Zum Inhalt der Seite

Narrenkind

Im Land der Draconigena
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Falls es mit Namen, Orten etc. ein wenig schwer wird, einfach in die Charakterbeschreibung schauen ^^ Da habe ich alles aufgelistet und versuche auch stets, es auf dem aktuellsten Stand zu halten :3 Komplett anzeigen

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Der königliche Palast

Donnernd fielen die großen Türen hinter Jyne und den beiden Wachen in ihren hellblauen Rüstungen zu und die Närrin musste an sich halten, nicht schreckhaft zusammen zu zucken. Vorsichtig blickte sie über die Schulter zurück und fühlte sich, als habe sie gerade eben die Hölle betreten. Die beiden Wachen beachteten sie kaum und der größere von ihnen meinte: „Kommt mit.“

Der kleinere von beiden blieb am Tor stehen und langsam folgte Jyne dem Mann, dessen hellblaue Rüstung bei jedem Schritt klapperte. Sie ging mit sanften Schritten voran, wobei ihre Glöckchen jedes Mal leise klingelten und betrachtete die Rüstung neugierig; wie alles andere in Amphitrite war auch sie nicht gerade schlicht gehalten. Die Metallplatten waren mit hellblauer Farbe lackiert worden und auf dem Brustpanzer prangte ein silberner Phönix, das Wappen von Amphitrite. Viele Verschnörkelungen zogen sich über die verschiedenen Rüstungsteile und die Robe, die sie unter ihrer Rüstung trugen, besaß zwar nur eine Schicht, war jedoch mit aufwendigen Stickereien bestickt. Da wollten die ernst drein blickenden Gesichter gar nicht so recht zu passen und Jyne fragte sich, ob die Soldaten in dieser Rüstung auch kämpften, oder ob sie nur Paraderüstungen waren.

In Volcanius wurde das nämlich so gehalten: Dort besaßen die Soldaten der königlichen Arme hübsche Rüstungen, die sie immer zu besonderen Anlässen trugen, ansonsten sah man sie meistens in den normalen Rüstungen, die zwar nicht hübsch waren, aber äußert guten Schutz boten.

Auch der Palast selbst war atemberaubend; von außen sah er schon einzigartig aus, aber von innen schien es, als befände Jyne sich in einer kompletten Welt aus Glas und Saphiren. Der Boden war marmoriert und an den gläsernen Wänden waren große Fenster eingelassen, wo das Licht der Sonne durchschien und das Innenleben des Palastes zum Strahlen brachte. Die Fensterbände bestanden aus reinem, weißen Marmor, die Vorhänge aus schweren, dunkelblauen Samt und silbernen Borten. Die Vorhänge selbst waren an Stangen befestigt, dessen Enden in eleganten Phönix-Köpfen auslief, die von einem meisterhasten Steinmetzt gefertigt worden waren. Mehrere Türen und Treppen gingen von dem Gang aus, auf dem Jyne sich befand und an den Wänden säumten sich edle Porträts, die die Königsfamilie zeigten.

„Warum ist das Zeichen von Amphitrite ein Phönix?“, wollte Jyne wissen, als sie stehen geblieben war, um eines der Bilder, das einen wunderschönen, rot-goldenen Phönix zeigte, näher zu begutachten. Der Soldat blieb ebenfalls stehen, runzelte jedoch leicht verärgert die Stirn, ehe er antwortete: „Wie der Phönix aus der Asche aufsteigt, ist auch Amphitrite aus Trümmern wieder auferstanden.“, antwortete er schließlich mir dunkler Stimme, an der Jyne erkannte, dass er schon viel gebrüllt haben musste, wahrscheinlich, um Befehle zu erteilen.

„Ein schöner Gedanke“, meinte die Närrin und wandte sich dem Soldaten zu. Jener grunzte nur zur Antwort und die Magierin fragte sich unwillkürlich, ob alle Wachen so… freundlich waren.

„Komm jetzt weiter“, brummte der Mann und ging wieder den Gang entlang. Jyne folgte ihm und lief ein wenig schneller, um ihn einzuholen, was ihre Glöckchen mit einem lauteren Klingeln quittierten.

