Balance Defenders Kurzgeschichten von Regina_Regenbogen ================================================================================ Grauen-Eminenz, Ewigkeit und die alte Nachbarin ----------------------------------------------- Grauen-Eminenz starrte Vivien an. Sie hatte ihm soeben die neue Protastikaufgabe eröffnet. „Wieso sollte ich ein Fortbewegungsmittel stehlen?“, beschwerte er sich. „Keine Ahnung, vielleicht weil du jemanden verfolgst oder auf der Flucht bist.“ Sein Gesichtsausdruck machte deutlich, dass er vor niemandem floh. „Also Verfolgungsjagd.“ „Wen sollte ich verfolgen?“, schimpfte er. Vivien war um keinen Einfall verlegen. „Ewigkeit!“, rief sie euphorisch aus. Grauen-Eminenz’ Miene wurde noch ungläubiger. „Ich kann sie nicht sehen!“, donnerte er. Im gleichen Moment zuckte er zusammen. Vivien kicherte, da Ewigkeit soeben neben ihr erschienen war und das wohl die seltsame Reaktion des Schatthenmeisters hervorgerufen hatte. „Ich hab da schon eine Idee.“ Sie grinste.   Wieso ließ er sich nur auf diesen Wahnsinn ein?! Er grummelte vor sich hin, während ein rotes Brillenputztuch neben ihm in der Luft schwebte. Was für eine Schnapsidee!!! Er kam sich wie ein absoluter Trottel vor. Ewigkeit schien aufzufallen, dass sie nicht neben ihm fliegen sollte. Im nächsten Moment zappelte das rote Tuch vor seiner Nase, als sei er ein Stier. Er biss die Zähne zusammen. Das … war einfach erniedrigend! Grimmig fasste er sich an den kahlen, grauen Schädel. „Du musst weiter weg.“, brummte er. Das rote Tuch blieb vor seiner Nase stehen, fast glaubte er, ein Glöckchengeräusch zu vernehmen, dann schwebte es in weitere Entfernung. Er stöhnte. Toll und was sollte er jetzt für ein Fortbewegungsmittel stehlen? Dieser rothaarige Terrorzwerg hatte gemeint, dass Regina – die bekloppte Autorin – ihn schon wissen lassen würde, welches für ihn vorgesehen war. Auf dem Gehsteig stand mitten drin ein elektrischer Tretroller, der den schmalen Weg verstellte. Sehr subtil… Schnaubend trat er heran und hatte keine Ahnung, wie er das Ding zum Laufen bringen sollte. Darüber brauchte er sich auch keine weiteren Gedanken machen, die prophezeite Nachbarin kam bereits aus der Haustür gestürmt, vor der das Gefährt abgestellt worden war. „Flegel!“, schrie die grauhaarige, leicht gebeugte, aber sehr resolute Dame, die in ein Blümchenkleid gehüllt und mit einer großen gelben Handtasche bewaffnet war. Mit Besagter schlug sie ohne Vorwarnung auf ihn ein. „Den Weg für eine alte Dame zu blockieren!“ Schützend hielt er die Arme vor sich, um von der schwingenden Handtasche nicht am Kopf getroffen zu werden. „Hey!“ Vehement schlug die Alte weiter auf ihn ein, ohne sich von seiner Größe oder seiner grauen Haut einschüchtern zu lassen. „Dich werd ich lehren, Respekt vor Älteren zu haben!“ Grauen-Eminenz war von der Situation überfordert. Es war zu absurd, von einer Achtzigjährigen verprügelt zu werden, schließlich nahm er es sonst mit monströsen Bestien auf. Aber die Alte hatte mehr Kraft, als man ihr zutraute, doch zu wenig als dass er sie als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen hätte. So konnte er sich doch nicht mal angemessen wehren! Er konnte ja keine Alte K.O. schlagen, das verbot ihm sein Stolz als Schatthenmeister! Als die Schläge noch immer nicht nachließen, wurde es ihm zu bunt. Beherzt griff er nach der Tasche der Alten, entriss sie ihr und ließ dunkle Energie von seiner Hand auflodern. Mit weit aufgerissenen Augen starrte die Frau ihre in schwarzen Flammen stehende Tasche an und brach in Tränen aus. „Mein Karl!