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soulos

von

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Mondnacht
 

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt.
 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.
 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.
 

Joseph von Eichendorff
 

Kapitel 1
 

Die schwarzgrauen Kaugummis mussten schon seit Jahrhunderten auf der Treppe kleben. Joshua schüttelte missmutig den Kopf. Er versuchte, den hässlichen Flecken ausweichen, musste dabei aber aufpassen, dass ihn seine Mitschüler nicht umrannten. In der großen Pause benahmen sich die meisten wie ausgehungerte Tiere, die es alle eilig hatten, die Cafeteria zu stürmen und den Frauen dort die Haare vom Kopf zu fressen.

Jemand stieß ihn unsanft zur Seite und drängelte sich durch die große Menge der Schüler, die durch das Treppenhaus der Marie-Curie-Schule strömten und sich alle Mühe gaben, sich mit Hilfe ihrer Ellbogen und Knie fortzubewegen.

Joshua stolperte über eine Treppenstufe und krallte sich an der breiten Schulter seines Vorgängers fest, um nicht zu stürzen und von den anderen überrannt zu werden. Unglücklicherweise bemerkte er zu spät, dass er sich an Max festgehalten hatte. Sofort nahm er die Hände zurück, doch der Junge war bereits herumgefahren und starrte ihn aus wutglitzernden Augen an. „Bist du bescheuert? Was soll denn der Scheiß?“, Max packte ihn am Arm und zog ihn zu sich heran. „Was willst du? Ärger? Kannst du haben!“

Joshua verdrehte die Augen und hob abwehrend die Hände. „Entschuldige, Max. Ich bin bloß gestolpert! Lass mich los!“

Dies war wahrscheinlich nur einer in einer Reihe von Fehlern in Joshuas Leben. Es war in diesem Moment das schlechteste, was er tun konnte.

Max war ungefähr zwei Köpfe größer als Joshua und mindestens doppelt so breit. Er war nicht wirklich dick, sondern ein ziemlich muskulöser und sehr leicht reizbarer Kerl.

Und er war der Anführer einer äußerst unangenehmen Gruppe von Jungen, deren Intelligenzquotient so niedrig war wie ihre Motivation, am Unterricht teilzunehmen. Deren größtes Hobby im Prügeln bestand. Da kam es schon mal vor, dass einer von ihnen einem Mitschüler versehentlich die Nase brach.

Streichholzkurze, brandrote Haare und große, fast schwarze Augen vervollständigten das Bild. In seinem Blick funkelte momentan einfach nur hämische Freude über diese nette Pausenbeschäftigung. Nette Pausenbeschäftigung, dachte Joshua resignierend, bedeutet wahrscheinlich, sich über mich aufzuregen. Jedenfalls hoffte er, dass es nur beim Aufregen blieb und nicht zu einer unangenehmen Begegnung mit Max’ Faust führte.

Max zog die Augenbrauen hoch. „Warum sagst du nichts mehr? Hat es dir die Sprache verschlagen?“

„Tut mir leid“, erwiderte Joshua. Er war sich bewusst, dass ihm seine folgenden Worte leid tun würden, doch er konnte sie nicht zurückhalten. „Es dauert etwas, bis ich meine Sprachweise auf deine primitive Grunzlaut-Konversation umstellen kann.“

Sein Gegenüber verzog abfällig den Mund und musterte ihn kurz. „Du willst echt Schläge, oder, Kleiner? Ich hätte es ja vielleicht gelten lassen, wenn du dich entschuldigst hättest, aber so nicht! Komm mit, wir tragen das untereinander aus!“ Er drehte sich um, wobei er Joshua noch immer festhielt und brüllte: „Karl! Ben! Kommt her, es gibt etwas zu tun!“

Sofort pflügten zwei Jungen durch die noch immer zur Cafeteria hastende Menge und bauten sich neben ihrem Anführer auf. Neben Max wirkten sie schmal und doch strahlten sie eine Gefährlichkeit aus, die sich kaum in Worte fassen ließ.

Die Szene kam Joshua langsam lächerlich vor. Schließlich befanden sie sich mitten in der Schule und überall in seiner Nähe waren Lehrer und Aufsichtspersonen. Was wollte Max schon groß tun? Ihn vor aller Augen zusammenschlagen? Oder ihn verschleppen?

Er wollte.

Die beiden Jungen nahmen ihn in die Mitte, hakten sich bei ihm unter und zogen ihn die Treppe hinunter. Vor ihnen tauchte das dreckige Glas der Tür auf, hinter der die Pausenhalle lag, doch ihr Ziel war eindeutig eine Etage tiefer. Joshua wollte sich aus dem Griff der anderen befreien, schaffte es aber nicht, sondern erreichte nur, dass sie ihm den Arm verdrehten. Er schluckte und überlegte fieberhaft, was er tun konnte. Die einzige Antwort darauf lautete: Nichts. Er hatte keine Chance. Er war nicht schwächlich oder übertrieben ängstlich, aber seine Chance, gegen Max oder einen seiner Gorillas zu gewinnen, war mehr als gering.

Seine beiden Begleiter führten ihn in das Erdgeschoss, wo sich die breiten Reihen aus Schließfächern wie drohende Türme über seinen Kopf erhoben. Max wartete bereits dort und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. In seinem Mundwinkel hing eine angezündete Zigarette, obwohl im Gebäude eigentlich das Rauchen verboten war. Vor Max hatten allerdings selbst die Lehrer Angst, weshalb sie einfach darüber hinwegsahen, dass der Junge tat, was er wollte.

„In Ordnung, Blödmann. Wir haben noch genau zehn Minuten Pause, also lass uns anfangen. Wenn du mich besiegst, darfst du zum Unterricht“, Max inhalierte den Rauch noch einmal tief, warf dann die Zigarette im hohen Bogen auf die Schließfächer, wo sie weiterqualmte. Er zuckte mit den Schultern und bedeutete seinen beiden Kumpels, sich zu entfernen. Wahrscheinlich sollten sie an den Türen zu dieser Etage Wache halten, damit niemand kam, um sie zu stören. Oder, um ihm zu helfen.

Joshua stellte sich so weit weg von Max wie möglich, aber zwischen ihnen war trotzdem keine nennenswerte Entfernung, weil sie in einer nicht einmal zwei Meter breiten und ungefähr zehn Meter langen Reihe standen. Es hatte nicht allzu viel Sinn, wegzulaufen, doch Joshua wollte auch nicht geschlagen werden. Er hatte keine Ahnung, was er tun wollte, doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen, denn Max trat auf ihn zu und hob gemächlich die Faust. „Auf einen fairen Kampf, Idiot!“

Er holte noch weiter aus und schien davon auszugehen, dass sein Opfer am Boden festgeklebt oder gelähmt war. Er schlug ohne ein weiteres Wort zu, aber Joshua warf sich hastig zur Seite, so dass Max eines der Schließfächer traf und mit einem unterdrückten Schmerzenslaut zurücksprang. Seine Hand färbte sich jetzt schon rot und würde spätestens in ein paar Tagen blau sein. Allerdings hatte das Schließfach den Angriff nicht unbeschadet überstanden. Das dünne Sperrholz war von dem Hieb regelrecht zerfetzt worden und Joshua wagte es nicht, sich vorzustellen, wie er jetzt wohl aussehen würde, wenn er sich nicht in Sicherheit gebracht hätte. Max fuhr zu ihm herum und stand eine Sekunde lang völlig bewegungslos da. Er starrte ihn nur an.

„Willst du mich hypnotisieren?“, stichelte Joshua, obwohl er wusste, dass er damit alles noch schlimmer machte.

„Lach nur, solange du noch alle Zähne hast!“, Max warf sich auf ihn und schlug von oben zu. Wieder wich Joshua aus und langsam begann die Hoffnung in ihm zu keimen. Wenn sein Gegner immer so schlecht kämpfte, hatte er nichts zu befürchten...

Er sah den Ärger wie eine schwarze Lawine auf sich zukommen und versuchte, noch einmal außerhalb Max’ Reichweite zu kommen, doch das war unmöglich. Die Faust schien einfach auf ihn zu zufliegen und traf ihn in die Nieren. Einen Moment lang kam es ihm so vor, als arbeitete sich der Schmerz wie ein glühendes Eisen zu seinen Organen vor, doch dann sackte er zusammen und fiel auf die Knie. Er keuchte und versuchte, aufzustehen, was seine Nieren aber dazu veranlasste, seine gesamte rechte Körperhälfte in einen übergroßen Haufen Schmerz zu verwandeln. Rasch zog er sich an einem Schließfach in die Höhe und bekam einen Stoß vor die Brust, der ihn fast wieder zu Boden geschleudert hätte.

Der nächste Schlag kam so unvermittelt, dass er nicht einmal reagieren konnte. Die geballte Faust traf ihn ins Gesicht und nur deshalb, weil er schon vom ersten Hieb zurückgetaumelt war, wurde er nicht ernsthaft verletzt. Trotzdem fühlte sich sein Gesicht an, als wäre er mit 180 km/h gegen eine Wand geprallt und er spürte, wie ihm warmes Blut über das Kinn lief. Die Türklinke des kleinen Putzraumes bohrte sich in seinen Rücken und er registrierte nur mit der Hälfte seiner Gedanken, dass er nicht mehr in der Reihe stand. Max folgte ihm mit einem düsteren Grinsen und kam Joshua in diesem Moment so vor wie ein Roboter, der seine Arbeit verrichten würde, egal was noch geschehen mochte. Nur leider war er diese Arbeit...

Er warf sich herum und lief auf die Ausgangstür zu. Hastig stieß er sie auf, ignorierte das heftige Stechen in seinen Nieren und rannte die Treppe hinauf, immer drei Stufen auf einmal nehmend. Hinter sich hörte er das Scheppern der Tür, als sie gegen ein Hindernis prallte und er stellte sich schadenfroh vor, dass Max in vollem Lauf gegen sie gerannt war.

Plötzlich tauchte Ben vor ihm auf und versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen, doch Joshua rannte ihn einfach über den Haufen. So schnell ihn seine Beine trugen sprintete er hinauf ins dritte Stockwerk, durchquerte den großen Flur und stieß die rote Toilettentür auf.

Er stolperte mehr in den kleinen Gang als er ging und sein Mund war halb taub. Aufatmend ließ er sich in die Hocke sinken und überzeugte sich mit einem raschen Blick davon, dass er alleine hier war. Es gab nur zwei Kabinen, welche beide nicht abgeschlossen waren und er konnte sich erst einmal ausruhen. Es würde zwar nicht lange dauern, bis Max ihn fand, doch er hoffte, dass der Anführer der Red Snakes die Suche nach ihm schnell aufgeben würde.

Er erhob sich langsam, wobei er versuchte, nicht zu schnell zu atmen, da jeder Atemzug ihm wehtat. Anschließend trat er zum Waschbecken hinüber und drehte den Wasserhahn auf. Das Wasser war eisig und er schöpfte sich einige Handvoll ins Gesicht, ehe er es wagte, sein Bild in dem kleinen Spiegel zu betrachten. Seine Lippe war aufgeplatzt und an einer Stelle geschwollen, doch ansonsten wirkte er... heile. Er musste über diese Wortwahl lächeln und unterdrückte einen Fluch, als seine Lippe mit einem protestierenden Stechen darauf antwortete.

Joshua lehnte sich gegen die weißgekachelte Wand und zwang sich, über seine Lage nachzudenken. Er musste in den Unterricht, wusste jedoch nicht, ob Max seine Suche abgebrochen hatte oder vielleicht bereits draußen auf ihn wartete. Gedankenverloren starrte er auf die Fetzen des grauen Toilettenpapiers, die hier auf dem Boden herumlagen. Und wenn er einfach nach Hause ging? Er könnte behaupten, dass ihm schlecht geworden war und...

Etwas raschelte in der hinteren Kabine, die sich von einer Wand zur anderen erstreckte. Er runzelte die Stirn. Wer sich da wohl aufhielt? Langsam schlich er sich heran und wisperte: „Hallo?“

Niemand antwortete und Joshua fragte etwas lauter: „Hallo? Ist da jemand?“

Es blieb weiterhin still und er drückte die Klinke der Kabine herunter. Vorsichtig öffnete er sie und schalt sich selbst in Gedanken einen Narren, weil er sich so benahm, als lauerte hier drinnen, in der leeren Toilette, ein Monster auf ihn. Scheinbar hatten nicht nur seine Nieren etwas abgekriegt. Aber so, wie sein Kopf schmerzte, war es kein Wunder, dass er sich seltsam verhielt...

Er betrachtete das blickdichte, geriffelte Glas des Fensters misstrauisch, ehe er zurücktrat. Niemand war hier.

Etwas Dunkles näherte sich der Scheibe von außen und Joshua blinzelte überrascht. Das Ding dort draußen kam rasch heran und wenn er genau hinschaute, konnte er sogar eine Art Rhythmus in den Bewegungen des Schattens sehen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was sich ihm da näherte.

Das Fenster verwandelte sich in eine Wolke aus scharfkantigen Glassplittern, die ihm entgegenflog und Joshua kam es so vor, als wäre die Zeit stehengeblieben. Er schaute auf die Scherben, die ihm entgegen kamen und ihn zwangsläufig treffen und verletzen mussten, doch gleichzeitig drehte er sich auch herum und warf sich zu Boden, aus der Kabine heraus.

Er prallte unsanft mit dem Kopf gegen den Mülleimer und schaffte es sogar noch, das Gesicht in den Armen zu bergen, ehe das Glas auf ihn herabregnete.

Er hörte, wie noch etwas anderes, großes durch die entstandene Öffnung sprang, wagte es aber nicht, den Kopf zu heben. Ein grausiges Hecheln ertönte. Joshua fragte sich ernsthaft, ob er den Verstand verloren hatte, doch das Geräusch blieb und wiederholte sich sogar.

Etwas hatte die Fensterscheibe in Stücke gesprengt und hechelte hinter ihm.

Etwas Feuchtes berührte sein Bein, und Joshua hob nun doch den Kopf. Er erstarrte und sog scharf die Luft ein, als er sah, was da vor ihm saß und ihn aus glühenden Augen anstarrte.

Das Wesen musste ungefähr die Größe eines Hundes besitzen, doch es sah nicht einmal im Entferntesten aus wie ein solches Tier. Es schillerte in einem kranken Grün, sein Körper war von einer schleimigen Substanz bedeckt, die nun auf Joshuas Bein tropfte und ihn hastig vor der Kreatur davon kriechen ließ.

Er fragte sich unwillkürlich, ob die Gestalt wirklich durchs Fenster gekommen oder ob sie nicht einfach aus der Toilette gekrochen war. Der Gestank, der von ihr ausging, war atemberaubend und Joshua musste sich zusammenreißen, um sich nicht zu übergeben.

Das Ding kroch ein Stück näher und fuhr dann zusammen. Ein Jaulen entrang sich seiner Kehle und es versuchte, den Glassplitter aus seinem Fuß zu ziehen, der sich hineingebohrt hatte.

In diesem Moment begriff Joshua, dass er hier in der Wirklichkeit war. Die Zeit wurde wieder in ihre normalen Bahnen zurückkatapultiert und er erhob sich, wobei sich einige feine Splitter in seine Hand bohrten. Rasch schüttelte er den Kopf, um die ärgsten Scherben aus seinen Haaren zu entfernen und wich dann langsam zurück, bis er gegen die Tür der Toilette stieß.

Seine Nieren sendeten wütende Schmerzsignale, was er jedoch nicht einmal zur Kenntnis nahm. Er packte die Türklinke, drehte sich um und verließ den Raum, ehe das Ungeheuer ihm folgen konnte.

Er spürte, dass sein Herz raste und begann sich zu fragen, ob er das eben wirklich gesehen hatte. Eins war jetzt jedoch klar: Er musste nach Hause oder, noch besser, gleich zum Arzt. Hoffentlich konnte ein Therapeut ihm helfen...

Ein leises Heulen drang an sein Ohr und er sah, wie die Toilettentür unter einem heftigen Schlag erbebte. Halluzination hin oder her, das Monster schien sich für sehr real zu halten und war scheinbar fest entschlossen, ihm zu folgen und – und dann? Ihn zu fressen?

Joshua fuhr herum und rannte davon. Er hatte keine Ahnung, wohin er lief und wie lange die Tür der Kreatur standhielt, doch er musste hier weg, ehe er vollständig wahnsinnig wurde.

Er hetzte die Treppe wieder hinunter, welche er vor nicht einmal fünf Minuten hinaufgehastet war und stolperte mehrmals. Hastig klammerte er sich am Treppengeländer fest, riss sich einige Splitter in die mit Glasscherben gespickte Hand und erreichte den zweiten Stock. Im Flur herrschte ein seltsames Dämmerlicht, weil ein Schüler aus Versehen das Fenster zerschlagen hatte und es nun nur mit Brettern vernagelt war. Joshua fragte sich, ob er sich das Geräusch tappender Pfoten nur einbildete, oder ob hinter ihm tatsächlich etwas war.

Plötzlich rannte er gegen ein Hindernis und der Aufprall war so hart, dass er zurücktaumelte.

Er hielt sich die schmerzende Nase und entdeckte Karl, der sich grinsend vor ihm aufgebaut hatte und nun stutzte, als er sah, dass sein Opfer voller Blut war. „Was ist...“, begann er, doch bevor er den Satz vollenden konnte, schnellte etwas aus der Dämmerung hinter Joshua hervor und riss bei seinem Sturz den Jungen mit sich. Karl rollte die Treppe hinunter und obwohl Joshua ihm nur erschrocken hinterher starrte, sah er doch, dass dem Jungen nicht allzu viel geschah. Sicherlich würde er einige blaue Flecken davon tragen, aber er war nicht ernsthaft verletzt.

Das Ungeheuer, welches sich benommen aufrappelte und auf ihn zutorkelte, war ebenfalls nicht schwer beschädigt. Es hatte die Scherbe aus dem Fuß entfernen können und war nun voller Holz – und Glassplitter, die sich auf der schleimigen Substanz auf seinem Rücken gesammelt hatten. Es humpelte und bleckte mit einem Knurren die Zähne.

Joshua schrie entsetzt auf, als das Monster sich streckte und einen Satz auf ihn zu machte. Hastig riss er die Arme vors Gesicht und suchte festen Halt mit den Füßen, doch der Aufprall war zu schwer. Er spürte einen harten Schlag vor der Brust und taumelte zurück. Unter seinen Füßen war plötzlich nichts mehr und er fiel mit einem Schrei die kurze Treppe hinunter, an dessen Ende er neben Karl zu liegen kam.

Sofort war er wieder auf den Beinen und achtete nicht darauf, ob oder was ihm wehtat. Das einzige, was zählte, war, dass er von hier weg kam und das so schnell wie möglich! Er fuhr herum und überwand immer vier Stufen mit einem Satz, wobei er fast wieder gestürzt wäre, doch er lief nur noch schneller weiter. Das Monster war hinter ihm, er konnte es hören. Er stürmte bis zur Glastür der Pausenhalle und warf sich mit vollem Schwung dagegen. Das Glas knirschte ebenso protestierend wie seine Schulter.

Er taumelte in das grelle Neonlicht der Pausenhalle hinaus und wandte sich sofort dem Eingang zu. Die Kreatur musste noch hinter ihm sein. Joshua rannte quer durch die Halle und sah vor sich das sorgsam angelegte Pflanzenbeet. Er hatte keine Zeit zu verlieren, setzte mit einem Sprung auf den Rand auf und hetzte hinüber, wobei einige Pflanzenstücke zur Seite flogen. Außer ihm war hier niemand und das war ausgesprochen seltsam. Normalerweise hielten sich in der Pausenhalle mindestens zehn Schüler auf – egal, zu welcher Tageszeit. Und nun war alles wie leergefegt.

