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Narrenkind

Im Land der Draconigena
von

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Ja, ich will

Irgendetwas stimmt hier nicht…“, murmelte Barry, als sie an die Stadttore Volcanius traten. Jyne stand neben ihm und hatte einen Mantel um sich geschlungen. Die Kapuze saß locker auf ihrem Kopf und sie hatte schweren Herzens ihre Narrenkappe abgenommen und im Rucksack verstaut, da der Blutwolf gemeint hatte, es wäre besser, wenn sie nicht klingelnd durch die Gegend liefen, weil sie so nur unnötig auffallen würden. Die Kapuzen hatten sie beide tief ins Gesicht gezogen und Jyne musste den Kopf ein wenig mehr heben, um sich die ganzen Soldaten anzusehen, die vor dem Tor Wache schoben.

„Das war vor ein paar Wochen aber noch nicht so“, bemerkte sie und runzelte die Stirn. Volcanius war eigentlich nie sonderlich ‘gut‘ bewacht worden, weil es eine recht kleine Stadt war und so oder so niemand daran Interesse hatte, sie zu erobern. Immerhin konnte Raucher jederzeit ausbrechen. Doch jetzt tummelten sich die Wachen regelrecht am Tor, wo früher höchsten eine mal gestanden hatte, und die beiden Narren tauschten einen Blick aus.

„Sieht ungut aus“, kommentierte Vrinda.

„Heißt das, wir kommen nicht rein?“ Klaif klang enttäuscht und drängelte sich zwischen Barry und Jyne, ging sogar noch einen Schritt vor. Der Blutwolf selbst packte den Mutanten am Kragen und drängte ihn wieder zurück, wo er gegen Kephas stieß. Der Wolf schnaubte aus und stupste Klaif mit der Schnauze weg, ehe er sich in den Schatten der nahe stehenden, blattkargen Bäume legte.

„Du bleibst draußen.“

„Das ist unfair“, maulte Klaif. „Das letzte Mal musste ich auch draußen bleiben und Vrinda durfte rein!“

„Vrinda fällt in Volcanius nun mal nicht auf“, erwiderte der Blutwolf.

„Nur, weil sie rote Haare hat…“ Klaif schmollte und verschränkte die Arme vor der Brust.

Barry, der wohl keine Lust hatte, sich mit ihm rumzustreiten, sagte nur: „Egal. Dieses Mal kommt keiner von euch beiden mit rein.“

„Was?“ Vrinda sah ihn entsetzt an, doch der Blutwolf schüttelte nur den Kopf. „Etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Die Wachen… die gesamte Atmosphäre scheint enorm angespannt zu sein. Jyne und ich kennen Wege in die Stadt, sodass wir nicht von den Stadtwachen gesehen werden. Vrinda, Klaif, ich bin mir ziemlich sicher, dass eure Gesichter wohl schon genauso bekannt sind, wie das meine. Und deswegen bleibt ihr draußen, während Jyne und ich nachsehen, was passiert ist.“

Jyne nickte nur stumm, doch das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend, das bekam sie einfach nicht los.

Vrinda war ganz und gar nicht einverstanden damit: „Und wenn ihr angegriffen werdet?“

„Vrinda, wir sind zwei Magier“, meinte Barry mit beruhigender Stimme und fasste sie an den Schultern, um ihr eindringlich in die Augen zu sehen. Jyne betrachtete ihn – gegenüber dem Blutwolf wirkte Vrinda, die man ansonsten mit einem blutrüstigen, wildem Tier verwechseln konnte, wie eine zahme Katze. Es war faszinierend, wie Barry mit ihr umging – als würde sie aus dem teuersten Porzellan bestehen, was es zu kaufen gab.

Dabei wusste Jyne ganz genau, dass man Vrinda allzu schnell nichts antun konnte. Sie war eine Mutantin mit herausragenden Fähigkeiten und rieb es der Magierin auch gerne unter die Nase.