„…müssen diese nervigen Dinger sein?“, fragte die Wache und warf ihr einen bösen Blick zu. Vor Überraschung, dass der grimmige Mann von sich aus etwas sagte, blieb Jyne beinahe überrascht stehen, aber rechtzeitig besann sie sich eines besseren und ging weiter, jedoch ein wenig langsamer, als zuvor.

„…ja“, antwortete sie schließlich. „Die müssen sein. Die gehören zu meiner Kleidung dazu.“

„Hmpf“, machte der Soldat. „Narren und ihr bescheuerter Kodex.“

Jyne verkniff sich eine passende Erwiderung; im Palast musste man vorsichtig sein, was man sagte, ansonsten konnte man schnell seinen Kopf verlieren. Dies und noch mehr Regeln hatten ihr Silberkatze und Goldvogel eingeschärft, ehe sie sich dann überwunden hatten, ihre einzige Tochter loszuschicken.

Beinahe schon erwartete Jyne, dass der Gerüstete noch etwas sagte, doch stattdessen drehte er sich um und ging weiter den Gang entlang. Ganz kurz fragte die junge Närrin sich, wohin genau sie eigentlich gingen, denn bisher hatte ihr niemand etwas gesagt, aber aufgrund der Laune ihres Begleiters entschied sie sich lieber dazu, nicht nachzufragen, sondern einfach abzuwarten.
 

„Kupferphönix, nehme ich an.“

Jyne blieb stehen und wandte sich um und sah, wie aus einer Tür gerade eben ein Mann rauskam. Seine blonden, kurzen Haare besaßen einen enormen Blaustich und er trug einen feinen, recht schlichten Anzug. Die Gesichtszüge waren hart, kantig und es war sofort klar, dass dieser Mann es gewöhnt war, Befehle zu erteilen. Ein schwarzer Stock befand sich in seiner einen Hand, auf dem er sich gerade elegant abstützte.

Jyne schluckte, dann machte sie einen Knicks.

„Prinz Vukan von Amphitrite“, meinte sie – sie hatte Bilder angeschaut, als sie nach Amphitrite gereist war, um sich der Königsfamilie gegenüber keine Blöße zu geben.

„Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht“, meinte Vukan und Jyne kam nicht umhin, zuzugeben, dass er sehr gut aussah. „Ihr könnt wegtreten“, meinte der Prinz zu dem Soldaten. „Ich werde sie zu meinen Eltern begleiten.“

„Selbstverständlich, mein Prinz“, antwortete die Wache, verbeugte sich tief und ließ sie beide anschließend alleine. Jyne beobachtete Vukan aufmerksam und bemerkte dessen Blick: Es war ein Blick, wie ihn ein Raubtier besaß, der gerade eben seine Beute begutachtete.

„Wir war die Reise, Kupferphönix?“, wollte Vukan wissen und ging einmal um sie herum. Jyne witterte eine Falle und vorsichtig antwortete sie: „Gut, mein Prinz.“

Der neugierige Königssohn berührte sanft eines ihrer Glöckchen an ihrer Narrenkappe und beinahe wäre Jyne zurückgezuckt, doch sie beherrschte sich und blieb eisern stehen. Sie durfte gegenüber dem Prinzen keine Angst zeigen, denn sonst wäre sie für ihn Greifenfutter.

„War sie angenehm? Volcanius ist immer ein Stückchen weit weg, nicht wahr?“

„Ja, mein Prinz.“

„Und wie ist der erste Eindruck bei dir? Amphitrite ist schon eine ganz andere Stadt, nicht wahr?“

„Ich bin mir sicher, ich werde mich daran gewöhnen, mein Prinz“, antwortete Jyne so neutral wie möglich. Vukans Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln, aber es war definitiv kein freundliches Lächeln. Jyne schluckte schwer und spürte, dass gleich etwas ganz Unangenehmes kommen würde.

„Ihr Narren habt dank des Blutwolfes euren Status, dass euch die Leute als dumm und blöd ansehen, verloren“, knurrte der Prinz sie mit einem Mal an und kam so dicht an sie heran, dass die Närrin erschrocken einen Schritt zurückwich. „Für einige seid ihr immer noch beschädigte Leute, die zu blöd sind, einen Namen richtig auszusprechen, aber glaubt mir, mich kann man nicht so leicht hinters Licht führen. Ich traue euch Narren nicht und glaube bloß nicht, dass du hier leichtes Spiel haben wirst! Der Adelshof ist nichts für kleine Mädchen, wie du eines bist…“ Vukans Atem roch nach Pfefferminze und Jyne wurde von dem Geruch beinahe schlecht; sie stand an der Wand gedrückt und schwitzte leicht, während der Prinz sie mit hasserfülltem Blick betrachtete.

