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Narrenkind

Im Land der Draconigena
von

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Wiederaufbau

Jyne sah sich den Stapel aus Akten an, die Rrustem und Grinder in den Thronsaal geschleppt hatten.

Grinder stand ein wenig abseits und blätterte in einer der Akten herum. Seine Miene verdüsterte sich und hin und wieder gab er ein abfälliges Schnauben von sich. Die Närrin nahm eines der kleinen, dicht beschriebenen Bücher an sich und las die geprägten Lettern auf dem Einband:

Experiment Aatos.

Die Alchemisten waren, was die Dokumentation ihrer Experimente anging, äußerst gründlich gewesen. Und es war erschreckend, wie… viel sich angesammelt hatte. Jyne schätze die Gesamtzahl auf ungefähr zweihundert Stück. Viele dieser Büchlein waren dünn und nur wenige Seiten lang, da die Opfer vorzeitig gestorben waren, einige andere jedoch enthielten wesentlich mehr Informationen. Natürlich waren die meisten von ihnen bei der Massenabschlachtung umgebracht oder ein paar Jahre später bei dem Zusammensturz von Arbor versteinert worden, dennoch war es erstaunlich, was die Alchemisten innerhalb weniger Jahre zustande gebracht hatten. Insgesamt hatte es fünfzig Scheusal-Experimente gegeben, der Rest waren einfache Mutanten. Wobei auch unter Ersten und Geborenen unterschieden worden war. Die jüngsten Akten waren an die sechzig Jahre alt und die von Vrinda und Klaif.

Vielleicht ist es keine gute Idee, einem der größten Vergewaltiger unserer Zeit einen übermenschlichen Echsenkörper zu geben, aber für ein anderes Experiment eignet er sich einfach nicht. Wir hoffen darauf, dass seine menschlichen Gelüste während der Mutation weichen werden…

In den Akten waren auch Bilder gezeichnet worden, die die Mutation genau dokumentierten. Mit Abscheu im Gesicht sah sich Jyne die Bilder an; sie zeigten eine Mischung aus Mensch und Echse. Die blutigen Schuppen brachen aus der Haut, die Augen bluteten, Zähne fielen zugunsten des neuen Gebisses aus, das Rückgrat verlängerte sich, wurde zum Schwanz. Alles in einem ekeligen, fleischigen Stadium, ehe sich langsam die Schuppen aus der Haut schoben. Der Zeichner hatte eine morbide Faszination für die Scheusale entwickelt und kein winziges Detail ausgelassen. Die Bilder im mittleren Stadium der Mutation waren am schlimmsten anzuschauen und der gequälte Blick von Aatos schien die Magierin aus den Seiten heraus leidend anzuflehen, dass seine Schmerzen vergehen würden. Die Närrin blätterte noch ein paar Seiten weiter, dann legte sie das Buch zu Experiment Aatos weg, rieb sich die Schläfen und gab einen schweren Seufzer von sich.

Mittlerweile waren ein paar Tage vergangen und die Bevölkerung von Amphitrite hatte sich weitgehend beruhigt.

Die Bestattungen von Vrinda und Bronzemaus, sowie das Wegschaffen der ganzen anderen Leichen, würde bald stattfinden. Jyne hatte Barry nicht begleitet, als jener aufgebrochen war, um die Mutantin zu holen, denn sie wusste, dass dies eine Sache war, die ihr Freund alleine machen wollte.

Vrindas Zustand war schrecklich gewesen – jetzt lag sie, gesäubert und mit einem weißen Leichentuch bedeckt in der Kapelle und wartete auf ihre Bestattung. Die Närrin stand auf und streckte sich. Niemand achtete auf sie, also verließ sie den Thronsaal und begab sich in die Gärten.

Jamaal lag auf der weitflächig angelegten Wiese und schlummerte. Die riesigen, goldenen Flanken hoben und senkten sich regelmäßig und Jinhi, der Halb-Elf, wischte ihm gerade ein wenig grünen Schnodder von den Nüstern. Selbst nach der kurzen Zeit, in der sich Jinhi nicht mehr unter der Fuchtel von Pharrell befand, wirkte es so, als sei das Mischblut vollkommen aufgeblüht. Als sich die Närrin näherte, wandte er sich zu ihr um und schenkte ihr ein Lächeln.

„Hast du genug von den Akten?“, wollte er wissen und wrang den verklebten Lappen in einer Schale mit Wasser aus.

„So ziemlich. Sie werden wohl gemeinsam mit dem Massengrab verbrannt werden“, gab die Magierin zur Auskunft und wandte den Kopf, als sie Kephas hörte, der auf sie zugetrabt kam. Das Fell fühlte sich rau und borstig zwischen ihren Fingern an, als sie die Schnauze des hechelnden Blutwolfes streichelte. Kephas schnupperte intensiv, dann legte er sich hin und genoss das Kraulen. Jyne war schockiert gewesen, als Barry ihn mitgebracht hatte: Halb tot, mit ausgestochenen Augen war der Blutwolf ein wahrlich erbärmlicher Anblick gewesen.

