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soulos

von

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Kapitel 2
 

Es war schon ziemlich spät, als er das Kino wieder verließ. Da heute Freitag war, würde seine Mutter sich keine allzu großen Sorgen machen, wenn er spät nach Hause kam und doch...

Er fühlte sich unwohl. Nicht nur, weil er gerade einen seltsamen Film gesehen hatte, der ihn nachdenklich gemacht hatte. Etwas war... falsch. Er schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte er sein Gehirn heute morgen zu Hause vergessen. Seit wann war ein kalter Freitagabend im Herbst falsch?

Unwillkürlich dachte er daran, was Elsa in dem kleinen Laden zu ihm gesagt hatte. Es gibt ein Leben nach dem Tod.

Josh glaubte weder an Gott, noch an den Teufel und er verachtete Menschen, die an Engel und Geister glaubten. Diese ganzen Spinner konnten ihm gestohlen bleiben, ebenso wie die UFO-Freaks. Dieser ganze Schwachsinn, dachte er müde und gähnte.

Er beschloss, einen kleinen Umweg am Hafen entlang zu machen, nur, damit seine Mutter sicher schlief, wenn er nach Hause kam. Er hatte jetzt keine Lust auf eine Konfrontation. Eigentlich mochte er seine Mutter, doch manchmal hatte sie eine nervige Art drauf... Er hörte ein seltsames Geräusch hinter sich und drehte den Kopf. Niemand war zu sehen, doch er wusste einfach, dass er sich den Laut dieses Mal nicht eingebildet hatte.

Er dachte an Max und ein eisiger Schauer rieselte ihm den Rücken hinunter. Rasch ging er weiter, bog in die nächste Seitengasse ab und wählte den kürzesten Weg zum Hafen, den er kannte. Dort hatte er bestimmt eine Chance, seinen Verfolger zu entkommen.

Er eilte eine kleine Treppe entlang und achtete dabei auf die Geräusche hinter sich. Er glaubte so etwas wie Schritte zu hören und beeilte sich noch mehr. Schon tauchte vor ihm das Schild auf, worauf deutlich das Wort ‚Hafen’ stand. Nur konnte man es nicht deutlich erkennen, weil der Nebel... DER NEBEL? Wann war denn der Nebel aufgetaucht?

Joshua blieb für einen Moment lang mit klopfendem Herzen stehen und fragte sich, ob er einfach nur zu sehr in seine Gedanken versunken gewesen war, als er das Kino verlassen hatte. Das war die eine Möglichkeit. Die andere war, dass der Nebel sich nur am Hafen aufhielt. Und das war schlichtweg unmöglich. Dazu war der Dunst viel zu dicht. Er hätte überall in der Stadt durch die Gassen wabern müssen...

Joshua sah sich rasch um und entdeckte genau neben sich einen rostigen, alten Schiffscontainer. Er hätte ihn eben auch schon sehen müssen, doch darüber dachte er jetzt lieber nicht nach. Schon konnte er seine Verfolger herankommen hören und drückte sich enger gegen den Metallcontainer in seinem Rücken. Sein Herz raste und sein Mund war trocken von der Anstrengung des Laufens. Für einen Moment war er in Sicherheit und gestattete sich ein erleichtertes Aufatmen. Er versuchte, seine Gedanken ein wenig zu ordnen, damit er einen Ausweg aus dieser verzwickten Lage fand.

Unruhig versuchte er, seinen Blick schweifen zu lassen, gab es aber angesichts des dichten Bodennebels auf. Es ist wie verhext!, dachte er besorgt. Der eiskalte Wind, der ihm schon die ganze Zeit zu schaffen machte, seit er das Hafengelände betreten hatte, war nicht in der Lage, den Nebel zu lockern, geschweige denn, ihn zu vertreiben.

Im Grunde genommen hasste er diesen Ort, was aber nicht am Wetter lag. Hier, auf dem Schrottplatz für Schiffsladecontainer, fühlte er sich immer wie auf einem Friedhof. Die alten Metallquader, die auf ihre Verschrottung warteten, kamen ihm vor wie riesige sterbende Giganten. Sonst war ihm dieser Gedanke nur unangenehm, heute rief er in Verbindung mit dem Gedanken an den zornigen Max eine geradezu unheimliche Atmosphäre hervor.

Wütend warf er dem Nebel einen Blick zu und konzentrierte sich wieder auf sein Problem. Keine Sekunde zu früh, denn ein heiserer Schrei gellte über den Schrottplatz. „Max? Max, wo bist du?“

Erschrocken fuhr Joshua zusammen. Er hatte also recht gehabt! Seine Verfolger war Max und wahrscheinlich jemand aus seiner Bande... Die Stimme hatte seltsam verzerrt geklungen, aber er glaubte, der Person, die gerufen hatte, ziemlich nah zu sein. Hastig sah er sich um, damit er nicht aus Versehen seinem Feind in die Arme lief, verfluchte den Nebel noch einmal in Gedanken und schlich dann auf eine schwach leuchtende Straßenlaterne zu. Ohne diese vereinzelten Lichtinseln hätte er sich vermutlich überhaupt nicht orientieren können. Seltsam, dass ihm das erst in diesem Moment auffiel. Trotzdem wirkte das Licht verfälscht, so als hätte ein Maler sein Bild verwischt. Von der Laterne schienen seltsame Strahlen auszugehen.

Ein Windhauch trieb ihm Tränen in die Augen und ließ ihn frösteln. Er brachte den typischen Geruch nach Salz und Seetang mit, vermischt mit dem Geruch der nahestehenden Katzenfutterfabrik. Eine Idee blitzte in seinem Kopf auf. Wenn er...

Plötzlich fuhr ein schwarzer Schatten mit einem leisen Krächzen über seinen Kopf hinweg. Erschrocken zuckte Joshua zusammen und stieß einen Schreckenslaut aus. Schnell biss er sich auf die Zunge, aber es war schon zu spät.

„Ich habe ihn gehört!“, brüllte jemand, „Seid alle mal leise!“

Der Wind strich heulend um die Container, die vom Salzgehalt der Luft bereits angegriffen waren. In einigen befanden sich noch unbenutzte Waren, doch die meisten waren leer.

„Ich höre nichts und ich habe auch keinen Bock mehr, hier im Dunkeln und dem Nebel rumzuhängen!“, maulte jemand anderes. In der Stimme schwang eindeutig Unmut und auch ein Hauch von Angst mit. „Warum geben wir uns solche Mühe mit diesem Schwächling?“

„Er hat die >Red Snakes< beleidigt! Erinnerst du dich nicht an letzten Mittwoch?“

Joshua unterdrückte einen Seufzer. Als die Red Snakes an der Bushaltestelle wieder einmal kleinere Kinder herumgeschubst hatten, war er dazwischengegangen und hatte die Jugendbande angebrüllt, dass sie es nicht mit Gleichaltrigen aufnehmen konnten. Pech für die Jungen war, dass in der Nähe der Schulleiter stand und alles mitangehört hatte. Deshalb gab es für alle Mitglieder einen Eintrag in die Schulakte und für Joshua ein großes Lob – was ihm, ehrlich gesagt, ziemlich peinlich war. Natürlich war das nur der vorgeschobene Grund. Max konnte schlecht verlieren und dass Joshua ihm vorhin in der Schule entwischt war, grenzte an eine Todsünde. Der Anführer der Red Snakes hielt sich für unbesiegbar. Das war auch der einzige Grund, weshalb er von den anderen respektiert wurde. Niemand, der sich mit ihm anlegte, entkam ihm und seinem Rachegefühl Wenn seine Freunde erfuhren, dass es jemandem gelungen war, ihm zu entkommen, würde seine Macht untergraben werden.