„Wir werden uns schon zu verteidigen wissen, sollte etwas passieren. Aber erinnere dich bitte daran, dass man Klaif und dich deutlich in Amphitrite gesehen hat. Und ich bin mir nicht gerade sicher, wer von uns vieren derzeit am meisten gesucht wird... Also ist es besser, wenn nur zwei von uns gehen und nicht vier.“

„Dann lass doch Jyne hier“, brummte die Rothaarige verstimmt. Jyne runzelte verärgert die Stirn und trat vor: „Ist es deine Familie, die in Volcanius lebt und um die du dich sorgst?“

Vrinda sah sie an und wollte etwas erwidern, aber die Närrin ließ die Frau gar nicht erst zu Wort kommen: „Wenn jemand das Recht hat, Volcanius zu betreten, dann bin ich das wohl! Immerhin lebt dort meine Familie, meine Eltern und all die Leute, mit denen ich zwanzig Winter meines Lebens verbracht habe! Die Narrengilde ist eine Sache, mit der du nichts, aber auch absolut gar nichts zu tun hast! Also, hör gefälligst auf, dich in meine Angelegenheiten einzumischen, ansonsten…!“

Sie stockte.

Vrinda, die sich ja bekanntlich von niemandem, außer Barry, einschüchtern ließ, funkelte sie wütend, aber auch angriffslustig an: „Ansonsten, was?“

Jyne war versucht, einen Zauber zu wirken. Sie ballte die Hände zu Fäusten und spürte, wie die Hitze in ihrem Körper versuchte, sich einen Weg nach außen zu bahnen.

Elementarmagie war eine komplizierte Angelegenheit. Aber gerade Volcanius war die Stadt des Feuers und es fiel Jyne außerordentlich leicht, die mächtigen Kräfte zu rufen – gerade, weil sie zornig war.

„Jyne“, mahnte Barry und wandte sich von Vrinda ab, ihr zu. Die Magierin sah auf und bemerkte, dass sie ein paar Sekunden lang völlig in ihrer eigenen Welt gewesen war. Auf ihren Fingerspitzen sprühten Funken und fielen zu Boden; sie glühten orange und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das trockene Gras entzünden wird.

Vrinda sah sie an.

Die Mutantin wirkte nicht besonders beeindruckt (war klar, immerhin reiste sie mit Barry durch das Land), aber es schien, als habe sie einen kurzen Moment lang tatsächlich Angst gehabt, dass Jyne ihr etwas antun könnte.

„Klaif, du passt auf Vrinda auf. Jyne und ich werden schnellstens wieder da sein“, erklärte Barry und zog Jyne die Kapuze so über den Kopf, dass ihr Gesicht vollkommen im Schatten lag. Vrinda traute sich wohl nicht, noch etwas zu sagen, also übernahm Klaif diese Aufgabe für sie: „Verstanden. Beeilt euch, ich möchte nicht so lange hier alleine sein. Vor allem nicht mit Vrinda, wenn sie schlechte Laune hat…“

Die Rothaarige gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Idiot“, schnarrte sie, dann wandte sie sich beleidigt ab und ging zu Kephas und Kovialjka, die alles mit wachsamen Augen beobachtet hatten. Klaif rieb sich die schmerzende Stelle und sah Barry und Jyne unglücklich entgegen. Die Närrin berührte ihn sanft am Arm: „Du schaffst das.“

„Ja. Verärgere sie nicht und gib ihr ein Leckerchen, wenn sie unartig wird. Das hilft“, grinste der Blutwolf. Jyne rollte nur mit den Augen und Vrinda – die diesen Satz glücklicherweise nicht gehört hatte – rief: „Klaif! Kommst du nun?!“

„Bin unterwegs!“, rief der Mutant zurück und eilte zu ihr und den beiden Blutwölfen hin.