Doch jetzt schien es ihm besser zu gehen: Seine Wunden waren erstaunlich schnell verheilt und selbst ohne sein Augenlicht kam Kephas gut zurecht. Manchmal lief er Gegenstände um oder knallte mit dem Kopf gegen die Wand, doch das war verkraftbar, solange er lebte.

Barry war untröstlich gewesen, als er die tote Kovialjka entdeckt hatte.

„Es sind faszinierende Wesen“, bemerkte Jinhi und streckte ebenfalls eine Hand aus, um den Blutwolf zu streicheln. „Je mehr Freiheit man ihnen schenkt, desto treuer sind sie ihrem Herren gegenüber!“

Jyne nickte, ließ ihre Hand wieder sinken und sah sich die königlichen Gärten zum ersten Mal genauer an. Jamaal lag auf mehreren Blumenbeeten und hatte sie für seine Zwecke zu einem Schlafplatz ummodelliert. Der goldene Drache hatte jedoch darauf geachtet, den riesigen, gläsernen Springbrunnen, der in der Mitte stand, nicht zu demolieren, sondern einfach seinen Schweif drum herum gewickelt. Das Wappentier Amphitrites – der Wasserphönix – war als Meisterstück aus Saphiren angefertigt worden, die in den verschiedensten Blautönen schimmerten. Aus dem Schnabel floss das Wasser und der Phönix hielt die Schwingen ausgebreitet, bereit, sich jederzeit gen Himmel zu erheben. Viele kleine Beete waren angelegt, dessen Blumen in den prächtigsten Farben um die Wette blühten, Obstbäume säumten die Gehwege und würden bald anfangen zu blühen und Früchte zu tragen. Überall standen Bänke und Teetischchen unter kleinen aus Marmor gefertigten Pavillons und weiter hinten befand sich sogar ein Teich, in dem die schrillsten Arten von Fischen lebten.

Es war ein harmonischer Fleck und der einzige, der durch die Scheusale nicht zerstört worden war. Vielleicht befand sich Jyne deswegen so gerne hier.

Jamaal wachte aus seinem Schlaf auf und gähnte, offenbarte zwei Reihen spitzer Reißzähne und gesundes, rosa Zahnfleisch. „Ich bin hungrig“, verkündete der Golddrache schließlich und rappelte sich auf. „Möchtest du mitkommen, Jinhi?“

„Nein, ich bleibe hier. Aber flieg nicht zu weit weg.“

„Ich werde im Diamantmeer jagen gehen“, erklärte Jamaal und breitete seine großen Schwingen aus, fing das Sonnenlicht ein, das sich golden über den saftgrünen Rasen ergoss. „Ich hatte schon äußerst lange keinen Fisch mehr zu essen!“ Jinhi lächelte den Drachen an und Jamaal erhob sich auf die Hinterbeine, stieß sich kräftig ab und war mit wenigen Flügelschlägen verschwunden.

Jyne blickte ihm eine Weile hinterher. „Wie bist du zu ihm gekommen?“, wollte sie wissen.

„Mein Vater war vor mir sein Partner“, erklärte der Halb-Elf schulterzuckend. „Als er gestorben war, musste ich ran. Es war zwar ein Leben in Gefangenschaft, aber wenigstens bin ich bei meiner Geburt nicht umgebracht worden.“ Er schaffte es, die Mundwinkel nach oben zu ziehen und hob die Wasserschale hoch, um sie wegzubringen. „Und mit Jamaal an meiner Seite war alles viel erträglicher. Einen Drachen zum besten Freund zu haben… es ist ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Allerdings habe ich mich früher sehr nutzlos gefühlt, doch dank Rrustem erkenne ich jetzt, wie wertvoll ich in Wahrheit bin. Bedroht man mich, bekommt Jamaal unglaubliche Panik. Drachen hassen es, ihren Partner zu verlieren und kommen nur schwer über den Verlust hinweg. Es ist wie mit ihrem Goldschatz.“ Jinhi kicherte fröhlich. Jyne lächelte mit und versuchte sich vorzustellen, einen Drachen an ihrer Seite zu haben - ein Wesen, das sehr viel Zuneigung, Liebe und Aufmerksamkeit benötigte, angeregt mit einem diskutierte und sich dann mit einem in die Lüfte schwang.

„Es ist schade, dass es nur so wenige von ihnen gibt…“, wisperte Jyne.