Ärgerlich verzog er das Gesicht. Wie hatte er so dumm sein können? Hatte er wirklich geglaubt, den Red Snakes davonlaufen zu können? Angesichts dessen, dass sie auf eine gemeinsame Schule gingen, war das mehr als naiv. Und das hier? Er seufzte erneut. Das war eindeutig die Krönung all seiner dummen Ideen! Wenn er innerhalb der Stadt geblieben wäre, hätte er auf Hilfe von Passanten hoffen können, doch hier? Es war der unbenutzte Teil des Hafens! Wirklich schlau gemacht!, dachte er sarkastisch, Warum hast du ihnen nicht auch noch ein Silbertablett bestellt?

Vorsichtig schob er sich an einem Container entlang und fand, was er gesucht hatte: Löcher. Rostige, scharfkantige Löcher in dem Metallquader, die groß genug waren, dass er seine Füße hineinstecken konnte. Leise begann er, sich daran in die Höhe zu ziehen, kletterte ganz hinauf und robbte auf dem Bauch bis an die Kante, wobei das Eisen unter ihm bedrohlich knirschte.

„Wir bleiben!“, sagte eine tiefe Stimme. Max’ Stimme. „Ich bin der Anführer der Red Snakes und ich befehle euch, hier zubleiben, bis wir die Rache an dem Ungläubigen vollendet haben!“

Ein etwas lahmer Jubelruf erklang. „Aber weshalb gehen wir nicht nach Hause und fangen ihn morgen? Das würde uns auch genügen. Morgen ist doch Wochenende. Was ist schon eine Nacht?“

„Es geht ums Prinzip, du Schwachkopf!“, zischte Max, „Ich wette, das Opfer...“, er ließ eine Pause, die dramatisch sein sollte, aber nur wie ein Text einer billigen Seifenoper klang, „... ist

hier in der Nähe und hört uns zu. Hast du gehört, du Feigling?“, brüllte er so plötzlich, dass Josh erneut zusammenfuhr, „Wir finden dich, noch heute Nacht. Und dann setzt es eine Tracht Prügel, die du nie vergisst!“

„Also ich gehe jetzt nach Hause!“, widersprach eine Stimme zögernd.

„Wenn du jetzt gehst, bist du kein Mitglied der Red Snakes mehr und alle deine Freunde werden dich verachten!“

„Hey, ich weiß, wo er sich versteckt hält!“, schrie ein anderer. Es mussten mindestens sieben Verfolger sein, der Vielzahl der Stimmen nach zu urteilen. „Er liegt auf einem der Container!“

Joshua erstarrte. Dann fuhr er herum, krabbelte unter ungeheurem Lärm zu den Löchern und wollte springen, doch dort unten stand bereits ein Red Snake. Grinsend sah er zu ihm hinauf. In dem Nebel kam er Josh nicht mehr menschlich vor, sondern wie ein Dämon, der aus dem Meer heraufgestiegen war, um die Einwohner dieser Stadt zu terrorisieren. Der Jugendliche – er schätzte ihn auf siebzehn – sah ziemlich stark aus. Eben holte er Luft, um die anderen herbeizurufen. Joshua zögerte noch eine Sekunde – es waren ungefähr zweieinhalb Meter bis zum Boden – doch dann stieß er sich ab. Er landete weich auf dem überraschten Jungen, riss ihn mit sich zu Boden und sprang hastig wieder auf. Schon ertönten schnelle Schritte und aus der Nebelwand zeichneten sich die Konturen der anderen heraus.

Mit einem Keuchen fuhr er herum und rannte los, nur weg von den Schlägern. Dabei vergaß er den Liegenden, der die Hand ausstreckte und ihn am Knöchel packte. Josh ächzte erschrocken und trat nach der Hand, die eiligst zurückgezogen wurde. So schnell er konnte, raste er davon, verschwand hakenschlagend im Nebel und warf sich in einiger Entfernung zu Boden. Dort atmete er erst einmal tief ein und aus, um seinen Puls zu beruhigen. Dicht vor ihm rannten die Red Snakes vorbei. Hastig zog er den Kopf ein.

Joshua wartete, bis die Schritte verklungen waren und erhob sich vorsichtig. Er musste in die Stadt zurück und zwar schnell! Leichter gedacht als getan. Denk nach!, sagte er sich, Denk nach!

Seine Hände zitterten und es musste mittlerweile auf halb eins zugehen – keine Zeit, zu der man gerne auf einem wie ausgestorben daliegenden Hafengelände ist. Erneut glitt etwas an ihm vorbei, dieses Mal so langsam, dass er einen schwarzen Schnabel und Klauen erkennen konnte. Ein Vogel!, dachte er verblüfft und vergaß für einen kurzen Moment seine Situation. Normalerweise flogen nicht viele Vögel nach Einbruch der Dämmerung herum.

Plötzlich knisterte etwas direkt hinter ihm. Joshuas Nackenhaare stellten sich auf. Entweder war das eine Ratte oder... Er wagte nicht daran zu denken, was es noch sein konnte.

Er verharrte bewegungslos, unfähig sich zu rühren. Doch als nichts geschah, drehte er sich langsam um. Ein kleiner, grauer Schatten verschwand blitzschnell im Nebel, wobei er ein fast unhörbar leises Quieken hervorstieß. Erleichtert atmete er auf. Also doch nur ein lästiger Nager. Wer wusste, wie viele der kleinen Tiere auf dem Gelände herumstreunten...

Aber jetzt gab es wichtigeres. Sein Leben, zum Beispiel. Oder eher, seine heile Haut, aber dessen war er sich nicht so sicher. So wütend, wie Max gewesen war, traute er ihm glatt einen

Mord zu.

Weit entfernt ertönte ein Schiffshorn. Er musste sich noch weiter vom belebten Hafenbecken weg bewegt haben, als er angenommen hatte. Ein neuer, eiskalter Windhauch trug den wenig appetitlichen Geruch nach Katzenfutter heran. Die Idee von vorhin tauchte wieder auf. Vielleicht könnte er die Nacht in der Fabrik verbringen? Er wollte sie gleich verwerfen, aber welche Alternativen hatte er denn? Bewusstlos in einer Ecke gefunden zu werden? Seine Eltern wären bestimmt begeistert. Im eiskalten Meerwasser zu ertrinken? Nein, seine einzige Chance – abgesehen von der Flucht in die Innenstadt, die er niemals geschafft hätte – lag in der Katzenfutterfabrik. Er versuchte sie sich ins Gedächtnis zu rufen. Vor einiger Zeit war er jeden Tag mit seinen Freunden hier gewesen und sie hatten gemeinsam alle Orte erforscht. Wenn ihn sein Erinnerungsvermögen nicht täuschte, war es eine alte, aus brüchigen Ziegelsteinen erbaute, Fabrik, in der, wie man munkelte, nicht nur Fisch, sondern auch ab und zu Ratten verarbeitetet wurden. Und tote Haustiere.

