Kollektion der Allerbesten von Sharry ================================================================================ Kapitel 1: Kapitel 1 - Der Erste von Niemandem ---------------------------------------------- Kapitel 1 – Der Erste von Niemandem   ~Juli, 1500 (ca. 22 Jahre bevor Ruffy das Windmühlendorf verließ)~ „Gute Arbeit, Jungs, vielleicht könntet ihr beim nächsten Mal ein bisschen… weniger kaputt machen, dennoch ein rundum erfolgreicher Job. Aber ich mein, was war auch anderes zu erwarten bei unserem Mihawk Junior.“ „Tze, ist mir ziemlich egal, was du denkst, alter Mann.“ „Ach, was soll dieses Verhalten denn? Du weißt, ich persönlich nehm dir das nicht so übel, und ja, du bist für dein Alter schon verdammt stark und verdammt gut die Karriereleiter hochgeklettert. Aber ein paar von diesen anderen Alten mögen deinen Ton ganz und gar nicht und…“ „Und das interessiert mich, weil?“ „Urgh! Mihawk, ernsthaft. Ich versuche hier, dir einen guten Rat zu geben, wenn du es irgendwann mal zum Admiral schaffen möchtest. Dein Vater…“ „Nur um das klarzustellen, ich geb einen Scheiß darauf, was mein alter Herr denkt, und nur, weil du alt bist, brauchst du dich nicht wie er aufzuspielen, Vizeadmiral Monkey.“ … „Uhh, so hat mich ja noch niemand genannt, seitdem ich aus der Kadettenschule bin. Nicht so schüchtern, du kannst ruhig meinen Vornamen benutzen.“ „Will ich aber nicht.“ Dulacre rollte mit den Augen. „Nun, ich habe Bericht erstattet, wie das Protokoll verlangt, es gibt keinen Grund mehr zu bleiben, daher werde ich jetzt gehen.“ Vizeadmiral Garp atmete aus und als er sprach, klang er ernster: „Und was ist, wenn dein Vorgesetzter dir den Befehl erteilt, zu bleiben?“ Dulacre zuckte mit den Schultern und wandte sich zur Tür: „Erstens, bist du nicht mein Vorgesetzter, alter Mann, wir tragen den gleichen Rang, du hast mir nur an Dienstjahren voraus, weshalb ich dir Berichterstatten muss. Zweitens, gäbe es keinen Grund, einen solchen Befehl zu erteilen, da der Auftrag erfolgreich abgeschlossen ist, ich noch genügend andere Aufgaben zu erledigen habe und du nichts Neues für mich hast. Und Drittens, wenn du mir etwas befehligen willst, dann befehle es und stell keine dummen Fragen. Jiroushin, komm.“ „Oh, verdammt nochmal, was für ein Bengel“, knurrte Vizeadmiral Garp, stand auf und rieb sich das Gesicht. Einen Moment sah Jiroushin noch zum Dienstälteren, dann schickte er sich an, seinem direkten Vorgesetzten zu folgen. „Kommandant Cho, bleib doch bitte noch einen Moment.“ Wie vom Schlag getroffen blieb Dulacre stehen. „Kommandant Cho unterliegt nicht deiner Führung.“ „Und wie du bemerkt haben solltest, du nerviges Gör, habe ich ihm keinen Befehl erteilt, sondern ihn gebeten. Willst du ihm jetzt verbieten, sich mit mir zu unterhalten?“ Beide Vizeadmiräle starrten einander an, eine unangenehme Spannung in der Luft. Kurz sah Jiroushin noch Garp an, dann wandte er sich Dulacre zu und schenkte ihm ein sachtes Lächeln. „Sofern du keine anderen Befehle hast, würde ich dieses Gespräch gerne wahrnehmen.“ „Was auch immer. Aber ich warte nicht mit dem Abendessen, also beeil dich.“ Geräuschvoll knallte die Tür hinter Dulacre zu. „Ach, du meine Güte, dieser Junge“, seufzte Garp auf und ging zu einem Sessel an einem kleinen Tisch und ließ sich hineinfallen. „Setz dich“, bot er dann an und deutete auf ein geräumiges Sofa. „Vielen Dank, aber nein danke.“ „Jetzt entspann dich mal, der offizielle Teil ist vorbei. Das hier ist nur ein freundschaftliches Gespräch zwischen zwei Kollegen. Kann ich dir etwas anbieten? Tee?“ „Nein, danke“, entgegnete Jiroushin erneut und ließ sich gefügig auf dem Sofa nieder. „Was wollten Sie mit mir besprechen, Vizeadmiral Garp?“ Der andere sah ihn mit großen Augen an, schmunzelte dann aber. „Huh, immer wieder lustig mit euch zweien. Bei Mihawk krieg ich jedes Mal das Bedürfnis, ihn mal mit der liebevollen Strenge eines Vaters so richtig zu erziehen, und dir würde ich gerne öfters wie der liebe Onkel von nebenan raten, dich mal etwas locker zu machen. Du bist immer so extrem förmlich. Naja, was soll’s, wird’s dir später leichter machen.“ Er entgegnete nichts, sich nicht sicher, was Garp von ihm wollte. Dieser Mann gehörte zu den Stärksten der Marine und hatte ohne Zweifel gute Chancen, bald selbst zum Admiral ernannt zu werden. Die eigenen Fähigkeiten von ihm anerkannt zu bekommen, wäre für die meisten das höchste Lob, was sie sich erhoffen konnten. Aber Dulacre gab nichts auf die Meinung anderer. Jiroushin hingegen war wachsam. Viele der alten Riegen kamen mit seinem direkten Vorgesetzten nicht gut klar. Wie sein Vater, Mihawk Gat, es sich früher wohl gewünscht hatte, war Mihawk Dulacre schon als Teenager der Marine beigetreten, aber gerade die älteren Vertreter verstanden nicht, wie ein Bengel von gerade Mal 19 Jahren, der nicht mal Bitte und Danke sagen konnte, es schon zum Vizeadmiral gebracht hatte. Schon einige von ihnen hatten versucht, über Jiroushin an mehr Wissen zu kommen, manche von ihnen hatten sogar schon versucht, ihn umzudrehen. „Guck mich nicht so an, meine Güte. Ich will nichts von dir, im Gegenteil, ich bin nur neugierig und möchte dir vielleicht einen kleinen Rat erteilen. Keks?“ Nun hielt Garp ihm eine kleine Schale mit Algencrackern hin, doch Jiroushin schüttelte nur den Kopf, woraufhin Garp die Schultern zuckte und sich selbst einen nahm. „Also das Ding ist, du scheinst mir ein guter Bursche zu sein. Ich hab deine Akte gesehen und eigentlich spricht alles für dich, dass du es weit bringen kannst. Aber…“ „Jetzt wollen Sie mir erklären, dass mein Vorgesetzter, Vizeadmiral Mihawk, keinen guten Ruf hat, und sich dies schlecht auf meinen Ruf auswirken könnte? Machen Sie sich nicht die Mühe, Sie wären nicht der Erste, der mir das sagt. Ich bedanke mich, für die Gedanken, die Sie sich um mich machen, aber ich versichere Ihnen…“ Er unterbrach sich, als Garp laut lachte und kopfschüttelnde abwinkte. „Ach Gottchen, ich will doch gar nicht deine Loyalität testen, Cho. Ich weiß doch, dass du und Mihawk Junior befreundet seid, steht in deiner Akte. Ihr kommt von derselben Insel und seid auf dieselbe Schule gegangen.“ „Vor allem, ganz vorneweg, sind wir beste Freunde.“ „Mhm“, machte Garp und lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf den Oberschenkeln ab, „und jetzt kommen wir der Sache näher. Hör mir zu. Ich will dich nicht gegen Mihawk Junior aufbringen, okay? Ich kenne seinen Vater – schon seltsam, dass beide jetzt Vizeadmiral Mihawk heißen, oder? Gibt es selbst hier nicht so oft – und ich kenne seine Vergangenheit, keine schöne Sache, aber das ist hingegen leider keine Seltenheit in unseren Reihen. Aber lass mich ehrlich mit dir sein: Mihawk Junior wird nicht ewig in der Marine bleiben.“ Jiroushin schluckte. „Wie meinen Sie das?“ „Ach, komm schon. Du weißt, wie es hier funktioniert. Ja, wir haben eine starke Anziehungskraft für seltsame Gestalten, aber dennoch gibt es in der Marine klare Strukturen und Systeme und dazu gehört unsere klare Hierarchie. Dein Kindheitsfreund hat es schon weit gebracht – woran sein Vater nicht unschuldig ist, aber die Wahrheit ist nun mal, dass Erfolg belohnt wird, und auch, wenn ich seine Art nicht immer gutheiße, seine Erfolgsrate liegt bei 100%, da kann man nicht meckern – und er könnte es noch deutlich weiter bringen. Er könnte es mit Leichtigkeit zum Admiral schaffen bei seiner Stärke. Aber, Cho, machen wir uns doch nichts vor. Der Bericht war deine Handschrift – alle Berichte sind deine Handschrift – und…“ „Ist es in einer Hierarchie nicht üblich, dass man den Vorgesetzten durch das Übernehmen unliebsamer Arbeiten entlastet?“ „Aber das ist es ja“, meinte Garp und zeigte nun auf ihn. „Du – also genau du – machst genau das, was man von jemandem in deiner Rolle erwartet, und du machst deine Aufgabe hervorragend. Du könntest beim Kämpfen ruhig noch etwas mutiger werden, aber mein Gott, du bist jung, da kriegen wir dich noch hin. Aber guck dir deinen Vorgesetzten doch mal an. Und ich meine nicht die Beleidigungen, das respektlose Auftreten, das Fernbleiben von wichtigen Veranstaltungen, das andauernde Streiten mit Vorgesetzten und seine generell echt herablassende Art.“ „Worauf wollen Sie hinaus, Vizeadmiral Garp? Sehen Sie es mir nach, dass ich nicht gerne zuhöre, wenn Sie meinen Vorgesetzten schlechtreden.“ „Ach, Cho“, meinte dieser nun und lehnte sich zurück. „Wir beide wissen es doch besser. Man braucht eine Motivation, um diesen Job zu machen, und die hat Mihawk nicht. Um ehrlich zu sein, hab ich keine Ahnung, warum er überhaupt hier ist. Er macht es nicht aus Stolz, nicht aus Pflichtgefühl, erst recht nicht wegen irgendeiner familiären Verpflichtung oder aus irgendwelchen idealistischen Beweggründen. Keine Ahnung, warum er sich den Mantel überzieht und sich alle zwei Tage mit irgendwelchen Vorgesetzten oder Dienstälteren anlegt, nur um dann doch seinen Job zu machen, aber ganz ehrlich, der Junge ist eine tickende Zeitbombe.“ Er entgegnete nichts. Vizeadmiral Garp war bekannt für seine ehrliche und wohlwollende Art. Jiroushin war sich bewusst, dass der erfahrene Soldat es gut meinte und Dinge sagen würde, die andere eben nicht mitteilen würden. Aber ganz gleich, was er sagte, es würde nichts an Jiroushins Entschluss ändern. Er war sich sehr bewusst, was andere über seinen Vorgesetzten und Freund aus Kindheitstagen sagten. Mihawk Dulacre, Sohn eines Wirtschaftsregimes, Kind einer Familie an Meisterschwertkämpfern. Sein Vater, Mihawk Gat, hatte selbst vor einigen Jahren mal auf der Anwärterliste der nächsten Admiräle gestanden, aber dann kamen dessen Ehefrau und Tochter, Dulacres Mutter und große Schwester, bei einem Piratenüberfall ums Leben und seitdem ging es ihm gesundheitlich wohl alles andere als gut. Mit nicht mal 15 Jahren war Dulacre dann der Marine beigetreten und Jiroushin war ihm ohne das leiseste Zögern gefolgt. Natürlich war er nicht so stark und mächtig wie Dulacre, Wunderknabe des Schwertkampfs, der schon in seinen jungen Jahren mit den beiden „Monstern“ Sakazuki und Borsalino mithalten konnte, sich aber geweigert hatte, in die Ausbildung beim ehemaligen Admiral Zephyr zu gehen, da dies unter seiner Würde sei, und auch an keinem der vielen Trainingswettkämpfe teilnahm, sodass man nicht mal wusste, wer denn jetzt letzten Endes stärker war. Viele regten sich darüber auf, über die tausend Freifahrtscheine, die Dulacre immer bekam, weil er nur das tat, was er wollte. Sie schoben es auf seine Herkunft, Vater aus der Marine, mütterlicherseits Nachfahre der Weltaristokraten, aber Garp hatte es schon ganz treffend beschrieben. Es stimmte, dass Dulacre niemandem Respekt zollte und nur das tat, was er wollte, gleichzeitig nahm er aber jeden noch so schwierigen und riskanten Auftrag an und war immer erfolgreich. Das ein oder andere Mal hatte manche daher sogar versucht, Dulacre auf den mächtigsten Piraten der Gegenwart anzusetzen. Offiziell, um seine Fähigkeiten zu testen, inoffiziell wohl aber eher, um ihm eine Lektion zu erteilen – oder sich seiner zu entledigen. Jiroushin wusste, dass Garp selbst es gewesen war, der Großadmiral Kong davon überzeugt hatte, dass dies kein kluger Schritt wäre. Und Jiroushin erinnerte sich auch gut daran, wie erbost Dulacre über das Einmischen von Garp gewesen war. Kurz war er davor gewesen, die Roger-Piraten auf eigene Faust aufzusuchen, da war plötzlich das Gerücht über die Meere geschwappt, dass diese Piratencrew sich aufgelöst habe. In seiner Wut und seinem verletzten Stolz hatte Dulacre dann mit Sicherheit überlegt, Whitebeard oder ein ähnliches Kaliber herauszufordern, nur um zu beweisen, wie gut er war, aber glücklicherweise hatte Garp erneut eingegriffen und sie auf diese andere Mission geschickt, die Dulacre zumindest abgelenkt hatte. Jiroushin gestand, darüber sehr dankbar zu sein. Er zweifelte nicht an dem Können seines Vorgesetzten, aber selbst Dulacre musste einsehen, dass sie nicht wissen konnten, wie stark die Stärksten der Welt sein konnten, und wenn selbst Garp, der Held der Marine, sie davon abbringen wollte… Immer noch sahen sie einander an, aber Jiroushin weigerte sich, die Stille zu durchbrechen. Irgendwann seufzte Garp auf. „Versteh es doch, Junge. Es gibt für dich nur drei Möglichkeiten, das unbeschadet zu überstehen. Entweder schaffst du es, die Bombe zu entschärfen und deinen Vorgesetzten dazu zu bringen, sich endlich an die Spielregeln zu halten, wenn er es hier zu etwas bringen will. Oder aber du hältst den nötigen Sicherheitsabstand, um nicht von den umherfliegenden Trümmern erwischt zu werden.“ „War das alles?“, fragte er dann. „Wie bitte?“ „War dieser Ratschlag alles, was Sie mit mir besprechen wollten? Wenn dem so ist, werde ich mich nun empfehlen. Mein Vorgesetzter wartet.“ Mit harten Bewegungen stand er auf. Doch an der Tür blieb er stehen, als der andere ihn nicht aufhielt. Langsam wandte er sich um und sah den Vizeadmiral an, der ihn weiterhin beobachtete. „Sie sprachen von drei Möglichkeiten?“ Nun grinste Garp. „Das tat ich.“ Dann erhob er sich und ging zu seinem Schreibtisch herüber. „Pass auf dich und diesen Rotzbengel auf, Kommandant Cho. Es stehen unruhige Zeiten bevor und es wäre eine Schande, wenn die Marine zwei so vielversprechende junge Männer wie euch schon so früh verlieren würde.“ Es war eine seltsame Form der Verabschiedung. Garp war bekannt für seine klaren Ansagen, seine direkten Worte, aber Jiroushin verstand den Sinn dieses Gesprächs so überhaupt nicht. Er war es gewohnt, dass man ihn wegen Dulacre anging und ihm riet, sich von ihm zu distanzieren. Aber das schien nicht Garps wirkliches Ziel zu sein, wie dieser ihn nun angrinste und da verstand er und eilte zur Tür hinaus.   „Du bist ohne mich abgereist.“ „Hör auf, dich wie ein eingeschnapptes Kleinkind anzuhören. Ich musste sofort los und du warst noch in deinem Gespräch mit diesem alten Wichtigtuer.“ „Deine Abreise hätte keine zehn Minuten warten können?“ „Ich hätte dich auch dann nicht mitgenommen.“ Also doch. „Das war ein abgekartetes Spiel.“ „Jiroushin, sei nicht so anstrengend. Außerdem hast du noch genug zu tun mit dem ganzen Papierkram und ich will gar nicht wissen, wie viele Briefe du noch schreiben musst.“ Tief holte er Luft. Das stimmte. Er hatte noch einige Briefe, die auf eine Antwort von ihm warteten, aber darum ging es gerade nicht. „Was hast du vor? Warum hast du dich mit Garp verbündet, um mich abzuhalten, mitzukommen?“ „Tze, was redest du für einen Unsinn. Ich hab mich mit niemandem verbündet und ich brauche auch keiner solchen Taktiken. Wenn ich nicht will, dass du mitkommst, befehle ich dir das. Wenn der Alte dich abhalten wollte, mir zu folgen, ist das seine Sache; ich hab mit ihm nichts besprochen.“ „Aber…“ „Nichts aber und es tut nichts zur Sache. Du und die anderen wäret eh nicht mitgekommen. Kong hat nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten verlangt, sondern nur nach mir.“ Tief holte Jiroushin Luft. „Und worum geht es? Du weißt doch auch, dass es gerade jetzt ein paar in der Marine gibt, die es auf dich…“ „Und es ist mir gleich, Jiroushin. Sollen sie mir so viele Fallen stellen, wie sie wollen, dann wird es immerhin nicht langweilig. Aber wir beide wissen, dass der alte Kong viel zu geradlinig ist, als dass er bei solchen Spielchen mitmachen würde. Irgendwelche Schwächlinge sind mit ein paar Zivilisten überfordert und ich soll das ändern.“ „Zivilisten? Wäre es da nicht besser, einen Diplomaten hinzuschicken?“ „Das dachte ich auch. Aber anscheinend haben die Inselbewohner nun eine Piratencrew angeheuert und plötzlich ist das Geheule groß.“ Die Teleschnecke grinste. „Siehst du, es wird wahrscheinlich ziemlich interessant.“ Aber Jiroushin glaubte ihm nicht, glaubte diesem Frieden nicht, während er seine Briefe schrieb und sein mulmiges Gefühl ausdrückte, darüber, dass Dulacre zu dieser seltsamen Mission aufgebrochen war, und er fragte sich, warum ausgerechnet Vizeadmiral Garp ihn da hatte raushalten wollen. Wenige Wochen später sollte er herausfinden, dass sein Bauchgefühl sich bewahrheitet hatte, dass Garp unwissentlich – oder vielleicht auch wissentlich – in seinem Sinne gehandelt hatte. Denn während er auf dem Trainingsplatz die Schwertkunst übte, auf Briefe aus der Heimat wartete, auf einen Anruf aus der Fremde wartete, da kam die Nachricht. Mihawk Dulacre hat die Marine verraten.     ~September, 1500~ Es regnete. Vor wenigen Stunden hatte noch die Sonne auf die unzähligen Menschen auf dem Marktplatz niedergebrannt. Nun regnete es. In einem neuen Zeitalter. Nach der Hinrichtung waren die Massen an Schaulustigen schnell von den Soldaten verdrängt worden, aber erst der Regen hatte die Straßen und Gassen geleert. Als wären sie alle vor ihm geflüchtet. „Was willst du hier?“ Er lehnte gegen irgendeine Häuserwand mit verschränkten Armen. „Wenn ich ganz ehrlich bin, dir eine reinschlagen.“ „Na dann, probiere es, aber denke nicht, dass du mich gefangen nehmen kannst.“ „Wer sagt, dass ich das vorhabe.“ Unbeeindruckt hielt er diesem kalten Blick stand, konnte sehen, wie die grellen Augen ihn musterten, während der Regen das schwarze Haar hinabtropfte. „Was hast du da überhaupt an? Komplett schwarz und dann auch noch dieser Umhang? Schon ne kleine Modesünde.“ „Die passende Kleidung, wenn man in einer Stadt voll Soldaten nicht auffallen will. Ganz anders als du. Ist es dir so egal, wenn man dich sieht? Du weißt, dass ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt wurde?“ Nun grinste Dulacre. „So leicht kommt man heute schon an sein eigenes Kopfgeld? Erbärmlich.“ „Du bist desertiert, Dulacre. Du hast über…“ „Ich bin nicht desertiert, prüf deine Fakten, Jiroushin. Ich habe meinen Auftrag erfolgreich ausgeführt und danach habe ich die Marine verraten und alle getötet.“ „Warum?!“ Nun stand er ebenfalls im Regen, direkt vor dem anderen, mit ausgebreiteten Armen. „Warum hast du das getan? Warum hast du…?“ Sie sahen einander einfach nur an, der Regen prasselte laut auf sie nieder. „Das System ist verdorben“, sprach Dulacre dann, aber alle Häme, alles Überhebliche war fort. Er klang… müde, als hätte er endlich den Beweis für einen Verrat, von dem er schon lange gewusst hatte. „Wenn du gesehen hättest…“ „Aber das habe ich nicht, weil du mich nicht mitgenommen hast.“ „Und das war besser so.“ „War es das? Dulacre, du wirst gesucht wie ein Verbrecher! Du hast… das waren keine Piraten, keine Kriminellen! Du hast ehrbare Leute umgebracht.“ Mit einem Schmunzeln schüttelte Dulacre den Kopf und sah dann zum Wolkenverhangenen Himmel auf. „Ehrbare Leute? Oh, werd‘ erwachsen! Was glaubst du, haben die da gemacht? Glaubst du wirklich, es gab nur die Guten und die Bösen? Waren die Zivilisten dann die Bösen? Weil sie sich gegen die Marine erhoben haben? Weil sie mit Piraten gemeinsame Sache gemacht haben? Oder vielleicht waren es doch die Soldaten, die in ihrer Position zu arrogant wurden? Vielleicht waren ja sogar die Piraten die Guten.“ Er starrte Dulacre an. „Wovon zur Hölle redest du denn?“ Doch Dulacre zuckte nur die Schultern und schritt an ihm vorbei. „Davon, dass es die absolute Gerechtigkeit nicht gibt, und wenn doch, dann nicht in den Strukturen der Marine. Deshalb bin ich gegangen. Deshalb habe ich mich gegen diese Soldaten gewandt, die im Namen der absoluten Gerechtigkeit doch nichts Besseres waren als die Verbrecher, die wir jagen sollen.“ Er blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Hasst du mich jetzt? Da ich das verraten habe, wofür du stehst? Oder weil ich dich zurückgelassen habe?“ Was sollte er darauf antworten? Was konnte er schon antworten? Vor wenigen Stunden hatte die Hinrichtung von Gol D. Roger ein neues Zeitalter eingeläutet, indem ein Mensch gestorben war, gleichzeitig schien seine eigene Welt gerade zu zerbrechen. Er würde nicht behaupten, dass seine Kindheit perfekt gewesen war, aber er war schon recht behütet aufgewachsen, Kind von strengen, aber wohlhabenden Eltern. Es stimmte auch, dass die Marine ein Kulturschock gewesen war, so viel Armut, so viel Leid, was er auf seinen Reisen gesehen hatte, so viele tote Menschen und so viele… die er hatte töten müssen. Aber er hatte immer gedacht, im gerechten Sinne zu handeln, das Leid auf sich zu nehmen, um etwas Gutes erschaffen zu können. Einem Freund helfen zu können, auf ihn aufpassen zu können, so wie dieser jahrelang auf ihn aufgepasst hatte. Dulacre war kein einfacher Mensch und sein Verhalten war manchmal alles andere als moralisch, aber das hier… Er sah seinen besten Freund an, der jetzt unzählige gute Menschen umgebracht hatte, ein Monster geworden war. Genau ein solches Monster geworden war, wie die, die Jiroushin geschworen hatte, zu jagen, und er fragte sich nur noch eines. Wieso war er hier? Dabei wusste er die Antwort. „Es tut mir leid, Jiroushin. Ich habe kein Interesse daran, gegen dich zu kämpfen, also bitte versuche nicht, mich festzunehmen. Das wird dir nicht gelingen.“ „Ich habe nicht vor, dich festzunehmen.“ Oh, da war es ihm doch tatsächlich mal gelungen, Dulacre zu überraschen, der ihn nun mit großen Augen ansah, dann seine Kleidung erneut musterte. Jiroushin hatte das weiße Hemd und die blaue Hose der Marineuniform gegen unscheinbare schwarze Kleidung mit einem ebenso schwarzen Umhang mit Kapuze eingetauscht. „Nein, du hast doch nicht…?“ „Keine Sorge, ich bin nicht desertiert, ich habe auch niemanden umgebracht, um hier zu sein. Ich… bin einfach gegangen; hättest du auch tun können.“ „Jiroushin, du kannst doch nicht einfach…“ „Gehen? So wie du? Doch natürlich, genau das habe ich ge-“ „Jiroushin!“ Dulacre hatte ihn an den Oberarmen gepackt. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?!“ „Das könnte ich dich fragen? Was zur Hölle ist in dich gefahren? Hattest du das geplant? Und dann ohne mir Bescheid zu geben? Kein Wunder, dass Garp so einen Mist er…“ „Ich hatte nichts geplant!“ Er glaubte ihm, sofort, ohne Frage. „Und ich… ich konnte nicht bleiben. Aber du… du hättest bleiben müssen. Verdammte Scheiße, Jiroushin! Was tust du denn hier? Du hast es doch geschafft! Kommandant, alle sagen dir eine gute Zukunft voraus. Deine Eltern sind stolz auf dich und geben dir endlich die Anerkennung, die du verdienst. Du hast dieses Mädchen, die dir abertausende Briefe schreibt. Kehr um! Geh nach Hause! Entschuldige dich für dein Fernbleiben. Mein Vater wird es schon richten, dass dir daraus niemand ein Strick dreht – ich meine, ich hab so viel mehr Scheiße gebaut, was sind da ein paar unentschuldigte Fehltage – und wenn du…“ „Glaubst du wirklich, ich würde zurückgehen?“ Immer noch hielt Dulacre ihn fest, aber mittlerweile tat es nicht mehr weh, als er seinen Griff lockerte. „Du haust ab und verschwindest? Was hast du bitte vor? Hast du überhaupt etwas vor? Hast du überhaupt einen Plan? Nein?! Dachte ich mir! Also nein, ich lass dich nicht im Stich, ich lass dich nicht einfach abhauen und ich lass nicht zu, dass wir uns eines Tages gegenüber stehen und… Feinde sind.“ Dulacre hatte ihn losgelassen. „Was ist mit deinen Eltern?“ „Denen konnte ich doch eh nie gerecht werden und Vater war noch nicht einmal begeistert davon, dass ich der Marine beitrat.“ „Und was ist mit deinem Job?“ „Was soll damit sein? Im schlimmsten Fall werfen sie mich raus, dann war es das halt. Aber ich hab nichts Verbotenes getan, also können sie mir nicht wirklich was.“ Sie sahen einander an. „Was ist mit ihr?“ Jiroushin lächelte. „Sie hat mir einen Antrag gemacht.“ „Wa… was?“ Dulacre blinzelte mehrmals. „Sie sagt, ich soll gut auf mich aufpassen, und auf dich.“ „Sie… sie lässt dich gehen?“ „Lirin ist eine tolle Frau. Ich glaube, ich liebe sie wirklich.“ „Dennoch willst du sie jetzt verlassen und mir ins Nirgendwo folgen?“ „Ich verlasse sie nicht, sie ist immer bei mir.“ Er klopfte auf seine Brusttasche, in der er ihre Briefe verwahrt hatte. „Und wir gehen nicht ins Nirgendwo. Wir gehen in die große weite Welt. So wie…“ Er zögerte. „So wie Sharak es sich immer gewünscht hat.“ Und für einen Moment war er da, im Regen, für einen Moment war es Hawky, sein bester Freund aus Kindertagen, als seine Schwester noch gelebt hatte. Das Lächeln, das Strahlen, die Neugierde. „Bist du dir sicher?“ „Du kennst mich doch. Ich hab Schiss, aber das heißt nicht, dass es mich aufhalten wird. Ich folge dir überall hin, ins Büro des Rektors, auf fremde Schiffe, in die Marine, na dann, jetzt halt ans Ende der Welt.“ Dulacre grinste und hielt ihm eine Hand hin. „Na dann, bis ans Ende der Welt, Jirou.“ Jiroushin grinste ebenfalls. „Bis ans Ende der Welt, Hawky.“ Kapitel 2: Kapitel 2 – Der Zweite, der der Letzte war ----------------------------------------------------- Kapitel 2 – Der Zweite, der der Letzte war   „Das ist alles deine Schuld! Ich hab dir gesagt, dass es gefährlich ist, aber du wolltest ja nicht hören und musstest dich einmischen. Bleib zurück, hab ich dir gesagt. Lass mich das händeln, hab ich dir gesagt. So wie in der Marine, hab ich dir gesagt, aber Nein, du musstest ja…“ „Könntest du aufhören…, mich so anzuschnauzen, während ich… versuche, zu überleben.“ „Hör mit dieser Theatralik auf. Du stirbst mir nicht. Das verbiete ich dir!“ „Ahaha,… schön, dass wir das… geklärt hätten“, lachte Jiroushin unter großen Schmerzen, während Dulacre ihn fast schon an Land trug. Das kleine Schiff, welches sie in Logue Town gekauft hatten, würde diesen Strand so schnell nicht mehr verlassen, der Rumpf vollgelaufen mit Wasser. „Wo sind wir… hier?“, murmelte er und beobachtete die dunklen Bäume, die vor seinen Augen leicht verschwammen. „Keine Ahnung. Hier in diesem Teil des Calm Belts dürfte eigentlich keine Insel sein; zumindest ist keine eingezeichnet in allen Karten, die ich kenne. Aber es kommt uns nur Recht, die Nussschale hätte es keine Meile mehr gemacht.“ Für einen Moment schwieg Dulacre und nur Jiroushins eigener lauter Atem war zu hören. „Was auch immer. Ich muss dich irgendwohin bringen, wo ich dich versorgen kann. Ein Unwetter zieht auf – im verdammten Calm Belt zieh ein verdammtes Unwetter auf – wir sollten hier nicht auf offener Fläche bleiben.“ Im nächsten Moment hob Dulacre ihn schlicht hoch und Jiroushin wehrte sich nicht. Der Seekönig hatte ihn nur gestreift, dennoch war sein Oberschenkel gebrochen und der Knochen lugte unschön durch ein Loch in seiner Hose. Schmerzhafter waren jedoch die gebrochenen Rippen und er hoffte sehr, dass es nur das war, sonst würde dieses Abenteuer schon sehr früh ein Ende finden. „Die Route durch den Calm Belt war… eine Scheißidee“, fluchte er leise, während Dulacre ihn in den Wald mit den riesigen Bäumen trug. Wie wahrscheinlich war es, dass eine unbekannte Insel im Calm Belt bewohnt war? Wie wahrscheinlich war es, dass etwaige Urvölker ihnen helfen würden? Helfen konnten? Gott, in was hatte er sich da reingeritten. „Ich hab dir gesagt, dass ich so schnell wie möglich nach Water Seven will.“ „Wir hätten den… Rivers Mountain nehmen können“, widersprach er ächzend. „Von den Polaris-Inseln war es nur… ein Katzensprung… bis dahin.“ „Du meinst mit all diesen Möchtegernpiraten, die sich jetzt auf die Suche nach dem One Piece machen? Tze, mach dich doch nicht lächerlich, was meinst du, was all diese Schlachten uns an unnötiger Zeit kosten würden?“ Augenrollend sah er zu Dulacre auf. „Ach? Und das hier…?“ Dulacre schnaubte auf, widersprach aber nicht. „Das war fahrlässig und du weißt das… Wir beide wussten es. Mit nur zwei Mann können wir… kein großes Schiff navi…gieren, aber der Calm Belt… ist für solche Boote einfach… zu gefährlich… und mit ein paar… Piraten wärest du schon klargekommen.“ „Ich hasse es, wenn du immer meinst, mich belehren zu müssen.“ „Du meinst, wenn ich… Recht habe und du Unrecht?“ „Ach, halt doch die Klappe.“ Zwischen den Bäumen fielen einzelne Tropfen auf sie nieder. „Kannst du irgendwen… wahrnehmen?“, fragte er und schloss die Augen. Ihm war schwummrig. Ganz blöde Idee war das alles gewesen. „Nur die Tiere. Sie beobachten uns.“ „Sind sie… gefährlich?“ „Nein, sie stellen keine Gegner dar. Aber sie sind recht groß, als wäre das hier eine Rieseninsel. Gefällt mir ganz und gar nicht. Auch nicht, wie sie uns beobachten. Als würden sie… abwarten.“ „Na, dann mach bitte nichts…, weshalb sie auf uns wütend… werden könnten. Nach eben brauch ich… nicht noch einen Tollwutangriff.“ „Tze. Halt den Mund und spar deine Kräfte. Da vorne ist eine Höhle, da sollten wir Unterschlupf suchen; der Regen wird immer schlimmer.“ Das bedeutete wahrscheinlich, dass es keine Menschen auf dieser Insel gab, sonst hätte Dulacre sie längst gespürt. Tja, sein verdammtes Glück. Er traute Dulacre durchaus vieles zu, aber er war nunmal kein ausgebildeter Arzt und zumindest der Oberschenkelbruch war schon… blöd. Tja, sein verdammtes Glück… Kurz sah er zu Dulacre auf, doch mit jedem Schritt in die Höhle hinein wurde es dunkler. Er wusste, dass dies Dulacre nicht störte, also schloss er die Augen und vertraute sich seinem besten Freund an. „Es ist seltsam.“ Dulacre klang angespannt, noch angespannter als eh schon. „Hmm?“ „Da ist ein altes Tor… oh ich hab eine ungute Vorahnung.“ Wieder sah er auf, aber es war stockduster, einzig und allein Dulacres Augen glimmten leicht in der Dunkelheit. „Sind wir in Gefahr?“ „Mach dich nicht lächerlich! Ich bin die einzige Gefahr, die es hier gibt.“ „Nicht, was ich meinte, du Dramatiker.“ Dulacre war stehen geblieben. „Das hier… ist keine normale Höhle. Ich glaube, das hier war mal eine Marine Basis.“ „Was?“ Er wollte sich aufrichten, aber Dulacre hielt ihn fest im Griff. Er sah sich um, aber konnte nichts viel mehr außer vage Umrisse erkennen. „Natürlich“, murmelte Dulacre und ging weiter. „Die verbotene Forschungseinheit.“ „Die was? Wovon redest du?“ „Ach, mein Vater hat es mir mal erzählt. Von einer Forschungseinheit im Calm Belt, nahe des Rivers Mountain. Ich weiß nicht mehr genau, was das Problem war, aber irgendwelche Forscher der Weltregierung haben irgendwelche offiziellen Gelder abgezwackt, um fragwürdige Experimente durchzuführen. Vor mehr als hundert Jahren ist das dann aufgeflogen und es gab einen Aufstand oder so. Die meisten Forscher und Angestellten wurden getötet. Ein paar Testobjekte sind wohl geflohen und wurden von der herbeieilenden Marine… getötet.“ „Wäre schon ein arger Zufall…, wenn wir ausgerechnet auf so einer Insel landen.“ Sein vermaledeites Glück wieder mal. „Weißt du… worum es bei der Forschung ging?“ Ein Lichtschimmer erfüllte langsam sein Blickfeld. „Um… um Riesen.“ „Wow.“ Sie hatten eine Grotte erreicht, eine hell erleuchtete Grotte und riesig, es war fast, als wären sie wieder im Wald, auf einer Lichtung. Die Decke bestand aus einem Gewölbe, wie aus Milchglas, auf das der Regen prasselte. Man konnte nichts vom Himmel erkennen, aber dennoch fiel das Licht hindurch. Dort, wo das Gewölbe in Stein überging, hingen glimmende Steine, wahrscheinlich aus irgendeinem phosphoreszierenden Material. Dadurch war es selbst jetzt während des Unwetters hell erleuchtet und zeigte die Bäume am Rand der Grotte. „Aber was…?“ „Ich hatte also Recht. Die Überbleibsel jener Forschungseinrichtung.“ Zwischen den Bäumen waren die Relikte zu sehen, halb zerfallene Bauteile, von Pflanzen überwucherte Maschinen und… ein Friedhof. Aber das war nicht, worauf Jiroushin achtete. Überall dazwischen lagen und standen sie, manche beobachteten sie, die meisten ignorierten sie. Tiere, große Tiere, zwei Hasen, die Jiroushin bis zur Hüfte gehen würden, hoppelten auf einem bewirtschafteten Acker herum. Ein Vogel, so groß wie ein Kleinkind, hüpfte auf einer Staude hin und her. An einem Wasserbecken stand eine Rehkuh so groß wie das Boot, welches sie eben erst hinter sich gelassen hatte. Die Tiere waren beeindruckend, allerdings beherbergte diese Welt viele große Tierarten. Viel auffälliger aber waren das saubere Wasserbecken, die gepflegten Stauden, das bepflanzte Feld. Dann spürte er, wie Dulacre ihn leicht anhob. „Wir sind nicht allein“, murmelte er und ging augenblicklich etwas mehr in Kampfhaltung. Noch bevor Jiroushin fragen konnte, hörte er Schritte und eine sanfte Stimme: „Nanana, mir machst du nichts vor. Ich weiß, dass es dir nicht so schlimm geht, wie du tust. Die Wunde ist so gut wie verheilt.“ Zwischen den Bäumen kam ein Mann herbei, er trug einen Reiher, der sich dramatisch über die breiten Arme fläzte, als läge er im Sterben. Aber wie alles, war auch der Mann groß, gute vier oder fünf Meter musste er groß sein. „Ein Schwindelreiher“, murmelte Jiroushin, „und ein… Riese?“ „Dann ist er aber ein sehr kleiner“, entgegnete Dulacre mit argwöhnischem Unterton. „Es gibt Menschen, die größer als er sind. Aber du hast Recht, sein stämmiger Körperbau ist einem typischen Riesen nicht unähnlich.“ Der Mann mit Vollbart und rötlichen Locken hatte sie noch nicht bemerkt, als er zu dem Reiher in seinem Arm sprach und ihn mit einer Hand leicht tätschelte. Er trug weiße Klamotten, ähnlich der Ausstattung von Pflegepersonal, sodass der Reiher beinahe unsichtbar wirkte. „Nicht“, flüsterte Jiroushin dann, als er merkte, dass Dulacre zum Angriff ansetzten wollte, „lass uns erstmal… mit ihm reden.“ Dulacre knurrte leise auf. „Du immer mit deinem Reden.“ In diesem Moment bemerkte der Mann sie, erst sah er sie einfach nur an, dann weiteten sich seine Augen und er öffnete den Mund. „OH!“, machte er und die Überraschung verwandelte sich in ein unglaublich breites Lächeln. „MENSCHEN!“ Ein Beben glitt durch Dulacres Körper, aber er griff nicht an, als der Mann auf sie zugeeilt kam, der Reiher in seinen Armen wedelte hin und her und klackerte aufgebracht mit seinem Schnabel. Einige Meter vor ihnen blieb der Mann stehen, schien am ganzen Körper zu zittern, wie er zu ihnen herabstarrte. „Menschen“, sagte er nochmal, doch ganz plötzlich änderte sich sein Blick, rutschten seine Mundwinkel hinab, als er Jiroushin ansah. „Du bist verletzt. Dein Bein, es ist gebrochen.“ „Stimmt“, entgegnete er mit einem leichten Schmunzeln, „war nicht ganz so aufmerksam, wie ich hätte sein sollen.“ „Ich kann helfen“, sagte der Mann sofort. „Keinen Schritt näher!“, knurrte Dulacre und der Mann gehorchte. „Oder ich bringe dich um.“ „Ich kann helfen“, wiederholte der Mann schlicht. „Dulacre, sieh dir den Reiher an.“ Er nickte zu dem Mann herüber. Der Reiher hatte eines seiner Beine theatralisch an die Schulte des Mannes gelehnt, ein weißer Verband schimmerte, ganz feinsäuberlich angelegt. „Na und? Soll ich einem Fremden trauen, nur weil der irgendein Mistvieh versorgt?“ „Wie heißt du?“, fragte Jiroushin und ignorierte Dulacre, der darüber laut aufschnaubte. „Makoto“, antwortete der Fremde direkt. „Und bist du alleine hier?“ „Was? Oh nein, oh nein“, lachte der Fremde. „Ich hab doch ganz viele Freunde hier. Da drüben sind Nala, Sumu und Pepe. Und das hier ist Sir Pendragon. Wusstet ihr, dass Schwindelreiher in der Wildnis meist so um die 25 bis 30 Jahre alt werden können, aber wenn man sie artgerecht hält, werden sie auch schon mal gerne über 50.“ Er ist alleine. „Dulacre, lass mich runter.“ „Bist du des Wahnsinns?! Nur weil dieser Kerl…“ „Vertrau mir.“ „Ah… tze!“ Aber er half Jiroushin auf den Boden, wo er sich hinhockte. Sein verletztes Bein pochte schmerzhaft. Ihm tat eigentlich alles weh, aber er musste bei klarem Verstand bleiben. „Makoto, ich bin Jiroushin. Freut mich…, dich kennenzulernen. Und dieser unfreundliche Zeitgen…“ „Mein Name tut nichts zur Sache.“ „Ernsthaft? Na gut, das hier… ist ein Freund von mir.“ „Hallo Jiroushin und Jiroushins Freund“, grüßte Makoto sie und strahlte. „Ich will echt nicht… unhöflich sein. Wir platzen einfach bei dir… rein. Aber… wenn du helfen kannst…“ Er deutete auf sein kaputtes Bein hinab. „Aber gerne! Eine Sekunde noch, ich bringe Sir Pendragon gerade noch weg, dann komme ich sofort.“ Und schon eilte er davon. „Jiroushin, was wird das?“, murrte Dulacre, während er dem Fremden hinterhersah. „Naja, ich bin praktikabel. Hast du den Verband… gesehen. Ich glaube, der kann mir besser helfen als du; außerdem hat er Verbandszeugs.“ „Er ist irgendein Fremder, der in einer verlassenen Forschungsbasis mit riesigen Tieren haust. Ich traue ihm nicht.“ „Das verlange ich auch nicht. Aber...“ – er zuckte mit den Schultern – „… in unserer jetzigen Situation sollten wir nicht… wählerisch sein, und ich hab… echt keinen Bock, dass sich die Wunde entzündet.“ „Hmpf!“ Da bebte der Boden schon wieder leicht, als der Fremde auf sie zugerannt kam. Wenige Schritte vor ihnen wurde er langsamer, strahlte sie regelrecht an. „Darf ich mir deine Wunde ansehen, Jiroushin?“ Wow, ist der höflich. „Ja gerne, ich bitte drum.“ Er merkte, wie Dulacre direkt neben ihn schritt, sein Bein an Jiroushins Schulter. „Und bitte beachte meinen Freund nicht. Er ist immer etwas… misstrauisch.“ „Ach, das ist schon okay. Achtung, das könnte etwas wehtun.“ Er hielt still, während der kleine Riese mit überraschend feinfühliger Präzession ihn untersuchte. „Gut“, murmelte er nach einer Weile, „es ist ein glatter Bruch, den ich gut richten kann. Das wenige Blut zeigt, dass wahrscheinlich keine wichtigen Adern verletzt wurden, das Bein ist auch nicht ungewöhnlich warm aber auch nicht kühl. Sehr gut. Ich muss mir deinen Brustkorb nochmal etwas genauer angucken, um zu überprüfen, ob keine Organe geschädigt sind. Darf ich dich hochheben?“ „Ja, na-“ „Was?!“ Dulacre hatte Jiroushins Schulter gepackt, stierte den Fremden nieder. „Was hast du vor?“ Makoto sah ihn mit großen Augen an. Jiroushin konnte sich nicht erinnern, einen erwachsenen Mann je mit solch ungetrübter kindlicher Naivität dreinblicken zu sehen. Als würde er die Drohung in Dulacres Stimme nicht mal wahrnehmen. „Ich hab hier nicht alles, was ich für die Versorgung brauche. Drüben beim Lazarett kann ich Jiroushin besser behandeln.“ „Dann lass uns dahin“, entschied Jiroushin und sah dann zu Dulacre auf. Dieser schnaubte nur auf und zuckte dann mit den Schultern. „Aber ich werde dich tragen.“ Wenige Minuten später schritten sie durch den Wald im Inneren der Höhle. „Wie können hier überhaupt Pflanzen wachsen, wenn es hier nicht regnet?“, murmelte Jiroushin und sah sich aufmerksam um. „Oh, von draußen gib es mehrere Wasserläufe, die durch die Höhle führen, und die benutze ich unter anderem, um die Felder und die Bäume zu bewirtschaften. Es gibt sogar einen kleinen Teich“, erklärte Makoto, der vorweg ging und ihn problemlos gehört hatte. „So, da wären wir.“ Dieser Teil der Einrichtung schien noch fast unbeschadet. Mehrere zellenartige Räume, doch die vordere Wand war zum Großteil eingestürzt, sodass man alle Räume einsehen konnte. Sie waren mit Matratzen, Tüchern, trockenem Gras und anderen Dingen ausgelegt, teils zu Nestern ausgebaut, teils zu kleinen Höhlen. Die meisten waren leer, in einer lag ein überraschendnormalgroßes Wildschwein, in dem Raum daneben der Schwindelreiher von vorher. „Hierhin, die Liege sollte passen.“ Der Fremde winkte sie in einen Nebenraum, dessen fordere Wand ebenfalls eingefallen war, sodass man die Höhle gut im Blick hatte. Es war ein Behandlungsraum, sowohl früher gewesen als auch jetzt noch. Die Liege etwas größer als eine gewöhnliche, als wäre sie für große Menschen gedacht, aber gewiss nicht für Riesen. „Behandelst du alle Tiere hier?“, fragte Jiroushin, während Dulacre ihn rücksichtsvoll auf die Liege legte, aber selbst das tat weh. „Nur die Kleineren. Für die Größeren nehme ich den anderen Raum mit der großen Liege“, erklärte Makoto und deutete auf einen Türrahmen; eine Tür gab es nicht mehr. Während der Fremde um sie herumwuselte und Sachen bereitlegte, bemerkte Jiroushin, wie Dulacre ihre Umgebung begutachtete. Dann begegnete er Jiroushins Blick und auf ein gleichzeitiges Nicken hin, drückte Dulacre kurz seine Schulter und ging dann. „Oh, wo geht denn dein Freund hin?“, fragte Makoto, als er aufschaute, wieder mit dieser fast schon kindlichen Stimme. „Ach, er will sich nur etwas umschauen. Er… er mag es nicht, untätig abzuwarten.“ „Ach so.“ Der Fremde schien wirklich etwas leichtgläubig, aber Jiroushin konnte bei ihm nicht einen Hauch von Argwohn wahrnehmen und er wusste, dass Dulacre ähnliches festgestellt haben musste, sonst wäre er nie von Jiroushins Seite gewichen. „Gut, dann muss ich jetzt erstmal deinen Brustkorb überprüfen. Lehn dich bitte etwas vor, damit ich deine Lunge abhören kann.“ Jirouchin gehorchte, so wie auch den folgenden Anweisungen. In Stille ließ er den Fremden alles Mögliche an Untersuchungen vornehmen, von üblichen, ihm bekannten Methoden, bis hin zu sehr seltsamen Dingen, von denen Jiroushin nicht wusste, was sie bringen sollten. Aber der Fremde schien sehr zufrieden. „Du hast viel Glück gehabt“, erklärte er schließlich, als er seine Hände erneut wusch. „Bis auf die drei gebrochenen Rippen und eindeutig die Prellung selbst, hast du keine weiteren – schlimmen – Verletzungen. Wobei ich gerne die Schürfung desinfizieren würde, damit die sich nicht entzündet.“ Überrascht sah er den Fremden an. „Du… du kannst innere Verletzungen ausschließen?“ Wie sollte er das getan haben? Schließlich konnte er Jiroushin nicht röntgen. „Mhm? Ja klar.“ „Aber warum kann ich dann so schlecht atmen?“ „Ach so. Das liegt an der Schwellung durch die Prellung. Dein linker Lungenflügel kann sich nicht richtig ausbreiten und dein Diaphragma ist ebenfalls betroffen. Die Prellung ist relativ schwerwiegend, es kann also schon Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern, bis du davon gar nichts mehr merkst. Aber es wird verheilen.“ Er sah den anderen einfach nur an. „Du bist Arzt?“ Es war eigentlich keine Frage. „Was macht ein Arzt hier alleine in einer ehemaligen Forschungsbasis?“ Kurz sah Makoto auf. „Ich wohne hier.“ Dann beugte er sich wieder über seine Utensilien. „Makoto… bist du ein Riese?“ Es war eine direkte Frage, vielleicht auch unhöflich, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass dieser Mann das Konzept von unhöflich sein nicht mal verstehen würde. „Oh, also… so halb denke ich.“ „So halb?“ „Ich hab sowohl Menschen- als auch Riesenblut in mir“, erklärte der andere. „Wie alle, die hier… gelebt haben… Also, außer die Ärzte und das Personal natürlich“, endete er mit seinem sanften Lächeln. „Die waren auch so klein wie ihr, Menschen.“ „Ach so“, entgegnete Jiroushin nur und versuchte, die Puzzleteile zusammenzufügen. „Achtung, ich werde jetzt deinen Knochen richten müssen. Das wird sehr schmerzhaft werden. Du musst dich dabei entspannen, sonst könnte ich dich noch mehr verletzen. Am besten lehnst du dich einfach zurück und guckst nicht hin.“ „Mhm“, machte Jiroushin und tat, wie ihm geheißen. Als er da so lag, versuchte er, Dulacre auszumachen, konnte ihn jedoch zwischen den Bäumen, den Tieren und dem Geröll nicht finden. „Sag mal, was ist hier paAUUuh! Uh! Hah! GOTT!“ Danach fluchte er noch ein paar Sekunden länger. „Tut mir leid. Du hast das Schlimmste geschafft. Ich guck mir jetzt noch die Wunde an, aber du scheinst echt viel Glück gehabt zu haben. Normalerweise sind solche Verletzung deutlich problematischer.“ Tief atmete Jiroushin ein. „Bitte, entschuldige dich nicht dafür, dass du mir hilfst. Viel mehr möchte ich mich bei dir bedanken.