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Narrenkind

Im Land der Draconigena
von

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Nachts

Jyne wachte auf.

In ihrem Zimmer war es dunkel, einzig und allein der Mond spendete ein bisschen Licht. Die Närrin räkelte sich ein wenig und drehte sich dann auf die andere Seite um, die Decke fest an sich gepresst. Das Bett war warm, gemütlich und kuschelig… sie konnte sich wirklich nicht beschweren. Und dennoch war der Ort fremd und sie spürte drohende Schatten über sich, wo keine waren.

…oder vielleicht doch?

Rrustem war nicht umsonst einer der gefährlichsten Charaktere im gesamten Land. Jyne ahnte, dass von dem Scheusal eine Gefahr ausging, die sie wahrscheinlich noch nicht so wirklich wahrhaben wollte. Rrustem besaß zwar eine schroffe Art, doch wirklich furchterregend war er ihr noch nicht erschienen… zumindest nicht von seiner Denkweise her. Sein Aussehen, das war eine andere Sache.

Aber Barry hatte großen Respekt – oder war es Angst? – vor dem Scheusal und wenn der Blutwolf jemanden fürchtete, dann war das ein sicheres Zeichen dafür, dass Jyne dies auch tun sollte.

Die Magierin drehte sich noch ein, zwei Mal in dem großen Bett um, dann beschloss sie, aufzustehen. Sie konnte nicht mehr schlafen und kroch von der Matratze runter, zog sich ihr Mi-Partie über und flocht sich ihre Haare zu einem einfachen Zopf zusammen. Dann schlüpfte sie in ihre Schuhe und öffnete vorsichtig die Tür zu ihrem Zimmer. Der Gang lag still und dunkel vor ihr. Außer ihr schien wohl niemand wach zu sein. Die Närrin trat auf die kalten Steine raus und zitterte ein wenig. Schließlich beschloss sie, sich noch eine Decke vom Bett mitzunehmen, damit ihr beim Rumlaufen nicht ganz so kalt werden würde.

Eingemummelt in ihre Decke ging sie dann langsam den Gang entlang. An einem der hübschen Fenster blieb sie stehen und sah hinaus auf den mondbeschienenen Roten Wald. Ihr Atem beschlug die Fensterscheibe und Jyne wischte mit einer Bewegung drüber und betrachtete die Bäume, die in trügerischer Stille dastanden und so aussahen, als könnten sie keiner Fliege etwas zuleide tun.

In dem Wald regte sich etwas.

Jyne hielt den Atem an und wäre die Fensterscheibe nicht im Weg gewesen, hätte sie sich noch weiter vorgebeugt, um besser sehen zu können. Und den Zauberspruch, den Barry immer so gerne benutzte, konnte sie nicht. Also kniff sie die Augen ein wenig zusammen und starrte auf die riesige Gestalt, die sich aus dem Wald erhob. Sie sah es nur schemenhaft, wie einen Schatten und ein bisschen bezweifelte die Närrin auch, dass dies hier gerade wirklich passierte. Wahrscheinlich spielte ihre Wahrnehmung ihr gerade einen Streich…

Das Wesen schien vollständig aus Holz oder Wurzeln zu bestehen. Es besaß dicke, Arme und Beine, auch ein Kopf fehlte nicht. Jyne meinte, eine schwache Schnauze erkennen zu können, aber das erschütterndste an der Gestalt waren die strahlend gelb leuchtenden Augen ohne Pupillen, die in der Dunkelheit in ihre Richtung sahen.

Die Närrin war wie festgefroren. Ihre Hände lagen auf dem steinernen Fenstersims, doch sie konnte keinen Finger rühren. Ihr Atem beschlug die Fensterscheibe erneut, doch selbst hinter dem milchigen Glas sah sie den riesigen Schatten, dessen gelbe Augen sich langsam wieder von ihr abwendeten und dann langsam in eine andere Richtung stapften.