„Wenn Rrustem es wirklich schafft, Arbor wiederzuerwecken, dann werden die Zeiten, in denen man jede Stunde einen Drachen am Himmel gesehen hat, wieder anbrechen“, sagte Jinhi und ging ein paar Schritte in Richtung Palast. Kephas rannte ihn beinahe um, als der Wolf sich ein Fleckchen zum Schlafen suchte – ohne Kovialjka verbrachte er viel Zeit mit Ausruhen – aber Jinhi lachte trotzdem.

„Ist das Leben nicht schön?“, fragte er und strahlte wie die aufgehende Sonne. „Ich werde mal schauen, ob ich Emilia in der Küche helfen kann.“

„Mach das.“

Grinders Ehefrau hatte angeboten, das Kochen für alle zu übernehmen. Etwas, worüber Jyne mehr als nur glücklich war, denn der Mutant hatte über ihr zubereitetes Essen stets gemeckert. Dennoch schaffte es Emilia nicht, an die Kochkünste von Alvadee heranzureichen.

Alvadee… Die Närrin vermisste das stumme Mädchen und freute sich, dass Misary eine Nachricht an Nuada geschickt hatte, um den Zurückgebliebenen in der Schwarzen Festung mitzuteilen, dass sie nachkommen konnten. Sie selbst würden noch so lange hier in Amphitrite verharren, bis Bastien mit den restlichen Scheusalen, Klaif und Alvadee angekommen war, danach würden sie ihr weiteres Vorgehen besprechen.

Kephas hob den Kopf und Jynes Aufmerksamkeit wurde von Misary in Anspruch genommen, die Prinzessin Vanilla gerade in die Gärten begleitete. Es war erstaunlich, wie schnell sich Vanilla gefasst hatte und obwohl sie so viel durchgemacht und mit angesehen hatte, verlangte sie weiterhin ein tägliches Bad, ihre üppigen Kleider und dass man ihr die Haare hochsteckte. Rrustem erlaubte es ihr, denn die Bewohner von Amphitrite waren beruhigter und kooperativer, wenn sie wussten, dass es ihrer Prinzessin gut erging. Und obwohl das äußere Erscheinungsbild Vanillas gleich geblieben war, hatte sie sich verändert: Der Blick war härter geworden, ihre Gesichtszüge ernster. Sie ging mit ruhigem, gemächlichen Schritt und wenn sie sprach, dann hatte ihre helle Stimme nichts mehr von dem verwöhnten Gör, das sie einst mal dargestellt hatte.

Es schien, als sei Vanilla seit dem Tod ihrer Mutter zur neuen Königin mutiert. Zu einem Menschen, den man respektieren sollte und der viel Leid und Verantwortung auf den Schultern tragen musste.

Vanilla bemerkte Jyne und kam zu ihr. Misary lächelte sie freundlich an und die Prinzessin – oder Königin - machte einen Knicks.

„Kupferphönix“, begrüßte sie die Närrin mit leiser Stimme. Abgesehen von Misary befand sich noch Llasmin in ihrer Nähe, denn Vanilla durfte sich zwar frei im Palast bewegen, aber nicht ohne bewacht zu werden. „Begleitet Ihr mich ein Stück?“

Jyne tat ihr den Gefallen und gemeinsam schritten sie durch den Schatten, den die Bäume spendeten. Vanilla hatte die Arme vor dem Schoß verschränkt und blieb an dem kleinen Teich stehen, den man einmal umrunden konnte.

„Früher bin ich selten hier spazieren gegangen“, teilte sie Jyne mit. Llasmin beugte sich dem Teich entgegen und steckte die Schnauze herein, um sich die Fische besser anschauen zu können.

„Meine Anstandsdame hat immer gepredigt, ich solle mich mehr in den Gärten aufhalten, statt in Amphitrite. Allerdings ist die Stadt so viel interessanter gewesen als die Natur. Doch jetzt schätze ich die Ruhe, die ich hier haben kann.“

Ein wenig Wasser spritzte hoch, als Llasmin den Kopf erschrocken zurückzog. „Da sind Fische mit Zähnen drin!“, spuckte das Scheusal aus und ging angewidert einen Schritt zurück.

„Das sind harmlose Jagdfische. Sie sorgen dafür, dass der Bestand im Teich immer ausgeglichen bleibt“, erklärte Vanilla ihr. Llasmin schnaubte aus und hielt sich lieber vom Wasser fern.

