Die Klingen des Kaisers von Hotepneith ================================================================================ Kapitel 4: Erste Fragen ----------------------- Sarifa folgte der Dame Annelouise in deren Zimmer. Ein Mädchen, das ihnen in kleinen Tassen heiße Milch mit Honig brachte, ließ ihr in Erinnerung kommen, dass Michel sich immer für ihre fehlende Zofe entschuldigt hatte. Das sollte sie hier wohl auch tun: „Oh, Dame Annelouise, ehe ich es vergesse: ich besitze keine Zofe, da meine plötzlich krank wurde, ehe wir die Reise antraten....“ „Natürlich. - Madelon wird Euch helfen. Bedauerlicherweise ist meine eigene Zofe heute unerwartet nicht zum Dienst erschienen. - Danke, Madelon.“ Als sie unter sich waren, fuhr die Dame fort: „Leider müssen wir uns beide begnügen. Meine eigentliche Zofe, Marie, ist heute einfach nicht zum Dienst erscheinen, und das, wo sie schon Jahrzehnte für mich arbeitet. Ich verstehe es nicht.“ „So ist sie wohl auch krank?“ Ihr junger Gast beobachtete genau, wie die Dame ihre Tasse fasste, ehe sie das kopierte. Eines, was man bei ihrem Volk von Kindesbeinen auf lernte, war, unauffällig zu bleiben, gleich in welcher Situation. Nur so wurde man zu einem Assassinen, der erfolgreich agieren konnte. „Nein, sie ist im gesamten Schloss nicht zu finden. Ich verstehe das nicht. Wir sind so vertraut miteinander, sie hätte mir doch sagen können, wenn etwas mit ihrer Familie ist, oder so...“ „Ja, das ist bedauerlich.“ „Oh, nur der Neugier halber, meine Liebe.“ Die Dame lächelte fein: „Wie habt Ihr Euch denn auf dieser Reise beholfen?“ Sarifa spürte, wie sie rot wurde, als sie sich an die Szene in der Kutsche erinnerte. Ihre Familie hätte bestimmt wieder gesagt, dass sie zu wenig Selbstbeherrschung für eine Assassine besäße. Aber Annelouise de Nonpareil kicherte nur: „Ich verstehe. Ja, ja, der gute Michel. Ein wirklicher Charmeur. Ach ja, waren das noch Zeiten, als René so war. Nun ja, jung verliebt ist man eben nur einmal.“ „Vermutlich, Dame Annelouise,“ erwiderte Sarifa höflich: „Aber eine Zofe ist nun einmal nicht nur...darum wichtig.“ Vermutete sie jedenfalls, denn warum sollte jede Adelige sonst eine mit sich schleppen und sie bezahlen? „Ja, das ist wahr. Ich verstehe das mit Marie wirklich nicht. Irgendwie geht seit einigen Tagen etwas im Schloss vor, das ich mir nicht erklären kann. Nun ja, das wird Euch weniger interessieren. Erzählt Ihr mir vom Süden?“ „Natürlich.“ Sarifa vermutete nicht, dass ihr Heimatdorf auf den Bergen mit seiner Schafzüchtung gemeint war, galt sie doch als Adelige. Daher beschrieb sie die nahegelegene Stadt, das Königsschloss, in dem sie schon gewesen war, ohne zu ahnen, dass ihre Gastgeberin automatisch annahm, es handele sich dabei um das Schloss ihres Vaters, zumal der Garten mehr als ausführlich vor Augen geführt wurde und die leichte Kleidung, die man dort trug, wenn man nur unter Weiblichkeiten war. Michel ließ sich unterdessen mit gut gespielter Verwunderung vom Herrn des Hauses über das unverschämte Verhalten der Polizei berichten, vor allem aber über den Diebstahl aus der sorgsam gehüteten Stahlkammer. Während er geziert und höflich sein Bedauern äußerte, dachte er nach: die Stahlkammer befand sich hier, das hatte die unwillkürliche Handbewegung Renés zur Seite gezeigt. Aber warum war nur das Halsband gestohlen worden und nicht auch die Unterlagen oder Wertpapiere oder auch einfach der andere Schmuck? Doch nur ein Auftraggeber