekunden regnen würde.

„Aber wie sollst du an diese Macht gekommen sein?“

„Sian, also Shiek, erzählte mir, das die alten Mächte, sprich das Triforce, auf irgendeine Art und Weise einen Einfluss auf uns beide haben könnten.“

„Das ist interessant, außerordentlich interessant.“ Zelda schmunzelte. „Ich bin froh, dass ich mich auf diese Art und Weise selbst verteidigen kann.“

„Ich auch.“ Link müsste sich somit nicht ständig Sorgen um sie machen. Dieses Mädchen war stärker, als er geglaubt hatte. Und selbst wenn sie keine magischen Fertigkeiten besäße, mit Fäusten konnte sie sich auch gut selbst beschützen. Das war seine Zelda… Link schenkte ihr ein vielsagendes Grinsen und sie rannten schließlich in Richtung seines Elternhauses, um den ersten Regentropfen zu entgehen.
 

Im hämmernden Rhythmus des Regens, der aufschreckend und gewaltvoll auf das baufällige Kirchdach peitschte, sang die Orgel der Finsternis ihr Lied, bohrte sich mit verführerisch wahnsinnigen Lauten in die Köpfe der wenigen Menschen, die sich hier in dem von Dunkelheit umwanderten Gotteshaus zur Anbetung ihres Glaubens versammelt hatten. Wie eine Wiedergeburt von Magie und Aberglauben hauchte die Orgelmelodie grotesken Figuren und vergilbten Gemälden Leben ein, ließ eine Stimmung der Geister wachsen, hier in der Kirche Schicksalshorts, ließ einen unsichtbaren, manipulativen Faden, der feuriges Licht von Kerzen zum Flackern brachte weben, schickte die Menschen in einen Rausch bizarrer Trancezustände… Die Welt träumte in dem alten Steingemäuer, das schon viele Abschiede, Eheschließungen und Taufen bezeugt hatte…

Wie ein Gott werkte der Herr dieser Zuflucht an seiner Orgel, erschuf tosende Melodien, die sich in Seelen festbrannten… Eine infernalische Abfolge von hohen und tiefen Tönen, dumpf und aufhetzend, brennend und schrill, erfüllte das steinerne, denkwürdige Bauwerk und sympathisierte mit dem herzlosen Regen… Leidenschaftlich bewegte sich der Fürst der Finsternis im pulsierenden Rhythmus seiner Melodie, missbrauchte die Orgel für sein Kunstwerk der Manipulation. Unter einer pechschwarzen, ledernen Kapuze schimmerte sein feuerrotes und doch mit wenigen weißen Strähnen durchzogenes Haar hervor, schimmerte wie flüssiges, rotes Wachs im schwachen Licht der fliehenden Kerzen. Er erhob sich, so riesig und kräftig wie er war, warf sein Antlitz einen majestätischen Schatten über das benutzte Instrument, verschlang es regelrecht. Die Arme in die Höhe gehoben, seiner Symphonie nachspürend, wand er sich in Richtung des Kirchengewölbes, wo sein monströser Schatten hohnartig auf die Gruppe von betenden Menschen fiel.

Alle Menschen waren unscheinbar gekleidet, bis auf eine junge Dame, die mit einem kobaltblauen Regenmantel in der hintersten Reihe der Kirche saß, nicht sichtbar war für den Magier, der diese Menschen mit einem düsteren Ehrgeiz zu umhüllen suchte. Sie hielt ihren Kopf leicht nach vorne gebeugt, lugte jedoch mit neugierigen und sehr wissenden Blicken nach vorne. Auf ihren Lippen lagen unbestimmte Worte, leise flüsternd gingen jene in dem hallenden Gebäude unter. Sie sprach über ein Spy-Headset im Ohr mit einer Kontaktperson außerhalb dieses Gebäudes, beobachtete scharfsinnig die Szenerie und spürte mit Sinnen aus einem früheren Leben die Gefahr, spürte die hypnotische Schwingung in der Luft, die von dunkler Magie produziert wurde.