Er schüttelte den Kopf und spürte, wie ihm ein Glassplitter kalt den Rücken hinabrieselte. Vor ihm war der Ausgang. Die Tür wurde gerade von einer jungen Lehrerin geöffnet, die er nicht kannte und er setzte zu einem Endspurt an. Die Frau sprang erschrocken aus dem Weg, als er an ihr vorbeistürmte und rief ihm etwas hinterher, was mehr als ärgerlich klang, doch er hetzte nur den Weg zur Bushaltestelle hinunter. Dabei musste er ein schlammiges Feld überqueren.

Im Laufen wand Joshua den Kopf und was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das Ungeheuer war ihm näher gekommen, obwohl er so schnell lief, wie ihn seine Beine trugen. Es hechelte und spuckte beim Rennen kleine, schwarze Bläschen aus.

Er sah den Bus, mit dem er normalerweise fuhr, um die Ecke der Bushaltestelle biegen und keuchte entsetzt, als er plötzlich ausglitt und mit dem Gesicht in einer Schlammpfütze landete. Er war in der nächsten Sekunde wieder auf den Beinen, aber es schien so, als hätte er durch diesen Sturz den Vorsprung verloren, den er gehabt hatte.

Er schrie auf und stürmte los. Sein Puls musste mittlerweile außerhalb der Norm liegen und sein Atem ging nur noch stoßweise, doch irgendwie gelang es ihm, den Bus zu erreichen und gnädigerweise hielt der Fahrer auch an. Die Tür öffnete sich mit quälender Langsamkeit und das Monster griff noch weiter aus, weil ihm das sicher geglaubte Opfer zu entwischen drohte.

Joshua hätte in diesem Moment darauf gewettet, dass das Ungeheuer ihn einholen und mit einem Biss der gewaltigen Zähne zerfetzen würde, doch er musste einen starken Schutzengel haben, denn die Bustür schloss sich vor der Schnauze der Kreatur und er taumelte den schmalen Gang zwischen den Sitzen entlang.

Er warf sich aufseufzend auf einen der Sitze und starrte durch das dreckige Fenster nach draußen. Dort stand das Monster vollkommen ruhig und erwiderte seinen Blick. Er schien zu sagen: Wir sehen uns wieder und Joshua erschauerte. Aus irgendeinem Grund folgte das Ungeheuer dem Bus nicht, sondern wandte sich um und ging den Weg zur Schule zurück.

Als der Bus losfuhr, fiel ihm ein, dass er seinen Ranzen im Klassenraum vergessen hatte. Das war jetzt auch egal, Hauptsache, er war dem Ding entkommen.

Er bemerkte, dass ihn jemand ansah und schaute sich suchend um, bis er eine junge Frau entdeckte, die den Mund verzog und sich erhob. Sie kam auf ihn zu, wobei sie sich mehrmals schnell an den Haltestangen festklammern musste, weil der Bus wie ein wildes Pferd bockte. Schließlich hatte sie ihn erreicht und setzte sich auf den Platz vor ihn.

„Hallo. Ich bin Elsa.“ Ihre Stimme klang leicht kratzig, so als hätte sie zuviel geraucht und Joshua blickte sie nur überrascht an.

Ihre Haare waren in einem seltsamen Farbton gefärbt, sie schienen irgendwie lila und grün zugleich zu schimmern und der Rest ihrer Kleidung sah nicht minder seltsam aus. Sie trug ein großes, schwarzes Tuch um die Schultern und eine Jeanshose, welche vor Jahrzehnten einmal blau gewesen sein musste. Ihr Hemd glänzte mattgrün und als sie die schulterlangen Haare zurückwarf, sah er, dass sie große, goldene Ohrringe trug.

Sie lächelte ihn an und hielt ihm die Hand hin. „Hallo!“

Er sah sie nur irritiert an, was sie nicht einmal zu merken schien, denn sie plapperte munter weiter: „Ich fahre gerade zu meinem Geschäft. Es ist ein Geschäft für magische Utensilien!“ Sie machte eine Geste mit der Hand, die wohl geheimnisvoll sein sollte, sie aber im Gegenteil ins Lächerliche zog.

„Du könntest es dir mal ansehen. Es gibt dort auch Schutzamulette.“

Joshua schüttelte knapp den Kopf. „Ich brauche keine Amulette oder magische Tränke, es sei denn, sie schützen vor Belästigungen durch Verrückte.“

„Verrückt?“, Elsa zog gespielt überrascht die Augenbrauen hoch, „Wer ist denn hier verrückt?“

„Lassen Sie mich einfach in Ruhe, ja?“

Sie musterte ihn noch eine Sekunde lang schweigend und seufzte dann. „Tut mir leid“, sagte sie leise und blickte sich verstohlen um, „Ich habe nur so eine Gabe, die mir bestimmte Dinge verrät und wenn sie sich bemerkbar macht, muss ich die Menschen einfach warnen.“

„So? Vor was? Vor den Preisen in Ihrem Hexenladen?“

„Nein!“, erwiderte sie ernst und starrte ihn aus dunkelgrünen Augen an, „Vor Dingen, die ihr Leben bedrohen. Wie das Ungeheuer eben!“

Joshua schluckte trocken. „Sie... Sie konnten es auch sehen? Ich dachte, dass ich es mir nur eingebildet habe...“

„Du wirst von etwas verfolgt, Junge, und es ist meine Pflicht, Menschen wie dich zu warnen.“

„Und was nun? Murmeln Sie seltsame Zaubersprüche in einer fremden Sprache und heilen mich von meinen Halluzinationen?“

„Nimm es nur leicht, Bengel! So lange sie dich verfolgen, hast du noch gut reden, aber wenn sie dich erwischt haben, wirst du dich an mich und meine Worte erinnern!“ Elsa drehte sich um und starrte aus dem Fenster, in die Richtung, in der die Schule lag.

Joshua runzelte die Stirn. Was geschah hier nur? Erst wurde er fast von Max verprügelt, dann von einem... Ding gejagt und schließlich begegnete er einer Verrückten, die ihm seltsame Dinge erzählte! „Wer sind Sie?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„Dir folgt der Tod, Kind. Mit dem Tod ist nicht zu spaßen und du scheinst eine Menge schlechtes Karma angehäuft zu haben!“ Die Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Karma? Tod? Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen übertreiben, um neue Kunden anzuwerben?“

Elsa funkelte ihn wütend an. „Du kannst mich mal, du Idiot! Entschuldige, dass ich versucht habe, dich zu warnen!“ Sie erhob sich und wollte zu ihrem Platz zurückgehen, aber Joshua war schneller und ergriff sie am Arm. „Es tut mir leid“, sagte er leise, „Bitte, erklären Sie mir das näher. Mir folgt der Tod? Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand so etwas erzählt?“

Elsa spießte ihn mit einem hasserfüllten Blick auf, ließ sich jedoch schließlich wieder auf das Polster sinken und seufzte. „Du kennst dich gar nicht mit Esoterik aus, was, Junge?“

„Nein. Mein Name ist übrigens Joshua“, er wusste zwar nicht, warum er das tat, aber irgendwie fühlte er sich schuldig, deshalb hielt er ihr die Hand hin. „Fangen wir noch einmal von vorn an. Sie sind Elsa.“

„Du“, korrigierte sie und ergriff seine Hand, „Du kannst mich duzen. Um es kurz zu machen - ich muss gleich aussteigen – ist Karma die Summe dessen, was du im letzten Leben getan hast. Hast du Gutes getan, hast du gutes Karma gesammelt und wenn du Schlechtes getan hast, ist dein Karma schlecht. Das ist im Glauben der Hindus so. Sie glauben auch, dass alles, was jetzt in unserem Leben passiert, aus einem vergangenen Leben stammt.“

Joshua sah sie fragend an.

„Wenn du im letzten Leben gemein warst, wirst du in diesem Leben gemein behandelst“, Elsa drückte den roten Knopf und grinste ihn an. Das Schild >Wagen hält< leuchtete auf. „Ich steige gleich aus. Aber wenn du willst, kannst du mitkommen und ich erkläre dir das genauer.“

Joshua wollte erst den Kopf schütteln, doch dann fiel ihm ein, dass es gerade einmal zehn Uhr sein konnte und dass er ohnehin nichts besseres zu tun hatte. Er nickte und erhob sich.

Sie stiegen aus dem Bus aus und wandten sich nach rechts, wo schon von weitem ein Schild mit der Aufschrift „Der Magier“ zu sehen war.

Der Laden sah irgendwie so aus, wie Joshua sich einen billigen Ramschladen vorgestellt hatte. Eine grüne Leuchtschlange ringelte sich wie ein hässlicher Wurm um den Rahmen der Tür, hinter der man einiges an glitzerndem Tand entdecken konnte.

Als Elsa die Tür öffnete, schlug ein kleines silbernes Glöckchen an. Ein Schwall von Rauch kam ihnen entgegen, der durch und durch nach verfaulendem Holz stank und Joshua fragte sich, ob die Idee wirklich so gut gewesen war. Er spürte all seine kleinen Wunden und sah sich misstrauisch in dem Geschäft um. Er konnte auf Anhieb erkennen, dass hier aller esoterischer Krimskrams versammelt war, den die Besitzerin hatte auftreiben können. Es gab eine große Auswahl an Edelsteinen, Räucherstäbchen, Tarotkarten, Duftkerzen und paillettenbesetzten Tüchern. Aus versteckten Lautsprechern drang fernöstliche Musik und als er weiterging, stolperte er über eine Meditationstrommel.

„Willkommen, meine Freunde!“, sagte jemand und eine Frau kam auf sie zu. Sie erschien auf den ersten Blick ganz normal. Joshua sah sie prüfend an und hätte sich nicht gewundert, wenn er in ihrem Gesicht eine angeklebte Warze entdeckt hätte. Sie hielt seinem Blick jedoch stand und lächelte freundlich. Dann entdeckte sie das Blut an seinen Händen und sog scharf die Luft ein. „Komm mit!“

Sie ergriff ihn am Arm und führte ihn hinter den Verkaufstresen. Dort gab es eine winzige Küche und einen kleinen Raum, in dem einige Kartons lagen. Die Frau führte ihn zu dem Tisch und sah sich nach einem Erste-Hilfe-Kasten um, der auf der Anrichte stand.

Elsa war ihnen gefolgt und sah ihrer Freundin – jedenfalls glaubte Joshua, dass die Ladenbesitzerin Elsas Freundin war – dabei zu, wie sie mit wenig Geschick seine Wunden säuberte.

„Spürst du es auch?“, fragte Joshua seine Helferin und schaute zu Elsa hinüber.

„Was?“

„Dass mir der Tod folgt?“, er beobachtete sie bei diesen Worten ganz genau, doch er konnte auf ihrem Gesicht keinen Ausdruck von Überraschung erkennen.

„Ja“, erwiderte Elsa an Stelle ihrer Freundin, „Marga hat die Gabe auch.“

Joshua schüttelte verwirrt den Kopf. „Und was soll ich eurer Meinung nach tun? Eine Kiste voller Amulette kaufen? Jeden Morgen beten? Oder mein Schicksal annehmen und sterben?“ Er lachte humorlos.

„Du kannst nicht davor weglaufen“, Marga klebte ein weiteres Pflaster auf seine Hand und musterte ihn prüfend. „Aber du wirst einiges erleben, das kann ich dir sagen!“

„Oh, danke!“, er schnaubte wütend und stand auf. „Ich sehe keinen guten Grund, warum ich hier noch länger bleiben sollte. Danke für die Pflaster. Ich gehe.“

„Du bist erschrocken und weißt nicht, ob du uns glauben kannst“, Marga hob die Hand, als wollte sie ihm über den Kopf streichen, überlegte es sich dann jedoch anders. „Ich kann verstehen, dass du als normaler Uneingeweihter erschrocken bist über das, was du hier hörst. Aber bitte, gehe nicht. Es ist wichtig für dein Leben, dass wir dir etwas erzählen.“

„Ach! Und das wäre?“, Joshua verschränkte die Arme vor der Brust. Er bedauerte es, hergekommen zu sein.

„Es gibt ein Leben nach dem Tod“, antwortete Elsa anstelle ihrer Freundin. Sie sagte es völlig ernst und sah ihn dabei ausdruckslos an. „Du musst das jetzt noch nicht glauben, aber du solltest einmal darüber nachdenken...“

Joshua starrte sie geschlagene zehn Sekunden an, dann drehte er sich um und verließ die winzige Küche. Es fiel ihm erst jetzt auf, dass hier jede Menge Müll auf dem Boden lag. Er erwartete irgendwie, dass eine der beiden Frauen ihm folgen würde, doch hinter ihm blieb alles still. Niemand kam ihm hinterher und das blieb auch so, bis er in den nächsten Bus stieg und nach Hause fuhr.

Er betrat das Mietshaus, in dem er seit seiner Geburt lebte, mit gemischten Gefühlen. Bisher hatte er sich geweigert, darüber nachzudenken, ob es ein Leben nach dem Tod gab. Und nun sollte er sich mit der Idee anfreunden? Er schüttelte trotzig den Kopf. Nur weil ihn so eine komische Wahrsagerin im Bus angesprochen hatte, dachte er schon wirres Zeug! Er schnaubte wütend, drehte den Schlüssel im Schloss und seufzte. Der Schmerz in seinen Nieren war auf ein erträgliches Maß herabgesunken und auch seine Hände taten nicht mehr so weh, doch er wusste, dass sich seine Mutter wegen der kleinen Verletzungen aufregen würde.

„Josh? Bist du das, mein Schatz?“

Er antwortete nicht und wollte gerade ins Bad verschwinden, als sie aus der Küche trat und ihm den Weg versperrte. „Hallo! Du bist heute wirklich früh zu Hause...“, sie musterte ihn misstrauisch und runzelte die Stirn. Sie musste beim Friseur gewesen sein, wie er entsetzt feststellte. Seine Mutter war so etwas wie ein Dauergast beim Friseur um die Ecke und kam ungefähr einmal in der Woche mit einer neuen Haarfarbe oder Frisur nach Hause und jedes Mal war Josh überrascht, was man aus ihren Haaren noch machen konnte.

Heute hatte sie einen Kurzhaarschnitt in grellen Farben – pink und neongrün – gewählt.

„Die Schule hat angerufen!“, verkündete sie und verzog das Gesicht. „Was hast du denn nun schon wieder angestellt?“

„Angestellt? Ich habe nichts gemacht! Darf ich jetzt auf die Toilette?“, er drängelte sich an ihr vorbei und knallte die Tür hinter sich zu.

„Du hast eine Fensterscheibe zerstört, Josh! Außerdem liegt einer deiner Mitschüler im Krankenhaus. Er hat sich die Rippen gebrochen, weil du ihn die Treppe hinuntergestoßen hast! Kannst du mir erklären, was das zu bedeuten hat?“

Joshua zog sich den Pullover aus und betrachtete seine Arme. Sie waren bis zu den Ellenbogen zerkratzt. Scheinbar waren ihm mehr Glassplitter in die Ärmel geflogen, als er bemerkt hatte. „Ich habe gar nichts getan!“, rief er zurück.

„Deshalb bist du auch verletzt und schlammbespritzt, nicht wahr? Was hast du nur getan? Bist du in eine schlimme Sache hineingeraten?“

Josh verdrehte die Augen. Seine Mutter sah eindeutig zu viel Fernsehen. Bestimmt hatte sie einen jener hochintelligenten Filme gesehen, in dem die jugendliche Hauptperson – natürlich vollkommen ohne Eigenverschuldung – in einen Banküberfall oder in eine drogennehmende Bande geriet. „Nein! Mir geht es gut und bis auf die Tatsache, dass ich heute geschlagen wurde und mich wehren musste, ist auch nichts Schlimmes passiert! Also bitte, reg dich ab!“

Er drehte den Wasserhahn voll auf und ignorierte die dünne Stimme in seinem Kopf, die ihn davon überzeugen wollte, dass ihm vorhin ein grünschillerndes Schleimmonster begegnet war.

Unbewusst musterte er das kleine Badezimmerfenster und schüttelte ärgerlich den Kopf. Er musste irgendeine Beschäftigung finden, die ihn von diesem Unsinn ablenkte! Aber als erstes musste er seine Mutter davon überzeugen, dass er nicht in Schwierigkeiten steckte.

Joshua verließ das Badezimmer und holte sich rasch einen frischen Pullover aus seinem Zimmer, bevor er in die Küche ging und sich an den kleinen Tisch setzte. Seine Mutter stand am Küchenfenster und starrte schweigend hinaus.

„Was soll ich nur mit dir machen, Joshua?“, sie seufzte.

Wenn sie ihn mit seinem ganzen Namen ansprach, bedeutete das nichts Gutes.

„Wie >was soll ich mit dir machen<?“, erkundigte er sich, „Ich habe doch nichts...“

Sie drehte sich um und sah ihn aufmerksam an. „Du bist 15 Jahre alt, Junge, da sollte man wenigstens zu dem stehen, was man gemacht hat!“

„Mama, bitte! Wenn ich etwas getan hätte, würde ich es dir auch sagen, aber ich verstehe nicht, was das soll! Ich war in der Schule und einer meiner Mitschüler hat mich gejagt. Also bin ich nach Hause gekommen!“

„Ohne deine Schulsachen?“

„Ja! Ich hatte keine Zeit, sie mitzunehmen! Er hätte mich...“

„Du hast wieder Probleme mit Max, oder?“, sie nahm ein Glas aus dem Regal und füllte es mit Wasser. „Dieser Rüpel hat dich geschlagen, nicht wahr? Dann wird das Konsequenzen haben!“

„Mutter! Hast du nicht gerade gesagt, ich soll meine Angelegenheiten alleine regeln? Ich komme mit Max zurecht, also reg dich ab!“, er stand auf und stürmte in den Flur, „Ich gehe raus! Hier ist es ja nicht zum Aushalten!“

„Josh...“, rief sie, doch er hörte es schon nicht mehr und knallte die Tür hinter sich zu. Sollte sie ihm doch gestohlen bleiben! Er knirschte mit den Zähnen und fragte sich, was er jetzt tun sollte. Es war noch nicht allzu spät, vielleicht zwölf Uhr. Seine Klassenkameraden hatten Unterricht, so wie er eigentlich auch, aber es stand außer Frage, dass er zur Schule zurückkehrte. Das konnte er gar nicht.

Er könnte ins Kino gehen. Das war zwar nur eine Zweckbeschäftigung, aber wenn er einen Platz haben wollte, wo ihn niemand um diese Uhrzeit suchte, war das Kino wohl der perfekte Ort dafür. Er schlenderte die Straße entlang, während er in seinen Taschen nach dem nötigen Kleingeld suchte. Er hatte noch einen Teil seines Taschengeldes dabei. Davon konnte er sich wohl zwei Vorstellungen leisten.

Kapitel 2
 

Es war schon ziemlich spät, als er das Kino wieder verließ. Da heute Freitag war, würde seine Mutter sich keine allzu großen Sorgen machen, wenn er spät nach Hause kam und doch...

Er fühlte sich unwohl. Nicht nur, weil er gerade einen seltsamen Film gesehen hatte, der ihn nachdenklich gemacht hatte. Etwas war... falsch. Er schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte er sein Gehirn heute morgen zu Hause vergessen. Seit wann war ein kalter Freitagabend im Herbst falsch?

Unwillkürlich dachte er daran, was Elsa in dem kleinen Laden zu ihm gesagt hatte. Es gibt ein Leben nach dem Tod.

Josh glaubte weder an Gott, noch an den Teufel und er verachtete Menschen, die an Engel und Geister glaubten. Diese ganzen Spinner konnten ihm gestohlen bleiben, ebenso wie die UFO-Freaks. Dieser ganze Schwachsinn, dachte er müde und gähnte.

Er beschloss, einen kleinen Umweg am Hafen entlang zu machen, nur, damit seine Mutter sicher schlief, wenn er nach Hause kam. Er hatte jetzt keine Lust auf eine Konfrontation. Eigentlich mochte er seine Mutter, doch manchmal hatte sie eine nervige Art drauf... Er hörte ein seltsames Geräusch hinter sich und drehte den Kopf. Niemand war zu sehen, doch er wusste einfach, dass er sich den Laut dieses Mal nicht eingebildet hatte.

