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Fortissimo

von

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8. Satz: Presto

8. Satz: Presto

(sehr schnell)
 

„We left our life!“, sang Ryuichi aus vollem Hals und versuchte mit der Schnelligkeit der Klangfolge seinem zweiten Ich zu entrinnen.

Komm schon, das kannst du doch besser. Wir können das besser. Ich kann es besser. Lass mich dich ersetzen, sagte Sakuma drängend, unerbittlich, kaltblütig, bevor er die Kontrolle übernahm. Bevor er Ryuichi übernahm.

„In trouble and insanity is what you might have thought of me!“

Das Mikrofon dicht an den Lippen war sein Blick stechend und blind.

„In vain is my indignity is what you might have thought to see!“

Er war besser. Er war immer besser. Besser als Ryuichi.

„In every single inch of me is what you might have thought to be!“

Sakuma war besser, als irgendjemand sonst es jemals hätte sein können.

„But you are wrong!“, intonierte die Stimme des Sängers perfekt jede einzelne Strophe, wie ein unabhängiges Instrument, ein ungebändigtes Tier, die Facetten der Melodie hinauf und hinab. „I am the one who knows that he has lost.“

Hinter der schalldichten Glasmauer des Aufnahmestudios saß Kumagoro.

„You have prevailed.“

Und lachte über ihn.
 

Eine neue Single, ein neuer Hit. Nettle Grasper und Bad Luck stürmten die Charts jede Woche aufs Neue. Ihre Musikvideos füllten die Bildschirme in den Schaufenstern der Läden. Sie flimmerten unablässig über die riesigen Leinwände an den Gebäuden um die Kreuzung von Shibuya herum. Bei Tower Records positionierte man ihre Platten direkt am Eingang. Dummerweise hatte dieses Musikgeschäft zwei Eingänge. Somit lagen die beiden Bands nicht direkt nebeneinander, sondern auf getrennten Podien, Nettle Grasper hinter der einen, Bad Luck hinter der anderen Tür.

Zahlreiche Leute umströmten die Werbeplatzierung und drängten Ryuichi beiseite, der aufgeregt im Laden hin- und herlief. Er hockte sich neben den Aufsteller seines Rivalen und starrte durch seine Sonnenbrille konzentriert auf das Maßband, das er an einen der CD-Stapel hielt. Mit einem schnappenden Geräusch schnellte das Maßband zurück, als Ryuichi bereits den Weg zum zweiten Eingang rannte.

„Diese Schnelligkeit“, sagte dort ein Mädchen begeistert zu ihrer Freundin. Beide trugen ein Shirt mit pinkfarbenem Hasenaufdruck und hüpften synchron in die Luft, mit einer CD von Nettle Grasper in der Hand. „Ryuichi ist ein Genie. Niemand könnte das nachmachen.“

„Doch, einer könnte es“, nuschelte der Sänger undeutlich hinter seinem Mundschutz, während er das Maßband auch hier an einen Turm gestapelter Tonträger hielt, „wenn er sich anstrengt.“

Sein Grinsen war nicht zu sehen, aus seiner Stimme jedoch konnte man es hören. Beide Mädchen begutachteten abfällig jenen merkwürdigen Mann, der sich ungefragt in ihre Unterhaltung eingemischt hatte.

„Was ist das denn für einer?“

„Sonnenbrille im Inneren eines Gebäudes, dabei ist es heute bewölkt.“

„Mit dem Mundschutz, dem Stirnband und der Mütze sieht er aus wie ein Perverser.“

„Ist er vermutlich auch. Lass uns lieber schnell verschwinden.“

In Windeseile liefen die beiden Mädchen zur Kasse hinüber, um zu bezahlen.

„Was haben die denn?“, murmelte Ryuichi verwirrt, zuckte rasch mit den Schultern und widmete sich erneut seinem Maßband.

An diesem Morgen war er in einem Zimmer aufgewacht, das ihm zuerst nicht bekannt vorkam. Solche Situationen hingegen waren ihm sehr wohl vertraut. In Japan wie Amerika besaß er einige Wohnungen, sogar Häuser, die ihm sein Management mit dem Geld kaufte, das er für sie erwirtschaftete und das ihm gleichfalls egal war. Sollten sie doch damit machen, was sie wollten. Ryuichi war es trotzdem gewohnt, in Hotelzimmern, Aufnahmestudios oder Tourbussen zu erwachen. Fremdheit war mehr Heimat, als Eigentum es sein konnte.

