Finera - Dawn of the Dark von Kalliope ================================================================================ Kapitel 6: Verletzte Gefühle ---------------------------- 27. September - Rain - Wütend starrte Rain aus dem Fenster hinaus. Sie würde sehr wohl eine gute Pokémontrainerin sein, aber daran dachte niemand, weil sie nicht die Aufmerksamkeit auf sich zog wie ihre Schwester Summer. Immer ging es nur um die liebe, aufgeweckte, kleine Summer, die schon ihr ganzes Leben lang herum posaunte, was für eine großartige Trainerin sie einmal sein würde. Von Rain hatte man stets erwartet, dass sie die ruhige, kluge Schülerin blieb, die sie immer gewesen war. Aber sie würde es Summer, Henry und ihren Eltern schon noch zeigen! Rain wartete nicht länger, zog sich feste Wanderschuhe und eine Regenjacke an, schnallte den Rucksack auf ihrem Rücken fest und nahm die beiden Pokébälle in die Hand. Karpador war schwach und Froxy noch jung, aber beide Pokémon besaßen großes Potenzial. Wenn Summer unbedingt nach Kalos wollte, um dort in den Arenen zu kämpfen, dann konnte Rain das ebenfalls. Sie würde die Orden gewinnen und allen zeigen, was in ihr steckte. Danach konnte sie studieren, einen guten Job finden und ihr eigenes Leben führen. Großes vollbringen. Die beiden Pokébälle wanderten in ihre Jackentasche, deren Reißverschluss sie zuzog. Dann schloss sie ihre Zimmertür wieder auf, lauschte auf den Flur hinaus und stahl sich lautlos über das Treppenhaus nach unten ins Erdgeschoss. In der Küche hörte sie Summer und ihre Mutter reden. Einzelheiten verstand sie nicht, aber an der Stimmlage ihrer Mutter konnte sie erahnen, dass sie Summer zu beruhigen versuchte. Ihre Schwester war ihr im Moment egal, aber sie brachte es einfach nicht über sich, wortlos zu verschwinden. Was würden ihre Eltern nur denken? Also kehrte sie noch einmal um und ging in das Büro ihres Vaters. Auf seinem besten Briefpapier schrieb sie mit sauberer Handschrift eine Nachricht: Vater, ich weiß, dass Mutter und du enttäuscht von mir seid, wenn ihr das hier lest und merkt, dass ich weg bin. Ich habe das Gefühl, dass ich das hier tun muss, weil es das Richtige für mich ist. Macht euch keine Sorgen, ich werde euch jede Woche schreiben. Mein Weg führt mich nach Kalos, wo ich trainieren werde, um eine starke Trainerin und eine starke Persönlichkeit zu werden. Hier in Finera gibt es nichts mehr, was mich hält. Ich liebe euch und denke jeden Tag an euch. Lasst mich euch stolz machen. Rain Tief durchatmend legte sie den Kugelschreiber zurück, platzierte den Brief gut sichtbar in der Mitte des Schreibtischs und verließ das Anwesen durch den Dienstboteneingang hinter der Küche. Da sie immer sparsam gewesen war, hatte sie eine schöne Summe Taschengeld auf ihrem Konto angehäuft, damit würde sie die Fahrt nach Kalos bezahlen können. Mit der Trainerlizenz, die sie sich damals in Turfu besorgt hatte, würde sie in den Pokémoncentern kostenlos schlafen und essen können, es gab also nichts, was diesem Abenteuer im Weg stand. Vielleicht war es ja sogar gut, dass sie ihr Zuhause hinter sich ließ und endlich keine Erwartungen mehr zu erfüllen hatte – ausgenommen der Erwartungen, die sie an sich selbst stellte. Es war später Abend, als sie die Touristeninformation von Honey Island erreichte, an der man auch Tickets für Fernreisen kaufen konnte. Die Dame am Schalter wirkte überrascht, winkte sie jedoch noch herein. „Du hast Glück, ich wollte gerade schließen. Was kann ich für dich tun?“ „Ich hätte gerne ein Ticket nach Kalos.“ „Kalos?“ Die Dame runzelte die Stirn. „Du bist doch die Kleine von Faith, nicht wahr?“ „Ja“, erwiderte Rain knapp und trommelte mit den Fingern ungeduldig auf dem Tisch herum. „Wie sieht es jetzt mit dem Ticket aus? Oneway, Zielort ist egal, Hauptsache Kalos. Und ich würde gerne noch heute Abend los.“ „Na meinetwegen.“ Sie tippte einen momentan auf der Tastatur ihres PCs herum, dann schien sie etwas gefunden zu haben und drehte den Monitor ein Stück in Rains Richtung. „In einer halben Stunde legt die Schnellfähre nach Orania City, Kanto, ab. Die Fahrt dauert eineinhalb Tage, du wärst also übermorgen sehr früh am Morgen da. Von dort kannst du mit dem Fernzug nach Illumina City in Kalos reisen.“ „Perfekt.