“ Davon einmal mehr verdattert, wusste Grauen-Eminenz im ersten Moment nicht, wie er reagieren sollte. Im gleichen Atemzug schwebte auch wieder das rote Brillenputztuch neben ihm und er erahnte einen traurigen Glöckchenlaut. Fahrig ließ er die Tasche los und stampfte auf die schwarzen Flammen, um sie auszutreten. Dabei hörte er Glas zersplittern. Was zum Henker hatte die Alte in dieser Tasche?! Das rote Tuch schwebte vor die zusammengebrochene Alte und entfernt glaubte er, sanfte Glöckchentöne zu vernehmen. „Mein Karl.“, winselte die Frau. Grauen-Eminenz starrte auf sein Werk. Die Tasche war komplett verrußt, wenn auch nicht verbrannt. Sein Gesicht verzog sich. Das rote Brillenputztuch alias Ewigkeit versuchte vergeblich die Alte zu beruhigen. Widerwillig hob er die verkohlte Tasche auf. Normalerweise tat er das nur in Ausnahmefällen, weil der Einsatz extrem viel Kraft kostete, auch wusste er nicht, ob er den gesamten Inhalt retten können würde. Er konzentrierte sich. In seiner Hand nahm die Tasche allmählich wieder ihren ursprünglichen Zustand an. Er rang nach Atem. Warum hatte er das Ding auch verbrennen müssen? Wütend streckte er der Alten ihre nun wieder heile Tasche hin. Doch die Olle bemerkte es nicht mal, zu sehr war sie damit beschäftigt nach ihrem Karl zu rufen. Er versuchte ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. „Hey!“ Nichts. Kurz vor einem Ausraster stehend nahm er all seine Selbstbeherrschung zusammen und kniete sich zu der Alten. „Ihre Tasche.“ Er hielt sie ihr unter die Nase. Schniefend starrte sie das Objekt an, als könne sie es nicht glauben. Dann griff sie hastig danach. „Karl!“ Sie kramte aus dem Inneren ein Foto in einem Bilderrahmen. Das erklärte das Geräusch brechenden Glases. Die Frau drückte das Bild an sich, als handle es sich um einen liebgewonnenen Menschen. Schweigsam erhob sich Grauen-Eminenz. Toten nachzutrauern brachte nichts, seine Gesichtsmuskeln verloren ihre Spannung. Mit gesenktem Haupt entfernte er sich. Jäh erscholl die Stimme der Alten abermals. „Was ist mit Ihrem Roller!“ Wa- Er wirbelte herum, mit einer ausladenden telekinetischen Geste beförderte er das verdammte Ding in hohem Bogen auf die Fahrbahn, sodass ein Auto abrupt abbremsen musste. Mit zornigem Blick starrte er die Alte an, die nun eingeschüchtert schwieg. Selbstzufrieden wandte er sich wieder um, während Autos hupten und jemand ihm nachschrie, er werde die Polizei rufen. Th, als würde ihn das interessieren. Das rote Brillenputztuch wurde in seinem Augenwinkel sichtbar, er versuchte, es zu ignorieren. Dann spürte er an seiner Wange die ihm bereits bekannte Berührung, die tiefer ging als er zulassen wollte. Fast glaubte er, etwas tröstlich Lobendes von Ewigkeits Seite zu spüren. Dabei hatte er gerade den Straßenverkehr lahmgelegt! Das Gefühl war zu einnehmend, um es zu verdrängen. Daher nahm er sich vor, nie wieder mit ihr gemeinsam eine Protastikaufgabe zu bewältigen. Doch für diesen Moment genoss er ihre Nähe.   ▶Ende◀ Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)