für das Teil – oder im ärgsten Fall ein Spion? Im hohen Norden hatte es die ärmliche Bevölkerung sicher nicht gern gesehen, dass der Kaiser die ertragreichen Raubzüge unterbunden hatte. Gegenspione wären nur zu möglich. Schön, Graf Uther wusste nichts davon, aber das hieß nicht, dass es keine gab, obwohl der Geheimdienst des Kaisers zugegeben sehr auf Draht war. Während er höflich über Nichtigkeiten plauderte, dachte er darüber nach – und auch immer besorgter an seine neue Partnerin. Wie würde sie sich schlagen? Würde sie ihn blamieren? Immerhin galt sie als seine Frau. Würde sie als Agentin den Auftrag ruinieren? Er hatte ihr nur gewisse Stützen geben können, und natürlich die Geschichte, dass sie sich im Süden getroffen und derart verliebt hatten, dass er alle Bedenken über Bord geworfen hätte, zumal sie aus guter Familie war und diese zustimmte. Sogar den ungefähren Mitgiftpreis hatte er ihr genannt. Aber würde das reichen? In solchen verdeckten Operationen musste man schauspielern können, auf der Hut sein und bei Lügen möglichst immer hart an der Wahrheit bleiben – schaffte es diese impulsive Schöne? Er hatte durchaus die Befürchtung, dass sie bei einer falschen Bemerkung Annelouises den Dolch ziehen würde. Aber zunächst einmal sollte er zusehen, dass er seinen Part übernahm: „Dieser Diebstahl ist wirklich äußerst merkwürdig,“ murmelte er: „Ich hätte angenommen, dass du nicht gerade ausplauderst, wie dein Geheimfach aufgeht.“ „Das habe ich auch nicht,“ protestierte der Sire prompt: „Und es sind diverse Schlösser angebracht, die man in genau der richtigen Reihenfolge öffnen muss, sonst bewegt sich der letzte Riegel gar nicht mehr.“ „Das ist ja ein Spezialschloss,“ tat Michel erstaunt: „So etwas könnte ich auch gut brauchen.“ „Jeder wohl. Neulich hat der Herr von Bresse das auch schon gewollt. Zum Glück habe ich einen derartigen Spezialschmied in nicht allzuweiter Entfernung.“ „Und der kennt sich so aus? Mit dem möchte ich dann auch einmal reden. Immerhin bin ich doch ziemlich selten in Montagne und hätte meine Sachen gern so sicher wie möglich.“ Er wedelte etwas das Taschentuch: „Du weißt, wie unsicher die Zeiten doch sind, obschon sich der Kaiser redlich Mühe gibt.“ „Ja, natürlich. Und ehrlich zu sein, zur Zeiten meines Vaters war es noch ärger, als es für einige Jahre ja keinen Kaiser gab, da der jetzige zu klein war und die Kaiserinmutter nicht gerade die perfekte Regentin... - Es ist der Schmied von Murcia, das ist ein kleines Dorf, ja, eigentlich in deine Richtung.“ Michel plante in einer Sekunde: „Ach, das passt ja. Ich möchte doch morgen mal nach Montagne fahren. Schon wegen Sarifa, dass sie den Stammsitz sieht.“ „Morgen? Oh, Annelouise und ich haben eigentlich für übermorgen Abend einen netten Empfang zu euren Ehren geplant. Nichts Großartiges, nur in kleinem Kreis. Du weißt schon, die Leute aus der nächsten Umgebung.“ „Ja, natürlich, vielen Dank. Bis dahin werde ich sicher wieder da sein.“ Auch das noch, dachte er. Einen Empfang – wie würde das seine temperamentvolle Schöne überstehen? Aber so etwas konnte er unmöglich ablehnen. „Und ich würde dann mal mit deinem so fachkundigen Schmied reden.“ „Ich glaube kaum, dass er deinen Auftrag ablehnt – du zahlst schließlich immer gut und pünktlich, im Unterschied zu so manchen Standesherren.“ „Ich halte das für unsere Pflicht,“ entkam es Michel ehrlich und so fuhr er hastig in seiner Rolle fort: „Überdies arbeiten die Leute dann schneller, weil sie auf einen Bonus hoffen. Nun ja, du kennst das ja, René.