Joshua schüttelte sich. Also, auf zur Fabrik, dachte er, hoffentlich in die Wärme. Er wand sich um und schlich durch eine besonders dichte Nebelwand. Wieder strich etwas kaltes, glibberiges über seine Wange und er fragte sich unwillkürlich, ob in dem Nebel vielleicht etwas wohnte...

Eine schwere Hand fiel auf seine Schulter und krallte sich hinein. Er zuckte erschrocken zusammen und hatte gerade noch Zeit, Max’ Gesicht und seine roten Haare zu erkennen, bevor ein gellender Schrei ihn erneut erschreckte. Auch Max erschrak und aus dem fanatischen Glitzern seiner Augen wurde eine Spur Unsicherheit. Sein Griff lockerte sich und als die Person ein zweites Mal schrie, riss Joshua sich los. Blindlings raste er davon, darauf

gefasst, jederzeit von einem Red Snake angesprungen zu werden. Doch nichts rührte sich und plötzlich wünschte er sich beinah, dass jemand kam und ihn fing, damit er nicht alleine in dieser verfluchten Gegend umherrennen musste.

Aus dem Nebel tauchte ein Hindernis auf. Er konnte nicht mehr bremsen, lief dagegen und fiel der Länge nach rückwärts um. Benommen schüttelte er den Kopf. Fast hätte er einen hysterischen Lachanfall bekommen, aber er riss sich noch einmal zusammen. Leicht schwankend stand er auf und stützte sich an dem Container ab, gegen den er gerannt war. Hinter ihm wurden auf einmal die Rufe seiner Verfolger laut und Joshua setzte sich in Bewegung. Er hatte allerdings einen Großteil seiner Kraft verbraucht und diese Flucht war vermutlich nicht mehr als die letzte Reserve seines Körpers. Er musste zur Fabrik, wo er sich verstecken und vielleicht sogar mit dem Wachmann – wenn es einen gab – reden konnte.

Von weitem sah er schon die seichten, vom Nebel verwischten Lichter der Fabrik und glaubte, ein rhythmisches Stampfen zu hören.

Plötzlich stand er vor einem neuen, silbernen Maschendrahtzaun. Verwirrt starrte er auf dieses Hindernis und fragte sich, wozu diese alte Anlage einen neuen Zaun brauchte.

„Da vorne ist er!“

Hastig griff er in die Maschen, die – wie er hinterher feststellte – nicht unter Strom standen. Er war fast auf der Hälfte des gut drei Meter hohen Zauns, als ihn erneut jemand am Knöchel packte. Mit einem raschen Blick erkannte er, dass es der Jugendliche war, dem er auf den Kopf gesprungen war. Er hatte eine blau verfärbte Beule auf der Stirn, wie er spöttisch feststellte. Das schadenfrohe Lächeln blieb ihm allerdings im Hals stecken, da nun auch die anderen heran waren und langsam näherrückten. „Haben wir dich endlich, du...“, sagte Max mit einem triumphierenden Grinsen. Joshua erfuhr nie, was er noch sagen wollte, denn in diesem Augenblick heulte eine Alarmsirene los.

Ihrer aller Köpfe flogen im selben Moment herum. An einer Lagerhalle blitzte ein Suchscheinwerfer gleichzeitig mit einer roten Warnlampe auf. Der Scheinwerfer begann langsam, aber unerbittlich auf sie zuzuwandern. Er spürte, dass der Junge seinen Fuß losgelassen hatte und als er auf ihn hinunterblickte, bemerkte er, dass er sich die Ohren zuhielt. Rasch nutzte er die Gelegenheit, kletterte weiter hoch und zog sich auf die obere Kante. Der Lichtkegel hatte ihn schon fast erreicht und Joshua versuchte zu springen – es blieb bei dem Versuch. Sein Hosenbein verhakte sich an einem Stacheldrahtkranz, der den Zaun abschloss und er stürzte kopfüber hinab.

Der Aufprall auf dem harten Boden trieb ihm die Luft aus den Lungen. Für einen Moment sah

er glühende Kreise und Sterne, bis ihn eine Bewegung in die Wirklichkeit zurückholte. Über ihm schwebte ein krächzender schwarzer Vogel, der ihn aus besorgten Augen musterte. Aus besorgten Augen? Schnell richtete er sich auf und fasste sich an den schmerzenden Kopf. Er musste ganz schön etwas abgekriegt haben, wenn er einen besorgt dreinblickenden Vogel... er sah sich um, doch das Tier blieb verschwunden. Stattdessen kam der Scheinwerfer immer näher...

Joshua sprang mit einem Schmerzenslaut auf und taumelte in den Schatten des Wachhäuschens, wo er sich gegen die Wand stützte. Etwas Warmes lief an seiner Stirn herab und als er die Hand hob, spürte er, dass es klebrig war. Blut. Na, klasse!, dachte er wütend, Was würden seine Eltern dazu sagen? Er hatte ihnen versprochen, um spätestens 24 Uhr zurückzusein, und nun...

Etwas stimmte nicht. Er runzelte die Stirn, doch ihm fiel nicht auf, was es war. Eine Tür an dem Wachhäuschen sprang auf und fünf Männer stürmten heraus. Sie sahen nicht gerade wie

Fabrikarbeiter aus. Sie trugen schwarze Maßanzüge und – ungeachtet der Tatsache, dass es Nacht war – dunkle Sonnenbrillen. Und sie waren bewaffnet. Einen Augenblick lang zweifelte Joshua ernsthaft an seinem Verstand. Vielleicht war er ohnmächtig geworden und dies war nur eine albtraumhafte Fortsetzung seines Abenteuers?

Die Männer sahen aus wie Agenten in einem sehr schlechten FBI-Film! Was gab es in einer baufälligen Katzenfutterfabrik, dass von Agenten bewacht werden musste? Er ließ seinen Blick über das Gelände streifen. Zwei zugenagelte Lagerhallen gab es, dann noch das Produktionsgebäude und das kleine Wachhäuschen, aus dem die Männer gekommen waren.

Sicherlich musste das, was sie bewachten – was immer es war – in der Produktionshalle sein. Aus ihr ertönte das Stampfen, welches er vorhin gehört zu haben glaubte.

Die ‚Agenten’ hatten sich mittlerweile vor Max und den übrigen Red Snakes aufgebaut, die im Licht des Suchscheinwerfers blinzelten. Zwei von ihnen – Max eingeschlossen – hingen an dem Zaun und wagten nicht, sich zu bewegen.

