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Fortissimo

von

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14. Satz: Rivolgimento

14. Satz: Rivolgimento

(Umkehrung der Stimmen im doppelten Kontrapunkt)
 

„Verrecke, du Gehörgestörter!“, zischte Ryuichi mit verstellter Stimme in den Hörer und unterbrach gleich wieder die Verbindung. Kichernd barg er sein Gesicht im rosa Plüschstoff seines Hasen.

Tatsuha musste lächeln. Es war absurd, doch er konnte nichts dagegen tun. Darum wandte er den Blick ab und ließ ihn nach draußen schweifen. Häuser standen als finstere Silhouetten den leicht ansteigenden Hang hinauf und erwiderten seinen Blick aus manch erleuchtetem Fenster. Im schwachen Luftzug bewegten sich flackernd kleine Gusslaternen und rote Lampions. Das Holzfenster war aufgeschoben, der Abend wehte einzelnes Stimmengewirr, Geräusche plaudernder Passanten und fernen Straßenlärm herein. Auch Küchenklänge und gedämpft die Ausgelassenheit einer geschäftlichen Feier, die in einem Speiseraum des Hotels veranstaltet wurde, waren durch die dünnen Wände zu vernehmen. Tatsuha meinte sogar, Wasserrauschen zu hören, ein Badehaus mit Außenbereich vielleicht, eine heiße Quelle oder die Brunnenanlage eines Hotels, das sich irgendwo in der Nähe befand und das wesentlich teurer sein musste als jenes, in welches sie auf Ryuichis Wunsch eingekehrt waren und das beinahe einer billigen Absteige glich.

„Ich wollte schon immer mal in einem Ryokan übernachten“, verkündete Ryuichi jetzt munter. Er hatte sich Kumagoro vom Gesicht genommen und hielt ihn stattdessen, mit dem Handy zwischen den Plüschtatzen, Tatsuha entgegen.

„Du wolltest in ein klassisches Gasthaus?“, fragte dieser irritiert. Er hatte seinen Platz auf dem niedrigen Stuhl im Erker des Raumes seit einer Weile nicht verlassen, eingelullt vom sanften Wind, den abendlichen Klängen und den in geringen Abständen unternommenen Telefonstreichen seines Zimmergenossen. „Warst du noch nie in einem Ryokan? Im Vergleich zum Komfort in unserem Tempel hätte ich nicht gedacht, dass du dir so eine Bruchbude aussuchst. Das hättest du besser haben können.“ Mit seiner Aussage spielte Tatsuha auf die Kratzer in den Schiebetüren an, auf die durchgelegenen Futons, die von Kinderfingern gebohrten Löcher in den Papierwänden oder die Flecken auf den ausgeblichenen, wahrscheinlich mit Schaumstoff gefüllten Tatami. Zwar wirkte dies alles auf ihn heruntergekommen, nichtsdestotrotz fühlte er sich auf unerklärliche Weise wohl. Unter Ryuichis Schirmherrschaft zu stehen war ihm wesentlich lieber als unter der Fuchtel seines Vaters, auch wenn er damit im Grunde nichts an seinem untergeordneten Rang änderte. Wenigstens, wessen Befehl er befolgte, wollte Tatsuha selbst entscheiden.

Entspannt wog er die kleine Pfeife in der Hand und teilte ihren Rauch zwischen seinen gespreizten Fingern, während er hinzufügte: „Traditionelles passt irgendwie nicht zu dir. Wozu sonst bevorzugst du Amerika?“

„Stimmt, im Ausland ist es einfacher“, bestätigte Kumagoro mit erhobenem Ärmchen. „Die Sprache ist unkompliziert, die Sitten sind unkompliziert, die Menschen sind unkompliziert, nicht so verstellt freundlich und trotzdem nur auf den eigenen Vorteil bedacht wie Japaner mit ihren zwei Gesichtern. Ich bitte nun um Entschuldigung, ich habe einen Anruf zu tätigen.“

Damit hielt Kumagoro das Mobiltelefon an Ryuichis Ohr und dieser rief nach wenigen Sekunden, als das Gespräch angenommen wurde, dunkel und unheilvoll:

„Rhythmusraudi.“

Schnell legte er wieder auf und freute sich wie ein Kind über seine kreative Beleidigung.