Er dachte an Max und ein eisiger Schauer rieselte ihm den Rücken hinunter. Rasch ging er weiter, bog in die nächste Seitengasse ab und wählte den kürzesten Weg zum Hafen, den er kannte. Dort hatte er bestimmt eine Chance, seinen Verfolger zu entkommen.

Er eilte eine kleine Treppe entlang und achtete dabei auf die Geräusche hinter sich. Er glaubte so etwas wie Schritte zu hören und beeilte sich noch mehr. Schon tauchte vor ihm das Schild auf, worauf deutlich das Wort ‚Hafen’ stand. Nur konnte man es nicht deutlich erkennen, weil der Nebel... DER NEBEL? Wann war denn der Nebel aufgetaucht?

Joshua blieb für einen Moment lang mit klopfendem Herzen stehen und fragte sich, ob er einfach nur zu sehr in seine Gedanken versunken gewesen war, als er das Kino verlassen hatte. Das war die eine Möglichkeit. Die andere war, dass der Nebel sich nur am Hafen aufhielt. Und das war schlichtweg unmöglich. Dazu war der Dunst viel zu dicht. Er hätte überall in der Stadt durch die Gassen wabern müssen...

Joshua sah sich rasch um und entdeckte genau neben sich einen rostigen, alten Schiffscontainer. Er hätte ihn eben auch schon sehen müssen, doch darüber dachte er jetzt lieber nicht nach. Schon konnte er seine Verfolger herankommen hören und drückte sich enger gegen den Metallcontainer in seinem Rücken. Sein Herz raste und sein Mund war trocken von der Anstrengung des Laufens. Für einen Moment war er in Sicherheit und gestattete sich ein erleichtertes Aufatmen. Er versuchte, seine Gedanken ein wenig zu ordnen, damit er einen Ausweg aus dieser verzwickten Lage fand.

Unruhig versuchte er, seinen Blick schweifen zu lassen, gab es aber angesichts des dichten Bodennebels auf. Es ist wie verhext!, dachte er besorgt. Der eiskalte Wind, der ihm schon die ganze Zeit zu schaffen machte, seit er das Hafengelände betreten hatte, war nicht in der Lage, den Nebel zu lockern, geschweige denn, ihn zu vertreiben.

Im Grunde genommen hasste er diesen Ort, was aber nicht am Wetter lag. Hier, auf dem Schrottplatz für Schiffsladecontainer, fühlte er sich immer wie auf einem Friedhof. Die alten Metallquader, die auf ihre Verschrottung warteten, kamen ihm vor wie riesige sterbende Giganten. Sonst war ihm dieser Gedanke nur unangenehm, heute rief er in Verbindung mit dem Gedanken an den zornigen Max eine geradezu unheimliche Atmosphäre hervor.

Wütend warf er dem Nebel einen Blick zu und konzentrierte sich wieder auf sein Problem. Keine Sekunde zu früh, denn ein heiserer Schrei gellte über den Schrottplatz. „Max? Max, wo bist du?“

Erschrocken fuhr Joshua zusammen. Er hatte also recht gehabt! Seine Verfolger war Max und wahrscheinlich jemand aus seiner Bande... Die Stimme hatte seltsam verzerrt geklungen, aber er glaubte, der Person, die gerufen hatte, ziemlich nah zu sein. Hastig sah er sich um, damit er nicht aus Versehen seinem Feind in die Arme lief, verfluchte den Nebel noch einmal in Gedanken und schlich dann auf eine schwach leuchtende Straßenlaterne zu. Ohne diese vereinzelten Lichtinseln hätte er sich vermutlich überhaupt nicht orientieren können. Seltsam, dass ihm das erst in diesem Moment auffiel. Trotzdem wirkte das Licht verfälscht, so als hätte ein Maler sein Bild verwischt. Von der Laterne schienen seltsame Strahlen auszugehen.

Ein Windhauch trieb ihm Tränen in die Augen und ließ ihn frösteln. Er brachte den typischen Geruch nach Salz und Seetang mit, vermischt mit dem Geruch der nahestehenden Katzenfutterfabrik. Eine Idee blitzte in seinem Kopf auf. Wenn er...

Plötzlich fuhr ein schwarzer Schatten mit einem leisen Krächzen über seinen Kopf hinweg. Erschrocken zuckte Joshua zusammen und stieß einen Schreckenslaut aus. Schnell biss er sich auf die Zunge, aber es war schon zu spät.

„Ich habe ihn gehört!“, brüllte jemand, „Seid alle mal leise!“

Der Wind strich heulend um die Container, die vom Salzgehalt der Luft bereits angegriffen waren. In einigen befanden sich noch unbenutzte Waren, doch die meisten waren leer.

„Ich höre nichts und ich habe auch keinen Bock mehr, hier im Dunkeln und dem Nebel rumzuhängen!“, maulte jemand anderes. In der Stimme schwang eindeutig Unmut und auch ein Hauch von Angst mit. „Warum geben wir uns solche Mühe mit diesem Schwächling?“

„Er hat die >Red Snakes< beleidigt! Erinnerst du dich nicht an letzten Mittwoch?“

Joshua unterdrückte einen Seufzer. Als die Red Snakes an der Bushaltestelle wieder einmal kleinere Kinder herumgeschubst hatten, war er dazwischengegangen und hatte die Jugendbande angebrüllt, dass sie es nicht mit Gleichaltrigen aufnehmen konnten. Pech für die Jungen war, dass in der Nähe der Schulleiter stand und alles mitangehört hatte. Deshalb gab es für alle Mitglieder einen Eintrag in die Schulakte und für Joshua ein großes Lob – was ihm, ehrlich gesagt, ziemlich peinlich war. Natürlich war das nur der vorgeschobene Grund. Max konnte schlecht verlieren und dass Joshua ihm vorhin in der Schule entwischt war, grenzte an eine Todsünde. Der Anführer der Red Snakes hielt sich für unbesiegbar. Das war auch der einzige Grund, weshalb er von den anderen respektiert wurde. Niemand, der sich mit ihm anlegte, entkam ihm und seinem Rachegefühl Wenn seine Freunde erfuhren, dass es jemandem gelungen war, ihm zu entkommen, würde seine Macht untergraben werden.

Ärgerlich verzog er das Gesicht. Wie hatte er so dumm sein können? Hatte er wirklich geglaubt, den Red Snakes davonlaufen zu können? Angesichts dessen, dass sie auf eine gemeinsame Schule gingen, war das mehr als naiv. Und das hier? Er seufzte erneut. Das war eindeutig die Krönung all seiner dummen Ideen! Wenn er innerhalb der Stadt geblieben wäre, hätte er auf Hilfe von Passanten hoffen können, doch hier? Es war der unbenutzte Teil des Hafens! Wirklich schlau gemacht!, dachte er sarkastisch, Warum hast du ihnen nicht auch noch ein Silbertablett bestellt?

Vorsichtig schob er sich an einem Container entlang und fand, was er gesucht hatte: Löcher. Rostige, scharfkantige Löcher in dem Metallquader, die groß genug waren, dass er seine Füße hineinstecken konnte. Leise begann er, sich daran in die Höhe zu ziehen, kletterte ganz hinauf und robbte auf dem Bauch bis an die Kante, wobei das Eisen unter ihm bedrohlich knirschte.

„Wir bleiben!“, sagte eine tiefe Stimme. Max’ Stimme. „Ich bin der Anführer der Red Snakes und ich befehle euch, hier zubleiben, bis wir die Rache an dem Ungläubigen vollendet haben!“

Ein etwas lahmer Jubelruf erklang. „Aber weshalb gehen wir nicht nach Hause und fangen ihn morgen? Das würde uns auch genügen. Morgen ist doch Wochenende. Was ist schon eine Nacht?“

„Es geht ums Prinzip, du Schwachkopf!“, zischte Max, „Ich wette, das Opfer...“, er ließ eine Pause, die dramatisch sein sollte, aber nur wie ein Text einer billigen Seifenoper klang, „... ist

hier in der Nähe und hört uns zu. Hast du gehört, du Feigling?“, brüllte er so plötzlich, dass Josh erneut zusammenfuhr, „Wir finden dich, noch heute Nacht. Und dann setzt es eine Tracht Prügel, die du nie vergisst!“

„Also ich gehe jetzt nach Hause!“, widersprach eine Stimme zögernd.

„Wenn du jetzt gehst, bist du kein Mitglied der Red Snakes mehr und alle deine Freunde werden dich verachten!“

„Hey, ich weiß, wo er sich versteckt hält!“, schrie ein anderer. Es mussten mindestens sieben Verfolger sein, der Vielzahl der Stimmen nach zu urteilen. „Er liegt auf einem der Container!“

Joshua erstarrte. Dann fuhr er herum, krabbelte unter ungeheurem Lärm zu den Löchern und wollte springen, doch dort unten stand bereits ein Red Snake. Grinsend sah er zu ihm hinauf. In dem Nebel kam er Josh nicht mehr menschlich vor, sondern wie ein Dämon, der aus dem Meer heraufgestiegen war, um die Einwohner dieser Stadt zu terrorisieren. Der Jugendliche – er schätzte ihn auf siebzehn – sah ziemlich stark aus. Eben holte er Luft, um die anderen herbeizurufen. Joshua zögerte noch eine Sekunde – es waren ungefähr zweieinhalb Meter bis zum Boden – doch dann stieß er sich ab. Er landete weich auf dem überraschten Jungen, riss ihn mit sich zu Boden und sprang hastig wieder auf. Schon ertönten schnelle Schritte und aus der Nebelwand zeichneten sich die Konturen der anderen heraus.

Mit einem Keuchen fuhr er herum und rannte los, nur weg von den Schlägern. Dabei vergaß er den Liegenden, der die Hand ausstreckte und ihn am Knöchel packte. Josh ächzte erschrocken und trat nach der Hand, die eiligst zurückgezogen wurde. So schnell er konnte, raste er davon, verschwand hakenschlagend im Nebel und warf sich in einiger Entfernung zu Boden. Dort atmete er erst einmal tief ein und aus, um seinen Puls zu beruhigen. Dicht vor ihm rannten die Red Snakes vorbei. Hastig zog er den Kopf ein.

Joshua wartete, bis die Schritte verklungen waren und erhob sich vorsichtig. Er musste in die Stadt zurück und zwar schnell! Leichter gedacht als getan. Denk nach!, sagte er sich, Denk nach!

Seine Hände zitterten und es musste mittlerweile auf halb eins zugehen – keine Zeit, zu der man gerne auf einem wie ausgestorben daliegenden Hafengelände ist. Erneut glitt etwas an ihm vorbei, dieses Mal so langsam, dass er einen schwarzen Schnabel und Klauen erkennen konnte. Ein Vogel!, dachte er verblüfft und vergaß für einen kurzen Moment seine Situation. Normalerweise flogen nicht viele Vögel nach Einbruch der Dämmerung herum.

Plötzlich knisterte etwas direkt hinter ihm. Joshuas Nackenhaare stellten sich auf. Entweder war das eine Ratte oder... Er wagte nicht daran zu denken, was es noch sein konnte.

Er verharrte bewegungslos, unfähig sich zu rühren. Doch als nichts geschah, drehte er sich langsam um. Ein kleiner, grauer Schatten verschwand blitzschnell im Nebel, wobei er ein fast unhörbar leises Quieken hervorstieß. Erleichtert atmete er auf. Also doch nur ein lästiger Nager. Wer wusste, wie viele der kleinen Tiere auf dem Gelände herumstreunten...

Aber jetzt gab es wichtigeres. Sein Leben, zum Beispiel. Oder eher, seine heile Haut, aber dessen war er sich nicht so sicher. So wütend, wie Max gewesen war, traute er ihm glatt einen

Mord zu.

Weit entfernt ertönte ein Schiffshorn. Er musste sich noch weiter vom belebten Hafenbecken weg bewegt haben, als er angenommen hatte. Ein neuer, eiskalter Windhauch trug den wenig appetitlichen Geruch nach Katzenfutter heran. Die Idee von vorhin tauchte wieder auf. Vielleicht könnte er die Nacht in der Fabrik verbringen? Er wollte sie gleich verwerfen, aber welche Alternativen hatte er denn? Bewusstlos in einer Ecke gefunden zu werden? Seine Eltern wären bestimmt begeistert. Im eiskalten Meerwasser zu ertrinken? Nein, seine einzige Chance – abgesehen von der Flucht in die Innenstadt, die er niemals geschafft hätte – lag in der Katzenfutterfabrik. Er versuchte sie sich ins Gedächtnis zu rufen. Vor einiger Zeit war er jeden Tag mit seinen Freunden hier gewesen und sie hatten gemeinsam alle Orte erforscht. Wenn ihn sein Erinnerungsvermögen nicht täuschte, war es eine alte, aus brüchigen Ziegelsteinen erbaute, Fabrik, in der, wie man munkelte, nicht nur Fisch, sondern auch ab und zu Ratten verarbeitetet wurden. Und tote Haustiere.

Joshua schüttelte sich. Also, auf zur Fabrik, dachte er, hoffentlich in die Wärme. Er wand sich um und schlich durch eine besonders dichte Nebelwand. Wieder strich etwas kaltes, glibberiges über seine Wange und er fragte sich unwillkürlich, ob in dem Nebel vielleicht etwas wohnte...

Eine schwere Hand fiel auf seine Schulter und krallte sich hinein. Er zuckte erschrocken zusammen und hatte gerade noch Zeit, Max’ Gesicht und seine roten Haare zu erkennen, bevor ein gellender Schrei ihn erneut erschreckte. Auch Max erschrak und aus dem fanatischen Glitzern seiner Augen wurde eine Spur Unsicherheit. Sein Griff lockerte sich und als die Person ein zweites Mal schrie, riss Joshua sich los. Blindlings raste er davon, darauf

gefasst, jederzeit von einem Red Snake angesprungen zu werden. Doch nichts rührte sich und plötzlich wünschte er sich beinah, dass jemand kam und ihn fing, damit er nicht alleine in dieser verfluchten Gegend umherrennen musste.

Aus dem Nebel tauchte ein Hindernis auf. Er konnte nicht mehr bremsen, lief dagegen und fiel der Länge nach rückwärts um. Benommen schüttelte er den Kopf. Fast hätte er einen hysterischen Lachanfall bekommen, aber er riss sich noch einmal zusammen. Leicht schwankend stand er auf und stützte sich an dem Container ab, gegen den er gerannt war. Hinter ihm wurden auf einmal die Rufe seiner Verfolger laut und Joshua setzte sich in Bewegung. Er hatte allerdings einen Großteil seiner Kraft verbraucht und diese Flucht war vermutlich nicht mehr als die letzte Reserve seines Körpers. Er musste zur Fabrik, wo er sich verstecken und vielleicht sogar mit dem Wachmann – wenn es einen gab – reden konnte.

Von weitem sah er schon die seichten, vom Nebel verwischten Lichter der Fabrik und glaubte, ein rhythmisches Stampfen zu hören.

Plötzlich stand er vor einem neuen, silbernen Maschendrahtzaun. Verwirrt starrte er auf dieses Hindernis und fragte sich, wozu diese alte Anlage einen neuen Zaun brauchte.

„Da vorne ist er!“

Hastig griff er in die Maschen, die – wie er hinterher feststellte – nicht unter Strom standen. Er war fast auf der Hälfte des gut drei Meter hohen Zauns, als ihn erneut jemand am Knöchel packte. Mit einem raschen Blick erkannte er, dass es der Jugendliche war, dem er auf den Kopf gesprungen war. Er hatte eine blau verfärbte Beule auf der Stirn, wie er spöttisch feststellte. Das schadenfrohe Lächeln blieb ihm allerdings im Hals stecken, da nun auch die anderen heran waren und langsam näherrückten. „Haben wir dich endlich, du...“, sagte Max mit einem triumphierenden Grinsen. Joshua erfuhr nie, was er noch sagen wollte, denn in diesem Augenblick heulte eine Alarmsirene los.

Ihrer aller Köpfe flogen im selben Moment herum. An einer Lagerhalle blitzte ein Suchscheinwerfer gleichzeitig mit einer roten Warnlampe auf. Der Scheinwerfer begann langsam, aber unerbittlich auf sie zuzuwandern. Er spürte, dass der Junge seinen Fuß losgelassen hatte und als er auf ihn hinunterblickte, bemerkte er, dass er sich die Ohren zuhielt. Rasch nutzte er die Gelegenheit, kletterte weiter hoch und zog sich auf die obere Kante. Der Lichtkegel hatte ihn schon fast erreicht und Joshua versuchte zu springen – es blieb bei dem Versuch. Sein Hosenbein verhakte sich an einem Stacheldrahtkranz, der den Zaun abschloss und er stürzte kopfüber hinab.

Der Aufprall auf dem harten Boden trieb ihm die Luft aus den Lungen. Für einen Moment sah

er glühende Kreise und Sterne, bis ihn eine Bewegung in die Wirklichkeit zurückholte. Über ihm schwebte ein krächzender schwarzer Vogel, der ihn aus besorgten Augen musterte. Aus besorgten Augen? Schnell richtete er sich auf und fasste sich an den schmerzenden Kopf. Er musste ganz schön etwas abgekriegt haben, wenn er einen besorgt dreinblickenden Vogel... er sah sich um, doch das Tier blieb verschwunden. Stattdessen kam der Scheinwerfer immer näher...

Joshua sprang mit einem Schmerzenslaut auf und taumelte in den Schatten des Wachhäuschens, wo er sich gegen die Wand stützte. Etwas Warmes lief an seiner Stirn herab und als er die Hand hob, spürte er, dass es klebrig war. Blut. Na, klasse!, dachte er wütend, Was würden seine Eltern dazu sagen? Er hatte ihnen versprochen, um spätestens 24 Uhr zurückzusein, und nun...

Etwas stimmte nicht. Er runzelte die Stirn, doch ihm fiel nicht auf, was es war. Eine Tür an dem Wachhäuschen sprang auf und fünf Männer stürmten heraus. Sie sahen nicht gerade wie

Fabrikarbeiter aus. Sie trugen schwarze Maßanzüge und – ungeachtet der Tatsache, dass es Nacht war – dunkle Sonnenbrillen. Und sie waren bewaffnet. Einen Augenblick lang zweifelte Joshua ernsthaft an seinem Verstand. Vielleicht war er ohnmächtig geworden und dies war nur eine albtraumhafte Fortsetzung seines Abenteuers?

Die Männer sahen aus wie Agenten in einem sehr schlechten FBI-Film! Was gab es in einer baufälligen Katzenfutterfabrik, dass von Agenten bewacht werden musste? Er ließ seinen Blick über das Gelände streifen. Zwei zugenagelte Lagerhallen gab es, dann noch das Produktionsgebäude und das kleine Wachhäuschen, aus dem die Männer gekommen waren.

Sicherlich musste das, was sie bewachten – was immer es war – in der Produktionshalle sein. Aus ihr ertönte das Stampfen, welches er vorhin gehört zu haben glaubte.

Die ‚Agenten’ hatten sich mittlerweile vor Max und den übrigen Red Snakes aufgebaut, die im Licht des Suchscheinwerfers blinzelten. Zwei von ihnen – Max eingeschlossen – hingen an dem Zaun und wagten nicht, sich zu bewegen.

Einer der Agenten holte ein kleines schwarzes Ding aus seiner Tasche, drückte darauf und der infernalische Lärm erlosch. Der Wind heulte in der plötzlichen Stille.