„Problem gelöst. Und jetzt komm mit“, sagte Barry und wandte sich Volcanius zu. Er rieb sich nachdenklich das Kinn und fragte dann: „Du kennst doch bestimmt noch die geheimen Eingänge, die Purpurkrähe hat errichten lassen, oder?“

„Natürlich.“ Purpurkrähe hatte sein Leben für die Gilde geopfert. Er war der Ansicht gewesen, dass die Narren auch dann in die Stadt reinkommen mussten, wenn es Probleme gab. Also hatte er – einst ein mächtiger Magier – geheime Gänge angelegt, die man als Magier nutzen konnte, ohne von den Stadtwachen entdeckt zu werden. Über die Jahre hinweg waren einige der Geheimgänge entdeckt und zerstört wurden, aber ein paar hatten sich erfolgreich gehalten. Silberkatze hatte Jyne die Gänge gezeigt, es war Teil ihrer Ausbildung gewesen, zu wissen, wo sie zu finden waren und wie man sie aktivierte.

„Sehr gut. Du hast die stärkeren Elementarkräfte, du musst den Eingang nämlich aktivieren“, brummte der Blutwolf. „Beim letzten Mal hatte ich ganz schöne Probleme…“ Jyne nickte leicht. Wenn man Elementarmagie nicht sehr gut beherrschte – wobei das bei Barry auch schon wieder eine Lüge war – dann konnte man wirklich Schwierigkeiten bekommen. Die beiden Narren ließen Vrinda und Klaif endgültig bei den Blutwölfen alleine und machten einen Bogen um die gut bewachten Stadttore, gingen eine Weile an der hohen Mauer entlang. Raucher verpestete die Luft und kleine Aschepartikel flogen umher, doch da die beiden Magier in der Stadt aufgewachsen waren, merkten sie dich schon fast nicht mehr.

„Schon seltsam, oder?“

Jyne wandte sich nicht zu Barry, der hinter ihr ging, um.

„Nach der salzigen Luft in Amphitrite der vertraute, rauchige Geruch Volcanius‘…“

Die Närrin schnupperte ein wenig und hob dann eine Hand, um an der Stadtmauer entlang zu streichen. Ruß, Asche und Staub blieben an ihren Fingern kleben und sie rieb die Spitzen aneinander, was alles nur verschmierte. Volcanius war eine dreckige Stadt, dank dem Vulkan, dennoch liebte Jyne ihre Heimat.

„Ich mag die Luft“, brummte sie schließlich und ging immer weiter. „Das Salz hat mich immer irritiert.“

„Findest du? Ich fand die frische Luft eher befreiend für die Lunge.“ Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass Barry grinste. Sie hörte es bereits an seinem Tonfall und rollte leicht mit den Augen.

„Viele machen in Amphitrite Urlaub. Oder in Silva. Da gibt es einfach die beste Luft“, redete der Blutwolf erheitert weiter. Jyne antwortete darauf nicht, sondern blieb an einer bestimmten Stelle an der Stadtmauer stehen. Sie fuhr mit den Fingern sanft über die Steine und streckte ihre magischen Fühler aus. Sie spürte das leichte Vibrieren, das ihr bedeutete, dass hier Magie am Werk war.

„Hier ist es“, murmelte sie und setzte sich im Schneidersitz auf den mit Asche bedeckten Boden. Barry lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann mach“, befahl er und linste nach oben.

„Dann bau du einen Schutzkreis auf“, erwiderte Jyne. „Auch Volcanius hat Magier.“

„Aber keine sonderlich fähigen“, brummte der Narr, doch er begann, eine komplizierte Handbewegung auszuführen. Jyne spürte sofort, das Barry eine unsichtbare Kuppel erschuf, die sie vor dem Entdecken anderer Magier beschützte.

Insgeheim bewunderte sie den Blutwolf schon ein wenig: Sie selbst hätte wieder mehrere Minuten gebraucht, um diesen Zauber zu wirken, der Narr neben ihr machte einfach nur eine Handbewegung und dies hatte nicht mal ein Wimpernschlag lang gedauert. Es war faszinierend, wie einfach Barry gewisse Zauber von der Hand gingen… aber das hatte Jyne schon öfters bei ihm beobachten können. Scheinbar war es wirklich nur eine reine Übungssache, einige Zauber schneller wirken zu können, als andere…

Jyne wünschte sich, sie könnte so zaubern wie der Blutwolf.

