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Fortissimo

von

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11. Satz: Incalzando

11. Satz: Incalzando

(drängend, antreibend)
 

Ryuichi schwieg. Statt zu antworten, beobachtete er das Spektakel vor seinen Augen.

In einem raschen Wendemanöver warf der Küchenchef das Okonomiyaki in die Luft, sodass es einen Salto vollführte. Mit einem Pinsel strich er eine dunkelbraune Sauce auf die andere Seite, hierbei knallte er einen seiner Spatel gegen die Platte, ließ ihn zurückfedern und sich wirbelnd im Kreis drehen, bevor er ihn aus freiem Fall wieder auffing. Er schob sein Bandana ein wenig die Stirn hinauf und summte noch immer seine schiefen Melodien.

„Wie sich das wohl anfühlt?“, fragte Ryuichi.

Irritiert folgte Tatsuha der Richtung, in die Ryuichi mit seinen eben auseinandergebrochenen Essstäbchen zeigte, bis sein Blick zu dem bedruckten Stück Stoff gelangte, welches verhinderte, dass dem Koch seine wirren Haare störend in die Augen fielen. Der bunte Aufdruck des Kopftuchs bestand aus einem merkwürdigen Tier, einer Raupe oder einem Wurm mit kleinen Saugarmen und Greifzähnen.

„Wie sich das wohl anfühlt“, fragte Ryuichi erneut, „wenn sich der eigene Mund beim Sprechen nicht nach oben und unten, sondern nach rechts und links öffnet?“

„Du lenkst ab“, reagierte Tatsuha gleichgültig. Er war froh, dass er wegen dieser neuerlichen Absurdität keine entgeisterte Miene aufsetzte. „Fällt es dir so schwer, zu erzählen, warum deine Band vor die Hunde ging?“

„Wir sind nicht vor die Hunde gegangen!“ Das Essen war fertig und wurde ihnen schwungvoll serviert. Sofort wühlte Ryuichi missmutig mit seinen Holzstäbchen auf Tatsuhas Teller nach einem Bissen, mit dem er diesem den Mund stopfen konnte. „Nettle Grasper waren auf dem Höhepunkt allen musikalischen Schaffens. Wir waren ganz oben, Tatsuha-kun. Ganz oben!“

„Und?“ Tatsuha hatte sich zurückgelehnt und verschränkte lächelnd die Arme am Hinterkopf. „Soll mich das beeindrucken?“ Um ihn zum Schweigen zu bringen, schob Ryuichi etwas von dem Okonomiyaki zwischen seine Zähne. Der Spott verflog. Tatsuha konnte sich nur undeutlich beschweren.

Mimte Ryuichi den Unschuldigen oder verschloss sich ihm tatsächlich die Wahrheit seiner eigenen Realität, die ihn einer Schachfigur gleich über das Brett schickte? Seit jeher hatte Tatsuha Spaß daran gefunden, einen Bauern nach dem anderen aus dem Weg zu räumen, um an den König zu gelangen. Bisher war dieser jedoch all seinen Spielzügen, die ihn in die Ecke treiben sollten, entronnen. Wollte Ryuichi weiterhin ausweichen?

Sein Verstand schweifte ab, Tatsuha starrte wieder die Raupe auf dem Stirnband des Kochs an und dachte über die Sache mit dem Mund nach. Wie sich das wohl anfühlte? Fragen, die keinen Sinn ergaben. Fragen, die sich wiederholten und ohne Ziel ins Leere liefen. Fragen, auf die er andere Antworten erhalten wollte als jene, die er bereits kannte.

Tatsuha wusste, dass er eine einzige Antwort niemals hören würde.

„Es gab keine Herausforderung mehr“, antwortete Ryuichi in diesem Moment.

Tatsuha horchte auf, die Worte vernehmend, überprüfend, nur Stück für Stück begreifend. Keine Herausforderung mehr. Der Grund, warum Nettle Grasper vor drei Jahren aufgehört hatten. Derselbe Grund, weshalb sich Tatsuha von Beginn an für den charismatischen Sänger interessierte. So dachte er jedenfalls.

„Ohne Herausforderung ist es doch langweilig, der Beste zu sein“, fügte Ryuichi seiner Aussage hinzu und machte Tatsuha damit schlagartig etwas bewusst. Ihr Motiv war nicht dasselbe. Tatsuha hatte sich begnügt, unzählige Bauernopfer vom Feld zu fegen. Ryuichi hingegen duellierte sich mit Läufern und Springern und Türmen.