Und Joshua wusste auf einmal, was nicht stimmte. Es war der Nebel, der auf dieser Seite des Zaunes fehlte. Drüben sah er die Red Snakes und hinter ihnen die undurchdringliche Nebelwand, durch die er vorhin gelaufen war und hier? Nicht ein Hauch von Nebel war zu sehen! Aber wie, fragte er sich verwirrt, ist so etwas möglich? Er erinnerte sich genau daran, dass er nicht einmal fünf Meter weit hatte sehen können, als er vor seinen Verfolgern geflüchtet war. Vielleicht war es ein Schutzmechanismus der Firma? Oder – aber das weigerte

er sich zu glauben – dieser Ort war verflucht.

„Was wollt ihr hier?“, die Stimme klang hart und fordernd. Joshua lief es kalt den Rücken hinunter. Er legte den Ärmel seiner Jacke über den Mund, um seinen Atem leiser zu machen.

„Wir... wir suchen einen Freund!“, stotterte Max und löste vorsichtig die Hand aus dem Drahtgeflecht. Sofort luden die beiden Außenstehenden ihre Waffen durch. Joshua hatte nie zuvor so eine Angst auf dem Gesicht des Jugendlichen gesehen und obwohl er ihn nicht leiden konnte, tat er ihm ein bisschen leid. Dieses Mitleid erlosch aber sogleich, als er begriff, dass Max ihn verraten würde.

„Das hier ist Privatgelände!“, der Mann machte sich nicht einmal die Mühe, die Drohung in seinem Ton zu unterdrücken, „Ihr dürft nicht einmal näher als fünf Meter an den Zaun herantreten! Geht jetzt, aber lasst euch gewarnt sein! Dieser Zaun steht sonst unter Strom, was er auch gleich“, er winkte einem Mann, der daraufhin im Wachhaus verschwand, „wieder tun wird.“

Die Zeit schien stillzustehen. „Und... und was wird aus... unserem Freund?“, erkundigte Max sich.

„Um den kümmern wir uns!“, ein raues Lachen ertönte und der Anführer lud seine Waffe ebenfalls durch. Mit einem letzten Blick auf die Agenten drehten sich die Red Snakes um und rannten in kopfloser Hast davon. Kaum waren sie verschwunden, erlosch das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes.

„Findet diesen Bengel und bringt ihn zu mir! Er darf es nicht sehen, verstanden?“

„Und wenn er es bereits gefunden hat?“, fragte der Mann rechts vom Anführer.

„Daran dürfen wir nicht einmal denken!“, fuhr der auf und ging zurück ins Haus.

Joshua hatte genug gesehen. Leise zog er sich ein Stück in den Schatten zurück und wartete, bis die Männer sich weit entfernt hatten.

Was ist es?, dachte er unruhig und wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits musste er das Gelände verlassen. Aber wie? Sollte er sich einem der Agenten stellen? Und dann?

Oder er machte sich auf die Suche nach dem Ding, was der Anführer der Agenten als es bezeichnet hatte. Danach konnte er sich den Männern noch immer stellen. Gedacht, getan.

Seine Schwäche war wie weggeblasen, als er leise hinter zwei Schatten herschlich, welche von den Agenten geworfen wurden. Wo sie schon gesucht hatten, würden sie ihn am wenigsten vermuten.

„Findest du nicht, dass er etwas übertrieben hat?“, fragte der eine.

„Womit? Dieses Theater mit den Waffen?“

„Ja.“

„Eines Tages werden sie so oder so merken, dass es uns gibt und dann ist es egal. Aber wenn ich ehrlich bin: Er hat es noch immer nicht begriffen“, der Mann griff in seine Tasche und zog eine Schachtel Zigaretten heraus. „Auch eine?“

„Nein, danke. Das dürfen wir nicht. Schließlich werden hier Forschungen betrieben, die wichtiger sind als unser Leben.“

„Die Forschungen sind doch weit fortgeschritten, man könnte sogar sagen, fast beendet. Da ist das bisschen Rauch nicht schlimm.“

Joshua fragte sich verwundert, worüber die beiden da redeten. Forschungen? Was für Forschungen? Er runzelte die Stirn und lauschte weiter.

„Unser Herr wird nicht erfreut sein, von diesem Zwischenfall zu hören. Eigentlich hatte er uns doch versichert, dass niemand zu uns kommen kann.“

Der Raucher lachte und hustete gleichzeitig. „Der schwarze Kerl ist nicht ganz dicht! Was der sich immer einbildet!“

„Er ist schon ein wenig seltsam!“, entgegnete der andere und schüttelte den Kopf, „Er hält sich für zu genial für diese Welt. Kein Wunder... “

„Bist du dir sicher, dass er überhaupt etwas von dem kann, was er uns per E-Mail vorschwärmt? Ich nicht. Doch wir sollten uns darüber nicht allzu viele Gedanken machen. Wir müssen den Jungen finden. Sieh du dort hinten nach, wir treffen uns am Wachhaus!“

Sie trennten sich und verschwanden in unterschiedlichen Richtungen.

Als Joshua sich einigermaßen sicher fühlte, bog er im Schatten des Lagerhauses ab und versteckte sich in einer Ecke. Er hatte nicht einmal den Bruchteil dessen verstanden, wovon die Männer geredet hatten, aber er hatte Angst und das nicht wenig. Seine Knie zitterten. Irgendetwas seltsames ging hier vor und er fragte sich, was es wohl sein könnte. Der Anführer der Agenten hatte von einem es gesprochen und die beiden eben über einen schwarzen Kerl.

Das einzig logische ist, dass es in der Produktionshalle ist, dachte er und warf einen Blick auf die verschlossene Lagerhalle. Darin ließ sich bestimmt nichts Wichtiges aufbewahren, dazu war das Gebäude zu verfallen. Durch die Decke regnete es im Herbst hinein, das hatte er auf einem seiner zahllosen Streifzüge herausgefunden.

Ein metallenes Scheppern und ein Fluch ertönten in seiner Nähe. Er musste vorsichtig sein, um den Agenten nicht direkt in die Arme zu laufen. Ein anderes Geräusch erschallte, was ihm fast das Herz stehen bleiben ließ. Es klang wie ein Hund. Wenn es hier Hunde gab, war er geliefert. Aber keine reißende Bestie sprang ihn an oder schlich im Schatten herum. Zu viele Gruselfilme gesehen, dachte er spöttisch und nahm sich vor, von jetzt an nur noch Dokumentationen zu sehen.

Ein kalter Tropfen fiel von oben herab auf seinen Kopf. Joshua sah hinauf und entdeckte ein uraltes Werbeschild mit einem grinsenden, abgeblätterten Katzengesicht. Das Schild war hell erleuchtet und musste gut vierzig Jahre alt sein. Und es knarrte im Wind! Erleichtert atmete er auf. Also keine Hunde. Aber ein inneres Unwohlsein blieb zurück. Der Wind hatte – soweit das noch möglich war – aufgefrischt und jagte mit unverminderter Heftigkeit heran. Er brauste um die Ecken und zerrte an der bröckeligen Ziegelsteinmauer. Plötzlich erinnerte ihn das Gelände an die Kulisse eines Horrorfilms, den er vor einiger Zeit gesehen hatte.

Joshua huschte leise hinüber zu der eigentlichen Produktionshalle und versuchte, etwas im Inneren zu erkennen, was aber unmöglich war. Die Halle musste gut sechs Meter hoch sein und ihre Fenster befanden sich ganz oben. Enttäuscht wand er sich ab und überlegte, was er nun tun konnte.

Mit einem Seufzer lehnte er sich gegen die Wand, wobei einige Steinbrösel herabrieselten. Ich könnte mich ja durchkratzen, dachte er grinsend.

Plötzlich zerriss ein donnernder Schuss die Nacht. Ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte, dann ein menschlicher Schrei, angefüllt mit Entsetzen und schließlich Stille. Was war geschehen?

Er hatte nicht die Zeit, sich etwas dazu zu denken, denn nun wurde eine Tür an der Produktionshalle aufgestoßen und mehrere Gestalten in weißen Kitteln rannten heraus. Joshua stand glücklicherweise im Schatten und wurde von keinem der Männer und Frauen bemerkt, die unruhige Bewegungen in die Dunkelheit brachten. Durch die weit offene Tür verschwanden weitere Personen in die Nacht.

Und dann kam niemand mehr. Er zögerte. Sollte er hineingehen? Noch hatte er die Möglichkeit, einfach der ganzen Sache den Rücken zu kehren. Aber eine so starke Neugier hatte ihn erfasst, dass sein Körper sich wie von selbst in Bewegung setzte.

Das Geschrei und alle anderen Geräusche hatten sich entfernt, niemand war in der Halle, die er jetzt betrat. Schnell warf er einen sichernden Blick in die Dämmerung hinaus, besah sich die Tür genauer und entdeckte zu seiner Erleichterung einen eisernen Riegel. Bei seiner Musterung fiel ihm auf, dass die Wände des baufälligen Gebäudes von innen mit einer Schicht Eisen bedeckt waren. Also wäre aus dem Durchkratzen nichts geworden.

Erstaunt blickte er auf das Bild, was sich ihm bot. Riesige Kessel, Fließbänder und Druckmesser blitzten um die Wette. Kein Mensch war zu sehen und doch lief alles auf Hochtouren. Neonleuchten warfen ihr kaltes Licht auf die Szenerie, die auf einmal wie ein Raumschiff in einem kitschigen Science-Fictionfilm wirkte. Und doch war alles echt. Ebenso echt und real wie die Stimmen, die sich der Tür näherten.

Mit einem Hechtsprung warf Joshua sich nach vorne und gegen die Tür. Sie war für eine Metalltür erstaunlich leicht und fiel mit einem dumpfen Krachen ins Schloss. Schnell legte er den Riegel vor. Die Geräusche von außen hallten an den Wänden wieder. Bestimmt gab es einen Nothebel für die Tür. Es konnte sich nur um Minuten handeln, bis sie das Gebäude stürmen würden.

Gehetzt sah er sich um, war einen Augenblick lang irritiert von den blitzenden Lichtern und Reflektionen und entdeckte dann das, was er vermutet hatte: Einen Aufzug. In einer normalen Fabrik brauchte man keinen Lift, es sei denn, es befanden sich noch andere Räume darunter! Und man brauchte geheime Räume, wenn man etwas vor den anderen verstecken wollte.

Anscheinend hatte sich niemand Sorgen um ungebetene Besucher gemacht, denn der Aufzug war nicht im geringsten versteckt. Er sprintete los, während die Menschen draußen wütend gegen die Metalltür anrannten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie alle dreckig gewesen waren, als sie das Gebäude verlassen hatten. In der Halle gab es nichts unsauberes, was nur heißen konnte, dass sie sich unten beschmutzt hatten. Als sich die Lifttüren geräuschlos hinter ihm schlossen, überfiel ihn eine unbestimmbare Panik, die er hastig niederkämpfte. Er konnte es sich jetzt nicht leisten, durchzudrehen.

Eine digitale Anzeige machte ihn darauf aufmerksam, dass er 1,2 oder 3 drücken sollte. Joshua hatte keine Ahnung davon, welche Ziffer für was stand. Er sank erschöpft gegen die Wand und schloss die Augen. Seinem inneren Zeitgefühl zufolge musste es schon sehr spät sein und er spürte, dass ihn dieses >kleine Abenteuer< mehr Kraft gekostet hatte, als er anfangs geglaubt hatte.

Ein dumpfer Schlag riss ihn aus dem Dämmerungszustand, in den er gesunken war. Schnell ließ er seine Hand auf die Tasten krachen und erwischte dabei die 2. Danach drückte er geschwind noch 1 und 3. In einem der Stockwerke konnte er aussteigen. Die Liftkabine gaukelte ihm Sicherheit vor, doch er spürte, dass er hier nicht wirklich in Sicherheit war, im Gegenteil. Hier war er mehr denn je in der Hand der Feinde. Wenn die Menschen oben in der Halle schnell genug waren, würden sie den Strom abdrehen, bevor der Aufzug hielt. Wenn das geschah, war er ihnen ausgeliefert.

Joshua blickte nach oben und entdeckte eine winzige Videokamera, die allem Anschein nach aus war. Er sah genauer hin und bemerkte, dass sie nicht mit dem Kabel verbunden war, welches den Strom lieferte. Was ging hier vor? Fand gerade ein Überfall statt und er war mitten drin?

Die Türen des Aufzuges glitten auseinander. Für einen Moment hatte er Angst, sich das Stockwerk anzusehen. Ein dunkler – nein, dämmeriger, aber nicht richtig dunkler – Gang empfing ihn. An den Wänden standen lange Regalreihen, angefüllt mit Gläsern, deren Inhalt er sich lieber nicht genauer ansah. Oder doch? Er versuchte es, aber es war zu dunkel.

Ein merkwürdiges Geräusch hallte ihm Aufzugsschacht. Es gehört nicht hierher, dachte er müde und trat einen Schritt nach vorne, womit er ganz aus dem Aufzug heraus war.

Keine Sekunde zu früh, denn nun senkte sich die Kabine ganz langsam nach unten. Ein

peitschender Knall ertönte, dann raste der Lift mit einem seltsamen Wimmern in die Dunkelheit hinunter, die plötzlich entstand.

In diesem Moment war er sich völlig sicher, dass alles nur ein Traum war. Sämtliche Action- und Horrorfilme vermengten sich in seinem Kopf zu diesem gewaltigen... Albtraum.

Joshua wand sich wie betäubt nach links und begann den Gang entlangzugehen. Seine Bewegungen waren mechanisch, wie die einer Maschine. Vor seinem inneren Auge tauchte der dunkle Schacht auf, in dem der Aufzug verschwunden war und noch etwas anderes. Schlangenähnliche Körper wanden sich heraus, mit einem teuflischen Zischen...

Nur nicht wahnsinnig werden!, dachte er und spürte, wie sein Atem schneller wurde. Verzweifelt blinzelte er, um das grauenhafte Bild zu verscheuchen, doch wieder und wieder sah er die dunklen Konturen der Dinge, die hinter ihm krochen. Plötzlich hörte er ein Zischen und es war so echt, dass er blindlings losrannte. Ihm wurde bewusst, dass er ganz allein in dieser dämmerigen Hölle war, eingeschlossen mit ihnen...

Er rannte so schnell, dass er glaubte, sein Herz müsse zerspringen. Und er schrie, laut und gellend, dass es auch in den Lagerhallen noch zu hören sein musste.

Willkommen in deiner selbstgewählten Hölle!, sagte eine höhnische Stimme in seinem Kopf.

Und dann griffen die Gestalten wirklich nach ihm. Er rannte gegen etwas, keuchte verzweifelt und wand sich in dem Griff des Angreifers. Sie gingen beide zu Boden und Joshua schlug wie wild um sich. Du bist verloren, dachte er entsetzt und wehrte sich noch heftiger.

Er spürte, wie das Ding ihn umklammerte und bekam keine Luft mehr, als sich ein Ring um seine Brust legte.

„Beruhige dich!“, zischte eine – menschliche – Stimme. Joshua hielt mitten in der Bewegung inne. Er schüttelte den Kopf und alle Visionen verschwanden, bis er bemerkte, dass ein Mann ihn umklammert hielt.

„Es geht wieder!“, ächzte er. Auf der Stelle wurde der Griff gelockert und Joshua sank zu Boden. Ein großer Mann rappelte sich auf und betrachtete ihn aufmerksam. Er war noch nicht sehr alt – höchstens 25 – schätzte er, als er wieder einigermaßen Luft bekam. Es war einer der schwarzgekleideten Agenten, aber er war ein Mensch und das war das einzige, was zählte.

„Wer bist du?“, fragte er scharf, „Das hier ist eine private Einrichtung. Du dürftest gar nicht da sein.“

„Ich... ich bin Joshua“, sagte Joshua und stand langsam auf. Er wusste nicht, ob dieser Agent auch eine Waffe trug, aber wenn es so war, wollte er sie gar nicht sehen.

„Und was hast du hier verloren?“

„Ich... ich habe mich verlaufen...“, er hätte sich das nicht einmal selbst geglaubt. Außerdem stand er seinem Feind gegenüber! Er tat, als wollte er sich an der Wand abstützen, fuhr stattdessen jedoch herum und rannte davon.

„He!“, brüllte der Mann und setzte zur Verfolgung an. Joshua hatte einen kleinen Vorsprung und raste noch schneller dahin, dass die Wände nur so an ihm vorbeiflogen. Und trotzdem holte der Agent auf. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er in Richtung Aufzugabgrund lief. Mitten im Schritt hielt er an, machte kehrt und wollte auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Der Mann hielt ebenfalls an, breitete die Arme aus und kam langsam auf ihn zu.

„Zum letzten Mal, Joshua, was willst du hier? Niemand verläuft sich auf ein hochgesichertes Gelände, in eine Fabrik, die einer Festung gleicht und dann noch in einen Aufzug, der geradewegs in ein unterirdisches Gewölbe führt!“ Er machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. „Wie bist du überhaupt hereingekommen?“

Joshua sah sich gehetzt um. Warum nur lief bei ihm alles schief?

„Denk nicht einmal daran, wegzulaufen, ich habe eine Waffe bei mir.“

„Sie... Sie würden auf mich schießen?“, er ärgerte sich über seine klägliche Stimme.

„Wenn du flüchtest, lässt du mir keine andere Wahl.“ Der andere sah ihn düster an und ließ die Arme sinken. „Lass uns reden. Das hier ist eine Einrichtung der Regierung und du dürftest gar nicht hier sein. Wie bist du über den Zaun gekommen?“

„Er war ausgeschaltet“, entgegnete Joshua niedergeschlagen. Es hatte keinen Zweck, weiter vor dem Agenten davonzulaufen. „Ich dachte, ich könnte mich hier vor Max verstecken und bin über den Zaun geklettert. Dann waren da plötzlich Männer mit Waffen und ich bin weggelaufen und in die Fabrik...“, ihm wurde bewusst, dass der Agent Max gar nicht kannte.

„Stop!“, unterbrach der Mann, „Wie bist du in die Fabrik gekommen?“

„Da war ein Schuss und alle sind rausgelaufen. Ich bin rein in die Halle und wollte mich umsehen, weil es mir komisch vorgekommen ist, dass eine Katzenfutterfabrik von Agenten – wenn es welche sind – bewacht wird. Aber die Leute kamen zurück und ich habe die Tür verriegelt. Dann sah ich den Aufzug, rannte hinein und fuhr hierher. Auf dieser Etage bin ich ausgestiegen und auf einmal gab es ein komisches Geräusch und der Aufzug stürzte ab.“ Er zögerte.

„Und warum bist du wie wahnsinnig den Gang entlang gestürmt?“

„Da waren wieder so komische Geräusche“, murmelte Joshua leise. Er glaubte zwar, sich die Töne nur eingebildet zu haben, aber falls er sie wieder hörte, würde der Agent wissen, wovon er sprach. „Eine Art Zischen und ich dachte, es wären vielleicht...“, er brach ab und lauschte. War es da nicht schon wieder? Ruhig!, dachte er, Es ist nichts, es kann nichts sein...

Auf dem Gesicht des Mannes zeigte sich angespannte Aufmerksamkeit. „Was ist?“, flüsterte Joshua. Er konnte regelrecht spüren, wie er blass wurde.

„Nichts. Ich habe nur versucht zu hören, was du gehört hast. Ich kann nichts hören.“

Für einen Moment war es totenstill – nur ein leises, elektrisches Knistern drang aus dem Liftschacht. Und das Zischen.

Joshua erstarrte. Das war unmöglich! Der Agent hörte doch auch nichts! Er begann zu zittern, was nicht nur an der Anspannung lag. Es war eiskalt in dieser Gruft. Er rückte langsam näher an den Mann heran. Nur noch wenige Schritte trennten sie. Das Zischen wurde lauter, deutlicher. Fordernder? Verlangte es das Opfer, was ihm eben entgangen war?

Eine grauenhafte Idee schälte sich aus seinen Gedanken. Was war, wenn es ein Monster war? Ein gentechnisch verändertes Irgendwas?