Im nächsten Moment verwarf sie diesen Gedanken wieder und konzentrierte sich lieber darauf, das Erdelementar zu erwecken. Sie schloss die Augen, hörte das Rauschen der Blätter, spürte den harten, mit trockenem Gras bedeckten Boden unter sich. Ihre Finger glitten über die rauen Steine und sie ließ einen Teil ihrer Magie hineinfließen und wisperte: „Öffne dich.“

Sie öffnete die Augen wieder und sie Steine bewegten sich; sie vibrierten leicht und schienen dann zu schmelzen, ehe sie sich neu formierten und die Magierin sich einer steinernen, lebendigen Krähe gegenüber saß.

Purpurkrähe hatte eine Vorliebe gehabt, seinen Elementaren das Aussehen von Vögeln zu geben. Eine Schwachstelle, die auf seiner Eitelkeit beruhte und mehr als einmal hatte Goldvogel kritisiert, wie schwachsinnig diese Eigenschaft doch war.

…allerdings bedurfte es auch eine große Macht an Magie, ein Elementar in eine Form zu zwingen, die nicht bedingt natürlich für es war. Die Krähe bewegte sich träge und fliegen würde sie niemals können, doch sie klackerte ein wenig mit dem Schnabel und hopste dann zur Seite, um das Loch, das sich durch das Zusammenschmelzen der Steine geöffnet hatte, freizugeben.

Jyne spürte ihre Verbindung zu dem Elementar. Es hatte lange Zeit geschlafen, war kaum mehr erweckt worden. Elementare waren eine komplizierte Sache und sie selbst schaffte es noch nicht, eines selbst zu erschaffen… Aber wenn sie weiterüben würde, würde sie auch dies eines Tages hinbekommen.

Als könnte Barry, den sie schon fast vergessen hatte, ihre Gedanken lesen, meinte er: „Da musst du noch üben, was?“

„Du kannst das auch nicht“, brummte die Närrin zurück und begann, durch das Loch zu kriechen. Gedanklich befahl sie dem Elementar, die Wand wieder zu verschließen, sobald sie durchgekrochen waren, aber es sollte wach bleiben, um den Eingang schnell wieder öffnen zu können. Elementare besaßen einen gewissen Grad an Intelligenz. Wie lange Elementare lebten, war ungewiss… Normalerweise starben die meisten, wenn der Erschaffer starb, aber Purpurkrähe war schon seit Jahren tot und seine Elementare lebten weiterhin. Er hatte die Elementare auf jemand anderen übertragen – ein schwieriger und äußerst komplizierter Prozess – aber da Goldvogel leider ohne magische Kräfte geboren wurde, hatte er Silberkatze erwählt.

Für Jyne war diese Information unheimlich wertvoll, denn so wusste sie, dass ihre Mutter noch lebte, ansonsten hätte der Elementar nicht mehr reagiert.

„Dafür kann ich andere Sachen“, erklärte der Blutwolf hinter ihr. „Als Magier muss man nicht alles können. Ich glaube, das ist sogar fast unmöglich. Deswegen spezialisiert man sich ja auch.“

Jyne antwortete nicht, sondern trat auf die verdreckten Straßen Volcanius. Der Narr trat neben sie unter hinter den beiden verschloss die Steinkrähe brav wieder das Loch in der Wand. Jyne brach die Verbindung ab und fühlte einen kurzen Moment eine Leere in ihrem Körper, aber das würde noch vergehen. Die Leere hielt länger an, je mehr Zeit man mit einem Elementar verbrachte. Würde Silberkatze ihre Verbindung trennen, würde sie wohl Tage oder Wochen in eine Art Depression verfallen.

Jyne sah sich um.

Innerhalb der Stadtmauern wirkte Volcanius nicht anders als sonst: Die Menschen hasteten umher und viele hatten sich die Kapuzen ihrer Mäntel tief ins Gesicht gezogen, um nicht allzu dreckig zu werden. Das war gut für die beiden Narren, denn so würden sie weniger auffallen.

„Etwas ist anders“, murmelte der Blutwolf neben ihr und kniff die Augen zusammen.

