神道 – Shintō von Sas-_- (Weg der Götter) ================================================================================ Prolog: 混乱 – Konran ------------------- „Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, wie unwahrscheinlich es auch wirken mag, die Wahrheit sein.“   - Sherlock Homes -   †††   „Ich wusste, dass du hierher kommen würdest. Ich wusste, dass du versuchen würdest ihn zu finden. Ich weiß, dass du weitergehen wirst. Dass ihr euch wiederseht. Du musst nach Norden. Du musst zum Schrein. Du weißt wieso.   Shikamaru.“   Ino saß an eine nasse Kellerwand gelehnt da und ließ den Zettel, von dem sie gerade diese Worte gelesen hatte, langsam sinken. Sie atmete schwer aus und hielt kurz darauf die feuchte Luft an. War da ein Schlurfen, draußen, vor dem Fenster? Von dort aus konnte sie auf den Bürgersteig hinaussehen. Auf eine graue, von Gram gebeugte Welt. Es regnete schon seit Stunden gleichmäßig, das machte es schwer für sie zu lauschen. Ino stand langsam auf, ihre Beine waren sehr wackelig. Der Keller war extrem dunkel, um den Zettel lesen zu können, hatte sie sich unter das Fenster setzen müssen. Ein Risiko, wenn auch nur für kurze Zeit. In dem Keller lag allerlei altes und neues Gerümpel herum: Stühle, Tische, sogar ein Sofa, Kinderspielzeug, verpackte Kisten, Gartengeräte, Gardinen, ein aufblasbares Planschbecken – ohne Luft versteht sich, und vieles mehr. Es war ein typischer Keller an einem untypischen Tag. Dämmerig war es, die einzige Lichtquelle bestand aus besagtem Fenster, der Raum selbst war nicht sehr groß. Ino hatte sich an einigen ausrangierten Möbelstücken vorbeidrücken müssen und froh, dass das Fenster einigermaßen freigeräumt war. Spinnweben hingen überall, die Luft war feucht und kalt – zitternd rieb sie sich über ihre Arme. Warum hatte sie nur ein T-Shirt an? Auch die Hose war viel zu dünn. Es sollte doch Sommer sein … Ino hob den Zettel frierend noch einmal hoch und las ihn erneut. „Du musst zum Schrein. Du weißt wieso. Wieso … Ich weiß wieso … Ich weiß … Ich hab … Ich weiß es nicht“, murmelte sie leise, faltete hastig den Zettel zusammen und steckte ihn in ihre Umhängetasche, die schon vor dem ganzen Chaos schlimm ausgesehen hatte und jetzt noch mehr Flecken und Schrammen aufwies. Das Kunstleder litt enorm. Der Zettel hatte schon Wasserschaden genommen, manche Buchstaben konnte man nur noch dank des Kontextes verstehen – er durfte nicht noch unleserlicher werden. Sie musste Richtung Norden. Dieser Zettel war nicht der erste seiner Art, es war der zweite. Auch den ersten hütete Ino wie einen Schatz und auch dieser stammte von Shikamaru. Ino musste aus diesem Keller wieder heraus, obwohl sie das nicht wollte. Es gab schönere Orte, das schon, aber im Moment war es auch sehr sicher hier. Sie sah noch ein Mal aus dem Fenster, auf der Straße schien nichts los zu sein, der Regen prasselte weiter nieder. Sie scannte den Raum, sie musste wieder vorbei an den Möbeln, die so dumm standen, da möchte man meinen, dass sie mit Absicht so hingestellt wurden. Ächzend, aber leise, schlängelte sie sich um Stuhlbeine und offenstehende Schranktüren herum. Ino traute sich nicht, irgendwas davon zu verschieben oder zu schließen – es könnte Geräusche verursachen und so die Aufmerksamkeit auf sie lenken. Darauf konnte sie gerade gut und gerne verzichten. Nach einigen Minuten hatte sie es wieder zur Kellertreppe geschafft, die wenigstens aus Beton bestand, also keine knarzenden Holzdielen. Auf Zehenspitzen schlich sie sich die Treppen wieder hinauf. Die Kellertür stand noch immer offen. Oben an der Türschwelle angekommen streckte sie ihren Kopf aus der Tür und schaute den Gang auf und ab. Ino befand sich in einem kleinen Einfamilienhaus. Eines