„Warte noch, Dar…“, sprach sie mit einer Stimme, die wie stilles Wasser klang, beinahe geräuschlos. Es war Rutara von Wasserstein, die junge Frau, die in einer nahen Großstadt ihre Eisläuferkarriere durchzog und ab und an mit Ines Schattener, Naranda Leader, Richard Raunhold und Dar Gordon in Verbindung trat. Sie war diejenige, der es am ehesten gelingen konnte sich unauffällig zu geben, da sie mit ihrer jetzigen Reinkarnation keinen Hinweis auf ihre frühere Persönlichkeit bot. Sie war für den Fürsten des Schreckens nur ein einfacher Mensch, den er so wie die anderen Erdenbewohner unterschätzte.

„Rutara, riskiere nicht zu viel… dein Schutzzauber wirkt nicht ewig“, raschelte es in ihrem Ohr. Sie ignorierte die besorgte Stimme des Arztes Dar Gordon, der gemeinsam mit der ehemaligen Schülerin von Ines Schattener hier einen Auftrag erledigen wollte.

„Ich weiß… aber wir brauchen mehr Informationen“, flüsterte sie und beobachtete aufmerksam den Innenraum, versuchte auszuspähen, was hier vor sich ging. Seit einigen Wochen schmiedete die kleine Gruppe wissender Leute, die ihre Vergangenheit in Hyrule nicht vergessen hatten, Pläne, versuchte mit allen Mitteln Informationen über Ganondorf zu verschaffen, der diese Welt von seinem Standort in Schicksalshort sehr genau ausspionierte. Immer wieder hatte der geheime Bund um Ines schlimmere Dinge abgewendet, Dinge, von denen weder Link noch Zelda Notiz genommen hatten, und waren doch so unsichtbar geblieben, dass das Böse nichts von ihrer Existenz ahnte. Auch heute versuchten die ehemaligen Beschützer des Reiches Hyrule, das vor Tausenden von Jahren in die Schatten fiel, ihre Pflicht zu erfüllen, Informationen zu beschaffen und herauszufinden, welche Ziele Ganondorf sonst noch verfolgte. Und Rutara, wie sie hier in der eisigen Kirche spionierte, sich so sonderbar still und beeinflusst verhielt wie die anderen Besucher, beobachtete mit ihren übermenschlichen Sinnen; sie sagten ihr, dass sie noch ein wenig länger bleiben musste, dass sie mehr erfahren musste…

Und ihr Gespür hatte nicht gelogen… Nur Sekunden später schlich eine weitere Gestalt aus einer verdeckten Seitentür, die vermutlich in die Krypta führte. Kein Anwesender nahm Notiz von ihm, als handelte es sich um einen verflüchtigenden Schatten, eine Kreatur, die zwischen den Welten segelte. Und keiner der Anwesenden, wo sie eingehüllt waren in ein Netz gewebt von den Melodien des Dunklen Lords, konnte reagieren. Gemächlich schleichend bewegte sich ein kräftiger Krieger, bekleidet mit einer mattsilbernen, mit schwarzem Leder gefütterten Rüstung, durch die Reihen. Sein Gesicht war entstellt, an einigen Kanten und Ecken hingen schuppige Hautfetzen, als fürchtete sich das Fleisch vor seiner wahren Natur. Ein purpurrotes Funkeln in rabenschwarzen Augen verriet die wahre grausame Natur des Mannes, begraben in der Finsternis glühte Mordlust und ein wahnsinniger Trieb der Vernichtung. In der Welt des Bösen gab es Tausende Soldaten, deren Verlangen sich daran stillte, Fleisch aufzuschlitzen… und Rutara von Wasserstein kannte dieses bestialische Glühen todgeweihter Augen, erlebte jenes in einer düsteren Vergangenheit, die ihr eigenes Kämpferherz geformt hatte.

