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Fortissimo

von

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6. Satz: Pianissimo

6. Satz: Pianissimo

(sehr leise)
 

Finsternis flüsterte ein unbrechbares, unberechenbares Schweigen in die Nacht und Ryuichi dachte sich zurück in die Schwärze des Gruselkabinetts. Tatsuha hatte sich schon einige Zeit nicht mehr gemeldet, seit mehreren Tagen, vielleicht Wochen.

Ganz leicht bewegte Ryuichi die Lippen, als würde er singen. Doch er sang nicht.

Er sang nicht mehr, weil die Stimme ihm fehlte.

„Weißt du, dass ich panische Angst davor habe?“ Er lachte leise und drückte den Stoffhasen eng an sich. „Auch gerade eben, sobald es dunkel ist und ich nichts sehen kann. Es bereitet mir irgendwie Genugtuung, das Licht nicht anzuschalten. Kennst du das?“

Er schaute dem Hasen in die leeren Glasaugen.

„Wenn ich von einem Raum in den anderen gehe“, fuhr Ryuichi fort, „dann habe ich Angst vor der Dunkelheit, Angst vor all den Dingen, die dort lauern und die ich nicht sehen kann. Ich weiß, dass dort nichts ist. Trotz meiner Angst mache ich das Licht nicht an. Weißt du, warum?“

Der Stoffhase blieb weiterhin stumm.

„Weil ich mir sonst eingestehen müsste, dass...“
 

War es Zufall? Das fragten sich beide Männer, als sie einander auf der Straße begegneten.

Ryuichi hatte das Musikstudio zum ersten Mal seit einer schieren Ewigkeit verlassen. Jeden Tag trieb er seine Bandkollegen an, die Songs des neuen Albums noch einmal zu bearbeiten. Die Musik wurde schneller, voller, reicher. Gleichzeitig wurde sein Herz langsam, leer und still. Im selben Atemzug, mit dem Ryuichi seine Sehnsucht und sein Fernweh in das Mikrofon schrie, begann auch sein Gesang zunehmend leiser zu werden.

Mittlerweile übernachtete er sogar im Studio, ließ sich Essen, Trinken und Kleidung direkt ins Haus liefern. Seine eigene Wohnung wollte er derzeit nicht betreten. Sie erinnerte ihn daran, dass er in Japan war, dass er daheim war und sich eigentlich auch so fühlen sollte. Dabei kam er sich in der erstickenden Uniformität dieses Landes wie ein Fremder vor. Wie ein exotischer Tropenvogel in der Fußgängerzone von Ikebukuro, der die neonerleuchtete Nacht nicht fand.

Shuichi Shindo. Der Gedanke kam Ryuichi ganz plötzlich und unvermittelt, während er noch immer wort- und regungslos vor Tatsuha stand. Auch Shuichi Shindo war, selbst für die sonst so bunte Musikbranche, exotisch und außergewöhnlich. Dennoch schien er sich auf diesem dünnen Eis so sicher zu bewegen wie ein Eiskunstläufer, als sei sein unbefangener Charakter das Material seiner Schlittschuhkufen.

Ryuichis nächster Gedanke führte ihn zurück auf die asphaltierten, unerträglich sauberen Straßen seiner Heimat. Er schaute Tatsuha in die Augen und glaubte, es könne kein Zufall sein, dass er ihn hier traf. Er vermutete, dieser habe sicherlich oft und lange vor dem Studio ausgeharrt.

Tatsuha erwiderte den Blick und glaubte gleichfalls nicht an einen Zufall, obwohl er zum ersten Mal seit mehreren Tagen die Nähe zu Ryuichi suchte. War es demnach Schicksal oder nur die zynische Ironie einer schweigsamen, viel zu wirklichen Realität?

Endlich jedoch, nachdem nur der Großstadtlärm den Raum zwischen ihnen ausgefüllt hatte, sagte Ryuichi sehr leise:

„Ich will hier weg.“
 

In Japan zwitscherten die Ampeln. Sie zwitscherten fast wie ein Nachtigallenboden. Es war das Einzige, das Ryuichi an diesem Land vermissen würde.

„Von Fischen und Vögeln“, redete er unbekümmert vor sich hin, während er über die Streifen eines Zebras sprang, „von Mäusen und Menschen.“

Tatsuha folgte ihm, ohne sich über die scheinbar unsinnigen Aussagen zu wundern.