„Eines Tages müsst Ihr mir Eure Geschichte erzählen, Kupferphönix“, fuhr Vanilla fort. „Was mit Euch passiert ist, als ihr den Palast verlassen habt. Ich bin mir sicher, es ist eine außerordentlich interessante Geschichte.“

Vanilla wirkte so unglaublich stark, während sie neben der Magierin stand und auf das Wasser guckte. Jyne beobachtete einen schillernden Fisch, der in weiten Kreisen schwamm und antwortete: „Das kann ich eines Tages gerne tun. Aber auch Ihr habt eine Geschichte zu erzählen.“

„Es ist eine traurige Geschichte, wie man zur Königin wird“, presste Vanilla mit einem melancholischen Lächeln hervor. Sie vermisste ihre Familie und als jüngstes Kind war sie nie darauf vorbereitet worden, eines Tages die volle Verantwortung für das Königreich zu übernehmen.

„Auch wenn derzeit Rrustem herrscht.“

„Er wird hier nicht bleiben“, erwiderte Jyne und setzte sich auf eine wunderschön geschmiedete Bank, die man hellblau angemalt hatte. Vanilla und Misary setzten sich zu ihr. „Wahrscheinlich werdet Ihr ihm einen Treueeid schwören müssen und er lässt euch hier als Königin regieren, solange er damit beschäftigt ist, den Rest des Landes zu erobern.“

„Es ist ein seltsamer Gedanke, nicht wahr?“, fragte Vanilla und schüttelte den Kopf. „Ich habe mir nie Sorgen gemacht, dass ich eines Tages auf dem Thron sitzen könnte. Vukan ist der Thronfolger gewesen und ich wäre auf ewig Prinzessin geblieben. Jetzt bin ich die rechtmäßige Königin von Amphitrite.“

„Ihr wirkt seitdem viel erwachsener“, antwortete Jyne. „Ich glaube, Ihr werdet eine gute Königin für Euer Volk sein.“

„Das hoffe ich doch wohl“, betonte Vanilla würdevoll. „Das Volk hat meine Mutter geliebt. Ich muss ihr gerecht werden.“

Klugerweise erwiderte die Närrin darauf nichts. Sie konnte sich schwer vorstellen, dass Vanilla so regieren würde, wie Kadazia es getan hatte, aber sie wollte der Frau auch nicht unnötig Honig ums Maul schmieren. Also betrachtete sie weiterhin die Fische im Teich, während ein leichter Wind aufkam, ihre Glöckchen sanft zum Klingeln brachte.

„Jyne!“

Barry winkte seine Freundin zu sich herüber. Die Magierin entschuldigte sich bei Vanilla und lief zu dem Narren hin. Die letzten paar Tage hatten sie und Barry kaum ein Wort miteinander gewechselt, und sie fühlte sich ziemlich schlecht dabei, jetzt zu ihm zu gehen: Eigentlich hätte sie an seiner Seite sein sollen, doch der Rotwolf hatte sich in seinen eigenen Mauern verschanzt und niemanden mehr hereingelassen. Noch immer war sein Gesicht von tiefer Traurigkeit gezeichnet. Jyne schob die Arme um seine Hüfte und sah zu ihm hoch.

„Was gibt es?“, fragte sie und ließ ihre Stimme so liebevoll wie nur möglich klingen. Barrys Lippen fühlten sich rau und aufgesprungen an, als er sie in einen wilden Kuss verwickelte.

„Komm mit“, wisperte der Narr verführerisch und dicht an ihrem Ohr, zog sie mit sich.
 

Die Wochen vergingen ins Land.

Inzwischen hatte sich die Situation auch wieder beruhigt: Kisra und ihre Elfen hatten mitgeholfen, einen kleinen Teil der Stadt für die restlichen Bewohner herzurichten und der Markt lief langsam wieder an. Sie hatten Bronzemaus, Vrinda, Kovialjka und die anderen ehrenvoll bestattet und nachdem Vanilla einen Treueeid an Rrustem geleistet hatte, sich im Krieg nicht gegen ihn zu stellen, durfte sie als Königin Vanilla von Amphitrite herrschen.

Das Volk war beruhigt, ein bekanntes Gesicht – und nicht die hässliche Schnauze eines Scheusales – auf dem Thron sitzen zu sehen und kamen in kleinen Gruppen zu ihr, um ihr Leid vorzutragen. Von den anderen Großen Städten hatten sie keine einzige Nachricht erhalten. Es wunderte niemanden der Anwesenden: Amphitrite war ihrer Meinung nach vollkommen verloren und man brauchte keine Kraft an eine untergegangene Stadt zu verschwenden.

„Da sieht man wieder, dass der Zusammenhalt zwischen den Königreichen alles andere als befriedigend ist.“ Vanilla rümpfte die Nase, während Misary – die ihre Rolle als Dienstmädchen wohl nie ablegen wird – ihr die Haare frisierte. „Sie haben nicht einmal einen offiziellen Botschafter geschickt! Die anderen Großen Städte können zumindest nicht darauf hoffen, dass ich ihnen helfen werde, sollten sie in Gefahr sein!“

Ihr Spiegelbild antwortete nicht, doch Vanilla war das herzlich egal. Sie steckte ihren kleinen Taschenspiegel wieder ein und nahm sich ein paar der Früchte, die auf dem Tisch standen.