„Es ist Carnivor, der Herr der fleischfressenden Pflanzen.“

Kupferphönix schrie auf und löste sich aus ihrer Starre. Sie stolperte davon, ließ ihre Decke fallen, ehe sie sich umdrehte und die Hände abwehrend in die Luft streckte, bereit, irgendeinen Zauber zu wirken, der ihr gerade in den Sinn kam.

„Hm. Ich habe es noch nie geschafft, dich so stark zu erschrecken.“

Die Närrin atmete tief ein und aus und schloss die Augen für einen Moment, um ihr wie wild pochendes Herz zu beruhigen. Dann sah sie dem Blutwolf entgegen, der sich grinsend gegen die kalte Fensterscheibe lehnte.

„Was macht du hier?“, wollte sie wissen.

„Das gleiche könnte ich dich fragen.“

Jyne seufzte auf: „Ich konnte nicht schlafen.“

„Geht mir genauso. Es fällt mir immer schwer, hier Schlaf zu finden.“ Der Blutwolf sah aus dem Fenster und seine Augen schienen Carnivor zu verfolgen.

„…ist das wirklich Carnivor?“, fragte Jyne mit leiser Stimme. „Die alte Gottheit?“

„Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Kein Wesen, das in Kurenai lebt, ist so groß und erhaben wie Carnivor. Er ist erwacht, genau, wie Vojin erwacht ist.“

„Vojin? Der Goldene Unbesiegbare?“

Barry nickte. „Ja. Ein paar Wochen, bevor du nach Amphitrite gekommen bist hat sich der alte Gott erneut erhoben. Wo er hin ist, weiß niemand, aber es scheint, als ob Carnivor den gleichen Weg einschlägt.“

Carnivor war ein Gott, von dem die meisten Menschen eine zwiegespaltende Meinung hatten. Viele behaupteten, er sei ein Wesen ohne Intellekt und das nur nach seinen Instinkten handelte. Andere wiederum behaupteten, Carnivor sei der Intelligenteste von allen und dass er mit seiner eigenen Klugheit nicht klar käme und deswegen stumm und wahnsinnig geworden ist… Was genau stimmte, konnte wohl niemand sagen.

„Aber warum erhebt er sich gerade jetzt?“

„Ich weiß es nicht.“ Barry verengte die Augen zu Schlitzen. „Aber Carnivor hat angeblich einen der Steine besessen. Und ich nehme an, dass ihm jemand dieses wertvolle Artefakt gestohlen hat und er sich jetzt auf macht, den neuen Besitzer ausfindig zu machen.“

„Er wird Verwüstung durch das Land bringen“, wisperte Jyne. „Und er wird mit dem Königspalast von Silva anfangen.“

Der Blutwolf nickte grimmig, doch dann sagte er: „Hoffen wir nur, dass er nicht zu uns kommen wird. Und wenn er den Palast von Silva wählt, ist das gut für uns: Eine Große Stadt weniger, um die wir uns Sorgen machen müssen!“ Er kicherte ein wenig und Jyne trat zu ihm heran und sah aus dem Fenster. Carnivor bewegte sich langsam und schwerfällig, aber er schien ein genaues Ziel zu haben.

Sie zitterte und wandte den Blick ab.

„Rrustem wird das sehr interessieren“, murmelte der Blutwolf. „Die alten Götter erheben sich. Das ist noch nie passiert, seit sie sich zur Ruhe gesetzt haben…“

Jyne ging vom Fenster weg, um sich ihre Decke wiederzuholen. Sie hatte noch nie eine der alten Götter gesehen – höchstens auf Bildern in ihren Büchern – und so ganz glauben wollte sie es nicht, dass sich Carnivor, Herr der fleischfressenden Pflanzen, just in dem Augenblick, wo sie aus dem Fenster geschaut hatte, dazu aufgerafft hatte, aufzustehen… Das war einfach eine Utopie.

Aber Barry glaubte ja gerne an Utopien.

Jyne schlang die Arme um sich selbst und sah den Narren an.

„Hast du Angst? Wegen den Scheusalen?“, fragte der Magier sie.