„Tatsächlich?“

„Ja. Spürst du es nicht? Die Stimmung ist gedrückter als sonst… Die Marktschreier sind nicht da. Die Aschevögel fliegen nicht. Es kommt mir so vor, als ob ein riesiger Schleier der Trauer die Stadt niederdrückt.“

Jyne war erstaunt von der Poesie, die der Blutwolf gerade anwandte, aber dann fragte sie: „…wie spürst du das?“

Barry legte ihr eine Hand auf die Schulter und wirkte einen Zauber. Sofort wurde Jyne schlagartig die traurige Stimmung der Stadt bewusst – sie spürte, dass die Menschen schockiert waren, Trauer empfanden… sie spürte die Wellen des Schmerzes, die durch die Straßen tosten, die Angst, die Untröstlichkeit. Die Närrin keuchte auf und wich zur Seite. Barry nahm die Hand von ihrer Schulter und der Zauber brach sofort ab.

„Was war das für ein Zauber?“, wollte sie wissen.

„Ich spüre damit die Emotionen andere deutlicher“, erklärte der Blutwolf. „Das ist praktisch, wenn ich wissen will, wenn mich jemand anlügt oder ob ich eine Person in Verlegenheit bringe.“

Jyne stürzte die Lippen.

Wie oft hatte der Narr diesen Zauber schon angewendet, während er mit ihr geredet hatte?

„Komm mit. Wir sollten herausfinden, was passiert ist“, bestimmte Barry.

„Von wegen“, empörte sich Jyne und ging in die entgegen gesetzte Richtung, die der Magier angeschlagen hatte. „Wir gehen zur Gilde.“

„Du weißt schon, dass ich da nicht gern gesehen bin, oder?“

„Das hat dich beim ersten Mal auch nicht gestört“, giftete die Magierin zurück. Barry schien kurz zu überlegen, dann aber seufzte er auf und eilte ihr hinterher. Als er sie eingeholt hatte, zog er ihr die Kapuze noch tiefer in die Stirn. „Damit man uns nicht erkennt“, murmelte er und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Haus der Narrengilde.

Schon von weitem sah Jyne, dass das Haus nicht mehr da war.

Barry blieb wie angewurzelt stehen und reflexartig wollte er nach ihrem Arm greifen, um sie festzuhalten, doch die Närrin war einen Tacken schneller als er gewesen und rannte bereits los. Ihr Atem ging laut und das Blut rauschte in ihren Ohren, als sie ein paar Leute zur Seite schubste, die bösen Rufe ignorierte und weiterrannte.

Hinter sich hörte sie den Blutwolf fluchen, dann setzte er ihr nach. Barry war trainierter, größer und schneller als sie und schaffte es, sie zu erwischen, ehe Jyne an dem Unheilplatz angekommen war. Er ergriff sie an beiden Armen, drehte sich schwungvoll um und schubste die Närrin in eine Seitengasse. Ein paar Menschen blieben erstaunt stehen, doch niemand beachtete die beiden Gestalten in ihren weiten Umhängen weiter, sodass sie ungestört blieben.

Jyne fiel mit dem Rücken voran gegen die aschebestäubten, einst roten Backsteine und funkelte Barry wütend an. Ihre Kapuze rutschte ihr ein wenig vom Kopf und sie fauchte: „Lass mich!“

„Auf gar keinen Fall!“, grollte der Narr und baute sich vor ihr auf. „Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“, schnauzte er sie dann an. Jyne versuchte, sich aus seinem Griff zu wehren und wand sich, doch Barry war zu stark – wahrscheinlich hatte er auf die Schnelle einen Zauber auf sich gewirkt. „Wenn du so schon losrennst, dann kannst du dir auch gleich deine Narrenkappe auf den Kopf setzten und anfangen, zu singen und zu tanzen! Das, was wir gerade nicht brauchen, ist es, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen! Haben Goldvogel und Silberkatze dir nicht beigebracht, diskret und seriös vorzugehen und sich nicht von Emotionen leiten zu lassen?!“

„Damit haben sie bestimmt nicht die Situation gemeint, wenn mein komplettes Zuhause zerstört wird!“, erwiderte Stimme wütend im Flüsterton. Sie packte Barrys Arme und konzentrierte sich auf das Feuer, das in ihren Adern brannte. Der Narr schnaubte aus und im nächsten Moment spürte die Magierin, wie sie eine eiskalte Welle überschwemmte.

