Temporary Guest von Votani (Sanji x Nami) ================================================================================ Kapitel 1: Temporary Guest -------------------------- 1 Hastig zieht Nami den Kragen der gefütterten Jacke enger um ihren Hals, als ein eisiger Windzug an ihr vorbeiweht. „Soll ich dich wärmen, Nami-san?“, flötet Sanji dicht an ihrem Ohr. Sie schnauft und weiße Wölkchen nehmen ihr kurzzeitig die Sicht. „Nein. Sorg lieber dafür, dass wir Luffy nicht aus den Augen verlieren.“ Mit Sanji im Schlepptau stiefelt sie hinter Luffy her, der die Führung übernommen hat und nur mit seinen Latschen an den Füßen querfeldein durch den Schnee marschiert. Wie ihr Captain das aushält, fragt sich Nami nach all den Jahren erst gar nicht mehr. „Gibt es hier überhaupt irgendwas außer Schnee? Eine Ortschaft? Menschen?“, wirft Usopp ein, als er mit Sanji und ihr aufholt. Auch er trägt eine dicke Jacke, den Reißverschluss bis zum Kinn hinaufgezogen, während seine Füße in hohen Winterstiefeln stecken. Sie sind sogar höher als Namis. Nami seufzt. „Ich verstehe einfach nicht, wieso ausgerechnet wir mit Luffy mit müssen...“ „Weil wir das Los gezogen haben“, erinnert Usopp und Nami unterdrückt den Impuls, um ihm eine Kopfnuss zu verpassen. Sie will Anstrengungen vermeiden, alles was dafür sorgen könnte, dass der kalte Wind eine Lücke zwischen ihren Kleidungsstücken und den Weg an ihre Haut findet. Spielt das überhaupt noch eine Rolle? Das Gefühl in ihren Zehnspitzen hat sie längst verloren und auch ihre Handschuhe scheinen keinen großen Unterschied darzustellen, da auch ihre Finger bereits taub vor Kälte sind. „Aber ausgerechnet wir?“, murrt Nami. „Sanji und ich ziehen immer die kurzen Lose. Das war damals auch so, als wir dem Geisterschiff mit Brook begegnet sind.“ „Irgendjemand muss schließlich auf Luffy aufpassen“, bemerkt Sanji ernster, während er sich umständlich mit seinen Handschuhen eine neue Zigarette herausangelt und diese ansteckt. „Auf den Brokkolikopf ist schließlich kein Verlass.“ „Zoro hat nicht mal mitbekommen, dass wir Lose gezogen haben“, erwidert Usopp mit einer Belustigung in der Stimme, die Nami so gar nicht nachvollziehen kann. Aber Sanji hat recht, denn Zoro wäre tatsächlich keine Hilfe gewesen. Sein Orientierungssinn ist noch schlechter als Luffys. Aber wenigstens Robin hätte sich anbieten können... Die Archäologin aber hat nur verhalten gelächelt, etwas von „Das ist sicher aufregend“ gemurmelt und ist mit ihrem Buch in die Richtung der Bibliothek gewandert. Doch als aufregend würde sie diese Inselwanderung nicht bezeichnen. Nicht nur, dass das Wetter urplötzlich auf hoher See gewechselt hat, sondern hat sie auch noch auf diese merkwürdige Insel verschlagen, die der Log-Port nicht registriert und die auch auf keiner von Namis Seekarten verzeichnet ist. Scheinbar gibt es auch keine Ortschaften an der Küste, was auf den ersten Blick auf eine unbewohnte Insel schließen ließ, was ihrem Captain natürlich nicht genügt hat. Dieser hat auf Erkundungstour gehen wollen, weil Luffy es nie lange an Bord aushält und Abenteuer erleben will. Inzwischen stellt Luffy eine kleine Figur am verschneiten Horizont dar, mehr als seine Silhouette ist nicht mehr zu erkennen. Wahrscheinlich sollte sich Nami Sorgen machen, dass sie ihn tatsächlich aus den Augen verlieren könnten, doch im Moment war sie einfach nur wütend. Kalt und wütend. Ein Ast knackt irgendwo hinter ihnen. Nami wirft einen Blick über die Schulter, doch um sie herum befinden sich nur Schnee und einige Nadelbäume, die in Grüppchen zusammenstehen. Hat sie sich das Geräusch eingebildet? Sie sieht zu Boden, doch da befindet sich nur mehr von dem weißen, gefrorenen Wasser. „Alles in Ordnung, Nami-san?