„Ich bringe dich erst einmal zu den anderen. Weshalb bist du eigentlich vor ihnen weggerannt?“, er runzelte die Stirn. „Mein Gott, Junge, du siehst schrecklich aus. Fehlt dir was?“

Joshua fragte sich, wie der Mann in dieser Dämmerung den Ausdruck auf seinem Gesicht sehen konnte. War seine Angst so offensichtlich?

„Helfen Sie mir!“, flüsterte er.

„Was? Wobei denn?“

„Bei... bei...“, er sank mit einem Schnaufen gegen die Wand. Der Agent sprang auf ihn zu, um ihn zu stützen. „Es gibt noch einen Lift!“, sagte er und zog Joshua mit sich.

Dieser riss sich blitzschnell los, versetzte dem Mann einen Stoß und rannte - zum wievielten Mal eigentlich? – weg. Gib auf!, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Aber das konnte er nicht. Nicht, bevor er es gefunden hatte. Eine unaufhaltsame Neugier trieb ihn vorwärts und er wusste, dass das Gefühl erst verschwinden würde, wenn er es gefunden hatte.

„Verflucht, bleib stehen! Ich tue dir doch nichts! Ich...“

Joshua bog um eine Ecke und fand sich in einem so grell erleuchteten Gang wieder, dass er einen Augenblick lang fast blind war und heftig blinzelte. Überall zweigten Metalltüren mit eingelassenen Glasfenstern ab. Sein Herz machte einen Sprung. Bestimmt konnte er sich hier irgendwo verstecken! Und dann?

Seine Hoffnung erlosch, als er an einer Tür rüttelte. Verschlossen! Seine Knie zitterten. Hastig lief er zur nächsten, aber auch diese war zu. Hinter der Glasscheibe sah er mehrere Tische, die verdächtig nach Seziertischen aussahen. Außerdem entdeckte er einen riesigen Glasbehälter mit einer gelartigen Masse darin, in welchem ein dunkles Etwas schwamm. Er presste sein Gesicht gegen die Scheibe und versuchte es zu erkennen... EIN MENSCH! Ein toter Mensch in einer Gelkapsel! Joshua prallte zurück, spürte eine Hand auf seiner Schulter und hörte seinen Verfolger sagen: „Warum läufst du die ganze Zeit...“, er verstummte.

„Was, zum Teufel, ist DAS?!“ Der Agent beugte sich über ihn, wobei Joshua erneut auffiel, wie groß er war. In diesem Moment wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Mann zu überwältigen, doch er tat es nicht. Das ist also das Geheimnis!, dachte er, Sie machen Versuche mit Menschen! Aber weshalb war der Agent so überrascht davon?

Er warf einen Blick in die Richtung, in der er den Liftschacht vermutete. War da nicht...?

Der Fremde holte einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür. Er kümmerte sich nicht mehr um Joshua, aber der hatte keine Lust – und vor allem nicht den Mut – zu flüchten. Vielleicht bedeutete der Raum Sicherheit.

Der Mann trat als erstes hinein und knipste das Licht an. Ein grelles Neonlicht blitzte auf und beleuchtete eine Anzahl von Messgeräten, die um den Menschen in der Kapsel verteilt waren. Sie zeigten Puls, Herzschlag und Atmung an – oder hätten diese angezeigt, wenn sie vorhanden gewesen wären. Joshua war so vertieft in den Anblick, dass er die Bewegung im letzten Moment wahrnahm. Der Agent stand wie erstarrt und lauschte.

„Was war das?“, fragte er leise und bedeutete ihm, sich von der Tür zurück zu ziehen. Langsam zog er seine Waffe – einen Revolver, wie Joshua erkannte.

„Wa... was?“, flüsterte er entsetzt.

„Ich hätte schwören können, dass da ein Geräusch war. Ein Zischen oder so“, der Agent zuckte mit den Schultern und wollte die Waffe wegstecken, doch er schien es wieder zu hören, denn seine ganze Gestalt drückte angespannte Aufmerksamkeit aus. Er schlich zu Joshua hinüber und wisperte: „Ich gehe nachsehen, was da ist. Fass nichts an und lauf auf gar keinen Fall weg! Bestimmt sind die anderen bereits hier unten, die nicht wissen, wer du bist.

Sie schießen ohne zu fragen. Schwöre, dass du dich nicht vom Platz bewegst, es sei denn, du wirst angegriffen“, ihre Blicke trafen sich.

Joshua nickte. Er konnte nicht antworten. Der Mann gab sich damit zufrieden, seufzte und fügte hinzu: „Ich gehe nach rechts, falls etwas passiert, ok?“

Ohne auf eine Erwiderung zu warten, huschte er aus der Tür.

Joshua zitterte mittlerweile stark. Die Anspannung war zu viel für ihn. Außerdem war er müde... Er musste gähnen. Ganz schön peinlich, dachte er und verzog den Mund, ich sitze hier in einer geheimen Fabrik, in der gentechnische Experimente gemacht werden und das einzige, was ich denke, ist, dass ich müde bin! Er schüttelte den Kopf und fragte sich, ob es stimmte. Mit Gentechnik kannte er sich absolut nicht aus und der Mann in dem seltsamen Behältnis sah auch nicht aus, als wäre etwas an ihm verändert worden. Er sah nur... sehr tot aus.

Josh sah sich nach einem Versteck um. Eine Nische unter einem Schreibtisch schien groß genug und er wollte sich gerade hinüberbewegen, als er ein ersticktes Keuchen hörte. Wie erstarrt blieb er stehen. War das der Agent?!

Ängstlich stahl er sich zum Eingang und starrte in die Dämmerung. Ein Schatten erschien an der Wand. Es sah aus, als führten zwei Wesen einen grotesken Tanz auf. Oder als rangen sie miteinander...

Joshua wand sich lautlos nach links, nur weg von den Kämpfenden. Er huschte den Gang entlang, vorbei an einigen verschlossenen Türen, hinter denen grünes Licht herrschte. Er erreichte unbehelligt einen Seitenflur und kam an einer Tür vorbei, hinter der das Licht normal zu sein schien. Probeweise drückte er dagegen, stürmte erleichtert in den Raum hinein und blieb überwältigt in der Mitte stehen. Genau wie in der Fabrikhalle blinkten Geräte, Knöpfe und ähnliches. Es war ein riesiges Durcheinander, obwohl das Zimmer eigentlich nicht sehr groß war. Ein Schaltpult befand sich direkt neben dem Eingang, mehrere fremdartige Maschinen – sie glichen der Liftkabine, stellte er verwundert fest – funkelten an der gegenüberliegenden Wand.

Joshua ging langsam auf sie zu. Er staunte über die Konstruktion, die bis an die Decke reichte und mit unzähligen Kabeln verbunden war. Rasch schlüpfte er hinein und besah sich den Innenraum. Auch hier gab es eine Unmenge Knöpfe, Schalter und Hebel. >Close< stand auf einem. Es konnte bestimmt nicht gefährlich sein, die Kabine nur einmal auf und zu zumachen. Er drückte den Knopf und sah zu, wie sich eine durchsichtige Glaswand im Zeitlupentempo von oben nach unten bewegte.

In diesem Moment krachte die Eingangstür auf und prallte heftig gegen das Schaltpult. Der Agent erschien im Rahmen, mit der Waffe in der Hand. Seine Lippe war aufgeplatzt und über dem rechten Auge zog sich eine kleine Wunde, aber ansonsten war er unverletzt. Er entdeckte ihn in der Kammer und erschrak so sehr, dass ihm die Waffe aus der Hand glitt und zu Boden fiel. „Nein!“, schrie er, „Bist du wahnsinnig? Komm da heraus!“ Er hechtete über das Pult und schlug so stark auf einen Knopf, dass Joshua das Plastik knirschen zu hören glaubte.

Mit einem erleichterten Gesichtsausdruck sah der Agent zu, wie sich das Tor wieder öffnete. Erst als es ganz oben war und stillstand, atmete er auf.

Dann verdüsterte sich seine Miene. „Du bist wohl lebensmüde, du kleiner Narr! Ich hatte dir doch befohlen, in dem Raum zu bleiben! Nicht einmal ich weiß, wozu all diese Geräte sind und du spazierst einfach herein und spielst an ihnen herum!“ Er setzte zu einer Strafpredigt an, aber die Tür wurde erneut aufgestoßen und ein wahrhaftiger Albtraum stürzte herein.

Das Wesen war riesig und ungeheuer breit. Es war über und über mit zotteligem, braunen Fell bedeckt und hatte einen schuppigen, grünschillernden Schwanz. Kleine, rote Schweinsäuglein blinzelten in die ungewohnte Helligkeit und eine winzige Stupsnase zuckte, als es ihn entdeckte. Schwarze, spitze Zähne entblößten sich und ein dumpfes Knurren drang aus der Kehle des Dinges.

Joshua war so entsetzt, dass er nicht einmal schreien konnte. Bis jetzt hatte er alles als Albtraum abtun können, aber dieses Etwas war nicht gewillt, zu verschwinden, wie die anderen Visionen es getan hatten. Im Gegenteil, es begann mit kleinen Trippelschritten auf die Kabine zuzugehen und hob eine mit schwarzen Krallen bewehrte Hand.

Der Agent setzte mit einem Satz über das Schaltpult, stürmte auf die Kabine zu und schrie: „Schließe die Tür!“ Joshua drückte den Close-Knopf und unendlich langsam senkte sich die Glaswand herab.

Der Mann sprang unter der Barrikade hindurch und stieß sich den Kopf an der metallenen Wand, weil er zuviel Schwung drauf hatte. Das Wesen begann nun ebenfalls auf die Kammer zu zurennen, aber es war sehr schwerfällig. Die Tür schloss sich und Joshua wollte erleichtert aufatmen. Doch dazu gab es keinen Grund. Das Tor war vielleicht zu, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Koloss das Glas knacken würde. Erschöpft wollte er sich gegen die Wand lehnen, aber der Agent riss ihn an sich. „Nichts berühren!“, zischte er und griff so fest zu, dass es wehtat, „Jeder Knopfdruck könnte die Maschine in Gang setzen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was dann passiert! Ich weiß nicht einmal, wozu es dieses Labor gibt!“

Das Zottelding schlug wütend gegen die Glasscheibe. Sie schien nicht besonders dick zu sein, aber Joshua war froh, dass sie wenigstens den ersten Schlag aushielt. „Was... was können wir jetzt tun?“, fragte er leise und versuchte die harte Hand an seiner Schulter abzustreifen, „Sie tun mir weh!“

Sofort lockerte sich der Griff. „Beten“, entgegnete der Mann resigniert, „Wir könnten beten, dass die anderen auf dem Weg sind und uns hier rausholen, bevor es“, er deutete auf das Wesen, was vor der Scheibe tobte, „die Kabine aufgebrochen hat.“ Eine kleine Pause entstand, in der beide ihren düsteren Gedanken nachhingen und nur das Gebrüll des Ungeheuers die Ruhe störte. Schließlich fragte Joshua vorsichtig: „Was passiert mit mir, wenn Ihre Kollegen das Wesen verscheucht haben?“

„Wir werden dich verhören, wie du hierher gekommen bist, um die Sicherheitslücke zu finden. Dann rufen wir die Polizei, weil du eingebrochen bist, die dich bestimmt nach Hause bringen.“

Ein elektrisches Summen riss sie beide aus den Gedanken. „Was ist nun los?“, erkundigte er sich alarmiert.

„Ich habe keine Ahnung!“, lautete die Antwort, „Übrigens, ich bin Jarod.“

„Wie schön, dich kennen zu lernen, aber es wäre besser, wenn die Umstände nicht so schlecht wären.“, erwiderte Joshua spöttisch. Er hatte Angst, aber das musste Jarod ja nicht unbedingt merken.

Was immer diese Maschine tun würde, es würde bestimmt nichts Gutes sein, schließlich stand sie in einem hochgesicherten Gebäude.

„Was ist das für ein Toter gewesen?“, fragte er unsicher. Das Bild des Körpers, der in dieser widerlichen rosa Glibbermasse schwamm, tauchte wieder vor seinen Augen auf.

Der Agent zog eine Grimasse. „Wenn ich vorher davon gewusst hätte, wär ich niemals hierher gekommen!“, sagte er scharf, „So ein Mist!“

„Ich... ich habe den Toten gesehen und ich... ich frage mich, ob...“

„... wir dich auch umbringen, weil du ihn gesehen hast?“, der Mann schlug ihm leicht auf die Schulter, soweit das in der Enge ging. „Unsinn!“, meinte er freundlich, „Deswegen bringen wir keinen um!“

„Wegen was sonst?“ Die Frage war schneller heraus, als er sie gedacht hatte. Er biss sich auf die Lippe.

„Ich habe noch nie einen Menschen umgebracht“, entgegnete Jarod nachdenklich, „Und eigentlich hatte ich es auch nicht vor. Ich bin sozusagen nur als Aushilfe hier.“

Ein seltsames Knistern ließ sie beide verstummen. Im nächsten Moment strömte ein gelbes Gas durch eine Öffnung an der Decke. „Halt die Luft an!“, zischte der Agent und zog ihn mit sich zu Boden. „Das ist Gas! Wer weiß, ob es giftig ist!“

Joshua nickte und holte schnell Luft. Innerhalb weniger Sekunden war die Kabine voll von dem Nebel, der sie wie eine klebrige Masse bedeckte und auch die Wände des Gerätes herunterwallte.

Vor seinen Augen begannen nach einem Moment glühende Kreise und Sterne zu tanzen und ein stechender Schmerz bohrte sich in seine Lunge. Er hob den Arm, presste sein Gesicht fest gegen die Jacke und sog gierig Luft durch seinen improvisierten Filter. Leider nutzte das nicht viel. Das Gas kratzte in seinem Hals.

Er spürte, dass eine leichte Müdigkeit ihn ergriff, seinen Geist vernebelte und sank gegen die Wand. Das letzte, was er hörte, war eine mechanische Stimme, die sagte: „Eine gute Reise wünsche ich Ihnen!“

Dann sank er in eine eisige Schwärze hinab.

Kapitel 3

Kapitel 3
 

Vorsichtig öffnete Joshua die Augen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber der Anblick, der sich ihm bot, war irgendwie nicht passend.

Über ihm spannte sich ein nachtschwarzer Himmel, übersät von funkelnden Sternen. Die drei Monde dort oben erschienen ihm so nah... drei Monde? Gab es nicht nur einen?

Wer war er überhaupt? Und, vor allem, wo? In seinem Kopf war ein einziger, dumpfer Schmerz, der alle Gedanken hinter einem Vorhang behielt.

Doch die Erinnerung ließen sich nicht lange zurückhalten. Plötzlich war alles wieder da: Max, der Agent, die Maschine,... Erst waren es nur Worte, dann formte sich seine ganze Geschichte aus dem Durcheinander heraus. Was war das nur für ein Gerät gewesen? Er fühlte sich, als hätte ihn jemand durch einen Fleischwolf gedreht.

Er roch den Duft von frischem Gras, was die weiche Unterlage erklärte, die er unter sich spürte. Aber sonst? War er vielleicht in der Vergangenheit? Fragen über Fragen und keine Antworten!, dachte er matt. Seine ohnehin nicht überwältigende Kraft hatte er irgendwo auf dem Weg zwischen der Katzenfutterfabrik und hier verloren. Er war sogar zu schwach, um den Arm zu heben.

Nachdem er eine Weile reglos dagelegen hatte, dämmerte es am Horizont. Um sich herum erkannte er nun die Silhouetten von Bäumen. Anscheinend war er in einem Wald. Die drei Monde verschwanden und ein rosa Schimmer verkündete die Ankunft der Sonne, oder was auch immer an deren Stelle erscheinen mochte, aber Joshua war jetzt nicht nach der Schönheit der Natur zumute.

Plötzlich überkam ihn Panik. Wenn er sich nicht bewegen konnte, würde er hier sterben. Er kämpfte die Angst nieder und konzentrierte sich darauf, sich in die Höhe zu stemmen. Nach Ewigkeiten, wie es ihm schien, gelang es. Seine Muskeln zitterten stark und er schüttelte sich benommen, um das beklemmende Gefühl loszuwerden, das sein Herz umschlossen hielt.

Er lag auf einer Lichtung, die mit weichem Moos und Gras bewachsen war. In den Halmen glänzte der Morgentau und Joshua bemerkte jetzt, dass es sehr kalt war. Um die Lichtung herum standen riesige, knorrige Bäume. Einige kamen ihm bekannt vor, andere wusste er nicht einzuordnen.

Alle Knochen in seinem Leib schmerzten und er drehte den Kopf, um die Verspannung in seinem Nacken zu lockern. Seine Bewegung erstarrte und seine Augen wurden groß vor Staunen. Über die Baumwipfel hinweg konnte er Berge sehen. Aber es waren nicht irgendwelche Berge – sie waren unfassbar schön. Das Gebirge musste unglaublich weit entfernt und riesig sein. Es wirkte zerbrechlich, beinah gläsern und leuchtete in allen Farben des Regenbogens!

Langsam stand Joshua auf, wobei er die Berge nicht aus dem Blick ließ. Die Spitze des höchsten Gipfels war glühend rot, wechselte dann zu gelb, ging allmählich in grün über und endete in einem klaren Himmelsblau. Aufgrund der weiten Entfernung konnte er das Ende nicht sehen, doch der Berg glitzerte und funkelte auch so wie ein Juwel in der grünen Landschaft.

Nach einer halben Stunde – schätzte er – schaffte er es, sich von dem überwältigenden Anblick loszureißen und sich der ernüchternden Realität zu zuwenden. Er war allein, er wusste nicht, wo er war und wohin er sich wenden sollte. Im Morgenlicht erschien ihm der Wald licht und freundlich, aber trotzdem gab es seiner Meinung nach zu viele Schatten. Zudem machte ihm die Kälte arg zu schaffen.

Fröstelnd rieb er sich die Arme und erstarrte erneut. Seine Arme waren von einer dicken, schwarzen Kruste überzogen. Er kratzte daran und stellte angeekelt fest, dass es Blut war. Aber wessen Blut?

Und, was um alles in der Welt, hatte er da an?

Joshua blickte überrascht an sich herab. Er trug Leinensachen, ein hellblaues Hemd und eine braune, grobe Hose, die beide sehr zerschlissen und abgewetzt waren. Über dem Hemd trug er einen weinroten Gürtel, mit einer ledernen Schnalle. Alles war über und über mit Blut besudelt, welches bereits hart und steif war. Sein Magen rebellierte. Woher stammte dieses Blut? Und, vor allem, was sollte er jetzt tun?

Rasch sah er sich um, entdeckte eine kleine Quelle und eilte darauf zu. Als erstes musste er das Blut abwaschen! Er kniete neben der Quelle – es war kaum mehr als eine mittlere Pfütze – nieder und versuchte sich zu reinigen. Das war leichter gedacht als getan. Der harte Panzer aus Blut löste sich zu einer klebrigen Masse auf. Nach einigen Minuten sah er die Sinnlosigkeit seines Tun ein. Er musste eine größere Waschmöglichkeit finden.

Joshua erhob sich mit vor Kälte steifen Fingern und zögerte kurz. Schließlich wand er sich nach rechts, da das Unterholz dort nicht so dicht aussah wie an den anderen Stellen. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut – aber das lag nicht nur an seiner nassen, blutverschmierten Kleidung. Der Wald war ihm unheimlich. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Schatten waren länger, als sie sein durften,...

Hatten wir das nicht schon?, fragte er sich säuerlich und erinnerte sich an seine Panikattacke in dem unterirdischen Labor. Bei der Vorstellung, wie er dem Agenten in kopfloser Hast in die Arme gelaufen war, musste er grinsen. Das verging ihm aber wieder, als er an das Monster dachte, was ihn und Jarod – so hatte sich der Mann doch vorgestellt? – in die Maschine gejagt hatte. Seine Welt hatte sich in weniger als einem Tag so verändert, dass er das erst einmal verarbeiten musste.