…es stimmte, was er sagte.

Früher, da hatten sie sich leicht hinter einer Maske verstecken können, hinter Schminke und einem farbenfrohen Mi-Parti. Sie hatten sich dumm gestellt, wie es für Narren üblich war, doch als der Blutwolf abtrünnig geworden war und sich als sogar überaus intelligent rausgestellt hatte, war das Land in Aufruhr gewesen.

Goldvogel hatte persönliche Besuche bei den Adeligen vornehmen müssen, um ihnen zu versichern, dass von dem Rest der Narren keine Gefahr ausging und dass man weiterhin mit ihnen Verträge eingehen konnte, doch es hatte lange gedauert, bis das Vertrauen der Adeligen dahingehend wieder da gewesen war. Die Narrengilde hatte dank des Blutwolfes am Abgrund gestanden und nur dank Goldvogels gutem Zureden hatte sie wieder an Aufschwung gewonnen. Doch die Zeiten, wo sie sich verstecken hatten können, waren vorbei, auch, wenn sich noch immer viele Adelige täuschen ließen.

Doch Vukan war anders – er misstraute Jyne und das zu Recht. Der Prinz von Amphitrite war klüger, als ihm guttat und die Närrin schluckte und musste sich beherrschen, keine Magie einzusetzen, um den Adeligen zu besänftigen, zu beruhigen… Denn dann könnte ihre Tarnung auffliegen und dann würde sie am Galgen baumeln dürfen.

„Ich sage dir, kleine Närrin, solltest du es wagen, dir einen Fehler zu erlauben, dann bin ich der erste, der dich in tausend Stücke zerreißen wird, und-„

„Vukan! Mutter sagt, du darfst keine Bediensteten so anmeckern“, meinte plötzlich eine helle, quirlige Stimme und Jyne hörte kleine Trippelschritte, die schnell in ihre Richtung kamen. „Außerdem… Oh! Du musst unsere Närrin sein!“

Vukan ging einen Schritt vor Jyne zurück und innerlich atmete die Magierin auf, dass sie dem Prinzen gerade eben noch so entkommen war, ehe sie sich wieder aufrichtete und die Person ansah, die in einem üppigen, mit blauen Blumen überladenden, dreischichtigem und blauen Kleid angewackelt kam. Die blonden Haare reichten ihr bis über ihren Hintern und es steckten Spangen mit etlichen kleinen Diamanten und Saphiren drin. Das Gesicht der jungen Dame war hübsch geschminkt, wenn auch auffällig (Jyne bemerkte, dass ihre Wimpern silbern schimmerten) und um den Hals trug sie fünf verschiedene, silberne Ketten, passende Stücke zu den Armbändern und Ringen an ihren Fingern. Hinter der jungen Frau – die wohl etwa in Jynes Alter war – standen zwei Leibwachen, die eher unglücklicher und genervt aussahen.

„Prinzessin Vanilla“, erkannte Jyne sofort und machte einen höflichen Knicks.

„Genau die bin ich“, erwiderte die Prinzessin und kam näher, um sie zu mustern. „Rot und Grün? Welch schreckliche Entscheidung, die beiden Farben zu tragen!“, kommentierte sie und trat ein wenig näher. „Und das ständige Klingeln der Glöckchen nervt auch. Anscheinend hatten sie gerade keinen besseren Narren, hm?“

Jyne wusste nicht so recht, was sie darauf erwidern sollte – Prinzessin Vanilla war eine schwierige Person, das wusste sie, aber sie hatte geglaubt, die Prinzessin hätte besseres zu tun, als sich eine unbedeutende Närrin anzuschauen.

„Nun ja, vielleicht wird das ja noch was. Mir ist immer schrecklich langweilig im Palast und du kannst mich unterhalten“, lenkte Vanilla schließlich ein.