“, fragt Sanji. „Ich dachte nur, ich hätte etwas gehört.“ Der Wind lässt nach, bis fast so etwas wie Windstille herrscht und Nami reibt die behandschuhten Handflächen gegeneinander, um vielleicht doch so etwas wie ein bisschen Wärme zu erzeugen. „Äh, Leute... Hey, Leute“, entweicht es Usopp und er zupft an Namis Ärmel wie ein kleines Kind. „Was denn, Usopp?“, raunt Nami. „Fühlt ihr euch nicht auch irgendwie... keine Ahnung, beobachtet?“ Nami wirft ihm einen skeptischen Seitenblick zu, bevor sie mit den Augen rollt. „Wer soll uns denn bitteschön beobachten? Hier draußen befindet sich doch kein Mensch!“ „Ich weiß nicht, Nami“, sagt Sanji neben ihr, während der Rauch seiner Zigarette sich langsam auf dem Weg zum wolkenbedeckten Himmel verliert. „Ich habe auch ein seltsames Gefühl.“ Namis Brauen ziehen sich zusammen und graben eine Falte zwischen ihnen. Sie versteht Usopps Bedenken, denn für gewöhnlich verspürt sie auch eine ständige Paranoia an solchen seltsam verlassenen Orten, aber was ist mit Sanji? Sanji bekommt nicht irgendwelche aus der Luft gegriffenen Ahnungen. Abermals scannen ihre Augen die Umgebung, doch es befindet sich wirklich nichts Nennenswertes um sie herum. Alles ist weiß, soweit das Auge reicht. Da sind nur die paar Nadelbäume, die gelegentlich ihren Weg kreuzen. Namis Blick bleibt an der alleinstehenden Tanne kleben, der sich einige Meter hinter ihnen befindet. „Sagt mal“, entweicht es ihr schließlich, nach dem sich eine viel zu lange Stille zwischen ihnen ausgebreitet hat, in der Luffy vom Schnee verschluckt worden ist. „Die Tanne war eben noch nicht da, oder?“ Mit einem zittrigen Finger deutet sie auf den Nadelbaum mit seiner verschneiten Ästen, die ein wenig zottelig aussehen. „Sie steht mitten im Weg. Ich glaube, dass wäre uns aufgefallen“, antwortete Sanji und zieht erwartungsvoll an seiner Zigarette, ein langer, ruhiger Zug, während seine Schultern sich straffen. „Hinter ihr befindet sich eine Schleifspur...“, wispert Usopp. „Als ob... sie gelaufen ist?“ Nami rammt ihn den Ellenbogen in die Seite. „Es ist eine Tanne, Usopp. Sie hat keine Beine!“ Doch ihre Stimme klingt merkwürdig schrill in ihren eigenen Ohren und die Kälte ist mit einem Mal komplett aus ihrem Körper gewichen. Stattdessen bildet sich ein feiner Schweißfilm auf ihrer Haut, auf ihrer Stirn sowie unter ihren Kleidern, die auf einmal furchtbar dick und zu warm wirken. „Hat sie sich gerade bewegt?“, erkundigt sich Sanji mit finsterem Blick und lässt die Zigarette in den Schnee fallen, wo sie zischend ausgeht. Als wäre dies das Stichwort gewesen, kehrt Leben in die Tanne ein. Namis Augen weiten sich, als der Nadelbaum sich schüttelt, den Schnee von den Ästen abwirft und die Wurzeln aus dem Schnee hebt. „Sie lebt!“, ruft Usopp aus und zieht seine Schleuder vom Rücken. Bevor er die Hand in die Tasche an seinem Gürtel stecken kann, rennt die Tanne auf ihren massigen Wurzeln los und direkt auf sie zu. „Sie läuft tatsächlich!“, entfährt es Nami zusammen mit einem spitzen Schrei. Usopp und Nami stürzen sich zur linken Seite, während Sanji nach rechts ausweicht und die Tanne zwischen ihnen hindurchdonnert. Schlitternd kommt sie zum Stillestand und dreht sich zu ihnen um. Alle Seiten der Tanne identisch aussehen, doch ihre Bewegung haben etwas furchtbar Menschliches an sich. „Was will sie von uns?“, kreischt Nami und rückt ein wenig hinter Usopp, der mit bebenden Knien eines seiner Geschosse herausholt. „Will sie uns essen?