Plötzlich hörte er ein Geräusch, verschwendete keine Zeit darauf, sich zu vergewissern, ob er es sich nur eingebildet hatte, sondern warf sich mit einem Hechtsprung hinter einen dichten Busch. Schnell hielt er die Luft an. Keine Sekunde zu früh, denn in diesem Augenblick preschte eine Horde seltsamer... Tiere so dicht an seinem Versteck vorbei, dass er nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um sie zu berühren. Das ließ er aber lieber bleiben, denn die Tiere bestanden auf den ersten Blick nur aus nadelspitzen Stacheln und Zähnen. Sie waren ungefähr so groß wie Katzen und sahen den Haustieren sogar recht ähnlich – mal abgesehen davon, dass sie statt weicher Pfoten verhornte Flossen hatten, auf denen sie wie Seehunde dahinhoppelten. Schwarzes Borstenfell vervollständigte das eigenartige Bild noch.

Er wollte sich gerade aufrichten, als er Hufgetrappel hörte. Hastig presste er sich flach an den Boden.

Ein einsamer Reiter kam vorbei. Er musste noch jung sein – höchstens zwanzig, dachte Joshua – und trug seltsame Kleidung, die irgendwie an die Wikingerzeit erinnerte. Ein langer, blutroter Mantel fiel über seine Schultern. Auf dem Kopf hatte er einen goldenen, behörnten Helm und an seiner Seite baumelte ein Schwert in einer reichverzierten Hülle. Außerdem trug er eine braune Hose und einen ebenfalls braunen, ledernen Brustpanzer. Ein leichter Windhauch wirbelte die hellbraunen, langen Haare des Mannes hoch, die er mit einem ärgerlichen Schnauben zurückwarf.

Er ritt auf einem schwarzen Pferd, das unruhig mit den Ohren zuckte und heftig den Kopf schüttelte. Neben sich führte der Fremde ein anderes, weißes Tier, das ebenfalls nervös war und die Ohren angelegt hatte.

Joshua rieb sich erstaunt die Augen. War er etwa in der Wikingerzeit gelandet? Mittlerweile zweifelte er ernsthaft an seinem Verstand. Wäre es nicht so kalt gewesen, hätte er geglaubt, dass er in einem Traum war. Aber normalerweise beschränkten sich seine nächtlichen Abenteuer auf alltägliche Dinge, die er im Traum wiederholte – wenn er sich überhaupt daran erinnern konnte. Dies war absolut nicht der Fall, denn er hatte noch nie etwas derartig Reales geträumt.

Der Mann ritt vorbei, ohne ihn zu bemerken und als er außer Hörweite war, wagte er es, aufzustehen. Er warf der Richtung, in der dieser Krieger verschwunden war, einen misstrauischen Blick zu, drehte sich schließlich um und zwängte sich durch das dichte Unterholz. Er hatte vorhin das Plätschern von Wasser gehört und ging dem Geräusch nun nach.

Seine Gedanken wanden sich wie riesige, unförmige Schlangen in seinem Kopf. Er war nicht mehr zu Hause und scheinbar nicht einmal mehr in seinem Land! Er hatte jedenfalls noch nie etwas von einem hohen, vollkommen aus Kristall bestehenden Gebirge gehört.

Joshua arbeitete sich durch das Gestrüpp, wobei er darüber nachdachte, wo er Hilfe finden konnte und was er als nächstes tun sollte. Erst einmal muss ich aus diesem Wald heraus, dachte er, und ich muss erfahren, wo oder wann ich gelandet bin. Alles andere wird sich hoffentlich aufklären.

Auf einmal stand er bis zu den Hüften in eiskaltem Wasser. Mit einem erschrockenen Keuchen trat er einen Schritt zurück, rutschte aus und fiel ganz ins Wasser. Prustend tauchte er unter, zappelte panisch herum und kam endlich auf die Idee, sich hinzustellen. Wenigstens habe ich den See gefunden!, dachte er ärgerlich.

Er befand sich in einem großen, glasklaren Gewässer, das von riesigen Bäumen umsäumt war. Der Wald reichte bis ans Ufer heran und auch bis darüber hinaus ins Wasser. Kein Wunder, dass er so plötzlich darin gestanden hatte. Joshua zitterte. Das Wasser war wirklich kalt. Zu allem Überfluss lag dieser Teil des Sees im Schatten, so dass er nicht von der Morgensonne gewärmt wurde. So schnell er konnte, schrubbte er sich das Blut ab – oder versuchte es eher. Es klappte nicht besonders gut. Schließlich schöpfte er sich auch Wasser ins Gesicht, warf einen Blick auf die spiegelnde Fläche und – traute seinen Augen nicht!

Er wartete, bis die Ringe, die er verursacht hatte, sich verflüchtigten und sah noch einmal genauer hin. Das Gesicht im Wasser blieb so, wie es war. Und es war nicht sein gewohntes Aussehen!

Joshua blinzelte und streckte die Zunge heraus. Das Spiegelbild tat dasselbe. Er hob die Hand, ließ sie ins Wasser fallen und schaute erneut hin. Trotzdem blieb das Gesicht fremd.

Das Antlitz dort im Wasser hatte schwarze, abstehende Haare und sanfte, braune Augen. Es war schlank und blass, wie Joshua feststellte. Aber normalerweise hatte er blonde Haare und nicht einmal annähernd braune Augen! Er hob die Hand und verharrte direkt über der Wasseroberfläche. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

„Was tust du da?“, fragte eine Stimme scharf.

Joshua fuhr erschrocken herum, rutschte aus und fiel wieder ins Wasser. Er schluckte etwas schlammige Brühe und tauchte hastig auf. Eine harte Hand packte ihn und zerrte ihn an Land. Erschöpft hustete er und suchte in Gedanken verzweifelt nach einer Antwort. So etwas wie: >Ich wasche mir das Blut ab < war zwar naheliegend, aber dennoch unmöglich. Der Mann würde wissen wollen, woher das Blut kam und dann? Er wusste es doch selbst nicht! Joshua schielte zu dem Fremden hinüber. Es war der Krieger, den er vorhin gesehen hatte, doch sein Helm war verschwunden und er hatte die Haare zu einem Zopf gebunden.

„Was tust du da im Wasser, Andro? Während du hier herumplanschst, machen sich alle im Lager Sorgen um dich! Wir dachten, du wärst tot!“, ein wütendes Funkeln trat in die Augen des Fremden, „Ich hätte nicht Übel Lust, dir eine Lehre zu erteilen! Aber das hat Zeit.“ Er runzelt die Stirn, ging neben ihm in die Hocke und griff nach Joshua, der erschrocken zurückzuckte. Der Mann war schneller. Er packte ihn am Kinn und zwang es in die Höhe. „Du liebe Güte!“, sagte er erstaunt, „Was hast du mit deinem Hals gemacht?“ Seine Finger tasteten daran herum und Joshua stöhnte vor Schmerz. Die Berührung brannte wie Feuer. Er hob die Hand und fuhr vorsichtig über seine Kehle. Dort zog sich eine schmerzhafte Schnittwunde entlang, die sehr tief sein musste. Und eigentlich auch tödlich, dachte er schaudernd. Der Schnitt ging einmal um den gesamten Hals, als hätte jemand versucht, ihn mit einem Draht zu strangulieren.

„Sie haben dich erwischt, nicht wahr? Du kannst von Glück reden, dass du noch lebst. Die schwarzen Krieger haben an dir gepfuscht.“

Joshua hatte keine Ahnung, über was der Mann redete – eine Ahnung schon, aber die lag hinter einem bleiernen Vorhang – und er wollte es auch gar nicht wissen. Wie hatte ihn dieser Typ genannt? Andro? Er dachte an sein Spiegelbild im See und begann zu zittern. War er in einem anderen Körper? Das klang zu unglaublich!

„Ich verstehe nicht, warum du noch lebst.“, murmelte der Krieger, „Die Erlöser töten sonst jeden, den sie von uns erwischen!“

„Er... Erlöser?“, dieses Wort hallte bedrohlich in seinem Kopf nach und rief ein ebenso gruseliges Echo hervor. Es war, als würde etwas angestoßen und lief weiter und weiter...

Seltsame Stimmen tauchten in seinem Gedächtnis auf, wisperten tonlos und hohl. Gleichzeitig bewegten sich Bilder vor seinem inneren Auge. Joshua presste die Handballen auf die Schläfen und schloss die Augen. Ein beklemmendes Schwindelgefühl ergriff ihn und schien ihn herumzuschleudern. Es fehlte nicht viel und er hätte aufgeschrieen, als ein seltsames Gesicht vor ihm auftauchte und ebenso schnell wieder verschwand. Die Stimme des Fremden drang verzerrt an sein Ohr.

„... alles in Ordnung?“

Er schwankte und wäre gestürzt, wenn der Mann ihn nicht hastig gestützt hätte. Die Bilder gewannen nun rasch an Dichte und verwandelten sich plötzlich in die Wirklichkeit.

Es war kalt und düster an dem Ort, an dem er sich befand. Gedämpftes Fackellicht warf flackernde Schatten an die Wände der Felshöhle. Die Dunkelheit, die trotz des Lichtes da war, war fast körperlich zu spüren. Moderiger Geruch zog in seine Nase und er versuchte, sich zu bewegen. Ein dickes Tau hinderte ihn daran.

Verzerrtes Gelächter und Schritte näherten sich ihm. Verzweifelt zog er an den Fesseln, konnte aber nichts verändern, geschweige denn, weglaufen. Die Männer – seine Feinde, wie er auf einmal wusste – standen vor ihm. Es waren drei Krieger, die, in schwarze Kleidung gehüllt, kalt auf ihn herablächelten. Joshua fragte sich, ob dies nun ein Traum war, doch aus einem unbekannten Grund wusste er, dass es Realität war. Es schien so, als hätte jemand anderes es ihm gesagt – in seinem Kopf.

Einer der Männer bückte sich, stellte ihn unsanft auf die Füße und stieß ihn grob vor sich her, auf den Ausgang der Höhle zu. Draußen erblickte er die drei Monde am Himmel und einen schwarzen Richtblock in einigen Schritten Entfernung. Vor Schreck blieb er stehen, wurde geschubst und fiel der Länge nach auf sein Gesicht, weil er den Sturz mit den gefesselten Händen nicht abfangen konnte. Der Mann riss ihn hoch und schob ihn auf den Block zu. Dort zwang er ihn auf die Knie und drückte seinen Kopf auf den Stein.

Sie mussten auf einem Plateau sein, denn er konnte von hier aus die schwarze Burg des schwarzen Magiers sehen. Weit entfernt sah er die Baumspitzen des Waldes und versuchte sich daran zu erinnern, was mit ihm geschehen war, aber es gelang ihm nicht. Er konnte sich nicht bewegen und bemerkte mit jähem Schrecken, dass er scheinbar nicht derjenige war, dem dieser Körper gehörte. Außer ihm war noch jemand dort – Andro. Für einen Moment verschmolzen sie beide zu einer Person. Jeder wusste, was der jeweils andere dachte, empfand und bisher erlebt hatte. KEINE ANGST, dachte Andro und schluckte trocken, DAS WAGEN SIE NICHT! DAS KANN NICHT WAHR SEIN!

WIE KANN ES SEIN, DASS DU HIER BIST? fragte Josh verzweifelt. Er sah alles so, als wäre er der Junge, doch Andro selber war auch dort. UND ICH? WESHALB BIN ICH HIER?

Andro zog eine Grimasse. DU MUSST TUN, WAS ICH NICHT GESCHAFFT HABE!, verlangte er und hob seinen Kopf ein kleines Stück. Über ihnen stand ein Mann mit einem Beil, welcher allerdings noch zu zögern schien.. TU ES UND RETTE DAS, WAS ICH VERSUCHT HABE, ZU RETTEN!

ABER WAS IST ES?, Josh war verwirrt. Er war mittlerweile ziemlich überzeugt davon, in den Fängen einer Organisation zu sein, die Drogenexperimente an ihm durchführte. Das kann nicht wahr sein, dachte er, wusste jedoch ebenso schnell, dass es wahr war und dass er nur erlebte, was jemand anderes erlebt hatte.

„Es tut mir leid“, sagte ein anderer Krieger in diesem Moment leise, doch die Worte klangen nicht so, als wären sie ernst gemeint, sondern als hätte der Mann sie auswendig gelernt. Nun trat er einen Schritt zurück, zog sein schwarzes Schwert und bedeutete dem anderen mit dem Beil, zurückzutreten, „Wir können dich nicht am Leben lassen, Junge, so gerne ich es auch täte“, der Spott verzerrte seine Stimme sosehr, dass sie völlig fremd klang. „Aber du bist ein Mitglied der Rebellenführer.“

Er hob das Schwert und zögerte ebenfalls noch einen Moment, bevor er es herabsausen ließ. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Hals, dann wurde es dunkel.

Als nächstes sah er einen Holzkarren, auf dem Stroh lag. Ein schwarzer Krieger warf einen kopflosen Körper hinauf und ging zu dem Platz der Hinrichtung zurück. Von dort holte er noch den Kopf der Leiche, den er ebenfalls auf den Wagen warf.

Es war der Kopf, der ihn aus dem Wasser des Sees entgegengesehen hatte! Andros Kopf!

Joshua riss entsetzt die Augen auf. Er atmete schnell und flach, sein Blut rauschte in seinen Ohren. Hastig tastete er nach der Wunde an seinem Hals. Eigentlich müsste er tot sein... Er bemerkte, dass er auf dem moderig riechenden Waldboden lag und setzte sich schaudernd auf. Seine Bewegung wirbelte einige Blätter auf. Schnell schaute er sich um, doch der Krieger war nirgends zu sehen.

„Ich habe alles gehört“, meinte eine Stimme über ihm. Joshua hob den Kopf und erkannte, dass der fremde Mann auf einem stabilen Ast über ihm im Baum saß. Nachdenklich sah er auf ihn herab, überwand sich sichtlich und sprang federnd von seinem Sitzplatz herunter. Erst jetzt fiel Joshua auf, wie groß der Krieger war. Er überragte ihn um mindestens ein, wenn nicht zwei Köpfe. KÖPFE!, dachte er und spürte, wie ihm übel wurde.

„Du hast soeben den detaillierten Mord an der Person beschrieben, von der ich dachte, dass du sie wärst“, verkündete der Mann. Er sah sehr aufmerksam und misstrauisch aus. „Also?“ Joshua zuckte verlegen mit den Schultern. Was sollte er sagen? „Wer ist Andro?“, fragte er. „Du bist Andro – jedenfalls dachte ich das bis jetzt. Aber anscheinend ist Andro tot. Wer bist du?“

„Was war das eben?“, erkundigte sich Joshua und tat so, als hätte er die Frage nicht gehört. Mist!, dachte er, Ich kann nicht ewig um den heißen Brei herumreden!

„Ich würde sagen, dass es eine Erinnerung war“, erklärte der Mann. Bitte, wenn du Spielchen spielen willst,... sagte sein Blick. „Ich denke auch, dass du nicht Andro bist und dass du einen Seelentausch hinter dir hast. Du bist hier in Trigola, einem der drei Kontinente von Agonta. Wir sind im Friedlingsland“, er schnaubte verächtlich. „Das dort wird als Regenbogengebirge bezeichnet“, er deutete auf die bunten Berge, die Joshua schon bewundert hatte. „Aber ich wiederhole meine Frage: WER BIST DU?“, seine Stimme klang nicht mehr freundlich und seine Hand lag auf dem Schwertgriff.

Wahrheit oder nicht? Joshua wusste es nicht. Er hatte auch keine Ahnung, was der Mann mit >Seelentausch< meinte. Er hatte nur die Wahl zwischen der Flucht oder dem Tod, da der Mann seine Ausflüchte und Halbwahrheiten niemals glauben würde. Er sprang auf, fuhr herum und stürmte Hals über Kopf davon.

„He!“, der Ruf war fordernd und scharf.

Er hörte nicht darauf und rannte weiter um sein Leben. Nach einigen Sätzen begann sein Herz und sein Puls zu rasen. Außerdem meldete sich ein unangenehmes Stechen in seiner Lunge. Lange würde er – dieser Körper, wohl eher – die Jagd nicht aushalten. Unter seinen Füßen schien der Boden nur so dahinzufliegen, aber er wusste, dass dieser Eindruck täuschte und dass er kaum eine Chance hatte. Ja, dachte er wütend, gib doch gleich auf!

Im Laufen drehte er den Kopf und sah, wie der Krieger sein schwarzes Pferd am Sattel ergriff. Mit einer blitzschnellen Bewegung saß er oben und trieb das Tier zum Galopp an.

Joshua raste durch den Wald, wobei er sich bewusst war, höchstens noch Minuten frei zu sein. Doch das Pferd war viel größer und breiter und wo er einfach hindurchwieselte, musste der Reiter einen anderen Weg wählen. Mehrmals hörte er ihn fluchen. Keuchend lief er noch einige Schritte und blieb stehen, um sich nach einem Ausweg umzusehen.

Hinter ihm ertönte ein Schrei. Entsetzt fuhr er herum und sah gerade noch, wie der Krieger von einem dicken Ast getroffen zu Boden fiel. Rasch entschied er sich für einen Busch als kurzzeitiges Versteck und kroch schnell hinein.

Einen Augenblick später rannte der Krieger herbei und blieb genau an der Stelle stehen, wo vor ihm Joshua gewesen war.

„Wo bist du?“, brüllte er wütend und drehte sich im Kreis. Er war voller Blätter und Dreck. Joshua sah, dass er eine riesige Beule an der Stirn hatte, die sich bläulich verfärbte. Das verbesserte die Laune des Mannes nicht gerade.

„Ich will nur mit dir reden!“, rief er dann und steckte das Schwert in die Erde, „Siehst du?“ Seine friedlichen Worte standen im genauen Gegensatz zu seinen Augen, die düster glitzerten und eine gehörige Tracht Prügel versprachen – dessen war sich Joshua sicher.

Er wartete nicht ab, was nun passieren würde, sondern krabbelte langsam und vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen, hinter einen Baum. Dort erhob er sich, spähte zu dem Krieger hinüber und schlich schnell davon. Eine Weile lang hörte er noch, wie der Fremde sich mit dem Wald unterhielt, dann verstummten die Rufe.

Er joggte, um Kräfte zu sparen, aber er wusste, dass er bald wieder eine Pause brauchen würde. Dieser Körper war wirklich nicht in Bestform. Es ist halt nicht jedermanns Sache, von den Toten aufzuerstehen, dachte er grimmig und zog eine Grimasse. Durch die Bäume sah er den See schimmern, in dem er sich notdürftig gewaschen hatte, und bewegte sich im Schatten der Büsche darauf zu.

Plötzlich erblickte er einen kleinen Strudel in der Mitte des Sees. Winzige Luftbläschen stiegen auf und zerplatzten mit glockenhellen Tönen an der Oberfläche. Gebannt starrte er auf die Erscheinung und ging näher an das Ufer heran. Ein dunkler Schemen begann, aufzusteigen und kam auf ihn zugeschwommen. Am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, dass er wieder im Wasser stand, doch er war zu fasziniert von dem Wesen im See, als dass er darauf reagiert hätte.

Mittlerweile war es ganz dicht an ihn herangekommen und steckte einen grünen Kopf aus dem Wasser. Das Tier sah ihn aus schwarzen Kulleraugen an und wackelte mit kleinen, grünen Spitzohren. Winzige, schwarze Zähnchen ragten aus der Schnauze, die der eines Hundes glich. Es schien ihn fragend anzusehen und stieß ein helles Quieken hervor.

Auf einmal machte es eine hastige Bewegung mit den Flossen, die er undeutlich unter Wasser erkennen konnte, und katapultierte sich damit mindestens drei Meter vom Ufer weg. Ein kleiner Schwanz durchbrach die Wasseroberfläche, an dessen Ende eine bläuliche Quaste saß. Wieder stieß das Wesen ein Geräusch aus und dieses Mal klang es eindeutig wie eine Warnung.