„Wenn ich es noch einmal zusammenfassen darf“, fing Bastien schlussendlich an und wandte sich von der Selbstgespräche führenden Königin ab. „Ihr habt alle Adeligen außer sie getötet und es dann noch zugelassen, dass Vanilla auf dem Thron sitzt? Seid ihr eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“

„Nicht in diesem Tonfall“, herrschte Rrustem den frisch eingetroffenen Gedankenleser an. Jyne hatte den Kotzbrocken nicht wirklich vermisst und es schien ihr so, als sei Bastien in den letzten Wochen noch überheblicher geworden, als er so schon gewesen war. Nun, zumindest Alvadee und Klaif hatten sich gefreut, sie wieder zu sehen. Abgesehen von dem Mutanten und Barry waren sie alle anwesend und aßen zum Frühstück ein paar der Vorräte. Vanilla hatte die Kammern für das Volk geöffnet, aber da Rrustems Scheusale jeden Tag immer noch jagen gingen und Jamaal ebenfalls seinen Beitrag dazu leistete die Nahrungsversorgung zu sichern, war es kein Problem. Außerdem wurde die Bevölkerung so ruhig gestellt. Grinders Kommentar zu dieser Situation hatte zudem jeden im Palast zum Schmunzeln gebracht: „Immerhin müssen sie jetzt keinen Hunger mehr leiden, ist ja genug für alle da.“

Wo der Mutant Recht hatte, hatte er Recht.

Das Volk der Ersten Großen Stadt hatte sich stark dezimiert, doch niemand konnte sich beschweren, dass es ihm schlechter ging, als vorher. Im Gegenteil, die Menschen und Kinder waren wohlgenährter, als zuvor.

„Vanilla erweist sich als großartige Herrscherin“, gab der Anführer der Echsenmenschen widerstrebend zu, nachdem die Königin den Saal verlassen hatte, um sich den Belangen ihres Volkes zu widmen. „Und sie hat geschworen, sich mir nicht entgegenzustellen. Und da die anderen Städte es sich mit ihr verscherzt haben, wird sie hier auf dem Thron sitzen, regieren und keine Gefahr mehr darstellen. Eine bessere Situation kann ich mir nicht wünschen.“

„Ich glaube eher, dass Vanilla die größte Gefahr für unser Land ist“, brummte Bastien mit dunkler Miene. Er war immer noch beleidigt, weil Rrustem ihn in der Schwarzen Festung einfach zurückgelassen hatte. Alvadee hingegen saß strahlend wie der Sonnenschein neben ihrem Freund und ergriff seine Hand. Bastien sah ihr in die Augen, dann gab er einen theatralischen Seufzer von sich.

„Ja, du kannst dich gerne mit ihr anfreunden, Alva“, sagte er trotzdem mit einem liebevollen Lächeln. Alvadee drückte seine Finger, dann wandte sie sich wieder ihrem eigenen Essen zu. Jyne stocherte in der blassen Suppe, die nach salzigem Fisch schmeckte, aber bei den Einwohnern unheimlich beliebt zum Frühstück war, herum und schob den Teller dann von sich. Stattdessen griff sie nach einer Scheibe Brot und bestrich sie dick mit Marmelade aus den heimischen Beeren. Der exotische Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus, als sie reinbiss und Jyne schloss genüsslich die Augen: Sie liebte die Beeren, die in dem nahegelegenen Algenwald wuchsen, denn entgegen ihres unförmigen Aussehens und der schleimigen Schicht, die sie umgab, enthielten sie einen wunderbaren, frischen Geschmack, wenn man sie wusch, aufschnitt und richtig verarbeitete.

Als sich die Türen zum Thronsaal öffneten, traten Barry und Klaif ein.

Sofort wurde ihr Bissen zu einem Stück Pappe, auf dem sie rum kaute wie auf Leder, und Jyne schluckte ihn schnell herunter, spülte mit einem Schluck Tee nach. Klaifs Augen waren gerötet und er schniefte leise, ließ die Schultern hängen. Barrys Miene sah nicht viel besser aus, aber er beugte sich zu dem Mutanten hinunter und wisperte ihm etwas ins Ohr. Die Augen des Geborenen wanderten umher und beinahe lächelte er, als er Jyne erblickte.

Jyne versuchte, ihm ein aufrichtiges Strahlen zu schenken, doch es kippte und endete darin, dass sie es nur schaffte, einen Mundwinkel hochzuziehen.