Die Erkenntnis rauschte wie ein Sturm durch seine Eingeweide. Zuerst wollte Tatsuha seine Selbstsicherheit aufgeben. Doch dann kam die Kälte und mit ihr die altbekannte, willkommene Gelassenheit.

„Grasper wiederauferstehen zu lassen war deine Idee, richtig? Warum?“, fragte er kühl und schaufelte sich scheinbar gelangweilt sein Essen in den Mund. Er schaute nicht einmal auf, um Ryuichi anzusehen, als würde ihn das alles gar nicht kümmern und seine Frage wäre bloß Höflichkeit. „Hat es etwas mit Bad Luck zu tun? War das die Herausforderung, die du gesucht hast?“

„Das wüsstest du wohl gern.“

„Wenn du es nicht erzählen willst, dann lass es.“

„Du kannst noch so sehr nachbohren, ich werde auf keinen Fall...“ Ryuichi hielt inne, seine Augen weiteten sich. „Willst du es gar nicht wissen, Tatsuha-kun?“

„Ist doch deine Sache. Niemand zwingt dich.“

„So funktioniert das aber nicht. Du kannst nicht fragen und dann sagen, es interessiere dich nicht.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es mich nicht interessiert.“

„Wie sehr du auch bettelst, von mir erfährst du nichts.“

„Meinetwegen.“

„Was soll das heißen? Es ist unhöflich und egozentrisch, sich nicht nach den Belangen seines Gesprächspartners zu erkundigen.“

„Meinetwegen“, nuschelte Tatsuha erneut, gleichgültig und mit vollem Mund, bevor er eine gewünschte Antwort herunterleierte. „Ich wüsste es gern, lieber Ryuichi, aber wenn du es nicht sagen willst...“

„Nein, das ist ein Geheimnis, das ich mit ins Grab nehme.“

Tatsuha rollte mit den Augen und zog es vor, zu schweigen. Er hatte bereits die Hälfte seines Okonomiyakis getilgt, als Ryuichi verschwörerisch den Zeigefinger hob und sagte:

„Okay, schon gut, ich sag es dir.“ Die Fingerkuppe schwirrte bedrohlich nah vor Tatsuhas Nase herum, sodass dieser sich Mühe gab, sie nicht anzuschielen. „Also, hör zu. Bad Luck wurde als Nachfolger von Nettle Grasper gehandelt. Das geht so nicht, darum muss ich Shuichi Shindo fertig machen.“

Ryuichi verschränkte die Arme ineinander, schloss die Augen und nickte bestimmt, während Tatsuha nicht auf die Lüge einging und stattdessen anmerkte:

„Ich dachte, du liebst ihn.“

„Ich werde ihn liebevoll fertig machen“, erklärte Ryuichi präziser. Tatsuha ignorierte das Bedürfnis, ihm einen Teller Essen ins Gesicht zu drücken, und meinte unwirsch:

„Du bist viel besser als Shuichi.“

„Ich weiß.“ Feierlich nahm Ryuichi wieder die Essstäbchen zur Hand und hielt sie übereinandergelegt vor sich, als wären es zwei Schwerter. „Aber er hat etwas, das mir fehlt, das mir fast abhanden gekommen wäre. Ich meine etwas, das ihm zum Verhängnis werden kann.“

„Was denn?“

Über den spitzen Winkel seiner gekreuzten Holzstäbchen hinweg starrte Ryuichi ihn an und wartete einige Sekunden, bevor er antwortete:

„Du weißt, wovon ich rede.“

Tatsuha nickte verstehend. In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung, worauf Ryuichi hinauswollte, aber das musste er ja nicht unbedingt zugeben.

„Ja“, sinnierte er schwermütig und senkte nachdenklich seinen Blick. „Ich weiß leider zu genau, was du meinst.“

Im nächsten Moment klebte ein gebratenes Weißkohlblatt an seiner Wange. Ryuichi hatte es ihm ins Gesicht geschnippt. Verwirrt suchte Tatsuha nach einer angemessenen Reaktion.

„Guck nicht so ernst“, sagte Ryuichi streng. „Du bist viel zu jung, um so ernst zu gucken.“

Tatsuha lächelte und schmierte ihm einen kleinen Batzen Essen ans Kinn. Hierauf griff Ryuichi gemächlich nach der Okonomiyakisauce und quetschte die Tube in aller Ruhe über Tatsuhas Kopf aus. Als die braune Flüssigkeit bereits von dessen Stirn tropfte, hob Tatsuha geduldig seufzend einen gefüllten Teller an und balancierte ihn auf der flachen Hand.