Verstellt. Auf den eigenen Vorteil bedacht. Zwei Gesichter. Ryuichi machte nicht den Eindruck, als wäre er überhaupt dazu fähig, dennoch klang das eben Gesagte verdächtig nach Ironie. Die Formulierungen hallten in Tatsuha nach wie ein Echo seiner selbst. Sie zwangen ihn unweigerlich zu einer Assoziation mit den eigenen Lügenmärchen, die er vorhin den Musikzeitschriften und Klatschmagazinen über Shuichi vorgetragen hatte. All das, was er Shuichi anzuhängen versuchte, waren in Wirklichkeit Eigenschaften, die besser auf dessen Vorbild, auf Ryuichi, zutrafen.

Zweifelsfrei hatte Ryuichi zwei Gesichter. Ob er sich verstellte oder tatsächlich von einer anderen Persönlichkeit übernommen wurde, war unmöglich zu erraten. Auf den eigenen Vorteil war er mit Sicherheit aus, als er Tatsuha bezirzte, um ihn für seine Sache zu gewinnen, so glaubte dieser jedenfalls. Vermutlich hatten auch die Anspielungen und damit verbundenen Rückschlüsse, die Tatsuha nun unwillkürlich zog, in Ryuichis Absicht gelegen. Was er allerdings mit der ganzen Aktion bezweckte, warum er Shuichi per Telefon terrorisierte und falsche Gerüchte in Umlauf brachte, das ergab nach wie vor keinen Sinn. Fast wirkte es, als würde sich Ryuichi Sorgen machen, auf andere Weise nicht gegen seinen Rivalen anzukommen, obwohl es dazu überhaupt keinen Grund gab.

Als Sänger von Bad Luck gehörte Shuichi derzeit zu den vielversprechendsten aufstrebenden Sternchen am Pophimmel. Er war nicht nur der Liebhaber von Tatsuhas Bruder, nicht nur jemand, der eine anziehende Ähnlichkeit mit einer gewissen Person aufwies, sondern gleichermaßen ein Verbündeter und Freund für Tatsuha, zumindest wenn es nach ihrer gemeinsamen Leidenschaft ging. Natürlich war es dreist, geradezu unverschämt, dass Shuichi sich auf einen Wettstreit eingelassen hatte, der ihn quasi auf eine Stufe mit jenem Genie stellte, von dem er einst lediglich eine Nachahmung war. Tatsuha konnte die Entrüstung der Grasper-Fans durchaus nachvollziehen, doch sah er keinerlei Notwendigkeit darin, Shuichi zusätzlich anzugreifen, ihn gar öffentlich zu diffamieren. Zum jetzigen Zeitpunkt würde Bad Luck nicht einmal in hundert Jahren an Nettle Grasper heranreichen, geschweige denn sie besiegen. Ihr Absatz war für einen Newcomer phänomenal, keine Frage. Nüchtern betrachtet verkauften sie bislang dennoch bloß knapp die Hälfte der Platten, die Grasper in derselben Zeit an den Mann gebracht hatte. Diesen Vorsprung aufzuholen war praktisch unmöglich. Da half auch kein Wunder.

Tatsuha musste trotzdem zugeben, dass Shuichi kein billiger Abklatsch mehr war. Etwas hatte längst begonnen und nahm unmerklich seinen Lauf. Shuichi hatte sich verändert.

„Melodiemalträtierer“, krächzte Ryuichis Stimme durch seinen Gedankengang und holte ihn in die Realität zurück, obwohl sie gar nicht ihm, sondern der Person am anderen Ende der Leitung galt. Es hatte keinen Zweck, Tatsuha musste seinen sich im Kreis drehenden Überlegungen Einhalt gebieten.

„Solltest du nicht deiner Arbeit nachgehen?“, fragte er in gespielter Teilnahmslosigkeit.