“ Warm lächelnd sah Makoto ihn an. „Ich bin sehr froh, dass ich dir helfen kann.“ Dann arbeitete er weiter. „Makoto“, versuchte Jiroushin erneut. „Was ist hier passiert? Wo sind die anderen Bewohner?“ Kurz verharrte der andere in seiner Bewegung, dann seufzte er leise. „Sie sind leider gestorben. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, ich war noch zu klein, aber die Ärzte und alle anderen Menschen sind gestorben und… und die Erwachsenen wollten Hilfe holen, aber sie kamen nicht wieder. Ich blieb mit den Älteren zurück und mit der Zeit starben sie. So wie alle Lebewesen irgendwann sterben.“ Sein Bein tat nicht mehr weh. Seine Rippen auch nicht mehr. Für einen Moment waren all seine Schmerzen weg, wie Nichtigkeiten. „Und seitdem bist du alleine?“ „Ich bin nicht alleine. Ich hab doch die Tiere.“ … „Und du kümmerst dich um sie? Und du bist derjenige, der die Felder am Eingang der Höhle bewirtschaftet?“ „Ja, so wie es mir die anderen gezeigt haben und ich es aus den Büchern gelernt habe. Aber ich war leider nie besonders gut im Gärtnern. Zum Glück sind es sehr pflegeleichte Pflanzen, sonst wäre es mir wohl nicht gelungen. Ah guck mal, da vorne kommt dein Freund zurück.“ Dulacre tauchte zwischen den Bäumen auf, nichts verriet, was er wohl dachte, außer dass er wie immer schlecht gelaunt schien. „Wie geht es dir?“, fragte er, als er nahegenug war. „Ganz gut, Makoto sei Dank. Er ist ein Arzt, und hervorragend in seinem Job.“ „Ach, du übertreibst“, bemerkte Makoto mit seinem warmen Lächeln. „Ich geh gerade eine Schiene für dich holen und anpassen. Wartet hier. Das wird einen Moment dauern.“ Sie warteten, bis er außer Hörweite war. „Was hast du herausgefunden?“ „Du hattest Recht mit der Forschungseinrichtung. Er war noch ein Kind während des Aufstands und kann sich an nichts erinnern, aber es scheint, dass alle tot sind und er seitdem hier alleine lebt, vielleicht sogar schon seit Jahren. Und was hast du herausgefunden?“ Dulacre sah ihn nicht an, sondern hielt den Türrahmen im Auge, durch den Makoto verschwunden war. „Ich war beim Friedhof, jedes Grab hatte einen Grabstein mit eingemeißelten Namen und Sterbedatum. Dort gab es auch ein paar Dutzend Gräber für Menschen. Sie alle starben vor einem knappen Jahrhundert im selben Jahr.“ Jiroushin nickte, das war wenig überraschend. „Ansonsten gab es auch mehrere Dutzend Gräber für… seine Leute, die Testobjekte. Bei den meisten stand auch ein Geburtsdatum dabei. Die meisten von ihnen waren alle so um die 200 bis 250 Jahre alt, als sie starben.“ „Die Greise, die ihn aufzogen.“ „Das jüngste Todesjahr, das ich finden konnte, war von 1437.“ Sie sahen einander an. „Das war vor über 63 Jahren.“ „Tze, meinst du, ich kann nicht selbst rechnen.“ „Du bist ein Arsch.“ „Und du bist zu emotional.“ „Dulacre, wi…“ „Nein.“ „Hör mir doch zu, wir…“ „Nein!“ „HawkAu! Ah, Scheiße!“ „Selbst Schuld, wenn du dich so aufregst.“ „Hawky!“ „Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn du mich so nennst.“ „Lügner, aber darum geht es gerade nicht. Hawky…“ „Nein.“ „… wir müssen ihn mitnehmen.“ „Nein.“ „Hawky!“ „Nein.“ „So funktioniert keine Diskussion!“ „Es gibt auch keine Diskussion. Hörst du dir überhaupt zu? Denk doch mal nach. Wir werden gerade von der Marine gejagt, du bist verletzt, wir sind auf irgendeiner Insel gestrandet mit einem nicht seetüchtigen Boot, das geradeso groß genug ist für zwei – normalgebaute – Menschen, und jetzt willst du einen Riesen mitnehmen?“ „Er ist nur ein halber Riese.“ „… Ernsthaft? Das ist dein Argument?“ Jiroushin schnaubte auf. „Hawky, mein Argument ist, dass er für… für 63 Jahre alleine auf dieser Insel gehaust hat. Das heißt, all die Zeit ist hier nicht ein Schiff an Land gekommen. Wenn wir ihn nicht mitnehmen, wer weiß, ob jemals wieder jemand hierhin kommt. Er wird alleine sterben.“ „Na und? Nicht mein Problem. Aber er wäre unser Problem, ist dir das bewusst?“ „Wie meinst du das?“ Dulacre rollte mit den Augen. „Jiroushin, denk doch mal mit. Er war Testobjekt einer geheimen Forschungsbasis.“ „Er war noch ein Kind, er kann sich kaum an etwas von damals erinnern.“ „Weißt du das sicher? Wer weiß, was ihm diese Greise alles erzählt haben. Außerdem scheint zumindest ein Teil der Aufzeichnungen noch erhalten zu sein. Ich hab sie eben gefunden. Denkst du nicht, dass jemand, der hier 63 Jahre alleine gehaust hat und sich anscheinend hervorragendes medizinisches Wissen angeeignet hat, diese Zeit vielleicht nicht auch genutzt hat, um alles hier zu lesen, was ihm in die Finger gelangt ist?“ Das war ein starkes Argument. „Die Marine hat uns bis in diese Gewässer hier verfolgt. Wenn man uns später mit einem Halbriesen sieht, was meinst du, wie lange jemand braucht, um auf die falschen Gedanken zu kommen? Man könnte die halbe Cipher Pol auf uns schicken.“ „Und seit wann schreckt dich sowas ab?“ Auch das war ein starkes Argument. Denn Dulacre war nun mal ziemlich arrogant. „Du willst ein Boot bauen, dass den Calm Belt übersteht und einen Halbriesen befördern kann?“ „Naja, wenn wir ehrlich sind… du wirst es bauen müssen. So werde ich nicht viel helfen können.“ Dulacre schnaubte auf. „Komm schon, ich weiß, du hast mitbekommen, wie er mich… versorgt hat. Er ist genial! Er ist mit Sicherheit besser ausgebildet als die meisten Ärzte der Marine. Du willst die ganze Welt bereisen, wäre es dann nicht klug, so jemanden mitzunehmen?“ Ein nicht ganz so starkes Argument wie Dulacres Stolz, aber wenn Jiroushin sein Bein betrachtete… auch nicht das schlechteste. „Das ist Wahnsinn, Jiroushin. Wahrscheinlich wird er nicht mal weg wollen. Das hier ist sein Zuhause.“ „Oh, doch.“ Sie sahen einander an. „Glaub mir. Hast du nicht seinen Blick bemerkt, als er uns gesehen hat?“ „Ich traue ihm nicht.“ „Hast du irgendetwas Feindliches von ihm wahrgenommen? Dachte ich mir.“ „Jiroushin, du… da kommt er wieder.“ Im nächsten Moment kam Makoto zurück. „Tut mir leid, hat etwas länger gedauert. Ich wusste nicht mehr, wo die Schienen für Menschen sind, und musste etwas suchen.“ Er beugte sich über Jiroushins Bein. Dafür, dass seine Hände größer als Jiroushins Kopf waren, war er unglaublich präzise in seinen Bewegungen. „Besser wäre natürlich, wenn man den Bruch mit Schrauben fixieren würde. Aber ich hab nicht die notwendigen Gerätschaften für eine solche Operation hier. Also wird es so gehen müssen. Du wirst das Bein aber für mehrere Wochen ruhig halten müssen und nur ganz langsam mit der Belastung wieder anfangen.“ „Danke dir. Das ist auch kein Problem. Unser Schiff ist leider nicht seetüchtig derzeit und ich denke, es wird einige Tage dauern, bis wir es reparieren können.“ „Oh, natürlich.“ Mehr brauchte er nicht, als er Dulacre einfach nur ansah. „Tze, das ist so ein Schwachsinn“, knurrte dieser und wandte sich ab, „tu, was du nicht lassen kannst.“ „Hm?“ Offensichtlich verwirrt sah Makoto auf. „Danke dir, Hawky.“ „Oh, ist das dein Name, Jiroushins Freund?“ „Nein“, entgegnete ebendieser. „Ich heiße Mihawk Dulacre. Aber meinetwegen darfst du mich bei meinem Vornamen nennen, Dulacre.“ Der kleine Riese strahlte übers ganze Gesicht. „Makoto“, sprach Jiroushin sachte und legt eine Hand auf die des kleinen Riesens, „ich möchte dich etwas fragen.“ „Ja?“ „Weißt du, sobald unser Schiff wieder repariert ist und es mir besser geht, werden Dulacre und ich weiterreisen, und ich… wir wollten dich fragen, willst du uns begleiten?“ Mit großen Augen sah Makoto erst ihn, dann Dulacre an. „Wie bitte?“, flüsterte er. „Ob du diese Insel verlassen willst, haben wir gefragt“, sprach Dulacre nun mürrisch. „Aber… aber was ist mit den Tieren? Und ich war mein ganzes Leben hier in dieser Höhle, ich weiß nicht... Sie sagten, draußen sei es gefährlich.“ „Aber Dulacre ist stark. Nur dank ihm lebe ich noch, er wird uns beschützen.“ Jiroushin lächelte. „Wirklich?“, fragte Makoto dann Dulacre, der ihn herablassend anstarrte. „Stelle meine Fähigkeiten nicht in Frage, hörst du. Ich gehöre zu den mächtigsten Menschen der Welt.“ Das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber tatsächlich nur vielleicht. „Ich mach dir einen Vorschlag“, sagte Jiroushin. „Komm mit uns nach draußen und lass dir Zeit mit der Entscheidung, bis wir aufbrechen, okay?“ „Okay.“   Als der Regen sich legte, gingen sie nach draußen, Jiroushin hatte Dulacre überzeugt, dass Makoto ihm helfen konnte, damit Dulacre im Zweifel die Hände frei hatte. Je näher sie dem Ausgang kamen, desto langsamer war Makoto geworden. „Bleib ja nicht stehen“, murrte Dulacre unterkühlt, ohne sich umzudrehen. „Okay“, flüsterte Makoto, doch dann blieb er doch stehen. Durch die phosphoreszierenden Steine hatte Jiroushin es gar nicht bemerkt, aber es war schon Nacht, über ihnen ein sternenklarer Himmel und da wurde es ihm bewusst. Makoto, ein Jahrhundert alt, hatte noch nie den Himmel gesehen. Noch nie die Sterne, nie den Mond, nie die Sonne. „Makoto?“ „Wenn ich gehe… was ist dann mit den Tieren? Mit Pepe und Nala und Sir Pendragon und Lady Oskar?“ „Tze, was für eine lächerliche Frage.“ „Dulacre!“ „Sag, hatten die Tiere je Angst, die Höhle zu verlassen?“ „Nein.“ „Obwohl du nicht rausgegangen bist, um sie zu finden, falls ihnen etwas passiert? Scheint nicht so, als ob sie auf dich angewiesen wären, und du solltest sie nicht unterschätzen.“ „Dulacre“, beschwerte sich Jiroushin. „Was denn? Stimmt doch, und jetzt kommt. Je schneller wir am Strand sind, desto eher kann ich mir ein Bild davon machen, wie schlimm es um das Schiff steht und wie lange die Umbaumaßnahmen brauchen werden.“ Jiroushin rollte nur mit den Augen, aber als er aufsah, konnte er im schwachen Licht der Sterne sehen, wie Makoto Dulacres Rücken fixierte und ihm folgte. Und als er das nächste Mal stehen blieb, sah er zum allerersten Mal in seinem Leben das Meer. Kapitel 3: Kapitel 3 – Die Dritte einer Crew -------------------------------------------- Kapitel 3 – Die Dritte einer Crew   „Du bleibst hier und wartest, verstanden? Die Stadt ist derzeit voll mit Soldaten und dich kann man nicht so leicht verstecken. Also bleibst du hier beim Boot und wartest, bis wir zurück sind, verstanden? Und benimm dich unauffällig.“ „Verstanden!“ „Sei nicht so hart mit ihm, Dulacre.“ „Ach, das macht mir nichts. Er hat ja Recht.“ „Siehst du, Jiroushin. Makoto versteht es, ich habe Recht.“ Er entgegnete nichts, sondern rollte nur mit den Augen, ehe er sich Makoto zuwandte. „Wenn etwas ist, ruf uns an. Wir sind nicht weit weg, okay?“ „Mach dir keine Sorgen.“ Makoto lächelte, ehe er wieder zur Stadt hinübersah. „Ich glaube, da wäre es mir eh viel zu eng und viel zu laut. Da scheinen ganz viele Menschen zu sein.“ „Du hast ja keine Ahnung“, murrte Dulacre nur und winkte Jiroushin zu. „Komm, ich will zu den Werften, ehe die ganzen Touristen kommen, also beeil dich.“ „Jaja“, seufzte er nur und folgte Dulacre dann. Er wusste nicht genau, warum, aber Dulacres erstes Ziel auf dieser Reise ohne Ziel war Water Seven. Er hatte es ganz deutlich gemacht, dass er dort als erstes hinreisen würde, ganz gleich, was Jiroushin sagen oder tun würde. Nicht, dass ihn der Dickkopf des anderen überraschte. Seine Wunden waren mittlerweile ganz gut verheilt, aber das Gehen schmerzte immer noch, vom Atmen mal ganz zu schweigen und er spürte das fehlende Training. Sie hatten noch einige Tage auf der Insel mit der zerstörten Forschungsbasis verbracht, ehe Dulacre mit Makotos Hilfe das Schiff soweit repariert und ausgebaut hatte, dass sie es ruhigen Gewissens hatten nutzen können, sowie das nötige Proviant verstaut hatten. Tatsächlich hatten sie es so durch den Calm Belt bis zur Stadtinsel St. Popura nahe Water Sevens geschafft und von da aus war es nur noch ein Katzensprung bis zur Stadt des Wassers gewesen. Dennoch hatten sie dort zwischengehalten, da Dulacre so frustriert von Makotos „Leibchen“ gewesen war, dass er drauf bestanden hatte, ihm vernünftige Klamotten zu besorgen. Leider hatten sie feststellen müssen, dass diese Insel wenig Kleidung in Makotos Größe zu bieten hatte, die Dulacre wohl als angemessen empfand. Daher hatte der kleine Riese nun eine riesige Auswahl an kunterbunten kurzärmligen Hemden mit Blumen- und Palmendruck. Makoto hatte fast angefangen zu weinen, als Dulacre sie ihm hingehalten hatte und hütete seine Kleidung seit jeher wie einen Schatz. Dulacre war nicht besonders glücklich über ihren Findelriesen, aber ganz wie es in seiner Familie seit Generationen Brauch war, hatte Dulacre die Verantwortung für Makoto angenommen und trug sie nun ohne – viele – Widerworte, wie Jiroushin es erwartet und erhofft hatte. Makoto war… anders. Durch ihre Zeit in der Marine hatten sie schon einige Riesen kennengelernt, sogar den ein oder anderen Halbriesen und eines hatten sie alle gemein: Sie waren etwas grobschlächtig. Nicht schlicht oder dumm, aber in all ihren Handlungen wurden sie gerne schonmal körperlich und beendeten Diskussionen am liebsten durch Kraftvergleiche, am besten durch Kämpfe. Aber Makoto… Er umarmte auch gerne, wenn er unsicher war, griff er schnell nach Jiroushins oder Dulacres Schultern, als suchte er Sicherheit und Schutz, aber er… er hatte nicht eine Spur von Aggression oder auch nur Feindseligkeit in sich. „Hoffentlich lässt er sich nicht in der Zwischenzeit von irgendwelchen Idioten reinlegen“, grummelte Dulacre und verschränkte die Arme. „Er ist nicht naiv, er bemerkt, wenn Leute ihn anlügen oder unhöflich zu ihm sind. Er… weiß einfach nur nicht, wie man Konflikte führt.“ „Ich weiß nicht mal, ob er das überhaupt kann. Tze, unglaublich, frag mich, was diese Forscher mit dem gemacht haben. So ein anstrengendes Verhalten, und dann auch noch diese unnötige Größe. Das Einzige, wofür das hilfreich wäre, wäre in einem Kampf, aber nein, lieber kranken Tieren helfen, unmöglich.“ „Er war dir bei der Reparatur des Bootes doch behilflich. Er ist stark, er setzt seine Kraft halt nur nicht für Auseinandersetzungen ein.“ „Und er ist der Grund, warum wir jetzt ein richtiges Schiff brauchen, nur damit wir ihn durch die Gegend schippern können, weil du ihn nicht auf dieser Insel zurücklassen konntest.“ Dulacre schnaubte auf. „Und jetzt fängt er auch noch an, sich vor Enge und umschlossenen Räumen zu fürchten, so anstrengend.“ „Naja, wundert es dich? Er ist… Ich will gar nicht wissen, was er alles durchgemacht hat und er war so lange allein… Wir sollten nicht zu lange brauchen. Ich bin mir sicher, dass es ihm Angst macht, alleine beim Boot zu warten.“ Dulacre rollte nur erneut mit den Augen, entgegnete jedoch nichts. Wenn man bedachte, wie pessimistisch und unwillig er meistens gelaunt war, hatte es Jiroushin überrascht, wie einfach es gewesen war, ihn zu überzeugen, ein vernünftiges Schiff zu besorgen, wenn sie eh nach Water Seven reisen würden. Wahrscheinlich hatte die Jagd der Marine im Calm Belt ihn da geläutert, außerdem wusste Jiroushin, dass Dulacre beeindruckende Dinge mochte, und es würde zu ihm passen, sich rein aus Trotz das beeindruckendste Schiff der Welt bauen zu lassen – Geld genug dafür hatte er ja – gleichzeitig war er aber auch äußerst effizient, was seine Arroganz hoffentlich im Rahmen halten würde. Wie erwartet waren die Gassen zu der frühen Stunde noch recht leer, einzelne Angestellte hasteten an ihnen vorbei auf ihrem Weg zur Arbeit, Kinder auf dem Weg zur Schule. Die Werften hatten gerade geöffnet und es war noch nicht viel los. Das überraschte aber auch nicht. Vor wenigen Wochen erst war der Schiffszimmermann der Oro Jackson verurteilt worden. Dies hatte viele Schaulustige angezogen. Seitdem war das Projekt des Seezugs in aller Munde, doch die Marine beobachtete die Werften und das umliegende Areal aufmerksam, daher hatten sich vor allem die Piraten bisher zurückgehalten. Gleiches galt auch für Dulacre und ihn, die keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten. Jiroushin galt derzeit als verschollen und Dulacre wurde strafrechtlich verfolgt, auch wenn er nicht als Pirat galt. Daher hatten sie sich auch dementsprechend unauffällig gekleidet, da sie nun mal auf die Werft mussten. Naja, wenn er ganz ehrlich war, er hatte sich unauffällig gekleidet. Dulacre trug wie immer einen seiner blumigen Mäntel, die ihn leider wirklich wie einen Bösewicht aussehen ließen. Aber gut, gerade hier auf Water Seven waren außergewöhnliche Gestalten nicht ungewöhnlich, und so würden sie hoffentlich nicht zu sehr auffallen. Der einzige andere Kunde, der mit ihnen wartete, war ein dickbäuchiger Mann mit Halbglatze, der offensichtlich wohlhabender Händler war, wie sie an den Gesprächsfetzen heraushören konnten, während er sich mit einem Fischmenschen unterhielt, der beflissen nickte. Er regte sich gerade lauthals über die Schäden an seinem Schiff durch Piratenangriffe auf und der Fischmensch versuchte, ihn zu beruhigen, dabei fiel Jiroushin das Mal an seinem Hals aus, direkt auf der weichen Stelle oberhalb des Brustbeins. „Ein Sklave“, murmelte er. „Hattest du gedacht, er wäre ein Geschäftspartner, oder was? Ein Fischmensch? Hier?“, schnaubte Dulacre desinteressiert. „Dir ist schon bewusst, dass die Werft hier von Tom’s Workers geführt wird? Dieser Tom ist doch auch ein Fischmensch. Die Zeiten ändern sich, die Welt wird… gerechter.“ „Du bist so naiv.“ Jiroushin rollte mit den Augen. „Vielleicht lässt du mich gleich das Reden übernehmen. Ich bin weniger auffällig als du und… netter.“ „Tze. Tu, was du nicht lassen kannst.“ Mit schnippischem Unterton klappte Dulacre seinen Kragen hoch, ehe er sich demonstrativ abwandte. Aber er hielt es keine zehn Minuten durch. Erst hatte er sich schon aufgeregt, dass der Kaufmann – der auch vor ihnen bereits dagewesen war und gewartet hatte – als erstes bedient worden war, dann schien er offensichtlich nicht mit dem Herrn zufrieden zu sein, der sie zunächst betreute. Später kam noch ein Zweiter dazu, das machte es aber auch nicht viel besser. Dennoch sprach zunächst Jiroushin mit ihnen, ließ sich die bereits vorgefertigten Schiffe so wie die aus zweiter Hand zeigen. Ab da war es vorbei. Dulacre empfand es als Beleidigung, dass man ihnen gebrauchte Schiffe anbot und verlangte daraufhin, dass man ein Schiff nach seinen Vorstellungen entwerfen sollte. Nachdem er erklärt hatte, dass Geld dabei keine Rolle spielte, waren die Werftmitarbeiter begeistert. Das legte sich jedoch schnell. Nun stand Jiroushin schon mehrere Stunden neben den mittlerweile 6 Herrschaften, die lauthals über Dulacres Ansprüche und deren Umsetzung diskutierten. Man sollte nicht meinen, dass es so schwierig sein sollte, denn eigentlich wollte Dulacre vor allem nur ein herrschaftliches Schiff mit so Dingen wie einer Bibliothek und einem Kaminzimmer. Es war etwas widersprüchlich, da sie nur zu dritt waren – und Makoto eh nicht gerne unter Deck war, wenn die Räume zu eng waren – und Jiroushin eh noch nicht so ganz verstanden hatte, was denn genau Dulacres Ziel hinter dieser Reise ohne Ziel war und weshalb sie dafür dann ein solches Schiff brauchten. Das Problem, was die Angestellten der Werft hatten, war jedoch ein gänzlich anderes. Dulacre wollte so Dinge wie geheime Fluchtwege, von denen er aber nicht wollte, dass diese in irgendwelchen Plänen standen oder dass die Mitarbeiter von diesen wussten – was den Bau natürlich nur minimal erschweren würde – und auch weitere spezielle Dinge, wie ein besonderes Antriebsmittel, sodass er allein schlicht durch sein Haki das Schiff bewegen könnte, was er den Angestellten jedoch so nicht erklärte. Es war ein zermürbendes Gespräch. Irgendwann hielt Jiroushin es nicht mehr aus und bot an, die Planung am nächsten Tag fortzuführen. Die Angestellten atmeten erleichtert auf, doch Jiroushin war überraschter, dass auch Dulacre dem zustimmte. Er war offensichtlich unzufrieden und hatte die Angestellten ununterbrochen herablassend behandelt und doch hatte Jiroushin erwartet, dass er nicht gehen würde, ehe er mit der Werft einen angemessenen Bauplan entwickelt haben würde. „Hätte ich nicht erwartet“, sprach er daher weiter, als sie sich auf den Rückweg machten. „Oder hast du vor, eine andere Werft aufzusuchen.“ „Nein“, entgegnete Dulacre und da bemerkte Jiroushin es, wie hatte er es nicht bemerken können? Sie wurden verfolgt. Deshalb war Dulacre so extrem vage in seinen Beschreibungen geblieben. „Seit wann?“, fragte er. „Marine?“ „Seit wir die Werft betreten haben“, antwortete Dulacre, „aber nein, keine Marine.“ Noch während er sprach, war er herumgewirbelt und hatte sein Schwert gezogen, schneller als Jiroushin es hatte sehen können. Hinter ihnen stand ein Mädchen und schaute sie mit großen Augen an, als schien sie nicht mal das Schwert an ihrem Hals zu bemerken. „Seid ihr Piraten?“, fragte sie direkt. „Wer bist du denn?“, fragte Jiroushin. „Ein totes Mädchen“, sagte Dulacre. „Nicht!“, knurrte Jiroushin und legte eine Hand auf Dulacres Unterarm. „Du kannst nicht jeden töten, der dir nicht passt.“ Dulacre sah ihn an. „Kann ich sehr wohl.“ „Du solltest es aber nicht.“ „Dieses Mädchen hat uns verfolgt, wer weiß, was sie alles mitbekommen hat. Es ist das Sinnvollste, sie zu töten.“ „Ne, eigentlich wäre das ziemlich dumm“, meinte sie nur. „Wie bitte?“ „Naja, ich bin die Einzige, die dein Schiff bauen kann, also wäre es ziemlich dumm, mich umzubringen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Außerdem ist das ne ziemlich kindische Reaktion und du könntest mich wenigstens nach meinem Namen fragen, ehe du damit drohst, mich umzubringen. Meine Eltern sagen, es sei unhöflich, sich nicht zuerst vorzustellen.“ „Jetzt hab ich noch einen weiteren Grund, dich umzubringen.“ „Warte doch mal, Hawky. Hallo, ich bin Jiroushin, und du bist?“ „Maja.“ „Hallo Maja. Was meintest du damit, dass du unser Schiff bauen kannst?“ „Naja, genau das, was ich gesagt habe.“ „Du bist nur ein kleines Mädchen“, widersprach Dulacre, der immer noch das Schwert auf dieses Kind gerichtet hatte. „Ich bin 15 und du wirkst nicht viel älter als ich.“ „Du bist ziemlich unhöflich.“ „Tja, da haben wir ja sogar eine Gemeinsamkeit.“ „Beruhige dich, Dulacre!“ Doch dieser zitterte am ganzen Körper. „Das mit deinem Schiff gehst du falsch an.“ Jetzt zitterte Dulacre nicht mehr. Jiroushin musste sich beeilen. „Ähm, könntest du gerade einen Moment warten? Ich versuche gerade, meinen Freund hier davon abzuhalten, dir den Kopf abzuschlagen.“ „Wie meinst du das?“, fragte Dulacre dann jedoch ganz ruhig. „Ich habe die beste Werft in diesen Gewässern aufgesucht. Ebenbürtig den Werften in der Neuen Welt. Habe mit den besten Schiffsbauern dieser Insel gesprochen. Wo sollte mein Fehler liegen?“ Sie lächelte. „Wenn du willst, dass niemand alle Geheimnisse deines Schiffes kennt, ist es doch ganz simpel. Du lässt nur einen Rohbau anfertigen und der Rest, den machst du dann unterwegs auf hoher See, wo niemand dich beobachten kann, ohne dass es dafür je Pläne gibt.“ Dann wurde ihr Lächeln ein breites Grinsen. „Und mit du meine ich mich.“ „Dich?“ Nun klang Dulacre fast schon belustigt. „Du willst ein Schiff bauen? Du bist ein kleines Mädchen. Du bist dafür doch viel zu schwach. Weißt du überhaupt, wie das geht?“ Sie grinste noch breiter. „Und genau deshalb bin ich die perfekte Wahl für dein Schiff. Denn du willst, dass niemand der Werftmitarbeiter sich mehr Gedanken darüber macht als unbedingt nötig, aber eben hat sich schon das halbe Team um dich versammelt, nur weil du mit Geld um dich werfen willst. Doch niemand macht sich über die Spielereien eines kleinen Mädchens auf der Müllhalde der Werft Gedanken.“ „Wie meinst du das?“ Jiroushin entging nicht, dass das Schwert mittlerweile auf den Boden gerichtet war. „Weißt du, dass auf den Werften einige Kinder unterwegs sind? Solange wir die Erwachsenen nicht stören, dürfen wir eigentlich unser Ding machen und den ganzen Schrott benutzen, den sie sonst wegwerfen würden. Ich hab schon mein halbes Leben auf dieser Werft verbracht, ich liebe Schiffe und schlaue Konstruktionen, und da ich nur ein kleines Mädchen bin… falle ich nicht so auf. Niemand denkt sich was dabei, wenn ich mir irgendwelche Baupläne angucke oder die Arbeiter stundenlang bei bestimmten Arbeiten beobachte. Und niemand fragt, wo ich meine Bauteile herhabe oder was ich genau bauen will. Aber, solange ich nicht störe und lieb bitte, helfen mir die meisten Angestellten bei Dingen, die mir zu schwer sind oder die ich alleine nicht hinbekomme. Und meistens fragen sie dabei noch nicht mal nach, was genau es am Ende werden soll.“ „Hast du je ein Schiff gebaut?“ „Dulacre, du denkst darüber doch nicht ernsthaft nach?“ „Nur eines, 24 weitere habe ich entworfen, aber da ich meistens beim Kampf ums Altmetall und ums Restholz das Nachsehen habe, ist es schwierig für mich an gutes Material zu kommen.” „Wenn ich dir alle benötigten Materialen zur Verfügung stelle, wie lange würdest du für den Bau des Schiffes brauchen?“ „Oh, das kann ich so eindeutig natürlich nicht sagen. Zum einen kommt es selbst für den Rohbau darauf an, was genau du willst. Außerdem willst du nicht, dass es zu bekannt wird, heißt, ich muss die meisten Arbeiten komplett selbst machen und sehr aufpassen, wen ich wann und für was um Hilfe bitte, und da die natürlich ihre eigene Arbeit haben… Zwei bis drei Wochen für den Rohbau.“ „Wie willst du ein Schiff auf hoher See weiterausbauen?“ „Nah, jetzt erwartest du, dass ich alle meine Geheimnisse mit dir teile?“ „Ja.“ „Dann lass uns planen.“ Jiroushin sah zwischen den beiden hin und her. Was zur Hölle ging hier vor? Die beiden verhandelten, als wäre das hier eine tatsächliche Option. „Noch nicht.“ „Hm?“ „Noch habe ich nicht zugestimmt, kleines Mädchen.“ „Maja.“ „Du willst mir umsonst ein Schiff bauen und es dann auf hoher See weiterausbauen? Ist dir bewusst, was das bedeutet?“ „Ja!“, sagte sie und ballte eine Hand zur Faust. „Es würde bedeuten, dass ich endlich mein erstes Schiff für eine Piratencrew bauen würde.“ … „Wir sind keine Piraten, und nein, das meinte ich nicht. Ist dir bewusst, dass du dann diese Insel hier verlassen würdest? Vielleicht nie wieder zurückkehren würdest?“ Sie sah Dulacre mit großen Augen an. „Oh… Nein, darüber habe ich noch nicht nachgedacht… Okay, ich bin dabei.“ „Was?“ Fassungslos sah Jiroushin sie an, wie sich ihr Gesicht innerhalb von zwei Sekunden von Erstaunen zu Entschiedenheit verändert hatte. „Du bist… dabei? Ach, ha“, und dann lachte Dulacre. Er lachte laut und herablassend. Jiroushin starrte ihn an, es war nicht so wie früher, aber es war ein Lachen und Jiroushin konnte sich nicht erinnern, dass er seit… damals je gelacht hatte, selbst wenn es so fies und herablassend gemeint war. Er steckte sein Schwert weg und schritt auf das Mädchen zu. „Du willst mit irgendwelchen Fremden – von denen du denkst, dass es Piraten seien – ins Unbekannte reisen, nur um dein Schiff fertigzustellen? Ist das Wahnsinn oder einfach nur Dummheit?“ „Keine Ahnung. Vielleicht beides. Aber ich finde, es ist ein guter Deal. Ich baue dir nur für die Materialkosten das beste Schiff der Welt und dafür nimmst du mich mit auf ein Abenteuer.“ „Was passiert hier gerade?“, murmelte Jiroushin. „Gut, ich bin unter einer Bedingung bereit, auf deinen wahnwitzigen Deal einzugehen. Ich werde dich nur mitnehmen, wenn ich mit dem Rohbau des Schiffes absolut zufrieden bin.“ „Einverstanden!“ „Nun gut, dann komm mit, damit wir sogleich mit der Planung beginnen können. Morgen früh werden wir sodann die benötigten Materialen bestellen, um möglichst wenig Zeit zu verlieren.“ „Okay!“ Schon schritten die zwei los. „Ähm… musst du nicht deinen Eltern oder so Bescheid geben?“ Sie winkte Jiroushins Einwand ab. „Ach, die wissen, dass ich immer viel unterwegs bin. Bevor wir in See stechen, werde ich ihnen Bescheid geben, aber bis dahin ist alles gut.“ „Du bist wirklich naiv, du Gör, einfach so mit Fremden mitzugehen. Hast du keine Angst davor, dass ich dich umbringen könnte?“ „Naja, das hättest du schon die ganze Zeit machen können. Ich glaube… du bist nicht so der Typ dafür.“ Dulacre und Jiroushin tauschten einen Blick aus. „Du hast eine miserable Menschenkenntnis.“ Kapitel 4: Kapitel 4 – Die Vierte, die die Erste war ---------------------------------------------------- Kapitel 4 – Die Vierte, die die Erste war „Ach so, deshalb wolltest du unbedingt nach Water Seven. Ich war schon verwundert, weil du so überrascht darauf reagiert hast, als ich dachte, dass du für ein Schiff hierhin wolltest.“ Dulacre nickte. „Naja, scheint so, als ob wir jetzt dennoch ein solches kriegen würde. Ist vielleicht auch besser so, nachdem dieses Boot hier zu einem Schrotthaufen wurde. Zeit für etwas Widerstandsfähigeres, wenn wir die Neue Welt und den Calm Belt bereisen wollen.“ „Ich bin mir immer noch nicht sicher, was das mit diesem Mädchen soll. Willst du sie wirklich mitnehmen?“ „Ich gab ihr mein Wort.“ Dulacre zuckte mit den Schultern. „Allerdings beabsichtige ich nicht, sie mitzunehmen.“ Jiroushin sah von seinem Brief auf. „Aha?“ „Es ist unmöglich, dass sie ein Schiff baut – bauen lässt – das mich vollständig zufriedenstellt, erst recht nicht in dieser kurzen Zeit.“ „Warum machst du das Spiel dann mit?“ Dulacre grinste sein fieses Grinsen. „Es wird ausreichend sein für die Reise und um Makoto mitnehmen zu können. Aber natürlich beabsichtige ich nicht, ein kleines Kind mitzunehmen.“ Aber hieß das nicht, dass er ihr generell schon zutraute, überhaupt ein Schiff bauen zu können? Oder spielte er gerade eine Strategie, die Jiroushin noch nicht durchschaute? „Weißt du, sie hat gar nicht so Unrecht. Sie ist nur vier Jahre jünger als du, keine fünf Jahre jünger als ich. In diesem Alter waren wir schon bei der Marine.“ „Tze, was auch immer. Bleib du hier, ich gehe zur Werft und dann zu der Schmiede. Bis zum Abend sollte ich zurück sein.“ „Wie du meinst.“ Er beobachtete noch, wie Dulacre zwischen den Häusermauern verschwand, dann beugte er sich zur Seite, um den kleinen Riesen anzusehen, der neben dem Boot auf dem Boden saß. „Hey Makoto, ich bin in ein paar Minuten hiermit fertig. Willst du dann mit mir eine Liste zusammenstellen über all die Dinge, die wir noch für unser großes Abenteuer besorgen sollten?“ Der kleine Riese sah von dem Segel auf, welches er flickte, und lächelte. „Meinst du, ich kann auch ein paar Bücher draufschreiben?“ „Alle, die du willst. Das ist der große Vorteil, wenn man mit einem Mihawk reist. Über Geld müssen wir uns keine Gedanken machen.“ Er konnte sehen, wie Makoto darüber nachdachte, ehe er wieder aufsah. „Ich verstehe das Konzept von Geld, aber… ich kenne mich damit nicht aus, mit dem… Wert von Dingen und so. Kann ich dich vielleicht zum Markt begleiten, damit du es mir erklären kannst?“ „Hmm… Dulacre hat leider Recht, dass du mit deiner Größe sehr auffällst, auf der anderen Seite sind hier auf Water Seven viele unterschiedliche Leute unterwegs. Ich denke, wir sprechen heute Abend mal mit Dulacre darüber. Vielleicht können wir es kurz vor der Abreise machen.“ „Hoffentlich erlaubt es der Kapitän“, murmelte Makoto und nahm sich die Feder, die Jiroushin gerade weggelegt hatte. „Kapitän?“, fragte er, pustete die Tinte trocken und faltete den neuen Brief zusammen. Hoffentlich würde er schnell an sein Ziel kommen. „Na, von dem was Maja gestern gesagt hat, hab ich gedacht… Ich dachte, wir wären eine Crew und… und er wäre der Kapitän.“ Jiroushin entgegnete nichts. Er wusste nicht wirklich, was Dulacre geplant hatte, als er entschieden hatte, die Marine zu verraten, oder was sein Ziel war. Aber vielleicht… „Jiroushin, sind wir Piraten?“ Er sah auf und massierte seinen schmerzenden Oberschenkel. „Tja, wer weiß.“ Als Dulacre zurückkam, war es noch lange nicht Abend und er war alles andere als gut gelaunt. Schon von weitem schien eine schwarze Aura um ihn zu wabern. „Oje“, murmelte Makoto. „Keine Sorge. Hätte er jemanden umgebracht, würden wir es wissen. Schließlich würde dann die halbe Stadt in Schutt und Asche liegen.“ „Aber dann wäre er wahrscheinlich auch nicht so schlecht gelaunt, oder?“ Überrascht sah er zu Makoto auf. Dem hatte er nichts hinzuzufügen. Was auch besser war, denn Dulacre war mittlerweile in Hörweite. „Was ist denn passiert? Ist die Kleine doch nicht so gut, wie du gedacht hast? Alles Geld zum Fenster rausgeschmissen?“ „Was interessiert mich Geld!“ Oh Scheiße, seine Laune war noch deutlich schlimmer, als er befürchtet hatte. Jiroushin merkte, wie er zu schwitzen begann. Makoto wimmerte leise. „Dulacre… was ist passiert?“, fragte Jiroushin wachsam. Unglaublich viel Mimik passierte, er biss sich auf die Lippen, schob den Kiefer erst nach vorne, dann nach hinten, schürzte dabei die Lippen, während die Nase sich kräuselte und die Augen sich weitete, danach verzog er den Mund, sah zur Seite, zog die Augenbrauen zusammen, die Stirn in Falten, leckte sich über die Lippen, schüttelte den Kopf. Dann schloss er die Augen, schien sich selbst ganz langsam zuzunicken, ehe die Mundwinkel sanken. „Wir werden jetzt aufbrechen.“ „Was? Wie? Womit? Dieses Boot hier wird das offene Meer nicht mehr überstehen. Wenn diese Maja gelogen hat, dann kaufen wir halt…“ „Es liegt nicht an dem Mädchen!“, knurrte Dulacre und Jiroushin merkte, wie ihm kalt wurde. Er senkte den Blick, konnte diesen grellen Augen nicht mehr standhalten. „Es tut mir leid“, sprach Makoto dann mit seiner sanften Stimme. „Ich… ich habe nicht so viel Zeit mit Menschen verbracht, daher scheine ich manche zwischenmenschliche Kommunikation nicht zu verstehen. Wärest du bitte so freundlich, mir zu erklären, warum du so emotional bist. Du machst mir nämlich große Angst und ich mag es wirklich nicht, wenn ich vor dir Angst habe.“ Jiroushin sah ihn an. „Makoto“, flüsterte er und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel, da er an nichts anderes rankam. Dann sah er zu Dulacre und er konnte sehen, wie Dulacre immer noch vor Zorn qualmte, aber da war auch etwas. Tief holte er Luft und machte dann eine verwerfende Handbewegung. „Du bist so anstrengend, Makoto“, zischte er und schnalzte leise mit der Zunge, ehe er seufzte. „Sie hat mich beleidigt und mir gesagt, dass mein Wissen so unvollständig sei, dass es sie Jahre kosten würde, mich ordentlich zu lehren.“ „Oh“, war alles, was Jiroushin hervorbrachte. „Maja?“, fragte Makoto. „Nein! Die Schmiedin natürlich“, fauchte Dulacre. „Oh!“, war wieder alles, was Jiroushin zustande brachte. „Die… die Schmiedin?“, fragte Makoto noch verwirrter. Dulacre schnalzte erneut mit der Zunge. „Hast du es ihm nicht erzählt?“ Jiroushin wusste, dass das ein Angriff auf ihn war. „Uhm… normalerweise magst du es nicht, wenn ich Dinge über dich… okay… also Makoto, ums kurz zu machen, Dulacre und ich waren schon mal vor ein paar Jahren hier und da… Es gab eine alte Frau, die…“ „Tze, jetzt red nicht so um den heißen Brei herum. Sie hat mich kämpfen gesehen und mir dann gesagt, dass mein Schwert – Dansei, eines der zwölf Drachenschwerter, wenn ich betonen darf… das sind die zwölf besten Schwerter, die es je gab – für meinen Kampfstil unzureichend sei. Ich hätte sie für diese Unverschämtheit augenblicklich töten sollen.“ „Ach so, ich verstehe“, nickte Makoto, „und jetzt wolltest du sie wieder aufsuchen, damit sie dir erklärt, was sie damals meinte.“ Fassungslos starrte Dulacre den kleinen Riesen an. „Nein! Ich wollte, dass sie sich für diese Beleidigung entschuldigt!“ „Oh… okay? Und… und das hat sie nicht?“ Jiroushin seufzte leise. Er musste aufpassen, dass ihr Schiffsarzt nicht von Dulacre das falsche Sozialverhalten lernte. „Nein! Das hat sie nicht! Deswegen bin ich so wütend! Sie hat mich ausgelacht! Meine Fähigkeiten als ungenügend betitelt. Sie meinte sogar, dass ich… wenn ich so weiter mache, Dansei zerbrechen würde.“ „Oh, wow“, murmelte Jiroushin und sah Dulacre an. „Glaubst du… glaubst du… Hat sie Recht?“ Nun starrte Dulacre ihn an. „NEIN!“ Dann stürmte er unter Deck und knallte die Türe so feste hinter sich zu, dass das Schloss zerbarst und dabei die Tür aus den Angeln hob; zum Glück waren sie nicht mehr lange auf dieses Boot angewiesen. Stumm sahen sie ihm hinterher. „Oje“, flüsterte Makoto, „er schien wirklich aufgebracht. Wir sollten ihn trösten.“ „Nicht, wenn dir dein Kopf lieb ist, glaub mir.“ Jiroushin erhob sich. Er wusste immer noch nicht, was Dulacres Plan hinter all dem hier war. Was sein Ziel hinter dieser Reise war. Weshalb er die Marine verraten hatte. Aber er wusste, dass diese Frau dazu gehörte, irgendwie. „Jiroushin, wo gehst du hin?“ „Bleib du hier und pass auf, dass Dulacre seinen Frust nicht an dir auslässt. Ich komme später wieder. Keine Sorge, sollte etwas sein, wird Dulacre es wissen.“ Und zu seinem Glück, brauchte er nicht lange, um die Schmiede zu finden. Er war damals nicht dabei gewesen, als Dulacre irgendwelche Piraten im Auftrag der Marine bis an den Rand Water Sevens gejagt und dort ausgeschaltet hatte, war selbst an Bord von Dulacres Kriegsschiff geblieben, um von dort aus die Soldaten zu befehligen. Er wusste es nur von denen, die ihm Bericht erstattet hatten, von der alten Zivilistin, die fast mit ihrem Leben hatte büßen müssen, für Worte, welche sie an den damals noch so jungen Kommandanten gerichtet hatten. Für Wochen war Dulacre danach unausstehlich gewesen, war nach einem Streit mit einem Admiral dann auf irgendeine Insel abgehauen und für Wochen dortgeblieben, um zu trainieren. Irgendwann war er wiedergekommen, ruhiger, aber nicht zufriedener. Als er die Schmiede betrat, meldete ein kleines Glöckchen seine Anwesenheit an und eine alte Dame erschien aus dem Hinterraum. Sie war klein, gebeugt vom Alter und der harten Arbeit, aber diese zeigte sich zugleich auch in ihren muskulösen Armen und breiten Händen. Sie beobachtete ihn aus schmalen Augen, umgeben von verrunzelter Haut, das kurze schwarze Haar durch ein Haarband zurückgehalten, ehe sie eine Pfeife mit langem Hals aus dem Mund nahm und das Mundstück auf ihn richtete. „Lass mich raten. Du bist die Nachhut von dem Jungen mit den Falkenaugen?“ „Ist das so offensichtlich?“ Er lächelte und verbeugte sich leicht, wobei seine Rippen ziepten. „Guten Tag, Schmiedemeisterin. Mein Name ist Cho Jiroushin, bitte schenken Sie mir einen Augenblick Ihre Zeit.“ „Natürlich ist es offensichtlich. Ich erkenne Schwertkämpfer auf den ersten Blick und ich erinnere mich an deinen aufbrausenden Freund. Auch ihm war ich gewillt, zuzuhören, aber er war nicht gewillt, mir zuzuhören. Warum also sollte ich ihm noch eine Chance geben, nur weil du für ihn betteln kommst?“ „Sie sind sehr direkt“, entgegnete er, „aber da Ihre Augen so gut sind, werden Sie mit Sicherheit auch das Talent meines aufbrausenden Freundes erkannt haben. Deshalb bin ich hier.“ Er richtete sich auf und begegnete ihrem Blick. „Ich weiß, dass mein Freund unhöflich und respektlos ist, aber… Ihr Aufeinandertreffen liegt nun bereits Jahre zurück und er hat Ihre Worte nie vergessen. Er misst ihnen Wert bei und… es ist ungewöhnlich, dass er Worten anderer Wert beimisst. Deshalb ist es mir wichtig, deshalb bin ich hier, um Sie anzuflehen, ihm zu helfen.“ Erneut verbeugte er sich, dieses Mal deutlich tiefer, auch wenn es schmerzte. „Du bittest für einen anderen? Das ist ungewöhnlich für einen Schwertkämpfer.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er den Boden anstarrte. „Schmiedemeisterin, wir beide wissen, dass er mir haushoch überlegen ist, in allen Belangen, aber er ist nicht gut im Umgang mit anderen Menschen, also ja, es gibt nichts, was ich nicht tun würde für ihn, mein Stolz und meine Ehre ist mir nicht wichtig. Wenn mein aufbrausender Freund von Ihnen lernen kann und sogar dazu gewillt ist, dann flehe ich Sie an, über sein Verhalten hinwegzusehen, und ihn zu lehren. Ich bin mir sicher, dass es einen Grund gibt, warum er Ihre Worte nie vergaß und Sie nun endlich aufsuchen wollte. Daher bitte ich Sie, weisen Sie ihn nicht ab!“ Sie holte tief Luft, aber Jiroushin wagte nicht, aufzusehen. „Ach Kind, das ist doch Unsinn, worum du da bittest. Ja, dein Freund ist talentiert. Ich muss gestehen, ich habe schon seit Jahren nicht mehr einen so talentierten Schwertkämpfer gesehen – gleichzeitig ist seine unkontrollierbare Macht wohl auch seine größte Schwäche – und wenn ich ehrlich bin, ist mir sein Verhalten wirklich einerlei. Ich fühle mich nicht gekränkt, weil er keine Manieren hat, das ist sein Problem, nicht meins.“ Hörbar nahm sie einen Zug ihrer Pfeife und atmete den Rauch aus. „Aber guck mich doch an, junger Cho Jiroushin. Ich bin eine alte Frau und dein Freund ein Mann von wenig Geduld. Ich bräuchte Jahre, um ihn zu lehren, was er zu lernen hat, aber er wird nicht die Geduld haben, so lange hier zu bleiben.“ Genau! Jiroushin lugte auf, ohne aus seiner Position zu gehen. „Deshalb bitte ich Sie, begleiten Sie uns auf unserer Reise.“ Ihre schmalen Augen weiteten sich und sie sah ihn an. Dann lachte sie leise und schüttelte den Kopf. „Ich bin 79 Jahre alt und erwarte nun täglich den Tod, Junge, und du willst, dass ich ein paar Kinder aufs Meer begleite, um einen unhöflichen Jungen in der Kunst des Schwertes unterrichte?“ Er nickte. „Ja. Genau das.“ Sie schüttelte den Kopf und zog die schmalen Augenbrauen nach oben. „Bitte, hören Sie mich an. Mir bewusst, was ich hier erfrage, darüber hinaus wird mein aufbrausender Freund steckbrieflich gesucht, es könnte sogar sein, dass man uns bald Piraten nennen wird. Aber… Sie müssen wissen, er hat viel verloren, mehr noch von sich selbst und ich glaube… ich hoffe, dass Sie etwas davon bei ihm wieder bewahren können.“ Nun sah sie ihn an und er richtete sich auf. „Als Schwertkämpfer ist mir natürlich Ihr Name bekannt, Schmiedemeisterin Mune Masato, und ich bin mir sicher, dass Ihnen als Schwertschmiedin auch der Name meines aufbrausenden Freundes bekannt ist, Mihawk Dulacre. Sie haben Recht, dass sein Wissen unvollständig ist, seine Ausbildung unvollständig, aber wenn ihn jemand lehren kann, dann Sie, also bitte, dem Schwerte zuliebe, werfen Sie alle Vernunft über Bord und begleiten Sie uns auf unserer Reise!“ Er verbeugte sich erneut und setzte dann mit einem Schmunzeln hinterher. „Und es wäre gelogen, wenn ich nicht zugestehen würde, dass auch ich hoffe, von Ihnen lernen zu dürfen. Mir ist bewusst, dass weder mein Talent noch meine Fähigkeiten mit Dulacre mithalten können. Aber um ihn auf seinen Weg begleiten zu können, muss ich stärker werden.“ Für einige Atemzüge war sie still. „Zeig mir dein Schwert, Cho Jiroushin.“ Er tat, wie ihm geheißen. Sie nahm es entgegen und hob es hoch, hauchte es an, doch ihr Atem schien dabei so heiß zu sein, dass das Metall regelrecht erglühte. Eine Teufelskraft? Das war ihm nicht bewusst gewesen, aber natürlich könnte eine solche der Schmiedin bei ihrer Tätigkeit hilfreich sein. „Ah, du warst bei der Marine.“ „Woran…?“ „Das hier ist zwar kein offizielles Schwert der Regierung, aber von genau dem gleichen Schliff. Von genau dem gleichen Gewicht.