“, fragt Usopp. Nami ballt die Hände zu Fäusten. „Siehst du einen Mund?“ „Du hast auch gesagt, dass sie nicht laufen kann, aber sie tut es trotzdem!“, faucht Usopp, als die Tanne still im Schnee steht, als wartet sie auf etwas. „Luffy würde sie lieben“, sagt Sanji auf der anderen Seite. „Wo ist er, wenn man ihn mal wirklich braucht?“, fragt Nami, doch bevor sie sich umschauen oder nach ihrem Captain rufen kann, setzt die durchgedrehte Tanne sich bereits wieder in Bewegung. Sie kommt auf Usopp und ihr zu. Usopp legt an. „Keinen Schritt weiter oder ich schieße!“, warnt er, doch der Nadelbaum setzt dennoch einen Schritt vor den anderen und schleicht auf sie zu, während der Stamm sich ein wenig biegt, als würde er zum Sprung ansetzen. Nami zieht die Teile ihres Klimataktstocks aus ihrer Halterung an ihrem Bein hervor und setzt es mit flinken Fingern zusammen. Die Tanne kommt näher. Ein weiterer Schritt wird in ihre Richtung gesetzt. Usopp beißt die Zähne aufeinander und lässt das Geschoss fliegen, doch der Nadelbaum biegt sich zur Seite und es segelt an ihm vorbei, um im Schnee zu landen. Eine kleine Explosion folgt, aber da erreicht die Tanne sie bereits. Usopp kreischt, als die Wurzeln ihn nach hinten in den Schnee drücken und die Tanne über ihn hockt. Auch Nami greift an, schlägt auf die Tanne mit ihrem Stock in, doch erneut biegt sie sich zur Seite, bevor ihre Äste auf Namis zusausen. Sie klatschen gegen Namis Gesicht und ihren Körper und fegen sie von den Beinen. Sie macht eine Drehung in der Luft und schirmt ihr Gesicht mit den Händen ab. Der Boden kommt näher, rast auf sie zu. Nami kneift die Augen zusammen. Doch sie landet nicht im Schnee, sondern in Armen, die ihren Sturz abfangen. „Nami-san“, entweicht es Sanji ächzend und Erleichterung flutet durch ihr Inneres bei dem Klang seiner Stimme. Erst danach wird sie sich der Hand bewusst, die auf ihrer Brust liegt und diese trotz der dicken Kleidung fast schon in der Hand wiegt. Sanjis Blick folgt dem ihren zu ihrer Brust hinunter. Wie verbrannt zieht er seine Hand fort, doch seine Augen scheinen im selben Moment die Form von Herzen anzunehmen und Blut spritzt aus seiner Nase in den Schnee hinunter. Der Zorn kocht urplötzlich in Nami hoch und sucht sich ein Ventil wie Lava aus einem Vulkan. Ihre Hand ballt sich zu einer Faust und schnellt nach vorn, Sanji einen Kinnhaken verpassend, der ihn von den Beinen holt. Sanji landet rücklings im Schnee. Sich die linke Gesichtshälfte reibend, die gerötet ist und anschwillt, starrt er erstaunt zu ihr hinauf. Nami wendet sich mit hochrotem Kopf ab und dreht sich stattdessen zu der Tanne herum. Diese jagt hinter Usopp her, der kreischend die Beine in die Hand nimmt. Beide drehen unförmige Kreise über die weiße Landschaft und jagen um die restlichen stillstehenden Nadelbäume herum. Nami sucht nach ihrem Klimataktstock, der einige Meter entfernt im Schnee liegt. In dem Moment, in dem sich ihre Finger um ihre Waffe schließen, vernimmt sie einen langengezogenen, aufgeregten Schrei. „Coooool! Ein laufender Baaaaum!“ Luffy rennt auf sie zu und an ihr vorbei. Sein Arm dehnt sich nach hinten, länger und länger und noch länger. „Gum-Gum-Rakete!“ Sein Arm zieht sich ein und die Faust saust auf Usopp und die Tanne zu. Ihr Scharfschütze schmeißt sich nach vorn in den Schnee, die Arme über den Kopf geschlagen. „Luffy, was zum Teufel…!“, brüllt Nami, doch da kollidiert seine Faust bereits mit der Tanne. Diese fällt bewegungslos um, bevor Luffy sie erreicht und sich auf sie stürzt. „Tritt meiner Mannschaft bei, du verrückte Tanne!