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Dorian

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
So, hier nun Kapitel vier. Viel Spaß beim lesen :) Komplett anzeigen

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Wir fuhren etwa drei Stunden, bis wir an unser Ziel gelangten. Als wir an dem Willkommensschild vorbei fuhren, versuchte ich, den Ortsnamen zu lesen, aber das Schild war so verrostet und verwittert, dass man nur noch den Anfangsbuchstaben lesen konnte. Willkommen in A. Louis hatte mir den Namen verraten als wir losgefahren waren, aber durch die Vorkommnisse am Vortag war ich noch etwas durch den Wind und hatte den Namen schon nach wenigen Minuten wieder vergessen. Allerdings wollte ich auch nicht noch mal nachfragen, denn er hätte sich sicherlich über mich lustig gemacht, also entschied ich mich, den Ort einfach 'A' zu nennen. Wir kamen also in A an und ich hatte mit einer schönen kleinen Siedlung gerechnet, aber hier schien alles irgendwie schon halb zerfallen zu sein, wie man es am Ortsschild schon erahnen konnte. Ungepflegte Grünflächen und ranzige Hausfassaden säumten die Straße, die fast nur aus Schlaglöchern zu bestehen schien. Bei der Nummer 68 fuhren wir in die Einfahrt und stiegen aus. Das Haus war vermutlich einmal gelb gewesen, aber die Farbe war schon so verwittert und ausgeblichen, dass die Wand wie angepinkelt aussah. Der kleine Vorgarten diente als Abstellplatz für Gerümpel und ich fragte mich, was für ein Mensch in so einer Umgebung leben konnte. Trotz der heißen Temperaturen des Sommers schien mir dieser Ort trist, grau und kalt zu sein, als wäre es hier immer Winter. Der wolkenverhangene Himmel komplettierte das Bild. Sicher war dieser Ort einmal schön und friedlich gewesen, bevor die Wirtschaft oder sonstwas ihn in dieses Tal der Trauer verwandelt hatte. Dorian klopfte an die ungewöhnlich stabil wirkende Tür und nach einer Weile öffnete jemand. Da stand ein junges Mädchen, das vermutlich sogar noch jünger war als ich, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre. Sie hatte schwarze Haare, die von einer blauen Schleife zusammengehalten wurden, blasse Haut und grüne Augen. Es war nicht dieses stechende Grün, wie bei Louis, sondern machte eher einen blassen, verwaschenen Eindruck. Ihr, vermutlich einst weißes, Kleid war von frischen Farbflecken übersät, was mich vermuten ließ, dass sie gerade gemalt hatte.

"Hallo, wir wollen zu..."

"Mein Dad ist in der Bar, die Straße runter." Sie klang nicht sehr begeistert und wollte uns offensichtlich schnell wieder los werden, bevor einer von uns etwas sagen konnte, ging die Tür wieder zu und wir standen da wie begossene Pudel und starrten die verschlossene Tür an.

"Dann also in die Bar.", meinte Louis und ging voran.

Unterwegs schrieb ich meiner Mum eine von den kurzen Nachrichten, die ich ihr schon die letzten Tage geschickt hatte. Auf telefonieren hatte ich keine Lust, also schrieb ich ihr immer, dass es mir gut ging, ich viel Spaß hatte und sie vermisste und das schien ihr sogar zu reichen. Sie vermutete wahrscheinlich, dass ich so viel Spaß hatte, dass ich es sogar kaum schaffte, ihr die Nachrichten zu schreiben und manchmal wünschte ich, dass ich tatsächlich diesen Spaß hätte. Stattdessen war ich irgendwo in Tristhausen mit zwei, mir eigentlich fremden Männern und suchte nach irgendwelchen Leuten, die in irgendwelchen Bars rumhingen.

Die Bar war recht abgelegen von den Häusern und sah aus, als würde sie gleich einstürzen. Über der Eingangstür hing ein Leuchtschild, dass nicht mehr funktionierte, auf dem "MugPup" stand. "MugPup? Was ist das denn für ein komischer Name für eine Bar?"

Dorian sah zu dem Schild und zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, aber das passt irgendwie zum Ortsnamen." Louis kannte den natürlich und ich nickte, als würde ich den Zusammenhang auch sehen, obwohl dieser Ort für mich noch immer A hieß und ich somit gar keinen Zusammenhang sehen konnte. Als wir rein gingen, knallte mir eine dicke Qualmwolke entgegen und ich musste husten.