„Du solltest gegen mich niemals in einem Zauberduell antreten“, brummte Barry. „Du weißt, ich bin zu gut, als dass du mich mit irgendeinem Trick überraschen könntest.“

Jyne fing an zu weinen.

Das alles… war ihr einfach zu viel. Sie hatte nicht erwartet, dass die Königsfamilien bereits so schnell der Narrengilde den Garaus machen würde. Sie fragte sich, ob Goldvogel noch lebte, wer überhaupt noch lebte, wo sie alle waren… Natürlich würden sich die Narren niemals einfach so abschlachten lassen, doch Jyne konnte sich auch nicht vorstellen, dass ein Großteil überlebt hatte. Wenn, dann nur wenige und dann auch nur mit der Hilfe ihrer wenigen Magier. Ihr Leben hatte angefangen zu bröckeln, als der Blutwolf vor Monaten aufgetaucht war und es war just in diesem Moment vollends zerstört worden. Sie hatte kein Zuhause mehr, niemanden, dem sie wirklich vertrauen oder zu dem sie gehen konnte.

Sie fühlte sich allein in dem Land.

„…Jyne…“ Barrys Stimme klang mit einem Mal erstaunlich sanft, allerdings auch verunsichert. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass die Närrin vor seinen Augen anfing, zu weinen wie ein kleines Kind und er wusste nicht so ganz mit der Situation umzugehen.

Die Närrin ließ sich auf den Boden sinken und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Du kannst doch nicht so tun, als würde dich das alles nicht interessieren!“, schluchzte sie. „Die Gilde hat dich aufgezogen. Bis zu einem gewissen Punkt ist sie auch deine Familie gewesen!“ Wie Barry nur so… kaltherzig sein konnte.

Das verstand sie nicht.

Aber vielleicht wäre sie genauso geworden, wenn sie einfach so rausgeschmissen worden wäre und sich fünf Jahre lang alleine hätte durchschlagen müssen. Der Blutwolf schwieg eine Weile, dann meinte er: „Es berührt mich. Aber ich weiß auch, dass ich nichts tun kann, sondern versuchen muss, das Beste aus der Situation rauszuholen. Das Erdelementar lebt noch, also ist Silberkatze auch noch am Leben. Wenn Silberkatze lebt, wird Goldvogel höchstwahrscheinlich auch überlebt haben. Die beiden haben wohl die meisten der Kinder beschützt und einige der erfahrenen Narren werden auch einen Fluchtweg gefunden haben. Es sind nicht alle tot, das ist das Wichtigste. Auch wenn das Hauptquartier der Gilde zerstört ist, ist die Gilde noch am Leben.“

Jyne dachte über seine Worte nach.

„Ich weiß, es ist schwer für dich. Glaub mir, als Goldvogel mich rausgeworfen hat, habe ich mich auch gefragt, was ich nun tun sollte.“ Der Blutwolf zögerte eine Weile, ehe er weitersprach: „Aber das Leben geht weiter. Und anstatt, dass du hier rumsitzt und heulst, solltest du überlegen, wie du deine Eltern wiederfindest. Und wie es weitergehen soll. Außerdem-“

Barry wurde von einem lauten Marktschreier unterbrochen. Zuerst verstand Jyne die Worte nicht so ganz, aber es sollte wohl jemand auf dem Marktplatz erhängt werden. Das war typisch in solch großen Städten und eigentlich kein großartiges Spektakel mehr, doch dieses Mal schienen die Leute begierig darauf zu sein, zuzuhören.

Die Miene des Blutwolfes verdunkelte sich.

„Komm mit“, meinte er und nahm ihre Hand, um sie hochzuziehen.