“ Der Sire der Marche nickte: „Ja, das ist wahr. Und man bekommt auch leichter einen Kredit, sollte er kurzfristig notwendig werden. Magst du noch etwas Wein?“ „Ja, danke.“ Den sollte er allerdings nicht mehr trinken. Er benötigte einen klaren Kopf. „Warst du auch schon dem Kaiser anzeigen, dass du wieder hier bist?“ „Aber ja. Wie könnte ich eine Gelegenheit vorbeigehen lassen mich bei Hofe zu zeigen. Ich bin nicht so der Landmann wie du.“ „Das Vorrecht der Jugend,“ meinte der Sire nachsichtig: „Du wirst auch feststellen, dass es etwas bringt, wenn man selbst unter den Bauern lebt. Und dass das Leben ruhiger und billiger ist als bei Hofe.“ „Das klingt allerdings entsetzlich...langweilig, bester René...“ Sarifa und Michel trafen sich erst kurz vor dem Abendessen in ihrem Gästezimmer. Sarifa berichtete rasch, vor allem von der Tatsache, dass Marie, die Zofe der Hausherrin, verschwunden war. „Annelouise meinte, das sei sehr ungewöhnlich. Sie vermutet, dass etwas in Maries Familie sei oder sie mit ihrem Verehrer weggelaufen sei, aber das erscheint ihr selbst eigenartig.“ Michel stutzte: „Verehrer? Ich dachte, Marie sei fast so alt wie ihre Herrin.“ „Ja, aber sie hatte da wohl jemanden. - Madelon soll mir dann beim Umziehen helfen.“ „Oh je, das mache ich lieber, ehe ihr auffällt, dass du kein Unterhemd trägst sondern deinen...nennen wir es Kampfanzug.“ „Soll ich ihn ausziehen, vor dem Essen?“ schlug sie vor. Er war fast gerührt ob dieses Angebotes, nahm sich aber zusammen. Es war nur professionell, wie sie dachte: „Nein.- Du kannst doch fast unsichtbar werden?“ „Ja, das gehörte zur Ausbildung.“ Und Graf Uther hatte sie darum eingestellt: „Nach dem Essen ziehen wir uns hierher zurück, angeblich, weil wir morgen früh ja nach Montagne fahren. Tatsächlich machst du dich unsichtbar und drehst eine Runde im Schloss. Ich möchte wissen, was mit Marie ist. Es ist auffällig, dass die Vertraute der Dame fehlt und das so kurz nach dem Diebstahl.“ Das würde Sarifa doch schaffen: „Niemand darf dich bemerken!“ „Das habe ich verstanden. Gut. Dann hilf mir mit dem nächsten Kleid. - Was für eine Verschwendung sich dauernd umzuziehen.“ „Du musst deine Kleider ja nicht selbst waschen – und die Waschfrauen wollen auch von etwas leben, Teuerste. Dann hier, das kannst du zum Essen anziehen.“ „Und keinen Dolch.“ „Nein. Später, wenn du herumgehst, meinetwegen.“ Auch, wenn das durchaus ein Risiko war, bei ihrem raschen Griff zum Messer. „Bring allerdings niemanden um. Wir dürfen nicht auffallen.“ „Ja.“ Sie schnürte sich auf und atmete tief durch: „Ich freue mich darauf beweglicher zu werden.“ So waren beide zwei Stunden später wieder in ihrem Gästezimmer. Sarifa war mehr als froh, das Kleid ausziehen zu können und nur Hemd und Hose anzubehalten. Michel zog sich die Oberbekleidung aus: „Ich lege mich hin,“ erklärte er: „Falls jemand kommt, bist du eben nur mal rasch weg.“ „Gut.“ Sie nahm ihren Umhang und warf ihn sich über, zog die Kapuze über den Kopf. Michel bemerkte durchaus, dass sie im Halbdunkel des Raumes fast unsichtbar wurde: „Das ist ein spezielles Material? “ „Ja, einer der wenigen Umhänge, die meine Vorfahren nach dem Unglück in dieses Land mitbrachten. Wir wissen nicht, welche Farbe er hat und aus was er hergestellt wurde. Sie werden sehr gehütet, aber da ich allein so weit reiste gab Mutter ihn mir mit.