“ Die Anspannung entflieht Namis Schultern, als Usopp sich unbeschadet aufrichtet. Seufzend fasst sie sich an die Stirn, während sie aus den Augenwinkeln wahrnimmt, wie Sanji aufsteht, sich den Schnee abschüttelt und einen Blick in ihre Richtung wirft. Ein Schauer durchrinnt ihren Körper und sie schüttelt sich, um ihn zu verscheuchen. 2 „Warum habt ihr das nicht verhindert?“, blafft Zoro, die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht gefüllt mit weiterer, stiller Kritik, die er nicht aussprechen muss. Nami lässt den Kopf hängen und fasst sich an die Stirn. „Er war nicht umzustimmen.“ „Wir haben unser Bestes gegeben“, verteidigt Usopp sie, während Sanji die Hände in die Hosentaschen schiebt. Er ist merkwürdig ruhig, aber Nami hat noch keine Zeit gehabt, um sich Gedanken über sein Verhalten und sich mit Sanjis Hand an ihrer Brust auseinander zu setzen. Es ist ein Unfall gewesen, das weiß sie, aber sie kann den Gedanken an das Gefühl nicht abschütteln. Sie erinnert sich haargenau daran, wie seine langen Finger nicht ausgereicht hatten, um ihre Brust zu umschließen. Wie er sie stattdessen eher in der Hand gewogen hatte, so dass sie sich instinktiv gefragt hat, wie es sich wohl ohne all die Kleidung angefühlt hätte. Nami schnauft, die Wangen so warm, dass sie die kalte Winterluft kaum mehr spürt. „Ihr kennt Luffy“, raunt sie. „Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, ist er unaufhaltsam und hört auf niemanden mehr.“ Ansonsten hätten sie nun keine sich sträubende Tanne, die mit mehreren Seilen an dem Hauptmast der Sunny gefesselt ist. Scheinbar ist sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, denn ihre Äste pressen sich gegen ihre Fesseln, bleiben aber erfolglos. „Ist sie nicht cool?“, fragt Luffy mit einem strahlenden Grinsen auf den Lippen. Er steht mit den Armen in die Hüften gestemmt vor der Tanne, um sie zu bewundern. Erneut bewegen sich die Äste, fast so, als würde sie sich ein wenig Luft zufächeln. „Ich glaube, sie mag das Kompliment“, sagt Chopper, der halb hinter Usopp steht, als würde dieser ihn beschützen, sollte der Nadelbaum sich befreien. „Sie wird unser neues Crewmitglied“, verkündet Luffy, aber da beginnt die Tanne erneut heftig zu zappeln. „Sie sieht nicht glücklich darüber aus“, gibt Robin zu bedenken, die in einen langen, violetten Mantel gehüllt und mit den restlichen Mitgliedern ihrer Mannschaft bei dem Aufruhr ihrer Rückkehr angelockt worden ist. „Woher kommt die überhaupt?“, fragt Franky mit grimmigem Gesicht, seine Badehose tragend, aber wenigstens eine offene Winterjacke anhabend, die ihn ein wenig vor der Kälte schützt. „Vielleicht hat sie eine Teufelsfrucht gegessen, yohohoho“, flötet Brock. Nami runzelt die Stirn. „Wie soll eine Tanne denn eine Teufelsfrucht essen?“ „Aber haben wir nicht schon andere verrückte Sachen auf der Grandline gesehen?“, fragt Usopp, aber da wendet sich Nami bereits ab und steuert die Treppe an, die unter Deck führt. Im Grunde ist es ihr völlig schnuppe, weshalb eine Tanne dazu in der Lage ist, herumzulaufen und anderen hinterher zu jagen. Viel wichtiger war die Frage, wie sie Luffy dazu brachten, sie von Bord zu bringen, anstatt sie zu einem Teil ihrer Mannschaft zu machen. Doch im Moment konnte man Luffy nicht umstimmen, denn dafür war er noch immer zu begeistert, weshalb sie sich auch erst einmal umziehen und aufwärmen gehen konnte. „Sorgt bloß dafür, dass sich dieser verrückte Baum nicht befreit und die Sunny zerstört“, brummt Nami, bevor sie unter Deck verschwindet. Dort war es zwar nicht