Es waren nicht viele Leute hier. Ein Mann saß mit vielen Gläsern umringt, schlafend an einem Tisch. Aus seiner Ecke kam der Geruch von Urin und mir wurde gleich wieder ein bisschen schlecht. Sofort versuchte ich an schöne Gerüche zu denken, wie etwa Rosenduft, frisch gebackener Kuchen oder frisch gemähtes Gras.

"Willst du vielleicht draußen warten?", fragte Dorian, als er den angewiderten Ausdruck in meinem Gesicht sah.

"Nein, geht schon. Ich atme einfach nicht so viel." Bei dem versuch ihn anzulächeln, scheiterte ich allerdings kläglich dabei. Drei Männer, die wie Obdachlose aussahen und schon sehr betrunken waren, spielten Poker und beachteten uns gar nicht. Dann gab es noch den Barkeeper und ein einzelner Mann saß an der Bar und ließ sich einen halben Liter Bier schmecken. Eigentlich hatte ich immer gedacht, solche heruntergekommenen Bars gibt es nur in Filmen, aber ich wurde soeben eines besseren belehrt. Dass der Laden überhaupt Umsatz hatte, wunderte mich schon, denn keiner hier machte einen besonders wohlhabenden Eindruck und die Preise waren auch nicht wirklich hoch. Mir kam es so vor, als existierte diese Bar nur, damit diese Leute nicht zu Hause rumsitzen mussten und sich so gemeinsam hier betrinken konnten. Von innen sah der Schuppen nicht besser aus als von außen. Die Holzvertäfelung hatte ihre besten Tage schon lange hinter sich, genu wie der Boden. Auch die Möbel waren reif für den Sperrmüll und von den fünf vorhanden Lampen leuchteten nur noch zwei, wobei eine von ihnen ab und zu flackerte. Sie würde bestimmt auch bald den Geist aufgeben, dachte ich abwesend. Louis ging zu dem Barkeeper, der ebenfalls wie ein Barkeeper aus einem Film aussah.

Ein etwas älterer, pummeliger Mann mit Schnauzbart. Er trug ein karriertes Hemd und Hosenträger, die eigentlich nicht nötig waren, da seine Hose von dem Speck an seinen Hüften gehalten wurde. Er polierte ein Glas und ich fragte mich, wie lange er das wohl schon tat. Vielleicht war das ja seine Beschäftigung, bis jemand etwas bestellte. Louis fragte nach einem Mann namens Posey. Der Gefragte zeigte stumm auf den Mann mit dem Bier, der sich im gleichen Moment zu Louis umdrehte und ihn zu sich winkte. Dorian und ich stellten uns auch zu ihm. "Ach, so viele. Na dann sollten wir uns vielleicht an einen Tisch setzen." Er rutschte von seinem Hocker und nahm sein Bier mit in eine Ecke, die am weitesten von dem Mann, der sich pepinkelt hatte, weg war.

Wir setzten uns und der Mann namens Posey musterte mich eingehend mit seinen müden grünen Augen. Er war eindeutig der Vater des Mädchens, denn das Grün war genauso blass wie Ihres. "Du bist aber ein Mensch, oder täusche ich mich da?" Er wirkte stocknüchtern, was mich zu der Annahme brachte, dass er wohl noch nicht lange hier war. Er hatte so einen leichten, freundlichen Schwung in der Stimme, die mein Vertrauen weckte. Beeindruckt von seiner Auffassungsgabe, nickte ich leicht. Woher wusste er nur, dass ich ein Mensch war und scheinbar wusste er auch sofort, dass Louis und Dorian keine waren.

Wie stellten uns alle drei vor und er stellte sich mit Posey vor. Scheinbar wollte er uns seinen Vornamen nicht verraten. Posey war kräftig gebaut, aber nicht dick. Seine Haut war dunkelbraun von der Sonne. Durch diese Bräune und den schwarzen Haaren, sah er ein bisschen aus, wie ein Klischee Mexikaner. Es fehlte nur noch der Schnauzbart, aber den hatte er nicht. Unter seinen Augen waren dunkle Ringe, als hätte er seit Wochen kaum oder gar nicht geschlafen und seine Haut machte einen recht ungesunden Eindruck. Das schob ich allerdings auf die schlechte Luft hier, denn ansonsten schien er nicht kränklich zu sein. Seine Sachen waren auch nicht so durchgeschwitzt und dreckig, wie die der anderen Gäste. Er trug ein sauberes Flanellhemd und eine dunkle Jeans und er roch nach Seife. Alles in allem machte er einen gepflegten und durchaus sympathischen Eindruck.