“ Sie öffnete vorsichtig die Tür und warf einen Blick hinaus, ehe sie davon huschte. Michel ging rasch hinterher – und war eigentlich nicht verwundert, dass er sie bereits nicht mehr in dem Flur entdecken konnte. Nun, darin war sie ausgebildet, das sollte doch klappen. So schloss er die Tür. Sein Optimismus zerrann allerdings, als sie eine halbe Stunde später noch immer nicht zurück war. So groß war das Schloss der Nonpareils doch auch wieder nicht? War sie aufgefallen? Hatte gar jemanden umgebracht? Besorgt trat er an das Fenster, das in den Innenhof führte. Noch war alles ruhig. Hatte sie Unsinn getrieben? Die Minuten verstrichen und seine Besorgnis wich Unruhe. Was hatte sie getan? Er zuckte förmlich zusammen, als er einen Mann erkannte, der hastig auf den Hof kam, sich kurz umsah, ehe er zu der Alarmglocke eilte. Erst dann bemerkte Michel, dass der Mann daran vorbeilief, zu einer weiblichen Gestalt in den Schatten, diese umarmte und küsste. Puh. Die Zusammenarbeit mit der Assassine bekam seinen Nerven offenkundig nicht. Gewöhnlich hätte er doch sehen müssen, dass es sich um ein Rendezvous handelte. Er wurde nervös, und das war nichts, was er bei seiner Arbeit sein durfte. Er sollte sich beruhigen. Sarifa war zwar naiv, unerfahren, aber sie war ausgebildet worden. Das war wichtig und sollte ihn zufrieden stellen. Warum nur dachte er dauernd daran, wie viele Leute sie in einer halben Stunde umbringen konnte? Immerhin hatte er schon mehrere Nächte direkt neben ihr überlebt. Nun gut, er hatte sich auch bemüht alles zu unterlassen, was die reizbare junge Dame als Attacke hätte betrachten können. Eine Bulldogge im Bett wäre ungefähr ebenso bequem und er hatte seine Phantasie mit diesem Bild gezügelt. Schließlich wäre ihr gemeinsamer Auftraggeber sicher nicht beglückt, wenn dieser Auftrag mit dem Tod der neuen Angestellten enden würde – nun ja, auch nicht über den seinen. Wo steckte Sarifa nur? Es war fast eine Stunde, seit sie gegangen war. Hatte sie etwas Wichtiges herausbekommen? Hörte einer Unterhaltung zu? Oder hatte sie es doch geschafft aufzufliegen? Hatte sie gar die Belegschaft dezimiert? Wo um Himmels Willen steckte sie? Sollte er nachsehen gehen? Aber das würde auch auffallen. Er fuhr herum, als er das fast lautlose Türöffnen wahrnahm. Zu seiner Erleichterung kam seine Partnerin herein und schloss sorgfältig hinter sich. „Sarifa. - Warum hat das so lange gedauert?“ Sie streifte die Kapuze zurück. „Ich fürchte, ich habe Marie gefunden.“ Das bedeutete, konnte nur bedeuten: „Sie ist tot?“ „Ja.“ Sie legte ihren Umhang ab und zusammen, während sie fragte: „Soll ich der Reihe nach berichten?“ „Ja.“ „Ich ging das gesamte Schloss ab, aber hörte und sah nichts. Dann bemerkte ich, dass sich in einem Zimmer Männer unterhielten. Um zuhören zu können, ging ich auf die Außenseite und kletterte dort entlang.“ Das hieß, wenn sich Michel der Bauart des Schlosses richtig entsann, dass sie einige Meter über dem Boden an einer fast senkrechten Wand gehangen war. Das sprach für Kraft und Schwindelfreiheit – und Mut. „Es war aber nichts Wichtiges, nur redeten sie über irgendwelche anfallenden Reparaturen. Als ich jedoch zurück klettern wollte, um wieder in das Schloss zu kommen, fiel mir im Wassergraben etwas Weißes auf. So stieg ich hinunter und suchte es. Es ist wohl Marie, jedenfalls eine Frau in Annelouises Alter. Sie wird von etwas unter Wasser gehalten. Sie ist ertrunken.“ „Ertränkt worden?