sonderlich wärmer, aber wenigsten gibt es dort keinen Wind, der die Kälte noch tiefer in ihre Knochen treibt. Sie folgt der Treppe hinab in den dunklen Bauch der Sunny. Nami zieht sich die Handschuhe beim Gehen aus. Ihre Finger sind immer noch taub und sie bewegt sie hin und her, um vielleicht ein wenig Gefühl zurückzuerlangen. Die Mädchenkajüte liegt auf der zweiten Etage, doch Nami hat gerade mal die Hälfte des Ganges durchquert, als hinter ihr jemand die Stufen hinuntersteigt. Sie muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer sich hinter ihr befindet. Nami erkennt die Schritte, die leise und regelmäßig sind und niemand anderen als Sanji gehören können. Hitze bildet sich in ihrem Bauch und ihre eigenen Schritte verlangsamen sich. Wieso lässt sie zu, dass er mit ihr aufholt? Warum ist er überhaupt hier? „Nami-san…“, entweicht es ihm, als er mit ihr aufholt, nach dem sie stehen geblieben ist, um es ihm leichter zu machen. „Ich hoffe, es ist wichtig“, blafft Nami, aber ihre Stimme erklingt matt. „Ich wollte mich gerade aufwärmen gehen.“ Doch vielleicht ist das auch gar nicht mehr nötig, denn im nächsten Augenblick hatte Sanji sie bereits eingeholt und umrundet, bis er direkt vor ihr steht und nur einige Zentimeter sie trennen. „Ich… Ich kann nicht aufhören daran zu denken!“, platzt es aus Sanji heraus, seine Stimme rau und heiser und Nami kann seinen Atem auf ihrer Wange spüren. Sein Kopf ist gesenkt und blonde Haarsträhnen hängen ihm mehr als sonst in das Gesicht, während seine sichtbare, gekräuselte Augenbraue nachdenklich verzogen ist. Doch es ist sein Blick, der Nami einen Schauer über den Rücken jagt, der jedes noch so feine Härchen auf ihrem Körper dazu bringt sich aufzustellen. Sein sichtbares Auge ruht auf ihrer Winterjacke, auf ihrer Brust. Hitze steigt ihr ins Gesicht und Nami schnappt mit geballten Fäusten nach Luft. „Nami-san…“, entweicht es Sanji abermals und seine Hände ruhen an seinen Seiten, doch strecken sich ihr entgegen, ohne Nami zu berühren. „Ich—“ Nami rutscht die Faust aus, bevor er aussprechen kann. Die Kopfnuss lässt Sanji ein wenig zusammensacken, während Nami wortlos an ihm vorbeimarschiert. Mit einem Knall fällt die Tür zu ihrer Kajüte hinter ihr zu und Nami lehnt sich mit dem Rücken dagegen, sich mit der Hand ein wenig Luft zufächelnd. Wie kann er nur so etwas sagen? Denkt er überhaupt nach, bevor er spricht? Nami lässt die Hand sinken. Ist er noch draußen im Gang? Vielleicht direkt vor ihrer Tür? Bei dem Gedanken hält Nami instinktiv den Atem an und lauscht in die Stille hinein. Nur in der Ferne kann sie die dumpfen Stimmen von Usopp und Luffy vernehmen, die wieder irgendeinen Unsinn anstellen. Ein Seufzen entflieht Namis Lippen, bevor sie ihre Stiefel abstreift und sich aus ihrer Jacke schält. Diese landet auf dem Stuhl ihres Schreibtischs, als Nami zum Bett hinüberschleicht und bäuchlings auf dieses sackt, ehe sie unter die Decke kraucht. 3 Es hat wieder zu schneien begonnen. Außerdem ist es kalt geworden und die Sonne ist untergegangen. Ein Frösteln erschüttert Namis Körper, als sie die Tür zum Deck öffnet und eine eisige mit Schneeflocken gefüllte Brise ihr ins Gesicht weht. Sie zupft am Kragen ihrer Jacke und sehnt sich sofort wieder nach ihrem Bett zurück. Doch Nami hat bereits zu lang geschlafen, obwohl sie dies nicht einmal vorgehabt hat. Wirklich geholfen hat es ebenfalls nicht, denn die Kälte steckt ihr noch immer in den Knochen. Hoffentlich ist die nächste Insel wieder eine Sommerinsel oder wenigstens eine Winterinsel, die heiße Quellen anbietet. Musiknoten