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Fortissimo

von

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4. Satz: Accelerando

4. Satz: Accelerando

(allmählich schneller werdend, beschleunigend)
 

Im Aufnahmestudio war es totenstill. Das Schweigen im Raum war so dicht, dass man es in Stücke hätte schneiden können. Mit geschlossenen Augen ließ Ryuichi die einsetzende Pause nach dem letzten Song auf sich wirken.

Endlich öffnete er langsam die Augen.

„Ich dachte, du hättest etwas drauf, Toma“, sagte er kalt.

Die beiden Keyboarder von Nettle Grasper tauschten einen verständnislosen Blick.

„Das ist zu lahm“, erklärte Ryuichi schneidend. „Viel zu lahm.“

Er tippte ungeduldig mit zwei Fingern auf das netzbespannte Rund des Mikrofons. Wie in Zeitlupe drückte er den Mikrofonständer von sich, bis er fiel. Das Scheppern war nach der verstummten Musik der erste Klang, den das Equipment von sich gab.

„Was meinst du, Ryu-chan?“, fragte Noriko vorsichtig. „Sollen wir es schneller spielen?“

„Genau, schneller“, bestätigte Ryuichi, eilte zu ihr hinüber und hämmerte wahllos und unmelodisch auf die Tasten ein. „Macht es schneller! Schneller! Schneller!“ Zusammen mit seinen Worten ließ sich Ryuichi im Kreis drehen. Aus der Drehung heraus stieß er seine Handballen gegen das Instrument und warf es schwungvoll zu Boden.

Noriko verfolgte den Sturz ihres Keyboards mit Bedauern, aber ohne Überraschung. Derlei Allüren kannten sie von ihrem Frontmann bereits.

Ryuichi wandte sich zur Tür des schallisolierten Raumes.

„Das können wir besser“, meinte er unnachgiebig. „Ich verlasse mich auf euch.“

Das Zuschlagen der Tür begleitete sein Verschwinden. Einige Sekunden lang blieben die zwei restlichen Mitglieder von Nettle Grasper reglos in dem halb verwüsteten Bandraum stehen, bis Noriko schließlich ihr Keyboard, ohne eine Miene zu verziehen, wieder aufrichtete und dessen Funktionstüchtigkeit überprüfte. Dann nickte sie Toma zu, der teilnahmslos meinte:

„Tun wir, was er sagt.“
 

An einer Fußgängerabsperrung lehnend schaute Ryuichi durch die getönten Gläser seiner Brille an der Hochhausfassade des Aufnahmestudios hinauf. Dahinter jagten Wolken über den grauen Himmel.

Er senkte den Kopf, zog das Basecap tiefer ins Gesicht und wärmte sich die Hände an der mit heißer Matcha Latte gefüllten Getränkedose, die er kurz zuvor aus einem Automaten geholt hatte. Ein paar Schritte weiter befand sich neben einem Restaurant ein Plattenladen, aus dessen Schaufenster ein Fernseher buntes Licht auf den Gehweg warf.

Ryuichi öffnete die Dose und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Getränk.

Eine junge Frau in elegantem Kostüm, die einige Flyer bei sich trug, sprach ihn freundlich von der Seite an:

„Entschuldigen Sie, dürfte ich...“

„Nein“, unterbrach Ryuichi sie knapp. Seine unhöfliche Antwort machte die Frau einen kurzen Moment sprachlos. Starr verfolgte er auf dem Bildschirm des Plattenladens die Musikgruppe, die wie Nettle Grasper gleichfalls aus drei Mitgliedern bestand. Voller Energie schrie hinter dem Glas jener Sänger, der mit seinen schrillen Klamotten und der knalligen Haarfarbe fast noch wie ein Junge aussah, ins Mikrofon.