„Da seid ihr ja!“, bemerkte Bastien großspurig. „Und jammere deiner toten Schwester nicht so hinterher. Sie hätte dich dafür jetzt schon wieder geschlagen!“

„Halte dich aus seinen Gedanken raus!“, zischte der Rotwolf ihn an. Unbeeindruckt hob Bastien eine Augenbraue und erwiderte gelassen: „Wer sagt denn, dass ich in seinen Gedanken rumgeschnüffelt habe?“

„Du hättest in Kurenai verrotten sollen“, schoss Barry zurück und setzte sich mit Klaif zu Jyne.

„Du bist zu freundlich.“

„Immer wieder gerne. Besonders für dich, Bastien.“

„Ruhe“, brummte Grinder. „Ich möchte essen, ohne eure blöden Kommentare zu hören.“

„Du hast schon lange keinen blöden Kommentar von mir gehört“, sagte Barry. „Gib es zu!“

„Du hast in dieser Sekunde eines von dir gegeben“, kam nur als Antwort.

„Hmpf“, machte der Magier. „Es wird wohl wieder Zeit, meinem Namen gerecht zu werden!“

Jyne legte Klaif eine Hand auf den Arm. „Ich hoffe, es geht dir ein wenig besser?“

Der zusammengenähte Mann nahm sich eine Tasse und schüttete sich Tee ein. „Ein wenig“, gab er zu. „Barry hat mir viel geholfen. Ich wünschte nur, ich wäre bei Vrindas Bestattung dabei gewesen… Wir haben zwar sechzig Jahre zusammen gelebt, aber in Mutantenjahren gerechnet ist das eine sehr kurze Zeit.“

Da war er wieder, einer von Klaifs klaren Momenten. Die Närrin drehte ihren Stuhl und nahm den Mutanten in eine feste Umarmung, die er sofort erwiderte.

„Du wirst… du wirst mich nicht verlassen, richtig?“, fragte er ängstlich und Jyne spürte, wie sich seine Fingernägel durch ihre Kleidung in ihre Haut gruben.

„Nein“, flüsterte sie und strich ihm mütterlich durch die Haare. „Das werde ich nicht.“

„Sehr gut“, antwortete Klaif und löste sich aus der Umklammerung. Dann umfasste er ihre Hände, seine Augen ganz groß. „Erzähl mir, was du alles erlebt hast! Ich konnte meine Sprache aufbessern!“
 

„Wir Amphitritianer sind ein stolzes Volk. Und wie ihr alle seht, haben wir so vielen, schrecklichen Erlebnissen standgehalten. Angefangen bei Vojin und seinen Gargoyles, die uns tyrannisiert haben, geendet bei dem großen Krieg, wo viele unserer Mitmenschen ihr Leben gelassen haben. Und dennoch muss ich verkünden, dass sämtliche Zusammenarbeit mit den anderen Großen Städten verboten ist. Wir werden keinen Kontakt aufnehmen, auf Nachrichten nicht antworten. Wir werden uns von alleine wieder aufbauen, gemeinsam mit der Hilfe unserer Verbündeten: Den Echsenmenschen und dem Elfenclan.

Ich weiß, ihr alle seid verbittert, was Rrustems Anwesenheit bedeutet, aber ich kann euch versprechen, mein geliebtes Volk: Das, was geschehen ist, wird sich nicht wiederholen. Rrustem war es wichtig genug, mich am Leben zu lassen, damit ihr eine neue Königin bekommt. Wenn ich ehrlich sein will, dann muss ich euch sagen, dass meine Eltern und mein Bruder den falschen Ansatz gewählt hätten, euch alle zu retten. Ich bin den Pakt mit Rrustem in dem genauen Wissen eingegangen, welche Vorteile sich daraus erzielen lassen.

Amphitrite ist eine unabhängige Stadt und sie wird es auch bleiben!

Ich werde Reiter aussenden, die in den umliegenden und zum Königreich gehörenden Städten die Nachricht verbreiten, dass ich die Königin des Königreiches bin und dass sie alle hier in den Palast kommen können, um für ihren Verlust entschädigt zu werden!“

Vanilla wirkte in der Tat wie eine Königin, während sie auf dem Podest auf dem neuen, improvisierten Marktplatz stand. Sie trug einen schlichten, dunkelblauen Umhang mit weißer, wunderschöner Borte über einem ihrer ausladenden, schichtenreichen Kleider. Ihre Füße steckten in gläsernen Schuhen, die mit dem Palast um die Wette funkelten und ihre Haare ergossen sich dieses Mal offen und in sanften, goldenen Wellen über ihren Rücken. Ihre Wangen und die Nasenspitze waren leicht gerötet, doch der Wind trug ihre Worte selbst bis in die hinterste Ecke des Platzes, wo jedermann Platz gefunden hatte. Ihre Stimme war fest und selbstsicher: Nichts von ihr deutete auch nur im Entferntesten darauf hin, dass Vanilla mal eine unerträgliche Zicke gewesen war.