„Ein wenig. Aber ich wäre dumm, wenn ich keine Angst hätte“, erwiderte Jyne. „Gerade Rrustem… dieser Hass, den er in sich trägt, der ist nicht mehr normal.“

„Welchen Hass würdest du empfinden, wenn du jahrelang als Experiment betrachtet wirst?“, erwiderte Barry mit leiser Stimme. „Ich kann ihn verstehen… Auch wenn die anderen Scheusale seinen Hass nicht teilen. Sie kennen die Menschen meist nur aus Legenden und Sagen, die Rrustem ihnen erzählt hat. Zumindest die Jüngeren. Und sie kennen uns… aber wir sind keine Adeligen, deswegen sehen sie uns mit anderen Augen.“

Jyne schlug die Augen nieder. „Wie sind die anderen Scheusale so?“

„Schwer zu sagen. Sie sind eigentlich… schon fast normal, wenn man außen vor lässt, wie sie aussehen“, gab der Narr zur Auskunft. „Natürlich haben sie ihre Angewohnheiten und sind furchterregend, aber im Endeffekt… Im Endeffekt sind kleine Scheusale genauso unbeholfen und tapsig wie Menschenbabys.“

„Gibt es kleine Scheusale?“, fragte Jyne sofort nach. Sie konnte es sich schwer vorstellen, dass die riesigen Echsenmenschen jemals… klein und niedlich gewesen sind. „Ich meine jetzt? Hier?“

„Natürlich. Rrustem ist bedacht darauf, den Fortbestand zu sichern, auch, wenn er eines Tages nicht mehr da sein wird, um darauf zu achten. Die Scheusale selbst sind noch nicht schlau genug, um die Wichtigkeit zu verstehen, die es mit sich bringt, sich zu paaren. Rrustem hingegen schon. Aber ich nehme an, in ein paar Jahren wird auch das letzte Scheusal erkannt haben, wie wichtig es ist, dass sie sich paaren, selbst wenn sie über zweihundert Jahre alt werden können.“

Jyne trat an Barry ran und erwischte ihn am Arm. „Kannst du mir die kleinen Scheusale zeigen?“, wollte sie wissen. Sie musste es sehen. Sie musste es mit eigenen Augen sehen und miterleben, wie kleine Echsenmenschen aussahen.

Barry schien eine Weile zu überlegen, aber dann sagte er: „Dann komm mal mit. Sie schlafen in einem Raum über der Küche, weil es dort immer schön warm ist“, erklärte er und ging los. Jyne trat an seine Seite und nicke langsam. Sie war aufgeregt, auch wenn sie gar nicht so richtig erkannte, warum eigentlich. Wahrscheinlich einfach nur, weil sie gleich etwas zu Gesicht bekam, was es in den Augen der meisten Adeligen gar nicht geben durfte…
 

Es waren vier.

Sie langen zusammengerollt auf mehreren Kissen und Felldecken und hatten sich zu einem großen Haufen geschlungen. Jyne schaffte es kaum, Schnauze von Schwanzspitze zu unterscheiden, doch sie ging fasziniert in die Knie und starrte die schlafenden, kleinen Echsenmenschen an.

Dies hier waren keine Scheusale, sondern Jungtiere.

Sie alle hatten die gleiche, dunkelgrüne Schuppenfarbe. Barry hatte ihr erklärt, dass die richtige Farbe erst mit den Jahren kamen und vollständig entwickelt war, wenn sie ausgewachsen waren. Auch die Fähigkeit, auf zwei Beinen zu laufen entwickelte sich erst nach und nach und selbst die kleinen Echsenmenschen besaßen Milchzähne, die ausfielen, wenn das richtige Gebiss kam.

„Das hier ist Nnykka“, sagte er Magier neben ihr und zeigte auf das größte Jungtier. „Sie ist vor acht Jahren geschlüpft. Und sie ist Rrustems eigenes Kind, sein ganzer Stolz.“

„Wirklich? Ich dachte immer…“ Jyne brach ab. Sie wusste nicht, was sie wirklich gedacht hatte. Wahrscheinlich so was wie, dass Rrustem unfruchtbar sei.