„Nein“, wiederholte Ryuichi bestimmt, trank den Rest seiner Grünteemilch in einem Zug aus und zerdrückte die leere Dose in seiner Hand, wobei er die Unbekannte frech angrinste. „Ich kann das selbst wegwerfen.“ Damit beförderte er die Dose in einem hohen Bogen über die Passanten hinweg auf die gegenüberliegende Seite des Gehwegs. Sie knallte gegen die Ecke einer erleuchteten Reklametafel, prallte gegen den nächstgelegenen Laternenpfosten und flog dann in Richtung des Mülleimers, der neben dem Getränkeautomaten stand. Die Dose verfehlte ihr Ziel. Um die eigene Achse wirbelnd landete sie mitten auf dem gepflasterten Gehweg. Außer der Frau bedachten noch mehrere andere Leute Ryuichi mit entgeisterten Blicken.

„Sorry“, entschuldigte dieser sich schulterzuckend. „I’m just a stranger in this country.”

Pfeifend stieß er sich von der Absperrung zur Straße ab.

In der Stadt der Engel, der dreckigsten Stadt dieser Welt, konnte er besser arbeiten als hier.
 

„Help me“, hallte der Gesang durch das leere Apartment, „even if I’m just your burden.“

Hoch, hoch hinaus flog der rosa Hase.

„I will sing in your cage as the bird I ever wanted to be.“

Ryuichi fing Kumagoro in der Luft auf und rollte sich mit dem Plüschtier im Arm über das Bett.

„Please don’t let me be less than your burden.“

Tief, tief hinab fiel er zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Doch dann klingelte sein Mobiltelefon.

Irritiert langte Ryuichi danach und klappte das Display auf. Die Nummer war ihm fremd. Er nahm den Anruf trotzdem mit den Worten an:

„Woher hast du meine Nummer?“

„Ich verrate meine Quellen nicht“, wich Tatsuha am anderen Ende der Leitung der Frage aus.

„Langsam mauserst du dich zu einem Stalker“, meinte Ryuichi lachend. „Wohl eher schneller als langsam.“

„Was hältst du vom Vergnügungspark?“

„Super!“ Ryuichi warf das Mobiltelefon in die Luft, sodass es beim Aufprall über den Teppich polterte. „Vergnügungsparks sind toll!“

„Hol mich Ende der Woche ab, du kennst ja meine Adresse. Ryuichi? Hörst du mich noch? Ende der Woche, einverstanden? Ryuichi?“
 

Er träumte.

Vor ihm war die Tür. Die Reaktion. Ryuichi wusste, dass diese Tür den Namen der Reaktion trug. Er musste über ein Hindernis hinweg, doch er glaubte, schnell genug zu sein. Auf diesem Hindernis saß Noriko und las. Vielleicht würde sie ihn nicht aufhalten. Doch das spielte keine Rolle, denn er würde sowieso schneller sein.

Er sprang über das Hindernis hinweg, war an der Reaktion und öffnete die Tür. Er wusste nicht, was hinter ihr war.

Dahinter lag Schwärze.

Er rannte durch ein Labyrinth. Die anderen verfolgten ihn und er floh durch die offenen Mauern. Immer wieder bog er ab, sobald sich ihm die Möglichkeit bot, um ihren Blicken zu entkommen.

Toma hatte ihn gesehen. Er war neben ihm, doch er würde ihn nicht aufhalten. Er machte ihm nur Angst. Also lief Ryuichi weiter.

Er musste entkommen.

Er hatte solche Angst.

Licht durchflutete alles und er wusste nicht, woher es kam.

Wieder war vor ihm die Tür. Die Reaktion. Er lief auf sie zu, um sie zu öffnen.

Er musste entkommen.

Doch dahinter lag Schwärze.
 

„Zieh das an.“

Fröhlich streckte ihm Ryuichi ein Ganzkörperkostüm entgegen, mit braunem Fell und bekrallten Tatzen. Ohne zu protestieren, nahm Tatsuha es an. Für niemanden sonst hätte er etwas derart Lächerliches angezogen und sich so zum Affen gemacht.

Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster seiner Wohnung. Nachdem er sich das Wolfskostüm übergestreift hatte und lächelnd die Arme ausbreitete, nickte Ryuichi zufrieden.

„Gut, und jetzt das hier.“ Die nächste Verkleidung, die Ryuichi ihm reichte, war vollkommen weiß.