„Magst du sie?“, fragte er nach einer Weile des ziellosen Durchwanderns vieler Gassen und Schluchten. „Magst du Fische oder Vögel oder Mäuse?“

„Du hoffst wohl, dass ich mich für einen goldenen Fisch entscheide, Tatsuha-kun?“

„Was ist mit Vögeln?“

Ryuichi drehte sich nicht um, schien auch die anzügliche Bemerkung nicht zu beachten, als er antwortete:

„Die kann man nicht halten. Sie sind nur schön, wenn sie fliegen. In Gefangenschaft sind sie nicht mehr schön. Keiner von ihnen ist schön, wenn er nicht fliegen kann. Aber sie sollen nicht frei sein. Was ich mag, soll mir gehören. Darum halte ich nichts von Vögeln.“

„Vom“, berichtigte Tatsuha ihn scherzhaft, indem er wiederholt auf seine vorige Anspielung aufmerksam machte. Ryuichi wandte sich nun doch zu ihm um und begegnete dem lasziven Grinsen mit Unschuldsmiene. „Bist du dir sicher“, bohrte Tatsuha nach, „dass du davon nichts hältst? Ich könnte dir einiges zeigen.“

„Du bist wirklich noch ein Kind“, reagierte Ryuichi darauf in gespielter Verblüffung.

In diesem Moment vergaß Tatsuha sein Selbstbewusstsein. In diesem Moment konnte er sich selbst nicht leiden. Trotzdem zuckte er mit den Schultern, als würde ihm das alles nichts ausmachen. Du willst doch erwachsen sein, wies er sich innerlich zurecht, dann verhalte dich auch so. Sei erwachsen. Sei kein Kind mehr.

„Ryuichi.“ Der Angesprochene legte den Kopf leicht schief, mit weit geöffneten Augen, als wartete er auf ein Wunder. Tatsuha runzelte die Stirn und setzte während seiner folgenden Worte eine ernste Miene auf. „Du fühlst dich hier doch gar nicht wohl, habe ich Recht? Warum fliegst du dennoch nicht nach Amerika zurück? Warum willst du euer neues Album hier produzieren lassen, obwohl du in L.A. besser arbeiten kannst?“

„Ich muss es in Japan aufnehmen.“ In vollkommener Überzeugung, die sich von allein zu verstehen schien, nickte Ryuichi. Er benötigte einiges an Kraft, um seiner Erklärung einen letzten, leisen Teilsatz hinzuzufügen. „Weil er hier ist.“

„Er?“, stellte Tatsuha die Frage, obwohl er die Antwort bereits kannte. Die Furchen auf seiner Stirn wurden tiefer. Gewaltsam unterdrückte er das Zittern in seiner Stimme. War es kälter geworden? Was er sagte, klang unter der auf seine Stimmbänder ausgeübten Kontrolle schneidend und aggressiv. „Warum erst jetzt? Nettle Grasper waren Ewigkeiten in der Versenkung verschwunden. Du magst offensichtlich einen sehr ausgelassenen Kanarienvogel, oder nicht? Jemand, der dir ähnlich ist. Für deine Fans wolltest du den Schritt hinaus aus der Dunkelheit nicht wagen, aber für...!“ Tatsuha brach ab und starrte in das Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos, bis die Punkte vor seinen Augen tanzten und er kein menschliches Gesicht mehr sehen konnte, nicht mehr sehen musste.

Abwartend musterte Ryuichi ihn besorgt. Wahrscheinlich war selbst diese Besorgnis nur gespieltes Mitleid aus fadem Desinteresse.

„Warum warst du verschwunden?“, raunte Tatsuha fast tonlos. „Warum stehst du jetzt auf einmal vor mir?“ Erreichbar, fügten seine Gedanken bitter hinzu, aber nach wie vor fern.

„Ich habe mich der Stille ausgesetzt“, antwortete Ryuichi, „um eins mit der Musik zu werden.“
 

Gemeinsam folgten sie den endlosen Blindenzeichen durch die Stadt. Sie hätten sich ein Taxi rufen können, doch sie taten es nicht. Tatsuha wünschte sich derweil unentwegt, er besäße mehr als nur ein Motorrad oder einen Kleinwagen. Stattdessen wollte er gerade lieber einen gelben Ferrari mit lederner Innenausstattung.

Obwohl er all das nicht bieten konnte, hatte er Ryuichi zu sich eingeladen.