von den hübschen, oder zumindest war es das mal. Hier schälte sich die Tapete von der Wand, in der Luft lag ein modriger Geruch. Das Laminat war dreckig und zerkratzt, an manchen Stellen aufgequollen. An den Wänden hingen einst Bilder, die auf den Boden gefallen waren. Die Rahmen waren aufgesprungen, das Glas zersplittert und die Bilder darin bereits verblasst oder von Wasser geschädigt, dass sich nichts mehr auf ihnen erkennen ließ. Es war ruhig, für Inos Geschmack fast schon zu ruhig, aber niemand schien hier zu sein – eine gute Sache. Immer noch auf Zehenspitzen schlich sie Richtung Ausgang, der praktischerweise einfach am Ende des Hauptflures lag. Ein Wohnzimmer ging von dem Flur rechts ab – darin gab es nicht viel zu sehen. Nur einen umgeworfenen Tisch, zerstörte Kommoden und ein gesprungener Fernseher. Auf dem durchgesessenen, vor Dreck starrenden Sofa saß jemand. Ein Mann mittleren Alters. Ino erstarrte mitten in ihrer Bewegung. Wäre die Situation nicht so ernst, sähe es ziemlich lustig aus, so wie sie dort stand und mit großen Augen zu dem Mann hinüberstarrte. Die Person auf dem Sofa rührte sich nicht. Er saß nach hinten gelehnt da, den Kopf im Nacken. Seine Augen waren milchig und starrten leer an die Decke. Der Mund stand leicht offen, rissig und blutleer waren seine Lippen. Die Zähne sahen falsch aus, verschoben und zerborsten. Sein Haar war verfilzt und genauso dreckig wie das Sofa. Die Haut wirkte erschlafft und gräulich, Hämatome scheußlichen Ausmaßes prangten auf Wangen und Hals. Dieser Mann bot einen entsetzlichen Anblick. Seine Erscheinung reichte, um selbst den hartgestottensten Horrorfan viele schlaflose Nächte zu bescheren. Auf den ersten Blick schien es sich um eine Leiche zu handeln, aber Ino wusste es besser. Er durfte sie auf keinen Fall hören! Leise schlich sie weiter. Als sie das Wohnzimmer hinter sich ließ, hörte sie ihn leise winseln: „Wir … müssen hier raus … Alice. Wir … Nimm das Fenster … Alice …“ Seine Stimme war brüchig, krächzend und hörte sich für Inos Ohren an wie Nägel, die über eine Tafel gezogen wurden. Sie hasste es, dass diese abscheulichen Dinger die letzten Worte ständig wiederholten, die sie gesagt hatten, bevor sie sich in diese wandelnden Albträume verwandelten. Es war so irritierend, so verstörend und oft sagten sie die schlimmsten Sachen, manchmal auch die unpassendsten. Wie die Frau, die Ino als eine der ersten gesehen hatte – vor einem Kleidungsgeschäft. Ständig redete sie davon, dass sie diese eine Tasche hätte nicht kaufen sollen. Da dachte Ino noch, dass sie solchen Menschen helfen könnte, obwohl das Äußere dieser Wesen Ino beinahe den Verstand kosteten. Aber diese Dinger waren keine Menschen mehr. Es gab nichts mehr für sie zu tun, außer, ihnen aus dem Weg zu gehen, wenn möglich. Die andere Möglichkeit behagte Ino nicht. „Alice!“ Ino bemühte sich, nicht tief ein- und auszuatmen, draußen vielleicht. Sie hatte die Eingangstür erreicht, diese hing schief in den Angeln. Das Holz war an vielen Stellen gesplittert, selbst der Türgriff war herausgerissen worden. Was hier wohl passiert ist?, ging es Ino durch den Kopf. Hin und wieder dachte sie darüber nach, über den Schrecken um sie herum, der ihre Welt in Trümmer gelegt hatte. Sie sind stark genug, sie könnten eine Tür aus den Angeln heben. Ob man versucht hat, sich hier zu verschanzen? Egal, ich muss nach Norden … An der Türschwelle verhielt Ino sich wie an der Kellertreppe: Den Kopf nach draußen strecken und wachsam nach links und rechts sehen, ob jemand oder etwas in ihrer Nähe war. Der Regen hörte zu ihrem Glück gerade auf. Als sie niemanden erkennen konnte, ging sie vorsichtig die Treppen hinunter. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)