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Fortissimo

von

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12. Satz: Misurato

12. Satz: Misurato

(Wiedereintritt strenger Taktordnung, gemessen)
 

„Weißt du, warum ich dich niemals zu einem Treffen mitgenommen habe?“

Mika wechselte nach rechts auf die Überholspur. Die Verkehrsschilder der Schnellstraße sausten an ihnen vorbei und wiesen Richtung Westen, hinaus aus Japans Hauptstadt. Tatsuha achtete nicht auf seine Schwester, starrte nur weiterhin aus dem Fenster, auf endlose Reihen von Hochhäusern, stellenweise unterbrochen von alten Tempeln, die sich völlig unpassend in das moderne Bild der Metropole einfügten. Im nächsten Moment hätte er über die Ironie des Zufalls lachen können, denn im Radio kündigte der Moderator künstlich begeistert den aktuellen Hit von Nettle Grasper an.

„Make love, make war“, drang der Gesang von Ryuichi Sakuma aus dem Lautsprecher, „make sex, make more...“

„Er liebt dich sowieso nicht, Brüderchen.“

Mika bedachte ihren Beifahrer mit einem flüchtigen Blick. Er sah es im Augenwinkel, doch er reagierte nicht darauf. Sie schaute wieder nach vorn und ließ einige Sekunden vergehen, in denen die Musik gegen den Lärm von Wind und Geschwindigkeit ankämpfte, um den Leerraum zwischen ihnen zu vereinnahmen.

„Whatever you do, produce some panic!“

Nach einer Weile sagte Mika:

„Du bist für ihn ein Spielzeug.“

Schweigend streckte Tatsuha daraufhin die Hand aus und stellte das Radio lauter.
 

„Morgens wirst du mit den anderen Lehrlingen in aller Frühe aufstehen, dich in deinen Meditationen üben, fasten und deinen dir übertragenen Aufgaben nachkommen! Verstanden?“

Der betagte Priester hielt Tatsuha am Kragen fest und schüttelte ihn heftig, während er ihm ins Gesicht brüllte.

„Ich habe verstanden, Alter“, antwortete Tatsuha genervt. „Du brauchst mich nicht anzuspucken.“

„Du!“ Uesugi packte seinen Sohn noch ein wenig unsanfter an der Robe. „Ich verlange außerdem, dass du dir eine Glatze scheren lässt, wie es sich für einen Mönch gehört.“

„Wie?! Das kannst du vergessen!“

Was fiel dem Alten überhaupt ein? Er hurte sich durch die Gegend, trank und rauchte, hatte sogar eine heimliche Affinität zum Glücksspiel und verlangte dann eine asketische Haltung von seinem Nachfolger? Unwirsch machte sich Tatsuha von seinem Vater los.

„Kein Wunder, dass Eiri null Bock auf den Scheiß hier hatte.“

„Deinem Bruder hast du doch selbst geholfen, mit diesem lächerlichen Individuum anzubandeln!“

„Dieses lächerliche Individuum kann ihn wenigstens glücklich machen. Immerhin habt ihr ihm das jahrelang verwehrt.“

Natürlich hatte Tatsuha dafür Sorge getragen, Shuichi mit Eiri auf dem Anwesen der Familie zusammenzubringen, um ihr Verhältnis zu kitten. Sein Bruder musste bereits genug durchmachen. Es war längst nötig, dass sich jemand um Eiri kümmerte, der ihn nicht wie Mika oder Toma mit Samthandschuhen anfasste. Jemand, der von ihm nicht erwartete, perfekt zu sein. Der ihn so liebte, wie er war.

Andererseits gab es da noch ein zweites, keineswegs unerhebliches Motiv. Ryuichi Sakuma interessierte sich für diese schrille, durchgeknallte Heulsuse. Sobald Shuichi wegen seiner Beziehungskiste am Boden zerstört war, ging es gleichzeitig mit Bad Luck bergab. Den meisten Leuten fiel das vermutlich nicht auf, doch selbst wenn Shuichi nicht in Depressionen ertrank und weiterhin seine Musik machte, verschwand zusammen mit seinem Antrieb der Zauber aus seinem Gesang. Ryuichi hörte das genauso deutlich, wie Tatsuha es hören konnte. Das wiederum frustrierte den Sänger und ließ ihn für gewöhnlich total am Rad drehen, mehr als sonst zumindest. Ohne Bad Luck war auch Nettle Grasper bald wieder Geschichte.