„Sie ist gut“, bemerkte Klaif ehrfürchtig.

„Ich zerstöre deine Illusion gerne“, fing Grinder an, wurde aber von Bastien unterbrochen: „Oh, bitte, lass mich es ihm sagen!“

„…na schön“, brummte der Mutant und rollte mit den Augen. Der Gedankenleser grinste und gab preis: „Die Rede hat Rrustem für sie geschrieben. Vanilla rattert seine Worte nur auswendig herunter. Ein genialer Schachzug, vor allem, da er sich selbst nicht als strahlender Held darstellt, sondern als das, was die Menschen in ihm sehen wollen. Ich hätte es nicht besser gekonnt!“

„Du hättest es gar nicht gekonnt“, kommentierte Grinder, die Arme vor der Brust verschränkt. Jyne bekam von dem Gespräch kaum etwas mit. Sie sah sich in der Menge um und erkannte einige von Kisras Elfen, die sich die Rede Vanillas ebenfalls anhörten, wahrscheinlich, um ihrer Herrin später Bericht zu erstatten.

„Bastien liest Gedanken. Ich glaube, seine einzige selbständige Tat, die er vollbringt, ist das Scheißen auf dem Klosett!“ Das war Barry, der sich just in dem Moment zu ihnen gesellt hatte, wo Vanilla langsam zum Ende ihrer Rede kam.

„Sag das noch einmal, Blutwolf!“, erzürnte sich der Gedankenleser und wäre beinahe von einer kleinen Sitzbank aufgesprungen. Grinder jedoch hielt ihn an der Schulter fest und zwang ihn somit, sitzen zu bleiben, also blieb dem Mutanten nur, Barry einen bitterbösen Blick zu schenken.

„Ich heiße Rotwolf. Oder hast du das etwa noch nicht erschnüffelt?“, gab der Narr grinsend bekannt. Bastien rümpfte nur die Nase und wollte schon zu einer bissigen Erwiderung ansetzen, als sich Jinhi, gemeinsam mit Nuada auf der schmalen Schulter, zu ihnen durchdrängelte. Einige erkannten den Drachenreiter noch nicht und beschwerten sich lautstark, doch Jinhi war es egal. Nuada wippte auf seiner Schulter vor und zurück, breitete ihre Flügel aus und flog die letzten paar Meter, ehe sie auf Grinders Schulter zum Sitzen kam.

„Ihr habt euch genug mit Worten bekriegt“, schalt der Wasserphönix die Männer. „Rrustem erwartet euch alle im Thronsaal.“

„Ist etwas passiert?“, wollte Klaif sofort wissen.

„Natürlich, du Trottel. Sonst würde Rrustem nicht nach uns rufen lassen.“ Grinder schüttelte den Kopf und scheuchte Jyne von sich weg, weil sie ihm im Weg stand.

„Vielleicht, aber…“, sinnierte Barry und verschränkte die Arme lässig hinter dem Kopf. „vielleicht will er dir auch nur einen neuen Titel verleihen. Was hältst du von Schoßhund des Jahres?“

„Willst du diese Stadt noch lebend verlassen?“, kam die Gegenfrage von Grinder. Barry grinste nur in sich hinein.
 

Rrustem erwartete sie im Thronsaal.

Allerdings war das Wort erwarten etwas deplatziert:

Er lag in einer Blutlache und keuchte, zitterte und bemerkte sie gar nicht.

„Bei Iantha“, fluchte Grinder und ging sofort auf das Scheusal zu, aus dessen Maul sich gerade eben wieder eine neue Ladung Blut, vermischt mit Speichel und Schleim ergoss. Jyne blieb stehen und sah sich das Spektakel aus sicherer Entfernung an, bemerkte aber trotzdem, dass der Echsenmensch seine Wachen weggeschickt hatte: Sie durften noch immer nicht von der Drachenseuche erfahren, die ihren Anführer von Tag zu Tag mehr schwächte.

Es dauerte mehrere, quälende Minuten, bis der Anfall vorüber war. Grinder wischte Rrustems Schnauze mit Wasser und einem Tuch (beide Sachen hatte Emilia gebracht) sauber. Jyne hatte den Mutanten selten so… liebevoll mit jemanden oder etwas umgehen sehen.

Es waren nur Kleinigkeiten, aber man erkannte die seltsame Beziehung der beiden ungleichen Männer.

„Jetzt, wo ich dich von deinem Schnodder befreit habe“, fing Grinder schlussendlich an und wurde sofort wieder zum alten Griesgram, den er so gerne darstellte, „erkläre uns bitte, was so Wichtiges vorgefallen ist.“

Rrustem fuhr sich mit einer Klaue über die Lefzen. Speichelfäden hingen an ihr, zogen sich in die Länge und rissen schließlich, blieben an seinen braun-grünen Schuppen kleben.