Er grinste, hob sein bleiches Haupt in die Höhe, sodass er seinem Meister huldigen konnte, wie er vor der Orgel thronte, seinem Diener auffordernde Handbewegungen sendete und in einem Spektakel winziger Blitze, die aus seinem Körper sprudelten, in der Luft zu schweben begann, unbegreiflich, und doch majestätisch. Sein Gelächter erfüllte das alte denkwürdige, einst so heilige Gotteshaus, zischte in die Ohren der hypnotisierten Menschen, vergewaltigte mit wenigen Lauten, zischend und tödlich. Und als trugen ihn die Windgeister ließ er sich in der großen Halle der Kirche nieder, landete leichtfüßig vor seinem Lakaien. Niemand reagierte auf den Einsatz seiner Magie. Keine Seele, die hier hauste, wunderte sich über die Macht des Fürsten… denn keiner der Menschen hatte noch Zugang zu Vernunft und Wissen. Niemand außer Rutara… Sie spürte das Fiebern ihrer beginnenden Angst in ihrem Blut, spürte die Auswirkung der knisternden Teleportationsblitze, die der Herrscher der Finsteren versprühte und sie versuchte sich so still und bedacht wie möglich zu verhalten. Ganondorf, wenn er sie erkennen könnte, würde nicht mit der Wimper zucken sie aufzuspießen. Sie tankte Kraft an ihrem Schutzschild und horchte als heimlicher Lauscher eine Konversation, die über den Fortgang der Welt entscheiden konnte…
 

In einem Schwall dunkler Gelüste kniete der durchtrainierte Krieger vor seinem Herrn. Seine vernarbten Lippen hauchten rachedurstigen Wünschen Leben ein: „Der Held der alten Welt hat jeden Angriff in Irland von Euren Untertanen überstanden, vernichtete Eure Kreaturen wie Würmer, auf denen er herum getrampelt ist.“ Der Lakai erhob sich, funkelte mit bitterem Blick in die hasserfüllten seines Meisters.

Beinahe unbeeindruckt schritt der Lord des Bösen vorwärts. Sein blutroter Mantel flatterte, als er mit seinen gepanzerten Stiefeln in Richtung Altar stapfte. Er schnalzte mit der Zunge, als er sprach: „Und was soll mir das sagen, Mortesk?“

„Er wird stärker, zu stark“, sprach jener beflissen.

Ganondorf lachte herablassend. „Soll mir das sagen, du Narr, hast Angst vor einem halben Kind!“

Mortesk hatte sich niemals gegen das Wort seines Meisters behauptet, niemals, bis auf dieses eine Mal. „Ihr solltet Angst haben, Lord…“, sprach er vorsichtig. „Ihr habt ihn nicht erlebt. Innerhalb kürzester Zeit hat er sich eine Stärke angeeignet, die er nicht einmal in der wiedergewonnenen Zeit des einstigen Hyrule besessen hat.“

Nach wie vor stand der Herr der dunklen Kreaturen mit dem Rücken zu seinem Diener. „Und weiter?“

„Ich erinnere mich an die Zeit, bevor das alte Königreich verblasste, ich weiß es noch, denn ich trat gegen ihn an, als er sich unbewaffnet als das Schutzschild der Prinzessin behauptete. So unscheinbar wie einst, ist er in dieser Welt nicht…“ Mortesk schien nervös, als die Erinnerung an die Vergangenheit seine verrosteten Sinne streifte. Er war ein Dämon, der einst den Schwur der fleischlosen Gestalt einging. Er konnte nur sehr selten Gefühle wahrnehmen, weder angenehme, noch bösartige… seit Zarnas Tod aber war er von Hass und Rache zerfressen und erinnerte sich zudem an eine Zeit, die lange ausgelöscht war.

Ganondorf seufzte und schien sich zu langweilen. Mortesks zweifelhafte Panik machte ihn mürbe. Er kratzte sich mit seinen reißzahnartigen Fingernägeln den Belag von den Zähnen und leckte sich über die Lippen. Wortlos balancierte er einen Kelch gefüllt mit Wein in seiner rechten Hand. Mortesks kratzte sich vor Nervosität am Hals und streifte unabsichtlich einige Hautfetzen ab. Er wusste, dass es Ganondorf nicht gefiel, wenn man seine Autorität mit unüberlegten Worten in Frage stellte. Vielleicht waren seine Zweifel unberechtigt… vielleicht hatte das Böse tatsächlich alles im Blick…

„Was ist mein Ziel, Mortesk?“, sprach der wiedergeborene Dämon und Herr über das Dunkle mit Wahnwitz in seiner dissonanten, tiefen Stimme.