„Verlass dich drauf“, unterbrach Tatsuha die inzwischen fortgesetzte Litanei seines Vaters, die er geflissentlich ignoriert hatte. „Ich werde das Ding schon schaukeln. Also reg dich ab.“

Im Grunde hatte Tatsuha einen hilfsbereiten Charakter. Zugegeben, er besaß eine Vorliebe dafür, Personen wehzutun, die er mochte, aber das zählte nicht. Wenn es nach ihm ging, sollten sie alle glücklich werden, Eiri genauso wie Shuichi und Ryuichi. Die letzten beiden nach Möglichkeit nur nicht unbedingt miteinander. Indem Tatsuha dafür sorgte, dass es zwischen seinem Bruder und Shuichi gut lief, bekam Ryuichi keine Chance, sich einzuklinken. Zwei Fliegen mit einer Klappe.
 

Rücken, Arme, Beine, jeder einzelne Muskel tat ihm mittlerweile weh. Unermüdlich hetzte Tatsuha auf und ab und wischte die endlosen Holzdielen. Er fand nicht einmal Gelegenheit, mit den Tempeldienerinnen zu flirten. Auf einen Lappen gestützt rannte er in gebeugter Haltung die Veranda auf und ab, auf und ab.

Gestern, nach seiner Ankunft und der Standpauke seines Vaters, musste er den halben Tag damit verbringen, von allen Pflaumenbäumen im Garten die kleinen Zweige abzubrechen, die an der Unterseite der Äste wuchsen. Das Abendessen war kläglich ausgefallen, seine Schlafstätte miserabel und geweckt wurde er, noch bevor der erste Hahn krähte. Als Tatsuha gegen Mittag endlich alle Gänge geputzt und die Alkoven entstaubt hatte, trat auch schon ein weiterer Priesterlehrling an ihn heran.

„Uesugi-sama wünscht, dass du als nächstes den Saisenbako leerst und danach soll der Hof gefegt werden.“

Dieser Sklaventreiber! Missmutig stapfte Tatsuha zum Haupteingang und hockte sich neben den großen, mit Opfergaben gefüllten Holzkasten, dessen Material durch die hohe Luftfeuchtigkeit leicht verbogen war und widerspenstig knarrte. Tatsuha fluchte leise vor sich hin, bis ihn eine Sekunde später das Klirren einer Münze aufmerken ließ. Jemand hatte ein paar Yen zwischen die schmalen Holzsparren des Saisenbako geworfen und klatschte nun laut in die Hände. Im Herumdrehen machte Tatsuhas Herz einen Sprung.

Ryuichi stand am Treppenabsatz und klatschte wie zum Applaus. Mit aneinandergelegten Handflächen verbeugte er sich, griff anschließend nach der langen Kordel der Tempelglocke und läutete sie dreimal, bevor er sich erneut verbeugte, in die Hände klatschte und am Ende noch einmal an der Glockenkordel zog.

„War das so richtig?“, fragte er breit lächelnd.

„Das...“, begann Tatsuha perplex, „war vollkommen falsch.“

„Ups.“

„Was machst du hier? Wie bist du hergekommen? Warum bist du in Kyoto?“

„Beten“, antwortete Ryuichi. „Mit dem Shinkansen. Weil ich dich besuchen wollte.“

„Du fährst... Zug?“ Tatsuha hatte das Gefühl, seine Mimik würde ihm aus dem Gesicht fallen, dabei wusste er gar nicht, was für ein Gesicht er gerade machte. Wahrscheinlich kein sonderlich intelligentes.

„Toma wollte mir seinen Düsenjet nicht leihen“, erklärte Ryuichi schmollend. „Deswegen musste ich gezwungenermaßen mit dem Zug fahren. Es war ein bisschen schwierig, mich aus dem Staub zu machen, aber nun bin ich da.“

„Ich muss den Hof fegen“, sagte Tatsuha, denn etwas Schlaueres fiel ihm dazu gerade nicht ein. Aus seiner Erstarrung hatte er sich nach wie vor nicht gelöst, stattdessen war er damit beschäftigt, seine Gedanken und Gesichtszüge zu ordnen. Konnte er sich etwas darauf einbilden, dass Ryuichi Sakuma, Idol, Genie und wandelndes Kostümmodel von allerlei Skurrilitäten, den weiten Weg auf sich genommen hatte, nur um ihn zu sehen? Seit ihrem ersten Zusammentreffen hatten sie sporadisch mal mehr, mal weniger Zeit miteinander verbracht. Tatsuha hatte sich daran gewöhnt, dass der berühmte Sänger ab und zu seinen Namen vergaß oder sich in manchen Fällen sogar verhielt, als wären sie einander nie zuvor begegnet. Vielleicht verbarg sich dahinter reine Schikane, andererseits konnte sich Tatsuha schwer vorstellen, dass er für Ryuichi etwas anderes war als irgendein Fan unter vielen.