“ Sie sah zu ihm auf, bewegte die Waffe dabei wie selbstverständlich in ihren Händen. „Es ist wie mit Schuhen, Junge. Man kann vorgefertigte Schuhe herstellen, sie werden der Mehrheit der Träger gut passen, ein paar wenigen sehr gut, einigen nicht so gut, dem ein oder anderen nahezu perfekt, aber niemandem, nicht einer Person, werden sie so perfekt passen, wie wenn sie genau für diese Person nach Maß angefertigt worden werden. Genauso verhält es sich mit dem Schwerte. Dein aufbrausender Freund wird mit jedem noch so schlechten Schwert - sagen wir – 80% seines Könnens zeigen können, mit dem Drachenschwert, welches er derzeit führt, wahrscheinlich sogar noch einiges Mehr, aber nie alles. Du hingegen, ohne dich zu kennen, ohne deinen Kampfstil zu kennen, kann ich dir hier und jetzt sagen, dass dieses Schwert hier nicht das Richtige für dich ist. Während dein aufbrausender Freund sein Können an die Qualität seines Schwertes anpassen muss, um dieses nicht zu zerstören, brauchst du ein Schwert, das auf deine Maße zugefertigt ist, um überhaupt deine Fähigkeiten anwenden zu können, nicht so eine Massenanfertigung.“ Er spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. Dafür war er nicht hergekommen, aber er spürte, wie die Ecken seiner Augen brannten, als diese Frau in Worte fasste, was er unbewusst gespürt, aber nie verstanden hatte. „Und sind Sie gewillt, mir bei der Suche des richtigen Schwertes zu helfen?“ Sie zuckte mit den Schultern und nahm einen erneuten Zug ihrer Pfeife. „Muss ich nicht, ich weiß, welche Waffe für dich geeignet ist, ich habe sie selbst gefertigt. Und ich weiß, welches Schwert für deinen aufbrausenden Freund geeignet ist. Aber beide sind derzeit verschollen.“ Sie wandte sich ab und schickte sich an, wieder ins Hinterzimmer zu gehen. „Warten Sie, Schmiedem…“ „Dein aufbrausender Freund sagte, euch wird derzeit ein Schiff gebaut?“ „Ja, aber…“ „Gut, das gibt mir ein paar Tage Zeit, meine Angelegenheiten zu regeln. Es ist wohl an der Zeit, die alte Schmiede meines verstorbenen Mannes zu schließen.“ Kapitel 5: Kapitel 5 – Der uneingeladene Fünfte ----------------------------------------------- Kapitel 5 – Der uneingeladene Fünfte   „… für zehn bis fünfzehn Leute ausgelegt, aber wie besprochen, sind die Anlagen auch mit nur drei bis vier Leuten bedienbar. Die meisten Räume sind an Makotos Größe angepasst, gerade das Bad und die Kombüse, nicht aber das Kapitänszimmer plus Vorzimmer, wie du es wolltest. Die Herausforderung eines funktionalen Kamins war sehr spannend, aber es ist mir denke ich zufriedenstellend gelungen. Ich bin noch nicht mit allen Details fertig, aber da du ja einen recht eigenen Geschmack hast, habe ich mir gedacht, dass wir die verschiedenen Designs vielleicht gemeinsam entwerfen und ich sie dann unterwegs nach und nach umsetze. Es hat übrigens echt Spaß gemacht, auch mal endlich mit Holz vom Adamsbaum arbeiten zu können, das hat mir die Umsetzung mit deinem Hakizeugs echt erleichtert. Oh, und ich hab noch eine Überraschung für dich, warte, warte, warte… tada!!!“ Ihre gelben Zöpfe hüpften auf und ab, während sie selbst von einem Bein aufs andere sprang und mit beiden Händen auf das kleine Schiff zeigte, welches gerade aus einer Öffnung im Heck herausglitt. „So, wie du es erzählt hast, hatte ich das Gefühl, dass du dich zum Kämpfen am liebsten etwas absetzt, also tada!!! Noch ein Extra Schiff. Es hat zwar natürlich ein Segel, aber ich hab es so gemacht, dass du es wirklich komplett durch dein Haki steuern kannst, so wie du es dir gewünscht hast. Und… ich weiß ja nicht, ob es jemandem aufgefallen ist, aber du magst es ja düster und daher – ist vielleicht ein bisschen morbide – dachte ich, die Sargform wäre schon ziemlich cool und ich denke…“ Sie sprach immer weiter, doch Jiroushin beobachtete Dulacre, sein erstarrtes Gesicht. „Tja, wie war das nochmal gewesen?“, murmelte er so leise, dass Maja ihn mit Leichtigkeit übertönte, aber ihm entging nicht, dass Makoto leicht den Kopf wandte; er hatte ein wirklich gutes Gehör. „Sie wird dich eh nicht zufriedenstellen können?“ Er musste gestehen, sie war genial. Das Schiff war im Groben fertig, von außen sah es bereits beeindruckend aus, dunkel, bedrohlich, etwas makaber mit den komplett schwarzen Segeln und den Grablichtern, aber von innen musste tatsächlich noch einiges getan werden – von Dulacres ganzen Spezialwünschen nach Geheimgängen und dergleichen mal ganz zu schweigen – und das konnte nun mal nur sie. Breit grinste sie: „Und? Und? UND?!“ „Es ist beeindruckend“, kam es direkt ganz ehrlich von Makoto. „Ich mag den Außenbereich. Danke, dass du für mich extra eine Rückzugsecke auf dem Deck am Heck gemacht hast.“ „Aber natürlich, Makoto! Ich hab auch schon so oft draußen geschlafen, weil ich mich verlaufen habe. Verstehe total, dass du gerne die Sterne nachts siehst.“ Dann sah sie wieder Dulacre an. Der immer noch nichts sagte. „Es ist wirklich beeindruckend“, stimmte Jiroushin mit einem breiten Grinsen zu. „Damit wird man uns garantiert für Piraten halten.“ „Wir sind keine Piraten.“ „Ich dachte, wir sind auch Piraten!“ Dulacres Widerspruch wurde mit Leichtigkeit von Maja übertönt, die sich an der Reling des oberen Decks festhielt und zu ihnen herunterbrüllte. „Du solltest das nicht so herumbrüllen, Maja. Es gibt hier viele Marinesoldaten und die jagen Piraten“, bemerkte Makoto dann nachdenklich. „Auf der anderen Seite gibt es niemanden, der mit unserem Kapitän mithalten kann.“ „Ich bin nicht euer…“ „So! Ich bin da! Wo ist mein Tee! Und irgendwer muss meine Sachen an Bord tragen. Eine alte Frau sollte das nicht selbst machen müssen.“ Dulacre starrte sie an, dann starrte er Jiroushin an. Es war selten, dass es Jiroushin gelang, ihn zu überraschen, aber wenn, dann in solchen Dingen. „Jetzt steh da nicht so herum, Junge. Komm und hol meine Sachen.“ Und genau das tat Dulacre, ohne ein Wort zu sagen, sprang vom Deck hinab und nahm die Koffer der alten Schmiedin entgegen. Dann folgte Mune Masato ihm überraschend geschwind jedoch die Strickleiter hinauf und zeigte, dass sie nicht gerade unter Altersschwäche litt. „Jiroushin“, knurrte Dulacre und schritt auf ihn zu, „wir müssen reden!“ „Aber nicht jetzt“, erklärte die Schwertschmiedin und zeigte mit ihrer langen Pfeife auf den Rand der Insel, wo gerade hinter den letzten Ausläufern der Werft weiße Segel auftauchten. „Ich denke, die sind wegen uns hier.“ „Was? Aber wir waren vorsichtig“, flüsterte Jiroushin. „Offensichtlich nicht vorsichtig genug“, entgegnete Dulacre, doch jetzt zeigte er ein leises Grinsen. „Nun gut, Maja, dann werden wir deine Kreation doch mal direkt dem Test aussetzen.“ „Dulacre, du kannst nicht…“ „Letztes Mal habe ich mich deinem Wunsch gebeugt und einen Kampf vermieden, sieh, wo es uns hingebracht hat. Dieses Mal bin ich nicht so milde, Jiroushin.“ Dies war der Moment, als Jiroushin es sah. „Nimm dieses Pack, nimm dieses Schiff und macht euch auf den Weg. So wahr dieses kleine Schiff in der Lage ist, werde ich euch einholen.“ Einen Moment starrten sie einander nur an. „Aye Kapitän.“ Dulacre sah ihn noch einen Moment an, dann nickte er und wandte sich um. „Ihr habt es gehört. Verlasst sofort mit diesem Schiff die Insel und wagt es nicht, euch in meinen Kampf einzumischen oder zu sterben, das ist ein Befehl.“ „Aye!“, sprachen Makoto und Maja einstimmig, er ernst, sie hibbelig. „Dann lass mich deine Fähigkeiten sehen, junger Schwertkämpfer“, sprach Mune Masato. Kurz sah Dulacre zu ihr herüber. „Wer hat dich eigentlich eingeladen, alte Frau?“ Sie grinste. „Dein Vize, und zwar auf Knien.“ „Tze“, schnalzte er auf. „Nun ja, darüber reden wir später, Jiroushin. Jetzt werden erstmal die Jäger zu Gejagten.“ Mit seiner üblichen Eleganz sprang er von Bord und kaum zwei Sekunden später eilte das kleine Boot in Form eines Sarges den Marineschiffen entgegen. „Oh, der Hakiantrieb funktioniert also wirklich“, rief Maja freudig und warf sich dabei erneut halb über die Reling. „Ihr habt den Kapitän gehört. Makoto, hilf mir, wir bringen schnell alles an Bord“, rief Jiroushin und einen Moment fühlte es sich so vertraut an, wie damals, vor wenigen Monaten, und gleichzeitig auch ganz anders. „Dann sehen wir mal, ob dein Schiff schwimmen kann, Maja. Setzen wir die Segel!“ „Denk dran, nicht zu schwer zu heben, Jiroushin. Lass mich die Sachen nehmen“, ermahnte Makoto, ganz der Arzt. Kaum zwei Minuten später bäumten sich die schwarzen Segel unter dem frischen Meereswind auf und brachte sie davon. „Warum passiert da hinten nichts?“, murmelte Maja und zeigte auf die Marineschiffe, die ihnen zwar nähregekommen waren, aber nicht die Verfolgung aufnahmen. Einen Steinwurf vor den fremden Schiffen war das kleine Schiff in Form eines Sarges. „Wollte er sie nicht angreifen?“ „Er wartet ab“, erklärte Jiroushin, hielt jedoch den Horizont vor sich im Auge. Natürlich hatte auch er das Navigieren und das Steuern eines Schiffes gelernt, aber es war nicht gerade der Bereich, in dem er sich besonders wohl fühlte. „Wenn wir zu nah sind, könnten wir in Mitleidenschaft gezogen werden.“ Er spürte Majas Blick auf sich. „Ist er so stark?“, fragte sie. Jiroushin brauchte nicht mehr antworten, als ein Beben durch das Schiff und das halbe Meer ging, das erste Schlachtschiff brach einfach auseinander. „Ah, ich verstehe“, sprach die Schwertschmiedin, als würde sie einen Fleck in einer Bluse begutachten. „Cho Jiroushin, du solltest uns noch weiter weg bringen, sonst wird der übernächste Angriff uns erfassen.“ „Tja, wenn der Wind nicht mitspielt, wird das schwierig.“ „Du kannst den Hakiantrieb nutzen“ rief Maja ihm zu und klatschte aufgeregt in die Hände. „Nein, ich bin mir nicht sicher, wie genau es funktioniert, und meine Hakireserven sind endlich. Um ein so großes Schiff zu beschleunigen, würde ich mich wahrscheinlich zu sehr verausgaben, als dass ich euch beschützen könnte, sollte einer der Soldaten oder eine Kanonenkugel es doch zu uns schaffen“, erklärte er unzufrieden. „Außerdem solltest du nicht so laut über die Eigenheiten dieses Schiffes reden. Wir sollten unsere Vorteile nicht an den… Feind verraten.“ Wenn er so drüber nachdachte, standen seine Chancen wirklich nicht so super. Seine Wunden waren zwar halbwegs verheilt und er war gewiss nicht schwach, aber ein ihm noch unbekanntes Schiff, ein Riese, der nicht kämpfen konnte, eine alte Frau und ein Mädchen. Dulacre hatte Recht, was hatten sie sich da zusammengesucht? „Gut mitgedacht, junger Vizekapitän“, erklärte die Schwertschmiedin und schritt auf Maja zu. „Nun denn, junge Schiffszimmerfrau, zeige mir, was du deinem Kapitän gezeigt hast. Vielleicht bin ich ja in der Lage, uns einen kleinen Anschub zu geben. Na guck nicht so überrascht, junger Vizekapitän. Ich mag zwar alt und aus der Übung sein, aber man sollte die Alten nicht unterschätzen.“ Das machte es deutlich. Jiroushin hatte sich zu sicher in der Marine gefühlt, mit seinem sicheren Job, seinen respektvollen Untergebenen und seinem aufmüpfigen aber einflussreichen Vorgesetzten. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass er Dulacre eh niemals würde einholen können, aber auch, dass Dulacre ihn eh jederzeit beschützen werden würde, dass er nachlässig geworden war. Und nun belehrte ihn eine alte Frau eines Besseren. Er musste stärker werden. Wie die Schmiedemeisterin vorausgesagt hatte, schaffte sie es nach wenigen Minuten, ihnen leicht Antrieb zu verschaffen, was sie schnell weiter fort brachte, während das zweite Schlachtschiff Dulacres Kraft zum Opfer fiel. Der dritte Angriff war so stark, dass eine kleine Flutwelle ausgelöst wurde, welche Water Seven heimsuchte. Dann war der Kampf auch schon vorbei. Wie so oft, wenn Dulacre kämpfte, vernichtend aber kurz. Fast schon wie ein Unbeteiligter segelte das kleine Schiff in Form eines Sarges zwischen den tobenden Wellen auf sie zu, fort von der Unglücksstelle. Sämtliche… da wurde es ihm bewusst, ja sämtliche Crewmitglieder waren am Hauptdeck und warteten auf ihn, ihren Kapitän. „Mir war nicht bewusst, wie stark er wirklich ist“, sprach Makoto dann ruhig. „Ach doch, er ist bereits jetzt einer der Stärksten unserer Zeit. Weißt du, er mag es warum auch immer gar nicht, aber einige nennen ihn bereits jetzt schon den…“ „Lass die Plauderei, Jiroushin.“ Dulacre war wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht, das kleine Schiff segelte ihnen noch weiter entgegen, als hätte es einen eigenen Willen. „UND?“, kam es von Maja direkt. „Wie fandest du es?“ „Zufriedenstellend“, entgegnete er kurz angebunden, „mir eurer Leistung allerdings weniger.“ Dabei sah er Jiroushin geradeheraus an. „Wovon redest du?“ „Tze, wirklich? Du hast es nicht bemerkt?“ Was hatte er nicht… oh nein! „Wo?“, fragte er und eilte herum, dann erst merkte er es und etwas wie Verzweiflung wuchs in ihm, aber mehr noch war es Wut. „Komm heraus“, sprach Dulacre mit einer tödlichen Kälte in der Stimme, „ich werde dir keine zweite Warnung geben, Fischmensch.“ „Was?“, flüsterte Makoto und griff ängstlich nach den Schultern der Schmiedin, wofür er sich regelrecht hinknieen musste und die dennoch winzig klein vor ihm wirkte. Eine Klappe zu einem Lager öffnete sich und ein Wels lugte hervor. Also natürlich was kein Fisch, aber er sah einem Wels sehr ähnlich, die langen Bartfäden, der breite Mund, die scharfen Zähne, das dunkelblaue, fast schwarze und klatschnasse Haar, die dunkle, grünliche Haut, die Brille auf der flachen Nase und Jiroushin erkannte ihn. „Der Sklave von der Werft“, murmelte er, erinnerte sich an den aufgebrachten Kaufmann und den… Fischmenschen, der ihn beruhigt hatte. „Was macht der hier?“ „Maja, ich denke, die Geschützpforten sind überarbeitungsbedürftig. Wir sollten es Fremden nicht zu einfach machen, ins Innere dieses Schiffes zu gelangen.“ „Jawohl!“ Sie schien bereits auf Papier zu kritzeln. „Und nun zu dir“, sprach Dulacre kalt aus, zog sein Schwert und schritt auf den blinden Passagier zu. „Warte“, warf Jiroushin ein, folgte ihm und legte ihm eine Hand auf den Unterarm, „lass uns erst herausfinden, warum er hier ist, wer ihn geschickt hat.“ Noch einen Moment starrte Dulacre ihn mit diesen grellen Augen an, dann nickte er und gab Jiroushin den Weg frei. „Komm heraus“, sprach er daher, „aber denke nicht dran, irgendetwas Unüberlegtes zu tun, mein Kapitän würde dich sofort töten.“ „Ich tu nichts“, flüsterte er, Wasser ran seine Schläfen hinab, oder war es vielleicht Schweiß, dann kam er hektisch atmend ans Deck geklettert. Er war groß, nicht so groß wie Makoto natürlich, aber überragte Dulacre und Jiroushin doch um mindestens eine Armlänge, wenn er sich aufrichten würde, nun jedoch hockte er sich mit erhobenen Händen auf die Knie und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Bitte, tötet mich nicht“, flüsterte er. „Bitte, ich kann euch von Nutzen sein. Ich kenne mich mit dem Meer und dem Navigieren aus. Seht, ich habe sogar einen Log Port. Bitte verschont mich.“ Jiroushin wollte etwas entgegnen, da legte Dulacre ihm eine Hand auf die Schulter und schritt neben ihn. „Du bist ein Sklave“, stellte er fest. „Ja“, gestand der Fischmensch und senkte das Haupt, sodass man das Mal auf seinem Hals nicht sehen konnte. „Herr Kotekura erwarb mich vor 20 Jahren, kurz nachdem ich gefangen wurde. Er ist ein guter Herr. Dies hier ist nicht in seinem Sinne geschehen, bitte, er… er weiß nicht, was ich getan habe.“ „Du bist also abgehauen“, fasste Jiroushin zusammen. „Warum? Sagtest du nicht gerade, dass dein Herr ein guter Mensch sei?“ Der Fischmensch zuckte unter seinen Worten zusammen. „Antworte“, befahl Dulacre kalt. „Es… es tut mir leid“, sprach er schnell. „Ich… ich habe die Herren reden gehört, auf der Werft und… und danach habe ich mitbekommen, wie die Herren auf die junge Dame trafen und ich… Verzeiht, aber ich kam den Herren nach. Das Schiff meines Herrn wird derzeit repariert und er gab mir freie Zeit, und da hab ich…“ „…uns belauscht“, beendete Dulacre mit einem gefährlichen Unterton. „Du musst gute Ohren haben, ich hätte dich bemerkt, wenn du uns nahegekommen wärest.“ „Oh ja, Herr! Ich habe gute Sinne – bis auf die Augen – aber sowohl mein Gehör- als auch mein Geruchs- und mein Tastsinn sind den meisten… nicht nur den meisten Menschen, sondern auch den meisten Fischmenschen überlegen. Deswegen ließ Herr Kotekura mich zum Navigator ausbilden. Er sagte, ich habe Talent. Deshalb kann ich euch nützlich sein. Bitte tötet mich nicht, lasst mich euch dienen.“ „Verstehe ich das richtig?“, gesellte sich nun die alte Schwertschmiedin dazu. „Du bist vor deinem Herrn von über 20 Jahren auf dieses Schiff geflohen, um nun…“ Sie verstummte, als Dulacre nach vorne schritt und den Fischmenschen am Kragen packte. „Willst du mich verarschen?!“ „Dulacre, nicht!“ „Halt die Schnauze! Mit dir rede ich nicht!“ Dulacre riss den anderen beinahe zu Boden und thronte nun über ihn, starrte auf ihn mit einer Abscheu hinab, die Jiroushin noch nie in seinem Leben gesehen hatte. „Wie schwachsinnig kann man sein?! Wie dumm, blöde, einfältig, hirnrissig, engstirnig, geistig beschränkt kann man eigentlich sein?! Wage, es nicht, darauf zu antworten, du zu groß gewordener Karpfen! Was hast du dir gedacht? Was für einen Schwachsinn hast du dir zusammengedacht? Fliehst vor deinem Herrn auf ein fremdes Schiff von einem gesuchten Verbrecher und bietest dich dann diesem als Sklave an? Willst du mich eigentlich völlig verarschen?!“ Niemand sagte etwas, während er den Fischmenschen anschrie, der sich vor ihm zusammenkauerte, sich nicht traute nach der Brille zu greifen, die ihm heruntergefallen war. „Was für eine Beleidigung! Was für eine Torheit! Erkämpfst dir deine Freiheit und gibst sie dann einfach so ohne Gegenwehr her. Lächerlich.“ Er wandte sich um und ging. „Du… Dulacre?“, rief Jiroushin ihm hinterher. „Wie lautet dein Befehl? Was sollen wir mit ihm machen?“ „Ist mir doch egal. Werft ihn von Bord oder lasst ihn bis zur nächsten Insel bleiben. Soll mir dieser Schwächling nur nicht unter die Augen treten.“ „Warte… Kapitän?“, rief Maja ihm hinterher. „Was denn noch?!“ „Du musst dem Schiff noch einen Namen geben.“ „Das stimmt“, murmelte Jiroushin nach einem Moment. „Es bringt Unglück auf einem namenlosen Schiff die Meere zu bereisen.“ „Verschont mich mit diesem Unsinn. Außerdem hat dieses Schiff bereits einen Namen.“ „Ach wirklich?“ „Natürlich. Es ist die Oseberg.“ Dann schritt Dulacre auf die Schmiedemeisterin zu. „Es wird Zeit, dass wir reden, alte Frau.“ Sie nickte. „Das ist wohl wahr. Nun denn, Bursche, zeige mir den Weg.“ „Was? Was ist das denn für ein Name?“, murmelte Maja, als die anderen beiden unter Deck verschwanden. „Und was machen wir jetzt?“ „Uns um den blinden Passagier kümmern“, entgegnete Jiroushin und sah zum Fischmenschen, der immer noch auf dem Boden hockte, den Kopf gesenkt. „Tut mir leid, er wird leicht aufbrausend.“ Der Fischmensch schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon gut. Er hat ja Recht. Was hab ich mir gedacht? Ich kenne niemanden von euch. Außer sein Gesicht vom Steckbrief. Mein Herr war gut, hat mich immer gerecht behandelt. Mich in vielem ausgebildet, respektiert, obwohl ich ein Fischmensch bin, ein Sklave noch dazu.“ „Warum bist du dann vor deinem Herrn geflohen?“, fragte Jiroushin und der Fischmensch sah zu ihm auf. „Ich kann es nicht sagen. Ich war immer zufrieden mit meinem Leben, aber als ich euch reden hörte… Ich war noch jung, als man mich gefangen nahm, ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich je wieder Nachhause könnte, aber als ich euch reden hörte… Bitte werft mich nicht über Bord. Ich… ich bin es nicht gewohnt, zu schwimmen. War schon Jahre nicht mehr im freien Meer ohne Schiff unterwegs. Es wäre mein Todesurteil.“ Jiroushin sah auf, als Makoto ihm eine Hand auf die Schulter legte und sich neben ihm hinkniete, er lächelte. „Ich bin Makoto, ich bin der Arzt dieser Crew“ – seine Stimme hüpfte ganz sachte, als er diese Worte aussprach, als würden sie ihm große Freude bereiten – „wie heißt du?“ „Onamatsu“, antwortete der Fischmensch sofort. Makoto sah zu Jiroushin hinab. „Bitte, lass ihn bleiben. Können wir ihn nicht Nachhause bringen?“ Jiroushin begegnete Makotos warmen Blick, so klar und blau wie das Meer an einem herrlichen Sommertag, dann seufzte er. „Ich habe keine Einwände, dass du hier bleibst, Onamatsu. Aber ich kann dir nicht versprechen, ob oder wann wir das Sabaody Archipel ansteuern werden. Solche Entscheidungen liegen beim Kapitän.“ „Vielen Dank!“ Der Fischmensch warf sich auf den Boden, die Stirn auf den Boden gepresst, die Hände flachgedrückt. „Ich werde mich als nützlich erweisen.“ „Hör auf damit.“ Onamatsu sah fragend zu ihm auf. „Du bist doch vor deinem Herrn geflohen, nicht wahr? Das bedeutet, dass du nun herrenlos bist. Oder anders ausgedrückt, dein eigener Herr. Du bist frei und brauchst vor niemandem mehr auf Knien um Gnade zu betteln.“ „Aber Herr Mihawk…“ „… hat ganz deutlich zu verstehen gegeben, dass er kein Interesse daran hat, dein Eigentümer zu werden. Du bist kein Sklave mehr, Onamatsu, gerade jetzt bist du unser Gast.“   Am Abend suchte er Dulacre am Bug des Schiffes – ihrer Oseberg – auf. Die anderen waren am oder unter Deck, ließen sie in Ruhe. Für mehrere Minuten standen sie beide einfach nur da und sahen aufs dunkler werdende Meer hinaus. „Du hast ihn bleiben lassen“, stellte Dulacre schließlich fest. „Naja, du hast es erlaubt.“ „Was stellst du hier für eine Truppe zusammen, Jiroushin?“ „Ich? Gar keine. Du bist derjenige, der die Entscheidungen fällt. Aber ganz gleich, was du vorhast, für eine Reise um die Welt brauchen wir Unterstützung.“ Dulacre schnalzte mit der Zunge, offensichtlich unzufrieden über eine solche Behauptung. Aber nicht halb so unzufrieden wie Jiroushin. „Weißt du“, sprach er daher weiter und packte die Reling fester, „heute war ein… lehrreicher Tag. Im Calm Belt habe ich mir noch nichts so viele Gedanken gemacht. Du warst mit… der Marine beschäftigt und wir wurden von den Seekönigen überrascht, es war halt einfach Pech. Aber heute… Ich glaube, ich bin mit den vergangenen Jahren nachlässig geworden. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass du eh immer stärker sein wirst als ich, immer auf mich aufpassen wirst, dass ich… Ich bin nicht würdig, dich auf deiner Reise zu begleiten. Ich kann nicht mal mich selbst beschützen und jetzt… Wie soll ich denn sie beschützen?“ Wieder war es eine lange Zeit still zwischen ihnen. Früher hatte Jiroushin seine Ängste ganz offen mit dem mutigen, dreisten, aber auch neugierigen Hawky geteilt, aber das lag lange zurück. Gefühlt ein ganzes Leben. „Ich bin stark genug“, sprach Dulacre schließlich mit einer Klarheit und einem Stolz aus, der Jiroushin einschüchterte. „Ja, es stimmt, du bist nachlässig geworden, aber dir hat es immer schon an Kampfeslust gefehlt, mich hat das daher nie überrascht und es ändert auch nichts an der Situation. Ich bin stark, stark genug, dich zu beschützen und… meinetwegen auch… sie. Niemand kann mich aufhalten.“ Da war er also doch noch, irgendwo da unten, tief drin, sein allerbester Freund. „Sag mal, Ha… Dulacre, was ist eigentlich der Sinn dieser Reise? Was hast du vor? Weshalb hast du genau jetzt entschieden, die… Marine zu verlassen?“ Er merkte den Blick des anderen auf sich, traute sich jedoch nicht, ihm zu begegnen. „Wovon redest du? Ich habe es dir doch gesagt, ich hatte keinen Plan? Es hatte keinen tieferen Sinn.“ „Was?“ Nun sah er ihn an. „Dann, warum?“ Nun sah Dulacre aufs Meer hinaus. „Dulacre?“ „Weißt du, was ich am meisten verachte?“ Er entgegnete nichts. „Scheinheiligkeit. Ich hasse scheinheiliges Verhalten. Was kümmert es mich, ob Menschen stark, schwach, gut, böse sind oder was auch immer. Sie sind mir egal, sie kümmern mich keineswegs. Aber… wenn jemand Respekt für etwas erwartet, was er nicht ist, nicht verdient hat, dann… das macht mich wütend.“ „Wovon sprichst du?“ Dulacre sah sie an. „Als ich ankam, war… es war keine Befreiung, Jiroushin, es war… Diese Soldaten waren die Belagerer. Sie waren geschickt worden, um die Bevölkerung der Insel vor wiederholenden Raubzügen von irgendwelchen Banditen zu beschützen, aber sie blieben, um… Sie führten sich wie die rechtschaffenden Götter auf, welche die Bürger beschützen, gleichsam nahmen sie alles von diesen Menschen, zerstörten, plünderten, töteten, vergewaltigten, genauso wie die Räuber zuvor, vielleicht sogar schlimmer, da die Räuber nur Geld und Gold hatten haben wollen.“ „Was?“ „Versteh mich nicht falsch. Ich habe kein Mitleid mit jenen Menschen. Sie interessieren mich nicht. Es ist, wie so oft, bei Befreiungen, der Sieger stellt es als Heldentat dar, aber für das einfache Volk ändert sich nur der Name der Hand, die sie unterdrückt. Bei dieser Insel war es nicht anders. Kein Wunder, dass sie sich in ihrer Verzweiflung sogar an Piraten wandten. Und… diese schwachen Soldaten, sie schwafelten von Gerechtigkeit, von ihrer Macht als Marine, dabei waren sie genauso verdorben, genauso schwach. Sie schafften es nicht mal, sich gegen eine so kleine Flotte an Piraten zu wehren. Wie erbärmlich.“ Er schien einen Moment zu zögern. „Du bist naiv, Jiroushin. Du glaubst an die Lehren der Marine und vielleicht, wenn sie alle so wären wie du, hättest du sogar Recht. Aber es ist nur ein scheinheiliger Misthaufen voller scheinheiliger Mistkerle, welche die Macht anderer nutzen, um sich selbst zu bereichern. Also nein, ich war nicht mehr gewillt, ihnen meine Macht zu leihen, und ich entschied, sie dafür zahlen zu lassen, dass sie sich auf meiner Macht ausgeruht hatten. Dass sie meine Macht für sich missbrauchten hatten.“ Wieder schwiegen sie, während Jiroushin verarbeitete, was Dulacre ihm nun sagte. Es erschütterte ihn, das war die Wahrheit. Natürlich wusste er, dass es auch in der Marine schwarze Schafe gab, aber das… das wollte er nicht glauben, obwohl er natürlich wusste, dass Dulacre ihn nicht anlog. Dafür gab es keinen Grund. „Gehöre ich nicht auch dazu? Ich habe mich darauf verlassen, dass du mein Vorgesetzter warst, und bin träge geworden“, meinte er dann nach einer Weile. „Aber du hast meine Macht nie für deine Zwecke ausgenutzt, du hast sie nie als deine dargestellt, nie scheinheilig mein Können als das deine ausgegeben. Außerdem habe ich sie dir immer willentlich gegeben. Ihnen nicht.“ Jiroushin schwieg. Er wollte Dulacre sagen, dass da doch etwas von Gerechtigkeit in seinen Gedankengängen steckte, auch wenn er selbst es vielleicht nicht einsehen wollte, aber er war sich nicht sicher, wie klug es wäre, Dulacre darauf hinzuweisen. Es schien ihm beinahe so, als wollte Dulacre all dieses Gute in ihm, weshalb er Jiroushin damals vor seinen Mobbern gerettet hatte, niedertrampeln und herauskratzen, wie ein lästiges, eingewachsenes Haar. „Also“, sprach er stattdessen, „hast du wirklich nicht geplant, die Marine zu verlassen? Du hast einfach nur…?“ „Eine Kurzschlussreaktion gehabt, genau.“ „Und Logue Town?“ „Ich war neugierig.“ „Water Seven?“ „Naja, ich hatte keine Ahnung, was ich tun könnte, daher… Sie schuldete mir noch eine Erklärung. Übrigens, wie hast du es geschafft, dass sie uns begleitet?“ „Ich war ehrlich… und höflich.“ „Ah, ja, das erklärt es.“ Er konnte das leise Schmunzeln in Dulacres Stimme hören. „Sag mal, Kapitän, was bedeutet das dann jetzt? Was ist unser Ziel? Was tun wir? Wir könnten Onamatsu – der Fischmensch – zum Sabaody Archipel bringen, damit er nach Hause kann. Aber… ist das alles, was wir nun tun werden? Von Zufall zu Zufall schippern und hoffen, dass uns die Marine nicht über den Weg läuft?“ „Ich bin nicht dein Kapitän“, erklärte Dulacre kühl und rollte mit den Augen. „Lasst doch diesen Unsinn.“ „Hör auf, es zu leugnen und beantworte meine Frage.“ Sie sahen kurz einander an, dann zuckte Dulacre mit den Schultern. „Es stimmt, ich hatte keinen Plan, aber bemerke, welche Zeitform ich benutze. Die Dinge haben sich geändert und ich bin nicht gewillt, Rücksicht auf die Wünsche irgendeines blinden Passagiers zu üben. Soll er froh sein, dass ich ihn nicht köpfe. Nein, ich habe jetzt andere Ziele von entscheidender Wichtigkeit.“ „Ach so?“ „Ja. Sie hat es dir auch erklärt, nicht wahr? Dass unsere derzeitigen Schwerter nicht ausreichend sind für das, was wir wollen?“ Jiroushin wurde ganz kalt unter Dulacres eindringlichen Blick. „Sie hat mir gesagt, welche Schwerter besser geeignet wären.“ „Sie sagte, die Schwerter seien verschollen.“ „Und wir werden sie finden.“ Nun grinste Dulacre breit und seine Augen leuchteten regelrecht im kraftvollen Licht der Abendsonne. „Dulacre?“ „Und dann… dann kann ich vielleicht endlich mit Stolz jenen Titel tragen.“ Jiroushin senkte den Blick. Er hatte nicht solche großen Ambitionen. Er musste nicht zu den besten Schwertkämpfern der Welt gehören – den Titel, den Dulacre derzeit noch ablehnte – aber nach heute, ja, auch er wollte stärker werden.   Kapitel 6: Kapitel 6 – Der verschollene Sechste ----------------------------------------------- Kapitel 6 – Der verschollene Sechste   „Mmmmm… Mmmmmm… MMMMMMMMM…“ „Was schaust du denn so unzufrieden?“, fragte Jiroushin, als er an Maja vorbeilief, die mit verschränkten Armen zum Segel hinaufstarrte, offensichtlich unzufrieden. „Ich mag den Jolly Roger nicht“, grummelte sie und sah ihn mit leidigem Blick an. „Ich dachte, Piraten hätten immer einen Totenschädel und was haben wir? Ein blödes Kreuz, voll langweilig.“ „Ein Grabkreuz, wenn ich bitten darf“, entgegnete Dulacre, der gerade ebenfalls an Deck kam. Er hatte den ganzen Morgen mit Masato wiedermal im Kaminzimmer verbracht, sogar das Frühstück verpasst. „Und wie oft muss ich es dir noch sagen, Maja? Wir sind keine Piraten, daher brauchen wir auch keinen Jolly Roger. Außerdem ist es schlicht schicker.“ Dann schritt er weiter und mit einem Schmunzeln beobachtete Jiroushin, wie Maja ihn wortlos nachäffte. „Das habe ich bemerkt. Bist du dir sicher, dass du meinen Zorn heraufbeschwören möchtest?“ Sie erstarrte, aber Jiroushin musste immer noch grinsen, dann wandte er sich ebenfalls dem Meer zu. Ihr Logport hatte das nächste Ziel anvisiert. Sakidō. Er wusste nicht wirklich viel über die Insel, außer dass sie zu einer Inselgruppe gehörte, deren größte Insel – Paina – ein beschauliches Städtchen ideal zum Einkaufen hatte. So weit er wusste, war Sakidō unbewohnt, nur Wald und Tiere, mehr nicht. „Warum hat der Logport uns ausgerechnet hierhin geführt?“, murmelte er. „Sprich nicht so, als ob dieser Gegenstand einen eigenen Willen hätte. Die Nadel richten sich nun mal nach dem stärksten Eisenerz aus und das liegt auf dieser kleinen Insel, nicht auf der Hauptinsel.“ Jiroushin sah ihn von der Seite her an. „Na, du bist heute aber gut drauf.“ „Tatsächlich bin ich das.“ „Merkt man dir nicht an.“ Nun begegnete Dulacre seinem Blick mit hochgezogenen Augenbrauen, doch dann nickte er nach vorne. „Auf dieser Insel gab es vor kurzem einen Kampf.“ „Was?“ Manchmal waren die Fähigkeiten seines Kapitäns einfach nur unheimlich. „Und wenn ich mich nicht ganz irre, war hier die Niederlassung einer geheimen Marinebasis für eine Spezialoperation, die dazu dienen sollte, die Mafia auf Paina auszuschalten.“ „Du bist gut informiert“, bemerkte Masato, die nun ebenfalls die Treppen zum Bug hochkam, wie immer ihre Pfeife im Mundwinkel. „Sollten wir uns keine Gedanken machen, wenn wir nun auf Soldaten treffen werden?“ „Ich bin nur aufmerksam. Aber kein Grund zur Beunruhigung. Sollte noch jemand dort leben, so stellt doch niemand eine Gefahr für mich dar.“ „Kapitän!“ Onamatsu kam herbeigeeilt. Er war heute mit Küchendienst dran. Obwohl Dulacre ihm die Möglichkeit gegeben hatte, sie zu verlassen, war Onamatsu geblieben. Hatte darum gebeten, dass sie ihn auf ihrer Reise mitnehmen würden, bis sie irgendwann das Sabaody Archipel erreichen würden. Er hatte Angst, alleine in diesen Gewässern zu bleiben, da er als entflohener Sklave mit schlimmer Bestrafung rechnete. Als Gegenleistung hatte er seine Dienste als Navigator angeboten. Nicht als Sklave. Nachdem er dies so ausdrücklich angeboten hatte, war Dulacre auf den Vorschlag eingegangen, aber Jiroushin konnte nur erahnen, was seine Gedanken gewesen waren. „Ich nehme einen ganz unangenehmen Druck von Insel wahr. Die Strömung ist auch sehr ungewöhnlich, als wollte sie verhindern, dass man zu leicht die Insel wieder verlassen könnte. Bist du sicher, dass wir hier an Land gehen sollten?“ Dulacre seufzte und Onamatsu verspannte sich augenblicklich. „Wohin zeigen die Nadeln des Log Ports?“, fragte er schlicht. „Alle auf diese Insel“, antwortete Onamatsu kleinlaut. „Da hast du die Antwort auf deine Frage, Navigator. Außerdem brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ganz gleich, was auf dieser Insel geschieht, weder Strömung noch Gegner werden uns aufhalten, schließlich bin ich hier.“ „Du gibst heute ganz schön an“, bemerkte Jiroushin mit einem leisen Schmunzeln. Dann merkte er, wie das Schiff schneller wurde. „Oh, das ist die Strömung“, erklärte Onamatsu, der mit seinen feinen Sinnen ganz sensibel auf das Wetter und das Meer reagierte, seine Bartfäden zitterten. „Sie wird uns an Land bringen.“ „Na dann“, erklärte Dulacre und faltete die Arme. „Macht euch bereit.“ Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie schließlich angelegt hatten. Während Dulacre bereits ohne viel Federlesen das Schiff verlassen hatte, sprach Jiroushin kurz noch mit den anderen. Masato bot an, an Bord zu bleiben, sodass die übrigen von ihnen erkunden gehen konnten, worauf vor allem Maja sich freute. Onamatsu wirkte unruhig, doch Makoto konnte ihn beruhigen, dass Dulacre sie schon gewarnt hätte, wenn auf dieser Insel eine Gefahr für sie bestehen würde. Und so gingen sie an Land. „Ich mag nicht, wie es hier riecht“, murmelte Onamatsu und hielt sich eine Hand vor die Nase. „Nach Verwesung.“ „Dann hat Dulacre Recht gehabt. Es gab einen Kampf“, erklärte Jiroushin und sah zu Maja hinab. „Hör mal, ich denke, es wäre besser, wenn du vielleicht zusammen mit Onamatsu…“ „Nein“, widersprach sie salopp und verschränkte die Arme hinterm Rücken, während sie weiterschritt, als wäre das hier ein Spaziergang. „Wir sind Piraten und als Piraten werden wir noch viele Schlachtfelder sehen. Außerdem will ich gucken, ob es vielleicht noch irgendetwas nützliches gibt, was ich mitnehmen kann. Bin immer auf der Suche nach kleinen Schätzen für meine Werkstatt, und die Toten brauchen die Sachen eh nicht mehr.“ Nicht überzeugt wollte Jiroushin etwas klarer in seiner Aussage werden, aber Makoto beugte sich zu ihm hinab. „Keine Sorge, ich passe schon auf, dass sie nicht mehr sieht als nötig.“ Das solltest du auch nicht, dachte er leise. „Och man, Makoto! Behandle mich nicht immer wie ein Kind.“ „Aber du bist eines.“ So ging es noch etwas länger, bis sie dann schließlich ebenfalls die Lichtung erreichten, an der Dulacre stehen geblieben war. Sie war nicht besonders groß, aber groß genug für das Massaker, dass hier stattgefunden hatte. Die Soldaten lagen teils auf einem Haufen, manche lagen mit dem Gesicht im Dreck am Rande der Lichtung, klaffende Wunden im Rücken. Ein paar wenige lagen mit dem Rücken auf der Erde, offensichtlich ihren Wunden erlegen. „Oh Gott“, flüsterte Makoto und seine Stimme zitterte. „Was für eine schreckliche Schlacht.“ „Es war keine Schlacht“, sprach Dulacre, „sondern…“ „…eine Hinrichtung“, beendete Onamatsu den Satz und sicherte sich aller Aufmerksamkeit. „Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht… Ich weiß, nicht, weshalb ich das gesagt habe.“ „Weil es stimmt“, murmelte Jiroushin und bedachte seine gefallenen Kameraden. Es war grausam und er merkte, wie ihm die Augen brannten, aber er schluckte die Gefühle herunter, wie er es gelernt hatte. „Sie wurden überrascht, seht ihr den Späher dahinten im Baum. Er wurde von der Basis aus getroffen, nicht von außerhalb. Das heißt, sie wurden verraten, waren vermutlich gerade kurz vor einem Schichtwechsel. Die meisten Soldaten machten sich bereit fürs Nachtlager, wurden auf einen Schlag hingerichtet. Die wenigen übrigen versuchten, zu kämpfen oder zu fliehen.“ „Aber… warum ist hier nichts mehr?“, fragte Maja, die ähnlich wie Dulacre langsam über die Lichtung schritt und sich aufmerksam umsah. „Kein Zelt oder was auch immer als Basis diente, keine Waffen, nicht mal ein Kochtopf. Als wäre alles mitgenommen worden.“ „Genau das ist auch passiert“, erklärte Dulacre kühl und kurz lag sein Blick auf Jiroushin; sie beide wussten, wer hierfür verantwortlich war. „Alles, was auf die Aufgabe der Soldaten oder ihre Verräter hätte hinweisen können, wurde entfernt. Deshalb wurden sie auch nicht erschossen, nicht mal Kugeln wurden zurückgelassen. Nur die wertlosen Leichen wurden liegengelassen, verschollene Soldaten, mehr nicht. Und wenn doch jemand sie finden würde, würde man einfach davon ausgehen, dass sie Piraten zum Opfer fielen, welche ihnen alles nahmen und sie dann hier hinrichteten.“ „Das ist so grausam“, flüsterte Makoto, der immer noch am Rand der Lichtung stand. Vielleicht sollte Jiroushin ihn mit Onamatsu zurückschicken. „Kapitän“, murmelte der Navigator jedoch dann unsicher, „ich glaube…“ „Ich weiß“, unterbrach Dulacre ihn. Er war am anderen Ende der Lichtung stehen geblieben und starrte in den Wald hinein. Doch obwohl Jiroushin sein Observationshaki auf Alarmbereitschaft hatte, konnte er nichts wahrnehmen, außer Tiere, manche von ihnen offensichtlich nervös – ob der Schlacht oder der Neuankömmlinge wegen – aber nichts Gefährliches. „Bleibt hier“, sagte Dulacre dann, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als wäre er neugierig. „Ist es gefährlich?“, fragte Makoto. „Nein, aber ich will nicht, dass ihr ihn verschreckt. Vor allem du nicht mit deiner monströsen Größe.“ „Entschuldigung.“ „Tze, entschuldige dich doch nicht dafür, also wirklich.“ Kurz noch sah Dulacre zu Jiroushin hinüber, dann ging er einige Schritte in den Wald hinein. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Onamatsu, der immer noch zögerlich Dulacre hinterher sah. „Wir sollten zum Schiff zurückkehren. Hier gibt es keinen Grund für uns, zu bleiben“, entschied Jiroushin, der an Dulacres Launen nur zu gewöhnt war. „Können… können wir sie vorher begraben?“ „Ach, Makoto…“ „Bitte. Das hier ist nicht richtig. Sie wurden ermordet und dann hier liegen gelassen wie… wie Müll. Aber sie alle hatten ein Leben, Familie, Freunde, Träume. Wir sollten sie begraben. Das haben sie verdient.“ Seufzend ergab Jiroushin sich der Güte des Schiffsarztes. „In Ordnung, Onamatsu, komm, hilf mit, zu dritt sind wir schneller.“ Also begannen sie die grausige Arbeit. Mit seinen bloßen, großen Händen hob Makoto die Gräber aus, irgendwann half ihnen auch Maja, die zwischenzeitlich zum Schiff zurückgegangen war, um Geräte zu holen, von denen Jiroushin nicht gewusst hatte, dass sie die an Bord hatten. Immer wieder schaute Onamatsu in die Richtung, in der Dulacre verschwunden war. „Was ist denn?“, fragte Jiroushin, als er eine Pause machen musste, da sein Brustkorb unangenehm schmerzte und Makoto ihn zur Vorsicht ermahnte, sich nicht zu überanstrengen. „Ich glaube… es gibt einen Überlebenden.“ „Was?“ Das war überaus unwahrscheinlich. Die Handschrift war eindeutig und diese Leute begangen normalerweise nicht solche Fehler. „Ich bin mir nicht sicher. Es ist… kein Mensch, denke ich, aber ich weiß es nicht wirklich.“ „Ein Überlebender?“, fragte Makoto und richtete sich auf. „Dann muss ich helfen gehen.“ „Jetzt warte doch“, rief Jiroushin ihm nach. „Dulacres Worte waren eindeut… ach, egal. Lasst uns das hier fertig machen.“ Zu dritt brauchten sie nun etwas länger, aber die meisten Arbeiten waren schon erledigt gewesen. Immer wieder hallten Makotos und Dulacres Stimmen zu ihnen herüber, allerdings weder laut noch drängend genug, als dass Jiroushin sich Sorgen machte. „Worüber reden sie?“, fragte er Onamatsu, der das bessere Gehör hatte. „Makoto möchte den Überlebenden mitnehmen, der Kapitän ist davon nicht begeistert.“ „Ach, was eine Überraschung“, murmelte Jiroushin nur und richtete sich auf. Sie waren fertig. „Hier“, rief Maja und brachte einen Stein heran. Fragend begutachtete Jiroushin sie. „Naja, es ist doch ein Grab. Dann sollte auch ein Grabstein drauf… Wo ich so drüber nachdenke…“ Sie ließ den Stein fallen und eilte davon. „Onamatsu, hilf mir mal, der hier ist mir zu schwer.“ Kurz noch sah Jiroushin zu ihnen herüber, doch dann wurde er abgelenkt, als Makoto und Dulacre zwischen den Bäumen wieder auftauchten, aber niemand Drittes war dabei. Jiroushin begutachtete den Riesen, doch er trug niemanden. „Ich dachte… Onamatsu sagte, es hätte einen Überlebenden gegeben.“ „Korrekt“, nickte Dulacre kurz angebunden. „Makoto darf ihn als Haustier behalten.“ „Was?“ Doch Dulacre nickte nur zum Riesen. Dort, auf dessen Schulter saß etwas, ein Vogel. „Ist das… ein Rabe?“, fragte Jiroushin. „Es ist ein Mensch“, erklärte Makoto sofort. „Der Kapitän sagt, es sei ein Mensch. Aber er könne sich nicht verwandeln.“ „Eine Teufelskraft“, murmelte Jiroushin und wandte sich Dulacre zu, „ist es seine oder wurde er von einer anderen verflucht?“ Während er sprach, brachten Onamatsu und Maja weitere Steine heran und drückten sie in Form eines Grabkreuzes in die Erde. Am Kopf grub Maja etwas ein, was wie die Wurzeln einer Pflanze aussah. „Fertig!“, rief sie zufrieden aus und rieb sich über die verschwitze Stirn. „Vermutlich seine eigene“, erklärte Dulacre, der nicht mal stehen blieb, sondern weiter Richtung Schiff ging. „Oh cool! Wie bei Masato?“, fragte Maja dann und hüpfte ihm nach. „Nein, natürlich nicht. Masato besitzt eine besondere Kraft der Logia Teufelsfrüchte. Die Feuerfrucht gilt als unglaublich mächtig. Hierbei handelt es sich um eine ganz gewöhnliche Kraft der Kategorie Zoan. Vermutlich eine Vogelfrucht des Typs Rabe. Wirklich nichts Besonderes.“ „Warum kann er sich dann nicht verwandeln?“, hakte Maja nach. „Tja, vermutlich Dummheit. Er wirkt nicht besonders intelligent auf mich… Allerdings trifft das auf die meisten Menschen zu.“ „Woher weißt du das alles?“, fragte Maja. „Kann er etwa als Rabe reden?“ Dulacre entgegnete nichts. „Nein, kann er leider nicht“, antwortete entgegen Makoto, „oder zumindest macht er es nicht. Aber der Kapitän kann mit ihm über die Gedanken kommunizieren.“ „WOW!“ „Sei nicht so überrascht, Maja“, schelte Dulacre sie zugleich, „es ist nur die feine Anwendung von Observationshaki. Nichts, was besondere Aufmerksamkeit bedarf.“ „Obsersavtionshaki“, murmelte Jiroushin. „Kannst du es auch?“, fragte Onamatsu ihn, woraufhin er mit den Schultern zuckte. „Müsste ich mal ausprobieren.“   Ja, er hatte recht schnell den Dreh rausbekommen, hatte herausgefunden, dass der Rabe Sado hieß und tatsächlich ein Mensch war, der seine eigene Teufelskraft nicht gut – oder eher gar nicht – kontrollieren konnte. Aber die Kommunikation war schwierig, da der Fremde seine Gedanken sehr klar formulieren und konzentrieren musste, damit Jiroushin sie überhaupt wahrnehmen konnte. Es war nicht so einfach, wie in einem Kampf, wo vor allem Instinkte und kurze, prägnante Gedanken das Handeln beherrschten. Oft waren es nur einzelne Wortfetzen, die bei ihm ankamen und aus denen er den Sinn per Fragen herausfiltern musste, welche der Rabe mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. Der Fund des Raben lag nun schon ein paar Tage zurück, aber sie waren immer noch nicht weiter darin gekommen, dem Fremden aus seiner Gestalt zu helfen; Onamatsu hatte sogar schon den Zweifel geäußert, dass der Fremde sich vielleicht gar nicht verwandeln wollte, weil er sie als Gefahr wahrnahm. Aber Jiroushin teilte diese Sorge nicht. Sein Observationshaki war gut genug, um die Verzweiflung deutlich zu spüren, den Wunsch, sich verwandeln zu können. „Wie geht es euch heute morgen? Makoto? Sado?