„Was…? Warum?“, wollte die Närrin wissen, aber sie erhielt keine Antwort, sondern wurde einfach von Barry mitgezogen. Sie hechteten durch ein paar der Seitengassen, bis sie zum großen Marktplatz kamen, auf dem sich schon die Leute tummelten. Jyne legte den Kopf leicht in den Nacken und starrte nach vorne, an die Stelle, wo der Galgen aufgestellt war.

Jemand stand dort, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, den Kopf nach unten geneigt.

Der Kommandant der königlichen Armee von Volcanius stand ebenfalls auf dem Schafott, ebenso wie der Henker in seiner schwarzen Kluft.

Jynes Augen glitten über die blutbeschmierte Kleidung, doch die ehemaligen Farben konnte sie immer noch erkennen. Die Zipfel der Narrenmütze hingen traurig nach unten, aber keine Glöckchen waren angebracht worden.

„Bei Iantha…“, wisperte die Närrin und sie und Barry drängelten sich weiter nach vorne. Jynes Atem ging schnell, gleichzeitig jedoch wusste sie, dass sie nichts tun konnten.

Gar nichts.

Es würde einem Selbstmord gleichen, wenn sich die beiden Magier nun dort vorne einmischen würden und die Närrin hasste dieses Gefühl von Hilflosigkeit. Barry legte ihr eine Hand auf die Schulter, als wolle er sie davon abhalten, einfach loszurennen und die Magierin schluckte schwer und unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen.

„Hiermit verurteile ich Euch zum Tode. Oder habt Ihr noch etwas zu gestehen?“, wollte der Kommandant wissen und trat zu dem armen Narren heran, packte ihn grob am Kinn und zwang ihn somit, hochzugucken.

Jyne holte tief Luft.

„Grünpferd…“, hauchte sie entsetzt und sie spürte, wie Barry den Griff um ihre Schulter herum verstärkte. Sie blickte in die Augen ihres Ausbilders und schluckte schwer, dann trat sie einen Schritt zurück, drängelte sich regelrecht an den Blutwolf hinter sich ran. Der alte Narr blickte dem Kommandanten mit starrem Blick entgegen. Seine Schminke war vollkommen verschwunden und das Gesicht, das schon die ersten Falten zierte, wirkte müde und erschöpft. Doch in seinen Augen brannte das Feuer eines Narren und Jyne wusste, egal, wie sehr Grünpferd gefoltert worden war, egal, was man ihm angetan hatte – der alte Narr hatte nichts verraten.

„Ein einziges Wort, Grünpferd, und Ihr lebt weiter“, meinte der Kommandant. Auf dem Platz war es totenstill geworden und Grünpferd, der dem Tod direkt in die Augen blickte, verzog die blutig aufgeplatzten Lippen zu einem grausigen Lächeln.

„Goldvogel wird sich rächen. An euch allen. Ihr könntet unser Hauptquartier zerstören, doch die Narrengilde, die wird immer weiter existieren!“

Er sprach mit leiser, dennoch eindrucksvoller Stimme. Jyne lief eine Gänsehaut über den Rücken und sie blickte zu Barry hoch, der mit starrem Gesichtsausdruck zum Galgen schaute. Der Kommandant schnaubte aus.

„Elendiger Narr. Niemand kann dem Königreich entkommen.“

Er nickte dem Henker zu und jener betätigte einen Hebel, sodass sich eine Klappe unter Grünpferds Füßen öffnete. Der Narr fiel, der Strick spannte sich. Ein wenig zuckte der Körper, man hörte das widerliche Knacken eines gebrochenen Genicks und dann war Grünpferd gestorben.

Jyne fühlte sich, als wäre jegliches Leben aus ihr rausgesaugt worden. Sie hatte noch nie miterlebt, wie jemand erhängt worden war – Silberkatze hatte sie stets von solchen Aktionen fern gehalten – und sie erkannte das Ausmaß des Schreckens erst wenige Sekunden später. Grünpferd war schnell gestorben, ohne einen Laut von sich zu geben, ohne um sein Leben zu betteln, ohne die Gilde zu verraten.