„Und du?“, setzte Ryuichi dagegen, ohne die Augen von seinem Handy abzuwenden. Für ein paar Sekunden schimmerte blauweißes Licht auf seinem Gesicht, bevor das Display des Mobiltelefons erlosch und seine Mimik in schwarze Schatten tränkte. Seufzend klopfte Tatsuha die Asche aus der Kiseru und meinte:

„Du bist wie ein kleiner Schuljunge, der die Mädchen ärgert, die er mag, weißt du das?“

„Skandale sind eine gute Werbung“, antwortete es aus der Dunkelheit. „Es gibt keine schlechte Presse.“
 

Er träumte.

Ryuichi träumte wieder von der Tür.

Statisches Rauschen. Ein Radio stand auf einem kleinen Podest.

„Bei keinem Vorgang kann Energie neu entstehen oder verschwinden“, sagte das Radio.

Danach sirrte es hell, als würde jemand am Regler drehen und den richtigen Sender suchen.

„Energie kann... austausch... und sich von... in eine andere umwandeln...“

Mal deutlicher, mal unverständlich sprach das Radio zwischen dem Rauschen.

„...auf jede Kraft wirkt eine gleichwertige Gegenkraft...“

Unter die Worte mischte sich Musik. Zur Hälfte Gesang und Melodie, zur Hälfte klare, kalte Artikulation.

„...die Wirkung größer als... beim Aufprall nicht ausreichend... immense Ambivalenz führt zur totalen Zerstörung...“

Die Musik überwog. Der Regler wanderte weiter, hing nicht mehr zwischen zwei Frequenzen, fand die nächste Stimme und das nächste Wort.

„...ist das Individuum in der Lage, durch Selbsthypnose einen Teil seines Ichs abzuspalten...“

Ryuichi ging an dem Podest vorbei zur Reaktion. Es war der Name jener Tür.

Im Labyrinth war die Reaktion ein alter Bekannter, der ihm bis heute fremd geblieben war. Weit entfernt, in seinem Rücken, lag das Gegenstück zu dieser Tür. Ein Eingang, den er lange zurückgelassen hatte. Hinter sich gelassen hatte. Ein Eingang.

Oder Ausgang?

Die vergangene Tür war sein eigener Weg, seine eigene Aktion, die ihn hier einschloss. Ihn jedes Mal unentwegt im Innern einschloss, bevor ihm ein neuer Weg nach außen ermöglicht wurde. Ohne Ursache keine Wirkung.

Alle waren verschwunden. Sie warteten nicht mehr auf den Hindernissen. Sie liefen ihm nicht mehr nach. Sie hielten ihn nicht auf.

Wenn er durch die Tür, durch die Schwärze, durch die Reaktion nach außen trat, war er vielleicht ein Anderer.

War er vielleicht ein Fremder.
 

„Komm zurück.“

Die Aufforderung klang forsch.

„Komm zu dir.“

Kein Licht drang auf die Netzhaut hinter seinen zuckenden Lidern.

„Komm zu mir.“

Ein dünner Schweißfilm bedeckte seinen Körper und ließ ihn frösteln, obwohl es warm war.

„Wach auf.“

Orientierungslos schaute er in liegender Position an eine dunkle Zimmerdecke. Er wusste nicht, wo er war. Die graue Finsternis verriet ihm, dass es noch Nacht sein musste, doch fühlte er sich nicht aus dem Schlaf gerissen, sondern relativ ausgeruht, als wäre er zeitig zu Bett gegangen und früh eingeschlafen. Er hörte leises Murmeln, Schritte hinter Wänden und Türen, ein Rumpeln wie von kleinen Wagenrädern, die über Teppichboden gezogen wurden, Schränke, die geschlossen, Handtücher, die ausgeschüttelt wurden.

Und das Atmen eines Menschen in direkter Nähe.

An seinem Futon kniete eine Person und beugte sich über ihn.