“, sprach er, als er nach draußen kam, um Makoto zum Frühstück zu holen. Der Riese verbrachte zwar die meiste seiner Zeit bewusst draußen, aber zu den Mahlzeiten kam er dann doch immer herein, da er es wichtig fand, dass sie gemeinsam aßen – obwohl Dulacre als Kapitän öfters fehlte. „Guten Morgen“, begrüßte Makoto ihn. „Besser. Ich finde, Sado hat endlich etwas zugelegt. Er war so dünn, kein Wunder, dass er nicht mehr fliegen konnte. Wobei es mir natürlich gar nicht gefällt, wie wenig ich ihm zu Essen geben kann, aber der kleine Vogelmagen verträgt nicht die Mengen, die er als Mensch bräuchte.“ Jiroushin seufzte leise. Er hatte nicht die größte Ahnung von Zoan-Kräften, aber es war sehr offensichtlich, dass der Rabe sich selbst im Weg stand, krampfhaft versuchte, sich zu verwandeln, und es daher nicht schaffte. Dabei sollte er sich ganz automatisch bei genügend Entspannung in seine Ausgangsform zurückverwandeln, aber irgendwie gelang es ihm nicht. „Wir können nach dem Frühstück weitermachen. Da kommt mit.“ Zu seiner Überraschung war dieses Mal auch Dulacre anwesend, am Kopfende des Tisches, hinter der Mauer der Zeitung. Maja neben ihm gähnte lauthals. „Du warst wieder zu lange wach“, belehrte Masato sie und schüttelte leicht den Kopf. „In deinem Alter ist Schlaf noch wichtig, meine Liebe.“ „Ach, aber ich wollte es unbedingt noch fertig schaffen“, jammerte sie und gähnte erneut. „Woran arbeitest du derzeit denn?“, fragte Onamatsu, der heute mit Frühstücksdienst dran war. Sie grinste. „An einem U-Boot!“ „Oh, das hört sich ja wirklich…“ „Maja, ich habe dir schon gesagt, keine Spielereien, bis du mit der Oseberg und Åsa fertig bist“, bemerkte Dulacre mit einer Autorität, die Jiroushin nur zu gut an seinen eigenen Vater erinnerte. „Oussa?“, fragte Maja verwirrt nach. „Das Sargboot“, entgegnete Dulacre zerknirscht. „Ach, sag das doch gleich. Mit dem Sargboot bin ich längst fertig. Aber manchmal muss ich die Inspiration auch einfach mal fließen lassen.“ „Verschon mich mit diesem Unsinn.“ Dann wandte er sich Jiroushin zu. „Es ist wieder ein Brief für dich angekommen.“ Augenblicklich wurde sein Herz warm, zugleich plagten ihn Gewissensbisse, er hatte auf Lirins letzten Brief noch nicht geantwortet. Sie musste sich Sorgen machen. „Sado“, sprach er den Raben an, bemühte sich, ihn als eigenständige Person zu sehen, ungeachtet dessen Körpers, „wir werden den nächsten Versuch auf später verlegen müssen. Ich muss diese Briefe so schnell wie möglich beantworten.“ „Ihr seid immer noch nicht weitergekommen?“, fragte Dulacre mit einem Augenrollen, obwohl er die Antwort natürlich wusste. „Es scheint schwierig zu sein, Kapitän“, erklärte Makoto. „Ach, Unsinn!“ Er schlug die Zeitung zusammen und erhob sich. „Rabe, komm her. Mir geht dieses wehleidige Verhalten auf die Nerven.“ Der Rabe erzitterte und sah offensichtlich verunsichert zu Makoto hoch, der jedoch nur lächelte und ihm aufmunternd zunickte. Also hüpfte der Rabe über den Tisch und mit eisiger Miene bot Dulacre ihm seinen Arm an, musste sich jedoch herabbeugen, da der Rabe nicht so weit springen konnte. „Na, ob das so gut geht“, murmelte Onamatsu, als die Türe hinter Dulacre zuschlug. „Er schien sehr unzufrieden über unseren Gast.“ „Er ist immer unzufrieden über neue Gäste“, bemerkte Jiroushin und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Muss ich dich an deine ersten Tage erinnern?“ „Er ist ein guter Kapitän“, sprach Makoto mit unerschütterlicher Überzeugung, „er ist nur nicht immer gut darin, das zu zeigen.“ Masato lachte: „Da sagst du etwas.“ Nach dem Frühstück zog Jiroushin sich in die Kajüte zurück, die er sich mit Onamatsu teilte, um seine Briefe zu schreiben. Er hätte natürlich auch ins Kaminzimmer oder die Bibliothek gehen können, aber da Onamatsu nach seinem Küchendienst auf Deck wollte und niemand anderes einen Grund hatte, diesen Raum zu betreten, hoffte er, seine Ruhe zu haben. Aber er sollte sich irren. Nicht mal zehn Minuten hatte er geschrieben, da knallte die Türe auf und Onamatsu stand im Türrahmen. „Er hat es geschafft!“, erklärte er. „Der Kapitän hat es geschafft. Sado hat sich verwandelt.“ „Oh. Ich komme.“ Er folgte Onamatsu ins Kaminzimmer – natürlich, die Bibliothek war zu privat, als dass Dulacre Fremde dorthin erlauben würde, obwohl sie bisher noch kaum bestückt war – und dort stand Dulacre, halb verdeckt von Makoto, der tatsächlich auch unter Deck gekommen war. „Vielen Dank“, sprach eine fremde Stimme und als Jiroushin um Makoto herumging konnte er einen Mann auf dem Boden hocken sehen. Er hatte eine Decke um sich geschlungen und atmete recht schwer. Jiroushin erkannte es sofort, die kurzen schwarzen Haare, der typische Soldatenschnitt. Er selbst hatte sich die Haare damals auch kurzgeschoren, als er als Kadett in die Marine eingetreten war. Seine Mutter war so wütend gewesen, dabei waren es nur Haare. Es überraschte ihn nicht, natürlich war der Mann ein Soldat und er wusste, dass Dulacre das auch wusste. „Mein Name lautet Sado“, erklärte er unnötigerweise, „und ich möchte mich aufrichtig bedanken, dass ihr mich nicht zurückgelassen habt und für die Hilfe, mich zurückzuverwandeln.“ Er war deutlich kleiner als Jiroushin aber dafür recht breit gebaut, soweit Jiroushin erkennen konnte, muskulös, etwas mehr als die meisten Soldaten. Aber die Entbehrungen der letzten Zeit hatte sich bemerkbar gemacht. Seine Haut war gräulich, die Wangen eingefallen. „Naja, ob Rabe oder Mann, wir können dich immer noch töten, solltest du ein Problem werden“, entgegnete Dulacre kühl. „Kapitän!“, entkam es von Makoto entsetzt. „Bitte nicht!“ „Er ist dein Haustier, Makoto, also bist du für ihn verantwortlich.“ „Lass das“, murrte Jiroushin und schritt nach vorne. „Sado, schön dich endlich mal richtig kennenzulernen. Komm, du musst unter die Dusche, dann kriegst du etwas zum Anziehen und danach musst du was Ordentliches essen. Onamatsu kann ich dir nochmal die Küche anvertrauen? Makoto, sei so gut und untersuche Sado vorher noch, damit wir Verletzungen ausschließen können.“ „Aye.“ „Ja, natürlich, komm mit, Sado, wir gehen zum Krankenzimmer.“ Dulacre und Jiroushin blieben zurück, während der Fremde unbeholfen auf die Beine kam und Makoto noch etwas zittrig folgte, als wäre er nach all den Tagen als Rabe nicht mehr an seine menschlichen Beine gewohnt. „Er ist ein Soldat“, sagte Jiroushin schließlich. „Ein Soldat, der von Cipher Pol verraten wurde“, nickte Dulacre. „Denkst du, er ist eine Gefahr für uns?“ „Nichts ist eine Gefahr für uns.“ Jiroushin sah ihn einfach nur mit hochgezogener Augenbraue an, woraufhin Dulacre mit den Schultern zuckte. „Er ist schwach, schwächer als du, und er war kein Würdenträger. Vermutlich ein einfacher Soldat, vielleicht sogar nur irgendein anderer Staatsdiener. Es wäre ungewöhnlich für einen Kämpfer, seine eigene Teufelskraft nicht kontrollieren zu können.“ „Für einen einfachen Staatsangestellten sah er mir zu trainiert aus.“ „Jiroushin, denk nicht mal dran.“ „Was? Woran denn?“ „Makoto war eine Ausnahme und es hat sich bewehrt gemacht, da er wirklich herausragend im Bereich der Medizin ist. Maja hat sich ihren Platz an diesem Schiff erarbeitet. Masato ist eine Meisterin ihres Fachs und Onamatsu wirklich ein fähiger Navigator. Aber ich bin nicht gewillt, noch einen Straßenköter aufzunehmen. Erst recht keinen schwachen namenlosen Soldaten. Sollte er sich für uns als Hindernis herausstellen, werde ich ihn töten, ansonsten werden wir ihn auf der nächsten Insel – egal, was für eine Insel das ist – aussetzen.“ „Sprich nicht von ihm wie von einem Tier, das ist unhöflich.“ „Tze, was auch immer. Ich hab jetzt keine Lust mehr auf dieses Spektakel. Ich werde mich zurückziehen und will nicht gestört werden.“ „Natürlich nicht. Aber Dulacre, er ist kein namenloser Soldat. Er hat einen Namen. Sado.“ Eine gute Stunde später saß Jiroushin wieder in der Küche. Während Makoto sich um Sado gekümmert hatte, hatte er schnell seine Briefe geschrieben, aber er wusste, dass die Verantwortung derzeit bei ihm lag und auch, wenn er nicht so feindlich eingestellt war wie Dulacre, so vertraute er dem Fremden doch ganz bestimmt nicht. „Erlaubt mir, mich erkenntlich zu zeigen“, sprach Sado zwischen zwei Bissen. „Ich bin euch wirklich sehr dankbar und möchte mich nützlich machen.“ „Ach, mach dir darüber keinen Kopf“, winkte Jiroushin ab. „Du bist Gast und wir haben dir gerne geholfen. Du musst nicht…“ „Ich bin Koch“, sagte er dann und es überraschte Jiroushin nicht. Sollte er wirklich ein Soldat sein, hatte er gelernt, seine Umgebung zu beobachten. Als Rabe hatte er mitbekommen, wie ihre Crew bisher aufgestellt war, und er wusste natürlich, wer Dulacre war; vielleicht erkannte er sogar auch Jiroushin, obwohl er natürlich nie so bekannt gewesen war wie Dulacre. Es war ein schlauer Schachzug, sich als Koch anzubieten. „Ich könnte für euch kochen, bis wir die nächste Insel erreichen. Wenn ihr so freundlich wäret, mich mitzunehmen.“ „Sei vorsichtig mit so einer Aussage“, entgegnete Jiroushin und lächelte ehrlich. „Unser Kapitän hat einen anspruchsvollen Gaumen. Ich weiß nicht, ob du dem gerecht werden kannst.“ Dabei unterließ er bewusst den Hinweis darauf, dass sowohl er als auch Dulacre sofort erkennen konnten, ob jemand wirklich das Handwerk der Küche gelernt hatte oder nur ein Stümper war. „Keine Sorge, Jiroushin meint das nicht böse“, erklärte Makoto sofort. „Der Kapitän ist nur recht ernst. Aber er steht immer zu seinem Wort und respektiert Vereinbarungen.“ Jiroushin versuchte, seine Mimik zu kontrollieren, dann nickte er Sado zu. „Was hältst du davon: Heute ruhst du dich noch aus und isst anständig und morgen kochst du für uns, und ich werde in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass unser Kapitän dich weder einen Kopf kürzer macht noch über Bord wirft.“ Der Fremde zeigte ein trockenes Grinsen, was seine müden Augen jedoch nicht erreichte. „Das klingt nach einem guten Deal.“   Gesagt, getan. Und Jiroushin musste eingestehen, falsch gelegen zu haben. Dieser Sado war gewiss kein Sternekoch, aber dennoch waren seine Qualitäten nicht zu verleugnen. Jiroushin hatte ihn beim Kochen beobachtet – vorgegeben, die Zeitung zu lesen, aber es war offensichtlich gewesen, weshalb er da war – und es hatte den Eindruck gemacht, als wäre der Fremde dabei etwas zur Ruhe gekommen, als wäre die Vergangenheit für einen Moment weit fern gewesen. Nun erklärten alle Crewmitglieder – mit Ausnahme von Dulacre natürlich - am Tisch mehr oder weniger laut, wie lecker es doch schmeckte, und ja, es war verdammt lecker. Besser als vieles, was Jiroushin in seiner Zeit als Soldat gegessen hatte, und auch besser als vieles, was sie die letzten Wochen gegessen hatten. Die Wahrheit war nun mal, dass die einzelnen Crewmitglieder zwar tatsächlich herausragend in ihren Bereichen waren, aber dafür nicht unbedingt begabt in anderen Dingen. Mit einem leisen Zungenschnalzen legte Dulacre sein Besteck ab und alle verstummten. „In Ordnung“, sprach er gewohnt kühl, „ich habe meine Entscheidung getroffen.“ Der Fremde, der bis gerade noch in der Küche aufgeräumt hatte, erstarrte augenblicklich und richtete sich dann zügig auf. Seine Körpersprache verriet den Soldaten sofort. „Du darfst bis zur nächsten Insel bleiben, wie du es erbeten hast. Im Austausch für Unterkunft und Verpflegung wirst du die Arbeit des Schiffskochs übernehmen.“ „Vielen Dank!“ Sado verbeugte sich tief. „Gut. Das war es dann. Masato, wenn ich bitten dürfte.“ „Oh, ungewöhnlich höfliche Worte von dir.“ „Lass sie mich nicht bereuen.“ Die beiden standen auf, um wieder mal eine ihrer komischen Gespräche abzuhalten. Jiroushin wusste nicht wirklich, was sie die ganze Zeit besprachen. Er selbst war auch manchmal dabei, aber während sie ihm tatsächlich die Schmiedekunst zeigte und mit ihm über seinen Kampfstil sprach, schien Dulacre andere Interessen zu verfolgen. Immer noch auf der Suche nach diesen sagenumwobenen Schwertern, die Masato ihn geweissagt hatte. „Wartet!“ Sado stand immer noch verbeugt in der Küche und verkrampfte sich immer mehr. „Ich… ich muss noch etwas gestehen.“ Dulacre blieb stehen und kurz tauschten sie einen Blick aus. „Ich… ich bedanke mich wirklich sehr, für alles, aber… aber ich fühle mich verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Denn… ich… ich habe gelogen.“ „Was?“, fragte Makoto mit großen Augen, dass selbst Jiroushin ein schlechtes Gewissen bekam. „Dann sprich“, sagte Dulacre kalt. „Wir haben nicht ewig Zeit.“ „Die Wahrheit ist… Ich bin nicht nur ein einfacher Koch. Ich… ich bin Soldat der Marine und ich… Sobald ihr mich an der nächsten Insel an Land lasst, werde ich wieder zur Marine zurückkehren. Das heißt, da ihr offensichtlich Piraten seid, solltet ihr…“ „Du bist wahrlich dreist, Koch“, erklärte Dulacre und sämtliche Crewmitglieder schluckten. „Ich weiß nicht, womit du mich mehr beleidigen willst. Mit deiner Lüge, mit deinem Glauben, dass ich die Wahrheit nicht gewusst hätte, oder damit, dass du, ein Soldat niederen Ranges, mir einen Rat über die nächsten Handlungen geben willst.“ Der Soldat erstarrte. „Wir erkennen andere Soldaten“, sprach Jiroushin wohlwollender. „Berufskrankheit. Schließlich waren wir auch mal beide bei der Marine.“ „Jiroushin!“, knurrte Dulacre sofort, als Jiroushin sein Geheimnis offenbarte. „Was?“, kam es von Sado, der ihn ansah. „Also, natürlich kenne ich Mihawk Falkenauge Dulacre, aber… du warst auch bei der Marine?“ Er nickte und lächelte. „Und warum bist du gegangen?“ „Nun ja, weil die..“ „Weil die Marine aus einem Haufen scheinheiliger Mistkerle besteht!“, brachte Dulacre sich ein, knallte die Türe wieder zu und schritt an den Tisch heran. „Dulacre“, versuchte Jiroushin ihn zu beruhigen. „Nein, guck ihn dir doch an, dieser Vollidiot macht genau das, was die Marine ihren Schäfchen eintrichtert. Du weißt noch nicht mal, was passiert ist, oder? Dass du und deine Einheit nicht von der Mafia oder irgendwelchen Piraten verraten wurdet, sondern von Cipher Pol Agenten.“ „Was?“ Der Fremde wurde blass. „Natürlich. Ich erkenne ihre Handschrift überall. Sie wurden von der Weltregierung beauftragt, und ich kann dir sogar sagen, warum.“ „Ach, du weißt, was da los war?“, fragte Jiroushin und Dulacre nickte. „Ach Jiroushin, du weißt es doch auf. Wer kümmert sich um Geheimoperationen und Spionage, normalerweise immer die G2, und es gab schon länger Diskussionen darüber, dass einige Vizeadmiräle und Kommandanten in der G2 einem Gerechtigkeitsbegriff folgen, welcher denen da oben ein Dorn im Auge ist. Und dann willst du mir sagen, dass es rein zufällig einen Spezialauftrag gab, bei dem genau diese Führungspositionen eingesetzt werden? Nein, das war gezielt. Sie und ihr Gedankengut wurde der Führungsriege zu gefährlich, also haben sie gehandelt. Und anstatt nur ein paar Anführer auszuschalten, hat Cipher Pol die Arbeit wieder mal gründlich gemacht und die ganze Truppe ausgelöscht, damit keiner diese Gedankengänge fortsetzen kann und die Marine weiterhin unter Kontrolle dieser… Leute bleibt.“ „Kapitän“, flüsterte Makoto zaghaft, „vielleicht ist es besser, wenn du… Es war traumatisch für Sado und daher…“ „Nein“, sprach dieser und sah Dulacre mit weit aufgerissenen Augen und blanker Panik an. „Das… Ich will es nicht glauben, aber… Woher weißt du das alles? Es gab ein paar Ungereimtheiten – vier Vizeadmiräle wurden beauftragt, obwohl für solche Einheiten zwei mehr als ausreichend gewesen wären, ein Kadett, der erst vor wenige Tage zuvor zu uns versetzt worden war, sollte mitkommen, obwohl wir das normalerweise nie machen, weil die Spezialausbildung noch fehlt, all solche Sachen – und es fühlte sich… aber… Aber warum sollte die Marine oder die Weltregierung oder wer auch immer das tun?“ „Das habe ich dir doch gerade gesagt. Weil es machtbesessene, scheinheilige Arschlöcher sind“, knurrte Dulacre und als hätte er nur drauf gewartet, als hätte er seit dem Verlassen der Marine nur auf diese Frage gewartet, begann er, alles aufzuzählen, was an dem System falsch und verdorben war. Jiroushin beobachtete ihn, wusste, dass die meisten Worte – wenn auch dramatisch und vielleicht etwas aufgeplustert – doch der Wahrheit entsprachen, während Sado ihn einfach nur fassungslos anstarrte. Ihm war nie bewusst gewesen, aber Dulacre schien weit mehr über die ganzen Strukturen zu wissen, als ein normaler Soldat seines Dienstgrades wissen sollte. Nach einer gefühlten Stunde - nicht nur gefühlt, es war mehr als eine Stunde gewesen - erhob er sich schließlich wieder und schnalzte einmal abfällig mit der Zunge. „Also wenn du zu diesem Misthaufen zurückkehren willst, nur zu. Aber glaube mir, sobald ans Licht kommt, wer du bist, wird dein Leben verwirkt sein. Daher ein gutgemeinter Rat – wobei ich es nicht gut mit dir meine, sondern einfach klüger bin -, mach dir ein schönes Leben und vergiss die Marine. Masato, komm.“ Damit ging er. Kopfschüttelnd stand Sado dort. „Was für ein Arschloch.“ Kapitel 7: Kapitel 7 – Alles ist Sieben --------------------------------------- Kapitel 7 – Alles ist Sieben   „Bist du dir sicher?“, fragte Jiroushin. „Unser Kapitän wird steckbrieflich gesucht und wir werden gemeinhin als Piraten gehandelt. Wenn du bleibst, wirst du nie wieder zurückkehren können.“ Sado kniete vor ihnen. Vor wenigen Stunden hatten sie an dieser Insel angelegt und nachdem die letzte Insel ebenso unbewohnt gewesen war, wie die, auf der sie Sado gefunden hatten, hatte Dulacre sich erbarmt, ihn bis zu dieser mitzunehmen, doch nun war es an der Zeit für ihn zu gehen, wie Dulacre es befohlen hatte. Seitdem sie die letzte Insel verlassen hatten, brannte Dulacre regelrecht vor Spannung wie Jiroushin ihn noch nie zuvor gesehen hatte und wartete nur auf… etwas. Sie waren nur aus einem einzigen Zweck zu jener Insel gereist, um das sagenumwobene Schwert der Nacht zu finden, das Black Sword, welches seit Urzeiten als verschollen galt. Sie hatten es gefunden. Dulacre hatte es gefunden, und seitdem er es berührt hatte, glühten seine Augen mit einem Feuer, welches Jiroushin noch nie gesehen hatte. Danach hatten sie noch einige Tage warten müssen, bis sich der Log Port neu ausgerichtet hatte, und bis dahin war Dulacre mit Masato auf dem hohen Berg geblieben. Er hatte es noch nicht gemeistert, so wie Jiroushin ihn verstanden hatte, aber er hatte seinen Spaß an seiner neuen Waffe, Yoru, die Nacht. Makoto hatte Dulacre regelrecht angefleht, Sado mitzunehmen, obwohl das nicht mal nötig gewesen war, zumindest bis zur nächsten bewohnten Insel. Diese hatten sie nun erreicht und plötzlich kniete Sado vor ihnen auf Deck, Dulacre saß auf dem oberen Absatz der Treppe, Jiroushin stand neben ihm. Die übrigen Crewmitglieder waren auf dem Deck verstreut, waren alle drauf und dran gewesen, sich von Sado zu verabschieden oder sich endlich mal die Füße an Land zu vertreten. Nur Maja war verschwunden, arbeitete vermutlich schon den ganzen Tag in ihrer Werkstatt und hatte noch nicht mal mitbekommen, dass sie endlich Land erreicht hatten, wie so oft, wenn niemand sie ab und an da raus zerrte. „Ja, ich…“ Sado zögerte. „Ich kann keine Wankelmütigkeit gebrauchen“, erklärte Dulacre harsch. „Du wolltest auf eigenen Willen das Schiff verlassen, als der Zeitpunkt kam, wolltest du doch bleiben und jetzt zögerst du? Tze.“ Niemand sagte etwas. „Ich gestehe, dass ich deine Fertigkeiten als Schiffskoch anerkenne, und wie du selbst gesehen hast, gehören alle meine Crewmitglieder zu den Besten ihrer Zunft, daher sollte meine Anerkennung dir viel bedeuten. Ich erwarte nicht viel von meinen Crewmitgliedern, außer dass sie zu den Besten gehören und dass sie uneingeschränkt meinen Befehlen gehorchen. Ansonsten kann ich, als ihr Kapitän, sie nicht beschützen.“ Jiroushin sah auf Dulacre hinab, schwieg jedoch. Niemand sprach, wenn der Kapitän sprach. „Mir ist es einerlei, dass du einst zur Marine gehörtest, aber wenn du dich heute entscheidest, Sado, dann erwarte ich eine volle Entscheidung. Ich erlaube dir, zu bleiben, aber wenn du nur die leisesten Zweifel hast, dann befehle ich dir, augenblicklich zu verschwinden, ehe ich dich selbst hinrichte.“ Makoto wimmerte leise, wie so oft, wenn Dulacre solche Drohungen aussprach, aber natürlich sagte er nichts. Niemand widersprach dem Kapitän. „Also, Sado, fälle deine Entscheidung.“ Der Rücken des Soldaten war verspannt, seine Schultern hochgezogen, dann nickte er. „Bitte, nimm mich in diese Crew auf… Kapitän.“ „Warum?“ „Was?“ Sados Kopf schnellte hoch und er sah Dulacre an, dieser zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich dich nun in die Crew aufnehmen, wenn du bis heute morgen noch das Schiff verlassen wolltest?“ „Uhm… nun, du sagtest doch selbst, dass meine Kochk-“ „Ich war doch gerade deutlich genug, dass ich deine Fertigkeiten anerkenne. Nicht sie stelle ich in Frage, sondern deine Motivation.“ Dulacre lehnte sich vor und Sado schluckte. „Aber ich gebe dir die Chance, dich zu erklären, also steh auf und nutze sie.“ Das nahm Sado wörtlich. Wie der Soldat, der er war, erhob er sich, streckte seine Brust und schlug die Beine zusammen. Jiroushin konnte ihm regelrecht ansehen, wie er sich zwingen musste, nicht zu salutieren. „Ich habe lange über deine Worte nachgedacht. Ich stimme nicht mit allem überein, ich will hoffen, dass die Marine nicht so verkommen ist, wie du sie darstellst, aber… aber ich…“ Er senkte den Blick und schüttelte den Kopf, selbst aus der Entfernung konnte Jiroushin sehen, wie seine schmalen Augen schimmerten, und als er weitersprach, war seine klare Stimme nur noch ein Flüstern. „Aber ich kann nicht vergessen, was sie meinen Kameraden angetan haben. Die Marine soll der Weltregierung als Exekutive dienen und diese schlachtet uns wie Tiere ab? Ich… ich kann ihr nicht mehr dienen, nicht so, nicht… Ich würde meine Kameraden, die mein Leben retteten, verraten, wenn ich zurückkehren würde.“ Dann hob er wieder den Kopf und sah Dulacre direkt an. „Ich bin ehrlich, ich kann dich nicht leiden und ich halte dein Verhalten für… grenzwertig. Würde es dich umbringen, mal bitte und danke zu sagen, oder jemandem nicht direkt mit dem Tod zu drohen?“ Dulacres Augenbraue zuckte, aber er schwieg, ließ Sado sich erklären, wie er es angeboten hatte. „Aber ich sehe auch die Crew und wie sie… Als Soldat kenne ich Kameradschaft, aber ihr seid alle so extrem unterschiedlich und dennoch… Ihr habt mir geholfen, obwohl ihr nicht musstet, obwohl ihr mich hättet töten können, als Feind, der ich nun mal als Soldat bin. Ihr habt meine Freunde und Kameraden begraben, ihnen Respekt und Ehre dargebracht, und ihr…“ Er sah zu Makoto, dann zu Jiroushin und schließlich zu Dulacre. „Obwohl du bist, wie du bist, folgen sie dir alle, nicht aus Furcht, nicht aus Pflicht, sondern… keine Ahnung warum. Aber das will ich verstehen und deshalb zögere ich, weil ich es noch nicht verstehe. Aber ich will es sehen und erleben, also bitte, nehmt mich mit, lasst mich Teil davon werden, von was auch immer das hier ist.“ „Schön gesagt“, sprach Masato von der Seite und nahm mit einem anerkennenden Nicken einen Zug ihrer Pfeife. Dulacre neigte den Kopf leicht zur Seite. „Du gestehst, dass du Zweifel hast, und bittest mich dennoch, dich an Bord zu lassen, obwohl ich dir deutlich gemacht habe, dass ich dich dann eher hinrichten würde?“ Sado verspannte sich, dann nickte er. „Ja.“ „Kapitän“, flüsterte Makoto von seinem Platz nur wenige Meter hinter Sado, „bitte…“ „Schweig, Makoto, das hier ist meine Entscheidung.“ Er erhob sich und schritt die Treppenstufen hinunter, blieb direkt vor Sado stehen, der mehr als einen Kopf kleiner war und mit gut versteckter Panik Dulacres Brust anstarrte. „In Ordnung. Ich akzeptiere deine Bedingung unter einem Vorbehalt.“ Erleichtert atmete Jiroushin aus, während Makoto sein riesiges Lächeln zeigte. „Der wäre?“, fragte Sado und sah auf, er hatte noch nicht geatmet. „Sobald deine Entscheidung gegen mich als deinen Kapitän gefallen ist, sage dies mir unverzüglich. Ich werde dich nicht töten, sofern du mir keinen anderen Grund dafür gibst. Aber nur dann kann ich die Sicherheit meiner anderen Crewmitglieder sicherstellen, weil ich ab diesem Moment mich nicht mehr auf dich verlassen werde.“ Sados Augen weiteten sich. „Schau nicht so überrascht. Du bist Soldat, du bist stärker als Maja und Onamatsu und anders als Makoto und Masato willst du kämpfen. Es wird selten vorkommen, dafür werde ich sorgen, dafür wird Jiroushin sorgen, aber auszuschließen ist es nicht, und als stärkeres Crewmitglied wirst du die Schwächeren beschützen, nicht wahr?“ „Ja, natürlich!“, antwortete Sado sofort. „Gut, denn jetzt, da wir dies geklärt haben, überlasse ich den Rest dir, Jiroushin.“ „In Ordnung.“ Sie hatten es beide gemerkt. „Wovon redet ihr?“, fragte Sado. Doch genau in diesem Moment kam Onamatsu vom Heck zu ihnen herübergeeilt. „Kapitän, ich bin mir sicher, dass ein Schiff auf uns zu kommt, ein großes Schiff, wahrscheinlich ein…“ „Ja“, grinste Dulacre, „ein Schlachtschiff der Marine. Onamatsu, wie lange, bis der Log Port sich wieder neu ausgerichtet haben wird.“ „Uhm… spätestens heute Abend oder diese Nacht“, kam die verwirrte Antwort. „Sie haben dir Water Seven nicht verziehen“, bemerkte Jiroushin trocken und sah zum Horizont. „Sind das etwa…?“ „Schön zu sehen, dass du deine Sinne trainiert hast. Genau, Sakazuki und Borsalino, die perfekten Testobjekte, um Yoru in Aktion auszuprobieren.“ Sein Grinsen wuchs an, während er zur Reling schritt und das Sargboot wie von Zauberhand aufs Wasser vor ihnen glitt. „Sobald ihr könnt, nehmt Kurs auf die nächste Insel und wartet dort. Ich werde euch schon einholen.“ „Aye!“ „Kapitän“, sprach Masato und Jiroushin sah auf. Es war selten, dass sie Dulacre so ansprach. „Ich weiß“, sprach er. „Aber du erkennst es doch auch. Yoru will kämpfen und ich glaube, dieser Kampf ist genau das, was wir brauchen, um eine Einheit zu werden.“ Damit sprang er von Bord und Jiroushin wartete keine Sekunde, ehe er die Befehle zum Anlegen brüllte. „Machst du dir keine Sorgen um den Kapitän?“, fragte Sado ihn, während Makoto das Schiff am Hafen sicherte und Masato unter Deck ging, um eine Runde zu schlafen; wobei sie vermutlich ihre Sinne auf Dulacre konzentrieren wollte. „Was ist, wenn er besiegt wird? Sollten wir ihm nicht helfen und gemeinsam fliehen?“ Jiroushin schenkte ihm ein Lächeln. „Hast du nicht die Gerüchte über ihn gehört?“, entgegnete er. „Ja klar, aber es sind nur Gerüchte, die sollte man nicht zu ernst nehmen.“ „Tja, in Dulacres Fall entsprechen sie allerdings der Wahrheit. Er ist… gefährlich, stark und nicht umsonst der beste Schwertkämpfer der Welt, und jetzt, mit diesem Schwert, wird er diesen Titel auch tragen wollen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Die großen Schlachten, die Kämpfe der Stärksten, sie können schon mal Tage dauern und Dulacre will sein neues Schwert ausprobieren. Er wird sich Zeit lassen wollen, so war er schon immer, wenn er etwas genießt.“ „Meine Güte, dieser Typ ist wahnsinnig“, murrte Sado und rieb sich durchs Gesicht. „Ich verstehe echt nicht, wieso ihr alle ihm so treu folgt.“ „Na, weil er der Kapitän ist“, meine Maja, die gerade auf Deck aufgetaucht war, dreckig wie eh und je, „also von dem redet ihr doch, oder?“ „Weil er mir die Freiheit gegeben hat“, antwortete Onamatsu mit einem schüchternen Lächeln. „Freiheit, ohne dabei in Lebensgefahr zu sein, nur weil ich ein Fischmensch bin.“ „Ach, das ist doch Unsinn“, brummte der Schiffskoch verdrießlich. „Du kennst ihn noch nicht gut“, sprach Makoto und kam ebenfalls herüber. „Ja es stimmt, der Kapitän hat eine scharfe Zunge und zeigt wenig Verständnis, aber… du wirst es lernen, wenn du ihn kennen lernst. Er ist noch jung doch ein großherziger Mensch, und um sein großes Herz ertragen zu können, muss er erbarmungslos sein. Jiroushin, besteht die Möglichkeit, dass wir bis zur Weiterreise an Land gehen können?“ „Natürlich, Masato wollte an Bord bleiben, also könnt ihr ruhig gehen aber bleibt in der Nähe. Es besteht das Risiko, dass wir zügig aufbrechen müssen, oder dass die Marine dennoch plötzlich hier auftaucht. Also bitte bleibt immer in Begleitung von Onamatsu; er wird es früh genug wahrnehmen können.“ „In Ordnung. Na, dann kommt, Maja, Onamatsu, ich möchte zum Markt.“ „Denk dran, Onamatsu, dass du mich informierst. Sobald der Log Port bereit ist, brechen wir auf.“ „Aye.“ „Jiroushin?“ Er blieb stehen und wartete auf Sado, während die anderen bereits das Schiff verließen. „Du warst mit ihm in der Marine und hast sie für ihn verlassen. Warum?“ Die Frage überraschte ihn mehr, als sie wohl sollte, aber er lächelte. „Naja, zur Wahrheit gehört wohl, dass ich ihm auch in die Marine folgte. Ich selbst hätte mich das wohl nie getraut.“ „Was?“ „Oh ja, man merkt es mir offenbar nicht immer an, aber… ich bin nicht so mutig, wie man vielleicht denkt; viele Dinge machen mir Angst.“ Sado sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Er musste wohl anderes gedacht haben, da sowohl Dulacre als auch Jiroushin jünger waren als er und er sich bereitwillig ihnen unterstellte, so wie sämtliche andere Crewmitglieder der Crew außer Maja älter als Dulacre waren, sogar recht deutlich. „Bleibst du deshalb bei ihm, weil er dich beschützen kann?“ „Oh nein, nein. Früher vielleicht, als Kind. Aber schon lange nicht mehr. Nein, ich… ich kenne einen anderen Hawky als ihr und ich bin überzeugt davon, dass er… noch da ist. Manchmal bricht er hervor, wenn er unaufmerksam ist – vielleicht ist es das, was Makoto meint – und dann weiß ich wieder, dass es das wert ist.“ Er rieb sich den Nacken und schaute zum Himmel. „Dulacre kann… unglaublich inspirierend sein. Er… er gibt mir das Gefühl, dass nichts unmöglich ist, und auch, wenn er sich wirklich viel Mühe gibt, es zu verstecken, er… ihm ist es wichtig.“ „Was ist ihm wichtig?“ „Naja, alles.“ Wenige Minuten später schlenderte er eine unscheinbare Gasse entlang, alleine, nachdem der überfüllte Markt ihn eher gestresst hatte. Genoss, dass er für einen Moment nicht auf die anderen achten musste, wobei seine Sinne dennoch über die Stadt tasteten. Er war noch nicht so gut wie Dulacre, würde es vielleicht nie sein, aber seit Water Seven hatte er viel trainiert, sogar ab und an mit Masato, die ein scharfes Auge hatte. Vielleicht würde sich in Zukunft auch Sado als guter Trainingspartner eignen. Es gab auch einen guten Grund dafür, Jiroushin beabsichtigte fortan die meisten Kämpfe selbst auszutragen, entgegen seiner Natur. Er hatte Dulacre überreden können, dass sie unnötige Verluste vermeiden würden, indem Jiroushin die Kämpfe gegen schwache Soldaten und Zivilisten übernehmen würde, um sie nach Möglichkeit nicht zu verletzten oder zumindest nicht zu töten. Dulacre hatte sich drauf eingelassen, überraschend leicht. Hatte behauptet, dass jene Kämpfe ihn eh anöden würden, aber gleichzeitig hatte er sehr deutlich gemacht, dass er bei direkten Angriffen der Marine gegen sie keine Gnade walten lassen würde. Es war eine Vereinbarung mit der Jiroushin leben konnte, leben können musste. „Jiroushin! Was zur Hölle machst du hier und nicht an Bord?!“ Überrascht sah er, wie Dulacre direkt auf ihn zu schritt, sein Schwert fehlte. Das Schwert, für das sie für Wochen durch die Gegend gereist waren. „Tze, unverantwortlich. Gib mir dein Geld und gehe sofort zurück. Ich werde die restlichen Einkäufe selbst übernehmen.“ Der andere baute sich vor ihm auf und streckte ihm die flache Hand entgegen, absolute Wut auf seinem spitzen Gesicht. „Wie war der Kampf, Hawky?“, fragte er und rührte sich nicht. „Ich habe gewonnen, wie erwartet“, kam die knappe Antwort. „Warum bist du dann so schlecht gelaunt? Nach einem solchen Kampf geht es dir doch sonst immer blendend?“ Die Falkenaugen weiteten sich. „Ich… Es war halt ein harter Kampf! Und darum geht es gerade gar nicht. Ich bin wütend, weil du nicht auf deinem Posten bist. Also gib mir jetzt das Geld und verschwinde.“ „Aber du hasst es doch, selbst einzukaufen, und bleibst lieber selbst an Bord.“ „Ja!“, kam es etwas ungehalten von dem anderen. „Aber da ich weg war – einen Kampf! – hättest du an Bord bleiben müssen. Das hast du nicht getan, und als Strafe schicke ich dich jetzt zurück und übernehme das selbst!“ Er schnaubte entschieden auf, aber Schweißperlen zeigten sich in seinem Haaransatz. „Du… bestrafst also dich selbst dafür, dass ich einen Fehler begangen habe?“ „Wa… was?“ Jiroushin grinste. „Naja, du ha h hasst es doch, einzukaufen, und jetzt willst du es tun, obwohl du es hasst? Und warum meinst du überhaupt, dass ich einkaufen gehen würde? Sado – unser Schiffskoch – erledigt die nötigen Einkäufe, das notwendige Geld dafür hat er, warum sollte ich es haben? Warum solltest du mich überhaupt um Geld bitten? Du hast doch mehr als genug und hast noch nie Geld von mir – oder sonst wem – verlangt, weil es dir egal ist.“ Mit jedem Wort wurde der andere blasser und mehr Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Wo ist übrigens dein neues Schwert, Hawky? Es ist nahezu unzerstörbar, also kann es im Kampf nicht verloren gegangen sein. Und ich denke nicht, dass du es aus den Augen lassen würdest, wo du es doch gerade erst an dich genommen hast.“ Der andere starrte ihn an, sagte jedoch nichts. Jiroushin konnte ihm ansehen, wie er über seine Fluchtrouten nachdachte, aber genau in diesem Augenblick – fast zu perfekt vom Zeitpunkt – tauchten die restlichen Crewmitglieder auf. „Ka… Kapitän?“, kam es von Makoto überrascht, „was machst du denn schon hier?“ „Ich...“ Der andere wirbelte herum. „Ich denke nicht, dass das der Kapitän ist“, murmelte Onamatsu und seine Augen verengten sich hinter der Brille, „er riecht ganz anders und… die Luft fühlt sich nicht nach ihm an.“ „Was fällt dir eigentlich…?“ „Diese Person nutzt eine Teufelskraft, um das Aussehen anderer nachzuahmen“, erklärte Jiroushin und konnte sein Grinsen nicht verhindern. „Aber leider war es ein Fehler, sich ausgerechnet unseren Kapitän auszusuchen.“ „Was… aber…“ „Er sieht ihm noch nicht mal wirklich ähnlich“, murmelte Sado und steckte sich eine Zigarette an. „Irgendwie ist das Gesicht viel… spitzer, vor allem die Nase. Wie eine hässliche Karikatur vom Kapitän.“ „Oh, wenn er das sieht, wird er nicht glücklich sein“, bemerkte Makoto nachdenklich. „Er wird ihn definitiv dafür büßen lassen“, stimmte Onamatsu zu. „Vermutlich ohne Zögern umbringen“, mutmaßte Sado. „Dann will ich die Kreuzkette haben“, kam es abwesend von Maja, „und vielleicht den Gürtel. Daraus kann ich mit Sicherheit etwas Schönes basteln.“ Sado bemerkte Jiroushins Blick und sie beide grinsten. Ja, sie kannten sich noch nicht lange, aber sie verstanden sich schnell. Jiroushin zog sein Schwert und Sado ließ die Fäuste knacken. „Sollen wir ihn davonkommen lassen?“, fragte Onamatsu, der ihre Körperhaltung wohl bemerkt hatte. „Mit einem Gesicht, dass fast aussieht wie der Kapitän? Ganz bestimmt nicht.“ „Endlich“, kam es von Sado und seine Zigarette wippte leicht beim Sprechen. „Ich warte sein Tagen darauf, endlich mal ein bisschen Dampf ablassen zu können. Also geknebelt und gefesselt, Jiroushin? Oder machen wir ihm direkt selbst den Gar aus.“ „Wie es euch beliebt.“ Zwischen ihnen stand der falsche Falkenauge und sah panisch zwischen ihnen hin und her, aber konnte keinen Ausweg erkennen, und obwohl er Dulacres Körper nachgeahmt hatte, schienen seine Kräfte begrenzt. „Aber Jirou?“, kam es panisch von Makoto, der die List natürlich nicht bemerkte und dachte, Jiroushin würde wirklich beabsichtigen, irgendeinen besseren Taschendieb umzubringen. Er würde es ihm später erklären müssen. Solche Dinge konnten ja noch öfters passieren. „Kein Wort, Makoto. Du kannst ja sonst schon mal mit Maja und Onamatsu an Bord gehen. Sado und ich räumen gerade noch etwas den Müll auf.“ „Bitte nicht!“ Der Nicht-Dulacre, der nun auch gar nicht mehr nach Dulacre klang, ging vor Jiroushin auf die Knie und hatte die Hände in einer flehenden Position erhoben. „Bitte tötet mich nicht. Ich wollte nichts schlimmes tun.“ „Du wolltest mich bestehlen und hast dich dafür in eine – hässliche – Version meines Kapitäns verwandelt. Das kann ich nicht ignorieren.“ „Es tuhuhut mir leid“, jammerte der Fremde in ausgeprägtem Klageton. „Ich mach es auch niehiehie wiehieder. Bitte lasst mich am Leben.“ „Warum sollten wir dir glauben?“, entgegnete Sado nun mit kalter Stimme und trat auf den Fremden zu. „Und warum sollten wir dir verzeihen?“ „Aber Sado?“, flüsterte Makoto fast schon wimmernd, ehe Onamatsu ihn zu sich herunter winkte und ihm nicht hörbar ins Ohr flüsterte. Maja stand daneben und betrachtete abwesend eine bemalte Häuserwand. „Ich… ich… ich kann euch Geld verschaffen, Reichtümer, Juwelen, Gold!“, rief der Fremde nun beflissen, sowohl seine Stimme als auch sein Aussehen glich immer weniger Dulacre, als könnte er die genaue Form nicht aufrechterhalten, je nervöser er wurde. Die Nase und das Kinn wurden noch spitzer, während das Haar sich zu locken schien. „Ich… ich bin der beste Hochstapler, den es gibt! Mit meinen Kräften kann ich mich in jeden verwandeln und mir überall Zugang verschaffen! Bitte, ich flehe euch an! Ich kann euch nützlich sein, also bitte, tötet mich nicht!“ „Tze!“, schnalzte Sado auf. „Du bist auch noch stolz darauf, ein Betrüger zu sein?! Und auf so einen sollen wir uns einlassen? Dass du dich nicht schämst!“ Der Fremde sah zu ihm hinüber. „Aber seid ihr nicht Piraten?“ Sados Miene versteinerte sich, während Maja und Onamatsu darüber diskutierten, dass dies ein guter Punkt sei. „Jiroushin?“, murrte Sado nun. „Du kannst darüber doch nicht ernsthaft nachdenken?“ Aber das tat er. „Du behauptest, du seist der Beste?“, fragte er nach, neugierig. Jemand mit dieser Teufelskraft könnte ihnen durchaus gelegen kommen. „JA!“ „Wenn das so ist, warum gibst du dich mit kleinen Taschenspielereien ab und suchst nicht von dir aus nach den ganz großen Schätzen?“ „Nun jaaaa“, machte der Fremde. „Also das liegt daran, dass ich… Es hieß, Falkenauge habe richtig viel Kohle und naja, ich hab gesehen, wie er abgerauscht ist, euch gehört und dann gedacht, das wäre eine ganz gute Idee, um ziemlich easy an ziemlich viel Geld zu kommen.“ „Eher eine dumme Idee“, meinte Maja mit einem Schulterzucken. „Der Kapitän hätte dich innerhalb von wenigen Tagen gefunden und getötet, wenn du ihn bestiehlst.“ „Das war mir nicht so bewusst“, murmelte der Fremde bedröppelt. „Aber wie gesagt, ich kann euch reich machen!“ „Jiroushin“, kam es wieder von Sado eindringlich. „Du kannst ihm doch nicht trauen. Er könnte sich für einen von uns ausgeben und dann wären wir plötzlich die Gesuchten.“ Doch Jiroushin ignorierte ihn und sah zu Onamatsu, der ihm bestätigte, was er auch so wusste. Dieser Mann log nicht. Oder aber er war so gut darin, dass man es ihm nicht anmerkte. „Irgendwie fällt es mir recht schwer zu glauben, dass du so gut bist, wie du sagst. Du ließest dich eben recht einfach in die Ecke drängen und auch jetzt kommst du nicht halb so… versiert daher, wie ich es von einem Hochstapler erwarte.“ Der Fremde senkte den Kopf und stand da wie eine bedröppelte, seltsame Version von Dulacre. „Darüber möchte ich gerade nicht reden“, erklärte er mit tiefer Stimme. „Die letzten Tage waren nicht so gut und ich dachte, dieser Coup würde mir wieder neuen Aufschwung verleihen. Aber anscheinend bin ich gerade vom Pech verfolgt. Ich wollte doch nur genug Geld haben, um von dieser Insel abzuhauen.“ „Warum hast du nicht einfach ein Schiff gestohlen?“, fragte Onamatsu. „Kann die nicht steuern und… bin auch nicht so für die harten Arbeiten geschaffen.“ „Jirou“, kam es von Makoto. „Können wir ihm nicht helfen?“ Er seufzte. „Na gut, meinetwegen.“ „Was?!“, kam es von Sado sofort. „Darauf kannst du doch nicht reinfa…“ Er verstummte. Jiroushin war nicht Dulacre, aber immer noch war er derjenige gewesen, der die Soldaten die meiste Zeit befehligt hatte. „Na gut, ich werde dir eine Chance geben. Stiehl mir… den Siegelring der Königin und bring ihn bis heute Abend zu uns an Deck, dann nehmen wir dich mit. Solltest du es nicht schaffen, werde ich meinem Kapitän von dir erzählen.“ Er grinste breit. „Und glaub mir, er wird für dich kommen und er wird dich finden.“ Der Fremde erstarrte und ihm stand die Angst deutlich ins Gesicht geschrieben. „Es wird schwierig, an den Siegelring zu kommen“, meinte er dann schließlich. „Deswegen gebe ich dir ja bis Sonnenuntergang. Das sind vier Stunden. Ach und… falls du meinst, abhauen zu wollen. Onamatsu hier hat sich deinen Geruch eingeprägt und ich mir deine Aura. Du wirst uns nicht entkommen.“ Er ging an dem Schwindler vorbei zu seinen Crewmitgliedern. „Ach und sei pünktlich. Die Königin wird vermutlich schnell bemerken, dass der Ring fehlt, und solltest du nicht rechtzeitig da sein, werden wir ohne dich ablegen.“   „Okay“, flüsterte Sado, der Mund und Nase hinter zusammengefalteten Händen versteckt hatte und hörbar ausatmete, „ich scheine mich geirrt zu haben. Ihr seid alle wahnsinnig!“ „Ach, jetzt stell dich nicht so an“, bemerkte Jiroushin mit einem Schulterzucken. „Im Endeffekt wird er es eh nicht schaffen und dann von der Garde gefangen genommen. Er wird eine angemessene Strafe bekommen und Dulacres Zorn entgehen.“ „Du… du denkst, dass er es nicht schaffen wird?“, fragte Onamatsu, der mit am Küchentisch saß und Jiroushin beim Kartoffelschälen half, während Sado in den Schränken herumwühlte. „Naja, ich hab ihm jetzt keine leichte Aufgabe gestellt und er wirkte nicht besonders überzeugend auf mich.“ „Warum hast du ihm dann so eine harte Aufgabe gestellt?“ „Um zu sehen, was die Wahrheit ist, seine Behauptung oder mein Eindruck. Und wenn ich mich geirrt habe, wäre er vielleicht eine ganz gute Ergänzung für unsere Crew.“ Sado schnaubte auf. „Ach komm schon. Als würde der Kapitän so einen an Bord lassen.“ Jiroushin grinste. „Dich hat er auch an Bord gelassen.“ „Jaaa! Aber ich bin auch ein verdammt guter Koch und ich kann kämpfen. Was kann denn bitte diese Witzfigur?!“ „Den Siegelring der Königin stehlen“, murmelte Onamatsu und seine Bartfäden zitterten. „Ich kann Alarmglocken läuten hören. Es muss etwas passiert sein.“ „Was?!“ Aber Jiroushin grinste nur noch breiter. Jetzt würde es interessant. „Aber uhm… Jiroushin?“, meinte Onamatsu dann und sah ihn über seine Brille hinweg an. „der Logport hat sich noch nicht neu ausgerichtet. Was machen wir denn jetzt, wenn diese Soldaten uns angreifen?“ Oh. „Ich sag jetzt nichts“, brummte Sado und rieb sich die Hände an einem Küchentuch ab, welches er beim Kochen immer über die Schulter warf. „Aber wehe Makoto oder Maja passiert etwas wegen deiner kindischen Aktion, Vize.