Dorian erzählte ihm von dem Vorfall mit dem Brand und was wir bisher über die Umstände herausgefunden hatten und Posey schien äußerst beeindruckt zu sein.

"Tja. Es wird euch nicht gefallen das zu hören, aber so einen Bann für eine so lange Zeit auf einen Raum zu legen ist nicht so einfach. Da war eine starke Hexe am Werk.

Es wundert mich, dass euer Amulett sich nicht gemeldet hat. Es sei denn...." Er machte eine Pause und ich platze fast vor Spannung. "Es sei denn, das Amulett wurde in der Anwesenheit der Hexe erstellt und war nicht auf ihre Energie geprägt. So als hätte sich die Hexe eine Art Schutzschild gemacht, mit dem das Amulett gar nicht erst auf die Idee kam, dass eine Hexe da ist. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die Hexe nicht von außen kam, sondern aus dem Inneren der Familie. Damit meine ich, sie ist nicht zum Haus gekommen, sondern war schon die ganze Zeit dort. Das könnte eine Art Fehlfunktion in dem Amulett verursacht haben und deswegen hat es sich nicht gemeldet. Dann gibt es da noch eine dritte Möglichkeit, die euch aber auch nicht gefallen dürfte. Es könnte sein, dass einer von euch die Hexe ins Haus gelassen hat und dabei das Amulett bei sich hatte, damit kein anderer mitbekommen konnte, dass jemand Fremdes im haus war."

Mit diesen Informationen konnte ich eigentlich nichts anfangen und sah unbeholfen zu Dorian und Louis rüber, die ein Gesicht machten, als hätte man ihnen grade gesagt, ihr Hamster sei von der Katze gefressen worden.

"Was soll das jetzt bedeuten?" Offensichtlich war ich die Einzige, die auf dem Schlauch stand.

Dorian sah mich an. "Das bedeutet, dass jemand aus unserer Familie den Bann gesprochen, oder sich mit einer Hexe verbündet hat." Es verschlug mir den Atem und mein Mund blieb offen stehen. Das würde bedeuten, dass jemand von ihnen das Haus angezündet und Dorian in diesem Zimmer eingesperrt hatte. "Die Frage ist nur, wer es war." Louis stand auf und sah uns aufgebracht an. "Es gibt nicht viele, die dafür in Frage kommen, Dorian. Mutter kann es nicht sein, weil sie ein Werwolf ist, dazu noch ein Alpha, sie kann also nicht zaubern, nicht mal, wenn sie wollte. Du und ich können es demnach auch nicht. Es bleiben also noch Vater und Amelie. Wenn du mich fragst, es war Amelie." Dorian stand nun auch auf. "Du spinnst doch. Amelie war keine Hexe! Selbst wenn sie eine war, wieso sollte sie mir sowas antun?" Sie wurden lauter und ich rutschte nervös auf meinem Stuhl hin und her. Es war mir unangenehm, wenn sich jemand stritt und wusste nie, was ich machen sollte. Meistens hielt ich mich raus und wartete ab, bis der Trubel sich legte und sich die Gemüter beruhigten. "Weil sie dich gehasst hat? Sie war eifersüchtig, weil du Mutters perfekter, kleiner Sohn warst. Sie hat dich uns allen vorgezogen, sogar Vater."