Einer der Agenten holte ein kleines schwarzes Ding aus seiner Tasche, drückte darauf und der infernalische Lärm erlosch. Der Wind heulte in der plötzlichen Stille.

Und Joshua wusste auf einmal, was nicht stimmte. Es war der Nebel, der auf dieser Seite des Zaunes fehlte. Drüben sah er die Red Snakes und hinter ihnen die undurchdringliche Nebelwand, durch die er vorhin gelaufen war und hier? Nicht ein Hauch von Nebel war zu sehen! Aber wie, fragte er sich verwirrt, ist so etwas möglich? Er erinnerte sich genau daran, dass er nicht einmal fünf Meter weit hatte sehen können, als er vor seinen Verfolgern geflüchtet war. Vielleicht war es ein Schutzmechanismus der Firma? Oder – aber das weigerte

er sich zu glauben – dieser Ort war verflucht.

„Was wollt ihr hier?“, die Stimme klang hart und fordernd. Joshua lief es kalt den Rücken hinunter. Er legte den Ärmel seiner Jacke über den Mund, um seinen Atem leiser zu machen.

„Wir... wir suchen einen Freund!“, stotterte Max und löste vorsichtig die Hand aus dem Drahtgeflecht. Sofort luden die beiden Außenstehenden ihre Waffen durch. Joshua hatte nie zuvor so eine Angst auf dem Gesicht des Jugendlichen gesehen und obwohl er ihn nicht leiden konnte, tat er ihm ein bisschen leid. Dieses Mitleid erlosch aber sogleich, als er begriff, dass Max ihn verraten würde.

„Das hier ist Privatgelände!“, der Mann machte sich nicht einmal die Mühe, die Drohung in seinem Ton zu unterdrücken, „Ihr dürft nicht einmal näher als fünf Meter an den Zaun herantreten! Geht jetzt, aber lasst euch gewarnt sein! Dieser Zaun steht sonst unter Strom, was er auch gleich“, er winkte einem Mann, der daraufhin im Wachhaus verschwand, „wieder tun wird.“

Die Zeit schien stillzustehen. „Und... und was wird aus... unserem Freund?“, erkundigte Max sich.

„Um den kümmern wir uns!“, ein raues Lachen ertönte und der Anführer lud seine Waffe ebenfalls durch. Mit einem letzten Blick auf die Agenten drehten sich die Red Snakes um und rannten in kopfloser Hast davon. Kaum waren sie verschwunden, erlosch das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes.

„Findet diesen Bengel und bringt ihn zu mir! Er darf es nicht sehen, verstanden?“

„Und wenn er es bereits gefunden hat?“, fragte der Mann rechts vom Anführer.

„Daran dürfen wir nicht einmal denken!“, fuhr der auf und ging zurück ins Haus.

Joshua hatte genug gesehen. Leise zog er sich ein Stück in den Schatten zurück und wartete, bis die Männer sich weit entfernt hatten.

Was ist es?, dachte er unruhig und wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits musste er das Gelände verlassen. Aber wie? Sollte er sich einem der Agenten stellen? Und dann?

Oder er machte sich auf die Suche nach dem Ding, was der Anführer der Agenten als es bezeichnet hatte. Danach konnte er sich den Männern noch immer stellen. Gedacht, getan.

Seine Schwäche war wie weggeblasen, als er leise hinter zwei Schatten herschlich, welche von den Agenten geworfen wurden. Wo sie schon gesucht hatten, würden sie ihn am wenigsten vermuten.

„Findest du nicht, dass er etwas übertrieben hat?“, fragte der eine.

„Womit? Dieses Theater mit den Waffen?“

„Ja.“

„Eines Tages werden sie so oder so merken, dass es uns gibt und dann ist es egal. Aber wenn ich ehrlich bin: Er hat es noch immer nicht begriffen“, der Mann griff in seine Tasche und zog eine Schachtel Zigaretten heraus. „Auch eine?“

„Nein, danke. Das dürfen wir nicht. Schließlich werden hier Forschungen betrieben, die wichtiger sind als unser Leben.“

„Die Forschungen sind doch weit fortgeschritten, man könnte sogar sagen, fast beendet. Da ist das bisschen Rauch nicht schlimm.“

Joshua fragte sich verwundert, worüber die beiden da redeten. Forschungen? Was für Forschungen? Er runzelte die Stirn und lauschte weiter.

„Unser Herr wird nicht erfreut sein, von diesem Zwischenfall zu hören. Eigentlich hatte er uns doch versichert, dass niemand zu uns kommen kann.“

Der Raucher lachte und hustete gleichzeitig. „Der schwarze Kerl ist nicht ganz dicht! Was der sich immer einbildet!“

„Er ist schon ein wenig seltsam!“, entgegnete der andere und schüttelte den Kopf, „Er hält sich für zu genial für diese Welt. Kein Wunder... “

„Bist du dir sicher, dass er überhaupt etwas von dem kann, was er uns per E-Mail vorschwärmt? Ich nicht. Doch wir sollten uns darüber nicht allzu viele Gedanken machen. Wir müssen den Jungen finden. Sieh du dort hinten nach, wir treffen uns am Wachhaus!“

Sie trennten sich und verschwanden in unterschiedlichen Richtungen.

Als Joshua sich einigermaßen sicher fühlte, bog er im Schatten des Lagerhauses ab und versteckte sich in einer Ecke. Er hatte nicht einmal den Bruchteil dessen verstanden, wovon die Männer geredet hatten, aber er hatte Angst und das nicht wenig. Seine Knie zitterten. Irgendetwas seltsames ging hier vor und er fragte sich, was es wohl sein könnte. Der Anführer der Agenten hatte von einem es gesprochen und die beiden eben über einen schwarzen Kerl.

Das einzig logische ist, dass es in der Produktionshalle ist, dachte er und warf einen Blick auf die verschlossene Lagerhalle. Darin ließ sich bestimmt nichts Wichtiges aufbewahren, dazu war das Gebäude zu verfallen. Durch die Decke regnete es im Herbst hinein, das hatte er auf einem seiner zahllosen Streifzüge herausgefunden.

Ein metallenes Scheppern und ein Fluch ertönten in seiner Nähe. Er musste vorsichtig sein, um den Agenten nicht direkt in die Arme zu laufen. Ein anderes Geräusch erschallte, was ihm fast das Herz stehen bleiben ließ. Es klang wie ein Hund. Wenn es hier Hunde gab, war er geliefert. Aber keine reißende Bestie sprang ihn an oder schlich im Schatten herum. Zu viele Gruselfilme gesehen, dachte er spöttisch und nahm sich vor, von jetzt an nur noch Dokumentationen zu sehen.

Ein kalter Tropfen fiel von oben herab auf seinen Kopf. Joshua sah hinauf und entdeckte ein uraltes Werbeschild mit einem grinsenden, abgeblätterten Katzengesicht. Das Schild war hell erleuchtet und musste gut vierzig Jahre alt sein. Und es knarrte im Wind! Erleichtert atmete er auf. Also keine Hunde. Aber ein inneres Unwohlsein blieb zurück. Der Wind hatte – soweit das noch möglich war – aufgefrischt und jagte mit unverminderter Heftigkeit heran. Er brauste um die Ecken und zerrte an der bröckeligen Ziegelsteinmauer. Plötzlich erinnerte ihn das Gelände an die Kulisse eines Horrorfilms, den er vor einiger Zeit gesehen hatte.