“ „Und was ist mir?“, murmelte Onamatsu mitleidig. „Du bist ein Fischmensch. Wenn’s hier zu eng wird, kannst du einfach ins Meer abhauen und dich in Sicherheit bringen.“ „Naja…“ Onamatsu rieb sich die Hände, seine Mundwinkel nach unten gezogen. „Was soll das heißen?“ Jiroushin erhob sich, immer noch am Grinsen. „Onamatsu ist kein guter Schwimmer. Ich habe ihn sogar schon in einem Wettschwimmen besiegt.“ Er sah Sado an. „Aber keine Sorge. Wenn du nicht kämpfen willst, dann frage ich Masato. Sie ist eh stärker als du. Aber du musst dann unserem Kapitän erklären, warum du die anderen nicht beschützen wolltest.“ Als er die Türe zum Hauptdeck öffnete, konnte auch er das ferne Läuten hören. „Ich dachte eigentlich, dass Mihawk der Verrückte wäre und du der Besonnene, aber anscheinend bist du genau so wahnsinnig wie er“, murrte Sado, offensichtlich beleidigt. „War deine Aussage über dich nur eine Lüge?“ Sein Blick fiel auf Onamatsu, als wollte er Jiroushin nicht bloßstellen. „Oh nein“, meinte Jiroushin leichtfertig. „Ich habe totalen Schiss gerade, aber weißt du, Dulacre kämpft gerade gegen zwei der stärksten Vizeadmiräle der jüngeren Generationen und genau zu diesem Zeitpunkt fällt uns so ein lustiger Zeitgenosse vor die Füße. Ich finde einfach nur, dass man das Schicksal beim Schopfe packen sollte.“ Er nickte zur Türe. „Und jetzt kommt raus, wir sollten uns abreisebereit machen. Onamatsu, halte den Log Port im Blick. Sobald er ausschlägt, legen wir los. Ich werde Masato Bescheid geben. Wir werden wohl nochmal einen ihrer Hakianschübe benötigen.“ „Haki?“, murmelte Sado. „Was ist das?“ „Etwas, was du lernen musst, wenn du in der Welt da draußen bestehen willst.“ Draußen wartete Makoto auf sie, der zur Insel herübersah. „Ist das das Zeichen, dass er erfolgreich war?“, fragte er und sah zu Jiroushin herüber. Dadurch, dass sie auf unterschiedlichen Ebenen des Decks standen, waren sie nun tatsächlich auf Augenhöhe. „Wahrscheinlich.“ „Das heißt, wir werden bald abhauen müssen, oder?“ „Jap. Ich wollte gerade Masato Bescheid geben.“ „Sie ist mit Maja in der Werkstatt.“ Makoto nickte nachdenklich. „Soll ich den Anker lichten?“ „Noch nicht. Der Log Port hat sich noch nicht neu orientiert.“ „Oh? Ist das ein Problem?“ „Vielleicht.“ „Ich mag nicht, wenn du so grinst. Dann wirkst du viel zu sehr wie der Kapitän.“ „Das nehme ich als Kompliment.“ „War es nicht.“ „Könntet ihr beiden das lassen? Wir haben gerade wichtigere Probleme“, brummte Sado, der ebenfalls nach draußen kann und wieder nach seinen Zigaretten fummelte. Jiroushin hatte nicht gewusst, dass er rauchte, aber da er Koch war, überraschte es ihn nicht. „Mensch, ich bin gerade mitten beim Kochen, hätte der nicht wenigstens noch bis Sonnenuntergang warten können.“ „Mach dir keine Gedanken, Sado“, erklärte Makoto warm. „Es wird nichts passieren. Selbst, wenn die Soldaten dieses Königreiches ihn verfolgen, Jiroushin wird mit ihnen verhandeln können, er ist sehr gut darin. Im Zweifel werden sie uns gehen lassen und wenn nicht, so ist Jiroushin dennoch sehr stark. Aber du solltest wirklich nicht rauchen. Das ist sehr ungesund.“ „Naja“, bemerkte Jiroushin, der Onamatsu mit einem Nicken bat, Masato Bescheid zu geben, „zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich ihn angestiftet habe, daher sind sie tatsächlich im Recht, wenn sie ihn – und uns – verfolgen. Es wird schwierig, uns da raus zu reden.“ „Du willst sie also töten?“ Sado sah ihn mit finsterer Miene an, ignorierte völlig Makotos Kommentar. „Nein, ich will sie im Zweifel nur hinhalten, bis wir…“ Er verstummte, als ein „aaahAAAAAAAAAH“ aus der Ferne immer näher kam und lauter wurde. Dann tauchte zwischen den Häuserwänden ein Mann in Gardeuniform auf und rannte auf sie zu. Auch das Glockengeläut wurde lauter, man konnte Rufe und das Poltern von unzähligen Stiefeln hören. „Ich hab ihn! Ich hab den Ring!“, brüllte er und reckte ein winziges Schmuckstück in die Höhe, welches in der tiefstehenden Sonne funkelte. „Er könnte es auch mit seiner Kraft gefälscht haben“, brummte Sado. „Komm an Bord“, rief Jiroushin und ließ die Strickleiter hinunter. Der Mann ließ sich das nicht zweimal sagen und kletterte hoch. „Du hast nach mir verlangt.“ Masato war an Deck gekommen, ihre Pfeife an Ort und Stelle, hinter ihr Onamatsu. „Gib mir den Ring“, sprach Jiroushin kühl. „Hier, bitte sehr. Und jetzt lasst uns schnell abhauen! Die Wachen werden jeden Moment hier sein.“ „Noch nicht“, entgegnete Jiroushin und betrachtete den Ring. Dann reichte er ihn Masato. „Was sagst du? Ist er echt oder eine Fälschung?“ Sie nahm ihn entgegen und schien ihn mit der bloßen Hand zu erhitzen, während sie ihn inspizierte. „Was?!“, kam es vom Neuankömmling fassungslos. „Wir müssen hier weg. Das sind Hunderte.“ „Du hast einen Ring gestohlen, keinen Thronfolger entführt. Sie werden schon noch zur Vernunft kommen.“ „Naja, eigentlich…“, murmelte der Fremde. „Eigentlich was?“, kam es von Sado. „Naja… wenn wir es genau nehmen, sucht die Königsfamilie mich schon länger steckbrieflich.“ Mit jedem Wort wurde er leiser und drückte seine Zeigefinger gegeneinander. „Ich hab vielleicht vor ein paar Tagen mit dem Kronprinzen ein kleines… Abenteuer gehabt, weshalb dessen Versprochene das Verlöbnis aufhob und das Bündnis zwischen beiden Königreichen brach.“ „Du hast was?“, kam es wieder von Sado, der beinahe seine Zigarette verlor. „Und vielleicht habe ich in jener Nacht noch einige… Wertgegenstände – wie die Krone des Prinzen - aus Versehen eingesteckt und verwertet?“ Er zeigte ein schwaches Lächeln. „Sie wollen mich hinrichten lassen. Deshalb will ich so dringend hier weg.“ Sado sah Jiroushin einfach nur an. „Sag jetzt nichts.“ „Und so einen willst du dem Kapitän vorführen?“ Nun wurden die Rufe lauter, das Getrappel kam näher. Sie hatten vielleicht noch ein bis zwei Minuten, ehe der ganze Hafen vor Soldaten nur so wimmeln würde. „Wir sollten uns langsam etwas einfallen lassen“, murmelte Makoto. „Es scheint der Echte zu sein“, bemerkte Masato dann und Jiroushin wandte sich ihr zu. „Ich konnte das Wachs raus schmelzen und man sieht dem Gold die jahrelange Nutzung und die gute Pflege an. Es wäre sehr schwierig, dies nachzuahmen.“ „Natürlich ist er echt! Warum sonst wären all die da unten auf mich aufmerksam geworden?“, brüllte der Fremde und zeigte mit ausholender Begegnung zur Stadt. Jiroushin nahm den Ring entgegen und schritt an die Reling. „Macht euch bereit“, erklärte er. „Makoto lichte den Anker. Masato, du weißt, was du zu tun hast.“ „Aye!“, sagten sie einstimmig. „Der Log Port hat sich noch nicht eingestellt“, zischte Sado. „So können wir doch nicht ablegen!“ Jiroushin grinste ihn an. „Was?!“ „Du denkst noch zu sehr wie ein Marinesoldat.“ „Was soll das denn jetzt bedeuten.“ „Sie sind da!“, schrie der Fremde panisch. „Sie haben den Hafen erreicht!“ „Der Log Port!“, brüllte Onamatsu. „Anker ist gelichtet!“ „Hier ist der Siegelring eurer Königin!“, rief Jiroushin und warf den Ring genau auf die Meute, die auf sie zu rannte. Augenblicklich löste sich die Formation in Chaos auf, als alle versuchte, das Heiligtum der Königsfamilie sicherzustellen. „Los, jetzt!“ Wie von selbst nahm ihr Schiff Fahrt auf, nicht schnell. Es war kein Geschoss, dass durchs Meer stob, aber dennoch sollte es von alleine nicht so schnell davontreiben mit gerafften Segeln, doch es fuhr. „Sado, mach dich nützlich und hol Maja. Ich will, dass ich euch bereit macht, die Segel zu hissen, sobald wir etwas auf Abstand sind.“ „Aye!“ Er hingegen schritt aufs Unterdeck, wo der Fremde noch immer stand. „Verwandle dich.“ „Wie bitte?“, verwirrt sah der andere ihn an. „Ich will, dass du dich in deine ursprüngliche Gestalt verwandelst. Keine Versteckspiele mehr.“ „Oh… okay.“ Es war faszinierend. Der Körper schien sich ganz von alleine zu verändern. Die Gardistenuniform verschwand, hinterließ ein aufgeknöpftes Hemd und eine simple schwarze Hose, und innerhalb von Sekunden stand vor ihm ein komplett anderer Mann. Kinnlanges, leicht gelocktes, braunes Haar, ebenso braune Augen, ein leichter schwarzer Flaum auf Brust und Kinn. Er war in etwa einen halben Kopf kleiner als Jiroushin und sein Gesicht so gleichmäßig ästhetisch, dass es unmöglich echt sein konnte. „Ich sagte, verwandle dich in deine ursprüngliche Gestalt!“, verlangte er. „Das… das ist sie“, meinte der Schwindler zurückhaltend. „Oder eher… ich hab keine echte ursprüngliche Gestalt. Ich kann meinen Körper formen, wie ich will, und weil ich diese Kräfte schon ziemlich lange hab… Das hier ist so nah an meine echte Gestalt, wie ich es hinkriege. Nur… nur meine Augenfarbe ist bewusst anders.“ „Warum?“ Er schien nicht mal zu lügen. Das war ungewöhnlich für einen beruflichen Schwindler. „Naja, ich mag sie nicht. Sie ist auffällig und Menschen vertrauen anderen mit braunen Augen eher. Daher…“ Er zuckte mit den Schultern. „Du wirkst auf mich gerade nicht wie jemand, der sehr unauffällig durchs Leben geht“, entgegnete Jiroushin. Von oben hörte er Rufe, als Sado und Maja die Segel setzten und ein starker Wind sie füllte. Der Hochstapler sah von unten zu ihm auf. „Ich weiß, ich bin kein guter Mensch, okay? Ich stehle, betrüge und lüge mich durchs Leben. Aber… aber das ist das Einzige, was ich kann. Ich hab keine Freunde oder Familie, kann keine richtige Arbeit, hab nicht mal eine Heimat. Alles, was ich habe, sind die Kräfte der Transformfrucht und mein Charme. Damit versuche ich mich, irgendwie am Leben zu halten.“ „Oh“, kam es von Makoto mitleidig, der herbeigekommen war. „Lass dich nicht einlullen, Makoto. Genau das hier ist seine Masche. Er versucht, Mitleid zu erregen.“ Und plötzlich war da ein Grinsen und die braunen Augen funkelten spielerisch. „Ach, du bist also doch nicht so leicht zu beeindrucken“, sagte er breit lächelnd, zeigte strahlendweise Zähne, viele davon. „Also ja, ich liebe mein Leben. Heute da, morgen dort. Überall attraktive Menschen zum Beglücken, reiche Menschen zum Bestehlen. Arrogante Menschen zum Betrügen. Ich fand es eeeecht ein bisschen übertrieben, dass ich hingerichtet werden sollte – unter uns, der Kronprinz ist auch auf seine Kosten gekommen, das kann ich euch versichern – nur wegen ein paar Kronjuwelen – ja, ich meine es im doppelten Sinn – und ein bisschen Gold. Aber der Rest stimmt tatsächlich. Ich kann mich nicht mehr zurückverwandeln, als das, was ihr hier gerade seht, mit Ausnahme meiner Augen, aber so ist es mir einfach lieber. Und ja, ich bin komplett ungebunden, frei wie ein Vogel.“ „Und vor allem bist du ein toter Mann!“ Aus dem Nichts stand plötzlich Dulacre an Deck, sein neues Schwert über den Rücken, sein schwarzer Mantel wehte im Wind, hinter ihm die untergehende Sonne, warf einen grotesken Schatten über das Deck und den Fremden. „Kapitän!“ „Dulacre, so früh hatte ich nicht mit dir gerechnet. War der Kampf zufriedenstellend?“ Dulacre neigte leicht den Kopf. „Sagen wir, es war ein guter Test, der mir meine Schwächen dargelegt hat; und meine Stärken.“ Dann sah er Jiroushin an. „Noch ein Straßenköter?“ Der Fremde zwischen ihnen sah besorgt zwischen ihnen hin und her, konnte wohl an Dulacres Ton erkennen, dass er noch nicht außer Gefahr war. Jiroushin lächelte. „Er sah so bedürftig aus.“ „Das ist mir gleich. Du sprachst davon, dass man dich hinrichten wollte, Straßenköter? Nun denn, dein Henker ist soeben eingetroffen.“ Dulacre zog sein Schwert. „Oh, bitte nicht“, flüsterte der Schwindler und wie am vergangenen Mittag, warf er sich nun auch vor Dulacre auf die Knie und flehte mit vielen Worten um sein Leben, doch Dulacre rollte nur mit den Augen und hob sein Schwert. „Verschon mich mit deinem Jammern. Es gibt für mich keinen Grund, dich am Leben zu lassen.“ Doch er schlug nicht zu. Makoto hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. „Bitte“, flüsterte er. „Er ist doch wie ich. Er hat niemanden.“ „Wir sind nicht die Wohlfahrt, Makoto. Ich habe kein Interesse daran, irgendeinen drittklassigen Dieb an Bord zu lassen.“ „Ich könnte nützlich sein“, flüsterte der Schwindler mit piepsiger Stimme. „Ich bin hervorragend in meiner Branche und ich habe es sogar geschafft, den Siegelring der Königin von Albutella zu stehlen, obwohl ihr Schloss einer Festung gleichkommt. Bitte, gebt mir eine Chance.“ Dulacre starrte Jiroushin an, dann schüttelte er den Kopf. „Ihr habt alle Glück, dass ich heute einen guten Tag hatte und nun Wichtigeres zu tun habe. Also mach dich nützlich, Straßenköter, und geh mir aus dem Weg. Sonst überlege ich es mir noch anders.“ Er schritt davon und rief nach Masato, die ihn mit ein paar klugen Worten empfing, die er offensichtlich nicht hören wollte. „Was… was hat das denn jetzt zu bedeuten?“, fragte der Neue. „Na, dass du jetzt zu unserer Crew gehörst“, sagte Makoto mit einem strahlenden Lächeln. „Du musst damit aufhören“, erklärte Sado, der gerade vom Mast heruntersprang und auf Makotos Schulter landete. „Es sind nicht alle so nett, wie sie tun, Makoto. Dem da solltest du wirklich nicht trauen.“ „Oh, haben wir ein neues Crewmitglied?“, fragte Maja, die wie so oft nicht alles mitbekommen hatte. „Sieht ganz danach aus“, bestätigte Jiroushin. „Ach schade, ich hätte die Kreuzkette wirklich gerne gehabt. Aber naja, kann man ja nichts dran machen.“ Sie streckte dem Neuankömmling die Hand hin. „Ich bin Maja, Schiffszimmermann.“ „Das heißt Schiffszimmerfrau, du bist weiblich“, korrigierte Sado von oben. „Naja, in ihrem Fall dann wohl eher Schiffszimmermädchen“, bedachte Onamatsu, der nun ebenfalls dazu kam. „Wobei das sich auch nicht richtig anhört. Jiroushin, wir sollten über den neuen Kurs sprechen.“ „Natürlich.“ Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie der Neue Majas Hand nahm und ihr auf den Handrücken küsste. „Freut mich, dich kennenzulernen, Frau Schiffszimmerfrau. Mein Name ist Eros.“   Kapitel 8: Kapitel 8 – Die Achte, die beinahe verloren ging ----------------------------------------------------------- Kapitel 8 – Die Achte, die beinahe verloren ging   „Bist du dir wirklich sicher, dass das hier der richtige Weg ist?“ „Ich hab dir gesagt, dass du mit Sado, Maja und Onamatsu an Bord bleiben sollst, aber du wolltest ja mitkommen“, meinte Dulacre von weiter vorne. „Na klar, das hier hat sich total nach einem Abenteuer angehört! Verschollene Städte, verborgene Schätze, geheime Gruften, klingt doch mega spannend!“, rief Eros von weiter hinten und für eine Sekunde klang er begeistert, aber nur für eine Sekunde. „Aber so langsam kriege ich Blasen an den Blasen.“ Masato und Dulacre schnaubten gleichzeitig auf. Sie belustigt, er genervt. „Wenn du möchtest, kann ich dich tragen“, bot Makoto an, „mir machen so kleine Aufstiege nichts aus.“ „Nein, Makoto“, unterbrach Dulacre ihn direkt. „Dieser Idiot wollte mitkommen, also lass ihn selbst laufen.“ Er schritt weiter und Jiroushin folgte ihm, Masato vorneweg. Der Anstieg war anstrengend, der Pfad so gewunden, dass kaum eine Kutsche drauf fahren konnte, dennoch… „Was denkst du?“, fragte er Dulacre und ignorierte Eros Jammern und Makotos besänftigende Worte hinter ihnen. „Ich finde die Worte des Fischers mehr als bedenklich. Auf der einen Seite meinte er, dass die Händler mindestens einmal im Halbjahr zu ihnen kommen, aber jetzt war seit über vier Jahren niemand aus der Stadt oder der Siedlung mehr unten im Dorf und keiner hat mal drüber nachgedacht, nachgucken zu gehen.“ „Überrascht es dich bei so einem Fischerdorf. Jeder bleibt für sich, alle schlagen sich mehr oder weniger alleine durch. Die Leute auf dieser Seite der Insel sind misstrauisch gegenüber allem und jeden und sie sind missgünstig gegenüber den Leuten von der Sonnenseite auf der anderen Seite der Bergkette. Du hast den Fischer doch gehört. Dort drüben legen die großen Handelsschiffe und die Marine an und bringen Reichtum den Faulen, während ja diese Leute hier noch richtig arbeiten müssen und nur Piraten hier anlegen. Wahrscheinlich gibt es tausende Gerüchte, was passiert sein könnte, aber keinen kümmert’s wirklich.“ Er zuckte mit den Schultern. „Von dem Banditenangriff, der Suncity schon vor Jahren in Schutt und Asche zurückgelassen hat, scheinen sie ja gar nichts mitbekommen zu haben. Daher ist die eigentliche Frage nicht, warum niemand von denen hier gucken ging, sondern nur, wie weit diese Banditen sich ins Innere der Insel vorgewagt haben.“ „Du… du denkst, sie werden auch die Siedlung zwischen den Bergen erreicht haben?“ Dulacre sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Laut der Karte, die Masato hat, sollte das Dorf früher von der anderen Seite der Insel aus leichter zu erreichen gewesen sein.“ „Heißt, wir laufen hier jetzt völlig umsonst den Berg hoch?“, kam die Frage von hinten. „Wenn diese Banditen die Siedlung auch überfallen haben, werden sie doch alles von Wert mitgenommen haben.“ „Das könnte schon sein“, erklärte Masato leichtfertig. „Ist schon irgendwie ironisch, oder?“, meinte Jiroushin nachdenklich. „Die Menschen unten im Fischerdorf beneiden die Menschen auf der anderen Seite der Bergkette für ihre Lage und ihr Reichtum, und wahrscheinlich ist dieses Fischerdorf die einzige Gemeinde dieser ganzen Insel, die von den Banditen verschont geblieben ist, und zwar genau wegen ihrer schlechten Lage.“ „Und wenn sie es wüssten, würden sie es wahrscheinlich hämisch mit Genugtuung weitertratschen.“ „Sag das nicht, Kapitän. Das klingt sehr gemein.“ „Die Menschen sind gemein, Makoto, find dich damit ab.“ „Mann, ich hätte doch unten an Bord bleiben sollen“, jammerte Eros nun. „Sado wollte heute doch diesen Tintenfisch machen.“ „Wahrscheinlich lässt er uns etwas übrig“, überlegte Makoto. „Ich denke, das ist der Grund, warum die Banditen nicht weitergekommen sind“, erklärte Masato von vorne, Dulacre direkt hinter ihr. Jiroushin und die anderen schlossen zu ihnen auf. „Die Brücke ist weg.“ Sie hatten den höchsten Punkt des Weges erreicht. Vor ihnen war ein kleiner Abhang und dahinter brach ein reißender Fluss sich seinen Weg von den Bergen hinunter zum Fischerdorf. Auf der anderen Seite des Flusses und auch auf dieser standen steinerne Poller, die Überbleibsel von Mauerwerk und Pflastersteinen einer soliden Brücke waren noch zu sehen, aber die Brücke selbst war fort, als wäre sie in sich zusammengebrochen. „Was ein eigenartiger Zufall“, murmelte Eros. „Eine solche Brücke, die wahrscheinlich Jahrhunderte überdauert hat, ist genau dann zusammengefallen, bevor die Banditen sie hätten nutzen können.“ „Das war kein Zufall“, widersprach Jiroushin und begutachtete die Steinpfosten. „Diese Brücke wurde gut gewartet. Sieh, die Steine im Mauerwerk hier wurden erst vor wenigen Jahren ausgebessert. Wahrscheinlich… haben die Siedler in den Bergen die Brücke zerstört, damit die Banditen nicht weiterkommen können.“ „Oder aber die Banditen haben sie zerstört, um die Siedler am Flüchten zu hindern“, überlegte Dulacre. „Oder die Fischer selbst haben die Brücke zerstört, weil sie doch ganz genau wussten, was passiert ist, aber es schlicht nicht als ihr Problem gesehen haben.“ „Wie auch immer“, kam es von Masato, „wir müssen darüber. Also kommt, bevor es Abend wird.“ Und im nächsten Moment sprang sie in einer Gewandtheit, die ihr Alter Lügen strafte, in die Luft und sofort verwandelten sich ihre Unterschenkel und Füße in Feuer und trugen sie schnell wie einen brennenden Pfeil auf die andere Seite des Flusses. „Was für eine nützliche Teufelsfrucht“, nickte Eros anerkennend. „Uhm, Kapitän.“ Makoto klang zögernd. „Ich… ich weiß nicht, ob ich so weit springen kann. Vielleicht sollte ich hier warten.“ „Du wirst springen“, erklärte Dulacre kühl, nahm selbst Anlauf und sprang mit einer Selbstverständlichkeit auf die andere Seite, als ob die Schwerkraft für ihn nur eine Option wäre. Jiroushin lächelte die anderen beiden an. „Ich kann euch helfen, wenn ihr wollt.“ „Nicht nötig“, meinte Eros und streckte sich. „Ich bin zwar noch nicht ganz so geübt, aber besser als unser Koch krieg ich das auf jeden Fall hin.“ Auch er sprang in die Luft und innerhalb von Sekundenbruchteilen veränderte sich sein ganzer Körper. In den letzten Wochen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, Sado bei dessen unfreiwilligen Verwandlungen zu helfen – nicht, dass dieser wirklich Hilfe von Eros wollte, aber tatsächlich war dieser nun mal ein Meister darin – und hatte in dieser Zeit selbst gelernt, zu fliegen. Und das tat er jetzt, verwandelte sich in einen unförmigen Raben von einer Größe, dass er von Makotos Insel stammen könnte, und flog mit gleichmäßigen Flügelschlägen über den Fluss hinweg. „Huh, es gelingt ihm schon deutlich besser als die vergangenen Tage.“ „Ich glaube, er hat seinen Spaß dran gefunden“, erklärte Makoto, „aber das Fliegen strengt ihn sehr an. Er meint, er schafft nur kleine Distanzen.“ Die Landung war nicht halb zu elegant wie der Flug, dennoch kam er auf der anderen Seite irgendwie auf den Boden und als er sich aufrappelte, war er bereits wieder in seiner üblichen Gestalt. Er strahlte Dulacre an, als erwartete er Lob, dieser sah jedoch nur kühl zu ihnen herüber. „Lass es ihn selbst ausprobieren, Jiroushin.“ „Wenn du meinst.“ Er nickte Makoto aufmunternd zu. „Probier es aus. Dulacre würde dich nicht springen lassen, wenn er Zweifel hätte, dass du es schaffen könntest. Also mach es einfach.“ Tief holte der sanfte Riese Luft. „Wenn du das sagst.“ Aber überzeugt klang er nicht, als er zwischen die Überreste der Brücke trat. „Nimm Anlauf“, rief Dulacre über das Reißen des Flusses hinweg. „Mindestens zehn Schritte.“ „Okay.“ Makoto tat wie ihm geheißen und mit einem überraschten Schrei sprang er dann auch über den Fluss. Mit einem Fuß kam er auf zerbrochenen Pflastersteinen auf, wäre jedoch hinuntergestürzt, aber Dulacre griff seine frei wedelnde Hand und zog ihn auf sicheren Boden. Mit einem Grinsen sprang Jiroushin hinterher. „Oh!“, machte Makoto, als er auf dem Boden hockte. „Danke!“ „Wofür? Du hast es doch selbst geschafft, und jetzt lasst uns weitergehen.“ Es dauerte nun nicht mehr lange, da fanden sie die Siedlung, die sie suchten, oder viel mehr, was davon übrig geblieben war. Wie sie es befürchtet hatten, waren die Banditen auch hier gewesen und die meisten Häuser lagen in Trümmern. Eine Kirche stand noch, nur ein Nebengebäude schien eingestürzt. „Da meinst du?“ Dulacre nickte zum Gotteshaus. „Ja, es müsste eine Gruft geben, wo sie ihn zur Ruhe gebettet haben“, stimmte Masato zu. Obwohl sie diese Reise hauptsächlich für Jiroushin auf sich genommen hatten, hörte er eher beiläufig zu, während er die Siedlung betrachtete. Sie schien einst nicht unbedingt wohlhabend, aber auch nicht arm gewesen zu sein. Solide Steinmauern aus gutem Stein und handwerklich gekonnt gebaut. Aber die Löcher waren nur notdürftig gestopft worden, bei manchen Hauswänden waren die zerstörten Stellen mit Geröll und Schutt versucht worden, auszubessern, bei anderen hingen nur Stofffetzen davor oder war Holz notdürftig vorgestellt worden. „Es scheint hier aber Überlebende zu geben, anders als in Suncity“, stellte er fest. „Du meinst, es gab Überlebende nach dem Überfall“, murmelte Eros, der ungewöhnlich ernst klang, während er die Arme verschränkte. „Aber das heißt nicht, dass sie noch leben.“ „Das ist ja ungewohnt düster von dir“, bemerkte Masato. „Ausnahmsweise halte ich deinen Einwurf für nicht unberechtigt“, murrte Dulacre, „aber dennoch falsch. Es gibt noch Menschen hier, nicht viele, aber ich kann sie wahrnehmen. Vielleicht zehn, ein Dutzend.“ „Schaut mal da“, bemerkte Jiroushin und deutete auf eine Stelle unweit des Dorfes, wo noch vereinzelte Stein- und Holzkreuze windschief standen oder umgekippt waren. „Da war mal der Friedhof und jetzt… wohl ein Massengrab.“ „Ich hätte auf der Oseberg bleiben sollen“, grummelte Eros, schlang die Arme um sich und zitterte einmal am ganzen Körper. „Ist euch auch so kalt?“ Niemand antwortete, während Dulacre zielstrebig auf die Siedlung zuschritt. „Da vorne sind sie.“ Jiroushin nickte die Straße hinunter. An einem Haus, das noch recht gut erhalten war, saßen drei ältere Leute, sie unterhielten sich und flickten Kleidung und Schuhe. Dann bemerkten sie die Neuankömmlinge. „Kann es sein?“, flüsterte eine von ihnen und erhob sich. Erst jetzt wurde Jiroushin bewusst, wie dürr sie war, ihre Klamotten viel zu groß. „Seid ihr von Moontown? Seid ihr gekommen, um uns zu retten? Wir warten schon seit Jahren.“ „Nein“, entgegnete Dulacre kühl und beachtete sie nicht weiter, „wir sind nur auf der Suche nach einer bestimmten Waffe.“ Doch die Frau sprach bereits mit dem Mann neben ihr. „Smithy, na komm, steht auf und hol die anderen. Du hast noch die besten Beine.“ Der alte Mann erhob sich und begann unter leisen Flüchen den Weg davon zu humpeln. In dieser Richtung konnte Jiroushin Felder und einen See sehen, wo mehrere Gestalten vor sich hin arbeiteten. Dulacre auf der anderen Seite ignorierte dies komplett und ging geradewegs zur halb eingefallenen Kirche. „Masato, komm.“ „Ist das nicht etwas unhöflich?“, meinte sie mit spielerischem Ton, folgte jedoch. Mit einem Seufzen wandte Jiroushin sich den verbliebenen beiden Damen zu. „Entschuldigen Sie meinen Freund, er hat keine gute Laune, und nein, wir sind nur Reisende, die in Moontown angelegt haben. Aber vielleicht können wir dennoch helfen. Was ist hier passiert?“ Die alten Damen schienen darauf nur gewartet zu haben und sofort erzählten sie ihnen, was sie schon vermutet hatten. Vor knapp vier Jahren waren wie aus dem Nichts Banditen aufgetaucht und hatten sie angegriffen. Was genau sie gewollt hatten, wussten sie nicht. Aber sie hatten unglaublich viel zerstört und gebrandschatzt. Von über hundert Einwohnern hatte nicht mal die Hälfte überlebt, einige mehr waren in den Tagen und den Wochen darauf ihren Verletzungen zum Opfer gefallen. Noch mehr dem ersten harten Winter. Seitdem versuchten die verbliebenen elf Überlebenden irgendwie ihr Leben zu sichern. Früher hatten sie vor allem vom Handel mit Suncity gelebt, wie die alten Damen erzählten. Dieses Dorf hatte von einem ganz besonderen Handwerk gelebt, der Restauration. Die Menschen hier hatten gelernt, Bücher, Schriften, Kunstwerke, ja sogar Möbel und Gebäude in Perfektion zu restaurieren. Die Händler hatten ihnen die Ware gebracht und sie hatten für einen Lohn diese restauriert. Viele der jungen Leute waren am Ende ihrer Ausbildung auch in die große weite Welt aufgebrochen. Um Nachwuchs hatte das Dorf sich jedoch dennoch nie sorgen müssen. Denn das große Gebäude, welches Jiroushin für eine Kirche gehalten hatte, war anscheinend viel mehr als das gewesen. In diesem Gebäude hatte die wohlhabende Siedlung Kinder aufgenommen, die nichts und niemanden mehr hatten, die beiden Hafenstädte hatten Waisen ohne Familie zu ihnen hochgeschickt, manchmal hatten sogar die Händler sie mitgebracht, und dort waren die Kinder dann auch ausgebildet worden. Dies hatte zur Folge gehabt, dass in dieser Siedlung vor allem sehr junge und ältere Menschen gelebt hatten, als sie angegriffen worden waren. Das erklärte für Jiroushin auch, warum niemand in der Lage gewesen war, sich groß gegen einen Angriff zu verteidigen, wobei sie mit einem solchen wohl auch nie gerechnet hatten. Nach dem Überfall hatten ein paar wenige versucht, Suncity oder Moontown aufzusuchen, um Hilfe zu bekommen, aber waren nie zurückgekehrt. Seitdem versuchten die Überlebenden auf eigene Faust, irgendwie zu überleben, bis Hilfe kommen würde. Jiroushin hörte sich das alles mit einem mulmigen Gefühl an. Nicht wegen der Geschichte, sie war furchtbar und er spürte Trauer und ehrliches Mitgefühl für die Bewohner, allerdings war es nicht das erste Dorf dieser Art, welches er bereist hatte. Nein, das Problem war, er wusste, was seine Moral von ihm verlangte, und er konnte Makoto regelrecht ansehen, wie sehr dieser sich zusammenreißen musste, die beiden Damen nicht direkt zu untersuchen. Aber er kannte auch Dulacre. „Vielen Dank“, antwortete er schließlich, als die Damen endeten. „Jiroushin“, flüsterte Makoto und seine Stimme war schon Bitte genug. „Lasst mich mit Dulacre sprechen“, entgegnete er, ehe er sich an Eros wandte. „Ihr beide wartet hier. Versprecht nichts, was ihr nicht halten könnt, und sollte etwas sein, wird Dulacre es merken.“ „In Ordnung.“ Vielleicht hätten sie Sado doch mitnehmen sollen, nur damit er mal erleben konnte, dass Eros durchaus in der Lage war, sich ernsthaft und besonnen zu verhalten. Jiroushin nickte den Damen zu, die gerade über irgendetwas diskutierten, dann folgte er Dulacre und Masato in die alte Kirche. Hier konnte er den Überfall sehen. Alles Wertvolle war von der Decke, den Wänden und vom Boden gerissen worden, wie Erinnerungen waren ihre Schatten noch teils zu sehen. Die übrige Einrichtung war in Mitleidenschaft gezogen, mehrere Regale und Schränke an einer Wand umgestürzt, das Innenleben war zerwühlt worden, Scherben lagen herum. Notdürftig waren Bücher und andere noch mehr oder weniger ganze Gegenstände zusammengesucht und gestapelt worden, aber offensichtlich war ihre Pflege in den vergangenen Jahren nicht Priorität gewesen. Er brauchte nicht lange, bis er die Treppe hinunter fand, doch hier waren die Banditen anscheinend nicht gewesen. Hatten die Treppe entweder nicht bemerkt oder waren nicht davon ausgegangen, dass dort unten in einer Gruft irgendetwas Wertvolles sein konnte. Aber er fand dort Masato und Dulacre, dieser stand nonchalant in einem Grab, hatte den steinernen Deckel offensichtlich heruntergeworfen und war in den riesigen Sarg gestiegen. Der Mann, der dort zur Ruhe gebettet wurde, war gute drei Meter groß. Masato stand davor und hielt eine offene Flamme in der Hand, um Dulacre beobachten zu können. „Grabschändung, ist es so weit mit uns schon gekommen?“, murmelte Jiroushin und trat näher. „Ach, stell dich nicht so an“, kam es von Dulacre unbeeindruckt, als er sich gerade aufrichtete und nun eine unscheinbare Waffe in den Händen hielt. „Masato hat diese Waffe geschmiedet und ich glaube kaum, dass dieser Kerl sie nochmal brauchen wird.“ Dann sah er auf und seine Augen glühten im Licht der Fackel. „Du hingegen schon.“ Aber er bot die Waffe nicht ihm an, sondern Masato, die sie so liebevoll in Empfang nahm wie ein Neugeborenes. Ihre Flamme wanderte dabei völlig unbeachtet von ihrer Hand hoch in ihr Haar, damit sie die Hände frei hatte. „Hallo Gars“, flüsterte sie, „wie schön, dich endlich wiederzusehen.“ Ganz vorsichtig zog sie die Scheide ein Stück ab und offenbarte einen schimmernden Degen, der trotz der vergangenen Jahre kein bisschen ermattet war. „Du brauchst wirklich ein bisschen Pflege, aber nichts, was wir nicht richten können, nicht wahr?“ Dann wandte sie sich mit einem warmen Lächeln Jiroushin zu. „Na komm her, nimm ihn an dich. Ich verspreche dir, er beißt nicht.“ Er schluckte, aber trat näher. Ihm war sehr bewusst, dass sie diese Reise nur seinetwegen auf sich genommen hatten, nur weil Dulacre davon überzeugt gewesen war, ihm die perfekte Waffe zu beschaffen, die laut Masato hier gelegen hatte, warum auch immer ausgerechnet hier. Aber er hatte seine Zweifel. Er war kein Kämpfer wie Dulacre. Er kämpfte nicht gerne und manche Waffen machten ihm Angst, besonders Dulacres neues Schwert Yoru. Es schien eine uralte Energie auszustrahlen, die Jiroushin immer das Gefühl gab, als wäre er nur durch pures Glück noch am Leben. Er wusste nicht, ob er selbst ein solches Schwert halten wollte. Aber unter Dulacres strengen Blick und Masatos wissenden Augen nahm er den Degen in seine Hände. „Oh.“ Eine Wärme kribbelte durch seine Finger, die er nicht ganz zuordnen konnte. „Gars“, sprach Masato schließlich mit einem leichten Schmunzeln, „ist eine ungewöhnlich sanfte Klinge. Tatsächlich weiß ich nicht, wie ich eine solche Waffe schmieden konnte; sie ist einmalig. Denn meines Wissens ist Gars die einzige Klinge, die nicht töten will, nicht mal Blut sehen will, aber dennoch einen Kampf nicht fürchtet. Gars wird dir ein guter Partner sein und dich führen, solltest du nicht weiter wissen.“ Jiroushin hörte ihre Worte und wusste, dass sie stimmten. Noch nie hatte er eine solche Waffe in den Händen gehalten. „Aber kann ich Gars ein guter Partner sein?“, fragte er, ohne aufzusehen. „Ich habe noch nie mit einem Degen gekämpft.“ „Du wirst es lernen“, meinte sie, immer noch so warm, „und wenn du auf Gars hörst, wirst du besser als jeder andere.“ Dulacre räusperte sich, mittlerweile aus dem Grab herausgestiegen, ohne sich um den Steindeckel umzusehen. „Wir haben die Waffe, also lasst uns gehen.“ „Aye“, sagte Masato mit ihrem wissenden Lächeln. „Dulacre“, murmelte Jiroushin, gab Masato die Waffe zurück und folgte ihm. „Nein“, blockte dieser ihn sofort ab. „Bitte, hör mir zumindest…“ „Nicht schon wieder, Jiroushin. Wir sind nicht für diese Menschen verantwortlich und sie könnten mir nicht gleichgültiger sein.“ „Wir können sie nicht zurücklassen. Sie werden nach und nach einfach vergehen, wenn sie keine Hilfe bekommen. Sie sind unterernährt, vermutlich krank, wir…“ „Nein!“ Dulacre war stehen geblieben und hatte mahnend den Zeigefinger erhoben. „Wie viele Straßenköter willst du mir noch ans Bein binden?“ „Wir müssten sie ja nicht alle mitnehmen, Kapitän“, warf überraschenderweise Masato vermittelnd ein, die sich bei solchen Themen normalerweise zurückhielt. „Aber wir könnten sie zumindest bis zum Hafen bringen. Dort könnten sie Hilfe erhalten. Das wäre doch das Mindeste dafür, dass sie all die Zeit über Gars gewacht haben.“ Dulacre starrte sie an und Jiroushin bemühte sich, sein Grinsen zu unterdrücken. Er durfte Dulacre zwar frei widersprechen und seine eigene Meinung mitteilen – was Dulacre nicht allen Crewmitgliedern erlaubte – aber sie war die Einzige, die ihn belehren durfte, ihm etwas beibringen durfte, von der er Kritik und Rat wirklich annahm, und man konnte sehen, wie sehr es gerade in Dulacre arbeitete. „Wie soll das überhaupt gehen?“, knurrte er ablehnend. „Soll Makoto sie alle gestapelt den Berg hinuntertragen? Ich werde gewiss niemanden auf meine Schultern nehmen.“ „Vielleicht finden wir einen alten Karren“, meinte Masato und zog ihre Pfeife aus den Tiefen ihrer Lederkutte, „Makoto hätte mit Sicherheit nichts dagegen, den zu ziehen, allerdings müsstest du ihn wahrscheinlich über den Fluss bringen, damit den Dorfbewohnern nichts passiert.“ Dulacre schwieg, mehrere Atemzüge lang, dann schnaubte er auf und ging mit einer abfälligen Handbewegung davon. „Was seid ihr nur alle gutmütige Narren!“ Aber Masato lächelte Jiroushin an. „Du bist ein guter Junge und du hast einen guten Einfluss auf ihn.“ „Nah, ich weiß nicht, wie groß der Einfluss wirklich ist. Er wehrt sich mit Händen und Füßen“, murrte er nur schulterzuckend und sie folgten ihrem Kapitän. „Oh nein, er wehrt sich nicht gegen dich, sondern ringt mit sich selbst. Du bist seine Ausrede, warum er jene Kämpfe so manches Mal verlieren darf.“ Er zog die Augenbrauen hoch, entgegnete jedoch nichts. Draußen stand eine Traube um Makoto und Eros. Eros schien Geschichten zu erzählen, während Makoto gerade den alten Mann untersuchte, der die anderen holen gegangen war. Insgesamt waren es wirklich elf an der Zahl. Neben den drei Alten gab es noch zwei weitere Ältere mit schütterem Haar, einer fehlten viele Zähne. Vier schienen jünger zu sein, irgendwo zwischen Anfang zwanzig und Mitte vierzig, drei Frauen, ein Mann. Die übrigen zwei waren Kinder, vielleicht so alt wie Maja. Alle waren sie hager und dreckig von der Feldarbeit. Manche von ihnen zeigten Narben schlecht verheilter Wunden. Dulacre überließ Jiroushin die Organisation und schritt desinteressiert davon. Also war er es, der den Dorfbewohnern erklärte, was sie vorhatten. Nach kurzer Zeit war ein alter, aber noch fahrbereiter Karren gefunden und die Dorfbewohner verstreuten sich, um ihre wenigen Habseligkeiten einzusammeln. Jiroushin suchte währenddessen Dulacre auf, der zurück in der halb zerfallenen Kirche war, er stand an den umgekippten Regalen und untersuchte die Bücher, die dort gestapelt waren. „In einer halben Stunde wollen wir aufbrechen“, erklärte er. „Danke, dass du mich gewähren lässt." Dulacre schnaubte nur auf, dann hob er das Buch an, durch das er gerade blätterte. „Wir sollten hiervon einige mitnehmen.“ „Was? Wovon redest du?“ „Dass diese Banditen keine Ahnung hatten. Gold, Geld, was ist es wert? Der wahre Schatz dieses Dorfes liegt hier. Diese Bücher sind alt, Sprachen, die ich teils noch nie gesehen habe. Da vorne ist eine Kollektion mit Schriften aus Wa No Kuni über die alten Stile der Kriegsführung und des Kampfes.“ „Aber… wir können nicht einfach fremder Leute Bücher mitnehmen! Sie gehören den Leuten hier.“ „Ich denke, es ist eine angemessene Bezahlung dafür, dass wir ihr Leben retten.“ „Was willst du damit überhaupt?“ „Sie in meine Bibliothek stellen natürlich. Sie ist bisher recht spärlich ausgestattet, da kommen mir diese Bücher gerade recht.“ „Du machst mich echt fertig. Okay, weißt du was, wir nehmen sie mit nach Moontown und unterwegs frage ich die Dorfbewohner, ob sie uns manche von diesen Büchern überlassen könnten.“ „Nein, ich will sie alle.“ Jiroushin holte tief Luft. „Und ich will, dass du dich zumindest ein einziges Mal nicht wie ein Arsch aufführst, aber wir können nun mal nicht alles haben.“ Dulacre sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, sagte jedoch nichts.   Es dauerte doch noch etwas länger, bis sie schließlich den Rückweg antraten und wie besprochen, versuchte Jiroushin, mit den Dorfbewohnern in ein Gespräch zu kommen. Bis auf einen Mann und eine Frau mittleren Alters waren alle im Karren untergekommen, die beiden hatten aber behauptet, selbst laufen zu können. Jiroushin hatte sie mit über den Fluss getragen und danach nur wenige Fragen gebraucht, um herauszufinden, wer für die Bücher verantwortlich gewesen war, Funke Resa hieß sie, sie wirkte ein paar Jahre älter als Jiroushin, vermutlich auch als Sado, wobei ihr mausgraues Haar ihn trügen konnte. Und es brauchte nur wenige Sätze, da war Jiroushin sich sicher, dass er Dulacre dieses Mal eine streunende Katze mitbringen würde, denn Resa stellte sich als hervorragende Restauratorin heraus, die sich insbesondere auf alte Bücher und tote Sprachen spezialisiert hatte, aber die durch ihre Arbeit ein fundamentales Wissen in allen denkbaren Bereichen besaß. Er erklärte ihr, was Dulacre vorhatte, und dass Dulacre einen besonderen Geschmack für wertvolle Gegenstände der Zeit hatte. Davon war sie zunächst nicht besonders beeindruckt gewesen, aber natürlich wusste Jiroushin sie zu locken, als er erwähnte, dass Dulacre auch ein sehr großzügiger Kunstförderer sein konnte, der natürlich schon rein aus Prinzip nur die besten Werkzeuge zur Verfügung stellen würde. Schließlich waren es die anderen Dorfbewohner, die sie überzeugten und schlussendlich stimmte Funke Resa seinem Angebot zu und Dulacre quittierte es nur mit einem Augenrollen.   In ruhigen Bewegungen ging er die Grundschritte durch, stets unter dem wachsamen Auge von Masato, die ihm gerade die Grundzüge des Kampfes mit dem Degen beibrachte. Sie war sehr deutlich gewesen, dass sie selbst keine Expertin sei und sie vermutlich ihm nicht weiter als über die ersten Schritte hinaus helfen konnte, aber das genügte Jiroushin für den Moment. Vorher war er überzeugt gewesen, dass diese neue Waffe nicht das war, was er brauchte, nun wusste er, dass er Gars in jedem Fall meistern musste, um überhaupt sich weiterentwickeln zu können. „Sag mal, Jirousin, kanntest du den Jungen?“, fragte Resa, als er seine letzte Übung beendete. Sie saß neben Masato am oberen Treppenabsatz und aß die Erdbeeren, die Sado ihr bereitgestellt hatte. Makoto hatte darauf bestanden, ihre Ernährung für die nächsten Wochen vorzuschreiben, um sicher zu gehen, dass sie die notwendigen Nährstoffe erhielt und gleichzeitig ihr Magen nicht überfordert wurde. Er nickte und steckte Gars weg, rieb sich durchs Gesicht. „Shanks heißt er. War ein Crewmitglied vom Piratenkönig.“ „Ach?“, meinte Masato. „Und ihr kanntet ihn aus eurer Zeit bei der Marine?“ „Also ich kenn ihn nicht wirklich. Hab ihn vielleicht ein zwei Mal aus der Ferne oder auf Bildern gesehen. Keine Ahnung, wie Dulacre und er aufeinandergetroffen sind.“ „Seltsam, dass der Kapitän gegen so einen Bengel kämpfen will, oder? Der ist doch kaum älter als Maja.“ Jiroushin zuckte mit den Schultern. „Dulacre kennt nur zwei Formen von Kämpfen, die, die ihn interessieren, und die, deren Gegner er sich entledigen muss. Frag mich nicht, was ihn da geritten hat. Aber ich bin mir nicht mal sicher, ob er wirklich gegen ihn kämpfen will.“ Vor wenigen Stunden waren sie auf einer unscheinbaren Insel vor Anker gegangen. Nachdem Eros lange genug gebettelt hatte, waren sie dann auch in eine noch unscheinbarere Bar gegangen. Sie hatten einfach nur etwas trinken wollen – oder was auch immer Eros in solchen Etablissements vorhatte – aber dann war dieser Shanks auf Dulacre zugetreten und hatte sich mit ihm unterhalten wollen, über irgendetwas, was Dulacre bei der Hinrichtung von Gol D. Roger wohl gesehen hatte. Natürlich war Dulacre alles andere als begeistert gewesen, aber irgendetwas musste dieser Bengel gesagt haben, zwischen den Zeilen, denn Dulacre hatte schließlich eingewilligt, diesem Shank und dessen kleiner Crew auf deren Schiff zu folgen. Er hatte Jiroushin gesagt, dass sie auf ihn warten sollten, bis er zurückkehren würde und bis dahin tun und lassen könnten, was sie wollten. Auf Sados warnende Worte hatte er nur gemeint, dass er auch nichts gegen einen kleinen Kampf einzuwenden hätte, wenn es denn zu einem solchen kommen sollte. Nun war es früher Abend und sie hatten sich aufgeteilt. Während Jiroushin, Masato, Onamatsu – der derzeit in der Kajüte schlief - und Resa an Bord geblieben waren, hatten die anderen entschieden, die Stadt ein bisschen zu erkunden. Makoto bemühte sich nach Leibeskräften, zwischen Sado und Eros zu vermitteln, die schlicht wie Tag und Nacht waren, und hatte daher beide gebeten, ihn auf seinem Ausflug zu begleiten; Maja war einfach mitgegangen. Jiroushin verstand nicht, warum Makoto sich diese Mühe machte, er wollte offensichtlich, dass die beiden andere Freunde wurden, aber das wirkte auf Jiroushin wie vertane Liebesmüh. Sado kam einfach nicht gut mit Eros… anzüglicher Art klar und machte daraus auch keinen Hehl, vergriff sich manches Mal sogar im Ton. Doch gerade, weil er darauf so deutlich und oftmals schockiert reagierte, schien Eros Gefallen daran zu finden, ihn aufzuziehen. Gleichzeitig war Eros aber auch der eine aus der Crew, der es wirklich geschafft hatte, Sado bei dem Training mit dessen Teufelskraft zu helfen. Jiroushin hatte so etwas noch nie gesehen. Die meisten Teufelsfruchtnutzer, die er kannte, schienen eine Kraft genau passend zu ihrem Charakter gefunden zu haben, oder sich wenigstens die Stärken dieser Kraft zu Nutze zu machen; Eros aber auch Masato waren dafür Musterexemplare. Bei Sado war das jedoch ganz anders. Er schien seine Kräfte kaum kontrollieren zu können und kein Gefühl dafür zu haben, wie er sie einsetzen konnte. Jiroushin kannte einige aus der Marine, die Zoanfrüchte gegessen hatten und ganz natürlich zwischen ihren Gestalten hin und her gewechselt waren. Sado konnte das nicht, manchmal verwandelte er sich in den Raben, der aber auch aussah, wie ein ganz gewöhnlicher Rabe, ohne irgendwelchen besonderen Fähigkeiten. Aber das passierte immer ungewollt und andere Formen konnte er nicht annehmen. Eros hatte ihm etwas geholfen, die Auslöser für seine Verwandlungen auszumachen – und einmal war es Sado sogar gelungen, sich gezielt in den Raben zu verwandeln – und mittlerweile konnte Sado sich meist recht schnell wieder zurückverwandeln. Sie kamen also irgendwie miteinander klar, aber das hieß nicht, dass sie einander mochten. „Naja, wie auch immer. Ich bin jetzt ziemlich durch und würde gerne duschen gehen. Kann ich euch beiden Damen das Schiff überlassen.