„Wie du willst“, sagte er aggressiv höflich. „Klären wir das auf deine Art.“
 

Nachdem beide Männer, zugegeben etwas unfreundlich, aus dem Lokal hinauskomplimentiert wurden, schlenderten sie ziellos durch die Straßen. Leider wollte der Küchenchef nicht tolerieren, dass sich seine Kundschaft gegenseitig mit Essen bewarf, aber Tatsuha musste deswegen noch immer lachen. Er hatte lange nicht mehr so unbeschwert gelacht.

Nur seine Haare fühlten sich jetzt eklig an.

„Produce Some Panic“, verkündete er nach einiger Überlegung. Ryuichi hatte ihn eben gefragt, welches Lied von Nettle Grasper er derzeit am meisten mochte.

„Warum?“

„Dein Bühnenoutfit im Video ist extrem heiß.“

„Ja, nicht wahr?“, stimmte Ryuichi ihm breit grinsend zu. Mit seiner hässlichen Sportmütze und den weiten, vom Essen verdreckten Klamotten sah er aus wie ein Penner. Tatsuha störte das nicht. Er würde Ryuichi selbst dann noch attraktiv finden, wenn er sich als Konzertlautsprecher verkleidete. Außerdem konnte ihn so garantiert niemand in der Öffentlichkeit erkennen.

„Du singst manchmal“, erklärte Tatsuha mit überlegenem Kennerblick, „als hättest du Schluckauf.“

„Wirklich? Wie toll!“

„Ich weiß, warum du das tust. Warum eure Musik häufig so enorm schnell ist. Es ist, weil...“

Den Zeigefinger nach vorn gestreckt blieb Tatsuha an einer Fußgängerampel stehen und sprach enthusiastisch weiter, als gleichzeitig eine Nobelkarosserie an ihnen vorbeirauschte, abrupt eine unerlaubte Kehrtwende vollführte und reifenquietschend neben ihnen am Straßenrand zum Halten kam.

„...du versuchst, alle anderen abzuhängen“, beendete Tatsuha seinen Satz und schaute dann irritiert auf. In das Gesicht von Mika, die wütend aus dem Wagen stieg und in ihren hochhackigen Schuhen beachtlich stampfend zu ihnen hinüber marschierte.

„Was glaubst du, was du hier tust, Tatsuha?! Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen. Dein blödes Handy vergammelt wahrscheinlich in einer Ecke deiner zugemüllten Wohnung, ohne dass du auch nur merkst, wenn dich jemand anzurufen versucht!“

Das stimmte nicht ganz. Tatsuha hatte sehr wohl mitbekommen, wie sein Handy vibrierend nach Aufmerksamkeit verlangte, bis irgendwann der Akku kapitulierte. Am Heizkörper festgekettet besaß er allerdings relativ wenig Bewegungsfreiheit. Nicht genug jedenfalls, um sein Handy zu erreichen, und das war zumindest für den gestrigen Abend eine hervorragende Ausrede.

„Was ist mit dem Totenfest im Sommer?“, keifte Mika weiter. „Jeder im Tempel hat alle Hände voll zu tun und wo bleibt Tatsuha mal wieder? Vernachlässigt sträflich seine Arbeit, wie immer.“

Zeternd packte sie ihren Bruder am Kragen und zerrte ihn hinter sich her ins Auto.

„Ich weiß schon, warum ich auf dein Gejammer nie eingegangen bin. Bitte arrangiere ein Treffen, liebe Mika-chan, ich will Sakuma-san unbedingt kennen lernen und so weiter. Als hätte ich nicht geahnt, wo das endet. Du hast dich schon immer vor deinen Verpflichtungen gedrückt.“

Sie verriegelte hinter Tatsuha die Autotür, stieg auf der Fahrerseite ein und schwang ihre langen Beine auf den Vordersitz. Durch die heruntergelassene Scheibe wandte sie sich noch kurz an Ryuichi, der perplex auf dem Gehweg stand.

„Toma lässt ausrichten, dass du zurück ins Studio kommen sollst. Ohne dein Anhängsel dürfte das nicht mehr allzu schwer sein.“

Damit trat sie das Gaspedal durch und ließ den Motor aufheule, bevor sie sich in der ihr eigenen Manier in den Straßenverkehr einfädelte.

„Das ist...“ Langsam erlangte Ryuichi seine Fassung wieder. Seine geballten Fäuste flogen energisch in die Luft. „Hey, das könnt ihr nicht machen! Kommt zurück, verdammt noch mal! Das ist Diebstahl! Enteignung! Mundraub!“



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