Er war wie ein Held gestorben und die Närrin schluckte schwer. Sie sah ihren Ausbilder, dessen Haut fahl, gräulich und stumpf wirkte, an, konnte den Blick nicht abwenden. Die anderen Leute, die jubelten und in die Hände klatschten, hörte sie kaum, ja, sie realisierte noch nicht einmal Barry, der sie langsam dazu zwang, den Blick abzuwenden und den Platz zu verlassen. Wie im Traum stolperte die Magierin vor ihm her und die Tränen liefen ihr über die leichenblassen Wangen.

„Magst du dich rächen?“

Jyne sah hoch.

Den ganzen Weg über zurück in das Lager hatte Barry kein Wort gesprochen. Vrinda und Klaif, die neugierig gewesen waren, was in Volcanius passiert sei, hatten nach einem kurzen, aussagekräftigen Blick des Blutwolfes lieber geschwiegen und kümmerten sich nun um das Abendessen. Jyne selbst hatte sich an einen Baum gesetzt und Kephas war zu ihr hingekommen und hatte sich zu ihren Füßen hingelegt, wirkte wie eine große, fellbesetzte Mauer.

Die Närrin fühlte ihren eigenen Schmerz und erkannte, dass es dem Narren nicht anders gehen musste. Jener lehnte ebenfalls an einem Baum und spielte mit einem kleinen Ast herum, ehe er nachdenklich fortfuhr. „Die Adeligen glauben, sie könnten Leben geben und nehmen, wie es ihnen passt. Sie haben beinahe die komplette Gilde ausgelöscht und sind der Meinung, im Recht zu stehen. Sie denken nicht daran, wie es den überlebenden Narren dabei geht, im Gegenteil: Sie laben sich an unseren Schmerzen. Goldvogel hat immer gewusst, dass die Gilde in den Augen der Adeligen als minderwertig angesehen wird, dennoch hat er nach ihren Regeln gespielt. Das muss man zwangsweise, wenn man überleben will. Und dennoch hat es nichts genützt, denn die Magier sind es, die die Adeligen wollen. Sie wollen uns tot sehen und schrecken nicht vor Opfern zurück, die ihr utopischer Wille mit sich bringt.“

Der Blutwolf warf den Ast beiseite und sah sie direkt an.

„…willst du nicht auch endlich, dass sich alles ändert? Möchtest du nicht auch die Adeligen, die dir all dieses Leid angetan haben, vom Thron stoßen? Willst du nicht auch Rache an denjenigen nehmen, die dir dein Zuhause und deine Familie genommen haben?“

Jynes Schmerz entwickelte sich zu Hass. Sie dachte an den König, die Königin, all die anderen, schnöseligen Adeligen, die lachend feierten und Wein tranken, während auf dem Marktplatz Menschen getötet wurden – teilweise sogar unschuldige Menschen. Es ging nicht nur um die Narren, die ungerecht behandelt wurden, sondern um alle.

Die Närrin richtete sich ein wenig auf und legte eine Hand auf Kephas‘ Schnauze; der Blutwolf hechelte leicht und sie erwiderte den Blick des Narren gegenüber eisern.

„…Ja. Ich will“, wisperte sie.

Der Magier wirkte zufrieden. Er sah sie zwar immer noch mit ausdruckslosem Gesicht an, aber er stand auf und trat die paar Schritte auf sie zu. Sein Gesicht lag im Schatten und Vrinda und Klaif sahen ihn mit großen Augen an.

Beinahe schon verängstigt, wie Jyne bemerkte.

„Dann, Kupferphönix“, wisperte Barry leise wie das Rascheln der Blätter, doch sie konnte seine Worte gut genug verstehen, „wird es Zeit, dir zu zeigen, was der wahre Grund ist, warum Goldvogel mich aus der Gilde geworfen hat.“



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Nisichan
2017-06-18T19:32:31+00:00 18.06.2017 21:32
Boah, das war hart, aber zum Glück sind jynes Eltern wohl noch am Leben. Und die Tatsache, dass barry doch mehr an ihr liegt, als er zugeben will, gefällt mir auch.
Antwort von:  Phinxie
19.06.2017 14:40
Es gibt viel, was Barry nicht zugeben will... x)


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