Joshua huschte leise hinüber zu der eigentlichen Produktionshalle und versuchte, etwas im Inneren zu erkennen, was aber unmöglich war. Die Halle musste gut sechs Meter hoch sein und ihre Fenster befanden sich ganz oben. Enttäuscht wand er sich ab und überlegte, was er nun tun konnte.

Mit einem Seufzer lehnte er sich gegen die Wand, wobei einige Steinbrösel herabrieselten. Ich könnte mich ja durchkratzen, dachte er grinsend.

Plötzlich zerriss ein donnernder Schuss die Nacht. Ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte, dann ein menschlicher Schrei, angefüllt mit Entsetzen und schließlich Stille. Was war geschehen?

Er hatte nicht die Zeit, sich etwas dazu zu denken, denn nun wurde eine Tür an der Produktionshalle aufgestoßen und mehrere Gestalten in weißen Kitteln rannten heraus. Joshua stand glücklicherweise im Schatten und wurde von keinem der Männer und Frauen bemerkt, die unruhige Bewegungen in die Dunkelheit brachten. Durch die weit offene Tür verschwanden weitere Personen in die Nacht.

Und dann kam niemand mehr. Er zögerte. Sollte er hineingehen? Noch hatte er die Möglichkeit, einfach der ganzen Sache den Rücken zu kehren. Aber eine so starke Neugier hatte ihn erfasst, dass sein Körper sich wie von selbst in Bewegung setzte.

Das Geschrei und alle anderen Geräusche hatten sich entfernt, niemand war in der Halle, die er jetzt betrat. Schnell warf er einen sichernden Blick in die Dämmerung hinaus, besah sich die Tür genauer und entdeckte zu seiner Erleichterung einen eisernen Riegel. Bei seiner Musterung fiel ihm auf, dass die Wände des baufälligen Gebäudes von innen mit einer Schicht Eisen bedeckt waren. Also wäre aus dem Durchkratzen nichts geworden.

Erstaunt blickte er auf das Bild, was sich ihm bot. Riesige Kessel, Fließbänder und Druckmesser blitzten um die Wette. Kein Mensch war zu sehen und doch lief alles auf Hochtouren. Neonleuchten warfen ihr kaltes Licht auf die Szenerie, die auf einmal wie ein Raumschiff in einem kitschigen Science-Fictionfilm wirkte. Und doch war alles echt. Ebenso echt und real wie die Stimmen, die sich der Tür näherten.

Mit einem Hechtsprung warf Joshua sich nach vorne und gegen die Tür. Sie war für eine Metalltür erstaunlich leicht und fiel mit einem dumpfen Krachen ins Schloss. Schnell legte er den Riegel vor. Die Geräusche von außen hallten an den Wänden wieder. Bestimmt gab es einen Nothebel für die Tür. Es konnte sich nur um Minuten handeln, bis sie das Gebäude stürmen würden.

Gehetzt sah er sich um, war einen Augenblick lang irritiert von den blitzenden Lichtern und Reflektionen und entdeckte dann das, was er vermutet hatte: Einen Aufzug. In einer normalen Fabrik brauchte man keinen Lift, es sei denn, es befanden sich noch andere Räume darunter! Und man brauchte geheime Räume, wenn man etwas vor den anderen verstecken wollte.

Anscheinend hatte sich niemand Sorgen um ungebetene Besucher gemacht, denn der Aufzug war nicht im geringsten versteckt. Er sprintete los, während die Menschen draußen wütend gegen die Metalltür anrannten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie alle dreckig gewesen waren, als sie das Gebäude verlassen hatten. In der Halle gab es nichts unsauberes, was nur heißen konnte, dass sie sich unten beschmutzt hatten. Als sich die Lifttüren geräuschlos hinter ihm schlossen, überfiel ihn eine unbestimmbare Panik, die er hastig niederkämpfte. Er konnte es sich jetzt nicht leisten, durchzudrehen.

Eine digitale Anzeige machte ihn darauf aufmerksam, dass er 1,2 oder 3 drücken sollte. Joshua hatte keine Ahnung davon, welche Ziffer für was stand. Er sank erschöpft gegen die Wand und schloss die Augen. Seinem inneren Zeitgefühl zufolge musste es schon sehr spät sein und er spürte, dass ihn dieses >kleine Abenteuer< mehr Kraft gekostet hatte, als er anfangs geglaubt hatte.

Ein dumpfer Schlag riss ihn aus dem Dämmerungszustand, in den er gesunken war. Schnell ließ er seine Hand auf die Tasten krachen und erwischte dabei die 2. Danach drückte er geschwind noch 1 und 3. In einem der Stockwerke konnte er aussteigen. Die Liftkabine gaukelte ihm Sicherheit vor, doch er spürte, dass er hier nicht wirklich in Sicherheit war, im Gegenteil. Hier war er mehr denn je in der Hand der Feinde. Wenn die Menschen oben in der Halle schnell genug waren, würden sie den Strom abdrehen, bevor der Aufzug hielt. Wenn das geschah, war er ihnen ausgeliefert.

Joshua blickte nach oben und entdeckte eine winzige Videokamera, die allem Anschein nach aus war. Er sah genauer hin und bemerkte, dass sie nicht mit dem Kabel verbunden war, welches den Strom lieferte. Was ging hier vor? Fand gerade ein Überfall statt und er war mitten drin?

Die Türen des Aufzuges glitten auseinander. Für einen Moment hatte er Angst, sich das Stockwerk anzusehen. Ein dunkler – nein, dämmeriger, aber nicht richtig dunkler – Gang empfing ihn. An den Wänden standen lange Regalreihen, angefüllt mit Gläsern, deren Inhalt er sich lieber nicht genauer ansah. Oder doch? Er versuchte es, aber es war zu dunkel.

Ein merkwürdiges Geräusch hallte ihm Aufzugsschacht. Es gehört nicht hierher, dachte er müde und trat einen Schritt nach vorne, womit er ganz aus dem Aufzug heraus war.

Keine Sekunde zu früh, denn nun senkte sich die Kabine ganz langsam nach unten. Ein

peitschender Knall ertönte, dann raste der Lift mit einem seltsamen Wimmern in die Dunkelheit hinunter, die plötzlich entstand.

In diesem Moment war er sich völlig sicher, dass alles nur ein Traum war. Sämtliche Action- und Horrorfilme vermengten sich in seinem Kopf zu diesem gewaltigen... Albtraum.

Joshua wand sich wie betäubt nach links und begann den Gang entlangzugehen. Seine Bewegungen waren mechanisch, wie die einer Maschine. Vor seinem inneren Auge tauchte der dunkle Schacht auf, in dem der Aufzug verschwunden war und noch etwas anderes. Schlangenähnliche Körper wanden sich heraus, mit einem teuflischen Zischen...