„Ich weiß nicht so wirklich, ob es eine gute oder eine schlechte Situation ist“, gab das alte Scheusal schließlich zu. Seine Stimme war angeschlagen, rau und brüchig. Rrustem fiel das Atmen schwer und nach jedem Wort musste er einmal tief Luft holen, um weitersprechen zu können. Seine Augen waren verklebt und nur noch Schlitze, durch die er gucken konnte.

Auch wenn Rrustem eine grausame Person war: Diesen langsamen Tod wünschte Jyne niemanden, selbst ihm nicht.

Sie alle – Barry, Jyne, Bastien, Alvadee, Klaif, Silberkatze, Goldvogel, Misary und Grinder – starrten den Anführer der Echsenmenschen erwartungsvoll an. Nur Jinhi und Nuada setzten eine wissende Miene auf und Jamaal – der nicht ausgeschlossen werden wollte – linste mit einem Auge durch die offenen Fenster in den Thronsaal hinein, lauschte gespannt.

Rrustem holte ein weiteres Mal tief keuchend Luft, dann gab er bekannt:

„Silva ist gefallen.“



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Kommentare zu diesem Kapitel (2)

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Von:  Riccaa
2017-06-06T19:00:03+00:00 06.06.2017 21:00
Hiiiii,
mit dem schönen, verschonten Garten könnte man meinen, dass alles in Ordnung wäre und nie was passiert ist. Ich finde es gut, dass du auch so eine friedliche Stelle mit eingebaut hast. Und auch, dass Vanilla sich jetzt endlich mal anständig und nich wie ein verwöhntes Prinzesschen benimmt. Je nachdem wie sie es macht, denke ich wird sie eine gute Königen. Auch wenn die ihre Reden nicht selbst schreiben kann.

Für diese "Idylle" sind die Akten aber umso schrecklicher. Es ist echt unfassbar was mit den Menschen gemacht wurde. Und wenn man dann an so Alchemisten wie Feyjassan denkt, ist das alles nochmal unheimlicher.

Was ich auch total schön fand, war der Moment mit Klaif und Jyne. Ich hab so Mitleid mit Klaif und dass er auch noch Angst hat, dass Jyne ihn jetzt auch noch verlässt ):

Ich frage mich aber echt, welche Beziehung Grinder und Rrustem früher zueinander hatten. Also dass die sich gegenseitig wichtig sind ist klar, aber dass Grinder sich doch so um Rrustem kümmert. Ich hoffe du deckst dieses Geheimnis irgendwann noch auf ;)

Was mich dann doch noch etwas überrascht hat, war die frohe Kunde von Rrustem. Ich meine es ist doch schon kklar wer dafür verantwortlich ist (unser Lieblingsalchimist natürlich ;) ), fragt sich nur, warum jetzt auf einmal? Bin gespannt was jetzt seine Beweggründe dafür sind.

Tolles Kapitel, mach auf jedenfall weiter so!!
Antwort von:  Phinxie
06.06.2017 21:51
Hey :)
Freut mich, dass es dir wieder gefallen hat <3
Ein wenig Idylle muss einfach sein :3 Nach den ganzen schrecklichen Ereignissen... ^^'
Vanilla hat nun mal gesehen, dass das Leben ihr auch ganz anders mitspielen kann. Deswegen hat sie jetzt eingesehen, dass sie erwachsener und ernster werden muss... Und nun gut, die Erlebnisse zeichnen sie natürlich auch.
Aber sie wird ihre Sache gut machen^^

Die Beziehung zu Grinder und Rrustem... Oh jaaa~
Ich verweise hier mal auf meine Geschichte "Mutantenbrut" (ich habe sie sogar hier bei Narrenkind verlinkt ^^)
Dort wird das alles Stück für Stück aufgedeckt, auch wenn ich da noch nicht weit bin :)

Auf jeden Fall freut mich dein Kommentar riesig, auch, dass es so lang geworden ist! Ich finde es richtig toll von dir, wie viel Mühe du dir beim Schreiben gibst und sagst, was dir alles gefällt und was vielleicht nicht so... Diese Kommentare helfen mir auch immer am meisten, mich stetig zu verbessern <3

Einen schönen Tag wünsche ich dir noch ^_^
Antwort von:  Riccaa
07.06.2017 16:06
Klar gebe ich mir Mühe. Du als Autor hast es ja schließlich auch verdient eine Rückmeldung zu bekommen. Außerdem macht mir das Kommentareschreiben auch Spaß und ich kann meine Gedanen dazu loswerden ;)
Antwort von:  Phinxie
07.06.2017 17:17
<3


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