dringen an Namis Ohren von Brooks Geige stammend. Die Musik schwellt mit jedem ihrer Schritte an, als sie den Hauptmast ansteuert, an dem vorhin die Tanne angebunden gewesen ist. Aber was sie sieht, sobald sie diesen erreicht, entspricht nicht dem, was sie erwartet hat. Die Seile, welche die Tanne am Mast gehalten haben, liegen durchgeschnitten am Boden. Fackeln sind an Decke aufgestellt worden, die flackerndes Licht und ein wenig Wärme spenden. Brook tanzt mit Usopp und Chopper zwischen ihnen hindurch, während er Musik spielt. Zoro schüttet sich auf einer Holzkiste sitzend Sake den Rachen hinunter, während Franky lachend an seiner Colaflasche nippt. Sanji wandert mit einem Tablett auf Robin zu, um ihr ein paar zubereitete Häppchen zu servieren, und weicht Luffys verlängerten Armen dabei elegant aus, die ebenfalls nach ihnen greifen wollen. Doch was Nami den Mund aufklappen lässt ist die Tanne. Sie ist frei und wackelt auf langen Wurzeln hinter Usopp, Chopper und Brook hinterher. Ihre Äste sind mit bunten Girlanden geschmückt, die verdächtig nach denen aussehen, die in einer Kiste im Laderaum liegen sollten. Der Nadelbaum schüttelt sich und wankt von einer Seite zur anderen, dieses Mal jedoch nicht aus Wut, sondern im Takt der Musik. „Nami! Hey, Nami“, ruft Luffy winkend. „Was ist denn hier los?“ „Nadelbaum-san scheint Brooks Musik zu mögen“, sagt Robin, die ein paar von Sanjis zubereiteten Häppchen auf einer Serviette balanciert, während sie an der Reling lehnt. „Er ist gar nicht mehr wütend“, verkündet Chopper, als er an Nami vorbeitanzte. „Nicht wahr?“ Die Tanne schüttelt sich energischer. „Einmal schütteln bedeutet ja, zweimal schütteln bedeutet nein“, informiert Franky und Nami nickt, als versteht sie, was vor sich geht und wie die Kommunikationsaufnahme mit der Tanne gelungen ist. Eigentlich will sie es gar nicht so genau wissen. Stattdessen macht sie einen weiten Bogen um den tanzenden Nadelbaum, der sie vor ein paar Stunden noch in den Boden stampfen wollte. „Wieso bin ich überhaupt überrascht?“, brummt Nami, als sie neben Robin an der Reling zum Stehen kommt. „Das weiß ich allerdings auch nicht“, antwortet diese und Belustigung schwimmt in ihrer Stimme mit. Robin ist in solchen Momenten auch nicht sonderlich hilfreich. Nami schnauft. „Die Tanne kann unmöglich an Bord bleiben. Braucht sie nicht Erde oder so was?“ Vielleicht sucht sie auch einfach nach einem Grund, um die Tanne loszuwerden. Sie haben bereits ein sprechendes Rentier, einen halben Cyborg und ein laufendes Skelett in ihrer Mannschaft. Nami weiß nicht, wie viel sie noch ertragen kann, aber eine Tanne, die sich schüttelt, um Fragen zu beantworten, gehört ganz sicher nicht dazu. Das ist sogar ihr zu verrückt. „Wir sollten ihnen diesen Spaß heute Abend lassen“, sagt Robin und hält ihr die Serviette mit den Häppchen hin, um ihr eines anzubieten. „Du hast vermutlich recht, Robin“, lenkt Nami mit einem Seufzen ein. „Morgen ist auch noch ein Tag, damit wir Luffy überzeugen können, sie hier zu lassen.“ Sie lächelt schmal. Das ist besser als gar nichts. Im Moment ist er sowieso nicht umzustimmen, das weiß sie. Dazu brauch sie nur zuzusehen, wie Luffy mit den anderen über das Deck tanzt, immer lachend hinter der Tanne her, nach ihren Ästen greifend. Er ist zu keinem klaren Gedanken fähig, da er noch zu begeistert von seinem neuen Fund ist. Von seinem neuen Freund, da Luffy die Gabe hat, sich mit allem und jedem anzufreunden. Ein weiteres Seufzen steckt in ihrer Kehle, doch schafft es nie über ihre Lippen, denn da schiebt sich Sanji in ihr