„Hello darkness, my old friend“, sang dieser leise vor sich hin und summte ein paar weitere Tonfolgen. Wenn Ryuichi sich schon fremd fühlte, dachte Tatsuha, dann sollte dieses Gefühl wenigstens von einer anderen, nicht von seiner eigenen Wohnung ausgelöst werden. Und vielleicht würde sie ihm irgendwann nicht mehr fremd sein. Vielleicht würde Tatsuhas Nähe irgendwann das Gefühl der Fremde und des Fernwehs in Ryuichi auslöschen.

„In restless dreams I walked alone, narrow streets of cobblestone, beneath the halo of a street lamp.“

Zeit seines Lebens war Ryuichi allein gewesen. Zumindest vermutete das jeder. Sehr viel mehr als Vermutungen konnte man zu ihm auch gar nicht anstellen.

„When my eyes were stabbed by the flash of a neon light that split the night.“

Tatsuha hatte nie etwas von innigen oder oberflächlichen Beziehungen des Sängers gelesen. Man lobte sein herausragendes Schauspieltalent. Mittlerweile fragte sich Tatsuha allerdings, ob Ryuichi dieses Talent nur vor der Kamera zeigte oder ob sein gesamtes Auftreten eine Vermischung seiner zwei gegensätzlichen Persönlichkeiten war. Welche davon war echt?

„And in the naked light I saw ten thousand people, maybe more. People talking without speaking. People hearing without listening.“

Wie schaffte man es, für einen Menschen wichtig zu werden? Wie konnte man überhaupt an Bedeutung gewinnen? Was fesselte und faszinierte, bevor man sich einem Fremden gegenüber binnen Sekunden für Gleichgültigkeit oder binnen Jahren für Hass und Liebe entschied?

Wenn es falsch und richtig zugleich war, konnte ein Augenblick zu Jahren werden.

„Silence like a cancer grows.“ Es war nach zweiundzwanzig Uhr. Die Lokale schlossen und Nachtschwärmer torkelten durch die Gassen. Langsam vertrieb das Neonlicht, das sich in den Rillen der gepflasterten Wege verfing, die Ernüchterung der vergangenen Tage, die Tatsuha aus seinen Überlegungen und Erkenntnissen gewonnen hatte. Er lauschte jenem Gesang, der ihn in seiner Vergangenheit aus der eintönigen Stille geholt hatte.

„But my words“, intonierte Ryuichi ungewohnt verhalten, „like silent raindrops fell.“

Ein Wechselspiel aus Resignation und erwartungsvoller Euphorie hielt in Tatsuha Einzug. Nach einem von seinem Idol vorgeschlagenen Zoobesuch und nach den Ereignissen im Vergnügungspark war er erstmals auf Abstand gegangen. Diese erzwungene Abstinenz änderte jedoch nichts.

„Hear my words that I might teach you. Take my arms that I might reach you.“

Drei Jahre waren vergangen, seit Nettle Grasper ihre Auflösung bekannt gegeben hatten. Nun waren sie ins Rampenlicht zurückgekehrt, in alter Besetzung und mit der Aussicht auf ein baldiges Album. Wegen eines Wettstreits mit Shuichi Shindo sollte Ryuichi innerhalb von drei Wochen zehn Hitsingles herausbringen. Aus dem kürzlich erschienenen Promotionsvideo zu schließen und laut einiger Interviews, in denen größtenteils Toma Seguchi in Vertretung der Band zahlreiche Fragen beantwortet hatte, waren die restlichen der neuen Songs bereits geschrieben worden, als an ein Comeback noch gar nicht zu denken war. Offenbar hatte Ryuichi die drei Jahre nicht nur in seine Schauspielkunst investiert. Er war nicht in der Lage, die Finger von der Musik zu lassen, und doch hatte er sie zwischenzeitlich aufgegeben.

„And the people bowed and prayed to the neon god they made.“

Es konnte demnach nicht sein, dass ein Newcomer wie Bad Luck für Ryuichis Ehrgeiz verantwortlich war. Keine Konkurrenz hätte ihn dazu bringen können, wieder zu singen. Er war ohnehin schon eine Legende.

Nichtsdestotrotz blieb eine dunkle Ahnung in Tatsuha bestehen, die er nicht wahrhaben wollte. Denn möglicherweise war es keine Rivalität.

„...whispered in the sounds of silence...“

Möglicherweise war es Anziehungskraft.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Das Lied stammt diesmal von Simon & Garfunkel und heißt "The Sounds of Silence". Komplett anzeigen

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