„Oh, Rrustem kann genauso gut Kinder zeugen, wie alle anderen auch“, kicherte Barry. „Beziehungsweise, die Eier befruchten. Bis ein Weibchen ein Ei legt, dauert es recht lange und ein Männchen muss es dann befruchten. Aber wenn alles klappt, dann schlüpft irgendwann ein Jungtier draus…“

Auf Jynes Lippen schlich sich ein Lächeln und sie streckte die Hand aus, um eines der Jungtiere sanft zu berühren. Die Schuppen fühlten sich weich und elastisch an und wirkten viel mehr wie eine Haut, als wie ein harter, robuster Panzer. Das kleine Scheusal räkelte sich ein wenig und öffnete kurz die Augen. Dann gähnte es, präsentierte zwei Reihen kleiner, spitzer Zähne und rosa Zahnfleisch, ehe es sich wieder zusammenrollte und selig weiterschlief.

„Wenn die Festung angegriffen würde, würde man zuerst die Jungtiere in Sicherheit bringen. Gemeinsam mit den Eiern“, sagte Barry und stand auf.

„Die Eier?“ Jyne sah ihn fragend an.

Der Narr ging wortlos zu einem Vorhang und schob ihn zur Seite. Sofort stand die Magierin auf und ging zu ihm hin, ehe ihre Augen auf den zwei ungefähr dreißig Zentimeter großen, grau-grün-weiß gesprenkelten Eiern hängen blieben, die dort eingebettet in etliche Lagen aus Stoff aus dicken Federkissen lagen. Die Wärme der Küche war noch immer im Boden gespeichert und auf dem Boden und überhaupt im ganzen Raum, war es angenehm warm.

Barry zeigte auf das erste Ei: „Fünf Jahre“, wisperte er. „Es wurde befruchtet, als ich zum ersten Mal hier ankam. Das zweite ist erst ein Jahr alt.“

„Unglaublich… das hatte ich nie erwartet…“, murmelte Jyne und streichelte sanft über die Schale des fünf Jahre alten Eies.

„Rrustem will die Dornenrankenstadt wieder zum Leben erwecken, um den Scheusalen eine Heimat zu geben“, sagte Barry und nachdem Jyne ihre Hand wieder weggenommen hatte, schob er den Vorhang wieder vor. „Er macht es auf eine grausame und absolut unmoralische Art und Weise, aber nur damit wird er Erfolg haben. Ich habe mich ihm angeschlossen, weil ich an ihn Glaube… wenn jemand es schafft, die Stadt zu erwecken, dann er.“

Jyne schluckte.

Sie glaubte nicht daran, dass Rrustem eine Utopie wirklich wahr werden lassen konnte… Aber sie zweifelte auch nicht wirklich dran. Sie wusste überhaupt nicht, was sie davon halten sollte, aber trotzdem…

„Warum bleiben sie nicht hier?“

„Versteckt in Kurenai? Nein… Rrustem will, dass die Welt weiß, dass die Scheusale noch da sind. Eine Rasse, die jahrelang unterdrückt wurde, muss auch Beachtung finden. Die Scheusale sind keine widerlichen Experimente mehr, die man versucht hat, einst auszurotten, weil sie schief gelaufen sind. Inzwischen sind sie… mehr geworden. Viel mehr. Und Rrustem will nicht, dass sie hier regelrecht vergammeln und sich auf ewig verstecken müssen. Das kann ich verstehen. Wäre ich er, würde ich das auch nicht wollen.“

Darauf konnte die Närrin nichts mehr sagen. Also wandte sie sich ab und warf noch einen letzten Blick auf die schlafenden, kleinen Echsenmenschen.

„Lass uns wieder gehen… ich sollte noch ein wenig Schlaf finden, bevor ich morgen meine ganzen Zauber üben darf.“



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