„Einen Plan zu verwirklichen, der sich über Jahrtausende streckt…“, murmelte der Lakai benommen, ließ das Haupt etwas gebeugt hängen.

„Und welche Rolle schreibst du in diesem Plan einem Menschen zu, der auf dieser armseligen Welt geboren wurde? Eine Welt, die sich selbst auffrisst an grausamen Bedürfnissen, an Machtgier und Hunger nach ungenügenden Dingen? Eine Welt, die jegliche Wahrheiten über den Kreislauf des Weltenstrudels, über das Wissen, das tief in dem Universum schlummert, vergessen ließ?“ Der alte Dämon drehte sich tanzend um seine Achse, sein rubinroter Umhang schwang wie feuriger Wind mit ihm. „Sie fressen sich gegenseitig auf“, rief er donnernd. Seine röhrende Stimme ließ das Kirchenschiff vibrieren. „Erbarmungslos verletzten sie einander, erschaffen sich eingebildete Ideale, gaukeln einander Respekt vor und beschmutzen sich immer wieder mit ihrem Drang der Selbstzerstörung versteckt hinter dem Wort Wirtschaftlichkeit!“

Mortesk trat wenige Schritte zurück, sank immer mehr in sich zusammen. Selbst die heimliche Beobachterin Rutara von Wasserstein spürte die Wogen des Bösen, die so gigantisch waren, als hätte sich Ganondorfs Hass auf das Gute über die Jahrtausende angestaut, hatte gekocht und war am Explodieren wie ein Vulkan. „Der Held der Erde ist ein Nichts! Geboren in dieses Elend wird er sich niemals an das wahre Gesicht des Mutes erinnern, ist befleckt und geschunden von einer einfältigen Welt, die sich auch ohne mein Zutun zerstört!“

„Verzeiht mir, Milord…“, und demütig warf sich der vergessene Skelettritter zu den Füßen seines Meisters. „Wie töricht war ich… nicht zu verstehen…“ Die Worte seines Lords schenkten ihm die Zuversicht den Heroen bezwingen zu können. Er brauchte die Worte seines Herrn wie eine Droge, nährte sich an diesen, spürte Lebendigkeit in diesen und den Trieb des Bösen.

Ganondorf streckte seine rechte Hand nach seinem Diener aus, eine graue Hand, übersät mit Altersflecken, aber ein goldener Schein pulsierte dort, leuchtete legendär und erinnernd an eine Macht, die dem Sein entsprang. Mortesk schwere Lippen legten sich ehrerbietend auf die dargebotene Hand, bezeugte seine Unterwürfigkeit.

„Und bedenke, Mortesk, die Seele der einzigen Hoffnung, die der Held über Jahrtausende begehrte, diese Seele ist nicht mehr an einen sterblichen Körper gebunden. Das Licht seiner Prinzessin ist erloschen. Das Menschsein kann ihm kaum bescheren, was Prinzessin Zelda ihm einst gab an Hoffnung und Bedeutsamkeit. Er kann niemals erstarken ohne sie… Ohne sie ist sein Gefäß leer und ohne sie kann er die alte Macht des Mutes nicht erforschen. Sein Herz muss zerfressen sein von dem Wunsch sie zu rächen… Zeldas Tod muss ihn gespalten haben und auch dies mag ihn hindern zu entfalten, was er braucht um mich zu bezwingen…“ Er schritt wie ein König in Richtung Altar und schaute mit kalten Augen zu den zwei leeren Flecken, wo einst schwarze Bilder hingen. Weder er noch seine Abgesandten hatten in Erfahrung bringen können, wo die beiden Relikte abgeblieben waren. Aber es war auch so, dass die beiden von ihm erschaffenen Gemälde, in welche heilige Macht eingesperrt war, nicht länger von Belang für ihn waren. Er hatte sie einst geformt aus verfluchtem Fleisch gefolterter Unsterblicher, einst in einer anderen Zeit und dann doch wieder erst vor wenigen Stunden… Zeit hatte in seinen Augen keine Bedeutung mehr. Zeit und Bewusstsein, Materie und Energie… er hatte alle Geheimnisse des Weltenstrudels für sich lüften können.