Sichtfeld. Nami hält instinktiv den Atem an. Seit wann hat Sanji solche eine Wirkung auf sie? Es ist definitiv nicht immer so gewesen, denn sie kennen sich schon ewig und Sanji hat ihren Herzschlag noch nie so in die Höhe getrieben. Aber sie hat ihn schon immer gemocht. Hat es immer gemocht, dass sie ihn so einfach um den Finger wickeln kann. Doch es ist mehr als nur das, was sie an Sanji zu schätzen weiß. Was sie anzieht. „Nami-san“, murmelt Sanji, der dieselbe Winterjacke wie zuvor über seinem Anzug trägt. „Kann ich kurz mit dir sprechen, Nami-san?“ Ist es schon wieder über diese Sache? Doch mit Robin direkt neben ihr, kann sie diese Frage nicht laut stellen. Auch Sanjis Gesicht gibt nichts preis, diesmal ist es vollkommen ernst und auch sein sichtbares Auge funkelt nicht flirtend. Es ist dieser Sanji, der ihr Herzrasen bereitet und ihre Handflächen trotz Kälte in ihren Handschuhen zum Schwitzen bringt. Er hat nicht einmal sein Tablett dabei, sondern scheint es zuvor irgendwo abgestellt zu haben. Diese Unterhaltung ist von ihm geplant gewesen, wird Nami klar. Sie schluckt, bemerkt jedoch, dass sowohl Sanji als auch Robin sie anstarren. „Ja. Ich meine, natürlich“, entweicht es Nami und sie ringt sich ein gleichgültiges Schulternzucken ab. „Ich werde inzwischen hier die Stellung halten“, versicherte Robin, als Namis Füße sich beinahe von allein in Bewegung setzen, um Sanji zu folgen. Der Weg führt sie über das verschneite Deck, fort von dem tanzenden und musikalischen Aufruhr und hinüber zum Heck der Sunny, wo der gesammelte Schnee auf den Planken keinerlei Fußspuren mehr aufweist. Hier ist es ruhig und Dunkelheit lauert, um auch das letzte Laternenlicht zu verschlucken, während gelegentliche Flocken auf sie niederrieseln. Schnee knirscht unter ihren Schuhen und Nami tritt direkt in die Spuren, die Sanjis Turnschuhe hinterlassen. Sie sind größer als ihre, natürlich. Sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke höher, obwohl er nicht höher geht. Als Sanji stehen bleibt, kommt auch Nami abrupt zum Stillstand. „Also, was wolltest du mir sagen?“, fordert Nami, denn dieses Schweigen macht sie unruhig. Sanji dreht sich um und Nami stemmt die Hände in die Hüften, hebt gleichzeitig jedoch pikiert die Augenbraue. Doch auf dem schattenbesetzten Gesicht vor ihr zeichnet sich ein sanftes Lächeln ab, als perlen ihre Worte an ihm ab. „Ich verstehe, dass du sauer bist, Nami-san. Ich habe mich nicht wie ein Gentleman benommen, sondern eher wie ein primitiver Vollidiot.“ Nami kann schwören, dass Zoros Name als Vergleich gemurmelt wird, aber da fischt Sanji bereits nach irgendetwas in seiner Hosentasche und fährt fort. „Es tut mir leid, Nami-san. Du verdienst etwas Besseres.“ Er streckt die Hand in ihre Richtung aus und auf seiner Handfläche ruht ein kleiner Mistelzweig. Hitze steigt Nami in die Wangen, als sie den kleinen Zweig anstarrt. „Wo hast du den denn her?“, entweicht es ihr atemlos. „Ein paar Sträucher wachsen nicht weit vom Ufer entfernt. Vorhin, als du geschlafen hast, da-“ Doch Sanji bricht ab und schüttelt den Kopf. „Ich wollte etwas finden, was meine Gefühle für dich besser ausdrückt, Nami-san.