Nur nicht wahnsinnig werden!, dachte er und spürte, wie sein Atem schneller wurde. Verzweifelt blinzelte er, um das grauenhafte Bild zu verscheuchen, doch wieder und wieder sah er die dunklen Konturen der Dinge, die hinter ihm krochen. Plötzlich hörte er ein Zischen und es war so echt, dass er blindlings losrannte. Ihm wurde bewusst, dass er ganz allein in dieser dämmerigen Hölle war, eingeschlossen mit ihnen...

Er rannte so schnell, dass er glaubte, sein Herz müsse zerspringen. Und er schrie, laut und gellend, dass es auch in den Lagerhallen noch zu hören sein musste.

Willkommen in deiner selbstgewählten Hölle!, sagte eine höhnische Stimme in seinem Kopf.

Und dann griffen die Gestalten wirklich nach ihm. Er rannte gegen etwas, keuchte verzweifelt und wand sich in dem Griff des Angreifers. Sie gingen beide zu Boden und Joshua schlug wie wild um sich. Du bist verloren, dachte er entsetzt und wehrte sich noch heftiger.

Er spürte, wie das Ding ihn umklammerte und bekam keine Luft mehr, als sich ein Ring um seine Brust legte.

„Beruhige dich!“, zischte eine – menschliche – Stimme. Joshua hielt mitten in der Bewegung inne. Er schüttelte den Kopf und alle Visionen verschwanden, bis er bemerkte, dass ein Mann ihn umklammert hielt.

„Es geht wieder!“, ächzte er. Auf der Stelle wurde der Griff gelockert und Joshua sank zu Boden. Ein großer Mann rappelte sich auf und betrachtete ihn aufmerksam. Er war noch nicht sehr alt – höchstens 25 – schätzte er, als er wieder einigermaßen Luft bekam. Es war einer der schwarzgekleideten Agenten, aber er war ein Mensch und das war das einzige, was zählte.

„Wer bist du?“, fragte er scharf, „Das hier ist eine private Einrichtung. Du dürftest gar nicht da sein.“

„Ich... ich bin Joshua“, sagte Joshua und stand langsam auf. Er wusste nicht, ob dieser Agent auch eine Waffe trug, aber wenn es so war, wollte er sie gar nicht sehen.

„Und was hast du hier verloren?“

„Ich... ich habe mich verlaufen...“, er hätte sich das nicht einmal selbst geglaubt. Außerdem stand er seinem Feind gegenüber! Er tat, als wollte er sich an der Wand abstützen, fuhr stattdessen jedoch herum und rannte davon.

„He!“, brüllte der Mann und setzte zur Verfolgung an. Joshua hatte einen kleinen Vorsprung und raste noch schneller dahin, dass die Wände nur so an ihm vorbeiflogen. Und trotzdem holte der Agent auf. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er in Richtung Aufzugabgrund lief. Mitten im Schritt hielt er an, machte kehrt und wollte auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Der Mann hielt ebenfalls an, breitete die Arme aus und kam langsam auf ihn zu.

„Zum letzten Mal, Joshua, was willst du hier? Niemand verläuft sich auf ein hochgesichertes Gelände, in eine Fabrik, die einer Festung gleicht und dann noch in einen Aufzug, der geradewegs in ein unterirdisches Gewölbe führt!“ Er machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. „Wie bist du überhaupt hereingekommen?“

Joshua sah sich gehetzt um. Warum nur lief bei ihm alles schief?

„Denk nicht einmal daran, wegzulaufen, ich habe eine Waffe bei mir.“

„Sie... Sie würden auf mich schießen?“, er ärgerte sich über seine klägliche Stimme.

„Wenn du flüchtest, lässt du mir keine andere Wahl.“ Der andere sah ihn düster an und ließ die Arme sinken. „Lass uns reden. Das hier ist eine Einrichtung der Regierung und du dürftest gar nicht hier sein. Wie bist du über den Zaun gekommen?“

„Er war ausgeschaltet“, entgegnete Joshua niedergeschlagen. Es hatte keinen Zweck, weiter vor dem Agenten davonzulaufen. „Ich dachte, ich könnte mich hier vor Max verstecken und bin über den Zaun geklettert. Dann waren da plötzlich Männer mit Waffen und ich bin weggelaufen und in die Fabrik...“, ihm wurde bewusst, dass der Agent Max gar nicht kannte.

„Stop!“, unterbrach der Mann, „Wie bist du in die Fabrik gekommen?“

„Da war ein Schuss und alle sind rausgelaufen. Ich bin rein in die Halle und wollte mich umsehen, weil es mir komisch vorgekommen ist, dass eine Katzenfutterfabrik von Agenten – wenn es welche sind – bewacht wird. Aber die Leute kamen zurück und ich habe die Tür verriegelt. Dann sah ich den Aufzug, rannte hinein und fuhr hierher. Auf dieser Etage bin ich ausgestiegen und auf einmal gab es ein komisches Geräusch und der Aufzug stürzte ab.“ Er zögerte.

„Und warum bist du wie wahnsinnig den Gang entlang gestürmt?“

„Da waren wieder so komische Geräusche“, murmelte Joshua leise. Er glaubte zwar, sich die Töne nur eingebildet zu haben, aber falls er sie wieder hörte, würde der Agent wissen, wovon er sprach. „Eine Art Zischen und ich dachte, es wären vielleicht...“, er brach ab und lauschte. War es da nicht schon wieder? Ruhig!, dachte er, Es ist nichts, es kann nichts sein...

Auf dem Gesicht des Mannes zeigte sich angespannte Aufmerksamkeit. „Was ist?“, flüsterte Joshua. Er konnte regelrecht spüren, wie er blass wurde.

„Nichts. Ich habe nur versucht zu hören, was du gehört hast. Ich kann nichts hören.“

Für einen Moment war es totenstill – nur ein leises, elektrisches Knistern drang aus dem Liftschacht. Und das Zischen.

Joshua erstarrte. Das war unmöglich! Der Agent hörte doch auch nichts! Er begann zu zittern, was nicht nur an der Anspannung lag. Es war eiskalt in dieser Gruft. Er rückte langsam näher an den Mann heran. Nur noch wenige Schritte trennten sie. Das Zischen wurde lauter, deutlicher. Fordernder? Verlangte es das Opfer, was ihm eben entgangen war?

Eine grauenhafte Idee schälte sich aus seinen Gedanken. Was war, wenn es ein Monster war? Ein gentechnisch verändertes Irgendwas?

„Ich bringe dich erst einmal zu den anderen. Weshalb bist du eigentlich vor ihnen weggerannt?“, er runzelte die Stirn. „Mein Gott, Junge, du siehst schrecklich aus. Fehlt dir was?“

Joshua fragte sich, wie der Mann in dieser Dämmerung den Ausdruck auf seinem Gesicht sehen konnte. War seine Angst so offensichtlich?

„Helfen Sie mir!“, flüsterte er.