„Wieso zwei Kostüme?“, wollte Tatsuha stirnrunzelnd wissen. „Die Hitze wird mich spätestens heute Nachmittag im Park umbringen, vorausgesetzt ich ersticke vorher nicht.“

„Damit, lieber Tatsuha-kun“, verkündigte Ryuichi grinsend, „kann man sofort sehen, dass du ein Wolf im Schafspelz bist.“
 

Achterbahn. Wikingerschaukel. Kettenkarussell. Wildwasserrutsche.

Ryuichi war unermüdlich und kaum zu stoppen. Allen Versuchen Tatsuhas, ihn zu erhaschen, entwischte er. Es war nicht einfach, den Sänger festzuhalten.

Allmählich verlor Tatsuha die Geduld. Nach dem Autoscooter ließ er das Schafskostüm auf dem Gaspedal liegen und schob Ryuichi vor sich her in ein Gruselkabinett.

Zwischen den Spiegeln stellte sich der Sänger auf die Zehenspitzen, um sein verkehrtes Bild noch weiter zu verzerren. Er zog sich selbst durch das schauende Glas die Ohren seines pinkfarbenen Hasenanzugs lang. Auch diesen Unsinn ließ Tatsuha gern über sich ergehen. Er mochte jene kindliche Facette seines Idols, weil sie ihn wehrlos erscheinen ließ. Leicht zu unterwerfen. Dennoch war die andere, versteckte Charakterseite eine Spur interessanter. Sie forderte Tatsuha heraus. Es war nur eine Frage der Zeit. Er musste lediglich abwarten, während er die Entwicklung mit seinem Tun leicht beschleunigte.

Als sie durch ein Gerüst hinab in das Dunkel des Gruselkabinetts stiegen, über bebende Untergrundplatten hinweg und durch allerlei hängende Ketten hindurch, entledigte sich Tatsuha unbemerkt seiner zweiten Haut. Er griff nach Ryuichi und drückte ihn in der Finsternis in eine gepolsterte Ecke.

„Jetzt habe ich dich“, raunte er siegesgewiss.

„Tatsuha-k...“, begann Ryuichi, wurde jedoch von den Fingerspitzen, die sanft seine Lippen verschlossen, am Weitersprechen gehindert. Die Finger wanderten fort, streiften ihm die Hasenkapuze vom Kopf und fanden unter dem Kinn schließlich den Reißverschluss des Kostüms. Bedächtig öffnete Tatsuha den Verschluss und glitt dabei immer tiefer an der Vorderseite von Ryuichis Körper hinab. Seine Reise endete kurz über dem darunter befindlichen Hosenbund.

„Ryuichi“, hauchte Tatsuha ihm auf die Lippen und schickte sich an, ihm den Overall von den Schultern zu schieben, als ein Ruck durch die gesamte Umgebung ging. Bevor Tatsuha es schaffte, dem anderen Mann einen Kuss zu stehlen, drängte sich ein Sandsack zwischen sie. Ryuichi hatte sich diese Requisite unbemerkt geangelt.

„Nur nicht übermütig werden, Tatsuha-kun.“

Im nächsten Moment hielt der junge Priester nur noch ein leeres Hasenkostüm in den Händen.

Er unterband ein Fluchen und suchte in der Dunkelheit nach seiner entwischten Beute, von der er anfangs angenommen hatte, sie sei leicht zu fangen. Seine Augen hatten sich noch immer nicht an die lichtlose Schwärze gewöhnt. Allerdings kam er nicht mehr dazu, die Schemen in seinem Umfeld richtig zu deuten.

Jemand packte ihn an den Oberarmen, presste ihn mit dem Rücken gegen die vernietete Wand des Kabinetts und vereinnahmte seinen vor Schreck geöffneten Mund. Der fordernde Zungenkuss raubte ihm beinahe die Luft zum Atmen.

So schnell der Überfall begonnen hatte, so schnell war er wieder vorbei.

Tatsuha lehnte atemlos an der Wand in seinem Rücken, während er seinen Verstand zu sortieren versuchte.

„Du bist doch kein Wolf“, vernahm er Ryuichis belustigte Stimme, „sondern nur ein unerfahrener Bengel.“



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