„Verzeiht mir, Meister“, sprach Mortesk, erhob sich erneut und schaute ungeduldig zu den wenigen Menschen, die scheinbar in eisiger Starre gefangen schienen. „… dass ich zweifelte… der Held kann nicht erstarken durch die göttliche Prinzessin, aber heute beobachtete ich, wie er mit einem Mädchen durch den Park lief…“

Und jene Information ließ Rutara kurz zusammenzucken, hoffend, die beiden dunklen Wesen durchschauten diesen Irrsinn nicht. Wenn sie nur etwas genauer hinsahen, hätten sie Zelda schon lange erkannt, herausgefunden, dass sie noch lebte und würden alles daran setzen sie aufzuspüren und zu vernichten.

Ganondorf lachte amüsiert: „Wenn der Held Augen für andere Frauen hat, so scheint Zelda für ihn nicht die Rolle zu spielen, die sie doch eigentlich sollte. Und dabei sollten die Kinder des Schicksals in den Kämpfen vereint sein, ein Band besitzen, das unsterblich ist, sich vielleicht sogar lieben… Nur aus Liebe schöpft das Gute Kraft und Mut… Wenn er dieses Band nicht erschaffen kann, nicht für Zelda, dann ist sie in dieser Welt so nebensächlich wie von Anfang an… Es kann kein Zufall sein, dass er nach ihrem Tod nichts Besseres zu tun hatte als nach Irland zu flüchten… Es scheint, als beginnt sich das Schicksal bereits zu verformen…“ Er erinnerte sich an viele seiner Schandtaten in der alten Welt, an die Grausamkeiten, die sein Gewissen ganz stetig, Stück für Stück verzehrt hatten, die ihn zu einem Wesen gemacht hatten, das Mitgefühl und Leid verachtete… Er hatte seine wahre Natur gespürt, schon als er sein Bewusstsein entwickelte, hatte diesen Dämon in sich gespürt, der die Welt verändern wollte, der die Welt besitzen wollte und ewiglich… wie einen alten Fluch fühlte er diesen Drang nach Rache… Gestillt hatte er seine Bedürfnisse, in dem er Seelen missbraucht hatte, Blut spritzen ließ, Köpfe rollen ließ. Reine Herzen löschte er aus mit diesem inneren Drang nach Entseelung, raubte Kräfte, wo er nur konnte. Er schlachtete Gegner ab wie Vieh, schändete sein Gewissen immer mehr und mehr… bis es ihn in den Abgrund trieb. Hylianer, Kokiris, Zoras, Goronen, er hatte sie alle auf dem Gewissen. Sogar Feen hatte er um ihre Kräfte beraubt und Götter gebrandmarkt! Selbst Götter! Göttliche Macht hatte er sich angeeignet und mit jener Zeit und Schicksal am Schopfe gepackt! Sein abartiges, krankes Gelächter schallte durch die Halle, bei den Erinnerungen an seinen Mordtrieb, die sich wie pures Vergnügen für ihn anfühlten. Alles, was er noch konnte, war sich in der verlorenen Grausamkeit seiner dämonischen Zustände zu wälzen, immer weiter zu machen, bis nichts mehr blühte, immer weiter zu vernichten, bis er seine Rache gestillt hatte… Und dafür hatte er einen weitreichenden Plan…

„Mortesk, es wird Zeit für mich, so wie ich sie jetzt definieren kann. Zeit, dass ich mich in den Strudel zurückziehe, finde und begehre, verändere und lehre… Es gibt noch viele Geschehnisse zu beeinflussen…“, sprach er beflissen und summte mit seiner rauen, starken Stimme die Melodie, die er erst vorhin auf seine Orgel gehämmert hatte. „Und es ist bereits vollbracht, der Anfang wurde geschaffen, Welten verändert… irgendwo und irgendwann in einer Zeit und Welt werde ich den Heroen zerquetschen wie eine Fliege… einen letzten Heroen, sodass er nicht mehr wiederkehren kann…“