„Was? Wobei denn?“

„Bei... bei...“, er sank mit einem Schnaufen gegen die Wand. Der Agent sprang auf ihn zu, um ihn zu stützen. „Es gibt noch einen Lift!“, sagte er und zog Joshua mit sich.

Dieser riss sich blitzschnell los, versetzte dem Mann einen Stoß und rannte - zum wievielten Mal eigentlich? – weg. Gib auf!, flüsterte die Stimme in seinem Kopf. Aber das konnte er nicht. Nicht, bevor er es gefunden hatte. Eine unaufhaltsame Neugier trieb ihn vorwärts und er wusste, dass das Gefühl erst verschwinden würde, wenn er es gefunden hatte.

„Verflucht, bleib stehen! Ich tue dir doch nichts! Ich...“

Joshua bog um eine Ecke und fand sich in einem so grell erleuchteten Gang wieder, dass er einen Augenblick lang fast blind war und heftig blinzelte. Überall zweigten Metalltüren mit eingelassenen Glasfenstern ab. Sein Herz machte einen Sprung. Bestimmt konnte er sich hier irgendwo verstecken! Und dann?

Seine Hoffnung erlosch, als er an einer Tür rüttelte. Verschlossen! Seine Knie zitterten. Hastig lief er zur nächsten, aber auch diese war zu. Hinter der Glasscheibe sah er mehrere Tische, die verdächtig nach Seziertischen aussahen. Außerdem entdeckte er einen riesigen Glasbehälter mit einer gelartigen Masse darin, in welchem ein dunkles Etwas schwamm. Er presste sein Gesicht gegen die Scheibe und versuchte es zu erkennen... EIN MENSCH! Ein toter Mensch in einer Gelkapsel! Joshua prallte zurück, spürte eine Hand auf seiner Schulter und hörte seinen Verfolger sagen: „Warum läufst du die ganze Zeit...“, er verstummte.

„Was, zum Teufel, ist DAS?!“ Der Agent beugte sich über ihn, wobei Joshua erneut auffiel, wie groß er war. In diesem Moment wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Mann zu überwältigen, doch er tat es nicht. Das ist also das Geheimnis!, dachte er, Sie machen Versuche mit Menschen! Aber weshalb war der Agent so überrascht davon?

Er warf einen Blick in die Richtung, in der er den Liftschacht vermutete. War da nicht...?

Der Fremde holte einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür. Er kümmerte sich nicht mehr um Joshua, aber der hatte keine Lust – und vor allem nicht den Mut – zu flüchten. Vielleicht bedeutete der Raum Sicherheit.

Der Mann trat als erstes hinein und knipste das Licht an. Ein grelles Neonlicht blitzte auf und beleuchtete eine Anzahl von Messgeräten, die um den Menschen in der Kapsel verteilt waren. Sie zeigten Puls, Herzschlag und Atmung an – oder hätten diese angezeigt, wenn sie vorhanden gewesen wären. Joshua war so vertieft in den Anblick, dass er die Bewegung im letzten Moment wahrnahm. Der Agent stand wie erstarrt und lauschte.

„Was war das?“, fragte er leise und bedeutete ihm, sich von der Tür zurück zu ziehen. Langsam zog er seine Waffe – einen Revolver, wie Joshua erkannte.

„Wa... was?“, flüsterte er entsetzt.

„Ich hätte schwören können, dass da ein Geräusch war. Ein Zischen oder so“, der Agent zuckte mit den Schultern und wollte die Waffe wegstecken, doch er schien es wieder zu hören, denn seine ganze Gestalt drückte angespannte Aufmerksamkeit aus. Er schlich zu Joshua hinüber und wisperte: „Ich gehe nachsehen, was da ist. Fass nichts an und lauf auf gar keinen Fall weg! Bestimmt sind die anderen bereits hier unten, die nicht wissen, wer du bist.

Sie schießen ohne zu fragen. Schwöre, dass du dich nicht vom Platz bewegst, es sei denn, du wirst angegriffen“, ihre Blicke trafen sich.

Joshua nickte. Er konnte nicht antworten. Der Mann gab sich damit zufrieden, seufzte und fügte hinzu: „Ich gehe nach rechts, falls etwas passiert, ok?“

Ohne auf eine Erwiderung zu warten, huschte er aus der Tür.

Joshua zitterte mittlerweile stark. Die Anspannung war zu viel für ihn. Außerdem war er müde... Er musste gähnen. Ganz schön peinlich, dachte er und verzog den Mund, ich sitze hier in einer geheimen Fabrik, in der gentechnische Experimente gemacht werden und das einzige, was ich denke, ist, dass ich müde bin! Er schüttelte den Kopf und fragte sich, ob es stimmte. Mit Gentechnik kannte er sich absolut nicht aus und der Mann in dem seltsamen Behältnis sah auch nicht aus, als wäre etwas an ihm verändert worden. Er sah nur... sehr tot aus.

Josh sah sich nach einem Versteck um. Eine Nische unter einem Schreibtisch schien groß genug und er wollte sich gerade hinüberbewegen, als er ein ersticktes Keuchen hörte. Wie erstarrt blieb er stehen. War das der Agent?!

Ängstlich stahl er sich zum Eingang und starrte in die Dämmerung. Ein Schatten erschien an der Wand. Es sah aus, als führten zwei Wesen einen grotesken Tanz auf. Oder als rangen sie miteinander...

Joshua wand sich lautlos nach links, nur weg von den Kämpfenden. Er huschte den Gang entlang, vorbei an einigen verschlossenen Türen, hinter denen grünes Licht herrschte. Er erreichte unbehelligt einen Seitenflur und kam an einer Tür vorbei, hinter der das Licht normal zu sein schien. Probeweise drückte er dagegen, stürmte erleichtert in den Raum hinein und blieb überwältigt in der Mitte stehen. Genau wie in der Fabrikhalle blinkten Geräte, Knöpfe und ähnliches. Es war ein riesiges Durcheinander, obwohl das Zimmer eigentlich nicht sehr groß war. Ein Schaltpult befand sich direkt neben dem Eingang, mehrere fremdartige Maschinen – sie glichen der Liftkabine, stellte er verwundert fest – funkelten an der gegenüberliegenden Wand.

Joshua ging langsam auf sie zu. Er staunte über die Konstruktion, die bis an die Decke reichte und mit unzähligen Kabeln verbunden war. Rasch schlüpfte er hinein und besah sich den Innenraum. Auch hier gab es eine Unmenge Knöpfe, Schalter und Hebel. >Close< stand auf einem. Es konnte bestimmt nicht gefährlich sein, die Kabine nur einmal auf und zu zumachen. Er drückte den Knopf und sah zu, wie sich eine durchsichtige Glaswand im Zeitlupentempo von oben nach unten bewegte.