„Das werde ich mit Freuden tun, meine Prinzessin“, schaffte Jyne es schließlich zu sagen und Vanilla setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Also, was kannst du denn alles so? Immerhin habt ihr Narren ja ziemlich nette Fähigkeiten. Und wie ist dein Name? Ich hoffe doch wohl, es ist einer, den ich mir leicht merken kann, ansonsten muss ich dir einen Spitznamen geben…“

„Vanilla…“, unterbrach Vukan seine nervige Schwester schließlich.

Die Prinzessin hielt inne: „Was ist, Vukan?“

„Die Fragen wird sie gleich alle noch vor Mutter und Vater beantworten. Hab ein wenig Geduld.“

„Das musst du gerade sagen“, schnaubte Vanilla aus und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sie nicht gerade weniger klimperte als Jyne selbst. „Du hast sie doch gerade bedrängt!“

Vukan erwiderte darauf nichts, sondern meinte: „Wir sollten in den Thronsaal gehen. Mutter und Vater erwarten dich bereits.“ Wahrscheinlich wollte er einfach nur von seiner Schwester weg und Jyne konnte das nur allzu gut nachvollziehen. Sie verstand, was Bronzemaus gemeint hatte und wünschte sich, die Prinzessin würde lieber sticken gehen, als sich von ihr etwas vorführen zu lassen.

Aber glücklicherweise war sie jetzt mit Vukan nicht mehr alleine und schon gleich fühlte sich die junge Magierin ein wenig wohler, auch wenn ihr übel wurde, als sie daran dachte, gleich dem Königspaar von Amphitrite gegenüber zu stehen.
 

Vukan ging zu der reichverzierten Tür am Ende des Ganges und öffnete sie. Jyne dachte sich schon, dass sie wahrscheinlich zum Thronsaal führte und sie verschränkte die Finger ineinander, während Vanilla ihrem Bruder fröhlich hinterherhüpfte und rief: „Mutter! Vater! Die Närrin ist angekommen!“ Von innen kam eine Antwort und Vukan nickte, dann wandte er sich ihr zu: „Komm herein. Meine Eltern wollen dich kennen lernen.“

Jyne setzte zaghaft einen Fuß vor den anderen, als sie den Thronsaal betrat, der ein Meisterwerk von Architektur darstellte: Es handelte sich um einen großen, gestreckten Raum und die Außenwände bestanden vollkommen aus kristallklarem Glas, in dem in feinster Arbeit kleine, blaue Steine in allen Farbnuancen eingearbeitet wurden, die fantastische Bilder ergaben: Drachen, Armeen, Gargoyles, Phönixe… Sie alle schimmerten und glitzerten im Licht der langsam untergehenden Sonne um die Wette.

Auf dem Boden lagen dicke Teppiche, die in dunkelblau gehalten waren und einzelne Stickereien in Weiß und Silber ergaben den Eindruck, als würde man auf dem Meer spazieren gehen. Ein riesiger Kronleuchter hing von der Decke und erfüllte den Raum mit sanftem Kerzenlicht, deren Flammen mit speziellen, alchemistischen Mitteln blau eingefärbt waren. Das Königspaar selbst saß am Ende dieses Raumes auf einer kleinen Empore, die man durch fünf Treppenstufen erreichen konnte und wirkte prächtiger wie alles, was Jyne bisher gesehen hatte. Der König trug einen erstaunlich schlichten, aber eleganten Anzug, der dem von Vukan ähnelte, und die Königin ein langes, weiß wallendes Kleid mit Schleppe und Ärmeln, die bis zum Boden gingen. Auch hier erkannte Jyne mindestens zwei Schichten an Stoffen, etliche, aufwendige Stickereien, die kleine Vögel darstellten und viel Schmuck; selbst die Haare waren zu einer aufwendigen Hochsteckfrisur gesteckt und ein silbernes Diadem mit eingelassenen, blauen Stein funkelte in der Mitte ihrer porzellangleichen Stirn. Daneben sah der König schon fast ein wenig schmucklos aus, auch wenn seine Krone imposanter war und er ebenfalls viele Ringe an den Fingern trug. Das Blau seines Anzuges war so intensiv und schön, dass Jyne es mit keinem anderen Blau vergleichen konnte und die goldenen Stickereien hoben sich wunderbar von dem dunklen Stoff ab und verliehen dem König ein ernstes, dennoch sehr würdiges Auftreten, was nicht so lächerlich wirkte, wie die anderen Anzüge, die Jyne auf den Straßen der Ersten Großen Stadt gesehen hatte.