Dorian schnaufte wütend und ich sah vor meinem inneren Auge schon wieder Blut spritzen, Möbel zerbersten und große Werwolfklauen. "Das ist nicht wahr. Mutter hat uns alle gleich geliebt und behandelt und nur weil du eifersüchtig bist, heißt es nicht, dass Amelie es auch war." Louis' Gesichtsausdruck veränderte sich ein wenig. Darin lag nun völlige Verständnislosigkeit. "Du willst mir doch nicht wirklich erzählen, dass du das nie bemerkt hättest. Das hat doch schon beim Essen angefangen. Immer hast du den Löwenanteil bekommen und wir nur das, was dann noch übrig war. Du sollst doch schließlich groß und stark werden. Dir hat sie immer Geschichten vor dem Schlafen erzählt. Sie hat dich getröstet, wenn du traurig warst, weil niemand mit uns befreundet sein wollte. Sie hat alles für dich getan und du hast alles bekommen, was du wolltest und Amelie und ich mussten immer zusehen, wie sie dich mit Liebe überschüttete, die sie uns vorenthielt. Du hast das vielleicht nicht mit Absicht gemacht, aber es war nun mal so, sieh es ein." Es herrschte für eine Sekunde Stille im ganzen Raum und ich spürte ein flaues Gefühl im Magen, als würde es gleich ein Erdbeben geben. Für einen kurzen Moment wollte ich einfach raus gehen, mir irgendwo ein Eis kaufen und den warmen Tag auf mich wirken lassen, doch ich blieb natürlich. Außerdem hatte es auch wieder zu regnen angefangen. Dorian holte aus und verpasste Louis eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Es klatschte so laut, dass es sogar einen Hall gab. Louis riss die Augen auf und knurrte seinen Bruder bedrohlich an. Posey griff nach meinem Arm und zog mich vom Stuhl hoch, wobei ich mich am Tischbein stieß. Bevor ich auch nur auf die Idee kam, mir das Knie zu halten und zu jammern, zog mich der Mann eilig in ein Hinterzimmer. "Ich finde, wir sollten uns da nicht einmischen und die Sache aussitzen. Sich in den Streit von zwei so jungen Wölfen einzumischen kann tödlich enden. Stell dir nur mal vor, du bekämst das ab, was für den anderen bestimmt war. Ihre Wunden heilen wieder, aber dir würde dann alles raushängen." Er hatte eine interessante Wortwahl. Bei mir würde alles raushängen, vermutlich meinte er mein Inneres, was er auch anders hätte formulieren können. Immerhin war ich ein zartes, unschuldiges Mädchen und empfindlich wenn es um solche Sachen ging. Wieder musste ich an den schmierigen Mann mit den Kameras in dem Hotel denken und wie Dorian ihn zugerichtet hatte. Es lähmte mich noch immer und auch jetzt würde ich mich vermutlich übergeben, wenn ich soetwas noch mal sehen müsste. Posey hatte sicher Recht damit, sich zu verstecken, damit ich nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Er setzte sich auf einen Stuhl und trank sein Bier aus, was er offenslichtlich mitgenommen hatte. Was mich betraf, stand ich unschlüssig im Raum und starrte die Tür an. Schon nach kurzer Zeit hörte man es rumpeln und knallen und klirren. Es klang, als würde eine Horde von zwanzig Mann die Bar auseinander nehmen wollen, doch es waren nur zwei Brüder, die lange aufgestaute Frustration rausließen.

Die Schlägerei dauerte nicht sehr lange, klang aber sehr intensiv und als es ruhig war, schaute ich zu Posey, der nur nickte. Also ging ich schnell wieder raus. Die Bar sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Männer, die gepokert hatten, waren scheinbar geflüchtet. Ihr Tisch war in zwei Hälften gebrochen und die Karten lagen überall im Raum rum. Die meisten Stühle hatte es komplett zerfetzt und an den Wänden waren tiefe Einkerbungen von Krallen zu sehen. Der Mann in der Ecke saß noch an Ort und Stelle und schnarchte leise, aber die Gläser waren alle zerbrochen. Der Barkeeper tauchte hinter seiner Bar auf und schaute sich erschrocken um. Äußerlich ganz ruhig und innerlich sehr panisch, ging ich ein paar Schritte und sah Dorian auf dem Boden, an der Bar lehnend, sitzen.

Vorsichtig hockte ich mich neben ihn. Seine Sachen waren voller Blut und seine Hände auch. Im Gesicht hatte er auch Blut, aber nicht eine einzige Wunde. Der Selbstheilungprozess hatte ganze Arbeit geleistet.

"Es war nicht Amelie. Es kann nicht Amelie gewesen sein. Sie ist doch meine Schwester."

Er sprach mehr mit sich selbst, schien mich gar nicht zu bemerken. Vorsichtig legte ich meine Hand auf seine Schulter und er hob den Kopf und sah mich mit einem Blick an, der mir eine Gänsehaut verpasste. Diese tiefe Emotion konnte ich nicht zuordnen und plötzlich zog er mich zu sich und umarmte mich.

Nach kurzer Zeit spürte ich, wie sein Körper ab und zu zuckte und dann hörte ich ein Schluchzen. Er konnte doch nicht einfach so weinen. Er war doch ein Mann, ein gefährlicher Werwolf, doch er weinte einfach so und hielt mich im Arm und ich war fest entschlossen, ihn erst dann loszulassen wenn er es zuerst tat.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von: Futuhiro
2018-04-02T17:23:58+00:00 02.04.2018 19:23
Gut, spätestens jetzt hätte ich mich in den Zug gesetzt und wäre nach Hause gefahren. Das wäre mir zu heavy. XD
In der Geschichte der beiden Jungs liegt ja einiges im Argen.

Hm, Dorian sitzt auf dem Boden rum ... aber wo ist Louis hin? D:


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