„Das ist ja ganz einfach.“

„Was?“, fragte Tatsuha und bemerkte erst jetzt, dass sich Ryuichi neben ihm positioniert hatte und mit zu Schlitzen verengten Augen das Pflaster vor der Treppe fixierte.

„Na, wovon hast du denn eben gesprochen, Tatsuha-kun? Du meinst, du musst den Hof fegen, und starrst ihn danach minutenlang an, also gehe ich davon aus, dass du das unter Fegen verstehst. Ich helfe dir, dann sind wir schneller fertig und du kannst im Gegenzug später mir helfen.“ Ryuichi musterte den Hof daraufhin noch angestrengter.

„Zum Fegen braucht man einen Feger“, stellte Tatsuha schmunzelnd fest.

„Dann nimm doch mich!“, rief Ryuichi begeistert mit erhobenem Arm. „Ich bin ein ganz heißer Feger.“

„Das stimmt. Ich spreche aber eigentlich von einem Besen.“

„Ach so?“ Den Kopf zur Seite wendend schenkte Ryuichi ihm ein Lächeln, das lediglich einen seiner Mundwinkel umspielte, ironisch und wissend und plötzlich machte ihn dieses Lächeln unheimlich erwachsen. Tatsuha kam sich wie ein Idiot vor. Oft genug agierte Ryuichi einem kleinen Kind ähnlich, sodass man sein wahres Alter fast vergessen konnte. Selten ließ er durchsickern, dass er mit übertriebener Naivität seine Mitmenschen entwaffnete, um sie aufzumuntern. Dagegen war der Widerpart seiner Persönlichkeit alles andere als zartbesaitet, sondern launisch, resolut und verletzend.

„Da bist du ja, Sakuma-san“, raunte Tatsuha gebannt und griff unvermittelt nach Ryuichis Arm, woraufhin dieser leise wimmerte.

„Auu, Tatsu-kun, du bist manchmal echt grob, weißt du das?“

Alles auf Anfang, der Kindergartenhäuptling war zurück. Tatsuha seufzte schwer und fühlte sich, als steckte er im Rad von Samsara fest. Ständig machte er einen ungünstigen Schritt und gelangte wieder auf Los, natürlich ohne Taschengeld. Er mochte den Teil von Ryuichi, der unschuldig und niedlich war, keine Frage, und eigentlich wollte er ihm auch gar nicht wehtun, im Prinzip jedenfalls, obwohl dessen Hilflosigkeit durchaus verlockend war. Aber seine selbstbewusste Seite würde nicht gleich zu wimmern anfangen. Sie würde ihm Paroli bieten.

Den Griff lockernd nahm Tatsuha Abstand von Ryuichi und murmelte etwas, das vermutlich mit seiner nächsten Aufgabe zu tun hatte, während er mit der Münzkassette hinüber zu einem Nebengebäude ging. Ohne Umschweife folgte ihm Ryuichi.

Endlich, als die beiden Männer zwischen diversen Gartengerätschaften standen und sich Tatsuha gerade einen Besen schnappen wollte, in jenem schweigsamen Moment aus Zweisamkeit und Zwielicht stellte Ryuichi ganz unbedarft die Frage:

„Stimmt es eigentlich, dass ihr unter eurer Mönchsrobe nichts anhabt?“

Tatsuha blickte auf, seinem Begleiter direkt ins Gesicht, wo im Halbschatten ein verschmitztes Lächeln aufblitzte.

„Soll ich es dir zeigen?“, hörte er sich sagen.

Das Lächeln wurde breiter.

„Ja“, antwortete Ryuichi. Seine Stimme klang ruhiger und dunkler als sonst.

Mit gemessenen Bewegungen löste Tatsuha den Riemen über seiner Schulter, den gerafften Stoff der Priesterkluft und den Gürtel seines darunter befindlichen Kimonos. Hierbei schaute er Ryuichi unverwandt in die Augen. Dessen Blick glitt schließlich zwanglos am Körper des Jüngeren hinab.

„Du würdest für mich wohl alles tun, Tatsuha-kun?“

„Ja“, antwortete dieser nun seinerseits, ohne eine Sekunde zu zögern.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Norileaf
2014-05-05T21:38:07+00:00 05.05.2014 23:38
Vielen Dank für das neue Kapitel!
Auch wenn es nur kurz war, fand ich Mika schön getroffen. Genau so hätte ich es mir auch vorgestellt, wenn es so eine Szene im Manga gegeben hätte. Und beim Rest musste ich die ganze Zeit schmunzeln, und ich kann nicht sagen, ob ich bei der Gebet-Szene oder bei der ganz am Ende mehr amüsiert habe.
Ich hab mich auf jeden Fall riesig gefreut und bleibe auch weiterhin treuer Leser. ^^


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