Joshua fuhr herum. Hinter ihm stand hochaufgerichtet der Krieger. In seinem Gesicht war ein triumphierendes Grinsen geschrieben. Der Mann warf sich so plötzlich auf ihn, dass er gar keine Zeit hatte, sich außer Reichweite zu bringen. Zum dritten Mal an diesem Tag fiel er in das eiskalte, klare Wasser des Sees. Der Fremde drückte ihn unter der Oberfläche und obwohl er sich verzweifelt wehrte, war er den Kräften des Verfolgers nicht gewachsen. Langsam wurde seine Atemluft knapp und seine Bewegungen lahmer. Gerade, als er glaubte, zu ersticken, riss der Krieger ihn hoch.

Prustend und schnaubend schüttelte er sich und atmete erst einmal tief ein und aus.

„Also, wer bist du?“, erkundigte sich der andere. Er hielt ihn noch immer fest, so dass es ihm ein leichtes gewesen wäre, Joshua wieder unterzutauchen. „Und versuch nicht, dich herauszureden. Und schon gar nicht, davonzulaufen. Das würde dir schlecht bekommen.“ Seine Stimme beinhaltete – außer der wörtlichen – eine stumme Warnung.

„Ich... ich komme nicht... von hier“, begann Joshua stockend. Bravo!, feuerte er sich an, sag ihm, dass du aus der Zukunft kommst und er lässt dich glatt absaufen! Jedenfalls schätzte, dass der Mann auf jede falsche Antwort ungehalten reagieren würde. „Ich weiß nicht, wer Andro war und am wenigsten, wie ich in seinen Körper gekommen bin, aber ich war nicht allein. Jemand war bei mir, als ich... aufgebrochen bin. Er muss hier...“, er verstummte. Wenn der Agent ebenfalls einen anderen Körper hatte, konnte er suchen, bis er schwarz wurde. „Ich kann das nicht erklären.“

„Wie heißt du?“

„Ich... bin Joshua.“

„Also gut, Joshua, ich bringe dich erst mal in eines unserer Lager. Auf der Reise dorthin,“, er sah aus zusammengekniffenen Augen nach oben, „die ungefähr einen oder zwei Tage dauert, kann ich dir alles über Trigola erzählen. Vielleicht weiß jemand im Lager, weshalb das mit dir passiert ist. Ich denke, es war ein Seelentausch, aber ich bin kein Experte für...“

„Ein... Seelentausch?!“, Joshua war verwirrt. Der Mann reagierte nicht so, wie er es erwartet hatte. Es kam ihm so vor, als würde so etwas... hier öfter passieren. Er war weder richtig erstaunt, noch entsetzt darüber, dass ein Fremder Andro >übernommen< hatte. Er zitterte stark und versuchte, sein Zähneklappern zu unterdrücken, was ihm mehr schlecht als recht gelang.

Der andere stellte ihn auf die Füße und sah sich hastig nach allen Seiten um. „Ich werde dir alles später erklären“, sagte er unruhig, „Aber jetzt müssen wir weg. Der Wald ist voller böser Dinge. Ohne Verstärkung schaffen wir die Durchreise nicht. Aber keine Angst,“, fügte er rasch hinzu, als er Joshuas entsetzten Gesichtsausdruck sah, „wir finden die anderen schon. Ach übrigens, ich bin Shannon.“ Er hielt ihm die Hand hin, die Joshua auch gleich ergriff. „Willkommen in Trigola.“ Er drehte sich um und kletterte an Land, wo die beiden Pferde im Unterholz standen. Seltsamerweise hatte Joshua nicht bemerkt, dass es dem Krieger gelungen war, auch das andere Tier mit sich zu nehmen, doch dann fiel ihm auf, dass er sich genau an der Stelle befand, wo er sich zu waschen versucht hatte. Aber er war doch nicht einmal im Kreis gelaufen! Er hätte schwören können, dass hier etwas nicht stimmte und ein Blick in die Augen des Mannes sagte ihm, dass er Recht hatte.

Irritiert sah Joshua ihm nach und beeilte sich auf einen ungeduldigen Wink hin, ans Ufer zu kommen, wo er frierend stehen blieb. Er verstand die Reaktion von Shannon darauf, dass Andro tot war und dass er scheinbar wie aus heiterem Himmel in dem Körper des Jungen geraten war, nicht.

>Der Wald ist böse<, dachte er und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Er ging zu dem Mann hinüber, der schon auf seinem Reittier saß. Zögernd sah Joshua zu dem weißen Pferd auf. Das Tier hatte die Ohren so eng an den Kopf angelegt, dass es aussah, als hätte es gar keine. Es wieherte ängstlich und blickte aus schreckgeweiteten Augen auf eine Stelle hinter ihm. Rasch drehte er sich um und glaubte einen schwarzen Schatten im Unterholz verschwinden zu sehen.

„Kannst du reiten?“, riss ihn Shannon aus den Gedanken.

Er blickte zu dem anderen hinüber, zurück auf das Pferd und wieder zu dem Krieger. Er wollte den Kopf schütteln, aber die Stimmen in seinem Kopf waren plötzlich wieder da. Sie redeten miteinander und auch mit ihm, aber er verstand sie nicht.

Seine Hand fuhr in die Höhe, packte den Sattel und ehe er es sich versah, saß er oben. Verblüfft starrte er auf seine Hand. „Das... das war ich nicht!“, stotterte er überrascht und hielt das eigenständige Körperteil – was nicht einmal sein eigenes war – weit von sich. Vielleicht tat die Hand noch andere Dinge unaufgefordert – ihn angreifen, zum Beispiel.

„Das sind die Reste von Andro“, meinte Shannon und eine vage Traurigkeit schwang in seiner Stimme mit. Joshua war es peinlich, in diesem Körper zu sein. Obwohl er es besser wusste, machte er sich zum Teil mit dafür verantwortlich, dass der Junge gestorben war. Shannon löste etwas, was aussah wie ein überdimensionaler Putzlappen vom Sattel seines Tieres und warf es Joshua zu. Es war eine Decke, die nach Heu roch und in die er sich dankbar einwickelte. Es war zwar nicht bedeutend wärmer, doch der unangenehme Kältehauch des Windes wurde abgehalten.

Das Pferd ging los. Diese Bewegung hätte Joshua fast aus dem Sattel geworfen. Schnell klammerte er sich am Zaumzeug fest und versuchte, das Gleichgewicht auf dem schaukelnden Rücken zu halten und gleichzeitig die Decke nicht herunterfallen zu lassen. Nach einer Weile gewöhnte er sich daran und wand sich nun einer anderen Sache zu: Er achtete auf die Art, wie das Tier ging und erkannte in allen Bewegungen Hektik. Das Pferd spürte etwas, was er nicht spürte und er hätte eine Menge dafür gegeben, zu wissen, was es war.

Sie ritten eine Zeit lang schweigend nebeneinander her. Obwohl Joshua tausend Fragen auf der Zunge brannten, zwang er sich, erst einmal nachzudenken. Einige Male streiften ihn tiefhängende Zweige und kratzten über seine nackten Beine, die nicht von der Decke geschützt waren.

„Weshalb ist dieser Wald böse?“, murmelte er vor sich hin und fuhr erschrocken zusammen, als Shannon antwortete: „Wir sind im Friedlingsland, was aber von Erlösern – oder schwarzen Kriegern, wie du sie nennst – kontrolliert wird. Die Friedlinge behaupten immer, dass sie sich nicht in unseren Krieg einmischen, aber sie lassen die Erlöser ungestraft durch ihre Wälder ziehen!“, er schnaubte ärgerlich, „Das hier passiert, wenn man den Erlösern freie Hand lässt – sie zerstören alles durch ihre bloße Anwesenheit! Dazu musst du wissen, dass sie Untergebene des schwarzen Magiers sind, des bösesten Mannes unter Agontas Sonnen. Die Friedlinge sind in Wirklichkeit Feiglinge, die lieber in der Sklaverei des Zauberers leben, als sich mit seiner schwarzen Magie anzulegen.“

Joshua keuchte. Ein plötzlicher, scharfer Schmerz fuhr durch seinen Hals. Seine Hände fielen kraftlos herab und die seltsamen Bilder wogten wieder vor ihm. Wie durch einen Nebel sah er Shannon, der rasch nach seinem Arm griff, als er vom Pferd zu rutschen drohte. Verzweifelt versuchte er, die Bilder zu verdrängen. „Nein!“, ächzte er und fühlte, wie er zusammensackte. Es wurde schwarz und dann auf einmal gleißend hell.

Vor seinen Augen stand ein Mann, nicht sehr groß und nicht sehr klein. Er war ganz in eine schwarze Kutte gekleidet und die Kapuze verhinderte, dass man das Gesicht erkennen konnte. „Du bist einer der Anführer der Rebellen. Laut dem Gesetz, welches ich in kluger Voraussicht erließ, und laut den Regeln der Burg, auf der du dich befindest, ist das verboten und wird mit dem Tod bestraft. Ich verurteile dich hiermit zum Tod durch das Schwert. Das Urteil wird in zwei Wochen vollstreckt, wenn ich von meiner Reise zurück bin.“

Irgendetwas an diesem Mann kam ihm bekannt vor, doch ehe er den Gedanken fassen konnte, spürte er, wie etwas in ihm zerbrach. Dieser Mann war schuld am Tod seiner Familie! Er hasste ihn mit einer solchen Intensität, dass Joshua davor erschrak.

Er wollte sich auf den schwarzen Magier – dieser Fremde war es scheinbar – stürzen und kam sich immer mehr vor wie im falschen Film. Er war in einem Körper gefangen, der machte, was er wollte! Bevor er den Dunklen erreichte, packte ihn ein schwarzer Krieger und riss ihn zurück. „Mörder!“, schrie er und wand sich im Griff des Wächters, „Du verdammter Mörder! Ich verfluche dich! Nichts soll dir gelingen, bis der Auserwählte kommt, um dich zu vernichten!“ Er spuckte aus. Der Krieger schüttelte ihn so heftig, dass seine Zähne aufeinander schlugen. „So spricht man nicht mit dem zukünftigen Herrscher von Agonta!“, fuhr er ihn an.

„Agonta...“, Joshua spürte, wie dem fremden Körper das Blut aus dem Gesicht wich. „Das ist also dein Plan!“, sagte er bitter, „Ganz Agonta deiner Sklaverei zu unterwerfen! Aber es soll dir nicht gelingen, hörst du?“ Er warf die Arme gen Himmel und kreischte: „Ich rufe euch an, ihr Götter! Verhindert, dass der schwarze Magier Agonta vernichtet! Schickt den Auserwählten, schnell...“

„Es ist vorbei“, unterbrach ihn der schwarze Mann. Wieder war es Joshua, als müsste er ihn kennen. „Aber ich habe nun eine ermüdende Reise vor mir... und bitte dich, mich zu entschuldigen.“ Weiße Zähne blitzten in der Dämmerung auf, als der Mann böse grinste.

Joshua strengte sich an, das Gesicht unter der Kapuze zu erkennen, aber es gelang ihm nicht, da das Bild nun langsam verblasste.

Als die Horrorvision zu Ende war, atmete er noch sekundenlang ruhig und lauschte den verhallenden Worten des Mannes nach. Schließlich öffnete er die Augen. In seinem Kopf war noch immer eine verblassende Stimme. „Ich werde derjenige sein, welcher die Herrschaft des schwarzen Magiers beenden wird. Ich warte nur auf den Augenblick, wo ich Rache üben kann für das Unrecht, dass unserem Volk seit Jahrzehnten wiederfährt. Ich werde mich rächen und wenn es das Letzte ist, was ich tue...“

Es war das Letzte, was Andro getan hatte, dachte er bitter und fragte sich, was der Zauberer für ein grausamer Mensch war.

„Er hat eine List angewandt, um in die schwarze, verzauberte Burg des Magiers zu kommen. Er hatte sich so gut vorbereitet... nur auf einen Verräter in den eigenen Reihen war er nicht gefasst“, Shannon, der neben ihm stand, schwang sich mit einem viel zu heftigen Ruck in den Sattel. „Der Verräter hat bekommen, was Überläufern gebührt“, fügte er kalt hinzu.

Erst jetzt wurde Joshua bewusst, dass er noch immer auf dem Pferd saß. Verwirrt sah er zu dem Krieger hinüber. „Ich... ich habe so komische Erinnerungen“, stammelte er, „An Dinge, die ich nie erlebt habe. Ich bin in diesem Körper und kann nichts tun, nur zusehen!“

„Das ist so, bei einem Seelentausch“, entgegnete Shannon, „Andro hatte viele Erinnerungen an Situationen und jetzt reicht manchmal nur ein Wort, um diese Gedächtnisfetzen heraufzubeschwören.“

„Wie funktioniert so ein... Seelentausch?“, Joshua gähnte. Sein ‚neuer’ Körper war ausgelaugt und wie erschlagen – kein Wunder nach einer Ermordung, dachte er sarkastisch.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich es dir später erkläre. Das alles ist dir bestimmt noch nicht vertraut und du könntest darüber...“

„Ich glaube, dass ich damit umgehen kann“, erwiderte er und spürte den ärgerlichen Blick des Kriegers. Scheinbar war der Mann es nicht gewöhnt, dass man ihn unterbrach. „Außerdem macht es mir ehrlich gesagt mehr Angst, diese Visionen zu haben und nicht zu wissen, was passiert ist, als wenn ich endlich erfahre, was hier vor sich geht und...“

„Also gut, auf deine Verantwortung. Beschwere dich später ja nicht, dass ich nicht gesagt hätte, dass es kompliziert ist! Es ist so: Als Andro getötet wurde, bist du in deiner Welt gestorben. Deine Seele ging in seinen Körper über. Aber eigentlich passiert das nur, wenn ein Kind geboren wird“, er runzelte die Stirn. „Das, was mit dir passiert ist, kann eigentlich nur der schwarze Magier.“ Er sah ihn aufmerksam an.

Joshua starrte zurück. „Du... du meinst, ich bin tot?“, flüsterte er entsetzt. Etwas in ihm schien zu erstarren. „Mein... anderer Körper,“, er erschauerte bei diesen Worten, „in meinem anderen Leben ist tot?“ Er zweifelte ernsthaft an seinem Verstand. „Das ist... unmöglich! Wo ist denn Andros Seele hin?“

„Ein Sprichwort bei uns lautet: Der Tod ist nur der Eintritt in eine andere Welt. Wir glauben daran, dass es unendlich viele solcher Lebensbereiche wie Agonta nebeneinander gibt.“ Shannon sah ihm die Verständnislosigkeit vermutlich an, denn er schwang sich seufzend vom Pferd und sammelte einige größere Steine vom Boden auf, die er in einem Kreis anordnete.

„Sieh her. Dies“, er zeigte auf einen fast dreieckigen Stein, „ist deine Welt. Wenn bei euch jemand stirbt, geht er in unsere Dimension über, die von diesem Stein dargestellt wird, und zwar entweder in den Körper eines ungeborenen Kindes oder aber er bleibt noch eine Zeit in der Zwischenwelt.. Danach lebt die Seele aus eurer Welt ein neues Leben hier. Wenn aber bei uns jemand stirbt, geht er weiter zum nächsten Stein, diesem hier, verstehst du? Die Toten gehen von einer Welt in die nächste über. Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Plätze nebeneinander, aber irgendwann kommt man wieder dort an, wo man angefangen hat. Auf jeder Welt hast du eine spezielle Aufgabe, doch der schwarze Magier experimentiert mit diesem Wissen und seinen Kräften herum. Er hat herausgefunden, wie er zwischen den Welten springen kann, ohne, dass er geboren wird. Wahrscheinlich kann er in bestimmte Körper springen, die ihm zur Verfügung stehen. Und anscheinend ist er mittlerweile größenwahnsinnig, wenn er ganz Agonta beherrschen will!“, er lachte unsicher, „Es sei denn, er hat eine Waffe, die unseren gesamten Planeten zerstören kann.“

„Kann jeder nach Belieben in diesen parallelen Dimensionen umherspringen?“, in Joshua wurde eine verzweifelte Idee groß. „Wenn ich mich jetzt umbringe, komme ich dann nach Hause zurück?“

„Nein“, entgegnete Shannon, „Du würdest zu diesem Stein kommen, der unserer Welt folgt. Erstens ist dein Körper wahrscheinlich schon dabei, zu verwesen und du könntest nicht in ihn zurück. Und zweitens: Nur der Magier kann gezielt springen. Er hat eine Art magisches Portal errichtet, was es seiner Seele ermöglicht, in einen anderen Körper zu schlüpfen.“ Er erbleichte, schüttelte jedoch gleich darauf den Kopf. „Unmöglich!“, murmelte er.

„Was?“, fragte Joshua.

„Vielleicht hat der schwarze Magier Waffen auf einer anderen Welt gesehen, die... aber Unsinn! Es gibt keine Waffen, die einen ganzen Planeten vernichten können!“

Joshua dachte an Atombomben und eine düstere Ahnung tauchte in ihm auf. Es konnte sogar sein, dass es Dimensionen gab, in denen man viel fortgeschrittenere Waffen entwickelt hatte, als bei ihm. Seltsamerweise erschien ihm der Gedanke daran nicht einmal halb so schrecklich, wie er es hätte finden sollen. Schließlich war er so gesehen tot... „Der einzige Weg für mich ist also dieses magische Tor in der Burg des Zauberers!“, sagte er rasch. Der Gedanke zog sich ein Stück weit zurück. Er schüttelte den Kopf und legte die Decke wieder zusammen, die von seinen Schultern gerutscht war.

„Genau.“

„Ich spaziere mal eben in die Burg, sage dem Zauberer Hallo und husche durch das Portal, ja? Wenn es weiter nichts ist... Soll ich unterwegs vielleicht noch mit einem Drachen kämpfen?“

Der Krieger starrte ihn verdutzt an.

„Hast du noch nie etwas von schwarzem Humor gehört?“, erkundigte Joshua sich seufzend. Der Andere sah ihn so misstrauisch an, dass er seinen Anflug von Galgenhumor sofort bereute. „Vergiss es einfach. Aber im Ernst: Ich soll in eine bewachte – ich vermute doch, dass sie bewacht wird – Burg eindringen, die schwarzen Krieger besiegen, die jeder mindestens dreimal so stark sind wie ich und noch ein magisches Tor finden? Das ist lächerlich!“

„Und deine einzige Chance!“, beharrte Shannon. Er zögerte kurz, dann korrigierte er: „Es wäre deine einzige Chance. Aber ich kann dich leider nicht gehen lassen. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass du der Auserwählte bist, auf den wir warten!“

Joshua fühlte sich, als hätte ihm jemand ein Brett vor den Kopf gehauen. „Ich... ich bin was?“, krächzte er, „Gleich behauptest du noch, ich soll euch von dem schwarzen Magier befreien!“ Er sah in die Augen des Kriegers und wusste, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte – seinen Sargnagel, wahrscheinlich! „Ich will kein Auserwählter sein!“, fuhr er auf, „Ich will einfach nur nach Hause!“

„Das verstehe ich!“, entgegnete Shannon zerknirscht. Joshua vermutete, dass das nur seine Taktik war. Er hatte die Kräfte des Kriegers am eigenen Leib gespürt. Wenn er sich weigerte, würde Shannon ihn wahrscheinlich einfach zwingen, mit ihm zu gehen und... was zu tun? Er erinnerte sich an Andros Worte: Tu es und rette, was ich versucht habe, zu retten. Was war es?

„Aber...“, sprach der Mann weiter und unterbrach sich und hob den Finger an die Lippen. Mit einer fließenden – und lautlosen – Bewegung glitt er vom Pferd, bedeutete ihm, dasselbe zu tun und wartete ungeduldig, bis er ungelenk vom Pferd gestiegen war. Dann zeigte er auf einen dichten Busch. Geduckt huschten sie dahinter. „Was ist... ?“, flüsterte Joshua atemlos, als er neben Shannon anlangte. Der Krieger funkelte ihn wütend an. Er konzentrierte sich offensichtlich auf das Geräusch, welches er eben vernommen hatte.