Der Ort, an dem er am heutigen Tag aus seinem Schlaf in die Realität gefunden hatte, lag in einem Randbezirk von Tokyo. Ähnlich wie bei Ryuichi war es nicht die einzige Unterkunft, zu der Tatsuha nach Hause kommen konnte, denn in Kyoto standen ihm die Türen zum Anwesen seiner Familie stets offen. Seit dem Wettstreit der beiden Bands war Tatsuha nicht mehr dorthin heimgekehrt, zumindest hatte er das kürzlich erwähnt. Erstaunlich, dass er sich daran erinnerte, das fiel Ryuichi eben auf, als seine Augen auf dem Maßband von Strich zu Strich huschten. Normalerweise hörte er anderen Leuten selten zu oder vergaß, was sie ihm sagten, wenn es für ihn nicht relevant war.

Seufzend ließ er das Messinstrument zurück in die Verankerung schnappen. Ihm war selbst nicht klar, welche Erkenntnis er gerade zu erlangen versuchte.

Seit einigen Tagen war es das erste Mal gewesen, dass er woanders übernachtete, dass er tatsächlich bei einer Person erwachte, die ihm einen Schlüssel nicht auf Zeit und gegen Bezahlung gab. Dieses kleine, gezackte Stück Metall hatte vor einigen Stunden im Vormittagslicht auf dem niedrigen Tisch gelegen, darunter ein beschriebener Zettel. Tatsuha war gegangen und hatte augenscheinlich nur diese Nachricht hinterlassen.

Er ist eine Kopie.

Lange hatte Ryuichi die Mitteilung betrachtet und gewusst, dass Tatsuha damit nicht nur den Schlüssel meinte, den sich der Sänger von Nettle Grasper schließlich in die Hosentasche schob. Es war ein Geschenk. Und ein Kompliment. Und eine Beleidigung.

Vielleicht sollte er Tatsuha endlich zeigen, dass mit Ryuichi Sakuma nicht gut Kirschen essen war.
 

Sie standen auf einer Überführung und spuckten Kirschkerne hinab auf die Autos. Unter der Brücke erloschen die Frontstrahler in der abendlichen Finsternis.

„Erklär es mir“, forderte Tatsuha gelassen und griff in die Papiertüte auf dem Geländer, um sich eine Kirsche zu angeln. Ryuichi holte tief Luft, bevor er einen weiteren Kern aus seinem Mund katapultierte.

„Von wem weißt du das denn?“, erkundigte er sich anschließend.

„Ich verrate meine Quellen nicht.“

„Warum sollte ich dir dann irgendetwas verraten?“ Wie einen Kaugummi dehnte Ryuichi seine rhetorische Frage in die Länge. Tatsuha durchbohrte ihn mit den Augen und versuchte herauszufinden, wen er soeben vor sich hatte. Als sein Idol unsicher den Blick senkte, erkannte er es.

„K hat mich damals von hier befreit“, antwortete Ryuichi und hängte sich zwei Kirschen ans Ohr. „Er hat mich nach Amerika geschleift, weil er meinte, in Hollywood könne man am besten scheitern. In der Stadt der Engel lägen die Gefallenen mit ausgerissenen Flügeln in den Gassen.“

„Bist du einer von ihnen?“

„Denkst du etwa, in der saubersten Stadt der Welt könne man nicht scheitern? Das müsstest du doch wissen, Tatsuha-kun. Ansonsten hättest du es nicht von Anfang an vorgezogen, einer Niederlage zu entgehen, indem du dich dem Kampf gar nicht erst stellst.“

Tatsuha spuckte seinen Kern auf das Dach eines Transporters. Abrupt stieß er sich mit einem Arm ab, stellte sich vorgebeugt hinter Ryuichi und legte die Hände rechts und links von ihm auf das Geländer.