“ „Das konnte ich so nicht feststellen. Bevor ich sie herauszog, wollte ich dich fragen.“ „Gut gemacht,“ murmelte er automatisch: „Ich muss nachdenken. - Geh ins Bett.“ Sarifa wusste, dass sich das nur auf ihre Tarnung bezog, und schlüpfte aus den weichen Schuhen, ehe sie sich unter der Decke ausstreckte. Michel legte sich neben sie und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Sie schloss daraus, dass er wirklich nachdenken wollte, und beschloss, die Zeit zu nutzen und bereits ein wenig zu schlafen. Der wohl beste Agent des Kaiserreiches machte ebenfalls die Augen zu, aber er stellte sich viele Fragen. Wurde die Zofe ermordet? Warum? Von wem? Dieser unbekannte Verehrer? Hatte der Marie dazu gebracht ihm die Lage der Geheimkammer zu verraten? So vertraut, wie Marie mit ihrer Herrin gewesen war, war sie sicher auch darüber informiert, wohin deren Schmuck gebracht wurde. Und dann wurde die unbequem gewordene Zeugin getötet? Was wusste der Hersteller der Schlösser? Er musste morgen unbedingt mit dem Schmied reden. Gegenüber René hatte er ja das schon angekündigt, mit einer vorgeblichen Fahrt auf seine Güter – nur, das war dumm. Der Kutscher würde plaudern können. Besser wäre ein Ritt. Hm, konnte Sarifa reiten? Vermutlich, wenn wohl auch nicht gerade perfekt. Aber da gab es durchaus Möglichkeiten. Nein. Der Schmied war wichtig und vielleicht noch dieser Verehrer. Sarifa sollte zusehen, dass sie von Annelouise erfuhr, wer das war, wenn sie morgen Abend wieder zurückkehrten. Dieser Schmied....ohne sein Wissen war die Kammer kaum aufzubringen gewesen. Lebte der noch? War er gar der Verehrer? Unwahrscheinlich. Er wusste, wo die Stahlkammer lag und wie man sie öffnen konnte. Oder? So viele Fragen. Hoffentlich würde es morgen voran gehen. „Sarifa.“ Sie öffnete sofort die Augen: „Ja?“ „Bist du schon einmal im Damensattel geritten?“ „Nein.“ „Ich reite das Pferd und du sitzt quer hinter mir. Alles, was du tun musst, ist, dich an der Lehne zwischen uns festzuhalten.“ „Ja.“ Er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass da nichts schief gehen würde: „Wir besuchen morgen ein Dorf, in dem der Schmied lebt, der die Geheimkammer baute. Ich werde mit ihm unter einem Vorwand reden. Und du...das sehen wir dann. Womöglich kannst du mit seiner Frau reden oder so.“ „Und...die Leiche?“ „Die wird morgen jemand finden. Das müssen nicht wir sein. Mich wundert sowieso, warum sie so offensichtlich hingelegt wurde.“ „So offensichtlich nicht, Michel,“ wandte die Assassine ein. „Wenn sie wirklich, was ich so nicht erkennen konnte, mit einem Stein am Boden befestigt wurde, nahm der Mörder wohl an, dass sie verschwunden bleibt. Nicht jeder weiß, dass Tote an die Oberfläche steigen.“ „Das ist wahr.“ Entzückend, dass sie es wusste, dachte er unwillkürlich: „Du hast keine Verletzung erkennen können?“ „Nein. Ich vermute, sie wurde ertränkt. Oder ertränkte sich selbst.“ „Unwahrscheinlich, oder?“ „Ja. Aber es wäre eine Möglichkeit.“ Kalt wie Eis, dachte er – aber das war eigentlich nur gut. Professionell. „Dann schlafen wir.“ Ohne weiteres Wort drehte sich die Assassine um und schlief tatsächlich nur Sekunden später erneut. Schon sehr früh am nächsten Morgen ritten die beiden los. Sarifa fühlte sich etwas unwohl, quer auf dem hölzernen Sattelteil zu sitzen und sich auf Michel verlassen zu müssen, aber das war eben so. Überdies war er ihr Partner und würde sie kaum blamieren wollen. Als sie glaubte außer Hörweite zu sein, drehte sie sich ein wenig: „So bin ich noch nie geritten,“ gab sie leise zu. „Wie lange dauert es?