“ Natürlich kennt Nami den Brauch von dem Kuss unter dem Mistelzweig, ein Brauch aus dem East Blue, der sie scheinbar den ganzen Weg bis zur Neuen Welt verfolgt hat. „Du flirtest doch mit jeder Frau, Sanji“, erwidert Nami, als Sanji den kleinen Mistelzweig hochhält und... was? Erwartet er, dass sie ihm in die Arme fällt? „Mit keiner mehr als mit dir, Nami-san“, sagt er, so ernst, dass Nami es ihm fast glaubt. Oder vielleicht möchte sie ihm glauben? „Ich möchte dich gern küssen“, fügt er hinzu. „Und es richtig anfangen. Ich möchte mehr als nur ein Nakama für dich sein. Das wollte ich schon lange. Es hat sich nur nie ergeben. Ich wusste nicht, ob du das überhaupt möchtest, aber deine Reaktion vorhin hat—“ Nami packt ihn am Kragen seiner Winterjacke, bevor er weiterplappern kann und es noch peinlicher macht. Bevor Nami es sich anders überlegen kann. Sie zieht ihn heran und küsst ihn, so dass der kleine Mistelzweig ihm aus den Fingern rutscht und im Schnee landet. Sanjis Lippen sind rau und kalt, aber nachgebend unter ihren. Auch seine Arme sind sanft, als sie sich um ihren Körper legen und sie heranziehen. Aufgebrachte Stimmen hallen über das Deck und durch die Nacht, die eindeutig von dem Rest ihrer Mannschaft stammen. Ist die Tanne wieder durchgedreht? „Wow“, murmelt Sanji, als sie sich voneinander trennen, aber nah genug beieinander stehen, damit Nami seinen warmen, wenn auch rauchigen Atem auf ihrer Haut spüren kann. Seine Lippen sind zu einem schmalen Lächeln verzogen und Namis Blick ruht auf ihnen, bis erneut Wortfetzen an ihre Ohren dringen. „Haltet sie fest!“, brüllt Zoro und ein Ruckeln geht durch das Schiff. „Was zum Teufel geht da vor?“, flucht Nami und lässt von Sanji ab. Wahrscheinlich sollte sie sich glücklich schätzen, denn so spart sie es sich über den Kuss reden zu müssen, als sie über den halbgefrorenen Schnee zu den anderen zurückschlittert. Sanji ist ihr dicht auf den Fersen und rennt halb in sie hinein, als sie den Lichtkreis der Laternen erreichen und Nami stehen bleibt. Abermals geht ein Ruckeln durch das Schiff. Nami reißt die Augen auf. „Was macht ihr da? Seit ihr nun vollkommen verrückt geworden?“, faucht sie, als sie Luffy mustert, der auf dem Rücken der Tanne hängt und sie umklammert hält, während Zoro und Usopp mit gezogenen Waffen zwischen dem Nadelbaum und der Reling stehen. Selbst Robin benutzt ihre Fähigkeit, um Arme aus den verschneiten Planken wachsen zu lassen, welche nach Wurzeln greifen, um die Tanne an Ort und Stelle zu halten. „Ich habe einen Song über Heimweh gespielt und plötzlich wurde sie unruhig“, erklärt Brock. „Sie will unbedingt von Bord“, sagt Franky, der ebenfalls aufgesprungen ist. „Dabei ist es ihr egal, ob sie die Reling kaputt macht oder im Meer ertrinkt. Sie ist nicht zurechnungsfähig!“ „Offensichtlich will sie in den Wald zurück. Nach Hause“, entweicht es Nami und die Tanne schüttelt sich so heftig, dass Luffy einen Schrei ausstößt. „Also hat sie Heimweh?“, fragt Chopper mit wässrigen Augen. Sanji tritt an sie vorbei und berührt ihre Schulter. „Es sieht ganz danach aus.“ „Aber ich dachte, sie wird unser neues Crewmitglied“, beschwert sich Luffy. „Vielleicht sollten wir sie einfach gehen lassen“, sagt Zoro, der gar nicht erst auf das Gejammer ihres Captains eingeht. Stattdessen wendet er sich an Franky. „Mach die Mini Merry II bereit!“ Die Tanne wird still, als ob sie versteht, was das bedeutet. Als weiß sie, dass sie nun nach Hause gebracht wird, nach dem sie eine Weile mit diesem Haufen an Verrückten gefeiert hat, die ihre Äste mit bunten Garlanden geschmückt und sie ebenbürtig behandelt haben. Nami stößt ein Schnaufen aus. Scheinbar lösten sich einige Probleme doch wie von selbst, geht es ihr durch den Kopf, als Finger nach ihrer behandschuhten Hand greifen und sich mit ihren verhaken. Ein Lächeln formt sich auf ihren Lippen, die kribbeln, als wollen sie das Gefühl von Sanjis Mund auf ihrem noch nicht vergessen. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)