“ Eigentlich hatte Rain auf eine Direktverbindung gehofft, aber es gab mit Sicherheit schlechtere Umsteigeorte als Kanto. Sie bezahlte den vollen Preis mit ihrer Kreditkarte, steckte das Ticket ein und rannte von der Innenstadt zum Hafen, um die Fähre nicht zu verpassen. Vollkommen außer Atem kam sie am Steg an, zeigte ihr Ticket vor und konnte gerade noch rechtzeitig das Schiff besteigen. Man wies ihr eine Mehrbettkabine zu und informierte sie über das Bordrestaurant, das nicht im Preis inbegriffen war. Wunderbar, sie hatte natürlich gar nicht an ausreichend Proviant gedacht und die Wucherpreise würden ihr Bargeld im Handumdrehen fressen. Trotzdem blieb Rain nichts anderes übrig und setzte sich an einen freien Tisch, um sich ein belegtes Brötchen, Saft und etwas Pokémonfutter zu bestellen. Die Sonne ging über dem Meer unter, tauchte alles für einige Minuten in orangefarbenes Licht, dann wurde es dunkel und die schummrige Deckenbeleuchtung sprang überall an. Irgendwie vermisste Rain ihr Zimmer, das bequeme Bett und das gute Essen. War es womöglich doch eine falsche Entscheidung gewesen? Normalerweise handelte sie nie kopflos und dann ausgerechnet das hier … Sie schüttelte den Kopf, aß auf und nahm das Pokémonfutter mit in den Schlafsaal, um dort ihre beiden Pokémon zu füttern. Froxy hatte die Ruhe weg, mampfte still vor sich hin und beobachtete seine neue Trainerin hin und wieder aus den Augenwinkeln. Karpador hingegen sprang einige Male aufgeregt auf dem glatten Boden auf und ab. „Reg dich ab, Fisch.“ Genervt hielt Rain ihrem Starterpokémon das Futter hin und wartete, bis auch Karpador seine Portion gegessen hatte. Es hatte sich dieses mickrige Dasein immerhin nicht selbst ausgesucht. „Wenn wir erst einmal in Illumina City sind, wird alles besser werden.“ Als eine ältere Dame zusammen mit ein paar Freundinnen den Schlafsaal betrat, zog Rain ihre beiden Pokémon in die Bälle zurück. Zum Schlafen zog sie nur ihre Jacke und die Schuhe aus, da sie die dünne Matratze nicht nur unbequem fand, sondern auch daran zweifelte, dass die Decke sie über Nacht wirklich warm halten würde. Mit zweifelnden Gedanken schlief sie jedoch kurz darauf ein und erwachte erst wieder am nächsten Morgen. Das Blinken ihres ComDex‘, einem neumodischen Gerät für Pokémontrainer, das Pokédex und Mini-Computer vereinte, verriet mehr als nur eine neue, ungelesene Kurznachricht. Summer hatte ihr gleich mehrmals geschrieben, ihre Mutter zweimal und in der Nacht war eine Nachricht ihres Vaters angekommen. Natürlich war ihr Verschwinden schnell bemerkt worden, damit hatte sie gerechnet. Während sie sich aufsetzte und die Schuhe anzog, spielte sie die erste Voicemail von Summer ab: „Rain, wo steckst du? Bist du nochmal in die Stadt gegangen?“ Dann, eine halbe Stunde später: „Das ist nicht lustig, du könntest mir wenigstens antworten. Es tut mir leid, dass wir uns gestritten haben.“ Sie band die Schnürsenkel zu und löschte beide Nachrichten. Gegen 22 Uhr war eine Nachricht ihrer Mutter gekommen. „Rain, Schatz, so langsam machen wir uns Sorgen um dich. Summer hat mir von eurem Streit erzählt. Melde dich.“ Kurz darauf wieder Summer: „Rain? Ich gehe dich jetzt suchen. Ist was passiert?“ Noch einmal Summer: „Wir haben fast Mitternacht und es regnet. Mom ist total aufgelöst und hat Dad bei der Arbeit angerufen; er macht mal wieder Überstunden.“ Um zwei Uhr nachts noch einmal ihre Mutter: „Schatz, ich habe deinen Brief gefunden. Ich verstehe, das du sauer bist, aber einfach abzuhauen ist falsch. Dein Vater kommt gleich nach Hause. Melde dich, wenn du das hier hörst.“ Rain bekam ein ganz schlechtes Gewissen, spielte jedoch auch noch die letzte Voicemail ab, diese war von ihrem Vater, der mit erstaunlich ruhiger Stimme sprach. „Rain, du weißt bestimmt selbst, dass es keine Option ist deine Mutter so zu ängstigen. Sie ist krank vor Sorge. Darüber reden wir morgen, ich erwarte, dass du anrufst.“ Es folgte eine längere Pause. „Aber ich kann nicht behaupten, dass ich wütend bin. Damals, als ich in deinem Alter war, habe ich es genau so gemacht. Du bist mir ähnlicher, als mir manchmal lieb ist. Versprich mir einfach, dass du dich jeden Abend kurz meldest und immer auf dich aufpasst. Wir lieben dich, Schatz.“ Sie hatte Tränen in den Augen und spielte die letzte Nachricht noch ein weiteres Mal ab. Von allen Menschen stand ausgerechnet ihr Vater auf ihrer Seite und unterstützte sie. Es war zwar der falsche Weg gewesen, den sie gewählt hatte, aber er verstand, dass sie das hier tun musste. Alleine. Noch vor dem Frühstück rief sie ihn an und sprach länger mit ihm als in den ganzen Monaten zuvor. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)