“ „Fünf Stunden sicher.“ „Dann essen wir erst in dem Dorf?“ „Brauchst du vorher eine Pause?“ „Nein. - Du redest mit dem Schmied. Und ich?“ „Das sage ich dir vor Ort. Es ist sinnlos etwas zu planen, dessen Umstände man nicht weiß.“ Ja, das hatte ihr Vater auch gemeint. Sie sollte sich wirklich daran gewöhnen Michel als Ausbilder zu folgen: „Noch hat niemand die Leiche gefunden.“ „Was nur gut ist. Da wird die Polizei kommen und so sind wir schon mal weg. Ansonsten hätten sie sicher auch mit uns reden wollen – das geht jetzt erst morgen, wenn wir zurück sind. Übrigens: da findet ein Empfang für uns statt. Du wirst dich also in das beste Kleid stürzen, das du hast.“ „Wenn du mir sagst, welches,“ murmelte sie, eher desinteressiert an Mode. „Ja. Und den so genannten Familienschmuck anlegen, den dir Raoul eingepackt hat. Die Kette, die du so reizend zum Erwürgen fandest. Und die Haare emporstecken. Das sollte Madelon machen können.“ „Ja,“ murmelte sie, in Gedanken weniger bei dem Schmuck: „Wie sieht das eigentlich aus, wenn du oder ich jemanden umbringen müssen? Ich meine, die Banditen, die Graf Uther und mich überfielen, galten wohl als Notwehr...“ Er kannte Dutzende Frauen, die bei der Aussicht auf dieses elegante Kleid und den teuren Schmuck vor Vergnügen auf gejubelt hätten – und sich keine Gedanken um Tote machen würden. Aber nun gut – sie war eine Assassine: „Notwehr ist zugegeben legitim. Aber bedenke bitte, dass wir für die Guten arbeiten.“ „Ja, ich weiß. Und auf einem Ball keine Armreifdolche.“ „Ja.“ Nun, immerhin lernte sie dazu: „Und, wenn es geht, bitte freundlich und höflich lächeln, eine Rolle spielen.“ „Es ist recht anstrengend jemand anderer zu sein.“ „Ja. Aber von dieser Bemühung hängt die Lösung des Auftrages ab. Oder auch unser beider Leben.“ „Dessen bin ich mir bewusst. - Ich möchte dich etwas fragen, Michel, wenn ich darf.“ Er sollte sie ausbilden: „Natürlich.“ „Ich möchte dich auch bitten, diese Frage nicht als Feigheit aufzufassen - Hast du schon einmal einen Partner verloren?“ „Im Geheimdienst noch nie durch Tod. Ein...alter Freund wurde so schwer verletzt, dass er nicht mehr reiten oder selbst laufen kann. Er lebt nun in einem Kloster in Paradisa als Gast. Nicht als Mönch, das wäre ihm zu streng.“ Michel konnte sich denken, warum sie das fragte und so zum ersten Mal, wenn auch dezent, sich seinen Fähigkeiten erkundigte. Er hatte heute noch so oft es ging zumindest brieflich Kontakt zu Roland: „Er war einmal ein wenig zu voreilig, handelte, ehe ich da war, wie es verabredet war... Du kommst aus dem Süden und hast vielleicht schon gehört, dass man weder in Wüsten noch in Urwälder oder die Wälder zwischen den Staaten allein geht. Genau so ist es hier. Jeder von uns sollte möglichst wissen, was der Andere wann tut, und darauf achten. Und wenn wir uns später besser verstehen, wird das auch ohne Worte klappen, da bin ich sicher.“ „Ich auch, denn so hält es auch mein Volk.“ Sie unterdrückte die aufdringliche Frage, woher die Narbe auf seiner Schulter kam. Das sah nicht nach einem Degen aus – aber er hatte ja gesagt, dass er schon in einer Schlacht gekämpft hatte. ** Ich weiiß noch nciht, ob ich es schaffe, das nächste Kapitel nächsten Mittwoch hochzuladen, dann eben übernächste Woche. Auf jeden Fall: Frohe Weihnachten hotep Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)