“ Sie lächelten. „Natürlich, geh nur“, erklärte Resa freundlich und Masato nickte. Doch als Jiroushin in die Männerkajüte gehen wollte, lief er beinahe in Onamatsu herein, dessen Bartfäden zitterten, nie ein gutes Zeichen. „Jiroushin, ich glaube, in der Stadt geht etwas vor sich. Die Luft ist unruhig.“ „Und du bist dir sicher, dass es aus der Stadt kommt und nicht… von den Schiffen der anderen Piraten?“, fragte er, während er sein eigenes Observationshaki einsetzte, aber er konnte es noch nicht besonders weit ausbreiten. Onamatsu schüttelte den Kopf. „Der Kapitän ist nicht beteiligt, ihn kann ich nicht spüren. Aber ich glaube…“ Nun an Deck schnüffelte er leicht wie ein Hund, „ja, ich kann Blut riechen. Es ist ein Kampf.“ Jiroushin schaltete sofort. „Okay, Onamatsu, Resa, macht das Schiff ablegebereit. Masato, pass auf die beiden auf.“ Schon sprang er über Bord. „Ich hole die anderen. Lasst niemanden Fremden an Bord, das ist ein Befehl!“ Masato erhob sich und augenblicklich schien sie zu glühen. „Aye.“ Doch Jiroushin achtete nicht mehr auf sie, sondern packte sein Schwert – nicht Gars, so weit war er noch nicht - und rannte den Hafen entlang, in die Stadt. Wenn es einen Tumult gab, war die Chance groß, dass die anderen involviert waren. Makoto fiel allein schon aufgrund seiner Größe auf und war leider schon öfters Ziel von Hohn und Feindlichkeit gewesen, ähnlich wie Onamatsu es als Fischmensch auch immer wieder erlebte. Bisher hatten Dulacre, Sado oder er selbst dem immer schnell Einhalt geboten, aber er hielt es nicht für unmöglich, dass irgendwer mal handgreiflich werden würde. Dann konnte er Rufe und Poltern hören. Er zog sich seine Kapuze über und rannte schneller, bog in eine Gasse ein und für einen Moment fehlte ihm der Atem. „… also bitte aufhören. Ich kann das nicht zulassen, er ist ein guter Mensch, du darfst ihn nicht töten. Bitte, wir müssen einander doch nicht bekämpfen." Es war eine Sackgasse, mit dem Rücken zu Jiroushin standen gut 20 Marinesoldaten mit angelegten Waffen, hinten an der Wand stand Makoto und hielt einen Soldaten mit beiden Händen in der Luft, dessen Schwert in Makotos Schulter steckte. Der Soldat zappelte und wehrte sich, zog an seinem Schwert, bekam es jedoch nicht frei, sondern stieß es nur wieder rein, in seinem verzweifelten Versuch, sich zu befreien. Er war wohl der Grund, warum die Soldaten nicht einfach angriffen, in Sorge, einen der ihren sterben zu lassen. Es lag mit Sicherheit nicht an Maja und Eros, die vor Makoto standen, sie mit einem Gewehr der Marine – wo auch immer sie das her hatte – ebenfalls auf Anschlag, welches sie auf den Kommandanten gerichtet hatte, Eros mit erhobenen Fäusten. Er sah deutlich muskulöser aus als er eigentlich war und hatte vermutlich seine Teufelskraft genutzt, um sich stärker darzustellen, um die Soldaten einzuschüchtern. Auf seiner Miene stand kühle Überlegenheit, wie Jiroushin es von Dulacre kannte. Naja, vielleicht lag es doch etwas an ihnen. Wo war Sado? Schließlich war er der einzige Kämpfer unter ihnen. Doch da sah er es, ein winziger Schatten hinter Makoto. Er hatte sich verwandelt. Der eine, der diese Gruppe beschützen konnte, hatte sich in seine schwächste Version verwandelt und wurde nun von den anderen beschützt. Jiroushin brauchte keine Sekunde, um sich einen Überblick zu verschaffen, dann zog er sein Schwert und griff an. Er war natürlich nicht ansatzweise so stark wie Dulacre, aber er hatte den Überraschungsmoment auf seiner Seite und über die vergangenen Wochen war er stärker geworden, schneller geworden. Er streckte die Soldaten nieder, in der Hoffnung sie nicht zu töten, und nach einer halben Minute stand keiner mehr. Eros begegnete seinem Blick mit einem erleichterten Seufzen und geflüstertem Dank an niemanden, während Maja die besiegten Soldaten begutachtete. „Makoto, lass ihn herunter“, befahl Jiroushin ruhig und Makoto folgte seinem Befehl. Mit zitternden Beinen stand der junge Soldat dort, offensichtlich verängstigt, während Jiroushin zum Schiffarzt herüberging und ihm half, das Schwert möglichst sanft aus dessen Schulter zu ziehen. Klappernd fiel es zu Boden, Bluttropfen überall. „Lasst uns gehen“, erklärte Jiroushin dann. „Wa…wartet!“, rief der Soldat mit zitternder Stimme und ebenso zitternden Fäusten. „Im… im Namen der Gere… echtig…“ „Lass es bleiben. Setzt dein Leben nicht so leichtfertig aufs Spiel. Sonst werde ich dich töten müssen.“ Makoto hob Sado hoch, sein Hemd blutverschmiert, und fast schon langsam gingen sie die Straße entlang. Maja klaubte auf dem Rückweg noch die ein oder andere Waffe auf. „Was ist passiert?“, verlangte Jiroushin ruhig zu wissen. „Keine Ahnung“, murrte Eros, der nun wieder normal aussah. „Wir waren auf dem Markt und haben uns bedeckt gehalten, weil da auch diese Marinetypen waren. Plötzlich hat einer von denen Sado erkannt und irgendetwas von Verräter und Mörder geschrien.“ „Sado hat ihn auch erkannt“, warf Maja ein. „Ich meine, du hättest ihn beim Namen genannt, oder Sado?“ Doch der Rabe reagierte gar nicht. „Naja“, fuhr Eros dann fort, wieder diese ernste Art, die er nur sehr selten zeigte. „Auf jeden Fall zogen der Typ und die anderen dann ihre Waffen und Sado meinte, wir sollten abhauen, aber sie haben uns hier eingekesselt.“ Er schwieg für einen Moment. „Glaube, das war nicht so easy für unseren Koch, stand erst vor uns, aber wollte nicht kämpfen und als dann der eine Soldat da angriff, hat er wieder mal Puff gemacht und Makoto ist dazwischen gegangen. Danach haben Maja und ich nur noch versucht, sie hinzuhalten, aber um ehrlich zu sein, keine Ahnung, wie wir das geschafft haben.“ „Wie schlimm ist deine Verletzung.“ „Nicht schlimm. An Bord werde ich sie versorgen.“ „Gut, lass dir bitte von jemandem helfen. Wir anderen werden ab jetzt wachsam sein. Die Soldaten werden wahrscheinlich Verstärkung anfordern, also werden wir das Sargboot im Zweifel zurücklassen und aufbrechen müssen, verstanden?“ „Aye.“ „Makoto, gib Sado mir, ich werde auf ihn aufpassen.“ Er nahm den Raben entgegen, der sich nicht rührte und gemeinsam schritten sie weiter. „Es tut mir leid“, flüsterte er, während die anderen an Bord gingen. „Glaub mir, ich verstehe dich.“   Kapitel 9: Kapitel 9 – Die Neunte ist der Feind ----------------------------------------------- Kapitel 9 – Die Neunte ist der Feind   Als er am frühen Morgen in die Küche kam, stand Sado am Herd. „Ach hey“, meinte er, „du hast es endlich geschafft, dich zurückzuverwandeln?“ Sado nickte nur. Vor drei Tagen waren sie von den Soldaten überrascht worden, Sado hatte sich vor Schreck in einen Raben verwandelt und Makoto war verletzt worden. Seitdem hatte Sado sich nicht verwandeln können, selbst nicht mit Dulacres – zugegebenermaßen recht dürftigen – Hilfe, der noch in den frühen Morgenstunden nach der Auseinandersetzung zurückgekehrt war. Es waren ein paar unangenehme Tage gewesen. Makoto hatte sich um Sado Sorgen gemacht, Eros und Maja waren sehr beklommen drauf gewesen – was gerade bei diesen zwei Frohnaturen sehr auffällig war – und alle anderen hatten sich um Makoto und dessen Verletzung Sorgen gemacht. Dulacre war außer sich gewesen, dass in seiner Abwesenheit eines seiner Crewmitglieder verletzt worden war und natürlich mussten alle unter seiner Laune leiden. Überraschenderweise war es Resa gewesen, die ihn recht gut abgelenkt hatte, immer wieder Gespräche mit ihm gesucht und ihn gebeten hatte, mit ihr in die Bibliothek zu gehen, wann immer er einen aus der Crew besonders harsch angegangen war. Auch Masato hatte Dulacre das ein oder andere mal ein paar Takte gesagt, aber sie war halt forsch und direkt, wohingegen Resa eher… subtil handelte. Jiroushin hoffte, dass die nächste Insel und Sados Verwandlung die Stimmung etwas aufhellen würde. „Willst du drüber reden“, bot er freundlich an und begann, den Tisch zu decken, da Sado sich nicht gerne beim Kochen helfen ließ, wenn er schlecht drauf war. „Nein“, entgegnete dieser kalt. „Aber wenn der Kapitän wach ist, werde ich mich seinem Urteil aussetzen und mich bei ihm und den anderen entschuldigen. Ich… Ich hätte sie beschützen müssen.“ Mit einem leisen Seufzen holte Jiroushin Wasser für den Kaffee. „Wenn du meine Meinung hören willst, ja, die Starken beschützen in der Regel die Schwachen, aber das heißt nicht, dass nicht auch mal die Schwachen die Starken beschützen können. Du konntest sie nicht beschützen, du konntest nicht mal dich selbst beschützen, deshalb haben sie sich der Herausforderung gestellt und werden daran wachsen.“ „Wachsen?“, fauchte Sado beinahe. „Nennst du das so? Ja? Makoto ist verletzt, wird mit Sicherheit ne beschissene Narbe. Ausgerechnet Makoto! Ausgerechnet… und nur weil… weil ich diese verfickte… Ich wollte nie eine Teufelskraft haben. Ich weiß nicht, wie ich es aufhalten soll, wie ich es verhindern soll. Ich hasse es! Ich hasse diese Gestalt! Ich hasse…“ „Sado.“ Der ehemalige Soldat sah ihn an, hatte gar nicht gemerkt, dass das Holzbrett unter seinem Messer geborsten war. „Hast du gehört, was sie gesagt haben?“, flüsterte er und seine schmalen Augen schimmerten. „Sie nannten mich einen Verräter. Sie… sie denken, wir hätten sie verraten und wären dafür… Meine Kameraden sind während ihres Dienstes für die Marine von der Weltregierung abgeschlachtet worden und die Welt denkt jetzt, dass sie… dass wir… Sie waren Helden und ihre Familien und Freunde, ihre Kameraden und Vorgesetzten, sie alle werden denken, dass es Verbrecher waren.“ Was sollte er darauf antworten? Was sollte er antworten, dass nicht absolut hohl und nichtssagend sein würde. „Ich weiß“, sagte er daher nur. „Und ich kann es nicht mal richtigstellen“, sprach Sado weiter, nun wieder lauter, schniefte einmal und wandte sich wieder seinem Messer zu. „Als würde mir irgendwer glauben. Die Lüge eines Deserteurs gegen die Fakten der Weltregierung.“ Jiroushin entgegnete nichts. „Wäre ich damals zurückgegangen, anstatt bei euch zu bleiben, hätte man mich wahrscheinlich noch am gleichen Tage hingerichtet, vielleicht schon bei meiner Ankunft erschossen und ich hätte noch nicht mal gewusst, warum.“ Sado schüttelte den Kopf. „So langsam verstehe ich den Kapitän. Das sind alles Heuchler und Lügner und…“ „Sag das nicht“, widersprach er und nahm das Brettchen mit dem kleingeschnittenen Obst, ehe es zu Mus wurde. „Sie sind alle wie du vor nicht allzu langer Zeit. Wie wir. Sie glauben, für Gutes einzustehen – und hoffentlich können sie das auch oft – aber sie wissen nicht, was wir wissen. Und…“ Er unterbrach sich, als gerade Masato hereinkam, wie immer die Pfeife im Mund. Wenig später kamen auch die übrigen Crewmitglieder – wobei Onamatsu Maja aus den Tiefen ihrer Werkstatt fischen musste, wo sie wiedermal eingeschlafen war – und alle freuten sich über die Anwesenheit ihres Smutjes. Am späten Nachmittag erreichten sie erneut Land und dieses Mal entschied Dulacre, selbst mit von Bord zu gehen, da nicht nur Sado an Lebensmitteln sondern auch Makoto an medizinischem Material aufstocken wollte, nachdem seine Vorräte durch die Versorgung von Resa und ihren Mitbürgern aufgebraucht worden waren und er auf der vergangenen Insel nicht die Möglichkeit gehabt hatte. Es war ein normaler Einkauf, unauffällig, nette Städter und ein ganz gewöhnlicher Markt, die üblichen Lästereien und Munkeleien, nichts Besonderes, und so langsam entspannten sie sich alle wieder. Den Abend verbrachten sie in einem Wirtshaus und sie aßen gut, sie tranken gut und sie hatten einfach eine gute Zeit. Ausnahmsweise versuchte Eros nicht, Sado irgendwie in Verlegenheit zu bringen, sondern forderte stattdessen Resa zum Tanz auf, was sie sichtlich freute. Es war ein guter Abend, es war ein guter Tag. Man konnte fast etwas unaufmerksam werden. „Du merkst es auch, oder?“, fragte Jiroushin. Dulacre neben ihm nippte gerade an seinem Whisky und nickte kaum merklich. „Wo?“, fragte er. Dulacre hielt sein Glas auf Mundhöhe, als würde er die Eiswürfel darin begutachten. „Am Eingang. Zu weit weg, um uns zu hören.“ „Sollten wir gehen? Oder willst du die Konfrontation?“ „Hmm…“ Dulacre neigte leicht den Kopf und ließ dann mit einem spielerischen Grinsen sein Glas sinken. „Kampf?“, fragte Jiroushin, der diesen Blick gut kannte. „Nein, gar nichts“, meinte Dulacre und sah ihn an. „Ich bin neugierig, zu sehen, wie es sich entwickelt.“ „Bist du… bist du dir sicher? Was ist, wenn den anderen…?“ „Dieses Mal bin ich dabei, was soll dann schon passieren?“ Jiroushin zuckte mit den Schultern. „Na, wenn du meinst.“ „Ja, meine ich.“ „Na, worüber unterhaltet ihr zwei Hübschen euch.“ Eros war von der Tanzfläche gekommen und hatte einen Arm über Jiroushins Schulter geworfen. „Wer von euch mit tanzen kommt?“ Dulacre hob nur warnend eine Augenbraue an. „Weißt du was“, meinte Jiroushin dann, „ich komme mit. Sado, Onamatsu, Maja, kommt, wir gehen tanzen.“ Und das taten sie. Selbst Masato gab ein paar ihrer Kunststücke zum Besten und Jiroushin könnte schwören, er hätte ein ehrliches, belustigtes Lächeln im Gesicht ihres Kapitäns gesehen, als Makoto Sado überredet hatte, mit Eros eine Hebefigur vorzuführen, die im ersten Moment unglaublich elegant ausgesehen hatte, aber damit geendet war, dass beide krachend zu Boden gegangen waren. Erst spät gingen sie zum Schiff zurück, die Stimmung angenehm gelöst und selbst Sado und Dulacre schienen etwas milder gestimmt zu sein. Jiroushin hatte ein gutes Gefühl, als würde nun endlich eine gute Reise ihnen bevorstehen.   „Eros ist weg.“ „Was?“ „Er war nicht in seiner Koje“, erklärte Onamatsu mit einer ausholenden Bewegung. „Vielleicht ist er im Bad“, meinte Maja mit einem Schulterzucken. „Da ist der doch immer Stunden drin.“ „Er ist nicht an Bord“, erklärte Dulacre und trank seinen Kaffee. „Ich kann ihn nicht wahrnehmen.“ „Hmm, also er hat mich gestern Abend zur Nachtwache abgelöst“, überlegte Resa und nahm den Tee entgegen, den Sado ihr reichte, „aber wo wir drüber reden, er wirkte unüblich vergnügt. Normalerweise freut er sich nicht so über Nachtwachen.“ „Jetzt, wo du es sagst, er war auch noch voller Energie, als ich ihn abgelöst habe“, bemerkte Masato und aß ihren Fisch unbekümmert. „Ich denke zwar, dass mir grundsätzlich aufgefallen wäre, wenn er das Schiff verlassen hätte, aber er ist ein Meister der Verkleidung und in letzter Zeit gelang es ihm immer besser, seine Anwesenheit zu verbergen und es gab für mich auch keinen Grund zu glauben, dass er von Bord gehen würde.“ Jiroushin sah Dulacre an, ignorierte Masatos Worte. Sie hatten es gewusst und dennoch hatte Dulacre sich bewusst dagegen entschieden, etwas zu unternehmen, nur weil er neugierig gewesen war. Dieser schien Jiroushins Blick zu bemerken, denn er rollte mit den Augen und sah ihn herablassend an, ehe er die Zeitung aufschüttelte. „Wäre er gewaltsam von Bord gegangen, hätte ich es in jedem Fall bemerkt. Ich denke, Masato hat Recht, er ging, weil er es wollte.“ „Oh“, machte Makoto ganz leise und senkte seine Tasse. „Oh?“, fragte Jiroushin nach, während Dulacre hinter der Zeitung verschwand, wie jeden Morgen, wenn er am gemeinsamen Frühstück teilnahm. „Ich glaube, das könnte meine Schuld sein“, murmelte Makoto dann. „Wie meinst du das? Danke, Sado.“ Onamatsu nahm gerade den Algensalat entgegen, den Sado ihm immer machte. „Naja, er wollte mir doch gestern beim Einkaufen helfen, als wir uns trennten.“ Er nickte Sado zu, welcher ebenfalls zustimmend nickte. „Und als wir mit den ganzen Verkäufern uns über ein paar Kräuter unterhielten, erzählten sie uns von einer Gartenanlage etwas weiter Inlands, die wohl all die Pflanzen – und noch mehr – hat, die ich suchte. Ich war total begeistert, aber sie rieten uns davon ab, dorthin zu gehen, da die Frau, von der der Garten ist, wohl keine Menschen mag.“ „Ach, das ist mit Sicherheit diese Hexe, von der uns auch erzählt wurde“, warf Sado ein und nickte Resa zu. „Da meine Vorräte etwas knapp sind, hätte ich mich über manche von diesen Pflanzen sehr gefreut und daher…“ Er sprach nicht weiter, sondern zuckte mit den Schultern. „Und unser gutmütiger Schwindler dachte sich also, er könnte da unbemerkt einbrechen und die gewünschten Pflanzen für unseren Schiffsarzt holen“, fasste Resa zusammen. „Gutmütig aber dumm“, warf Masato ein, „wenn er bis jetzt noch nicht zurück ist, können wir wohl davon ausgehen, dass er nicht unbemerkt geblieben ist.“ „Und was machen wir jetzt?“, fragte Sado unzufrieden und fingerte bereits nach seinen Zigaretten, obwohl er nie in der Küche rauchte – und generell mittlerweile schon viel weniger, seitdem Makoto angefangen hatte, ihm ins Gewissen zu reden. „Onamatsu, hat sich der Logport schon neu orientiert?“ „Uhm, was? Äh, ja.“ „Gut, dann reisen wir weiter.“ „Was?!“ „Aber…“ „Was!“ „Eros ist freiwillig von Bord gegangen und hat sich freiwillig diesem Risiko ausgesetzt. Ich erkenne ihn nicht als Crewmitglied an, daher ist es nicht meine Verantwortung, wenn er Mist baut. Soll er sich da selbst rausholen. Wir reisen nach dem Frühstück ab.“ „HHHHHH.“ Makoto machte einen ganz hohen Laut wie bei einer pfeifenden Teekanne, ohne den Mund zu öffnen, und Tränen sammelten sich bereits in seinen Augen an. „Er ist nur in Bredouille, weil er unserem Schiffsarzt helfen wollte“, merkte Masato dann an. „Und die Vorräte sind nur zur Neige gegangen, weil ihr meinen Leuten und mir geholfen habt“, ergänzte Resa. „Ich fände es ziemlich doof, ihn jetzt einfach zurückzulassen, er ist lustig“, kam es von Maja. „Er ist der Einzige von uns, der Sado mit seiner Teufelsfrucht helfen kann“, warf Onamatsu ein, woraufhin Sado aufschnaubte, aber nicht widersprach. „Du hast ihm erlaubt, an Bord zu bleiben. Das war deine Entscheidung, wenn du dagegen gewesen wärest, hättest du ihn einfach töten können“, bedachte Jiroushin. „Kapitän“, flehte Makoto, „bitte!“ Dann war es still und sie alle sahen zum Kopfende des Tisches, wo die Zeitung wie eingefroren eine Wand zu ihnen aufbaute. Im nächsten Moment schnaubte Dulacre auf und schlug sie auf den Tisch, sah sie offensichtlich wütend an. „Besteht meine ganze Crew nur aus gutmütigen Narren?“, fragte er kalt. „Gutmütig? Ja. Aber ich halte mich nicht für eine Närrin“, bemerkte Resa mit ihrem liebevollen Lächeln, dem Dulacre nicht mehr als einen genervten Blick entgegenzusetzen hatte. Erneut stöhnte er auf und riss die Zeitung wieder hoch. „Meinetwegen! Nach dem Frühstück werden Jiroushin, Makoto und ich aufbrechen und ihn zurückholen. Ihr anderen bleibt an Bord, egal was passiert. Wenn wir vier zurücksind, brechen wir auf, egal wer dann an Bord ist und wer nicht.“ „Kapitän!“ „Nein, ich bin wütend auf dich, Makoto. Du und Jiroushin sammelt mir eindeutig zu viele Streuner auf und dieser bunte Kanarienvogel ist so anstrengend.“ Wieder wimmerte Makoto leise. „Tut mir leid.“ Dulacre ließ die Zeitung leicht sinken, damit sie alle auch ja nur sein Augenrollen sehen konnten. „Entschuldige dich nicht. Stehe zu deinen Entscheidungen. Du willst diesen Kanarienvogel an Bord und setzt dich für ihn ein, also entschuldige dich nicht für deine Überzeugungen, das ist Schwäche und ich kann Schwäche nicht ausstehen.“ „Du hast heute wieder eine hervorragende Laune“, bemerkte Jiroushin und schenkte der Zeitung ein Lächeln.   Kaum eine Stunde später waren sie zu dritt unterwegs und konnten schon von Weitem das Anwesen ausmachen, welches die Händler wohl gemeint hatten. „Kapitän, warum wolltest du eigentlich, dass ich euch begleite?“, fragte Makoto und kratzte sich am Verband, der unter seinem Hawaiihemd hervorlugte. „Ich werde euch in einem Kampf nicht behilflich sein.“ Dulacre schnaubte laut. „Als ob ich in einem Kampf auf Hilfe angewiesen wäre. Nein, Jiroushin kommt mit für den Fall, dass Diplomatie gefragt ist und du für den Fall, dass Eros umgehend medizinische Versorgung benötigt. Außerdem hast du von uns allen die meiste Kenntnis bezüglich Pflanzen, dies könnte sich als nützlich erweisen. Hauptsächlich kommt ihr beide aber mit, weil ihr mir all diese Streuner anschleppt und daher für sie verantwortlich seid, verstanden?“ Jiroushin grinste über Dulacres schroffe Aussage und zwinkerte zu Makoto hoch, der sachte lächelte. „Das habe ich bemerkt“, murrte Dulacre und Jiroushin und Makoto grinsten noch breiter. Dann hatten sie das Anwesen erreicht. Schon von außen war erkennbar, was der Sinn dieses Guts war. Riesige Baumkronen wuchsen hinter der hohen Mauer empor, verwucherte Pflanzen rankten sich das Mauerwerk entlang, selbst über das metallene Tor, welches in seinen Scharnieren stand, als wäre es seit Jahren nicht geöffnet worden. Trotz der prächtigen Pflanzen, im warmen grün, teils in vollster Blüte, wirkte das Anwesen mit seiner dunklen Mauer, dem schwarzen Tor und den hageren Turmspitzen düster und uneinladend. Am Tor hing ein Türklopfer, so verrostet, dass Jiroushin sich fragte, ob er je benutzt worden war, aber Dulacre bemühte ihn auch gar nicht erst, prüfte erst gar nicht, ob das Tor abgeschlossen war, sondern holte aus und schleuderte dann mit der bloßen Hand einen solchen Luftstoß auf das Tor, dass dieses kreischend aufsprang und gegen die Innenseite der Mauer knallte. „Du hättest klopfen können“, bemerkte Jiroushin. „Wir sind keine Gäste, ich hole nur zurück, was mir gehört“, entgegnete Dulacre kühl. „Außerdem bezweifle ich, dass Piraten sich an Formalitäten halten.“ „Oh?“, kam es von Makoto und er sah Jiroushin freudig an. Erst da schien Dulacre bewusst zu werden, was er gesagt hatte, denn er schnalzte mit der Zunge und ärgerte sich offensichtlich über sich selbst, aber zurücknehmen konnte er es nicht mehr. „Da hast du Recht“, meinte Jiroushin mit einem breiten Grinsen. „Piraten halten sich nicht an die gesellschaftlichen Gepflogenheiten.“ „Ach, leck mich“, knurrte Dulacre und schritt dann eilig aufs Tor zu. Breit grinsend folgten Makoto und Jiroushin ihm. Sie hatten nicht mal den Innenhof erreicht, da wies Jiroushin den Schiffsarzt an, stehen zu bleiben. Um sie herum wucherten in einer beeindruckenden Geschwindigkeit Ranken und kamen immer näher, ihre Dornen kratzen über den Boden, rissen Stein und Wurzelwerk heraus; innerhalb weniger Atemzüge waren sie umzingelt. „Wie lästig“, seufzte Dulacre und rieb sich den Nasenrücken, ehe er die Stimme erhob. „Ich gebe diese Warnung nur ein einziges Mal. Ruf deine Schoßpflanzen zurück und ich verschone sie. Ansonsten werde ich deinen ganzen Garten dem Erdboden gleich machen.“ Nichts passierte, während die Ranken mittlerweile höher wucherten als Dulacre und Jiroushin groß waren. „Dann halt so.“ Dulacre zog sein Schwert. In genau diesem Moment verharrten die Ranken und dann, noch schneller, als sie gekommen waren, zogen sie sich plötzlich zurück, gaben Blick auf den beeindruckenden Vorgarten und ein riesiges, dunkles Holztor, welches sich soeben öffnete. Aber niemand trat heraus. „Könnte eine Falle sein“, bemerkte Jiroushin. „Dann brenne ich das Schloss nieder.“ „Aber was ist, wenn Eros da drinnen ist?“ „Dann sollte er sich besser in etwas feuerfestes verwandeln.“ „Dulacre“, schalt Jiroushin ihn, während Makoto bereits wieder ängstlich dreinblickte. Ihr Kapitän seufzte. „Makoto, sollte er ein Gefangener sein – und noch am Leben – so ist er vermutlich in den Kerkern, also werde ich nur ebenerdig das Schloss zerstören, zufrieden?“ „Hm?“, machte Makoto und zuckte mit den Schultern, „mir wäre eigentlich lieber, du würdest nichts zerstören müssen.“ „Oh, ich würde es auch nicht tun, weil ich es muss, sondern, weil ich es will.“ „Dulacre“, murrte Jiroushin und rollte mit den Augen, während sie eintraten. Das Tor und die dunkle Halle dahinter waren so hoch, dass selbst Makoto sich nicht bücken brauchte, der nur ungerne in Räume ging. Ein Zeichen dafür, wie wichtig Eros ihm war. Die Hallte war düster, aber überall waren Beete im Boden und hartes Gehölz wucherte über den Boden. Mehrere Torbögen führten in angrenzende Hallen aus denen warmes Sonnenlicht fiel, und über den Torbögen war eine Empore, die einmal entlang der ganzen Halle führte. Auch dort gab es mehrere Türen, nicht mehr so hoch und aber ebenfalls aus dunklem Holz wie das Eingangstor. Manche waren geschlossen, manche standen offen. Auch über das Geländer der Empore rankten sich Pflanzen, manche waren von den Beeten bis dort oben hochgeklettert. „Oh, das sind Dunkelblüher“, bemerkte Makoto. „Sie brauchen viel frische Luft aber wenig Sonne und wenig Regen. Da hat sich jemand Gedanken gemacht.“ „Ist mir egal. Zeig dich! Ich bin nicht für meine Geduld bekannt. Also komm aus den Schatten hervor, sonst töte ich dich.“ „Dulacre!“ „Du bist ein ganz schön vorlautes Balg“, antwortete eine schneidende Stimme und aus einem der offenen Türen der oberen Etage glitt eine Gestalt ins schwache Licht der Eingangshalle. „Erst reißt du mein Tor ein, dann drohst du meinem Pflanzen und nun drohst du mir.“ Eine hagere Frau mit dunklem Haar und dunklen Augen erschien am Geländer. Ihre wallende Kleidung schien zu wabern, obwohl kein Wind wehte. Auf ihrer Haut schimmerten Zeichnungen in goldener und brauner Farbe. Eine ebenso goldene Kette verband einen Ring an ihrer Nase mit ihrem Ohrring. „Ich bin nur hier, um zurückzuholen, was mir gehört“, erklärte Dulacre unbeeindruckt, „und ich kann es nun mal nicht leiden, wenn man mich angreift. Da reagiere ich allergisch drauf.“ Sie sah aus ihren tiefen Augen zu ihnen herab, Armreifen klimperten, als sie das Geländer fasste. „Der Dieb von heute Nacht?“, fragte sie mit ihrer schneidenden Stimme. „Leider Gottes“, stimmte Dulacre zu. „Das geht nicht.“ „Warum? Ist er tot?“ „Noch nicht, aber er ist ein Teufelsfruchtnutzer und die sind hervorragender Lebenddünger für meine Nachtschlucker.“ „Was?“, machte Makoto, der fast mit der Frau auf Augenhöhe war. „Sie wollen Eros an eine Pflanze verfüttern?“ „Ja.“ „Das ist gemein.“ Sie neigte den Kopf. „Ist es nicht das gleiche, wie wenn du einen Salat isst?“ „Das wird mir zu mühselig“, murrte Dulacre. „Ich werde mein Anliegen nur noch einmal erklären. Ich bin hier, um diesen Idioten mitzunehmen… bevorzugt lebend. Entweder du bringst ihn her oder ich werde ihn mir holen – gewaltsam.“ „So unverschämt“, fauchte sie erneut und sprang überraschend elegant über die Brüstung, ihre flatternden Gewänder ließen sie beinahe wie einen Raubvogel aussehen. Nur wenige Schritte vor ihnen landete sie auf dem Boden und richtete sich auf. Nun wirkte sie noch hagerer in ihrer aufgewühlten Kleidung, wie sie vor ihnen stand, die Schulterblätter wie angelegte Flügel hochgezogen, die Arme seltsam angewinkelt, während die Hände hinabhingen, und sie Dulacre aus ihren scharfen Augen beobachtete. In jungen Jahren war sie mit Sicherheit schön gewesen, nun war ihr Gesicht schmal, ihre Züge verhärmt. „Dieser Dieb ist in mein HauHaus eingedrungen, hat versucht, meine Pflanzen zu stehlen – und hat dabei mehrere achtlos ausgerissen – er muss dafür büßen.“ „Oh, keine Sorge, das wird er“, meinte Dulacre nachdrücklich und ließ seine Knöchel knacksen, „schließlich kostet dieser Idiot mich meine Zeit. Wir könnten längst wieder auf See sein.“ „Piraten.“ Sie spuckte ihnen das Wort regelrecht vor die Füße, aber dann veränderte sich etwas. Sie neigte den Kopf zur anderen Seite und ihre Augen weiteten sich, ließ sie noch mehr wie eine Eule wirken, während sie Dulacre musterte. Sie sah verwirrt aus, tiefe Falten auf der Stirn und dann schritt sie näher. Dulacre schien nicht im Mindesten beeindruckt und zog nur eine Augenbraue nach oben. „Was auch immer, ich habe meine Absichten deutlich gemacht und du…“ Sie fauchte ihn fast wie ein Tier an und machte einen Schritt zurück, dabei richtete sie sich auf und erst jetzt wurde Jiroushin so wirklich bewusst, dass sie bis gerade die ganze Zeit vorgebeugt gestanden hatte und dass sie tatsächlich ein bis zwei Köpfe größer als Dulacre und er waren. „Bitte“, mischte sich nun Makoto ein und faltete die Hände vor der Stirn, verneigte sich leicht. „Es ist meine Schuld, dass Eros hier eingebrochen ist. Wissen Sie, ich bin Schiffsarzt und bei unserer Reise sind meine Vorräte zur Neige gegangen und als ich hörte, dass Sie sogar blühendes Feuergras hier haben, wurde ich unbescheiden und äußerte, wie gerne ich davon ein paar Blüten hätte, da kaum etwas so gut gegen Verbrennungen hilft, aber diese Blüten so selten sind. Eros wollte mir einen Gefallen tun, da ich mich nie getraut hätte, zu Ihnen zu kommen. Bitte, ich weiß, es ist falsch, was er getan hat, aber es war meine Schuld. Ich habe ihm erzählt, wie besonders Löwenkraut ist und wie gut es für unser Crewmitglied – Resa, sie leidet noch immer an den Folgen jahrelanger Mangelernährung – wäre, wenn wir sie damit versorgen könnten. Ich erklärte, dass es mir noch nie gelungen ist, seidene Orchideen bis zur vollen Blüte zu pflegen, da ihre Pflege so schwierig ist, aber die Pollen fortschreitende Alterserblindung aufhalten können. Oder das…“ „Du scheinst ein gutes Wissen über Pflanzen zu haben, Riese“, meinte die Frau nun und zum ersten Mal lag ihr Blick nicht auf Dulacre. „Natürlich. Ein Arzt ist nur so gut wie sein Wissen. Ich habe mich auf Heilkunde spezialisiert, da ich glaube, dass man viele Leiden auf konservative Art behandeln kann, ehe Operationen notwendig werden. Ich habe viel über die verschiedenen Pflanzen gelernt, aber leider war ich nie besonders gut in der praktischen Umsetzung.“ „Du bist sehr bescheiden, Makoto“, warf Jiroushin ein, dem nicht entgangen war, dass Dulacre sich zurückhielt. „Du hast die Äcker in deiner Höhle ganz alleine bewirtschaftet und deutlich erfolgreicher als zum Beispiel Resa und ihr Dorf.“ Dann wandte er sich mit einem Lächeln der Frau zu. „Entschuldigen Sie, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Darf ich? Unser Kapitän, Mihawk Dulacre, vielleicht haben Sie schon von ihm gehört. Unser Crewmitglied in Ihrer Gewalt heißt Eros. Dieser sanfte Riese hier ist Makoto und ich bin Cho Jiroushin. Es tut mir leid, dass wir all das hier komplett falsch angegangen sind. Ich denke, wir stimmen alle darüber ein, dass Eros nicht hätte tun sollen, was er getan hat.“ Makoto nickte deutlich, Dulacre schwieg. „Aber er hat es nun mal getan, und ich denke, wir sollten versuchen, einen Weg zu finden, dass wir alle dieses Malheur zufriedenstellend ad Acta legen können. Ich möchte Makoto nicht zumuten, einen Crewmitglied zu betrauern, aber ich möchte auch nicht mit meinem Kapitän darüber streiten müssen, wie viel von diesem prächtigen Schloss er stehen lassen soll. Also bitte, lassen Sie uns reden.“ Lange war es still, während sie ihn musterte. „Niwashi“, sagte sie dann. „En… entschuldigung?“ „Das ist mein Name. Meinetwegen, reden wir, aber ich rede nur mit dir.“ Sie zeigte auf Makoto. „Ihr anderen könnt bleiben, aber fasst mir keine meiner Pflanzen an, verstanden? Und der Kerker ist tabu. Meine Blutmimosen mögen keine Fremden.“ Dann wirbelte sie herum und ging durch irgendein beliebiges Tor. „Komm, Makoto, ich zeige dir, wo euer Dieb ist, und dann reden wir.“ Verunsichert sah Makoto erst zu Jiroushin und dann zu Dulacre. Jiroushin lächelte, Dulacre nickte nur knapp. Überraschend ernst nickte Makoto, als er seine Mission verstand, und folgte der Pflanzenfrau. „Danke dir, dass wir es auf meine Art machen“, meinte Jiroushin und sah Dulacre an, der jedoch sah zu dem Tor, wo die anderen beiden hin verschwunden waren. „Sie ist interessant“, sagte er schließlich. „Wie bitte?“ „Ihre… ihre Energie. Ich habe noch nie ein lebendiges Wesen mit einer solchen Energie gespürt. Fast schon, als wäre sie selbst mehr Pflanze als Mensch.“ „Vielleicht hat sie ja von einer Teufelsfrucht gegessen. Wir sollten wachsam bleiben.“ Dulacre zuckte nur mit den Schultern und wandte sich dann um, schritt durch ein anderes Tor und Jiroushin folgte ihm. Die Verhandlungen zwischen der seltsamen Pflanzenfrau und Makoto sollten deutlich länger andauern, als Dulacre und Jiroushin erwartet hatten, und es kostete Jiroushin viele Nerven, bei Dulacre um Geduld zu werben, während dieser missmutig durchs Schloss streifte und alle paar Minuten einfach sein Schwert nehmen und alles dem Erdboden gleichmachen wollte. Am ersten Morgen hatte Jiroushin kurz der Crew Bescheid gegeben, aber seitdem bewachte er Dulacre und folgte ihm von einem Raum zum anderen und manchmal auch durch den Garten. Der Garten selbst war prächtig. Jiroushin konnte sich nicht erinnern, je eine solche Pflanzenvielfalt und Farbenexplosion gesehen zu haben und er konnte sich in den ganzen Düften verlieren – wobei er aufpassen musste, weil manche Pflanzen genau das wollten – und er könnte schwören, dass Dulacre diese ganzen Blumen nicht so sehr verachtete, wie er tat. Das Innere des Schlosses hingegen war… seltsam. Es sah nicht aus, als wäre es einst ein prächtiges Schloss gewesen, welches nun zu einer Unterkunft für eine Hexe verkommen war, sondern als sei das Schloss von Anfang an darauf worden, Pflanzen zu dienen. Er fragte sich, ob Niwashi dieses Schloss nicht als verlassen vorgefunden hatte, sondern vielleicht darin aufgewachsen war, als letzte Hüterin all dieser Pflanzen. Immer wieder hörten sie die Stimmen von ihr und Makoto durch die Hallen wabern, redeten über Pflanzen, Erde, Dünger und alle möglichen Dinge, von denen Jiroushin keine Ahnung hatte. Am zweiten Tage kam Makoto zu ihnen und er sah unglaublich schuldbewusst drein. „Nein“, entkam es Dulacre fassungslos. „Was?“, flüsterte Jiroushin. „Ist Eros etwa…?“ „Nein, Makoto!“ Dulacre schüttelte den Kopf. „Nicht noch ein Streuner!“ „Was?“ Nun sah Jiroushin verdutzt zu seinem Kapitän. „Wovon redest du?“ „Sie sagt, sie will mitkommen“, murmelte Makoto und wurde immer kleiner, log offensichtlich, so offensichtlich, dass es ihm selbst auffiel. „Also eigentlich… ich hab sie gebeten.“ „Makoto!“ „Ach bitte. Sie… sie ist fantastisch. Ihre Pflanzen sprühen nur so vor Leben und Gesundheit und Energie, und sie… sie kann mir noch so viel beibringen.“ „Ist mir egal, ich…“ „Sie erinnert mich an… an meine Familie.“ Jiroushin schluckte. „Makoto“, flüsterte er, während der kleine Riese seine Hände rieb. „Bitte, versteht mich nicht falsch. Masato erinnert mich auch oft an sie, mit ihren klaren Worten und ihrer… ihren Anweisungen. Und ihr… ihr seid mir natürlich auch… und du, Kapitän… aber… Die anderen haben mich mein ganzes Leben lang gelehrt, bis sie verstarben und dann lernte ich nur noch aus Büchern, aber Niwashi, sie weiß so vieles, was mir noch helfen kann, um ein besserer Arzt zu werden, um noch mehr Lebewesen helfen zu können. Bitte.“ Dulacre hatte ihnen den Rücken zugewandt. „Makoto, denk doch mal mit. Glaubst du wirklich, dass dieses Frauenzimmer all das hier schutzlos zurücklassen würde, nur weil du sie drum bittest?“ „Wer sagt, dass ich es zurücklasse?“ Niwashi selbst trat nun hinter Makoto in den Raum. „Die meisten Pflanzen nehme ich natürlich mit. Meine Alraunen werden das Anwesen schon schützen, aber was besondere Pflege bedarf, nehme ich mit. Makoto sagte, euer Schiff hat die notwendigen Räumlichkeiten.“ „Warum?“, fragte Jiroushin verdutzt. „Warum willst du mit?“ Sie zögerte nicht mal. „Weil Makoto mir die Augen geöffnet hat, dass es da draußen noch so viele Pflanzen gibt, die ich noch nie gesehen habe, geschweige denn Samen von habe. Das sollte ich schleunigst ändern, und da ihr nun mal die Welt bereist und dieser Eros einige meiner Pflanzen beschädigt hat, sehe ich dies als angemessenen Ersatz.“ „Ein bisschen übertrieben, aber okay“, murmelte Jiroushin, während Dulacre sich umwandte und Niwashi von oben nach unten musterte. „Warum sollte ich dich mitnehmen?“ Sie sah ihn mit der gleichen Herablassung an, die er ihr schenkte. „Soll ich mich jetzt anpreisen, tze“, entgegnete sie kühl. „Das habe ich nicht nötig, du vorlauter Bengel. Ich bin die beste Botanikerin der ganzen Welt. Mit Wissen, welches nicht mal die Gelehrten Oharas kennen, aber wenn du das nicht siehst, dann dein Pech.“ Dulacre musterte sie. „Ich mag dich nicht“, meinte er dann, was so ungewöhnlich für ihn klang. „Ich mag dich auch nicht“, sagte sie. „Aber das ist nichts Besonderes, ich mag grundsätzliche keine Menschen.“ „Na, da habt ihr zwei ja was gemein“, warf Jiroushin mit einem Grinsen ein. „Was ist denn jetzt mit Eros.“ „Ja, der kann mit“, meinte Niwashi, „wenn er nervt, kann ich ihn ja immer noch meinen Zahnrosen verfüttern.“ „Nein, Crewmitglieder werden nicht verfüttert“, entgegnete Dulacre harsch und schritt dann auf sie zu. Makoto wich zurück, Niwashi nicht. „Lass es mich klarstellen. Ich werde dich nur mitnehmen, weil du die Allerbeste deines Bereichs bist und weil Makoto darum bittet. Aber nur unter der Bedingung, dass du die klaren Regeln meiner Crew anerkennst." „Die da wären?“ „Ich verlange nicht viel, nur dass meine Crewmitglieder die Allerbesten ihrer Zunft sind und absolute Loyalität. Die Crewmitglieder beschützen einander und ich beschütze die Crew. Mein Wort ist Befehl, dem Folge geleistet wird. Du scheinst mir ein… Freigeist, aber wenn du dich mir nicht unterstellen kannst, dann hast du an Bord der Oseberg nichts verloren.“ Ein seltsames Grinsen erhellte ihre hageren Züge. „Oh, ich kann dich wirklich nicht leiden, du arroganter Bengel“, meinte sie dann, „du gefällst mir." Kapitel 10: Kapitel 10 – Eine Verhandlung mit der Zehnten --------------------------------------------------------- Kapitel 10 – Eine Verhandlung mit der Zehnten   „Ah, ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich nochmal an Land kommen!“, murmelte Eros und streckte sich. „So lange waren wir noch nie am Stück unterwegs. Und wenn ich ehrlich bin, brauche ich etwas Abstand von Niwashi; sie macht mir Angst“, fügte er mit einem Flüstern dazu. „Sie ist doch eh meistens in ihrem Gewächshaus am Heck“, murmelte Jiroushin, ohne aufzusehen. „Mal von den Mahlzeiten abgesehen, sieht man sie selten irgendwo anders an Deck.“ „Aber ich bin gerne bei Makoto am Heck“, beschwerte Eros sich, „und sie ist einfach nur gruselig!“ „Ach, sie ist eigentlich ganz nett, wenn man mal ihre harte Schale etwas knackt“, widersprach Resa, die mit ihrer Brille aus Lupenglas aussah wie eine Eule, als sie aufschaute. „Aber sie hat dir wahrscheinlich noch nicht verziehen, dass du ihre Pflanzen verletzt hast.“ „Es sind nur Pflanzen!“ „Für dich vielleicht.“ Jiroushin ignorierte die Unterhaltung und wandte sich wieder seinem Brief zu. Die letzten Wochen war es tatsächlich überraschend ruhig auf ihrer Reise gewesen, sodass er wenig zu erzählen hatte, aber er liebt es, zu lesen. Im Hintergrund hallte das Lachen von Sado und Makoto übers Deck, das leise Hämmern aus Majas Werkstatt. Onamatsu lag mitten auf dem Deck flach auf dem Holz und sonnte sich, wobei seine Haut schon einen leichten Braunton angenommen hatte, nachdem er doch mittlerweile so schon grünblau schimmerte, wie immer, wenn sie länger auf hoher See waren. Dulacre und Masato waren wie so oft im Kaminzimmer und redeten über irgendetwas. Resa, Eros und er saßen ebenfalls an Deck und genossen das schöne Wetter und die ruhige See. Man könnte fast entspannen, aber Jiroushin konnte es nicht ganz. Dulacre hatte ihm gesagt, nichts zu unternehmen, aber es missfiel ihm, es missfiel ihm sehr. „Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Makoto“, meinte Resa dann und arbeitete weiter an ihrem Buch. „Seit der Verband ab ist, scheint etwas nicht zu stimmen. Er fasst seine Schulter oft so komisch an. Gut, dass Sado ihn gerade ein bisschen ablenkt.“ „Ist mir auch schon aufgefallen“, stimmte Eros dann zu. „Im Bad mag er es gar nicht, in den Spiegel zu sehen. War früher nicht so. Am Anfang war er sogar richtig stolz auf seine Kriegsverletzung. Aber jetzt scheint es fast so, als würde die Narbe ihm Angst machen… oder so, keine Ahnung.“ „Naja, nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben mit uns seine Höhle verlassen hat, bekam er auch Angst vor engen Räumen. Würde mich daher nicht wundern, wenn er etwas sensibel auf manche Dinge reagiert“, mutmaßte Jiroushin. „Der Angriff von den Soldaten auf Sado hat ihm große Angst gemacht, wahrscheinlich erinnert ihn die Narbe immer wieder dran. Kenne einige Soldaten, bei denen das auch so war. Und jetzt auch noch das Kopfgeld auf ihn und Sado. Er findet das mit Sicherheit nicht so lustig wie Dulacre und muss sich erst dran gewöhnen, nun gesucht zu werden. Da hilft nicht viel außer Zeit.“ „Vielleicht braucht er mehr als das“, murmelte Resa. „Jemandem zum Reden oder so.“ „Aber er spricht doch mit Sado darüber“, warf Eros ein, „und mit dir, mit mir. Ich glaube einfach, es ist wie Jirou sagt. Er ist nicht so taff wie unsere Maja, sowas beschäftigt ihn.“ „Vielleicht kann Niwashi ihm helfen“, kam es schließlich von Onamatsu, der immer noch alle viere von sich gestreckt an Deck lag. „Ich hab mir auch schon überlegt, sie zu fragen.“ „Was meinst du?“, fragte Jiroushin und wandte sich zu ihm um. „Ihre Hennatattoos gefallen mir“, meinte er mit geschlossenen Augen, seine Bartfäden wippten ein bisschen in der sanften Brise. „Ich frage mich, ob sie vielleicht mein Sklavensymbol überdecken könne. Vielleicht kann sie auch Makotos Narbe mit einem Tattoo überzeichnen. Vielleicht mit Blumen und Blättern, ich glaube, das würde ihm gefallen.“ „Ich bin mir nicht sicher, ob sie tätowieren kann. Das ist schon etwas anders mit einer Nadel“, murmelte Jiroushin. „Oh, glaub mir, die kann das!“ widersprach Eros mit Nachdruck und großen Augen, dass Jiroushin gar nicht erst nachfragen wollte. „Huh, das ist wirklich eine gute Idee“, stimmte Resa ihrem Navigator zu und sogleich wirkte sie etwas zufriedener, ihre Wangen endlich etwas rosiger, jetzt, da sie nicht mehr so eingefallen waren. „Am besten sprichst du mit den zweien darüber.“ „Mhm“, machte Onamatsu und setzte sich auf, „aber vorher sollten wir dem Kapitän Bescheid geben. Wir sind fast da.“ „Uh, ich mach ja schon“, erklärte Eros sich freiwillig aber mit klagendem Ton bereit und stand auf. „Jammer nicht, Eros“, meinte Jiroushin mit einem Lächeln. „Firenze ist für die Kneipenkultur bekannt. Wenn Dulacre nicht ganz miese Stimmung hat, könnten wir vielleicht heute nochmal feiern gehen.“ Noch während er das sagte, begannen Eros Augen zu leuchten – im wortwörtlichen Sinne, als sie immer heller wurden und helllila schimmerten, wie immer, wenn er sich richtig über etwas freute – und breit grinsend schwebte er beinahe zur Türe. „Er ist schon ein Lieber“, meinte Resa kopfschüttelnd, „wenn er nur nicht immer Sado so aufziehen würde.