Und neben den beiden Thronen für das Königspaar stand eine Stange, die, wie Jyne vermutete, aus purem Gold war. Darauf saß ein Vogel, den sie noch nie vorher gesehen hatte: Ein Wesen, das ungefähr einen Meter groß war und dessen blauen Federn förmlich strahlten. Hin und wieder blitzte auch eine grüne oder silberne Feder aus und verließen dem Tier ein aussehen, als würde es das Meer am Leibe tragen. Vom dem Kopf gingen lange Federn weg, die wie eine Krone aussahen, und jede einzelne war ein einzigartiges Phänomen der Natur. Der lange Schweif aus Federn fiel bis zum Boden und fing mit meerblauen Federn an, wurden immer heller, bis sie an den Spitzen vollkommen weiß waren. Der Schnabel des Vogels war ebenfalls vollkommen weiß, und der Vogel saß vollkommen still, nur die violetten Augen blickten intelligent durch den Raum.

Jyne blickte den Vogel voller Bewunderung an und vergaß dabei vollkommen ihre Begrüßung an das Königspaar. Daran wurde sie jedoch schmerzhaft erinnert, denn jemand – eine der Wachen, die die Tür von innen bewachten – war auf sie zugetreten und schlug ihr mit dem Plattenhandschuh gegen den Hinterkopf.

„Hinknien!“, zischte er. „Erweise dem Königspaar Respekt, Narr!“

Jyne ächzte, doch sie schaffte es, einen eleganten Knicks zu vollbringen und meinte: „Verzeiht meine Unachtsamkeit, Eure Majestät.“
 

„Steh wieder auf, mein Kind“, meinte die Königin. Ihre Stimme klang sanft und liebevoll und die angesprochene Närrin stellte sich zögernd wieder hin. Königin Kadazia zeigte auf den Vogel und fuhrt fort: „Ihr wart wahrscheinlich von Nuadas Schönheit gefesselt. Das können wir verstehen.“

Der Vogel neigte den Kopf ganz leicht und gab ein leichtes Gurren von sich.

„Weißt du, was Nuada für ein Vogel ist?“, wollte Kadazia von ihr wissen. Jyne schüttelte betreten den Kopf und der König brummte: „Ungebildete Narren.“

„Liebster, sie stammt aus Volcanius. Da gibt es keine Wasserphönixe“, schalt Kadazia ihren Mann, doch der König zuckte nur mit den Schultern. Jyne hingegen fixierte wieder Nuada.

Wasserphönix? Davon hatte die Närrin in der Tat noch nicht gehört und auch in Goldvogels Unterlagen hatte es keine Information zum besagten Tier gegeben.

Ihr Gesichtsausdruck musste wohl Bände sprechen, denn Kadazia lächelte leicht: „Eine äußerst seltene Form der Phönixe. Wasserphönixe werden zu Wasser, ehe sie aus ihrer eigenen Pfütze wieder neu auferstehen. Von ihren Verwandten den Feuerphönixen unterscheiden sie sich nur in dieser Form – und in den Farben natürlich.“

Phönixe waren generell schon sehr seltene Tiere. Die meisten von ihnen lebten ihn Kurenai und in Silva, aber auch der Palast von Volcanius hatte einen Feuerphönix besessen – eines dieser prächtigen, rot-goldenen Tiere. Sie galten als magisch, unheimlich intelligent und äußerst treu ihren Besitzern gegenüber und nur die hochrangigsten Familien konnten sich ein solches Tier leisten.

„Außerdem sind Wasserphönixe weitaus seltener als ihre Verwandten, die Feuerphönixe“, setzte Yorick noch hinzu und in seine Stimme schlich sich ein leicht stolzer Klang, als er Nuada betrachtete. Bisher hatte Jyne tatsächlich nur von Feuerphönixen gehört… sie würde demnächst mal recherchieren, ob es auch noch mehr Arten von Phönixen gab, oder ob diese beiden die einzigen seien.