Joshua versuchte ebenfalls, etwas zu hören, aber es klappte nicht. Stattdessen bog er die Äste des Busches beiseite und spähte hindurch. Beinah hätte er erschrocken aufgeschrieen, als er das Monster entdeckte, was auf der anderen Seite saß.

Es war nicht sehr groß – höchstens eineinhalb Meter, schätzte er – aber dafür reichlich hässlich. Der Rücken, der ihm zugewandt war, war mit einem bräunlichen, struppigen Fell bewachsen. Spitze Ohren bewegten sich, als der laue Wind darüber strich. Die Arme des Wesens waren verhältnismäßig lang – eigentlich zu lang, bezogen auf den Körper. Schwarze Krallen zuckten unablässig, als wartete das Ding nur auf das Signal, um sich auf jemanden zu stürzen. Es trug einen braunen Lendenschurz aus Leinen, aus dem ein kleiner Schwanz ragte. Am Ende des Schweifes befand sich eine Fellquaste.

In diesem Augenblick drehte es den Kopf und Joshua erkannte eine hohe Stirn, eine Stupsnase und schwarze Augen, welche die Umgebung absuchten. Die kleine Nase zuckte, als wittere sie ein Beutetier... oder einen Menschen!

Erschrocken fuhr er zusammen, zupfte an Shannons Mantel und bedeutete ihm, durch die Lücke im Gebüsch zu blicken. Der Krieger folgte der Aufforderung und er sah, wie der andere erblasste.

Hastig senkte sich seine Hand auf das Schwert, welches er wieder am Gürtel baumeln hatte, doch er zog es nicht. Stattdessen zeigte er auf die Pferde und schlich leise zurück.

Joshua folgte ihm, aber er konnte nicht verhindern, dass es einige Male unter seinen Füßen knackte. Ein Grunzen und Knistern ertönte vom Busch her. Ängstlich hielt er den Blick darauf gerichtet. Plötzlich tauchte das Gesicht des seltsamen Wesen auf.

„Ein schwarzer Erdgnom!“, schrie Shannon, ließ alle Vorsicht fahren und rannte auf sein Pferd zu. „Schnell, wir müssen weg! Die Biester sind nie alleine und zudem noch Untertanen des schwarzen Magiers! Wir haben keine Chance, wenn sie uns erwischen!“

Joshua hetzte auf das Reittier zu und war mit einem Satz im Sattel. Er hatte keine Zeit, sich über seine Flinkheit zu wundern, denn der Erdgnom wieselte mit einer Geschwindigkeit heran, die er ihm unmöglich zugetraut hätte.

„Worauf wartest du?“, brüllte Shannon und trieb sein Pferd an, „Beeil dich!“

Anscheinend machte der Gnom die Tiere nervös, denn sie liefen so hastig los, dass beide mehrmals stolperten.

Die Zweige und Äste peitschten die Flanken des Pferdes und fuhren wie Besen über Joshua hinweg. Ängstlich klammerte er sich an den Hals des Tieres. Im Laufe dieses Höllenrittes bekam er noch eine Menge Kratzer durch tiefhängende Äste und hoch aufgeschossenes Gestrüpp, welches seine ohnehin lädierten Beinkleider endgültig zerfetzte.

Er wusste nicht, wie lange sie einfach nur dahinrasten, aber nach einer Weile wurde das Pferd langsamer und blieb schließlich zitternd stehen.

Joshua sah sich vorsichtig um. Er war auf einer kreisrunden, weniger bewachsenen Waldstelle angelangt, was aber nicht hieß, dass sie eine Lichtung im eigentlichen Sinne war. Shannons Pferd stand in einiger Entfernung. Es hatte den Kopf gesenkt. Irgendetwas daran erschien ihm merkwürdig. Von dem jungen Krieger selber war nichts zu sehen.

Ein unangenehmes Gefühl überkam ihn. In diesem Wald zu sein war schon schlimm, aber auch noch alleine herumzuirren... zum ersten Mal fiel ihm auf, wie kalt und abweisend dieser Wald wirklich war. Der See hatte über diesen Eindruck hinweggetäuscht, aber hier wurde das Gefühl geradezu übermächtig. Die Äste der Bäume erschienen ihm plötzlich nicht mehr normal gewachsen, sondern einzig zu dem Zweck, keine Eindringlinge wieder hinauszulassen.

Eine blitzschnelle Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Vogel, eine riesige Gestalt. Vielleicht ein Rabe oder eine Krähe, dachte er unruhig. Das Tier flog einen Kreis und stieg ein wenig höher hinauf. Es krächzte leise und auf einmal hatte er das unangenehme Gefühl, dass es ihm direkt in die Augen sah. Er bemerkte noch mehr Vögel, die – wie eine Linie, dachte er erstaunt – am Himmel kreisten. Er folgte der tierischen Gerade mit den Augen und erkannte das Ende der Vogelschlange in weiter Ferne. Dort erhob sich eine wahre Wolke von Vögeln, die er nur als winzige Pünktchen sah.

Merkwürdig, als hätte ihm jemand diese Tiere geschickt, um ihm den Weg zu dem Ort zu zeigen, wo er hinsollte. Oder, um den Weg zu ihm zu finden.

Nur wo war Shannon geblieben? Ein rascher Blick über den Platz überzeugte ihn davon, dass der Krieger nicht hier war. War er unterwegs abgesprungen? Oder hatten ihn die schwarzen Krieger – Erlöser, verbesserte er sich – entführt?

Joshua schluckte trocken. Das brachte im Augenblick auch nichts, wenn er nur dastand und nachdachte. Er suchte in dem fremden Gedächtnis nach einem Hinweis, doch es war, als hätte er den feinen Erinnerungsstaub, den er aufgewirbelt hatte, verbraucht. Keine Vision kam und keine Stimme half ihm aus dieser Lage. Er ließ sich vom Pferd gleiten, tätschelte es beruhigend am gesenkten Hals – und erstarrte. Es war kalt und hart! Das Tier rührte sich nicht. Und nun fiel ihm auch auf, was ihn am Anblick von Shannons Pferd gestört hatte: Es hatte sich kein bisschen bewegt!

Entsetzt sah er sein Reittier an. War das möglich? Konnte es tot sein? Ein hysterisches Lachen wollte in ihm aufsteigen, aber er unterdrückte es noch einmal.

Plötzlich hob das Pferd den Kopf und Joshua sprang mit einem Schreckensschrei zurück. Ein Blick in die Augen der Kreatur überzeugte ihn davon, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Die Augen waren leblos und kalt, als hätte jemand alles Warme aus ihnen herausgezogen. Oder als wäre die Seele erfroren, dachte er schaudernd und ging vorsichtshalber noch ein Stück zurück. Schnell sah er sich nach allen Seiten um. Dieser Wald war böse.

Er lauschte, hörte aber nichts, abgesehen vom Schnauben des Zombiepferdes. Kein Rascheln, kein Vogelgesang, selbst das Krächzen der Raben war verstummt. Als wäre ein Raubtier in der Nähe...

„Hallo.“

Joshua erstickte einen erschrockenen Aufschrei und fuhr herum. Vor ihm stand der schwarze Mann aus seiner Schreckensvision. Dieses Mal verdeckte die Kapuze jedoch nicht das Gesicht und ihm kam flüchtig der Gedanke in den Sinn, dass er an dem Mann vorbeigelaufen wäre, ohne ihn zu bemerken, wäre er ihm an einem normalen Ort in seiner Welt begegnet. Der Fremde hatte ausdruckslose Augen und auch sein Gesicht schien einzig und allein zu dem Zweck zu existieren, dass es ohne Gefühlsregungen herumgetragen wurde.

„Was... ich...,“, stotterte er und spürte den kalten Hauch, der von dem Mann ausging. Er wich zurück, als der Magier auf ihn zuging. Der andere blieb stehen, beugte sich ein wenig vor und flüsterte: „Wenn du deinen Freund suchst, er sitzt in dem Baum über mir!“ Mit einer raschen Bewegung schlug er die Kapuze über seinen Kopf und Joshua, der immer nervöser wurde, zuckte so erschrocken zurück, als hätte ihn eine Schlange gebissen.

„Gehen Sie weg!“, fauchte er unsicher. Er fühlte, wie der Hass am Grunde seiner Seele – der ihm eigentlich gar nicht gehörte – wieder zu brodeln begann. Seine Knie zitterten und das Schwindelgefühl kehrte so überraschend zurück, dass er mit aller Mühe ein Schwanken unterdrücken musste.

„Aber, Andro! Lass dir lieber etwas besseres einfallen! Erinnerst du dich? Ich habe dich zum Tode verurteilt!“, der andere mustere ihn mit seinen glühenden Augen, die unter der schwarzen Kapuze nur schlecht verborgen waren. „Die Narbe an deinem Hals beweist mir, dass meine stümperhaften Untergebenen zumindest versucht haben, meinen Befehl auszuführen. Aber...“, er stockte mitten im Satz , drehte sich um und brüllte zornig: „Dämonenkrieger! Wo bist du?“ Seine Stimme klang äußerst gereizt und auch ein wenig ängstlich, wie Joshua erstaunt bemerkte.

Ein hochgewachsener Mann trat hinter einem Baum hervor. Er trug einen silbernen, behörnten Helm, der dem Shannons glich und einen eisblauen Umhang, der bis zu seinen Knöcheln ging. Er musste mindestens so groß wie Shannon sein und er sah ihm zu allem Überfluss auch noch sehr ähnlich. Langes, braunes Haar quoll unter dem Helm hervor und legte sich über die Schultern. Nur die Augen waren anders. Wo bei Shannon Offenheit und unterdrückte Wut gefunkelt hatten, war bei diesem Fremden nichts zu sehen. Seine Augen waren tiefschwarz. „Ja, Herr?“, Joshua zuckte beim harten Klang der Stimme zusammen.

„Wann habt ihr Andro getötet?“, fragte der Magier lauernd. Er war zwar kleiner als der Krieger, wirkte aber dennoch ungleich mächtiger. Der Angesprochene wurde ein wenig unsicher. „Wie ihr befohlen habt, Herr!“, entgegnete er, „Eine Woche nach eurem Urteil.“

„Du... du Idiot!", schrie der Mann plötzlich. Er bebte vor Wut. „Ich habe gesagt, zwei Wochen später!“ Er ballte die Fäuste, so dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. „Eine Woche nach meiner... Abreise war Vollmond!“, stieß er hervor, „Die Berechnungen der Sternzeiten ergibt, dass der Auserwählte an Vollmond in unsere Welt kommen wird und genau das hatte ich zu verhindern versucht!“

Wieder kam Joshua der Gedanke, dass er den Mann kennen müsste, obwohl er sein Gesicht nicht sah. Doch bevor er die Idee fassen konnte, fiel etwas vom Baum herab, direkt auf den schwarzen Magier, und riss ihn mit sich zu Boden. Joshua blinzelte überrascht. Es war Shannon und nun, ehe die Diener des Magiers, welche sich bestimmt in der Nähe versteckten, etwas tun konnten, packte er seinen Feind und hielt ihm seine Schwertklinge an den Hals. „Kommt heraus, ihr verdammtes Erlöserpack“, brüllte er und wand rasch den Kopf, „oder euer Herr stirbt!“

Joshua wollte zu ihm gehen, aber der Dämonenkrieger machte einen Satz nach vorne, ergriff ihn hart am Arm und zerrte ihn an sich heran. Er erhob seinerseits die Klinge an Joshuas Kehle. „Lege die Waffe nieder, du Wahnsinniger!“, sagte er leise und drohend, „Du bist umstellt!“

Shannon funkelte ihn hasserfüllt an. Der Magier röchelte unter seinem Griff. „Gebt auf und ich garantiere für euer beider Leben!“, keuchte er.

Aus den Gebüschen ringsum traten schwarzgekleidete Krieger hervor, es waren ungefähr 25 Personen. Sie alle hatten ihre Waffen gezogen und stellten sich im Kreis um Shannon, den Mann in der Kutte, Joshua und den Dämonenkrieger. Shannon zögerte noch. Seine Situation war ausweglos, doch sein Blick hetzte umher, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit,...

„Es ist vorbei!“, sagte der Magier eindringlich.

Der junge Krieger nickte düster. Er ließ das Schwert sinken und stieß den Mann wütend von sich.

„Fesselt sie!“, befahl der Zauberer. Seine Kapuze war verrutscht, so dass Joshua sein Gesicht wieder sehen konnte. Die Ähnlichkeit... nur mit wem? Niemand, den er kannte, war gestorben und hätte sich hier aufhalten können.

„Welchen Auserwählten meinten Sie eben?“, fragte er und versuchte, arglos zu klingen, während er ängstlich auf die Klinge an seinem Hals starrte. „Welche Sternzeit haben Sie berechnet...“

Der Zauberer stand auf und sah ihn prüfend an. Er klopfte sich den Dreck von der Kutte und grinste plötzlich. „Weißt du eigentlich, dass du ein erbärmlicher Lügner bist? Natürlich weißt du längst, dass du zu etwas auserwählt bist, aber dein Wissen beschränkt sich auf diese Tatsache. Die Vögel“, er deutete auf die kreisenden Krähen, „gehören übrigens zu meinen besten Spionen. Doch um dich nicht länger auf die Folter zu spannen...“, er trat zu Shannon hinüber, welcher mittlerweile an den Händen gefesselt war und machte eine auffordernde Geste. „Ihr Rebellen wisst besser als ich, wie die Prophezeiung lautet, also erzähl es ihm!“

Der junge Krieger funkelte ihn wütend an und zögerte noch eine Sekunde. Alle Menschen um sie herum wurden still und ihre Augen richteten sich auf Shannon. Die Tiere des verzauberten Waldes schienen verschwunden zu sein und selbst die Vögel am Himmel unterbrachen ihr Kreisen und setzten sich in den umliegenden Bäumen nieder.

„Des Tages letzter Glanz erlischt am Horizont“, begann er mit monotoner Stimme,

„der erste Stern zeigt sein Antlitz dort, wo er erstarb.

Weiße Nebel tanzen ihren wiegenden Reigen,

die Geister der Nacht steigen empor zu ihm.

Oh, komm, dunkler Bruder des Tages,

nimm seine Seele hinfort mit dir.

Höher als der höchste Berg trage sie hinauf,

stürze sie herab von dort, so dass sie tiefer fällt als je etwas zuvor.

Lass mich mit dir gehen und deine Tat beschaun,

nur ich will ihren Sturz beachten.

Führe mich zu dem Ort, wo sie herabgekommen,

wo sie ihr Dasein in einer erstarrten Welt fristet,

bis dass du kommst, sie zu erlösen.

Dann werden wir mit dir gehen,

unsere Hand in der deinigen,

voll Vertrauen auf deine Gnade,

mit Unschuld und Reinheit im Herzen,

in das endlose Reich des Namenlosen,

der die Welt der Toten beherrscht.

Wir folgen dir in deine Welt, wo wir verbleiben,

bis der erste Strahl der Morgensonnen dort erscheint, wo der letzte Nachtsstern erlosch.

Denn dann steigen wir hinauf ins Reich der Lebenden,

um einen weiteren Tag in der Unendlichkeit zu verbringen.“

Niemand sprach, als Shannon geendet hatte. Es war beunruhigend still und Joshua versuchte verzweifelt, die Flut an Worten zu verarbeiten, die ihm zu Ohren gekommen war. Toll, dachte er missmutig, jetzt weiß ich auch nicht viel mehr! Was soll ich nur tun?

„Das“, begann er aus dem Gefühl heraus, irgendetwas sagen zu müssen, und räusperte sich, „ist eine Prophezeiung?“ Er hatte nicht einmal die Hälfte des Textes mit seiner Lage verbinden können. Vielleicht war seine Seele aus seinem Körper gerissen worden, doch war dies hier eine erstarrte Welt? Und wer sollte ihn erlösen? Er schüttelte verwirrt den Kopf und sehnte sich plötzlich nach seinem Zuhause, mit den ganz alltäglichen Dingen wie zur Schule gehen und Pizza essen.

Seine Stimme hatte den unsichtbaren Bann gebrochen, die Männer regten sich wieder, aber sie vermieden es alle, in seine Richtung zu sehen. Vermutlich machte sie der Anblick der Schnittwunde an seinem Hals nervös.

Und plötzlich war es Joshua so, als hätte er ein Umspringbild vor Augen. Das Gesicht des schwarzen Magiers verwandelte sich – in das Gesicht des Toten, den er flüchtig im unterirdischen Trakt der Katzenfutterfabrik gesehen hatte! Er wollte einen Schritt zurückweichen, stieß jedoch gegen den Körper des Dämonenkriegers, der noch immer hinter ihm stand, den Dolch jedoch hatte sinken lassen. Das Gesicht des Toten in der Gelmasse löste sich auf und wurde wieder zum Antlitz des schwarzen Magiers, welcher nun einen Schritt auf ihn zumachte und die Stirn runzelte. „Was ist?“

„Nichts!“, Joshua atmete flach und unregelmäßig. Er hörte ein seltsames Nebengeräusch in seiner Lunge und bekam auf einmal keine Luft mehr. Ein stechender Schmerz zerriss ihm schier die Brust und er sank röchelnd nach vorne.

„Was ist mit ihm?“, drang die alarmierte Stimme des Zauberers an sein Ohr. Eine feste Hand packte ihn am Arm und versuchte ihn zu stützen, doch seine Beine gaben nach und er wäre beinah gestürzt, wenn ihn nicht jemand gehalten hätte.

„Er hat eine Lungenkrankheit!“, brüllte Shannon und zerrte an seinen Stricken, „Er ist zwar eine andere Seele, aber der Körper ist noch derselbe! Ich habe ein Mittel in meiner Satteltasche, holt es heraus und flößt es ihm ein!“

Niemand machte Anstalten, das Medikament herbeizubringen und Joshua schloss die Augen. Ein furchtbares Brennen wütete in seiner Luftröhre und breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Lange würde er das nicht mehr durchhalten...

Etwas Kaltes berührte seine Lippen und rann in seinen Mund. Es schmeckte furchtbar, wie eine besonders abartige Medizin, in die jemand Rasierwasser gemischt hatte, und klebte seinen Gaumen und seine Zunge zusammen, doch es hob fast sofort die Schmerzen auf.

„Wenn er sich erholt hat, fesselt ihn und bringt die beiden lebend – ich wiederhole: lebend – ins Schloss, verstanden? Und ihr“, er wand sich an seine schwarzen Krieger, „haftet mit eurem Leben dafür, dass sie lebendig dort ankommen, verstanden?“ Die Männer nickten betreten, doch der Dämonenkrieger funkelte den Magier wütend an. Es wirkte beinahe so wie eine Herausforderung, aber bevor die Situation eskalieren konnte, wand der Mann sich um und holte einen rauen Strick von einem der Zombiepferde.

Joshua wurden die Hände gebunden. Anschließend setzten zwei schwarze Krieger ihn und Shannon auf eines ihrer unheimlichen Pferde. Shannon legte beruhigend seine gefesselten Hände auf Joshuas Schultern. „Keine Angst, Joshua!“, flüsterte er, „Der Magier hat für unser Leben garantiert! Und er hält sein Wort!“

„Nenn mich Josh. Das tun alle meine Freunde!“, wisperte er zurück und klammerte sich hastig an der borstigen Mähne des Reittiers fest, als es sich überraschend in Bewegung setzte.

Ihre Reise ging los.



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Kommentare zu dieser Fanfic (1)

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Von:  Leonya
2009-10-26T20:30:15+00:00 26.10.2009 21:30
ja und das wars?
=(
gut geschrieben aber das ende is doof ...... na eigentlihc is es sehr gut
aber was passiert da nu?


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