“ „Naja, Sado fragt es sich aber auch“, brummte Onamatsu und kam zu ihnen herüber. „Eros ist halt etwas freizügiger und… ausdrucksstärker. Gibt keinen Grund für Sado, ihn deshalb immer blöd anzumachen. Da überrascht es mich nicht, dass Eros ihn schonmal etwas ärgert.“ Jiroushin seufzte und steckte den Brief weg, als in diesem Moment Dulacre samt Anhang an Deck kam. Ohne ein Wort glitt sein Blick zur Insel, blieb aber vorher kurz an einem Punkt der Reling hängen. „Holt alle an Deck“, befahl er und augenblicklich gehorchten sie. Wenige Minuten später hatten sich auch die anderen an Deck eingefunden. „Endlich nochmal Land“, seufzte Sado. „Ich muss echt dringend einkaufen und mir die Füße vertreten.“ „Wenn wir ankommen, könnt ihr machen, was ihr wollt, ich werde an Bord bleiben“, erklärte Dulacre mit seiner üblichen kalten Art. „Zum Abend hin möchte Eros eine Bar aufsuchen und ich habe zugesagt, ihn zu begleiten. Gibt es jemanden, der nicht mit will.“ „Ich werde meine Pflanzen nicht aus den Augen lassen, nur um mich unter stinkende Menschen zu begeben“, erklärte Niwashi angewidert. „In Ordnung. Alle anderen können also mitkommen, bei Sonnenuntergang treffen wir uns vorne am Hafentor. Eros, ich erwarte, dass du gemeinsam mit Sado eine ansprechende Bar aussuchst.“ „Was?“, kam es von Sado eine Spur zu hoch. „Warum ausgerechnet mit mir?“ Dulacre rollte mit den Augen. „Weil Eros einen guten Geschmack für Alkohol hat und du einen guten für Bars, in denen wir unsere Ruhe haben. Einwände?“ „Uhm, nein, natürlich nicht, Kapitän.“ „Gut, dann ist ja alles geklärt.“ Während Dulacre noch Geld verteilte – manchmal fragte Jiroushin sich, ob Dulacre überhaupt irgendein Verhältnis zu seinem Reichtum hatte, dass er nicht mal darüber nachdachte, wofür Maja 100.000 Berry brauchte und es ihr einfach gab – holte Sado seinen Einkaufskorb. „Na komm schon, Sadomaso, lass uns losgehen“, winkte Eros ihm zu. „Ich hab dir gesagt, wo du dir diesen Begriff hinstecken kannst, also hör auf, mich so zu nennen“, fauchte Sado ihn an, als er ihn erreichte. „Ach, mein süßes Küken, du weißt doch, dass ich das nicht ernst meine.“ Eros wollte ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch Sado schüttelte diese ab. „Lass das! Ich bin älter als du.“ Er begann, die Strickleiter hinabzuklettern. „Ach, bist du dir da wirklich sicher?“ Eros wackelte mit den Augenbrauen und folgte dann. „Aber auch damit hab ich kein Problem. Ich stehe auf Ältere.“ „Du hast wirklich einen eigenwilligen Humor, Kapitän“, murmelte Resa, die immer noch ihre Brille mit der extremen Vergrößerung trug. „Wegen dir und Eros werden Sado noch graue Haare wachsen.“ „Na, vielleicht bekommt er vorher ne Glatze“, mutmaßte Masato und zündete ihre Pfeife an.   Sie waren gerade noch rechtzeitig zurück, um ihre Einkäufe zu verstauen, ehe sie sich zum Sonnenuntergang mit den anderen am Hafentor treffen wollten. Unterwegs hatten sie Maja und Masato getroffen und Resa hatte sich ihnen angeschlossen, da Maja wohl etwas an fraulicher Unterstützung brauchte, so wie Masato es ausgedrückt hatte. Daher waren es nur Onamatsu und er, die gerade einen Zwischenstopp auf der Oseberg einlegten. „Sicher, dass du nicht mitkommen möchtest?“, fragte Jiroushin Niwashi, die gerade mit einer Gießkanne übers Deck schlich. „Dulacre wird das Schiff eh im Blick behalten, du kannst also ruhig mitkommen. Es wird mit Sicherheit nett. Eros kann wirklich toll tanzen und Dulacre ist etwas aushaltbarer, wenn er etwas Gutes getrunken hat.“ Für mehrere Sekunden lagen ihre tiefen Augen auf ihm. „Ich werde den Moment genießen, wenn ich mal für ein paar Stunden nicht von Menschen umgeben bin. Vielen Dank“, sagte sie kurz angebunden und huschte dann weiter. „Na, ich hab’s versucht“, murmelte Jiroushin, während Onamatsu ihm aufbauend auf den Rücken klopfte. „Gib ihr noch etwas Zeit. Sado brauchte auch etwas länger, bis er mit uns warm wurde.“ Bevor Jiroushin etwas entgegnen konnte, tauchte Dulacre aus seinen Räumlichkeiten auf. Ausnahmsweise trug er nicht seinen Umhang mit den blumigen Ärmeln, sondern ein dunkles Hemd mit wellenartigen Mustern. Eindeutiges Zeichen, dass er diesen Abend genießen wollte. „Fehlt noch jemand?“, fragte Jiroushin. „Nein, nur ihr, Makoto und ich sind noch an Bord und gehen mit.“ Ebendieser kam gerade um die Ecke, und hockte sich vor Dulacre hin, wich seinem Blick aus. „Uhm… Kapitän?“, fragte er mit leiser Stimme. „Ich glaube, ich möchte heute Abend nicht mit. Tut mir leid.“ „Du kommst mit“, entschied Dulacre kalt. „Was? Aber Niwashi darf doch auch…“ „Aber du hast keine Pflanzen zu versorgen. Also keine Diskussion.“ Makoto machte sich ganz klein. „Ich glaube, ich möchte heute nicht an Land gehen?“, sagte er kaum hörbar. „Warum?“, fragte Dulacre kalt. „Ansonsten freust du dich doch immer so, endlich neue Orte zu sehen.“ Makoto murmelte irgendetwas unverständlich. „Sprich klar, wenn du mit mir redest.“ „Manchmal vergisst man, wer der Ältere ist, oder“, flüsterte Onamatsu so leise zu Jiroushin, dass wahrscheinlich nicht mal Makoto ihn hören konnte, der sich die Hände rieb. „Naja, nach den letzten Malen… Eros ist verschwunden, Sado wurde… Sie haben uns nur bemerkt, weil ich dabei war, daher…“ Dulacre seufzte entnervt auf und rieb sich die Schläfe. „Ich werde das nur einmal sagen, also hör mir gut zu, Makoto. Eros ist ein erwachsener Mann, zwar ein absoluter Dummkopf, aber dennoch in der Lage, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Du bist für seine Dummheit nicht verantwortlich. Und es ist auch nicht deine Schuld, dass ihr angegriffen wurdet und Sado sich verwandelt hat. Es ist sein Problem, dass er seine Teufelskraft nicht unter Kontrolle hat. Du hast in diesem Moment alles getan, was ich von dir erwartet habe, und darauf solltest du stolz sein. Nicht, dich dafür selbst bestrafen.“ Obwohl Dulacre ihn lobte, zeigte Makoto nichts seiner sonstigen Erleichterung. „Aber was ist, wenn es wieder passiert? Jetzt mit dem Steckbrief bin ich noch… auffälliger als eh schon…“ „Beleidigst du mich gerade etwa? Denkst du wirklich, irgendwer könnte euch nahekommen, wenn ich dabei bin? Könnte mich bezwingen und euch angreifen?“ „Nein, natürlich nicht. Keiner kann dich besiegen, Kapitän. Du bist unbesiegbar.“ Jiroushin belächelte diese Worte, wusste aber, dass Makoto sie ganz genau so meinte. Für ihn war Dulacre unbesiegbar, unbezwingbar, übermächtig, fast schon wie ein Gott. Sado war furchtbar aufgebracht gewesen, wegen der Steckbriefe, was Makoto noch mehr verunsichert hatte, aber Dulacre hatte sich darüber amüsiert und gemeint, dass Makoto sich ja doch noch zu einem waschechten Piraten entwickeln würde, worüber sich dieser dann unglaublich gefreut hatte. Nun grinste Dulacre. „Genau. Also wovor hast du Angst, Makoto? Ich bin doch dabei.“ Nun zeigte ihr sanfter Riese ein leises Lächeln. „Tut mir leid. Das war töricht von mir“, gestand er mit gesenktem Kopf ein. „Ja, war es. Aber du bist zu mir gekommen, also alles in Ordnung. Und jetzt lasst uns gehen, bevor Eros noch auf die Idee kommt, Sado auf ein Date zu zwingen. Ich hab keine Lust, mir einen neuen Schiffskoch zu suchen, der meinen Ansprüchen genügt.“ Sie brauchten nicht lange, um die anderen zu finden, die alle pünktlich am Hafentor auf sie warteten – Eros hatte es irgendwie geschafft, sich zwischendurch umzuziehen, obwohl er wohl nicht mit Sado zurück zum Schiff gekommen war, als dieser die Einkäufe verstaut hatte – und wenig später waren sie tatsächlich in einer sehr schicken Bar, die so ungewöhnlich für Piraten war. Eine kleine Band spielte vor einer Tanzfläche und Bedienstete in passenden Uniformen brachten Essen und Getränke. An der Bar saßen Menschen in schicker Kleidung und selbst die Piraten, die sich an irgendwelchen Tischen lümmelten, sahen nicht ansatzweise so zerschlissen aus, wie man es von Hafenkneipen gewohnt war. „Eine Neutrale“, erkläret Eros begeistert. „Die Wirtin ist wohl ehemalige Vizeadmiralin und ihr Mann war wohl mal ein Pirat unter Whitebeards Flagge. Sie haben vier Kinder, alle megastark und daher wagt keiner es, sich über die Regeln der Bar hinwegzusetzen.“ „Welche Regeln?“, fragte Resa nach. „Was du bist, lässt du an der Türe hinter dir“, erklärte Sado und begrüßte das Bier, welches die Kellnerin ihm brachte. „Hier drinnen ist neutraler Grund, egal ob Soldat oder Pirat, Kopfgeldjäger oder gesuchter Verbrecher, egal ob Erzfeind oder Raufkumpel, hier drinnen passiert nichts. Wer kämpfen will, geht raus.“ „Aber wer tanzen oder trinken will, ist hier mehr als willkommen!“ Eros warf sich Sado über die Schulter, um Resa einen Cocktail zu reichen. „Du solltest besser noch auf Alkohol verzichten“, riet Makoto mit seiner sanften Stimme. „Und eigentlich solltet ihr das alle, das ist reines Nervengift.“ „Entspann dich“, brummte Sado. „Ein bisschen Alkohol hat noch niemanden geschadet, desinfiziert den Verdauungstrakt.“ „Das stimmt so überhaupt nicht“, murmelte Makoto und bestellte sich einen Tee. „Keine Sorge. Ich hab an alles gedacht, der hier ist alkoholfrei, Liebes. Aber glaub mir, er schmeckt gut genug, um das wettzumachen.“ „Vielen Dank.“ „Wie lange willst du eigentlich noch auf meiner Schulter rumlungern?“ „Na, du sitzt doch auch ständig auf meiner, mein kleiner Rabe.“ „Das ist etwas anderes“, knurrte Sado und errötete, während er Eros Hand abschüttelte. „Nicht, als ob ich da ne große Wahl hätte.“ „Oh, die haben auch in Masu servierten Koshu.“ Masato klang ungewohnt begeistert. „Was ist das denn?“, fragte Maja. „Etwas, für das du noch zu jung bist“, entgegnete Dulacre sofort, woraufhin sie die Wangen schmollend aufblies. „Ich bin nur vier Jahre jünger als du!“ „Und meinetwegen darfst du ein Bier probieren, aber keinen Sake.“ „Oh, der schmeckt mir eh nicht. Viel zu bitter.“ „Wann hast du bitte…?“ „Ach, lass sie doch, Kapitän“, warf Masato ein. „Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen und ich passe schon auf sie auf.“ „Maja, du kannst auch einen von diesen Cocktails probieren, die sind wirklich lecker“, bemerkte Resa und bot der Schiffszimmerfrau ihren zum Probieren an. „Dulacre“, murmelte Jiroushin, während dieser sich ebenfalls Sake bestellte. „Nicht jetzt, Jiroushin“, meinte er und sah ihn kühl an. „Aber…“ „Wir sind hier zum Entspannen. Niwashi kann auf sich selbst aufpassen und heute wird nichts passieren. Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt.“ „Wenn er uns hätte angreifen wollen, hätte er jetzt Wochen Zeit gehabt auf hoher See, hat es aber nicht getan. Was ist, wenn er nur darauf gewartet hat, dass wir an Land gehen?“ „Oh, sprecht ihr von diesem Mann, der uns schon seit Wochen beschattet?“, fragte Onamatsu ruhig und beugte sich zu ihnen. Er hatte ihn ebenfalls schon früh bemerkt und Dulacre auf den fremden Geruch angesprochen. Dieser hatte ihm gesagt, dass er sich nicht drum kümmern brauchte und es nicht mehr ansprechen sollte und das hatte Onamatsu auch getan, sich vielleicht irgendwann sogar an den fremden Geruch gewöhnt. Anders als Jiroushin, der ihn nicht gut wahrnehmen konnte und daher immer angespannt gewesen war. „Denkt ihr, er wird heute aktiv?“ „Ja.“ „Nein.“ „Was? Aber Dulacre…“ „Er beobachtet und wartet darauf, dass ich unaufmerksam werde, weil er es auf mich abgesehen hat. Solange ich nicht unaufmerksam werde, ist es für ihn zu gefährlich, daher wartet er ab.“ „Für Wochen? Weiß er, dass wir ihn bemerkt haben?“ „Ich glaube nicht, dann wäre er auf mehr Abstand gegangen, oder?“ „Könnt ihr beiden das lassen? Ich habe alles unter Kontrolle und Resa beäugt euch schon komisch. Also lasst uns für heute Abend einfach mal entspannen und guten Alkohol trinken. Endlich, mein Koshu!“ Jiroushin tauschte einen Blick mit Onamatsu aus, aber gab sich geschlagen. Dulacre war schließlich der Kapitän und auch, wenn er nicht so unbesiegbar war, die Makoto glaubte, so war es doch wirklich nicht leicht, ihm gefährlich zu werden. „Entspann dich“, sprach Dulacre dann leiser, als Onamatsu sich Resa und Masato zuwandte. „Ich hab es im Blick, keine Sorge.“ „Ich verstehe einfach nicht, warum du uns das aussitzen lässt, anstatt zu handeln“, entgegnete Jiroushin und nahm sein Bier entgegen. „Na, weil ich…“ Dulacre sprach nicht weiter. „Weil du was?“ Dulacre seufzte. „Das ist hier ist eine Neutrale“, sprach er lauter und augenblicklich wurden alle am Tisch etwas aufmerksamer, sogar die Musik schien leiser zu werden, „und ich habe kein Interesse an einem Kampf. Also steck deine Pistole weg und trink einfach.“ Jiroushin sah sich um, er konnte nicht sehen, wen Dulacre meinte. Ihren Verfolger? „Kapitän?“, fragte Makoto sofort, als dieser sich erhob. „Macht euch keine Gedanken, ich bringe nur mal eben den Müll raus.“ „Dulacre, ich denke nicht, dass du hier…“ Jiroushin verstummte. „Wirt“, rief Dulacre mit einer Klarheit, als würde seine Stimme durch eine Teleschnecke verstärkt. „Hier ist eine Verbrecherbande, die sich nicht an euer Gebot der Neutralität halten wollen. Ich bin nur hier, um mit meiner Crew etwas auszuspannen, aber wenn ich angegriffen werden sollte, kann ich dies nicht…“ Peng! Eine Kugel prallte an Dulacre ab und fiel kraftlos zu Boden, nicht mal ein Kratzer. „Das war ein Angriff“, stellte Dulacre fest. In diesem Moment trat der Wirt hervor. „Was geht hier vor?“, knurrte er. „Keine Schüsse in unserer Bar.“ „Dieser Mann dort hat auf mich geschossen“, meinte Dulacre und nickte auf den Schuldigen, der die Zähne fletschte, eine Waffe war nicht sichtbar. „Entweder wirfst du sie raus oder ich bringe sie um. Zu spät.“ Ehe der Wirt etwas machen konnte, legten drei Schützen an und schossen und gleichzeitig sprangen genau 24 Angreifer auf Dulacre zu und keine zehn Sekunden später lagen sie alle auf dem Boden, bald tot oder zumindest so verletzt, dass sie sich nicht mehr rühren konnten. „Ich hab dein Problem gelöst, Wirt, und noch nicht mal jemandem umgebracht, aber das Aufräumen übernehme ich nicht.“ Eine Person stand noch, Dulacres Klinge an ihrer Kehle. Sie war eine der Schützen gewesen und sichtlich überrascht, wie schnell Dulacre ihre Kameraden ausgeschaltet und sie and ihrem Tisch erreicht hatte. Vermutlich hatte sie nicht mal seine Bewegungen gesehen, da selbst Jiroushin nicht allen hatte folgen können. „Töte mich“, sagte sie kühl, als sie offensichtlich realisierte, was geschehen war, überraschend gefasst, „so wie du gerade alle anderen getötet hast.“ „Hast du mir gerade nicht zugehört?“, entgegnete Dulacre genervt, „ich habe sie eben nicht getötet, deinetwegen, also sei dankbar.“ „Meinetwegen?“, fragte sie nach, ihre Augen weiteten sich. „Wieso?“ „Kapitän?“, murmelte Onamatsu, aber da bemerkte Jiroushin es. Er war halt doch noch irgendwo ein verspielter Bengel, der gerade noch genervter mit der Zunge schnalzte. „Also wirklich, die Hellste scheinst du nicht zu sein.“ Er rollte mit den Augen, ließ mit einer Hand Yoru los und fasste dann den Kragen seines Hemdes, spannte den Stoff leicht und da konnte man es sehen, ein kleiner Riss. Jiroushin hatte sich getäuscht, sie musste seine Bewegungen gesehen haben, sonst hätte sie nie so genau treffen können. „So nah ist mir seit langem niemand mehr gekommen.“ Dulacre grinste. „Natürlich konntest du mich nicht treffen, aber ich gestehe, ich bin beeindruckt von deinem Können. Also werde ich darüber hinwegsehen, dass du mein Hemd beschädigt hast und dich stattdessen auf einen Drink einladen.“ „Was?“, kam es von Eros, der hektisch zwischen ihnen allen hin und hersah, als ob er der Einzige wäre, der einen Witz verpasst hatte. „Warum?“, sprach sie und zog die Stirn in Falten, rührte sich nicht. Dulacre rollte erneut mit den Augen. „Ist das nicht offensichtlich. Weil ich einen guten Tag habe. An einem anderen hätte ich euch alle getötet und mir wäre das Gebot der Neutralität egal gewesen. Aber ich habe einen guten Tag und bin neugierig. Daher biete ich dir an, dich mit mir an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln, und je nachdem, was du sagst, werde ich dich und deine Kumpane gehen lassen oder euch alle umbringen.“ Sein Grinsen wuchs. „Also, was sagst du, Schützin?“ „Hey, was…?“ Jiroushin unterbrach den Wirt mit erhobener Hand und sprach leise: „Glaub mir, das ist das Beste für die Situation. Wenn du ihn jetzt aufregst, wird das für niemanden hier gut ausgehen, also lass die beiden reden und uns alle trinken.“ Aber während er sprach, blieb sein Blick auf der Schützin. Ihre dunklen Augen glitten schnell von einem Kameraden zur nächsten und es war offensichtlich, dass sie ihre Chancen abwog, dann sah sie auf und zeigte ein subtiles Lächeln. „Meinetwegen, verhandeln wir. Ist ja nicht so, als ob du mir eine große Wahl lassen würdest." „Oh, das muss ich richtigstellen. Die Möglichkeiten mögen bescheiden sein, aber eine Wahl gibt es durchaus.“ Dulacre war wirklich ungewöhnlich gutgelaunt, so verspielt war er selten. Ihr Lächeln wuchs eine Spur und sie hob eine Augenbraue an. „Dann entscheide ich mich für das Leben – und für den Drink.“ „Kluge Wahl.“ Dulacre steckte das Schwert weg und bot ihr dann mit einer Armbewegung einen Stuhl an ihrem Tisch an. Nur kurz glitt ihr Blick über sie, aber ihr war wohl sehr bewusst, dass die größte Gefahr von Dulacre selbst ausging. Ihre dunkle Haut schimmerte im Kerzenlicht, als sie über ihre Kameraden hinwegschritt und sich Dulacre gegenüber hinsetzte, die Beine überschlug und ihre langen Rastazöpfe zurückwarf. Dulacre sah zum Wirt. „Tee“, sagte er kalt. „Tee?“, fragte Eros. „Wieso das denn jetzt?“ „Bei Verhandlungen trinkt man immer Tee.“ „Ist das so?“, fragte Maja und guckte dann zu Jiroushin, der mit den Schultern zuckte und davon auch noch nie gehört hatte. Die Fremde schmunzelte. „Nun denn, dann halt Tee. Meinen dann aber bitte mit einem ordentlichen Schuss.“ Sie zeigte sich nun recht gelassen und Jiroushin fragte sich, ob es ihre Art war oder nur eine Fassade, wie sie Dulacres Blick für einen Moment standhielt, dann jedoch wegsah, wie jeder. „Gut, was willst du zuerst wissen? Worüber verhandeln wir?“ Dulacre lachte leise. „Darüber, ob du mich unterhalten kannst.“ „Oh, ich bin keine Komikerin.“ „Und ich halte auch nichts von seichter Unterhaltung. Zeig mir deine Waffe? Die, mit der du auf mich geschossen hast“, spezifizierte er, als ihre Augenbrauen kurz nach oben wanderten. Sie gehorchte und zog einen Revolver her… „Habe ich mich missverständlich ausgedrückt?“, sprach Dulacre und sofort wurde sein Ton eiskalt. „Entschuldigung“, sagte sie mit einem sachten Schmunzeln, aber die Anspannung war ihr anzusehen. Sie steckte den Revolver weg und zog dann eine ungewöhnlich schmale Waffe hervor, die Jiroushin fast schon an eine Haarnadel erinnerte. Der Lauf war lang und spitz, der Griff kunstvoll ausgestaltet, so dass er wie eine Blume aussah, deren Einkerbungen jedoch perfekten Halt den Fingern bot, Sicherung und Abzug sahen aus wie ein kleiner Ast mit einem Blatt, Trommel oder Magazinfach kaum wahrnehmbar. Sie reichte Dulacre die Waffe und dieser öffnete sie wie selbstverständlich. „Interessant, der Lauf ist nicht mal mehr warm, obwohl er die Hitze schnell aufnehmen sollte. Und weil er so schmal ist, sollte er die Zielgenauigkeit erschweren, aber da er so gut ausgewogen ist und die Patronen so fein wie Nadeln sind, ist der Rückstoß trotz hoher Geschwindigkeit minimal und die Treffsicherheit erhöht. Durch das leichte Gewicht der Munition wird kaum Zündstoff benötigt, was die Waffe nicht nur effizient macht, sondern vor allem leise.“ Er sah auf. „Wieso hast du diese Waffe für einen Angriff gewählt, der offensichtlich war? Der Vorteil dieser Waffe ist ihre Subtilität, die Geschosse eignen sich nicht für einen offenen Kampf, da sie vor allem gegen weichen Widerstand wie Augen oder Rachen sinnvoll sind. Warum hast du also nicht auf einen normalen Revolver zurückgegriffen, wie diesen, den du mir gerade zeigen wolltest?“ „Das ist deine erste Frage?“, entgegnete sie, während sie den Tee entgegennahm, den man ihr reichte, „nicht mein Name oder warum wir dich angegriffen haben?“ Dulacre zog eine Augenbraue hoch, ignorierte den Tee, der vor ihm abgestellt wurde. „Es gibt für mich keinen Grund, mir deinen Namen zu merken. Und es ist offensichtlich, warum ihr angegriffen habt.“ „Ach, ist es das?“ Sie klang ehrlich überrascht. „Beleidige mich doch nicht“, murrte er mit einem Augenrollen. „Ihr wisst, wer ich bin, und der Anführer eurer kleinen Truppe hasst mich wie so viele Piraten, weil er schwach ist und ich stark. Er dachte, ein Hinterhalt würde ihm mein Kopfgeld einbringen und eine Chance auf mein Vermögen. Dumm und gierig, wie so viele. Und jetzt beantworte meine Frage.“ Sie nahm einen Schluck. „Ein Mann von deinem Kaliber hat eine erhöhte Wahrnehmung gegenüber allem, was um ihn herum passiert, gerade während eines Kampfes. Mir ist bewusst, dass ich dich mit dieser Waffe nicht töten kann, aber mein Ziel war ein anderes, ich wollte dein linkes Auge treffen, um dich für einen kurzen Moment abzulenken, damit andere Angriffe vielleicht ihr Ziel erreichen könnten. Ich hatte ehrlicherweise die Hoffnung, dass ein so feines Geschoss, zwischen all den Angreifern und anderen Kugeln, deinen Sinnen entgehen würde.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das war vielleicht etwas naiv.“ „War es“, stimmte Dulacre zu und reichte ihr die Waffe zurück. „Aber dennoch kein schlechter Einfall.“ „Dankesehr.“ Sie nahm die Waffe entgegen. „Oh, dürfte ich auch bitte die Munition zurückhaben?“ „Natürlich.“ Die Munition sah aus wie zwei silberne dicke Nadeln, schimmerten in Dulacres Händen. „Woran hast du es bemerkt?“, fragte er. „Das Gewicht“, entgegnete sie. „Jedes dieser Geschosse wiegt weniger als ein Gramm“, meinte Dulacre. „Du hast feine Sinne.“ „Ich kenne meine Waffen. Nur so kann ich verhindern, dass sie gegen mich eingesetzt werden.“ Er nickte sachte und nahm einen Schluck, ohne zu antworten. Die Stille schien ihr zu missfallen, ihr Blick glitt zu ihren Kameraden, die sich teils in eine sitzende Position gebracht hatten und versuchten, ihre Blutungen zu stillen, teils aber bewegungslos auf dem Boden lagen. „Habe ich dich gut genug unterhalten, dass du meine Kameraden und mich gehen lässt?“, fragte sie ernsthaft. „Ach, die interessieren mich nicht“, winkte Dulacre ab. „Wenn ich ehrlich bin, ist mir ziemlich egal, was mit denen passiert. Wenn sie gehen wollen, sollen sie gehen – sofern sie das noch können -, mir können sie eh nichts, und da sie weder Schaden angerichtet noch die Waffen gegenüber meiner Crew erhoben haben, soll es mir einerlei sein, wenn sie mit dem Leben davonkommen.“ Jiroushin hatte Erleichterung erwartet, aber sie blieb angespannt. „Aus deinen Worten schließe ich, dass dein Gleichmut nicht gegenüber mir gilt“, sagte sie langsam. „Korrekt, schließlich hast du mein Hemd beschädigt.“ „Ist das Grund genug, mich zu töten?“ „Oh, dafür brauche ich nicht mal einen Grund.“ Sie schluckte. „Und verstehe ich dich richtig, dass du nicht so… gütig wärest, wenn eines deiner Crewmitglieder betroffen gewesen wäre?“ Dulacre reagierte nicht. „Du scheinst deine Verantwortung als Kapitän sehr ernst zu nehmen.“ Jiroushin merkte, wie manche von den anderen lächelten, aber mehr noch war da diese Anspannung, die keiner von ihnen an diesem Abend erwartet hatte. „Natürlich, aber glaube nicht, dass du durch den Verweis auf meine Crewmitglieder an meine Empathie appellieren kannst. So etwas besitze ich nicht.“ Sie hob die Augenbrauen an. „Hat das nicht jeder Mensch? Warum sonst folgen sie dir? Warum sonst hast du mich am Leben gelassen?“ „Du wagst dich weit hinaus, Schützin. Aber verstehe es nicht falsch. Erwarte keine Menschlichkeit von mir und wirf mir keine Güte vor. Mich haben deine Fertigkeiten neugierig gemacht, das ist alles. Als Schwertkämpfer meines Könnens erkenne ich Qualität und weiß, diese zu würdigen, das ist alles.“ Sie ließ ihren Blick kurz über Jiroushin und die anderen gleiten. „Das heißt… sie alle haben… Qualitäten, die du zu würdigen weißt?“ Dulacre nickte und lehnte sich zurück. „Du hast genug Fragen gestellt.“ Augenblicklich spannte sie sich mehr an und griff nach ihrer Tasse. „Daher stelle ich dir nun wieder eine: Wann drückst du endlich ab?“ Klappernd fiel ihre Tasse zurück auf den Unterteller. „Wie… wie bitte?“ „Hör auf, mich für dumm verkaufen zu wollen. Meinst du, ich würde sie nicht bemerken? Die Waffe in deinem rechten Schuh, weshalb du die Beine überschlagen hast, um einen besseren Winkel zu haben. Die Anspannung geht von deinen Zehen bis hoch in den Oberschenkel. Deinen Ring, den du ganz unauffällig auf mein Crewmitglied gerichtet hast.“ Jiroushin folgte dem Blick und sah den Ring, der auf ihn gerichtet war und jetzt sah er, dass der kleine, spitze Schmuckstein wohl Munition war. „Und das Armband an deiner linken Hand, weshalb du dich nicht traust, die Arme zu überkreuzen oder den Tisch zu berühren. Hättest du mich bisher nicht so gut unterhalten, hätte ich dich schon längst für diese Unverschämtheit umgebracht.“ Sie bewegte sich nicht. „Wirst du mich also nicht umbringen?“, fragte sie. „Oder nur noch nicht?“ „Das hängt davon ab, wie lange du mit diesem Ring noch auf mein Crewmitglied zielst.“ Kurz sah sie auf, dann griff sie nach dem Ring, ein leises Klicken war zu hören, sie zog ihn aus und legte ihn auf den Tisch, danach folgte sie mit dem Armband und noch zwei weiteren Armbändern, sowie einem weiteren Ring. „Kluge Entscheidung.“ Sie zeigte ein schwaches Lächeln. „Ich konnte doch nicht völlig wehrlos dieses Gespräch eingehen.“ „Obwohl dir bewusst war, dass ich es erkennen würde?“ „Naja, wenn wir schonmal so ehrlich sind. Ich weiß nicht besonders viel über dich, außer, dass du wohl ein wahnsinniger Schwertkämpfer sein sollst, der Marinesoldaten jagt und echt viel Kohle hat. Ich hab einfach nicht damit gerechnet, dass du auch so viel Ahnung von Schusswaffen hast.“ Wieder schwieg Dulacre, nahm den zweiten Ring und betrachtete ihn. Für einige Sekunden war es still und dieses Mal traute sie sich nicht, zu reden. „Das ist herausragende Arbeit. Resa?“ „Ja, Kapitän?“ Er reichte ihr den Ring. „Gehe ich recht in der Annahme, dass dies das Wappen der Familie Drutherz aus dem zwölften Jahrhundert ist?“ Resa zog ihre Brille hervor und studierte den Ring eingehend. „Ja, gut erkannt, Kapitän. Es scheint auch keine Fälschung zu sein. Wenn ich mich richtig erinnere, war König Padrum der Dritte ein Waffennarr und mochte geschickte Spielereien. Er hat versteckte Waffen für all seine Kinder, insbesondere seine Töchter, anfertigen lassen.“ „Mhm“, machte Dulacre zustimmend und reichte ihr dann den anderen Ring. „Und dieser hier?“ Sie nahm ihn entgegen und zog ihre Brille aus. „Der hier ist keine 20 Jahre alt, ein Replika und oh…“ Sie zog die Brille wieder an und besah sich den Ring genauer. „Die Mechanik ist ähnlich, aber hier dieser Hebel ist anders… Ich… ich bin keine Waffenexpertin, vielleicht sieht Masato es anders, aber ich könnte mir vorstellen, dass Fehlzündung dadurch besser vermieden werden können. Was natürlich erklärt, warum die junge Dame lieber das Replika benutzt als das Original.“ Sie gab die Ringe zurück. Dulacre sah die Fremde wieder an und hielt den nachgemachten Ring hoch. „Wer hat diese Waffe geschmiedet?“ Sie sah nicht auf, sondern senkte den Blick. „Sprich.“ „Ich… ich war das“, sagte sie dann, ganz leise. „Und warum sagst du dies nicht mit Stolz.“ Sie entgegnete nichts, aber von ihrer selbstsicheren Haltung war nichts geblieben. Vorher war sie angespannt gewesen, aber schien die Kontrolle zumindest über sich selbst zu haben, jetzt hatte sie offensichtlich Angst. „Dulacre“, warnte Jiroushin, der leise auflachte. „Ich verstehe.“ „Ach, tust du?“, fragte Masato, die sich derweil die Armbänder anguckte. „Dann erlöse dieses arme Mädchen doch von ihrer Angst.“ „Du hast besondere Qualitäten, die du verheimlichst, warum? Ganz einfach, weil dieses Wissen dich einst in Gefahr gebracht hat… Du… ah, ganz klar. Jetzt ergibt alles Sinn. Deine Kammeraden, können wir sie überhaupt so nennen?“ Ihr Kopf schnellte nach oben. „Wusst ich es doch. Sei unbesorgt, ich habe kein Interesse daran, jemanden für seine Fähigkeiten zu entführen.“ „Aber… aber ich dachte, du sammelst Menschen mit besonderen Fähigkeiten.“ „Das mag sein, aber die Regeln sind simpel. Ich erwarte von meinen Crewmitgliedern, dass sie zu den Besten ihres Bereiches gehören und dass sie mir loyal sind. Angst macht gefügig, aber nicht loyal.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine, ist es nicht das, was bei euch vorherrscht? Du nennst sie Kameraden, vielleicht sogar Freunde, und über all die Jahre seid ihr eine gute Truppe geworden, vielleicht sogar Freunde. Vielleicht vergisst du sogar zwischendurch, dass es mal anders war. Aber dann, wenn der Anführer seine Stimme auf diese ganze besondere Art und Weise anhebt, oder wenn du ein bisschen zu selbstbewusst wirst und dann den Blick anderer merkst, da fällt es dir wieder ein. Jetzt magst du sie mögen, aber du bist nie freiwillig zu ihnen getreten und es gibt einfach kein Zurück für dich.“ Mit jedem Wort waren ihre Augen größer geworden und sie starrte ihn an. „Wie alt warst du, als sie dich entführten?“ Sie griff nach ihrer Tasse und starrte hinein. „Es war… vor fünf Jahren, ich war gerade 14 geworden.“ „Warum? Was wollte eine Bande von Halunken von einem Mädchen?“ „Ich… ich bin… Wir waren Uhrmacher und… Feinarbeiten liegen mir, mein Vater sagte immer, ich hätte ein besonderes Talent dafür. Sie haben mich mitgenommen, weil sie… Es sind Grabräuber und sie wollten… sie brauchten jemanden, der die mechanischen Fallen entschärfen konnte und schmale Hände hatte, um in die Spalten fassen zu können.“ Dann sah sie auf. „Sie versprachen, mich danach gehen zu lassen und… und ich konnte, ich… ich hätte gekonnt. Sie brachten mich sogar zurück in meine Heimat, aber…“ „Du bist auf den Geschmack gekommen“, schlussfolgerte Dulacre, „von dem Mehr, das das Leben zu bieten hat.“ Sie nickte. „Am Anfang hatte ich große Angst, das waren Banditen, diese Katakomben waren so gruselig und die Fallen tödlich, aber…“ Als sie aufsah, leuchteten ihre Augen. „Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt wie damals. Und wie hätte ich zurückkehren können, in ein Haus, wo meine Aufgabe darin bestehen würde, jeden Samstag durch die Stadt zu laufen und Uhren aufzudrehen?“ Sie zog einen kleinen Gegenstand aus ihrem Ärmel. „Die gab Hendrick mir. Einer der Schätze aus jenem ersten Grab. Als Andenken.“ Auf den ersten Blick war es eine Taschenuhr, aber Jiroushin konnte es schnell erkennen. „Und dann fragte ich mich, ob ich sowas nicht auch kann, anstatt langweilige Uhren, wo ich immer irgendwelche Initialen oder Daten eingravieren muss. Ich… In fast jedem Grab fand ich irgendeine besondere Schusswaffe und ich... ich wollte wissen, wie sie funktionieren und… ob ich sie auch… nein, ob ich sie selbst besser machen kann. Und ich kann!“ Wieder war es still, Dulacre sah sie einfach nur an und ihre Wangen wurden dunkler als sie errötete, aber dieses Mal hielt sie seinem Blick stand. „Wie heißt du?“, fragte er nach einigen Sekunden. „Fatou.“ „Nun denn Fatou. Du hast mich unterhalten, ich lasse dich und deine Kameraden gehen.“ „Oh, oh danke.“ „Aber ich möchte dir ein Angebot machen.“ Er öffnete beide Arme und zeigte ein Lächeln. „Es passiert nicht oft, normalerweise bringen mein Vize oder unser Schiffarzt einen neuen Streuner an, aber ich lade dich ganz offiziell ein, Mitglied meiner Crew zu werden.“ „WOW!“ Alle sahen sie zu Eros. „Oh, Entschuldigung.“ Und schon versteckte er sich hinter Makoto. „Uhm… ich… ich muss gestehen, gerade etwas sprachlos zu sein.“ Doch schon fing sie sich wieder. „Und wenn ich ablehne? Wirst du mich dann töten?“ „Nein“, entgegnete Dulacre, als wäre es absolut unverständlich, dass sie das fragte. „Ich hab doch bereits entschieden, dich am Leben zu lassen, das wäre höchst widersprüchlich. Außerdem sagte ich doch gerade, dass eine Crew nur durch Loyalität Bestand haben kann. Angst schafft keine Loyalität. Ich will keine Crewmitglieder, die nur aus Angst mir folgen.“ „Oh, na dann… okay. Ich bin dabei.“     Kapitel 11: Kapitel 11 – Endlich zeigt sich der Elfte ----------------------------------------------------- Kapitel 11 – Endlich zeigt sich der Elfte   Langsam wurde das Schiff… voll. Wobei, das war nicht das richtige Wort, belebt, gefüllt, voller Leben. Ja. Die Räume nahmen Gestalt an, füllten sich mit verschiedenen Gegenständen und Pflanzen. Das Deck blühte in verschiedenen Farben, zeigte einen so starken Kontrast zum schwarzen Holz. Wie ein Grab im Frühling. Vielleicht war es ein makabrer Vergleich, aber irgendwie passte es schon. Fatou passte perfekt in die Crew, energetisch wie Eros, aber konnte ihn auch gleichzeitig bändigen. Sie mochte den Kampf wie Dulacre und verbrachte viel Zeit bei Maja in der Werkstatt wie eine große Schwester. „Haaaaah!“ Wie ein Stück Treibgut glitt Onamatsu an ihm vorbei. Die Oseberg hatte einen riesigen Vorteil, das Gemeinschaftsbad. Da Makoto nun mal recht groß war, hatte Maja entschieden, die meisten Räumen an ihn anzupassen, insbesondere das Bad, welches einen abschüssigen Boden hatte. Auf der einen Seite war es kaum knietief, am anderen Ende ging es Jiroushin gerade über die Schultern, sodass selbst Makoto angenehm drin sitzen konnte. Es war auch sehr praktisch gewesen, um dem ein oder anderen Crewmitglied Schwimmen beizubringen – wobei es seltsam war, wie gut Eros für einen Teufelsfruchtnutzer schwimmen konnte, Jiroushin wurde einfach nicht schlau aus diesem Kerl – und für die seltenen Abende wie heute war es der perfekte Ort. Resa hatte angeboten, das Abendessen vorzubereiten, sodass selbst Sado dabei war und so waren ausnahmsweise alle männlichen Crewmitglieder im Bad. Sogar Dulacre, der eigentlich nie mit anderen das Bad teilte und sein eigenes hatte, war wohlwollend auf Makotos Vorschlag eingegangen und saß nun im heißen Wasser, die Arme an den Seiten ausgestreckt, den Kopf im Nacken, die Augen geschlossen. Eros, Makoto und Sado spielten im tiefen Wasser, immer darauf bedacht, bloß nicht den Kapitän zu treffen – Onamatsu und Jiroushin hatten nicht so viel Glück – aber selbst Dulacre schien entspannt wie selten. „Eros, kannst du mir nicht auch das Schwimmen beibringen?“, fragte Makoto. „So wie du es Resa beigebracht hast.“ „Mein Kleiner, du vergisst da was. Du bist viel zu groß, um hier zu schwimmen, und ich kann nicht ins Meer. Ich würd ja sagen, frag den Fischmenschen, aber da unser guter Onamatsu schneller abtreibt als ein Schiff in Seenot, solltest du vielleicht eher Jiroushin oder den Kapitän fragen.“ „Ich kann’s dir beibringen.“ „Sado, mein süßer Rabe, du würdest genauso ertrinken wie ich. Hast du das wieder vergessen?“ „Lass deine Spitznamen“, knurrte der Smutje und errötete, während er eine beachtliche Welle Eros ins Gesicht schlug. Dieser sprang lachend weg und als der kleine Taifun sich legte, segelte ein etwas zu groß geratener aber durchaus eleganter Schwan über das Wasser. „Du bist wirklich gut darin geworden, Tiere zu imitieren“, lobte Jiroushin, der Dulacre gegenüber saß und diese warme Stimmung genoss. „Naja, manche von uns wissen halt ihre Teufelsfrucht zu nutzen“, entgegnete der Schwan mit einem leisen Klackern. „Sei nicht so gemein“, tadelte Makoto ihn. „Sado wird immer besser.“ „Lass es gut sein“, seufzte ebendieser auf und lehnte sich zurück. „Der Schwerenöter hat ja Recht. Meine Teufelskraft ist nicht nur nutzlos, sondern ein richtiges Problem.“ Sein Blick blieb auf Makotos Schulter hängen, doch das prächtige Bild ineinander verschlungener Blüten ließ nicht mal mehr erahnen, dass der Schiffsarzt dort einst verwundet worden war. „Also wenn du willst, kann ich dir gerne nochmal etwas helfen, Sado-Maus.“ Eros – nun wieder in seiner üblichen Gestalt- sprang dem anderen fast auf den Rücken, der nur aufseufzte und nicht mal versuchte, Eros wegzustoßen. „Was muss ich tun, damit du mich zumindest einen Tag mal mit deinen doofen Spitznamen verschonst? Kapitän, kannst du da nicht mal was machen?“ „Ihr seid erwachsen, regelt euren Kinderkram gefälligst selbst“, entgegnete dieser sofort. „Ich hab heute frei.“ „Hast du nicht“, schalt Jiroushin ihn sofort. „Man ist immer Kapitän.“ „Aye!“, riefen die anderen im Chor, woraufhin Dulacre nur aufschnaubte. „Wir könnten uns gemeinsam einen Spitznamen für dich aussuchen, mein Süßer.“ „Nein!“ „Dann wie wäre es damit: Jeden Tag, an dem ich ein Erdbeer-Mochi von dir bekomme, werde ich maximal zwei Mal einen Spitznamen benutzen.“ „Was ist das denn für ein Angebot? Ich will, dass du gar keine Spitznamen benutzt.“ „Oh ja, ich hätte auch nochmal Lust auf deine Mochis“, warf Makoto ein. „Du kannst mir ja auch drei jeden Tag geben.“ „Makoto, du weißt genau, dass ich nicht gerne Mochis mache. Sie sind ungesund und wenn sie nicht gut zubereitet werden oder man sie unbedacht isst, können sie gerade bei älteren Menschen oder bei Kindern zu Schlundverstopfungen führen“, belehrte Sado sofort mit erhobenem Zeigefinger, eher sich Eros zuwandte, „und wenn du jeden Tag so viel Süßkram in dich reinfrisst, wirst du nur dick!“ „Ach, ein bisschen Masse kann ich schon noch vertragen, dann kann ich mich auch leichter in dich verwandeln.“ Mit jedem Wort hatte Eros sich mehr verändert, bis er schließlich fast genauso aussah wie Sado, wenn auch kaum merklich schmaler und hielt eine flache Hand ein paar Zentimeter über Sados Kopf. „Allerdings kann ich die Masse auch durch die unterschiedliche Körpergröße ausgleichen.“ „Ach, leck mich doch!“ Nun packte Sado sein Ebenbild und drückte ihn unter Wasser. „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass du das lassen sollst!“ „Hey, nicht so wild“, mahnte Jiroushin mit einem Seitenblick auf Dulacre, der aber überaschenderweise sich gar nicht stören zu lassen schien, wie er immer noch den Kopf in den Nacken gelegt hatte. „Resa sollte auch etwas auf ihr Gewicht achten. Ist ja gut, dass sie nicht mehr so dürr ist, aber anders als Eros bringt ihr mehr Masse gar nichts. Sie könnte sich da an Fatou und Niwashi ein Vorbild nehmen.“ „KAPITÄN!“, kam es einstimmig von Onamatsu, Makoto und Sado, der sogar Eros losließ, der beim Auftauchen in die Entrüstung miteinstimmte. Aber Jiroushin konnte das kaum merkliche Grinsen seines besten Freundes sehen. „So etwas sagt man nicht über eine Frau – oder generell!“, Eros war aufgesprungen und hatte den Zeigefinger erhoben, während Wasser über den Rand schwappte. „Das ist wirklich respektlos! Viel wichtiger als ihr Aussehen ist doch, dass sie sich wohlfühlt. Außerdem ist sie noch weit weg von Übergewicht. Man kann sogar noch deutlich ihre Hüftknochen sehen.“ „Ich verstehe das Problem gar nicht“, bemerkte Onamatsu. „Bei uns Fischmenschen möchte man sogar, dass man nicht zu dünn wird. Fett ist eine gute Isolierschicht und die unteren Meeresschichten sind sehr kalt.“ „Ich bin froh, dass Resa gut isst“, knurrte Sado noch, während Onamatsu sprach, und schlug aufs Wasser. „Und woher weißt du das mit den Hüftknochen? Hast du etwa gespannt, du Schwerenöter?“ „Wo denkst du hin?“ Empört riss Eros die Arme nach oben. „Wir waren gestern noch zusammen baden, natürlich.“ „Was?! Du gehst mit Resa baden?“ „Was regst du dich so auf? Ich geh immer mit den Mädels baden. Ich muss doch auch meine Fähigkeiten für weibliche Körper immer weiterentwickeln, und da die Mädels nichts dagegen haben, gehe ich ganz oft mit – wenn die alte Heuschrecke nicht dabei ist“, fügte er flüsternd hinterher und es schüttelte ihm an ganzen Körper. „Und anders als manche hier, achte ich nun mal sehr auf meine Körperhygiene.“ „Ich denk nicht, dass du so etwas sagen solltest, Kapitän“, sprach Makoto nun, der sich über die zwei Streithähne hinwegbeugte, während Dulacre nur mit einem leisen „Ja ja“ abwinkte. „Wie alle Crewmitglieder, überprüfe ich auch Resas Zustand regelmäßig und bin mit ihrem Fortschritt zufrieden, aber nicht begeistert. Bitte unterlasse zumindest in ihrer Gegenwart solche Bemerkungen. Ich möchte verhindern, dass sie weniger isst. Ihre Periode hat immer noch nicht eingesetzt und ihr Körper erholt sich nur langsam von den Jahren der Mangelernährung. Außerdem ist leichtes Übergewicht bei Frauen sogar wünschenswert, da die Fettschicht am Unterleib empfindliche Organe schützt.“ „Den Teil mit der Periode hättest du ruhig für dich behalten können“, murrte Sado, der weiterhin Eros unter Wasser drückte. „Oh, du hast Recht. Da habe ich meine ärztliche Schweigepflicht verletzt. Oh, das ist ganz ungünstig.“ „Mach dir keine Gedanken“, winkte Onamatsu ab. „Von uns wird eh niemand drüber sprechen und ich wette, dass Eros es von ihr schon weiß.“ „Bingo“, machte dieser, halb am Ertrinken und hob eine Hand aus dem Wasser, um mit erhobenen Daumen zustimmend den Zeigefinger auf Onamatsu zu richten. „Wie dem auch sei“, erklärte Jiroushin und klatschte in die Hände. „Wir sollten dieses unliebsame Thema hiermit beenden und so langsam aus dem Bad. Wenn wir zu spät zum Essen kommen, wird Masato uns sonst wieder Feuer unterm Hintern machen.“ „Wortwörtlich“, murmelte Sado und erhob sich. „Okay, dann auf auf.“ Nach und nach standen sie alle auf. „Jirou.“ Überrascht blieb er stehen. Dulacre saß immer noch genauso wie vorher da, sah ihn nicht an. „Weißt du noch, wie wir den Brunnen auf dem Marktplatz sabotiert haben?“ Leise lächelnd schüttelte Jiroushin den Kopf. „Du hast heute nur Dummheiten im Kopf.“ „Wenn wir nochmal nach Sasaki kommen, sollten wir ihn nochmal verstopfen.“ „He, wenn du das sagst. Bleib nicht mehr zu lange im Wasser, in Ordnung. Ich sorg dafür, dass dir etwas zur Seite gelegt wird, Kapitän.“ „Lass mich heute Abend ein einziges Mal nicht den Kapitän sein.“ „Alles in Ordnung?“ Dulacre winkte nur ab und Jiroushin folgte den anderen ins Vorzimmer. „Was war das denn für ein komischer Kommentar vom Kapitän?“, fragte Sado ihn sofort, als er die Türe zugezogen hatte. „Sowas passt gar nicht zu ihm, sich über die Körper anderer Leute auszulassen, erst recht nicht bei Crewmitgliedern.“ „Ach, daran sieht man einfach, dass der Kapitän am Ende doch noch recht jung ist.“ Eros zuckte mit den Schultern. „Ich meine, ich vergesse es auch oft, weil er wirklich eine natürliche Autorität hat – und einfach unglaublich stark ist – aber so eine Aussage kann nur ein Junge machen, der sich noch nicht die Hörner abgestoßen hat.“ „Wenn du dich traust, ihm das ins Gesicht zu sagen, werde ich mich nie wieder über deine Spitznamen beklagen.“ Jiroushin ignorierte, wie die beiden sich kabelten und zog sich an. „Jiroushin?“ Er sah auf. Onamatsu stand vor ihm. „Ist mit dem Kapitän alles in Ordnung? Sado hat Recht. Er war heute schon den ganzen Tag so ein bisschen… lustlos drauf und seine Energie ist… viel schwächer als sonst. Jetzt auch noch die ganzen Kommentare und dass er heute kein Kapitän sein will. Müssen wir uns Sorgen machen?“ Jetzt waren alle still und Jiroushin zeigte ein sanftes Lächeln. „Nein, müsst ihr nicht. Er hat einen schlechten Tag, hat doch jeder schon mal. Morgen ist er ganz bestimmt wieder der Alte.