Das Wasserphönix-Weibchen schüttelte ihre langen Flügel einmal aus, ehe es mit dunkler, im Körper wiederhallender Stimme meinte: „Willkommen in Amphitrite, Närrin. Wie lautet dein Name?“

„Mein Name ist Kupferphönix“, antwortete Jyne und ihre Stimme klang schriller als beabsichtigt. Yorick beugte sich vor und begutachtete sie eingehend.

„Zwei Zipfel“, bemerkte er an. „Ich war der Auffassung, Goldvögel würde mir einen weitaus fähigeren Narre schicken und nicht ein so junges Ding!“

Jyne spürte, wie sie errötete und peinlich berührt senkte sie den Kopf. Kadazia runzelte ein wenig die Stirn, doch die Furchen glätteten sich sofort wieder und sie meinte: „Ich bin mir sicher, Goldvogel hatte einen guten Grund dafür.“

„Das will ich hoffen“, meinte Yorick, wirkte aber ganz und gar nicht überzeugt. Seine hellgrauen Augen musterten Jyne und schienen durch sie durchblicken zu können. Die Närrin selbst wusste nicht, was sie sagen sollte, aber es war ihr klar, dass sie etwas sagen musste, ansonsten würde man sie noch für absolut unfähig halten.

„Ich werde alles geben, was ich kann, Euer Majestät“, meinte sie und blickte dem Königspaar in die Augen. „Ich bin noch jung, das gebe ich zu, aber Goldvogel hat mich persönlich ausgebildet und ich habe nur das Beste gelernt.“

„Bist du mit Goldvogel verwandt?“, wollte Kadazia sofort wissen. „Ich habe den Narrenkönig zwar nur mir Schminke gesehen, doch die Gesichtszüge kommen mir äußerst bekannt vor.“

Jyne druckste erst ein wenig herum, dann gab sie zu: „Er ist mein Vater.“

„Dann hoffe ich, dass du deinem Vater gerecht wirst, Kind“, sagte Yorick. „Ich habe Goldvogels Vorstellungen geliebt, als ich ein Kind gewesen bin. Er ist ein äußerst talentierter Narr.“

„Das ist er“, stimmte Jyne aus vollem Herzen zu. Es freute sie, dass der König von Amphitrite so über ihren Vater sprach.

„Nun, wir wollen das Beste draus machen“, fuhr Yorick fort und setzte sich ein wenig aufrechter hin. „Allerdings habe ich noch eine Frage an dich, Närrin.“

Jyne wartete geduldig ab.

„Ich habe die Gilde nicht umsonst nach einen Narren gefragt. Inzwischen müsstest du wissen, dass der Blutwolf sein Unwesen treibt und ich weiß, dass ihr Narren ständigen Kontakt zur Gilde habt. Und die Gilde ist ja oft auf dem neusten Stand, was ihre Ausgestoßenen angeht, nicht wahr?“

Jyne lief es ein wenig kalt den Rücken runter, dennoch nickte sie: Goldvogel musste dafür sorgen, dass der Blutwolf nicht allzu viel Chaos anrichtete und die letzten fünf Jahre hatte sich der Blutwolf erstaunlich ruhig verhalten, dennoch war sein Name überall bekannt.

„Sehr schön. Dann kannst du mir doch sicherlich regelmäßig Informationen über den Blutwolf bringen, oder verstehe ich das falsch?“

Jyne hatte das Gefühl, ihr würde die komplette Luft aus den Lungen gepresst werden. Deswegen wollte Amphitrite also einen Narren haben!

Es ging nicht um eventuelle Bespaßung am Hofe oder während Feiern, nein… Der König wollte regelmäßige Informationen über den Blutwolf erhalten und dockte somit an die… geheimen Aufgaben der Narrengilde an:

Spionage.

Und das, ohne es überhaupt zu wissen. Jyne merkte, wie die Schlinge um ihren Hals sich immer fester zuzog und sie verstand erst jetzt das Ausmaß der Gefahr, in der sie sich befand: Der Blutwolf verfolgte sie, da waren sich alle sicher.

Dies bedeutete, dass er wahrscheinlich bald in Amphitrite sein wird und sobald Yorick dies herausfand, würde er Jagd auf ihn machen lassen, gleichzeitig jedoch in Jyne keinen Nutzen mehr sehen – oder vielleicht sogar eine Verbindung zwischen ihnen beiden sehen, man wusste ja nie. Doch fangen, das würde man den Blutwolf nicht, immerhin war jener seit fünf Jahren auf freiem Fuß und zudem ein gefährlicher und äußerst begabter Magier. Und sobald Jyne gekündigt wurde, würde er es herausfinden und aus Amphitrite fliehen, nur, um sie nachher zur Frau zu nehmen…

Bei Iantha!