„Ich wollte dich nicht wecken.“

Das Gesicht konnte er nicht sehen, aber die Stimme kam ihm vertraut vor. Ein merkwürdiger Unterton, weder sanftmütig noch kühl. Irgendwie bedrohlich. Auf seiner Kehle verstärkte sich der Druck einer Hand.

„Lieber wäre mir, du würdest auf ewig schlafen.“

Mit Entsetzen erkannte er das kaltblütige Lächeln auf Sakumas Lippen, als der Griff um seinen Hals ihm die Luft abschnürte.

„Hey, wach endlich auf!“

Verwirrt schaute Ryuichi in das besorgte Gesicht von Tatsuha, der ihn energisch rüttelte. Am Kopfende des Futons war die Papierlampe eingeschaltet und erhellte schwach den Raum.

„Ist alles in Ordnung?“ Tatsuha musterte ihn eingehend.

„Was hast du eben gesagt?“, wollte Ryuichi zerstreut wissen.

„Was ich...? Ich meinte, ich wollte dich lieber schlafen lassen, aber du hast offenbar schlecht geträumt. Du warst unruhig, bist ganz verschwitzt, außerdem...“ Fürsorglich strich Tatsuha ihm über Stirn und Wangen, ohne seine Aussage fortzusetzen.

„Meine Augen sind schmutzig“, erklärte Ryuichi geistesabwesend, als ihm auffiel, dass er geweint hatte.

Sie befanden sich in einem Hotelzimmer irgendwo in Kyoto. Ryuichi erinnerte sich wieder, an die Flucht aus dem Tempel, an das Ryokan und seinen Lärm. Draußen war es gar nicht mehr so dunkel, wie er anfangs gedacht hatte. Das Personal schien schon auf den Beinen zu sein, um diverse Vorbereitungen für den Morgen zu treffen. In der Luft verging langsam die Stille der Nacht.

„Lag es an deinem Traum?“, erkundigte sich Tatsuha sanft.

Ryuichi konnte sich nicht erinnern. Es kam ihm vor, als hätte er einen Traum gehabt, in welchem seine Freunde sich gegenseitig umbringen mussten.

„Nein, es war nur der Schmutz“, versicherte er und wischte sich über die Augen. „Dafür sind Tränen schließlich da, um sich von allem zu befreien und reinzuwaschen.“

„Reinwaschen?“, wiederholte Tatsuha leise. „Wovon?“

„Von allem, was den Menschen belastet. Angst, Schmerz, Trauer, dem ganzen Unrat eben.“ Ryuichi sprach fröhlich und fremd. „Ich versuche, mir das Spiegellicht vom Gesicht zu waschen.“ Zum Glück hatte Sakuma es diesmal nicht geschafft. Lärm und Stille waren nicht genug, um ihn ausbrechen zu lassen. Seine wahre Hypnose war die Musik.

Ryuichi ignorierte den stechenden Blick von Tatsuha, der anscheinend etwas dazu sagen wollte, sich dann aber dagegen entschied und stattdessen meinte:

„Es ist nach fünf Uhr, das Onsen hat bereits offen. Lass uns ein richtiges Bad nehmen.“



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Zasukia
2015-11-14T22:52:50+00:00 14.11.2015 23:52
Waaah, voll psycho! Bewundernswert, wie du dich in Ryuichis Persönlichkeit einzuloggen scheinst. Murakami hat es sich glaub ich selbst nie so viel Gedanken dazu gemacht und sich nicht um eine logische Erklärung dieses Charakters bemüht. (OK, in Ex ist ihre Erklärung quasi, dass da zwei Seelen existieren..... ähm ja. Zu viel Räucherstäbchen inhaliert oder so. XD)
Nettes Ende, wie schon zwei Kapitel zuvor, wo sich die Leserin / der Leser vermutlich den intimen Teil wieder denken kann.
Kuschelkurs schön und gut, aber ich denke, du solltest Tatsuha jetzt nicht zu gefügig machen.
Es soll ja weiterhin spannend bleiben. Und ich kann noch viele dieser Kapitel lesen, ich mag deinen Schreibstil, nach wie vor. ;)


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