In diesem Moment krachte die Eingangstür auf und prallte heftig gegen das Schaltpult. Der Agent erschien im Rahmen, mit der Waffe in der Hand. Seine Lippe war aufgeplatzt und über dem rechten Auge zog sich eine kleine Wunde, aber ansonsten war er unverletzt. Er entdeckte ihn in der Kammer und erschrak so sehr, dass ihm die Waffe aus der Hand glitt und zu Boden fiel. „Nein!“, schrie er, „Bist du wahnsinnig? Komm da heraus!“ Er hechtete über das Pult und schlug so stark auf einen Knopf, dass Joshua das Plastik knirschen zu hören glaubte.

Mit einem erleichterten Gesichtsausdruck sah der Agent zu, wie sich das Tor wieder öffnete. Erst als es ganz oben war und stillstand, atmete er auf.

Dann verdüsterte sich seine Miene. „Du bist wohl lebensmüde, du kleiner Narr! Ich hatte dir doch befohlen, in dem Raum zu bleiben! Nicht einmal ich weiß, wozu all diese Geräte sind und du spazierst einfach herein und spielst an ihnen herum!“ Er setzte zu einer Strafpredigt an, aber die Tür wurde erneut aufgestoßen und ein wahrhaftiger Albtraum stürzte herein.

Das Wesen war riesig und ungeheuer breit. Es war über und über mit zotteligem, braunen Fell bedeckt und hatte einen schuppigen, grünschillernden Schwanz. Kleine, rote Schweinsäuglein blinzelten in die ungewohnte Helligkeit und eine winzige Stupsnase zuckte, als es ihn entdeckte. Schwarze, spitze Zähne entblößten sich und ein dumpfes Knurren drang aus der Kehle des Dinges.

Joshua war so entsetzt, dass er nicht einmal schreien konnte. Bis jetzt hatte er alles als Albtraum abtun können, aber dieses Etwas war nicht gewillt, zu verschwinden, wie die anderen Visionen es getan hatten. Im Gegenteil, es begann mit kleinen Trippelschritten auf die Kabine zuzugehen und hob eine mit schwarzen Krallen bewehrte Hand.

Der Agent setzte mit einem Satz über das Schaltpult, stürmte auf die Kabine zu und schrie: „Schließe die Tür!“ Joshua drückte den Close-Knopf und unendlich langsam senkte sich die Glaswand herab.

Der Mann sprang unter der Barrikade hindurch und stieß sich den Kopf an der metallenen Wand, weil er zuviel Schwung drauf hatte. Das Wesen begann nun ebenfalls auf die Kammer zu zurennen, aber es war sehr schwerfällig. Die Tür schloss sich und Joshua wollte erleichtert aufatmen. Doch dazu gab es keinen Grund. Das Tor war vielleicht zu, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Koloss das Glas knacken würde. Erschöpft wollte er sich gegen die Wand lehnen, aber der Agent riss ihn an sich. „Nichts berühren!“, zischte er und griff so fest zu, dass es wehtat, „Jeder Knopfdruck könnte die Maschine in Gang setzen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was dann passiert! Ich weiß nicht einmal, wozu es dieses Labor gibt!“

Das Zottelding schlug wütend gegen die Glasscheibe. Sie schien nicht besonders dick zu sein, aber Joshua war froh, dass sie wenigstens den ersten Schlag aushielt. „Was... was können wir jetzt tun?“, fragte er leise und versuchte die harte Hand an seiner Schulter abzustreifen, „Sie tun mir weh!“

Sofort lockerte sich der Griff. „Beten“, entgegnete der Mann resigniert, „Wir könnten beten, dass die anderen auf dem Weg sind und uns hier rausholen, bevor es“, er deutete auf das Wesen, was vor der Scheibe tobte, „die Kabine aufgebrochen hat.“ Eine kleine Pause entstand, in der beide ihren düsteren Gedanken nachhingen und nur das Gebrüll des Ungeheuers die Ruhe störte. Schließlich fragte Joshua vorsichtig: „Was passiert mit mir, wenn Ihre Kollegen das Wesen verscheucht haben?“

„Wir werden dich verhören, wie du hierher gekommen bist, um die Sicherheitslücke zu finden. Dann rufen wir die Polizei, weil du eingebrochen bist, die dich bestimmt nach Hause bringen.“

Ein elektrisches Summen riss sie beide aus den Gedanken. „Was ist nun los?“, erkundigte er sich alarmiert.

„Ich habe keine Ahnung!“, lautete die Antwort, „Übrigens, ich bin Jarod.“

„Wie schön, dich kennen zu lernen, aber es wäre besser, wenn die Umstände nicht so schlecht wären.“, erwiderte Joshua spöttisch. Er hatte Angst, aber das musste Jarod ja nicht unbedingt merken.

Was immer diese Maschine tun würde, es würde bestimmt nichts Gutes sein, schließlich stand sie in einem hochgesicherten Gebäude.

„Was ist das für ein Toter gewesen?“, fragte er unsicher. Das Bild des Körpers, der in dieser widerlichen rosa Glibbermasse schwamm, tauchte wieder vor seinen Augen auf.

Der Agent zog eine Grimasse. „Wenn ich vorher davon gewusst hätte, wär ich niemals hierher gekommen!“, sagte er scharf, „So ein Mist!“

„Ich... ich habe den Toten gesehen und ich... ich frage mich, ob...“

„... wir dich auch umbringen, weil du ihn gesehen hast?“, der Mann schlug ihm leicht auf die Schulter, soweit das in der Enge ging. „Unsinn!“, meinte er freundlich, „Deswegen bringen wir keinen um!“

„Wegen was sonst?“ Die Frage war schneller heraus, als er sie gedacht hatte. Er biss sich auf die Lippe.

„Ich habe noch nie einen Menschen umgebracht“, entgegnete Jarod nachdenklich, „Und eigentlich hatte ich es auch nicht vor. Ich bin sozusagen nur als Aushilfe hier.“

Ein seltsames Knistern ließ sie beide verstummen. Im nächsten Moment strömte ein gelbes Gas durch eine Öffnung an der Decke. „Halt die Luft an!“, zischte der Agent und zog ihn mit sich zu Boden. „Das ist Gas! Wer weiß, ob es giftig ist!“

Joshua nickte und holte schnell Luft. Innerhalb weniger Sekunden war die Kabine voll von dem Nebel, der sie wie eine klebrige Masse bedeckte und auch die Wände des Gerätes herunterwallte.

Vor seinen Augen begannen nach einem Moment glühende Kreise und Sterne zu tanzen und ein stechender Schmerz bohrte sich in seine Lunge. Er hob den Arm, presste sein Gesicht fest gegen die Jacke und sog gierig Luft durch seinen improvisierten Filter. Leider nutzte das nicht viel. Das Gas kratzte in seinem Hals.

Er spürte, dass eine leichte Müdigkeit ihn ergriff, seinen Geist vernebelte und sank gegen die Wand. Das letzte, was er hörte, war eine mechanische Stimme, die sagte: „Eine gute Reise wünsche ich Ihnen!“

Dann sank er in eine eisige Schwärze hinab.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Leonya
2009-10-26T20:30:15+00:00 26.10.2009 21:30
ja und das wars?
=(
gut geschrieben aber das ende is doof ...... na eigentlihc is es sehr gut
aber was passiert da nu?


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