Das war eine verdammte Zwickmühle und Jyne hatte keine Ahnung, wie sie sich da raus manövrieren sollte! Ein Spruch, den ihre Mutter oft sagte, kam ihr wieder in den Sinn:

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Der Ehrenkodex besagte, dass Jyne ihre Auftraggeber nicht anlügen durfte, aber von Sachen verschweigen war nie die Rede gewesen – es war äußerst wichtig für einen Narren spezielle Informationen zu verschweigen, ansonsten hätte man ihnen schon vor hundert Jahren den Garaus gemacht. Sie schluckte und dachte fieberhaft nach, bis sie sich schließlich dazu entschloss, das zu sagen, was sie selbst noch wusste: „Er wurde zuletzt in Volcanius gesehen, Euer Majestät.“

„In Volcanius!“, stieß der König aus. Nuada gab ein verärgertes Summen von sich und plusterte sich auf, während Kadazia nur grüblerisch vor sich her blickte. „Das bedeutet, er wandert…“, fuhr Yorick fort und verschränkte beide Hände ineinander. „Erst Collis, dann Volcanius… Wenn er nach der Karte geht, müsste er danach im Königreich von Silva gesichtet worden sein, ehe er einen Schlenker nach Amphitrite macht. Vukan!“

„Ja, Vater?“ Der Prinz trat sofort heran und wartete ab.

„Schick eine Nachricht an Silva und frage nach, ob der Blutwolf dort gesichtet worden ist“, befahl der König seinem Sohn. „Und du“, damit wandte er sich wieder an Jyne, „wirst sofort an Goldvogel schreiben und ihn das gleiche fragen.“

Jyne nickte; sie hatte verstanden.

„Dir wird ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Misary wird dich hinführen und dir alles weitere erklären.“

Ein junges Mädchen trat hervor und lächelte Jyne leicht schüchtern an. Sie trug ein einfaches Kleid aus blauem Stoff und schien eine Art Dienerin zu sein.

„Ruh dich für den heutigen Tage aus“, befahl die Königin schließlich noch. „Morgen möchte ich jedoch sehen, was du für Talente besitzt.“

Jyne knickste wieder. „Ihr seid zu gnädig, Eure Majestät“, wisperte sie kaum hörbar, während sie versuchte, die Fassung nicht zu verlieren. Misary berührte sie sanft am Arm und es war klar, dass sie nun entlassen war. Jyne wandte sich um und verließ den Thronsaal wieder – und spürte den misstrauischen Blick Vukans in ihrem Rücken, der ihr eine Gänsehaut verursachte.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (1)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Lazoo
2016-04-21T12:43:51+00:00 21.04.2016 14:43
So langsam glaube ich, dass es für Jyne doch von Vorteil wäre, die Glöckchen abzumachen... besonders gut kommen sie ja eh nicht an ;) Es entwickelt sich wirklich immer interessanter und spannender. Ich habe ja schon so meine Vermutungen bezüglich des weiteres Fortgangs, aber... nein ich lass mich überraschen^^

Vom Schriftbild her ist mir aufgefallen, dass in der Mitte sich ein paar viele Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen haben, da solltest du eventuell nochmal drüber schauen. Ansonsten hast du gewohnt gute Qualität abgeliefert.

Freue mich schon auf das nächste Kapitel. :)
Antwort von:  Phinxie
21.04.2016 19:46
Die Glöckchen bleiben dran xD Du kannst es auch noch fünf Mal erwähnen, aber sie haben noch einen Nutzen, der jedoch noch nicht verraten wird ;)

Hmm... wie lautet denn deine Vermutung, wenn ich fragen darf? :D
Ich glaube, inzwischen weißt du, dass ich eine Vorliebe dafür habe, unerwartete Überraschungen in meine Geschichten einzubauen... ^^

Danke für den Hinweis, ich werde bei Gelegenheit noch mal drüber lesen :)

Nymphy ^_^


Zurück