Rutara atmete fiebrig, als Ganondorfs letzte Worte fielen. Ihre Augen öffneten sich mit Entsetzen, ihre Sinne arbeiteten auf Hochtouren, und innerlich flammte in ihr der Wunsch diesen Ort auf der Stelle zu verlassen. Wenn die Wiedergeburt des Todbringers diese Worte mit Ehrlichkeit sprach, wenn diese Worte wahr wären, dann war er nicht mehr zu besiegen. Wenn es stimmte, dass er den Fluss der Welten, den Fluss der Zeiten, beeinflusste, dann könnte er an jedem beliebigen Ort Unheil säen, Umstände verändern und dafür sorgen, dass Legenden erst gar nicht entstanden. Sie zuckte verängstigt zusammen, verkrampfte sich und suchte Halt in dem Schutzzauber, der sie noch immer umgab.

„Berichtet mir… mein Herr…“, sprach Mortesk zischend. „Berichtet mir, bevor Ihr geht!“

Der Meister des Bösen berührte mit seinen alten Händen das selbsterschaffene Gemälde, das nur er berühren konnte. Er hatte einige Untergebene geopfert bei dem Versuch es noch stärker zu machen und es genossen, das niemand sonst es anfassen konnte. Beinahe zärtlich streichelte er das mit Öl gemalte Material.

„Was habt Ihr zuletzt getan?“, murmelte der Skelettritter neugierig. Erneut sank er auf die Knie und zeigte Unterwerfung.

„Hast du jemals von den legendären Geschöpfen gehört, die gezeugt wurden von der beschützenden Göttin und dem Gott des Weißen Adlers…“, sprach der Fürst der Finsternis und spannte beide Hände zu Fäusten. „Den engelsgleichen Wesen atemberaubender Schönheit?“

„Aber ja, Milord“, und Mortesk erhob sich, schlich näher, schien innerlich vor Aufregung zu brodeln. „Emädras werden sie genannt, sollen magische Fertigkeiten besitzen, unsterblich sein und doch sehr schüchtern, beinahe scheu wie junge Vögel. Es heißt, es gibt nur siebenundsiebzig von ihnen…“

Ganondorf grunzte gehässig. „Nun, das ist nicht ganz richtig.“ Seine Mundwinkel bebten vor Freude. „Es gab einst siebenundsiebzig von ihnen… nun jedoch ist nur noch eine von ihnen übrig.“

„Aber, Herr…“ Mortesk verschluckte sich beinahe an seinen erstaunten Worten. „Ihr habt diese heiligen Wesen vernichtet?“

Ganondorf knackte mit den Gelenken, ließ seinen rubinroten Umhang flattern wie die Flügel eines Drachens und schien einmal mehr zu schweben. „Sie waren hinderlich für unsere Pläne, Mortesk… und so oft es die Chance gibt Gutes zu vernichten, sollten wir jene ergreifen. Und irgendwann… irgendwann werden alle Beschützer des Guten gefallen sein, selbst die Emädras. Und nicht ein Wesen des Weltenstrudels sieht die Gefahr… Sie alle haben absolut keine Vorstellung von meiner Macht!“

„Ihr glaubt die Beschützer dieser Welt haben nach wie vor keine Ahnung von Euren Plänen… und keine Ahnung von der Verseuchung“, bemerkte der Skelettritter vorsichtig, aber trat einige Schritte zurück.