“ „Wir kennen seine Launen“, meinte Sado schließlich, „und wir kennen, wenn er schlechte Tage hat, aber da ist er eigentlich nur noch fordernder und noch… gebieterischer. Heute ist er eher das Gegenteil, als wollte er jemand ganz normales sein.“ Sie waren wirklich gute Crewmitglieder. Er winkte ab und begann, Dulacres Klamotten parat zu legen. „Keine Sorge. Lasst mich nur machen.“ „Bei dir vergesse ich auch manchmal, dass du noch soooo jung bist, mein süßer Jiroushin“, murmelte Eros und fuhr ihm durchs Haar. „Und fest vergeben“, ergänzte er mit einem Augenzwinkern. „Ja, leider“, seufzte Eros und folgte Onamatsu nach draußen. „Auch wenn ich das natürlich akzeptiere.“ „Wie alt bist du eigentlich?“, kam es von Sado, der die Frage vermutlich in wenigen Sekunden bereuen würde. „Wirst du jetzt schon so unverschämt wie der Kapitän, Sado-Maus? Es ist unhöflich, eine Dame nach dem Alter zu fragen.“ „Du… du bist aber keine? Oder? Bist du gar kein Mann? Hey, hey, jetzt warte mal, wie meintest…?“ „Jirou, kommst du?“ Makoto hielt ihm noch die Türe offen. „Ja natürlich.“ Doch er öffnete die Schranktüre daneben und nach einem kurzen Blickwechsel ging er in den Schrank und schloss diese gleichzeitig mit Klicken der Türe. In der Dunkelheit brauchte er nur wenige Sekunden, bis er die kleine Unebenheit fand und schon öffnete sich die Rückwand des Schrankes ohne das leiseste Geräusch. Er war nicht wie Dulacre. Er war nicht so auffällig und fand auch keinen Spaß and Kräftemessen und Geheimgängen, aber gerade, weil er nicht so auffällig war, konnte er sie hervorragend nutzten. Selbst jemand mit hervorragendem Observationshaki würde ihn nicht wahrnehmen, wenn er es nicht wollte. Nun ging er leise in der Wand des Badezimmers entlang, bis er an die geheime Tür mit den Luftschlitzen kam. Von dort konnte er Dulacres Rücken sehen, wie dieser immer noch in der Badewanne saß, die Arme zu den Seiten ausgestreckt, und leise seufzte. In diesem Moment hatte Onamatsu Recht. Seine sonst so starke Aura war kaum wahrnehmbar, als hätte er all seine Sinne ausgeblendet, so angreifbar wie Jiroushin ihn Jahre nicht gesehen hatte, aber nun gut, wo, wenn nicht im Bad, konnte man mal alle Mauern fallen lassen? Und dieses Bad war schon herrlich. Das Wasser war immer noch heiß genug, dass ein sanfter Dampf in der Luft hing, vielleicht hatte Jiroushin ihn vorher auch nur nicht bemerkt, weil die anderen so viel Radau gema… „Keine Bewegung.“ Es war schnell gegangen, die kleine Kreuzkette lag angenehm in seiner Hand, geräuschlos hatte er die versteckte Türe geöffnet, gerade als der Dampf aufgewirbelt worden war. Endlich hatte Dulacre entschieden, dass sie ihren Verfolger konfrontieren würden. „Welch Enttäuschung“, murrte Dulacre nun, ohne sich zu bewegen. „Ich weiß nicht, was mich mehr enttäuscht, dass du auf die offensichtliche Falle hereingefallen bist, oder, dass du es nicht geschafft hast, mich zu töten, obwohl ich dir alle Möglichkeiten gab.“ „Bitte sei nicht enttäuscht, weil ein Auftragsmörder es nicht geschafft hat, dich umzubringen, Kapitän.“ Dulacre sah ihn über die Schulter weg an. „Spielverderber.“ „Du wirst den anderen das noch erklären müssen. Sie dachten wirklich, du meinst das mit Resa ernst.“ Nun grinste Dulacre. „Ach, ich hab meine Rolle zu gut gespielt.“ Dann erhob er sich und stieg aus der Wanne. Wasser rann seinen nackten Körper hinab. „Werde sichtbar“, befahl er dem Mann, dessen linken Arm Jiroushin verdreht und an dessen Rücken gepresst hatte und an dessen Kehle Jiroushin das kleine Messer hielt. „Dir ist bewusst, dass du keine Chance mehr hast und ich habe noch andere Mittel und Wege deine Teufelskraft zu unterdrücken. Also erspare uns allen diese Zeitverschwendung und werde sichtbar.“ „Warum tötest du mich nicht einfach?“, fragte eine völlig unauffällige Männerstimme. „Das wissen wir doch beide.“ „Du willst Informationen von mir?“ „Was? Nein.“ Entrüstet schüttelte Dulacre den Kopf. „Ich weiß alles, was mich interessiert. Aber es ist eine Form des Respekts, dass du dich mir zeigst, verstanden?“ „Ich soll dich töten und du erwartest Respekt von mir?“ „Gut, machen wir es anders. Ich weiß, wer du bist. Hauseigener Auftragsmörder der fünf Weisen. Kein Marinesoldat, kein Cipher Pol Agent, erst recht kein Weltaristokrat. Ein völlig unscheinbarer Mann, manche munkeln sogar ein Geist, fähiger Kämpfer, noch fähigerer Mörder, und die Teufelskraft der Unsichtbarkeitsfrucht tut ihr Übriges.“ Dulacre schritt auf sie zu und blieb wenige Schritte vor dem Unsichtbaren und Jiroushin stehen. „Ich hatte schon damit gerechnet, dass du irgendwann auf mich angesetzt werden würdest. Sie trauen mir nicht und sie wollen den Namen Mihawk unter Kontrolle halten, was auch immer das kosten mag. Aber es war dein Pech, dass du auf mich angesetzt wurdest, oh fähigster Auftragsmörder der Welt. Denn obwohl du alles berücksichtig hast. Wochen gewartet hast, bis meine Aufmerksamkeit endlich doch mal schwindet, eine unauffällige Nadel, die als Mordwaffe so viel besser geeignet wäre als jede Schusspistole oder jede Messerschneide, obwohl du wirklich all das bedacht hast, bist du dennoch in meine Falle getappt.“ Mit einem Mal wurde der Mann vor Jiroushin sichtbar. Er war absolut unauffällig, etwas kleiner als sie beide, vielleicht so groß wie Eros, dunkelblondes, fast braunes Haar, kurz geschnitten, nicht wie ein Soldat, sondern eher… wie ein Familienvater aus dem Vorort einer Großstadt. Dazu passte auch sein schwarzer Anzug, der zwar ordentlich passte, aber nicht zu gut. Jiroushin war sich absolut sicher, er könnte sich in einer Einkaufsschlange eine halbe Stunde mit diesem Mann unterhalten, und hätte am Abend bereits dessen Gesicht vergessen. Perfekt für einen Auftragsmörder. Er sah zu Dulacre auf, hob seine Hände und eine feine Nadel fiel lautlos zu Boden. „Man nennt mich John Doe“, sagte er mit seiner unauffälligen Stimme, „und du hast mit allem Recht, was du gesagt hast. Es stimmt, Mihawk Falkenauge Dulacre, ich wurde von den fünf Weisen beauftragt, dich zu töten.“ „Und erkennst augenblicklich, dass Lügen oder Dummstellen dir nichts bringen wird; erfreulich.“ „Nun ja, die Wahrheit ist, mir war ab dem Moment, als mir der Auftrag erteilt wurde, bewusst, dass mein Leben verwirkt war. Entweder würde ich beim Versuch, meinen Auftrag durchzuführen, sterben oder wenn ich zurückkomme und nicht erfolgreich war. Ich bin ein toter Mann und lebe nun nur noch von geliehener Zeit.“ Er bewegte sich nicht, streckte nicht die Brust wie ein Soldat. „Als Auftragsmörder habe ich so etwas wie Ehre nicht, aber wenn ihr mir die Wahl gebt, würde ich lieber bei meinem Auftrag sterben, als erfolglos zurückzukehren und hingerichtet werden.“ Jiroushin schloss für eine Sekunde die Augen. Für Wochen hatte dieser Mann sie verfolgt, wissend, dass er nicht erfolgreich sein konnte, war aber nicht geflohen, vermutlich weil er wusste, dass es sinnlos sein würde. Dieser Mann hatte als Auftrag, Dulacre zu töten, dennoch empfand Jiroushin Mitleid mit ihm. Als er wieder aufsah, konnte er Dulacres unzufriedenes Gesicht sehen. „Du bist ganz schön anmaßend. Erst willst du mir keinen Respekt erweisen, nun verlangst du, dass ich dich töte? Ich bin nicht dein Leibeigener.“ „Uhm“, war alles, was der Auftragsmörder zustande brachte. Er hatte wahrscheinlich tausende Szenarien durchgedacht, wie diese Situation verlaufen könnte, aber nicht diese. „Nein. Nein, nein, nein, so geht das nicht. Ich bin absolut unzufrieden mit diesem Ausgang.“ „Wie bitte?“ „Na, das ist doch jetzt total antiklimatisch, wenn ich dir einfach den Kopf abschlage oder dich wie ein Kleinkind zurück zu den Eltern schicke. Nein, nein, nein. Du hast es nicht gut genug versucht. Du bist mir nicht mal gefährlich geworden. Ich wusste die ganze Zeit, wo du stehst, was du vorhast, welches Lebensmittel du dir geklaut hast. Im Übrigen – nur zu deiner Information – war ich nicht die einzige Person hier an Bord, die deine Schritte verfolgt hat. Von dem besten Auftragsmörder der Welt habe ich Besseres erwartet.“ … „Soll ich mich jetzt entschuldigen, dass ich dich nicht umgebracht habe?“ „Nein, was bringt mir eine leere Entschuldigung? Du sollst es besser machen!“ „Dulacre“, mahnte Jiroushin, der ahnte, wo dieses Gespräch hinführte. „Wie bitte?“ „Na, ganz einfach. Du hast deinen Auftrag noch nicht erfüllt, aber das bedeutet nicht, dass du bereits für alle Zeiten gescheitert bist. Also, ich gebe dir die Möglichkeit.“ „Was?“ „Hör bitte genauer zu, das ständige Nachfragen ist anstrengend. Also, mir gefällt deine Anwesenheit auf diesem Schiff. Seit du da bist, konnte ich mein Observationshaki deutlich verbessern, da du deine Präsenz so gut unterdrücken kannst. Daher, probiere es gerne weiterhin aus.“ „Huh?“ „Dulacre, ernsthaft?“ „Ja, du bist willkommen an Bord zu bleiben und zu versuchen, mich umzubringen.“ Er lächelte breit, dann jedoch wurde er bitterernst. „Allerdings unter einer Einschränkung. Versuche, mich zu töten, wie es dir beliebt, aber wage es nicht, eines meiner Crewmitglieder dabei einer Gefahr auszusetzen, sonst wirst du dir wünschen, ich hätte dich getötet. Haben wir einen Deal?“ „Ich verstehe nicht.“ „Oh, ich hätte dich für klüger gehalten.“ „Nein, ich… Du bist wahnsinnig?“ Dulacre seufzte leicht. „Ich bin vor allem gelangweilt. Weißt du, wenn man so stark ist wie ich, gibt es nur sehr wenige Kämpfe, die einem Freude bereiten, und ich fand deine Anwesenheit bisher sehr unterhaltsam. Aber deine Ausführung im letzten Akt war einfach enttäuschend. Daher denke ich, du hast es verdient, noch ein paar Mal auszuprobieren, bis du deine Fertigkeiten verbessert hast und mir hoffentlich ein paar unterhaltsame Momente bescheren kannst.“ Nun grinste er wieder. „Und wer weiß, vielleicht gelingt es dir sogar und dann hast du dein Todesurteil abgewiesen.“ „Uhm… okay. Meinetwegen.“ Jiroushin seufzte und steckte das kleine Messer weg. „Nur fürs Protokoll, ich halte das für eine ganz schlechte Idee. Wie soll ich das den anderen erklären? Hey, alle miteinander, dass hier ist John Doe – wenn das überhaupt sein richtiger Name ist – und er ist damit beauftragt, den Kapitän umzubringen und Dulacre hat ihm erlaubt, zu bleiben und es zu versuchen, aber keine Sorge. Sie haben vereinbart, dass für uns andere keinerlei Gefahr besteht. Seid bitte nett zu ihm, er kennt das Crewleben noch nicht sonderlich. Das glaubst du doch nicht selbst!“   „Hey, alle miteinander, dass hier ist John Doe und er ist damit beauftragt, den Kapitän umzubringen und Dulacre hat ihm erlaubt, zu bleiben und es zu versuchen, aber keine Sorge. Sie haben vereinbart, dass für uns andere keinerlei Gefahr besteht. Seid bitte nett zu ihm, er kennt das Crewleben noch nicht sonderlich.“ Sie sahen ihn an, während der Auftragsmörder neben ihm knapp nickte zum Gruß. „Cool!“, kam es dann von Maja, die den Fremden genau inspizierte. „Wie viele Menschen hast du schon umgebracht?“ „Was?“, kam es von John Doe, offensichtlich überrascht, angesprochen zu werden. „Also, uhm, es müssten…“ „Was für Waffen benutzt du? Nur Schusswaffen? Hast du schonmal versucht, jemanden zu vergiften? Weißt du, dass das Öl der Riesenschildkröten absolut tödlich ist, wenn es einmal über 91°C erhitzt wurde, aber roh sich hervorragend eignet, um Kleber zu lösen? Hast du schonmal ein Messer in Tapungift getaucht, um jemanden zu töten? Oder jemanden erhängt? Schonmal jemanden ausbluten lassen? Wie lange dauert das, wenn man nur die Finger abschneidet? Wie pflegst du deine Hände eigentlich? Hast du deine Fingerabdrücke versengt? Was ist mit…?“ „Lass ihn doch mal zu Atem kommen“, sprach Resa dann mit ihrer sanften Stimme, „und er hat noch nicht mal etwas gegessen. Komm, John, setzt dich hin und iss mit uns. Der Kapitän wird eh nicht mitessen, deshalb kannst du ganz entspannt sein.“ „Ich würde dich bitten, den Kapitän nicht anzugreifen“, meinte Makoto dann mit einem leisen Lächeln. „Du glaubst doch nicht etwa, dass irgendwer den Kapitän besiegen kann“, murrte Sado und brachte dem Neuankömmling einen Teller und Besteck. „Natürlich nicht, der Kapitän ist unbesiegbar“, winkte Makoto ab, „aber der Kapitän scheint John zu mögen. Wäre blöd, wenn er ihn umbringt.“ Sado zuckte nur mit den Schultern und ging wieder in die Kochnische. „Also ich finde deine Teufelskraft ja ganz spannend, mein lieber Johnny!“ Eros war auf zauberhafte Art von seinem Platz verschwunden und nun wieder neben John Doe aufgetaucht. „Irgendwie ist sie das Gegenstück zu meiner, findest du nicht?“ „Uhm ich…“ „Was wird das hier?“, kam es dann von Fatou. „Was seid ihr alle so entspannt drauf. Das da ist ein Auftragsmörder und ihr…“ „Du bist noch nicht lange dabei“, seufzte Sado von der Kochnische. „Glaub mir, das da ist unser neuestes Crewmitglied.“ „Was?“ „Also bitte“, meldete sich dann endlich John Doe zu Wort. „Ich habe einen Auftrag und keine Zeit, Piratencrew zu spielen. Euer Kapitän mag ein eigenartiger Kautz sein, aber bereut es bloß nicht, wenn ich ihm am Ende töte.“ Ein gackerndes Lachen unterbrach ihn. Am anderen Ende des Tisches saß Niwashi und sah ihn einfach nur an. Jiroushin seufzte und setzte sich zwischen Masato und Onamatsu. Noch am vergangenen Morgen hatte er gedacht, dass nun endlich eine familiäre und angenehme Stimmung an Bord eingekehrt war, sie sich alle gut ergänzten und es recht friedvoll wurde. Tja, und als hätte Dulacre das geahnt, hatte er jetzt nochmal alles auf den Kopf gestellt. Er fragte sich, wie er das Lirin erklären sollte, ob er es ihr überhaupt sagen sollte. „John“, sagte Maja dann und sah ihn mit einer Ernsthaftigkeit an, die ihr Alter Lügen strafte. „Nach dem Essen hab ich einen Auftrag für dich.“ „Du bist nicht mein Auftraggeber, Mädchen.“ „Stell dich nicht so an. Wird lustig, versprochen.“ „Nein“, knurrte Sado und stellte ihr einen Kakao hin. „Dein letztes Wird lustig hat…“ „John“, sprach Makoto dann ruhig, während Sado und Maja sich kabbelten, unterstützt von Fatou und Eros. „Ich bin der Schiffsarzt und untersuche alle neuen Crewmitglieder, wenn sie ankommen, um eine Patientenakte anzulegen. Hättest du gleich nach dem Essen Zeit?“ „Ich bin kein Crewmitglied!“ „Oh ich krieg langsam Kopfschmerzen von dem ganzen Kram.“ „Soll ich dir etwas Medizin geben, Jiroushin?“ „Nein danke, da hilft nichts mehr.“ „Ich bin kein Crewmitglied!“ „Jetzt verschwinde doch nicht einfach, ach menno, der ist aber scheu.“ „Ich könnte ihm ein paar Gifte zusammenstellen.“ „Jetzt unterstützt ihn nicht auch noch darin, den Kapitän umzubringen.“ „Jiroushin, bist du schon fertig.“ „Ja, danke, ich hab keinen Hunger mehr.“ Draußen vor der Tür konnte er ihn spüren. „Sie sind gute Leute, verstanden? Also wehe, du tust ihnen weh.“ Kapitel 12: Kapitel 12 – Und dann waren es Zwölf ------------------------------------------------ Kapitel 12 – Und dann waren es Zwölf   „Was zur…?“ Onamatsu hatte gerade noch rechtzeitig das Papier zur Seite ziehen können, ehe der Tisch zusammenbrach, feinsäuberlich geteilt in der Mitte. Jiroushin seufzte. Langsam wurde es wirklich umständlich. „Tze, wirklich, das war doch so offensichtlich“, bemerkte Dulacre und sah in eine Ecke, wo vermutlich John stand. „Ich finde, er wird langsam besser“, widersprach Onamatsu, „und du hast auch erst recht spät reagiert, Kapitän.“ „Wieder ein neuer Tisch“, meinte Jiroushin. „Damit Maja sich auch bloß nicht langweilt, oder was?“ „Ach, ich bin mir sicher, den kriegen wir wieder hin“, entgegnete Onamatsu und sah sich die Kanten an. „Oh, alles in Ordnung? Hast du dir weh getan?“ Er meinte John, der nun sichtbar war, genau dort, wo Dulacre hingesehen hatte, und dort auf dem Boden kniete. Jiroushin, Onamatsu und Dulacre hatten sich in dessen Vorzimmer zurückgezogen, um den weiteren Kurs zu besprechen, nachdem sie am Morgen die nächste Insel erreicht hatten. Es überraschte nicht, dass John sich diesen Moment für einen weiteren seiner unzähligen Angriffe ausgesucht hatte, aber wieder mal war er erfolglos geblieben. „Ich gebe auf“, sprach er klar und sah zu Dulacre auf. „Ich bin müde. Es waren tausend Versuche, alle erfolglos. Bitte, töte mich einfach.“ „Weißt du“, sagte Dulacre, der aufstand und zu einem kleinen Sekretär herüberging, wo er seinen privaten Alkohol verstaute, „ich kann es gar nicht leiden, wenn man meine Intelligenz missachtet.“ „Das habe ich nicht. ich zeige meinen höchsten Respekt. Du bist mir in allen Punkten überlegen und ich habe als Auftragsmörder versagt. Ich bitte dich lediglich darum, nicht mit der Schande meines Versagens zur Weltregierung zurückkehren zu müssen. Man wird mich töten oder foltern, aber ich bin zu stolz, um mich vor ihnen zu verstecken und ich bin diesem Leben so müde, also bitte, töte mich. Es ist mein einziger Ausweg.“ Tief verneigte er sich, die Hände auf dem Boden. Onamatsu hatte bereits den Mund geöffnet aber schwieg, als Jiroushin ihn mahnend ansah. „Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“ Mit Glas und Flasche in der Hand schritt Dulacre auf John zu. „Ich verstehe nicht? Überhaupt nicht, ich habe doch gerade…“ „Du erwartest, dass ich solche Fähigkeiten einfach verschwende?“ Überrascht sah John auf. „Mach dich nicht lächerlich. Es wäre absolut hirnrissig von mir, einen Mann deiner Qualität einfach umzubringen. Ich meine, es stimmt natürlich, dass ich dir überlegen bin, aber deine Fähigkeiten und dein Wissen sind überaus nützlich. Meine Crew besteht zum Großteil aus Zivilisten, die nicht kämpfen können – oder zumindest nicht gut. Du kannst nicht mit mir mithalten, aber wer kann das schon, und dennoch bist du alles andere als schwach.“ Johns sonst so ausdrucksloses Gesicht zeigte leises Misstrauen. „Ich… ich befürchte, ich verstehe immer noch nicht.“ Dulacre goss den Alkohol ein und hielt ihn John hin. „Ich bin ein sehr egoistischer Mensch, John Doe, und ich bin absolut nicht gewillt, dich und deine Fertigkeiten der Weltregierung zu überlassen. Du sagst, du seist ein toter Mann, dessen Zeit bereits abgelaufen sei? Dann gib mir etwas von deiner geliehenen Zeit. Werde Teil meiner Crew.“ Der andere sah das Glas in Dulacres Hand an. „Du glaubst, ich könnte deinen Anforderungen an deine Crewmitglieder gerecht werden?“ Dann sah er Dulacre an. „Absolute Loyalität?“ Dulacre grinste. „Natürlich. Denn anders als für die anderen, gibt es für dich schon lange keinen Grund mehr, zu leben, oder? Also lass mich der Grund sein und sei bereit, für die anderen dein Leben zu opfern.“ „Kapitän?“, flüsterte Onamatsu. „In Ordnung.“ John erhob sich und nahm das Glas entgegen, dann zögerte er. „Allerdings… trinke ich keinen Alkohol, wenn es sich vermeiden lässt. Er hat keinen Effekt auf mich und schmeckt mir nicht.“ Nun grinste Dulacre breiter und forderte das Glas zurück. „Ich bin gespannt darauf, dich kennen zu lernen, John Doe.“ Dann leerte er das Glas in einem Zug. „Gut, dann ist es wohl an der Zeit für einen Landgang. John, ich erwarte, dass du die Schwächeren im Auge behältst, das wird von nun an deine Aufgabe sein, verstanden?“ „Verstanden“, erklärte dieser mit seiner ruhigen Stimme, aber unmissverständlich. „Ich wünschte, du hättest noch zwei Tage gewartet“, brummte Onamatsu dann recht unzufrieden. „Jetzt hat Niwashi die Wette gewonnen.“ „Ich bin überrascht, dass sie überhaupt mitgewettet hat“, bemerkte Jiroushin, stand ebenfalls auf und ging zur Tür. „Ich hatte auf heute Abend getippt, da war ich gar nicht schlecht.“ „Trotzdem auch verloren“, setzte Onamatsu hinterher. Jiroushin öffnete die Türe und auf sein Nicken hin, gingen Onamatsu und John nach draußen. Dulacre hob nur eine Augenbraue an, als Jiroushin die Türe wieder schloss. „Und?“ „Und was?“ „Naja, erst Fatou, jetzt John. So langsam findest du deinen Gefallen daran, oder? Am Sammeln.“ Einen Moment sah Dulacre ihn einfach nur an, dann schnaubte er auf und schüttelte den Kopf, aber er grinste, so langsam kam er hervor, immer mal wieder. „Es sind beides hervorragende Kämpfer und auf ihren Gebieten kann ihnen kaum jemand das Wasser reichen. Du hast verlorengegangene Streuner aufgesammelt, Jiroushin, ich habe Meister erwählt.“ „Auch Meister können verloren durch die Gegend streunen, und sag mir, bist du wirklich so unglücklich über sie, über uns? Ja, es mag sein, wir sind alles irgendwie verlorengegangene Seelen, die durch Zufall ihren Weg auf dieses Schiff gefunden haben. Aber macht uns das weniger wertvoll? Macht das unsere Fertigkeiten schlechter? Wir sind alle grundverschieden und das führt auch manchmal zu Konflikten, aber… Vielleicht siehst du es ja anders, aber ich habe diese Wärme, diese Vertrautheit vorher noch nie so gefühlt. Für mich… Es ist fast wie eine Familie.“ Er schluckte, nachdem er geendet hatte, war sich bewusst, auf was für ein dünnes Eis er sich begeben hatte. Wieder sah Dulacre ihn nur an, aber dieses Mal löste er es nicht auf, lockerte die Stimmung nicht auf. Er schritt auf Jiroushin zu und griff feste seine Schulter. „Es freut mich, dass sich diese Reise für dich so entwickelt hat, Jirou, und als Crewmitglied darfst du natürlich auch so fühlen. Aber ich bin der Kapitän.“ Mit diesen Worten ging er und ließ Jiroushin einfach da stehen. Es waren immer nur Sekunden, aber irgendwann… Draußen begrüßte ihn großer Trubel, alle freuten sich, an Land zu gehen, und Maja hatte sich bereits John geschnappt, der wie immer mit seinem neutralen Gesichtsausdruck alles über sich ergehen ließ, sie aber darauf hinwies, dass er für den Landgang wieder unsichtbar werden würde, was sie mit einem Schmollen quittierte. „Kommst du auch mit an Land, Kapitän?“, fragte Makoto mit seinem sachten Lächeln. „Tatsächlich ja“, erklärte Dulacre mit einem Nicken. „Masato und ich wollen eine Schmiede hier aufsuchen. Die Schmiede ihrer Ausbildung.“ „Oh, darf ich mit?!“ Nun hüpfte Maja vor ihm hin und her. „Das klingt wirklich spannend“, meinte dann Fatou, die wieder mal unzählige Gegenstände in ihren wallenden Gewändern versteckte – das meiste davon ohne Zweifel Waffen, „eine Schmiede, die der Kapitän interessant findet. Würdest du auch gerne mal sehen, oder?“ Sie zwinkerte John zu, der sich nichts anmerken ließ. Dulacre seufzte. „Wer bleibt an Bord?“ „Ich“, meinte Onamtasu, „und Niwashi wollte auch bleiben.“ „Ich denke, ich werde heute auch einmal aussetzen“, bemerkte Jiroushin. „Wie bitte?“, fragte Dulacre direkt nach. „Hast du nicht gehört, dass…“ „Doch natürlich, aber ich kann mir die Schmiede auch morgen noch angucken – so wie ich dich kenne, wirst du morgen nochmal dorthin gehen, wenn sie so gut ist, wie du hoffst – und daher möchte ich glaube ich, einen Ruhigen machen.“ „Wie du willst“, bemerkte Dulacre, der mit Sicherheit ansonsten John aufgetragen hätte, an Bord zu bleiben, wenn alle anderen Kämpfer an Land gehen würden. „Gut, und ihr?“ „Makoto und ich wollten einkaufen und…“ „Ich wollte mit Resa shoppen gehen“, fügte Eros strahlend hinterher. „Es sei denn, du möchtest dir jetzt auch diese Schmiede angucken.“ Sie lächelte. „Also, wenn selbst der Kapitän so neugierig ist…“ „Na, dann mach du das, aber ich hab keine Lust auf Stahl und Schweiß, ich werde mich den Jungs anschließen.“ „Ganz großartig“, murrte Sado. „Gut, da das dann ja jetzt geklärt wäre. Denkt dran, die Schwachen von euch nicht alleine, und ansonsten werden wir morgen ablegen, macht bis dahin, was ihr wollt.“ „Oh, wir haben die ganze Nacht?“, fragte Eros, „dann könnte man ja…“ „Fatou! Dann lass uns heute Nacht die Sprengköpfe ausprobieren!“, übertönte Maja Eros Gedanken sofort, wofür sie wohl alle dankbar waren. „Im Dunkeln sieht das mit Sicherheit ganz toll aus!“ Fatou lachte und warf ihre langen Rastazöpfe zurück, gemeinsam gingen die anderen an Land. „Ich denke, das machen wir lieber auf hoher See, sonst locken wir noch Marinesoldaten an. Aber wir können nach der Schmiede gerne mal gucken, ob es hier einen Laden gibt, der Feuerwerk verkauft.“ „Oh ja! Feuerwerk“, meinte Resa. „Das gab es bei uns früher oft. Wäre nochmal wirklich schön.“ „Was ist ein Feuerwerk?“ „Gasp! Du weißt nicht, was ein Feuerwerk ist, Makoto! Das müssen wir auf jeden Fall ändern! Sado-Maus, schreib das auf die Einkaufsliste.“ Jiroushin sah ihnen noch einen Moment lang nach, wie sie sich alle angeregt unterhielten und foppten, dann wandte er sich mit einem Schulterzucken um und sah, dass Onamatsu ihn anlächelte. „Echt lieb von dir, dass du geblieben bist, damit John mitgehen kann.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist selten, dass Dulacre und Masato gleichzeitig von Bord gehen. Tja, vielleicht hat er ja Recht, wir haben wirklich nicht so viele Kämpfer an Bord. Oh nein, nein, das war kein Vorwurf“, fügte er schnell hinterher, als er Onamatsus Blick sah. „Ich denke nur, als ein Kapitän mit einer Crew, wo die Kampfkraft recht ungleich verteilt ist, macht er sich wahrscheinlich viel mehr Gedanken, als mir bisher bewusst war. Vielleicht hat er deswegen John verschont, weil so jemand uns wirklich unterstützen könnte.“ „Ach, meinst du?“ Onamatsu sah den anderen hinterher. „Ich glaube, er mag ihn einfach.“ Schmunzelnd schüttelte Jiroushin den Kopf. „Ich glaube nicht, dass Dulacre ein Mensch ist, der generell andere mag. Im besten Fall toleriert er sie.“ „Glaubst du das selbst oder ist das nur etwas, was er dir immer wieder sagt?“ Überrascht sah er auf, doch Onamatsu lächelte. „Ich glaube, unser Kapitän fühlt sich sehr verantwortlich und… Naja, egal, vielleicht wird er sich mit der Zeit etwas entspannen und uns etwas vertrauen können.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich gehe jetzt Niwashi im Garten helfen. Und du? Briefe?“ Er nickte. „Ja, Briefe. Ich bin im Ausguck, wenn etwas sein sollte.“ Doch oben las er nicht, schrieb er nicht. Er hatte immer gedacht, er wäre der Einzige, der Einzige, der Dulacre so gut kannte, seine Launen und Spielereien durchschauen könnte, sein Verhalten verstehen könnte, aber die anderen kannten ihn ja jetzt auch schon eine gewisse Zeit und auch, wenn Dulacre sich immer sehr abgrenzte, sich sehr zurückzog und nach Leibeskräften versuchte, sich nicht auf die anderen einzulassen, so konnte Jiroushin ihm doch ansehen, wie wichtig sie alle ihm geworden waren. Und anscheinend sah nicht nur er das. Vielleicht, nur vielleicht hatte jeder aus der Crew das bereits gemerkt, jeder außer Dulacre, der immer noch glaubte, dass niemand ihn je mögen können würde.   Überrascht sah er auf. Er war eingeschlafen. Vor ihm lag noch der halbgeschriebene Brief, die Feder war heruntergefallen. Er musste wohl ziemlich müde… „Ach du heilige…“ Er sah aus dem Ausguck auf die Stadt, dunkler Qualm stieg empor, als hätte es eine Explosion gegeben, und wenig später leckten die ersten Feuerzungen über Häuserdächer. „Oh nein!“ Er sprang den Ausguck hinab. „Onamatsu! Weißt du, was passiert ist?“ Es dauerte nur wenige Sekunden, da kam der Fischmensch herbeigeeilt, die Brille dreckig, eine vollgeerdete Schürze an, einen Pflanzenkübel in der Hand. „Nein, ich habe nichts gemerkt, ich war mit Niwashi im Treibhaus, da bekomme ich nicht so viel mit.“ Er schloss die Augen und seine Bartfäden zitterten leicht. Jiroushin wartete auf seine Auskunft. Sein Observationshaki war zwar mittlerweile wirklich ganz gut, aber über weite Strecken hinweg und wenn vieles passierte, noch zu ungenau, da waren Onamatsus Sinne einfach schärfer. „Ja, ein Tumult. Der Kapitän ist dran beteiligt.“ „Was?!“ Das war nicht gut. Wenn Dulacre inmitten einer Stadt die Kontrolle verlieren sollte, zur Hölle, er brauchte nicht mal die Kontrolle zu verlieren, sobald er kämpfte… „Wo sind die anderen?“ „Hmm… ich kann sie nicht wirklich ausmachen. Den Kapitän spür ich sofort, aber da sind zu viele Menschen und auch… starke Menschen. Ich glaube, ja ich glaube, das ist die Marine.“ „Na, ganz herrlich.“ Er holte einmal tief Luft. „Okay, hol Niwashi, wir machen das Schiff abreisebereit.“ „Aber der Kapitän sagte doch, wir würden bis morgen bleiben. Der Logport hat sich noch nicht…“ „Ist mir egal. Wir können uns einen Kampf mit der Marine nicht leisten, wenn die Stadt ins Schussfeld geraten könnte. Hoffen wir, dass die anderen schnell genug hier sind, sonst wird das hier in einer Katastrophe enden.“ „Verstanden.“ Onamatsu rannte fort und kam wenig später mit der vor sich hin schimpfenden Niwashi zurück. Ohne Anweisungen zu brauchen, taten die zwei, was getan werden musste, Onamatsu still, hob immer mal den Kopf und schloss die Augen, um etwas wahrzunehmen, Niwashi mit leisen Flüchen auf den Lippen darüber, dass sie keine Matrosin war und dass die Marine ihren Pflanzen bloß vom Leib bleiben sollte. Jiroushin stand in der Mitte des Schiffes, seinen Degen fest umklammert, aber noch nicht gezogen, bereit für jeden Angriff, der kommen mochte. Ob es Zufall war? Dass sie ausgerechnet hier der Marine in die Arme gelaufen waren? Oder war es etwa…? Nein, was dachte er da? Natürlich hatte Dulacre Recht, dass sobald herauskommen würde, dass der Auftragsmord an ihm gescheitert wäre, sie mit vermehrten Angriffen zu rechnen hatten, aber das konnte nicht bereits jetzt schon der Fall sein. Oder? All dies brachte ihn zu der Frage zurück, die Dulacre ihm nicht beantworten wollte oder konnte: Warum er von solcher Relevanz war, dass die fünf Weisen ihn tot sehen wollten? Dulacre hatte gesagt, es hätte vermutlich etwas mit Kontrolle zu tun, besser tot als unkontrolliert, aber diese Welt bot doch noch ein paar deutlich gefährlichere Menschen, die sich ausdrücklich zum Feind der Weltregierung erklärt hatten, warum also das Interesse an einem Deserteur, dem die Weltregierung fast schon egal war? „Da vorne, da kommen sie!“ Konzentrier dich! Verdammt, warum ließ er sich gerade jetzt von solchen Gedanken ablenken? Die Promenade zum Hafen entlang konnte er ein paar Gestalten sehen, Makoto stach natürlich alleine schon durch seine Größe heraus, er trug Resa in den Armen – hoffentlich nur, weil sie nicht so schnell laufen konnte – und ein schwarzer Vogel – Sado wahrscheinlich, zu klein für Eros - hockte auf seiner Schulter. Dann erkannte er Eros und Fatou. Sie lief in beeindruckender Geschwindigkeit rückwärts und zielte mit einer Waffe, die aussah wie eine bauchige Karaffe auf etwaige Verfolger. „Wo sind die anderen?“, brüllte er ihnen zu. „Seid ihr verletzt?“ „Nein!“, entgegnete Eros, der in die Luft sprang, seine Arme zu Flügeln werden ließ und halbwegs elegant zu ihm aufs Schiff flatterte, wo er hechelnd zum Stehen kam. „Masato hat unseren Verfolgern den Weg versperrt. Aber auf dem Marktplatz geht es ziemlich hitzig zu.“ Jiroushin ließ die Strickleiter herunter, während Makoto Resa vorsichtig aufs Deck hob. „Wo ist Maja?“, fragte Jiroushin dann. „Sie war doch mit euch unterwegs?“ „Wir sind getrennt worden“, erklärte Fatou, offensichtlich zerknirscht. „Aus dem Nichts ist eine Häuserwand auf uns heruntergestürzt. Aber John ist bei ihr.“ Immerhin „War es eine Falle?“ „Ich denke schon“, erklärte sie und steckte ihre Waffe an den Gürtel. „Aber nicht für uns. Ist zwar unglaublich viel Marine in der Stadt, aber sie schienen sehr überrascht, als sie Makoto erkannten.“ „Einer rief sogar Was machen die denn hier“, ergänzte Eros. Makoto kümmerte sich derweil um Resa, die wohl beim Laufen umgeknickt war. Wieder stoben Flammen zwischen Dächern hervor. „Masato kämpft“, murmelte Onamatsu, der nun dazugekommen war. „Das ist ungewöhnlich, oder?“ „Wieso? Sie ist eine hervorragende Kämpferin, trotz ihres Alters“, zischte nun Niwashi, die Arme um sich geschlungen, als sie die Flammen beobachtete. „Ich bin eher überrascht, dass sie so selten kämpft.“ „Das meinte ich nicht.“ Onamatsu neigte leicht den Kopf. „Eigentlich gibt es keinen Grund für sie, zu kämpfen, oder? Schließlich ist der Kapitän doch dabei.“ „Es sei denn, der Kapitän hat einen Grund, warum er nicht kämpft“, warf Makoto ein, der nun Sado an Eros abgab, der ihrem Unglücksraben wohl wieder bei einer unfreiwilligen Verwandlung helfen musste. Und da wusste Jiroushin es. „Er ist zusammen mit den anderen, deshalb kämpft er nicht“, erklärte er, ignorierte die fragenden Blicke. Dulacres Kraft war eine Naturgewalt, wogegen die Feuerkräfte Masatos wie ein kleines Streichholz wirkten. Die Enge der Stadt war nur dann ein Hindernis, wenn er sie nicht zerstören wollte, vermutlich könnte er sogar problemlos kämpfen, ohne sie groß zu beschädigen. Aber Dulacre kämpfte nie, wenn Crewmitglieder in unmittelbarer Nähe waren. Er hatte es nie laut ausgesprochen, aber Jiroushin wusste, dass er sich fürchtete, dass er sie verletzten könnte, sollte er seine Naturgewalt auch nur ein einziges Mal nicht perfekt kontrollieren können. Eine solche Rücksicht hatte er damals als Marinesoldat und Vorgesetzter nicht immer gepflegt, dennoch konnte Jiroushin sich nicht erinnern, dass auch nur ein anderer Soldat – ernsthaft – verletzt worden war. Daher verstand er nicht ganz, woher diese Sorge nun kam. Vielleicht ist es ihm nicht mal bewusst… Erneut knallte es und erneut brach Feuer hervor, diesmal näher. „Hah!“ Er wandte sich um. John stand schwer atmend hinter ihnen, Maja unterm Arm. Für ein seltenes Mal zeigte sein Gesicht eine Reaktion, so etwas wie Überraschung und Unglaube. „Wow, das war cool!“, sagte Maja. „Hättest du nur eine Sekunde später reagiert, hätten wir ein Problem gehabt.“ „Ich habe die Schmiedin falsch eingeschätzt“, murmelte John und ignorierte Maja an seiner Hüfte. „Ich dachte, sie wäre besonnener als Falkenauge, aber im Kampf…“ Er schüttelte nur den Kopf. „Ihr seid unverletzt?“, fragte Jiroushin und erhielt ein Nicken von beiden. „Der Kapitän sagte, wir sollen die Oseberg in Bewegung setzten“, erklärte Maja dann, immer noch an Ort und Stelle. „Na, der ist ja lustig“, murrte Niwashi und hob eine Hand, schlaff hing der lange Ärmel ihres Kleides hinab. „Es ist absolut windstill und nur er und Masato können dieses Hakidingsda machen.“ Das stimmte. Fatou konnte zwar Rüstungshaki anwenden, aber sie hatte nicht die Kapazitäten, da sie normalerweise nur Geschosse ummantelte. Sado war noch ein Anfänger und hatte gerade erst mit der Verhärtung von Gegenständen begonnen. „Jiroushin, wie schaut’s aus?“, fragte Eros, der mit dem Raben Sado auf dem Boden kniete, „kriegst du das mittlerweile hin?“ „Wir werden sehen“, entgegnete er, alles andere als zuversichtlich. Er hatte es ein paar Mal mittlerweile ausprobiert, aber mal davon abgesehen, dass es gar nicht so einfach war, ein so riesiges Schiff mit Haki zu umfassen, so hatten weder Masato noch Dulacre ihm wirklich verständlich machen können, wie er das Rüstungshaki einzusetzen hatte. Dulacre hatte viele Worte benutzt, Masato gemeint, er müsse es einfach üben, bis das Haki als Energiestrom im Wasser ein Auftrieb erzeugen würde. Dann fiel sein Blick auf John. „Wie gut ist dein Rüstungshaki?“ John sah ihn gewohnt ausdruckslos an. Im Hintergrund machte es leise Plop und endlich – und gerade rechtzeitig – hockte Sado auf dem Boden, fluchte leise über sich selbst. „Gut, aber nicht so gut.“ Es wunderte ihn nicht, dass John wusste, wovon er sprach. „Okay“, erklärte Jiroushin, „dann geh ich runter ans Heck. Sado. Du hast das Ko…“ Wusch! Wumms! Wie ein Kometenschweif war Masato auf sie zugeflogen und nun auf dem Steuerdeck gelandet. Fast zeitgleich mit ihr war eine Kanonenkugel, die sich als Dulacre herausstellte, eingeschlagen. In seiner rechten Hand hielt er den Kragen eines Manns mittleren Alters mit Wohlstandsbäuchlein wie einen Hund am Halsband. „Beeindruckend, Masato. Es ist immer wieder eine Freude, dich kämpfen zu sehen.“ Sie lachte auf und klopfte sich die Lederschürze ab, ehe sie ihre Pfeife hervorholte. „Kapitän, solche schmeichelnden Worte bin ich nicht von dir gewohnt und empfinde sie als eher unpassend. Hmm… ich denke, wir sollten aufbrechen, die Feuerwand wird uns höchstens zwei Minuten verschaffen.“ Breit grinsend nickte Dulacre. „Das überlasse ich dir.“ Sie nickte und schritt Richtung Heck des Schiffes, von wo aus es ihr immer leichter fiel, anders als Dulacre, der diese Technik überall an Bord anwenden konnte. „Uhm, Dulacre“, murmelte Jiroushin und betrachtete den wohlgenährten Mann in den teuren Klamotten, „wen hast du denn da?“ „Daite Dario“, erklärte Dulacre, während jener Mann mit dem schütteren Haar so aussah, als müsste er sich von der Landung noch etwas erholen. „Daite?“, fragte Jiroushin nach. „Warum hast du einen Daite entführt?“ „Das ist nicht irgendein Daite, Jiroushin, sondern der Daite der derzeitigen Generation“, belehrte Dulacre ihn kopfschüttelnd und ließ den Mann los, der nun Masato nachsah. „Okay, meinetwegen, aber warum hast du ihn entführt?“ „Ich hab ihn nicht entführt. Er wollte mitkommen und ich habe entschieden, ihn mitzunehmen.“ „Okay, lass mich meine Frage anpassen. Warum ist ein Daite hier?“ „Was ist überhaupt ein Daite?“, warf Eros ein. „Die Daites sind eine renommierte Familie an Glasmachern“, erklärte Resa wie ein lebendiges Lexikon. „Die Tradition dieser Familie ist schon mehrere Jahrhunderte alt, es gibt Schriften aus dem 7. Jahrhundert, wo der Name Daite erwähnt wird. Die Glasbilder der heiligen Stadt Mary Joa wurden alle von den Meistern der Familie Daite hergestellt.“ „Oh, Sie sind aber wirklich gut informiert, junges Fräulein“, meinte Daite nun und erhob sich, klopfte seine Hose ab, wankte noch ein bisschen, während er tief atmete und die Oseberg sich zügig in Bewegung setzte. „Das ist alles korrekt. Mein Name ist Daite Dario, Neununddreißigstes Oberhaupt der Familie Daite und von der Profession Glasmacher. Freut mich sehr, euch alle kennen zu lernen." Er verbeugte sich tief. „Okay, nochmal“, wiederholte Jiroushin sich. „Warum ist Daite Dario an Bord?“ „Er hat Masato kämpfen sehen und mich angefleht“, erklärte Dulacre, als wäre dies absolut offensichtlich. „Er konnte mich überzeugen, dass er ein Meister seines Faches ist und hat sich sogar durch die Flammen gekämpft, um uns nachzukommen. Es mag zwar sein Glück sein, dass ich heute einen guten Tag habe – dank Masato und der Schmiede – aber ich habe entschieden, es genauso zu tun wie du, Jiroushin. Also bitte, hier ein Streuner.“ Jiroushin sah ihn an und wusste nicht, wie er seinem besten Freund erklären sollte, dass ein Familienoberhaupt einer Adelsfamilie wohl kaum als Streuner qualifizieren konnte. „Nun denn, ich werde ich mich jetzt absetzen und unsere lästigen Verfolger aufhalten. Onamatsu fang.“ Er warf ihm einen Eternal Port zu. „Dort treffen wir uns heute Abend wieder.“   Die Sonne stand schon recht tief, als Jiroushin Dulacre am Steuerdeck antraf, wo dieser aufs Meer starrte. Er verstand ihn nicht. Wusste er, was er getan hatte? Nachdem das Adrenalin vergangen war, hatte dieser Daite sich unglaubliche Vorwürfe gemacht, weil er aus einer Kurzschlussreaktion heraus Dulacre angefleht hatte, ihn mitzunehmen – Jiroushin hatte noch nicht ganz verstanden, warum genau, aber es hatte wohl irgendetwas mit Masato zu tun – und nun wurde ihm langsam bewusst, dass er seine Familie und sein Unternehmen einfach so zurückgelassen hatte. Er hatte nicht mal irgendetwas mit sich genommen außer die Kleidung, die er anhatte. Damit hatte Jiroushin sich dann herumschlagen dürfen – wobei Resa ihm eine gute Hilfe gewesen war – während Dulacre sich um die Marine gekümmert hatte. „Dulacre“, sprach er ernst, „was ist los mit dir? Wieso hast du diesen Daite einfach mitgenommen? Das sieht dir gar nicht ähnlich.“ Er erhielt keine Reaktion. „Jetzt mal ernsthaft. Fatou und John konnte ich ja noch irgendwie verstehen, fähige Kämpfer und so, aber dieser Typ. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob er wirklich hier an Bord sein möchte.“ „Doch“, entgegnete Dulacre, ungewohnt leise. „Ich konnte es in seinen Augen sehen.“ „Und das hat dir gereicht?“ „Ja.“ „Warum?“ Langsam wandte Dulacre sich zu ihm um und da sah Jiroushin, wie nachdenklich er wirkte, und schließlich sah er auf. „Er hat sein Leben lang seine Aufgabe als Familienoberhaupt erfüllt und war immer recht zufrieden damit gewesen, so wirkt er doch, nicht wahr? Und dann sieht er Masato, wie sie mit ihren Flammen gegen Marinesoldaten kämpft und ganz plötzlich… ist sein Leben ihm nicht mehr genug.“ Jiroushin sah ihn an und verstand nicht. „Jirou“, sprach Dulacre dann und sah wieder aufs Meer. „Hol alle anderen an Deck.“ „Okay? Warum?“ „Ich habe etwas zu sagen.“ Mit einem unguten Gefühl tat Jiroushin, wie ihm aufgetragen. Etwas an Dulacres Stimme lag ihm schwer im Magen. Melancholie oder so etwas? Wenig später hockten sie also alle an Deck, die Sonne stand nun tief überm Meer, und dann schritt Dulacre zur Treppe, die zu ihnen hinabführte, die Sonne brannte in seinem Rücken. „Kapitän?“, fragte Sado. „Was wird das hier?“ „Ich habe etwas zu erklären“, sagte Dulacre mit seiner ruhigen Stimme, sah aber dann einen nach dem anderen von ihnen an und sagte erstmal gar nichts. Jiroushin entging nicht, dass er sie in der Reihenfolge ansah, in der sie ihm gefolgt waren, sodass er bei diesem Daite endete, der schluckte. Dann holte Dulacre Luft und sprach: „Ich möchte feststellen – und damit meine ich insbesondere euch beide, Jiroushin und Makoto – dass die Zeit der Streuner vorbei ist. Ich werde keine weiteren Crewmitglieder erlauben.“ „Was? Aber…“ Makoto verstummte, als Dulacre eine Hand hob. „Ich habe mich entschieden. Zwölf Crewmitglieder ist die perfekte Zahl und die Oseberg ist perfekt dafür ausgerichtet. Wir sind daher nun vollständig und ich habe entschieden, dass wir uns nun in die Neue Welt aufmachen.“ Es war ruhig zwischen ihnen, keiner traute sich etwas zu sagen und Dulacre breitete die Arme aus. „Ich möchte, dass ihr versteht, dass wir uns von nun an auf eine Reise voller Gefahren und Herausforderungen begeben, aber natürlich habt ihr nichts zu befürchten, denn ich werde euch vor jeglichem Leid bewahren, das ist meine Verantwortung als Kapitän dieser Crew. Und von euch erwarte ich im Gegenzug lediglich, dass…“ „Wir die Besten in unserem Bereich sind und uneingeschränkte Loyalität“, sprachen Sado, Maja und Eros einstimmig aus. „Genau“, erklärte Dulacre mit einem Lächeln – keinem Grinsen, es war ein ehrliches Lächeln und da sah Jiroushin ihn wieder und sein Herz wurde ganz warm – und die Sonne brach sich hinter Dulacre wie ein Heiligenschein, „und ganz gleich, was in euer Vergangenheit geschehen ist und was in der Zukunft geschehen mag, vergesst nie, ihr seid die Zwölf, die ich erwählt habe, meine Kollektion der Allerbesten.“   Es wurde ein Fest. Ein Fest, mit dem niemand gerechnet hatte, als würden sie Dario und John willkommen heißen, und gleichzeitig war es doch auch irgendwie so viel mehr. Spät fand sich Jiroushin neben Dulacre, der wie so oft abseits auf der Treppe zum Oberdeck saß, ein halbleeres Glas Bier in der Hand. „Du hast mich überrascht“, gestand Jiroushin ein, „du hattest also doch von Anfang an einen Plan, oder? Das Versammeln einer Crew.“ Dulacre entgegnete nichts. „Und jetzt? Jetzt, wo du das erreicht hast, was suchen wir jetzt, Kapitän?“ Dulacre sah zu ihm auf, seine goldenen Augen leuchtete ungewohnt warm im Licht der Fackeln und für einen Moment war dort sein Freund aus Kindertagen. „Freiheit.“ Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)