„Als hättest du in deiner Pause mehr getan“, raunte er ihm ins Ohr. „Ich habe immer verfolgt, was du in Hollywood gemacht hast. Solokarriere? Dass ich nicht lache. Was hast du denn dort getrieben? Ein paar Auftritte und dazwischen etliche Rollen, die du in diversen Filmproduktionen übernahmst. Hast du als Solokünstler in diesen drei Jahren auch nur ein Album herausgebracht? Du warst kein Sänger mehr, sondern eher ein Schauspieler, und nicht einmal das hast du wirklich durchgezogen. Du sollst in Amerika Songs geschrieben haben, aufgenommen hast du sie allerdings nicht unter deinem eigenen Künstlernamen, sondern zurück in Japan mit Nettle Grasper. An Inspiration mangelt es dir offenbar nicht, sonst hättest du nicht innerhalb kürzester Zeit so viele Lieder kompo...“

„Ich weiß, dass du es nicht wahrhaben willst“, unterbrach ihn Ryuichi, „aber das habe ich Bad Luck zu verdanken.“

Erneut stieß sich Tatsuha vom Geländer ab, angespannt und ohne sich ein fröhliches oder überlegenes Grinsen aufs Gesicht zaubern zu können. Er kramte in seinen Taschen herum, suchte nach etwas, von dem er selbst nicht sofort wusste, was es eigentlich war. Am Ende gab er es auf. Er hätte sich jetzt zu gern eine Zigarette angezündet, aber nachdem Ryuichi ihn vorhin unerwartet angerufen und herbestellt hatte, war seine letzte Schachtel dem Hinweg zum Opfer gefallen. Stattdessen fischte er nun in der Papiertüte nach einem unzureichenden Ersatz.

Ein paar Kirschkerngeschosse überbrückten das einsetzende Schweigen. Ryuichi hängte sich an sein anderes Ohr ebenfalls einen Schmuck aus roten Früchten am Stiel.

Gelassene Abfälligkeit vortäuschend fing Tatsuha schließlich wieder zu sprechen an:

„All das Gerede über ein neues Album ist doch nur Show, habe ich Recht? Du willst gar kein Comeback, du willst dich nur mit Shuichi messen, ihn herausfordern und dich selbst damit animieren.“

Ryuichi spuckte einen Kern gegen die Plane eines Lastkraftwagens und sagte nichts.

„Außerdem kannst du nur mutmaßen, warum ich mich für den Werdegang des Priesters entschied.“

Ryuichi spuckte einen Kern gegen die Frontscheibe eines Subarus und sagte nichts.

„Ich kann Geister sehen, bin quasi prädestiniert für den Job. Da ist es kein Wunder, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.“

Ryuichi spuckte einen Kern gegen den Seitenspiegel eines Dogdes und sagte nichts.

„Seit wann existiert Sakuma eigentlich? Seit wann ist er ein Teil von dir?“

Ryuichi spuckte einen Kern gegen den Helm eines Motorradfahrers. Dieser geriet vor Schreck ins Schlingern, wechselte die Spur und kam einem Kleinwagen in die Quere. Ein paar Autos wichen aus, krachten in die Leitplanke, ein Wagen überschlug sich.

Endlich sagte Ryuichi:

„Sakuma ist ein klitzekleines Monstrum in mir, das explodieren würde, wenn ich ihn nicht manchmal herauslasse. Er hat mich gefangen, damals im Roggen, als ich gerade eine Klippe herunterstürzen wollte. Dann flog er mit mir ins Nimmerland und meinte, ich müsse niemals erwachsen werden, solange er bei mir ist.“

„Ist Amerika das Nimmerland?“, fragte Tatsuha und beobachtete den Auffahrunfall unten auf der Straße, bei dem sich die nächsten Verkehrsteilnehmer mit ihren Gefährten ineinander verkeilten.

„Menschen sind erbärmlich und falsch. Nur Monster verraten einen nicht“, sagte Ryuichi und verfolgte gleichfalls den Tumult. „Du solltest dir auch eine Maske aufsetzen und mit uns singen, auf dass wir alle zu Monstern werden.“

„Ich wusste nicht, dass du auch eines hast.“

„Jeder hat ein Monster unterm Bett, Tatsuha-kun.“

Der Lärm aufeinander prallenden Metalls verebbte und wich dem Geschrei aufgebrachter Menschen. Einige Finger zeigten empor zur Überführung.

Mit einem Seufzen meinte Tatsuha:

„Wir sollten besser verschwinden.“

Ryuichi nickte. Gemeinsam machten sie sich zügig aus dem Staub.

In der Ferne waren die ersten Sirenen zu hören.



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