„Nein, natürlich nicht… Wie sollten sie auch?“ Erneut erhob er sich wie ein Gott, tanzte in der Luft und lachte markerschütternd. „Ich werde das Schicksal Hyrules Stück für Stück verändern… und es ist einfacher als ich dachte. Kein Held in diesen vielen Zeiten und Welten weiß etwas von meinen Absichten… Sie sind alle verwurzelt in ihren einfältigen Denkweisen, abhängig von ihren eigenen Kämpfen, sie können nicht über den Tellerrand ihrer eigenen Zeit und Welt hinausschauen… sie haben nicht die Chance so zu lernen wie ich!“ Und auf seiner rechten Hand, glühend und die Welt verändernd, funkelte ein legendäres, altes Stück beseeltes Gold, belehrte und erinnerte an Gesetze, die lange in Vergessenheit geraten waren. Es funkelte wie das schönste und traurigste Licht von Milliarden Geschichten, schimmerte durch Welten wie sterbende Sterne…

„Bewach‘ dieses Gebäude mit so vielen Kreaturen der Nacht wie du es für notwendig hältst, und Mortesk, nutze die Energie dieser armseligen Gottesanbeter hier für den einen Tag, der das Ende sein wird… Wie nennen die Menschen dieses Glaubenssystems den Untergang der Welt?“ Lässig sank Ganondorf nieder, berührte noch einmal das magische Bildgefäß, bis sich dort in dem Gemälde eine Pforte zu öffnen schien.

„Ihr meint den Tag des Jüngsten Gerichts?“

Ganondorf grunzte, aber schwieg auf die Aussage seines Lakaien. Menschliche Begriffe waren ihm letztlich doch nicht wichtig genug um sie zu erinnern. „Es gibt diese eine Welt, eine göttliche Welt, in der Menschen keine Sprache hören können, in der Menschen zermalmt werden wie junge Pflanzen unter Eisenstiefeln, in der Menschen aus den Ohren bluten und ihre Köpfe verrückt werden. Dort gibt es keinen Tag des Jüngsten Gerichts. Das heilige Götterreich, wo die Wälder silbern funkeln, der Himmel in allen Farben leuchtet und Städte aus Gold errichtet sind, besteht ewig.“

„Ist dies die Welt, in die Ihr eintauchen werdet, mein Lord?“

Ganondorf lachte. „Das Götterreich ist schon lange infiltriert, lange bevor es irgendein Gott ahnen konnte. Das ist nicht die Welt, nach der es mich verlangt. Wie auch immer, es wird Zeit eine neue Welt zu ergründen“, sprach er lachend. „Es wird mir die Nacht in der Ferne versüßen…“ Und dann, in einem magischen Wimpernschlag, wurde Ganondorf von dem Gemälde verschluckt, verschwand in eine ferne Zeit und Welt, versuchte im Erfüllen seiner grausamen Bedürfnisse alles zu verändern, was Hyrule einst zusammenhielt…

Für mehrere Minuten schwieg Mortesk, der dunkle, kräftige Krieger richtete sein geschundenes Haupt in die Höhe. Seine Skelettritternatur war nun endgültig erkennbar, denn das Fleisch hatte sich fast vollständig von seinem Gesicht gelöst. Ein böses Verlangen brodelte in seinen dichten Augenhöhlen. „Lord Ganondorf… nach wie vor unterschätzt Ihr den Heroen des Schicksals… unterschätzt ihn so wie immer. Auch lange vergessene Dämonen haben Pläne und eine Überraschung für den Helden, der irgendwo in einem Zuhause hockt, sich damit vergnügt das Spiel seines Schicksals zu spielen und wenn er diesmal spielen wird, dann soll nichts mehr so sein wie vorher…“ Er schnippte mit den Fingern, ruhte wie eine Statue am Altar. Das dumpfe Licht in seinen Augenhöhlen flackerte.

Und während er dort stand, voller Ruhe und Gelassenheit, richtete Rutara ihre Sinne auf die wenigen wehrlosen Menschen. Wie Batterien, denen der Saft abgezogen wurde, saßen sie auf den Holzbänken, wussten nichts von der Ausbeutung ihrer Lebenskraft und noch konnten die einstigen Wächter Hyrules jenen Menschen nicht helfen. Auch Mortesk entfernte sich, zog sich zurück in die Krypta und lachte gehässiger als sein Meister…

Aber Rutara wusste, was sie mit den Informationen, die sie hier erhalten hatte, anfangen konnte. Sie sprach bestimmend zu Dar, während ihr Schutzzauber flackerte und sie wusste, dass sie sich von diesem Ort entfernen musste: „Wir brauchen eine Versammlung, und das rasch!“



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